Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Die Relevanz von Zuflucht und Karma im täglichen Leben

Alexander Berzin
Riga, Lettland, August 2010
Übersetzung ins Deutsche: Cornelia Krause

Teil eins: Zuflucht – eine sichere Richtung im Leben

Ich bin gebeten worden, dieses Wochenende über die Relevanz von Zuflucht und Karma im täglichen Leben zu sprechen. Und ich bin eigentlich ganz glücklich, dies zu lehren, denn tatsächlich bin ich gefragt worden, was von Nutzen wäre, um den Menschen zu helfen, ihre Dharma-Praxis auf eine eher praktische Ebene zu übertragen. Denn in der Vergangenheit haben andere Lehrer, die hierher kamen, und auch ich, ziemlich komplizierte, fortgeschrittene Themen gelehrt; auch haben wohl viele tibetische Lehrer, die hier waren, tantrische Einweihung gegeben, und es ist zweifellos etwas Verwirrung in Bezug darauf aufgetreten, ob all das wirklich einen Unterschied in unserem eigenen Leben ausmacht. Das ist eine Situation, die nicht nur hier in Lettland auftritt. Ich denke, diese Situation findet man in Dharma-Zentren fast überall auf der Welt.

Deshalb habe ich an das Beispiel von Atisha gedacht, einem großen indischen Meister, der Ende des 10. Jahrhunderts nach Tibet reiste. Er war einer derjenigen großen Meister, die dazu beitrugen, den Buddhismus in Tibet wiederzubeleben, nachdem er dort seit seiner ursprünglichen Einführung aus Indien an Boden verloren hatte. Zu jener Zeit gab es in Tibet insbesondere hinsichtlich des Tantra und einigen der fortgeschritteneren Lehren erhebliche Missverständnisse. Es gab keine wirklich qualifizierten Lehrer mehr; es waren tatsächlich keine Lehrer mehr zugegen, die die Zusammenhänge klar und deutlich darlegen konnten. Es gab zwar eine Anzahl von übersetzten Texten, aber nicht viele Leute konnten lesen. Und selbst wenn sie lesen konnten, war es sehr schwierig für sie, irgendwelche Erklärungen zu dem zu bekommen, was sie lasen.

Einer der Könige im Westen Tibets schickte dann etliche mutige Schüler zu Fuß auf den Weg nach Indien, wo sie erst die Sprache erlernen und mit dem Klima zurechtkommen mussten, und beauftragte sie, einen großen Meister aus Indien einzuladen, um die Situation in Tibet verbessern zu helfen. Viele von ihnen starben auf der Reise oder nachdem sie in Indien angekommen waren, aber es gelang nichtsdestotrotz, diesen großen Meister Atisha aus Indien nach Tibet einzuladen. Und wenn wir uns anschauen, was er in den vielen Jahren, die er in Tibet verbrachte, lehrte, so zeigt sich, dass es dabei hauptsächlich um Zuflucht und Karma ging. In der Tat war er als „der Zufluchts- und Karma-Lehrer“ bekannt. Das war der Name, den die Tibeter ihm gaben.

In Anbetracht dieses Beispiels habe ich unser Thema gewählt. Denn ich finde, wie gesagt, dass es heutzutage eine Menge Verwirrung hinsichtlich der buddhistischen Praxis gibt in Bezug darauf, welche Bedeutung sie eigentlich im täglichen Leben hat. Es ist nämlich sehr wichtig zu verstehen, dass buddhistische Praxis nicht etwas ist, das von unserem Leben getrennt wäre. Sie ist nicht eine Art Sport oder irgendein Hobby, das mit dem, womit wir hauptsächlich im Leben beschäftigt sind, nichts zu tun hat. Sie ist etwas, das im Mittelpunkt unseres Lebens stehen muss, und zwar im Zusammenhang mit unserem jeweiligen Lebensstil, egal ob wir nun verheiratet oder alleinstehend sind und welchem Beruf wir nachgehen – das spielt keine Rolle.

Ganz gleich, in welcher Situation wir uns befinden, der Sinn der buddhistischen Praxis besteht darin, an uns selbst zu arbeiten, uns weiterzuentwickeln, um ein immer besserer Mensch zu werden. Und das ist nicht etwas, das wir nebenbei für etwa eine halbe Stunde am Tag oder nur einmal in der Woche nach der Arbeit für kurze Zeit dazwischenschieben, wenn wir alle schon ganz müde sind. Vielmehr ist es etwas, was wir die ganze Zeit über tun, nämlich an uns arbeiten, d.h. unsere Unzulänglichkeiten und unsere guten Qualitäten erkennen und Methoden lernen, wie wir die Macht unserer Unzulänglichkeiten verringern, sodass wir sie allmählich alle überwinden, und um unsere guten Qualitäten zu stärken, damit sie vollständiger werden. Und obgleich uns das natürlich gut tut und unser Leben glücklicher macht, geschieht es nicht nur zu unserem eigenen Nutzen, sondern auch, um anderen besser helfen zu können, also auch zum Nutzen anderer. Darum geht es in unserer Dharma-Praxis. Und was sie speziell zu einer buddhistischen Praxis macht, sind natürlich die Methoden, die eingesetzt werden, um diese Ziele zu erreichen.

Die Struktur dafür, was als Kriterium für den Unterschied zwischen buddhistisch und nicht buddhistisch gilt, wird meist als „Zuflucht“ übersetzt. Ich finde die traditionelle Art, solche Begriffe zu übersetzen, oft problematisch. Ich weiß nicht genau, wie dieser Begriff in Ihrer Sprache, im Lettischen, übersetzt wird, aber auf Englisch hat das Wort „Zuflucht“ einen sehr passiven Anklang, wohingegen die Vorstellung davon im Buddhismus eine sehr aktive Bedeutung beinhaltet; es handelt sich nicht um etwas Passives. Deswegen bevorzuge ich die Übersetzung „ unserem Leben eine sichere Richtung geben“. Wenn wir nämlich im Sinne einer passiven Vorstellung an Zuflucht denken … Vielleicht können Sie mir zunächst sagen, welche Konnotationen das übliche lettische Wort dafür hat.

Teilnehmer: So, als würde man sich vor etwas verstecken, eine Art Unterschlupf oder so etwas.

Alex: Ein schützender Ort, nun gut. Wenn das Wort, das wir dafür verwenden, eine Vorstellung von schützendem Raum beinhaltet, richten wir in gewisser Weise den Blick auf etwas Äußeres, das uns Schutz geben soll. Und ich muss sagen, dass man in einigen buddhistischen Texten Beschreibungen findet, die an so etwas erinnern, an einen schützenden Ort. Die Textquelle, auf die ich hier Bezug nehme, besagt Folgendes: Wenn es regnet und eine Höhle da ist, nützt es nichts, nur zu sagen: „Ich nehme Zuflucht zu dieser Höhle. Ich werde dort Schutz suchen“, während man draußen im Regen stehenbleibt und den Satz die ganze Zeit wiederholt. Man muss die Höhle tatsächlich betreten. Ebenso wenig ist es ausreichend, wenn wir sagen: „Ich nehme Zuflucht zu Buddha, Dharma und Sangha bzw. ich suche Schutz bei ihnen“. Es einfach nur zu sagen, ohne dass es für unser Leben Bedeutung hat und darin Anwendung findet, ist nicht genug. Wir müssen uns tatsächlich in Richtung von Buddha, Dharma und Sangha bewegen. Deswegen nenne ich es „sichere Richtung“ – unserem Leben eine Richtung geben.

