Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Einführung in die Meditation über Leerheit (Leere)

Alexander Berzin
Berlin, Deutschland, Januar 1995
(überarbeitete Mitschrift)
Übersetzung ins Deutsche: Tara Dorn

Unterrichtseinheit 3: Subtilere Ebenen des falschen „Ich“

Rückschau

Wir haben die Eigenschaften des falschen „Ich“ besprochen – ganz spezielle Eigenschaften. Die Ebene des falschen „Ich“, mit der wir uns beschäftigt haben, ist diejenige, die aus der Vorstellung eines „Ich“ oder Atman, Seele, herrührt, welche von den klassischen indischen, nicht-buddhistischen Schulen der Philosophie vertreten wird. Es geht dabei um drei Eigenschaften, aber wir müssen verstehen, dass es drei Eigenschaften eines einzigen Objekts sind, nämlich des „ Ichs“. Auch wenn wir versuchen, sie eine nach der anderen zu verstehen, müssen wir begreifen, dass das falsche „Ich“ alle drei Eigenschaften hat. Wir sollten nicht denken, dass es etwas gäbe, das nur die erste, aber nicht die zweite dieser Eigenschaften hat. Ich nehme an, das ist der Grund, warum etwas Verwirrung aufkam, als wir versuchten, isoliert zu betrachten, was jeder dieser Begriffe bedeutet.

Wir sprachen über das falsche „Ich“ als statisch – was dessen erste Eigenschaft ist. Statisch zu sein bedeutet sich nicht zu ändern. Es wird durch nichts beeinflusst und es beeinflusst nichts anderes. Es handelt sich um ein „Ich“, das in gewisser Weise von der Beteiligung an jedweder Ursache- Wirkung-Beziehung abgesondert werden kann. „Eins“ – die zweite Eigenschaft – bedeutet hier „monolithisch“, ein einziges Ding ohne Teile und immer mit sich selbst identisch. Der dritte Aspekt dieses falschen „Ich“ ist, dass es von den Aggregaten getrennt ist.

Wir können nicht viel Zeit auf diesen dritten Punkt verwenden, obwohl es sich ganz offensichtlich um etwas handelt, über das wir lange nachdenken und das wir in uns selbst zu erkennen versuchen könnten. Denken wir, es gebe ein „Ich“, das von den Aggregaten getrennt ist, das nach dem Tod aus Körper und Geist hinausfliegt und sich dann in einem anderen Körper niederlässt oder zum Himmel oder zur Hölle fährt? Denken wir, dass es ein gesondertes „Ich“ gibt, das Körper und Geist verlässt, wenn wir sterben, und sich in Nichts auflöst? Haben Sie sich schon einmal gewünscht, Sie könnten jemand anderes sein, ein berühmter Schauspieler zum Beispiel oder ein Athlet – so, als ob man Körper und Geist verlassen und jemand anderes werden könnte bzw. dessen Körperbau oder gutes Aussehen haben könnte?

Wenn wir uns mit der Leerheit beschäftigen, mit dem Fehlen einer wahren Identität oder eines wahren Selbst, versuchen wir zu erkennen, dass unsere Fehleinschätzungen über uns sich auf nichts Reales beziehen, ungeachtet der Tatsache, dass wir glauben, sie wären wahr, und es sich so einen fühlt, als wären sie wahr. Ständig versuchen wir, solch ein besonderes inneres „Ich“ zu schützen, das sich aber auf nichts Reales bezieht: Da ist nichts zu beschützen. Oder wir versuchen uns zu beweisen, wir versuchen es hinzubekommen, dass jeder uns akzeptiert, aber es ist nichts da, was zu beweisen ist. Wir sind einfach da, wir müssen uns nicht beweisen. Dieses Verständnis hat viele Folgen, nicht nur intellektuell, sondern auch in dem Sinne, dass wir es wirklich zu einem Teil dessen machen, wie wir mit der Welt umgehen.

Das falsches „Ich“ als Drahtzieher

Was bleibt übrig, wenn wir diese Ebene des falschen „Ich“ widerlegt haben? Was bleibt uns dann? Jetzt denken wir an uns als ein „Ich“, das nicht statisch ist. Es ist nicht monolithisch, es kann also in verschiedenen Situationen jeweils etwas anderes sein und sogar ein paar seiner Teile verlieren. Und es ist nicht von den Aggregaten getrennt: Es kann nicht von Körper und Geist getrennt werden.

