Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

Zur Textversion für diese Seite wechseln. Zur Haupt-Navigation springen.

Startseite > Grundlagen des tibetischen Buddhismus > Stufe 2: Lam-rim (Stufenpfad)-Material > Einführung zur Lobschrift „Zum Lob des Abhängigen Entstehen“ von Tsongkhapa

Einführung zur Lobschrift
„Zum Lob des Abhängigen Entstehen“ von Tsongkhapa

Alexander Berzin, Juli 2006
Übersetzung ins Deutsche: Christian Dräger

Eine von Tsongkhapas größten Einsichten war sein Verständnis davon, das Leerheit (Leere) abhängiges Entstehen bedeutet und abhängiges Entstehen Leerheit. Leerheit ist die vollkommene Abwesenheit von unmöglichen Weisen, die Existenz von etwas zu begründen oder zu beweisen. Insbesondere im Kontext des Lehrsystems der Prasangika-Madhyamaka-Schule, bedeutet Leerheit die vollkommene Abwesenheit der Existenz der Phänomene, die durch irgendetwas, was auf Seiten dieser Phänomene auffindbar wäre, begründet werden könnte. Die Existenz von etwas kann lediglich Kraft des abhängigen Entstehens begründet werden.

Mit anderen Worten: die nichtstatischen (unbeständigen) Phänomene entstehen, aus einer oberflächlichen Perspektive heraus betrachtet, in Abhängigkeit von Ursache und Bedingungen, und diese nichtstatischen Phänomene erzeugen Wirkungen. Diese beiden Tatsachen begründen oder beweisen, dass solche Phänomene existieren. Aus der tiefsten Perspektive heraus betrachtet, ist die einzige Tatsache, die beweist dass etwas – sei statisch oder nichtstatisch – existiert, dass es sich bei der Sache lediglich um das handelt, worauf sich die Worte oder Konzepte beziehen. Auf der Seite irgendeines Phänomens kann nichts aufgefunden werden, das begründet oder beweist, dass es existiert.

Die Tatsache, dass alle Phänomene in dieser Weise abhängig existieren, räumt die extreme Sichtweise des Eternalismus (Ewigkeitsglauben, der Glaube an ewig andauernde Zustände) aus. Dabei handelt es sich um die extreme Sichtweise in Bezug auf die tiefste Wahrheit aller Phänomene, dass die Existenz einer Sache unabhängig von anderen Faktoren, von ihrer eigenen Seite heraus oder aus eigener Kraft heraus, begründet wird. Die Tatsache, dass alle Phänomene nichtsdestotrotz erscheinen, räumt die extreme Sichtweise des Nihilismus aus. Die extreme Sichtweise des Nihilismus heißt, dass man, in Bezug auf die oberflächliche konventionelle Wahrheit aller Phänomene, glaubt, dass überhaupt nichts existiert oder überhaupt nichts funktioniert.

Der Buddha hat, indem er das abhängige Entstehen, „den König der Beweisführung“ gelehrt hat, die beiden falschen extremen Sichtweisen bezüglich der Leerheit ausgeschlossen und die zwei Wahrheiten Bezug auf alle Phänomene begründet. Der Buddha hat sogar die vier edlen Wahrheiten mit seiner Lehre des abhängigen Entstehens dargelegt. Samsara und sein Leiden (die erste edle Wahrheit) entstehen in Abhängigkeit von der Unwissenheit (Ignoranz) bezüglich der Leerheit (die zweite edle Wahrheit), so wie diese Unwissenheit in den „zwölf Gliedern des abhängigen Entstehens“ dargestellt wird. Das Erlangen einer wahren Beendigung von Samsara (die dritte edle Wahrheit) entsteht in Abhängigkeit vom Verständnis der Leerheit (der vierten edlen Wahrheit).

In seiner Lobschrift „Zum Lob des abhängigen Entstehens“ bringt Tsongkhapa in dichterischer Form seine außerordentlichen Wertschätzung darüber zum Ausdruck, dass der Buddha so gütig war, die Lehre vom abhängigen Entstehen zu unterrichten, die all diese außergewöhnlichen Eigenschaften besitzt.