Aber in vielen Sprachen klingt der Satz „Buddha, Dharma und Sangha, bietet mir Schutz“ so, als wäre das unsererseits eine passive Angelegenheit. Wenn wir das Bild der Höhle darauf übertragen, dann wäre das etwa so, als würden wir die Höhle aufsuchen und dann einfach dastehen und hoffen, dass der Aufenthalt in der Höhe uns irgendwie retten wird. Uns innerhalb der Höhle zu befinden wird uns natürlich – so die wörtliche Bedeutung der Analogie – davor schützen, vom Regen durchnässt zu werden. Aber die Analogie ist nicht so gemeint, dass man sie wörtlich nehmen soll. Der Punkt ist, dass wir ständig an uns arbeiten und versuchen müssen, uns dem Inbild dessen zu nähern, wofür Buddha, Dharma und Sangha stehen. Denn wenn wir denken, dass es ausreicht, uns einfach unter den Schutz von Buddha, Dharma und Sangha zu begeben, kann es leicht passieren, dass wir dies mit der christlichen Vorstellung von einer Art personifiziertem Retter verwechseln und meinen, dass Buddha uns irgendwie erlösen wird. Der Buddha ist dann so etwas Ähnliches wie Gott und der Sangha wie die Heiligen. So in der Art. Und egal, ob wir nun aktive Christen sind oder nicht, plötzlich bringen wir dann alles im Buddhismus mit irgendwelchen Vorstellungen aus dem Christentum durcheinander. Ich meine, schließlich gibt es in unserer Gesellschaft – selbst in Gesellschaften, die formal der Sowjetunion unterstanden – immer noch Unterströmungen christlichen Einflusses in unserer Denkweise: dass irgendeine jenseitige Macht uns auf wundertätige Weise erlösen wird. Oder, um es in der buddhistischen Terminologie auszudrücken: uns von unserem Leiden befreien wird – aus „Samsara“, wie wir es im Buddhismus nennen.

Alles, was ich tun muss, ist dann, einen buddhistischen Namen zu bekommen – einen tibetischen -, ein rotes Bändchen zu tragen und ein paar magische Mantra-Worte zu rezitieren, inständig Gebete zu sprechen, und dann werde ich irgendwie gerettet. Insbesondere, wenn wir die Gebete und Praxistexte auf Tibetisch rezitieren, in einer Sprache, von der wir kein Wort verstehen, dann hat das noch größere mystische Kraft. Kürzlich war Dzongsar Khyentse Rinpoche, ein großartiger Meister, in Berlin, der Stadt, wo ich lebe. Er sagte etwas wirklich Tiefsinniges; er sagte: „Wenn Tibeter all ihre Praxistexte in deutscher Sprache rezitieren müssten, die in tibetische Buchstaben umgeschrieben wäre, ohne dabei die geringste Ahnung zu haben, was sie da sagen, bezweifle ich, dass es sehr viele gäbe, die das tatsächlich tun.“ Natürlich haben alle gelacht. Aber wenn wir uns das mal überlegen, dann ist das ziemlich bedeutungsvoll, stimmt's? Jedenfalls ist es sehr wichtig, etwaige Tendenzen zu überwinden, die wir eventuell haben, insbesondere die Zuflucht so zu betrachten, dass sie uns eine Art magische, mystische Lösung all unsere Probleme bieten würde, und dass alles, was wir dafür tun müssen, wäre, uns gewissermaßen einer höheren Macht zu ergeben.

Das Thema, das dabei wirklich eine Rolle spielt, ist: „Was fange ich mit meinem Leben an?“ „ Führt mein Leben zu irgendetwas?“ Ich bin sicher, viele von uns haben erkannt: Wenn unser Leben nirgendwohin führt, ist es so, als würden wir bloß im Kreis herumlaufen – und dabei muss gar nicht mal von einem tiefgründigen Kreis im Sinne von Wiedergeburt und all dem die Rede sein, sondern einfach nur von unserem täglichen Leben. Es scheint nirgendwohin zu führen, ziellos zu sein, und es stellt sich die Frage: Wozu bin ich eigentlich da? Wenn wir dieses Gefühl haben, ist das ein ziemlich trauriger Zustand, nicht wahr? Kein sehr glücklicher Zustand. Wir brauchen also irgendeine Richtung in unserem Leben. Eine Art Sinn, ein Ziel. Wenn wir ein Ziel im Leben haben, wissen wir in gewisser Weise, was wir tun. Es bewirkt, dass wir uns ein bisschen sicherer fühlen, nicht wahr?

Was für ein Ziel können wir unserem Leben geben? Normalerweise bestimmen wir dieses Ziel im Zusammenhang damit, wie die unbefriedigende Situation aussieht, in der wir uns gegenwärtig befinden und aus der wir herauskommen möchten, wenn wir uns dieses Ziel setzen. Die elementarste Ebene – wir könnten sogar sagen, etwas Biologisches – ist, dass jeder glücklich sein möchte und niemand unglücklich sein möchte. Das ist im Buddhismus eine Art Axiom, und ich denke, dass darin sogar eine Art biologische Tatsache enthalten ist. Wir wollen also Schmerz vermeiden. Wir wollen Leiden vermeiden. Wir wollen Schwierigkeiten vermeiden. Das gilt selbst für Insekten und Würmer, nicht wahr?

Die Frage ist nun, welches Ausmaß von Leiden oder Unzufriedenheit wir dabei im Blickfeld haben, und: Wird das Ziel, das wir anstreben, dieses Problem beseitigen, und nicht nur das – was ist mit all den anderen Problemen, die wir auch haben? Mein Problem könnte z.B. darin bestehen, dass ich arm bin, in finanziellen Schwierigkeiten stecke, und das Ziel wäre dementsprechend, eine gute Arbeit zu bekommen und viel Geld zu verdienen; und wenn ich keine gute Arbeit bekommen kann, kann ich vielleicht ein guter Krimineller werden und viel Geld verdienen – jedenfalls irgendwie viel Geld verdienen. Wenn wir uns aber Menschen anschauen, die viel Geld haben, und ein aufrichtiges Gespräch mit ihnen führen, falls wir das können, oder wenn sie ehrlich über ihr Leben reden, stellt sich heraus, dass diese Menschen keineswegs glücklich sind. Sie haben nie genug Geld. Egal, wie viele Millionen sie besitzen, sie wollen immer noch mehr. Sie sind nie zufrieden.