Wir können aber immer noch der Meinung sein, dass dieses nicht-statische „Ich“ eine Art Lenker oder Drahtzieher ist – ein kleines „Ich“ in unserem Kopf, dass die Hebel bewegt und die Dinge unter Kontrolle hat. Mit anderen Worten: Es ist nicht nur möglich zu denken, es gäbe innerlich ein „Ich“, das die Dinge im Griff hat und statisch, monolithisch und ganz von unserem Körper und Geist getrennt ist, sondern man kann auch denken, es gäbe ein „Ich“, das dort im Kopf an den Schalthebeln sitzt, und das nicht statisch ist, Teile hat und dem Körper und Geist zugeschrieben wird. Solch ein falsches „Ich“ bezieht sich aber ebenfalls auf nichts Wirkliches.

Wir müssen versuchen, diese Haltung in uns selbst zu identifizieren. Wir denken: „Was soll ich jetzt tun? Alle schauen mich an! Was soll ich denn jetzt sagen? Ich glaube, ich sollte dieses tun, ich glaube, ich sollte jenes tun“ – so, als ob da ein „Ich“ wäre, das einen Plan macht und dann die Hebel in Bewegung setzt und bewirkt, dass der Körper etwas tut. Wir machen Pläne für uns „selbst“ – das ist wirklich sonderbar, wenn wir mal darüber nachdenken. Ein solches Denken setzt fast voraus, dass es zwei „Ichs“ in uns gibt. Daran liegt es, dass die Erfahrung der Entfremdung entsteht. Es ist nichts Ungesundes daran, Pläne zu machen, aber die Vorstellung von einem gesonderten „Ich“ an den Schalthebeln, das alles in Bewegung setzt, ist falsch.

Teilnehmer: Wenn diese Vorstellung zuträfe, dann wären wir frei Entscheidungen zu treffen, willentlich alles Mögliche zu tun – was sicherlich nicht wahr ist. Wir sind nicht frei. Wir werden von Karma und den zwölf Gliedern abhängigen Entstehens getrieben.

Alex: Ja, in gewissem Sinne stimmt das, aber lassen wir die Diskussion über Karma, freien Willen, Vorherbestimmung und die Beziehung dieser Themen zur Leerheit mal beiseite. Das ist sehr kompliziert. Wenn wir Karma richtig verstehen, verstehen wir, dass sowohl Vorherbestimmung als auch freier Wille Extreme sind, die es zu widerlegen gilt. Der Prozess der Entscheidungsfindung ist ein „ mittlerer Weg“.

Teilnehmer: Diese Vorstellung von einem „Ich“, das in unserem Kopf das Geschehen im Griff hat, kann zu der Vorstellung führen, dass Menschen souveräne Wesen wären, die sogar die Natur usw. beherrschen könnten.

Alex: Genau. Das geschieht, wenn wir uns dieses „Ich“, das die Dinge in der Hand hat, wie einen allmächtigen Gott vorstellen. Mit dieser Vorstellung eines gottähnlichen „Ich“, dass die Dinge lenkt, fällen wir auch Urteile über andere und haben vor, sie zu bestrafen: „Du hast mir das angetan. Du bist schuld. Was soll ich dir das jetzt heimzahlen?“

Teilnehmer: Gibt es nur negative Beispiele?

Alex: Nein. Genauso ist es auch, wenn ich denke: „Ich gebe hier einen wunderbaren Kurs über die Leerheit, weil ich nett zu Ihnen sein will, den ich mag Sie“. Dahinter steckt der Gedanke, dass ich das ich jemand bin, der das im Griff hat, und allein durch meine eigene unabhängige Macht etwas Nettes für Sie erschaffen kann.

Teilnehmer: Der Drahtzieher kann also auch positive Dinge bewirken.