Ich finde das ausgesprochen interessant. Es gibt Menschen, die haben, sagen wir, eine Milliarde Dollar. Dann entwickelt sich die wirtschaftliche Lage zum Schlechteren, sodass sie nur noch eine halbe Milliarde Dollar haben. Und sie geben keine Spenden oder unterstützen irgendeine Arbeit, die den Menschen nützt, weil sie nur eine halbe Milliarde haben, sich unsicher fühlen und sparen müssen, so dass sie erst wieder zu einer ganzen Milliarde kommen müssen, bevor sie ihren Reichtum mit irgendjemandem teilen können. Sie behalten stets die Börsenberichte im Auge und sind jeden Tag besorgt, dass sie vielleicht einen kleinen Teil des Geldes, das sie besitzen, verlieren könnten. Sie müssen vielleicht Leibwächter einstellen und dergleichen, weil sie Angst haben, dass jemand etwas aus ihrem Haus stiehlt oder ihre Kinder entführt, falls sie z.B. in Südamerika leben usw. Sie sind immer misstrauisch, dass jemand, der freundlich zu ihnen ist, nur hinter ihrem Geld her ist. Es ist offenbar so, dass man auch dann, wenn man nicht das Problem hat, arm zu sein, alle möglichen anderen Probleme hat, die damit einhergehen, dass man eine Menge Geld hat.

Es gibt noch viele andere Arten dessen, was wir im Buddhismus „weltliche Ziele“ nennen. Unglücklicherweise hat dieser Ausdruck einen negativen Anklang und ist eigentlich nicht gerechtfertigt. Das Wort „weltlich“, so erklärte mein Lehrer, bezieht sich auf etwas, das eine unsichere Grundlage hat, etwas das keine feste Grundlage hat. Es hat eine Grundlage, die auseinanderfallen wird – das ist die wörtliche Bedeutung des Begriffes, der meist als „weltlich“ übersetzt wird. Wenn wir also ein Ziel anstreben, das keine sichere Grundlage hat, sondern eine Grundlage, die auseinanderfallen wird, dann kann es uns natürlich kein dauerhaftes Glück verschaffen. Es wird nur weitere Probleme mit sich bringen, weil seine Grundlage nicht stabil ist.

Das gleiche gilt, wenn unser Ziel ist, eine wunderbare Familie zu haben, eine Menge Kinder großzuziehen, die sich um uns kümmern werden, wenn wir alt sind, und meinen, dann werden wir ach so glücklich sein usw. Das stellt sich nicht immer als so ideal heraus, nicht wahr? Und falls wir Ruhm erlangen möchten – nun, je berühmter wir sind, umso mehr behelligen uns die Leute und versuchen, uns Zeit zu stehlen. Sehen Sie sich die berühmten Schauspieler an – sie können nicht einmal ihr Haus verlassen, ohne eine Art Verkleidung zu tragen, weil die Leute sich auf sie stürzen, versuchen, ein Stück ihrer Kleidern zu ergattern und dergleichen mehr. Es kann geradezu die Hölle sein, wenn man eine Berühmtheit ist.

Wenn wir unser Leben aufrichtig betrachten, dann stellt sich heraus: Nur eine materiell angenehme Lage – oder im Zusammenhang mit den Menschen in unserem Umfeld auch angenehm in emotionaler Hinsicht – reicht offensichtlich nicht tief genug, um unsere Probleme zu überwinden. Denn wenn wir immer noch ärgerlich werden, immer noch voller Anhaftung, begierig, eifersüchtig, arrogant, naiv und all das sind, werden wir immer noch Probleme erleben, ganz egal, wie erfolgreich wir in „weltlicher“ Hinsicht sind. Im Buddhismus ist natürlich von zukünftigen Leben die Rede, und man denkt an alle möglichen Leiden und schrecklichen Dinge, die uns in zukünftigen Leben geschehen können, wenn wir all diese so genannten „störenden Emotionen“ haben, dementsprechend handeln und negatives Karma aufbauen, das in zukünftigen Leben zu immer noch schlimmeren Situationen heranreift, und man überlegt sich, dass das furchtbar ist und man es vermeiden will.

Aber selbst wenn wir nicht an zukünftige Leben glauben oder nicht überzeugt davon sind – was bei den meisten Menschen in westlichen Ländern der Fall ist -, können wir ähnliche Überlegungen doch immerhin im Rahmen dieses Lebens anstellen. Ich stelle fest, dass die Quelle meiner Probleme meine störenden Emotionen sind – mein Ärger, meine Anhaftung meine Gier usw. -, dass sie mir meinen Seelenfrieden rauben und Glück unmöglich machen. Sie verhindern, dass ich etwaige gute Qualitäten, die ich habe, nützlich einsetze. Ich versuche jemandem zu helfen, das ist eine gute Eigenschaft, aber dann werde ich ärgerlich. Ich versuche, jemandem einen guten Rat zu geben, und er nimmt ihn nicht an oder erhebt Einwände dagegen, und schon verliere ich die Geduld. Besonders wenn so etwas mit unseren Kindern passiert und wir die Geduld mit ihnen verlieren, ärgerlich auf sie werden, sobald sie nicht tun, was wir ihnen sagen und was unserer Meinung nach das Beste für sie ist, wird die Beziehung zu den Kindern sehr schwierig, nicht wahr? Der wesentliche Punkt ist, zu erkennen, dass es immer schlimmer wird, wenn wir nichts dagegen tun. Vielleicht werden wir etwas milder, wenn wir älter werden, weil wir nicht mehr so viel Energie haben, aber das heißt nicht, dass unser Ärger und all das von selbst verschwindet. Das hört nicht von allein auf.

Wir müssen also eine Art Furcht entwickeln – das ist der Ausdruck, der im Buddhismus dafür verwendet wird. „Furcht“ ist allerdings in den meisten unserer Sprachen ein problematischer Begriff. Er genießt kein gutes Ansehen. Manchmal bevorzuge ich das Wort „Zurückschrecken“, das jedoch nicht leicht in andere Sprachen zu übersetzen ist; ich weiß nicht, ob es in Ihre Sprache übersetzbar ist. „Zurückschrecken“ beinhaltet eher die Konnotation: „Ich will nicht, dass das stattfindet“. Wie etwa, wenn wir z.B. beruflich zu einer entsetzlich langweiligen Tagung müssen. Es ist nicht so, dass wir Angst davor haben, aber uns graut davor, hinzugehen. Wir möchten da wirklich nicht hin.

Aber ich denke, um genauer zu sein, müssen wir zwei Arten von Furcht unterscheiden – sei es Furcht vor schrecklichen künftigen Wiedergeburten, vor Elend im Alter oder vor sonst irgendwas. Bei der einen Art handelt es sich um eine Furcht, bei der wir keinen Ausweg sehen, sodass wir uns hilflos und hoffnungslos fühlen, die uns also ziemlich lähmt, stimmt`s? Das ist meines Erachtens eine ungesunde Art von Furcht, auch wenn wir sie häufig erleben. Doch die Art von Furcht, die hier im Zusammenhang mit Zuflucht erläutert wird, ist eine ganz andere, denn hier sehen wir, dass es eine Möglichkeit gibt, die Probleme zu vermeiden, und wir sind keineswegs hilflos. Aber, wie ich bereits erwähnt habe, es ist nicht so, dass eine jenseitige Macht oder irgendein Wesen auftauchen wird, das mich aus meiner furchtbaren Lage erretten wird, und dass ich nur inständig genug darum beten muss und dann von meiner Furcht befreit und erlöst werde.

Der Punkt ist, dass wir uns quasi selbst schützen können. Und was ist es, das uns befähigen wird, all die Probleme, mit denen wir im Leben konfrontiert sind, zu lösen? Was ermöglicht das? Im umfassendsten Sinne betrachtet, ist es die Tatsache, dass all das, was meine Probleme verursacht - Ärger, Gier usw. – auf Verwirrung hinsichtlich der Realität zurückzuführen ist, und somit kein innewohnendes Merkmal des Geistes ist. Als wir über den Geist gesprochen haben, sind wir nicht sehr in die Einzelheiten gegangen, aber worüber wir hier gesprochen haben, ist die geistige Aktivität - geistige Aktivität, die von Augenblick zu Augenblick stattfindet, selbst wenn wir schlafen oder wann auch immer. Die grundlegende Natur dieser geistigen Aktivität ist nicht etwas, das notwendigerweise mit Verwirrung – oder Ärger oder irgendetwas dergleichen – verbunden ist. Denn das, was im Grunde in jedem Moment vor sich geht, ist, dass sozusagen eine Art geistiges Hologramm auftaucht. Etwa so, wie Lichtstrahlen auf unser Auge treffen und in eine Art elektrischen Impuls umgewandelt werden, der, wenn er durch die Zellen eines menschlichen Auges übermittelt wird, sehr verschieden ist von dem, was bei einer Spinne oder einer Fliege durch die Übermittlung der Augenzellen auftritt. Dieser elektrische Impuls sowie chemische Vorgänge werden dann zum Gehirn weitergeleitet, das Gehirn macht ein inneres Hologramm daraus, und das nennt man dann „etwas sehen“ , nicht wahr?

Es ist auch nicht dasselbe, wenn Lichtimpulse auf die Linse einer Kamera treffen, in bestimmte elektrische Impulse übersetzt werden und dann ein Bild daraus entsteht. Das ist nicht dasselbe, weil bei uns noch etwas hinzukommt, das wir „ein kognitives Befassen damit“ nennen können, sei es bewusst oder unbewusst, sei es, dass wir dessen gewahr sind oder nicht, aber jedenfalls eine Art kognitive Besonderheit. Es ist auch nicht dasselbe wie bei einem Computer – dort drückt man eine Taste, ein elektrischer Impuls gelangt in den Apparat und der Apparat verarbeitet diese Information, sei es ein Hologramm oder was auch immer, und es besteht, so könnte man in gewisser Weise sagen, ein kognitives Erfassen des Geschehens – natürlich nicht genauso wie bei einem Lebewesen, aber die Information wird verarbeitet und der Apparat tut etwas damit. Aber was geschieht ist dennoch nicht dasselbe wie bei uns. Was uns von einem Computer unterscheidet, ist, dass bei uns noch ein gewisses Ausmaß an Glück oder Unglücklichsein damit verbunden ist. Das ist bei einem Computer nicht der Fall. Ein Computer ist nicht glücklich oder unglücklich, etwa: „Ooh, jetzt hast du einen Fehler gemacht. Du hast dich vertippt!“, und deshalb ist er dann unglücklich. Das ist nicht der Fall, oder? Wir hingegen können unglücklich werden.

Das ist das, was in jedem einzelnen Moment unseres Lebens vor sich geht: Ein Auftauchen eines geistigen Hologramme, eine geistige Teilnahme daran und das Gefühl eines gewissen Ausmaßes an Glück oder Unglücklichsein. Selbst wenn wir schlafen: Das Hologramm kann auch eines sein, das Dunkelheit darstellt. Die Beteiligung ist dergestalt, dass wir unbewusst sind, aber ein klein wenig Gewahrsein ist vorhanden. Andernfalls würden wir den Wecker nicht hören. Es ist also nicht vollständig ausgeschaltet. Und es ist eine Art Gefühl vorhanden, und zwar ein neutrales Gefühl – weder glücklich noch unglücklich, es sei denn, man träumt etwas. Wenn man träumt, kann natürlich ein glückliches oder unglückliches Gefühl vorhanden sein. Und Ärger, Begierde und all das sind nicht notwendigerweise Teil des Prozesses, der Augenblick zu Augenblick stattfindet.

Es gibt natürlich viele sehr komplizierte Denkprozesse, die wir durchlaufen können, um mehr und mehr Überzeugung davon zu gewinnen. Wir haben hier eigentlich nicht die Gelegenheit dazu. Aber je mehr wir darüber nachdenken, umso mehr werden wir zu der Überzeugung gelangen, dass es möglich ist, all die störenden Bestandteile unserer geistigen Aktivität loszuwerden. Die Definition einer störenden Emotion ist schließlich, dass sie, wenn sie auftritt, bewirkt, dass wir unseren inneren Frieden verlieren und im Grunde keine Kontrolle mehr haben. Dann handeln wir, beruhend auf Ärger oder Gier usw., auf alle möglichen verstörenden Arten, und schaffen so mit unserem Handeln einfach eine Menge Probleme – es baut so genanntes negatives Karma auf. Man verliert die Fassung und schreit jemanden an, man sagt unbedachte Dinge, und später tut es einem wirklich leid, was man gesagt hat.

Wenn wir also künftige Probleme wirklich auf tieferer Ebene vermeiden wollen, müssen wir all diese störenden Emotionen und die Verwirrung usw. beseitigen. Es ist tatsächlich möglich, sie zu beseitigen, weil sie nicht Teil der eigentlichen Natur des Geistes sind. Und überdies, wenn wir mehr über diese Art von geistiger Aktivität nachdenken, die in jedem Moment in uns vorgeht, wird deutlich, dass eine ihrer wirklich fantastischen Eigenschaften die Fähigkeit ist, dass sie Dinge verstehen kann. Wir können etwas verstehen. Und wir haben positive Qualitäten, z.B. Liebe, Mitgefühl usw. Diese positiven Qualitäten können immer weiter entwickelt werden.

Was ist nun der Unterschied? Die störenden Aspekte beruhen auf Verwirrung. Positive Aspekte - Verständnis usw. – beruhen darauf, was Realität ist. Nehmen wir ein ganz einfaches Beispiel: Verwirrung könnte die Einstellung sein: „Ich bin der Mittelpunkt des Universums. Ich bin das Wichtigste. Ich sollte immer meinen Willen kriegen. Ich sollte immer im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen“ usw. Wenn ich nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit stehe und nicht bekomme, was ich will, werde ich ärgerlich. Wie ein Hund, der Leute anbellt, belle oder knurre ich dann jemanden an. Ich bin wütend. „Du hast es nicht so gemacht, wie ich es will.“ Das ist Verwirrung. Die Realität ist, dass wir alle hier sind und alle gleich sind. Jeder möchte Aufmerksamkeit nicht jeder kann im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. Jeder möchte bekommen, was er will, aber das ist nicht möglich. Die Realität ist also, dass wir irgendwie lernen müssen, mit all den anderen zu leben.

Je mehr wir nachforschen, umso mehr sehen wir, dass unsere Verwirrung nicht standhält. Sie beinhaltet etwas Falsches. Beseitigen wir die Verwirrung, so ist das korrekte Verständnis etwas, das verifiziert wird. Es ist wahr. Aus diesem Grund ist das Verständnis das, was stärker ist. Es kann die Verwirrung überwiegen. Und wenn wir dieses Verständnis die ganze Zeit über haben – was natürlich Disziplin und Konzentration erfordert, aber wir können es die ganze Zeit haben – dann wird die Verwirrung überhaupt nicht auftreten. Sie wäre zu Ende.

Das ist also der zentrale Punkt der Zuflucht. Welche Richtung geben wir unserem Leben? Welche Bedeutung? Was für ein Ziel setzen wir uns? Das Ziel ist, etwas zu erreichen, was wir die „wahre Beendigung“ all dieser Verwirrung nennen, also, die Verwirrung vollkommen loszuwerden, sodass sie nie wieder auftreten kann. Denn sie ist die wirkliche Ursache unserer Probleme, seien es nun diejenigen in diesem Leben oder jene in zukünftigen Leben. Es ist möglich, die Verwirrung für immer vollständig zu beseitigen, weil sie kein innewohnendes Merkmal unserer geistigen Aktivität ist. Sie kann beseitigt werden, indem man korrektes Verständnis an ihre Stelle setzt.

Es gibt hier also zwei Aspekte. Der eine ist, dass wir die gesamte störende Seite für immer loswerden können, und der andere ist, dass wir die positive Seite entwickeln und wachsen lassen können. Wenn wir das in Zusammenhang damit bringen, was meist „die vier edlen Wahrheiten“ genannt wird – das hauptsächliche Thema bzw. die Struktur dessen, was Buddha lehrte -, so wird deutlich: Wir haben wahres Leiden (all die verschiedenen Probleme, die wir erleben); die wahren Ursachen, nämlich unsere Verwirrung, und es ist möglich, die wahre Beendigung all dessen zu erreichen, sodass es nie wieder auftritt; und wir erreichen diese wahre Beendigung durch das, was „wahrer Pfad“ genannt wird. Aber wenn wir hier das Wort „Pfad“ verwenden, müssen wir darunter „eine Art von Verständnis, das als Pfad fungiert“ verstehen. Das Verständnis ist dasjenige, das zu der wahren Beendigung führt, und das Verständnis, das daraus resultiert, dass wir all jene störenden Faktoren beseitigt haben.

Das ist die Richtung, die ich in meinem Leben einschlagen will. Wenn wir sagen „an mir arbeiten“ – wenn ich diesen Ausdruck verwende -, so bezieht sich das darauf. Ich versuche, mehr und mehr von der störenden Seite loszuwerden und meine Potenziale für die positive Seite mehr und mehr zu verwirklichen. Denn ich fürchte – hier auf gesunde Weise -, dass ich, wenn ich so weitermachen wie bisher, und selbst wenn ich eine Menge Geld verdiene, viele Freunde habe und Ruhm erlange, immer noch Probleme haben werde, weil ich gierig sein werde, unsicher sein werde, wütend werde usw. Davor habe ich Angst, aber ich sehe, dass es eine Möglichkeit gibt, das zu vermeiden. Es ist ähnlich wie wenn ich Angst habe, mich an einem Feuer zu verbrennen. Aber ich weiß, wenn ich aufpasse, kann ich es vermeiden, mich zu verbrennen. Es ist eine Furcht vorhanden, aber ich meine, es ist eine gesunde Furcht. Es geht hier nicht um Paranoia.

Ich sehe: Wenn ich weiterhin wütend bin und Leute anschreie, sogar meine Verwandten, usw. – was wird dann passieren, wenn ich alt werde? Ich werde ein einsamer alter Mensch sein, den niemand besuchen will und um den sich niemand kümmern möchte, weil ich so eine Nervensäge bin. Ich werde mich ständig beklagen und Leute anknurren – wer wird dann noch etwas mit mir zu tun haben wollen? Niemand. Die Lösung besteht nicht darin, viele Kinder zu haben, die sich verpflichtet fühlen, sich um mich zu kümmern, oder genug Geld auf dem Konto zu haben, damit ich mir ein bequemes Pflegeheim leisten kann. Denn ich werde mich dabei elend fühlen. Um es ganz einfach auszudrücken: Was ich wirklich tun muss, ist, an meiner Persönlichkeit zu arbeiten,

Wie oft denken wir, dass unsere Persönlichkeit festgelegt ist und dass wir nun einmal so sind. „ Ich bin eben launisch und es ist besser, wenn ihr lernt, damit zu leben.“ Das funktioniert nicht, oder? Es ist möglich, diese ganze störende Seite abzulegen und unsere guten Qualitäten zu verwirklichen. Aus einem gesunden Gefühl der Furcht heraus, was passieren würde, wenn wir nicht an uns arbeiten, kombiniert mit der Zuversicht, dass es möglich ist, diese störenden Faktoren loszuwerden, dass es möglich ist, die positiven Faktoren zu stärken und auszuweiten, geben wir unserem Leben eine Richtung.

Wenn wir das auf die Art des so genannten Mahayana tun wollen, würden wir noch Mitgefühl hinzufügen. Im Grunde basiert das auf der Einstellung: Wie kann ich anderen von Nutzen sein, wenn ich mich über sie ärgere? Ich will anderen wirklich helfen. Ich befürchte, dass ich alles vermassele, wenn ich mich über sie ärgere, an ihnen hänge, eifersüchtig bin und all das. Ich muss also dieses störende Zeug und die Verwirrung loswerden, damit ich ihnen von größtmöglichem Nutzen sein kann. Dieses Gefühl, dass ich wirklich imstande sein möchte, anderen zu helfen, aber befürchte, dass ich es nicht kann, nicht gut genug dafür bin, nicht genug Geduld und nicht genug Verständnis habe, Angst habe, dass ich es nicht einmal schaffe, meine eigenen Kinder richtig aufzuziehen – das wäre ziemlich schlimm, nicht wahr?

Die Beschäftigung mit dem Dharma ist also durchaus relevant für unser tägliches Leben. Was die Zuflucht betrifft, so bedeutet das, dass ich mir nichts vormache hinsichtlich meiner Situation und in Bezug auf die Tatsache, dass ich diese Probleme habe. Die haben wir alle. Wir alle haben störende Emotionen. Das ist nichts Besonderes. Manche sind weit stärker als andere; es gibt vielerlei Variationen, aber wir alle haben diese emotionalen Schwierigkeiten. Wir sprechen hier nicht von jemandem, der psychisch hochgradig gestört ist. Wir sprechen über etwas, was die meisten Menschen als normal betrachten. Aber genau das ist die Gefahr: dass wir es für normal halten, ärgerlich zu werden, dann wieder gierig und selbstsüchtig zu werden, manchmal eifersüchtig zu werden usw. – dass wir meinen, das wäre normal und in Ordnung so. Es ist nicht in Ordnung, weil es Probleme schafft. Wenn wir wirklich darüber nachdenken, wird uns das klar.

Unser Ziel ist nicht, einfach nur zu lernen, damit zu leben oder es unter Kontrolle zu halten, während es weiterhin in uns brodelt, und auch nicht, es nur abzuschwächen, sondern all dieses störende Zeug vollkommen loszuwerden. Nicht nur ab und zu ein bisschen Verständnis, sondern vollständiges Verständnis der Realität zu entwickeln – wie ich existiere, wie jeder existiert, wie die Welt existiert usw. – und es die ganze Zeit beizubehalten. Denn die Natur der geistigen Aktivität ist im Grunde rein, und sie hat grundsätzlich sämtliche Potenziale für gute Qualitäten.

Wenn wir über das sprechen, was in dieselbe Richtung weist, ist die Rede von Buddha, Dharma und Sangha. Es gibt viele Ebenen, wie wir diese drei verstehen können. Wir können die guten Qualitäten der Buddhas, des Dharmas und des Sanghas betrachten. Bei den Buddhas sind das zum einen all ihre vielfältigen physischen Qualitäten; sie haben ganz spezielle physische Merkmale: Sie können sich überall hinbegeben, ihre Körper vervielfältigen, überall zur selben Zeit sein usw. Es ist ziemlich fantastisch. Nicht leicht zu glauben. Des Weiteren gibt es besondere Qualitäten der Sprache der Buddhas: Ein Buddha kann jede Sprache verstehen, und wenn er spricht, versteht jeder in seiner eigenen Sprache, was er sagt, und ganz gleich, wie weit er entfernt ist, hört er trotzdem, was der Buddha sagt, usw. Auch das klingt ziemlich fantastisch und ist schwer zu glauben. Wenn wir auf dieser Ebene bleiben und einfach nur auf diese Weise an Buddhas denken, beginnt das in die Richtung der Vorstellung zu gehen, dass sie fantastische jenseitige Wesen sind, fast wie eine Art Gott, nicht wahr?

Und dann schauen wir uns die Qualitäten des Geistes eines Buddha an. Ein Buddha versteht und weiß alles gleichzeitig – er ist allwissend. Es geht dabei nicht darum, dass der Buddha jedermanns Telefonnummer kennt, sondern dass er weiß, was die Ursachen für die Situation eines jeden sind, bis weithin zurück alle Faktoren kennt, die jemanden beeinflussen. Wenn ein Buddha dann einem bestimmten Menschen dies oder jenes lehrt, weiß er, was all die Folgen davon sein werden, und zwar nicht nur die Wirkung auf diese Person, sondern auch die Wirkung auf alle anderen, mit denen diese Person zu tun hat. Als Resultat davon weiß ein Buddha genau, welches die beste Methode ist, einen jeden zu lehren. Das ist ziemlich gut, nicht wahr? Es wäre wirklich schön, wenn man das könnte.

Ich habe also ein gewisses Vertrauen, dass ein Buddha mich versteht und wissen kann, was das Beste ist, um mir zu helfen. Wenn unser Denken in die Richtung geht, Buddha für eine Art Gott zu halten, wird das dann eine persönliche Angelegenheit: „Er kann mir persönlich helfen. Er wird mich verstehen. Niemand versteht mich, aber Buddha versteht mich.“ Und ein Buddha liebt alle gleichermaßen. „Prima. Es wäre mir zwar lieber, wenn er mich mehr lieben würde als alle anderen, aber es ist trotzdem o.k. Liebe für alle Wesen gleichermaßen -der Vorteil daran ist, dass es keine Rolle spielt, was ich tue. Ich muss nicht beten, ich muss dem Buddha keine Gaben darbringen, er wird mir sowieso helfen. Das ist günstig; ich muss nichts zahlen. Und es ist ein richtiges Sonderangebot, denn Buddha hat unendliche Geduld; er wird nie eifersüchtig, wenn ich zu einem anderen Lehrer einer anderen Tradition gehe; er wird nie zornig werden und mich mit einem Blitz erschlagen oder so etwas. Eine ziemlich sichere Sache also.“

Es ist ein häufiger Fehler, Buddha, bewusst oder unbewusst, als einen Gottes-Ersatz anzusehen, der günstiger und sicherer ist. In den Lehren heißt es, dass ein Buddha einen nicht enttäuschen wird und lauter solche Sachen. Das klingt großartig. Wir lesen, dass ein Buddha uns unser Leiden eigentlich nicht nehmen kann, so als würde er uns einen Dorn aus dem Fuß ziehen, und – nun ja, wir nehmen das nicht so schrecklich ernst. Das ist also die Beschreibung eines Buddha. Ich denke, wie gesagt, dass dies gewissermaßen nur die konventionelle Art ist – das, was wir die gewöhnliche Art nennen -, an einen Buddha zu denken. Es bei dieser Ebene zu belassen, ohne das Verständnis einer tieferen Ebene zu entwickeln, birgt die Gefahr, Buddha als Ersatz für einen persönlichen Gott anzusehen, der mich erlösen wird.

Buddhas werden durch Statuen und Bilder repräsentiert. Sie sind wirklich schön, aber verwechseln wir sie mit orthodox-christlichen Ikonen? Oder was hat es damit auf sich? Verfallen wir der Götzenverehrung, wie Muslime uns vielleicht vorwerfen könnten? Oder was geht hier eigentlich vor? Muss ich mich wirklich vor einer Statue verbeugen? Ich denke, hier werden Probleme auftreten, wenn wir unser Verständnis von einem Buddha nur auf dieser Ebene belassen. Es gibt Anlässe für Missverständnisse. Für einige Menschen kann es natürlich sehr hilfreich sein, auf diese Art an einem Buddha zu denken, aber das ist nicht das tiefste Verständnis. Stimmt´s? Es gibt eine fast gottgleiche Gestalt, sie wird durch Statuen und Bildnisse repräsentiert, und wir verehren sie.

Was den Dharma betrifft, so handelt es sich auf der konventionellen, oberflächlichen Ebene um all die Lehren: das, was der Buddha erkannt und in sich selbst verwirklicht hat, und was er lehrte. Ich habe nun also meinen persönlichen Gott, Buddha, und entsprechende Schriften. Sie werden durch die Texte repräsentiert. Anstelle der Bibel oder des Korans habe ich nun buddhistische Texte. Sie sind so etwas wie meine buddhistische Bibel. Und jedes Wort darin sehe ich als heilig an. - Tatsächlich müssen wir Respekt dafür haben, aber Buddha selbst sagte: „Glaubt nichts von dem, was ich gesagt habe, nur weil ich es sagte und aus Respekt dafür, sondern überprüft es selbst wie beim Ankauf von Gold.“ Buddha ermutigte seine Anhänger stets, kritisch gegenüber dem zu sein, was er lehrte. Aber wenn wir faul sind, haben wir keine Lust, Untersuchungen anzustellen und alles zu überprüfen. Und was die Relevanz in unserem täglichen Leben betrifft: Wenn es nur die Relevanz ist, dass Buddha mich liebt und versteht, und in dem Buch all die Regeln aufgeschrieben sind, denen ich nur zu folgen brauche – das könnte schon seinen Platz im täglichen Leben haben. Aber das ist eigentlich nicht Buddhismus. Natürlich könnte es für manche Menschen einen gewissen Nutzen haben, aber es war eigentlich nicht Sinn der Sache, Buddhismus zu einer weiteren Variante des Christentums zu machen.

Wie steht es nun mit dem Sangha? In den westlichen Ländern ist es leider zur Gewohnheit geworden, alle Mitglieder des Dharma-Zentrums, das wir aufsuchen, als Sangha zu bezeichnen. Das war ganz gewiss nicht der Sinn dieses Wortes im Sanskrit oder im Tibetischen. Viele Leute verstehen unter „Sangha“ einfach die Mitglieder ihrer Kirche, nämlich ihrer buddhistischen Kirche. Und wenn nun viele dieser Mitglieder ziemlich gestörte Menschen sind – nehme ich dann wirklich zu ihnen Zuflucht? Ich möchte nicht die Bedeutung herabmindern, die eine spirituelle Gemeinschaft gleichgesinnter Menschen für uns hat, die das gleiche Ziel anstreben und uns darin unterstützen können, uns Resonanz geben usw. Das ist ungemein wichtig, aber das ist nicht das Zufluchtsobjekt.

Auf einer anderen Ebene können wir Sangha als die monastische Gemeinschaft verstehen, also die Mönche und Nonnen. Aber auch unter den Mönchen und Nonnen finden wir nicht immer perfekte Beispiele dafür, nicht wahr? Es gibt auch einige ziemlich verstörende Menschen, die Roben tragen – oder: gestörte Menschen, sollte ich wohl besser sagen. Es ist zwar sehr wichtig, sich ihnen gegenüber unterstützend zu verhalten und sie zu respektieren, wenn sie wirklich aufrichtig versuchen an sich zu arbeiten, indem sie Mönch oder Nonne werden, aber einige Mönche und Nonnen nehmen die Roben nur, um Schwierigkeiten im Leben auszuweichen und, wie ein Freund von mir sagt, um ein kostenloses Mittagessen zu bekommen.

Es gibt jedoch noch eine andere Ebene von Sangha. Möglicherweise hören wir von den tantrischen Meistern, dass der Sangha eigentlich aus jenen so genannten Gottheiten besteht, von denen im Tantra die Rede ist: Chenrezig, Tara, Manjushri usw. Und plötzlich beginnen wir zur Heiligen Mutter zu beten, zur Heiligen Tara, damit sie uns errettet. Natürlich sind diese Buddha-Gestalten, wie ich sie nenne – die so genannten tantrischen Gottheiten – keineswegs Heilige, die eine Art Vermittlerfunktion haben und uns helfen, dem Gott Buddha näherzukommen.

Wenn wir die tiefste Bedeutung von Buddha, Dharma und Sangha betrachten, entdecken wir, dass die tiefste Bedeutung von Dharma die wahre Beendigung all der Verwirrung ist sowie die wahren Erkenntnisse – die so genannten Pfade oder Bahnen des Geistes in einem geistigen Kontinuum. Dies ist es, was uns – wenn wir es in unserem eigenen geistigen Kontinuum entwickeln – vor Leiden schützen wird. Wenn wir diesen Zustand erreichen können, in dem all die Verwirrung und das störende Zeug verschwunden sind und alle Erkenntnisse vollständig vorhanden sind. Die Buddhas sind diejenigen, die dies in vollem Ausmaß erreicht haben und uns gelehrt haben, wie wir das selbst bewerkstelligen können. Und Sangha bezieht sich eigentlich auf den so genannten Arya-Sangha, nämlich die sehr weit fortgeschrittenen Praktizierenden mit hohen Erkenntnissen und Verwirklichungen, die einige wahre Beendigungen und wahre Erkenntnisse bzw. einen Teil davon erreicht haben. Sie haben noch nicht komplett alle erlangt, aber einige davon.

In unserem täglichen Leben sind die Buddhas und der Arya-Sangha – die großen indischen und tibetischen Meister der Vergangenheit und auch einige der Gegenwart – eine Quelle von großer Inspiration und sie erfüllen uns mit großer Zuversicht. Man sieht oder trifft jemanden wie Seine Heiligkeit den Dalai Lama – und wie ist er so geworden, wie er ist? Durch den Dharma. Ob er nun ein Buddha ist oder nicht, ist irrelevant. Wenn ich so werden könnte wie er, dann wäre das ziemlich gut. Und ich spreche hier nicht nur von seiner Fähigkeit, fast alle Inhalte im Bereich des Dharma zu lehren, und davon, dass er der gelehrteste, fachkundigste Lehrer von allen ist und die tiefgründigsten Lehren vermittelt, und von dem Zeitplan, den er einhält, indem er rund um die Welt reist und unaufhörlich versucht zu lehren und anderen zu helfen, und all dem. Zudem ist er das öffentliche Feindbild Nummer eins in China. Können Sie sich vorstellen, wie es sein muss, wenn mehr als eine Milliarde Menschen einen als Teufel betrachten, unserem Volk unsägliche Dinge antun, und man dann immer noch Liebe und Mitgefühl für sie empfindet, nicht ärgerlich wird und imstande ist, all das zu tun, was er ständig leistet? Es ist unglaublich, nicht wahr? Wie könnte man dazu fähig sein, wenn man nicht all jene störenden Emotionen beseitigt und allerlei Erkenntnisse gewonnen hätte? Es wäre nicht möglich. Es ist nicht von Bedeutung, ob er schon den ganzen Weg zur Buddhaschaft zurückgelegt hat oder nicht.

Wenn wir keine Beziehung herstellen können zu den Qualitäten des Buddha selbst, können wir zumindest die Qualitäten von jemandem wie Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama sehen. Das ist überaus inspirierend. Und wenn so etwas für jemanden wie ihn möglich ist, in Anbetracht der Tatsache, dass die Natur des Geistes rein ist und all diese Potenziale hat, dann gibt es keinen Grund, warum das nicht auch für mich – und für jeden anderen auch – möglich sein sollte. Es wird natürlich eine enorme Menge an Arbeit erfordern, aber es ist möglich, und es ist durchaus der Mühe wert, in diese Richtung zu gehen. Wenn der Dalai Lama mit einem Buddha vergleichbar ist, dann entsprechen viele der großen Meister dem Sangha. Es gibt natürlich auch geringere, aber die wirklich großen, die es gegenwärtig gibt – sie besitzen vielleicht nicht all die Qualitäten des Dalai Lama, aber sie haben einen Teil davon, sie entsprechen dem Sangha. Auch das ist sehr inspirierend.

Was haben der Dalai Lama und diese anderen großen Meister gemeinsam? Sie haben, in unterschiedlichem Maße, Ärger, Gier, Hass und all diese Dinge beseitigt, und sie haben enorme gute Qualitäten entwickelt: Verständnis, Mitgefühl, Geduld usw. Und wir sehen die unterschiedlichen Abstufungen dessen, was erreicht werden kann, an diesen verschiedenen Meistern. Richtig? So etwas ist ein erheblich lebendigeres Beispiel (wenn wir mit ihnen in Kontakt kommen), als nur an Buddha, Milarepa und derartige Vorbilder zu denken, zu denen wir nur schwer Verbindung herstellen können. Das sind schöne Geschichten, aber glaube ich wirklich, dass es so jemanden gegeben hat? Guru Rinpoche, aus einem Lotus geboren, und all das – kann ich das wirklich glauben? Es ist schwer, sich damit zu identifizieren. Wenn wir also unsere Aufmerksamkeit auf die Abwesenheit jener negativen Eigenschaften und das Vorhandensein der positiven Eigenschaften lenken, wie dies durch den Dalai Lama und die großen Meister veranschaulicht wird oder auch durch den Buddha und den Sangha, und erkennen, dass wir fähig sind, das auch zu erreichen – es geht hier um den Dharma -, dass dies erreichbare Ziele sind, möglich auch für mich, dann wird die Richtung, die wir unserem Leben geben können, sehr gefestigt.

Was bedeutet das auf der praktischen Ebene? Es bedeutet, dass wir uns, wenn wir ärgerlich werden, wenn wir selbstsüchtig handeln, dessen mehr und mehr bewusst werden. Wir merken es. Es ist nicht so, dass wir uns das sehr übelnehmen und uns dafür geißeln: „Ich bin schlecht, ich bin so schrecklich: Ich werde immer noch ärgerlich.“ Das sicher nicht, und ebenso wenig fallen wir in er das andere Extrem: „Na gut, das ist doch normal, ich bemerke es einfach, aber: Was macht das schon? Ich werde so bleiben.“ Das auch nicht. Aber schon sich dessen einfach bewusst zu sein und es zur Kenntnis zu nehmen – und zwar als etwas zur Kenntnis zu nehmen, das ich loswerden will – schwächt die Kraft dieser Zustände.

Doch das Wesentliche ist: Wenn diese störenden Emotionen, diese negativen Zustände in unserem Alltag aufkommen und wir sie bemerken, dann ist das Beste, was wir tun können – wenn wir ein paar Methoden dafür gelernt haben -, zu versuchen, sie zu überwinden. Zu erkennen: Nun, ich bin ärgerlich, ich muss Geduld lernen. Wenn jemand sich mir gegenüber abscheulich verhält, zeigt das, dass er sehr unglücklich ist, dass ihn etwas verstört. Statt ärgerlich auf ihn zu werden – hab doch ein wenig Mitgefühl mit ihm.

Wir ärgern uns also einerseits nicht über uns selbst, weil wir ärgerlich geworden sind, und andererseits gehen wir nicht mit uns um wie mit einem Baby und sagen: „Ja ja, ist ja gut, ist doch nicht so schlimm.“ Sondern wir versuchen unser Bestes, solche Zustände zu überwinden, weil wir erkennen, dass das möglich ist. Vielleicht können wir sie nicht so schnell loswerden – mit Sicherheit nicht -, aber das ist die Richtung, in die ich mich mein Leben lang entwickeln will. Ich werde es versuchen, weil ich weiß, dass es tatsächlich möglich ist, sich von diesen Zuständen zu befreien. Es ist also kein aussichtsloser Versuch, der einer idealistischen Vorstellung entspringt, dass so etwas möglich wäre.

Und: Wenn ich mit einer schwierigen Situation konfrontiert bin und ein bisschen Geduld aufbringe, etwas Verständnis zeige oder ein klein wenig wohlwollendes Gefühl entwickle – zu erkennen, dass dies zunehmen kann. Ich lasse es stärker und stärker werden. Es ist möglich, das zu tun. Andere haben es getan, und ich kann es auch. Es ist nichts Besonderes an den anderen, es ist nichts Besonderes an mir. Und das ist meine Zuflucht – das ist die Richtung in meinem Leben -, denn je mehr ich in diese Richtung gehe, umso mehr erspare ich mir Probleme und Schwierigkeiten.

Das war die Einführung und ein Überblick über die Relevanz von Zuflucht im täglichen Leben. Wir müssen verstehen, was Zuflucht bedeutet – diese sichere Richtung -, und was die Gründe dafür sind, dies in unser Leben einzubringen, und was das eigentlich heißt. Das wird oft nicht als die wichtigste und grundlegendste Komponente der buddhistischen Praxis betrachtet. Wir neigen dazu, das zu bagatellisieren, was wirklich eine Schande ist. Ob wir unserem Leben diese Richtung geben oder nicht, macht den allergrößten Unterschied in unserem Leben aus. Wenn Zuflucht für uns nur bedeutet, dass wir an einer Zeremonie teilgenommen haben, eine Haarsträhne abgeschnitten bekamen, einen tibetischen Namen erhalten haben, nun ein rotes Bändchen um den Hals tragen und einem Verein beigetreten sind, dann banalisieren wir das Ganze und machen daraus etwas ziemlich Belangloses.

Gut. Lassen Sie uns nun zum Schluss ein paar Minuten darauf verwenden, sozusagen zu verdauen, was wir gehört haben. Versuchen Sie, im Geist mit ein paar Sätzen zu rekapitulieren, welches die wesentlichen Punkte waren, die wir heute Abend erörtert haben. Was haben Sie von dem, was besprochen wurde, verstanden? Wenn wir nicht am Ende gewissermaßen einen Rückblick vornehmen und uns das alles ein bisschen klarer machen, wird es keinen Eindruck in uns hinterlassen. Es geht sonst quasi zum einen Ohr hinein und zum anderen wieder hinaus. Und dann ist es für die meisten von uns ein Traum: Wenn wir aufwachen, wissen wir, dass wir etwas geträumt haben, aber wir wissen nicht mehr, was. Ganz ähnlich verlassen wir dann diesen Raum und erinnern uns an nichts mehr von dem, was besprochen wurde. Lassen Sie uns versuchen, es nicht so zu machen. Lassen wir das Ganze im Geist noch einmal Revue passieren.

[Stille]

Gut. Ich nehme an, die Frage, die wir uns alle stellen müssen, ist: „Wenn ich mich selbst als jemanden einschätze, der Zuflucht genommen hat und Buddhist ist – gebe ich meinem Leben wirklich diese Richtung? Hat das irgendeine Bedeutung in meinem Leben, außer bloß einem Verein beigetreten zu sein?“ Und wenn Zuflucht zu nehmen keinen bedeutenden Unterschied in unserem Leben ausgemacht hat, dann ist das etwas, woran wir wirklich unbedingt arbeiten müssen, denn sich ohne diese Grundlage irgendwelchen fortgeschritten Praktiken zu widmen wird kaum zu Erfolg führen.

Gut. Ich danke Ihnen. Wir werden morgen weitermachen.

Wir schließen mit einer Widmung: Möge jegliche positive Kraft, jegliches Verständnis, das aus all dem entstanden ist, tiefer und tiefer gehen und als Ursache dafür wirken, dass wir zum Nutzen aller Lebewesen Erleuchtung erlangen.