Alex: Ja, aber seien Sie vorsichtig, wie Sie das formulieren. Das konventionelle „Ich“ kann konstruktive Dinge tun, während es sich fälschlicherweise vorstellt, dass es als Drahtzieher existiert. Aber was wir versuchen, ist – mal ganz abgesehen davon, ob wir nun auf der Grundlage dieser Fehlannahme etwas Konstruktives, Destruktives oder nur ethisch Neutrales tun – den Glauben an diese Existenz als Drahtzieher loszuwerden. „Ich möchte Oberhaupt meines Heims und meiner Familie sein, sodass jeder tut, was ich will und was meiner Meinung nach am besten für sie ist“. Und ob wir nun von diesem „Ich“, welches vermeintlich alles unter Kontrolle hat, annehmen, dass es statisch oder nicht-statisch ist und sich fortwährend ändert – wir sind immer noch der Meinung, dass es die Leitung hat, oder zumindest, dass es so sein sollte.

Diese falsche Vorstellung von einem „Ich“, das die Leitung hat, ist das, womit wir uns auf der nächsten Ebene beschäftigen müssen. Wir müssen verstehen, dass sich dies nicht auf etwas Wirkliches bezieht. Es gibt kein kleines „Ich“ da drinnen, das sich zurücklehnt und Dinge erfährt oder am Schaltpult sitzt und bewirkt, dass die Dinge geschehen. Es scheint so, als würden wir auf diese fälschliche Art existieren, und wir empfinden das so, aber wir existieren nicht so. Dass wir uns dessen nicht bewusst sind, beruht auf der Tatsache, dass unser Geist Dinge in einer Art und Weise erscheinen lässt, in der sie nicht existieren, und wir lassen uns täuschen und glauben, dass diese Erscheinungen wahr sind.

Das fälschliche „Ich“, das eigenständig ganz für sich allein erkannt werden kann

Selbst wenn wir verstehen, dass das „Ich“ nicht als Führungskraft in unserem Kopf existiert, lässt unser Geist es doch automatisch so erscheinen, als könne das „Ich“ eigenständig festgestellt werden, ganz für sich allein, ohne gleichzeitig die Grundlage, der es zugeschrieben wird, zu sehen, zu hören, zu erkennen oder an sie zu denken. Wir denken: „Ich erkenne mich“, als ob wir ein Selbst erkennen könnten, das dieses „Ich“ ist, unabhängig von unserem Körper, unserem Geist, unseren Beziehungen, unserem Besitz usw. Oder wir möchten, dass jemand uns „um unserer selbst willen“ liebt, nicht wegen unseres Körpers, unseres Verstandes, unseres Geldes oder was auch immer. Solch ein eigenständig feststellbares „Ich“ bezieht sich ebenfalls auf nichts Wirkliches. Wie kann ich mich morgens im Spiegel sehen, ohne das Gesicht zu sehen, das ich als „Ich“ bezeichne?

Das fälschliche „Ich“ mit einem auffindbaren, charakteristischen Merkmal, durch das es genau bestimmt ist

Was bleibt übrig, wenn wir sogar auch diese subtilere Ebene eines fälschlichen „Ich“ widerlegen? Was ist das konventionelle „Ich“? Wir erkennen, dass die Existenz des konventionellen „Ich“ im Sinne geistiger Zuschreibung erwiesen wird. Zur geistigen Zuschreibung gehören drei Komponenten: (1) die geistige Bezeichnung „Ich“, (2) die Grundlage für die Zuschreibung, nämlich die Aggregatsbestandteile unseres Körpers und Geistes und (3) das, worauf sich die Bezeichnung bezieht: das konventionelle „Ich“.

Trotzdem könnten wir denken, es gäbe ein besonderes, individuelles, bestimmendes Charakteristikum, das auf Seiten unseres Körpers und Geistes zu finden ist, und das deren korrekte Bezeichnung als „Ich“ gestattet.

Es ist, als wäre in mir etwas zu finden, das mich zu mir selbst und nicht zu Ihnen oder irgendjemand anderem macht – eine besondere Eigenschaft, irgendein bestimmendes Merkmal. Es soll ermöglichen, dass dieses Wort „Alex“ korrekt mir zugeschrieben werden kann und nicht einem Tisch oder einem Hund. Wenn man zwei eineiige Zwillinge vor sich hat, scheint es, als gäbe es irgendein bestimmbares Charakteristikum in jedem Zwilling, das ihn zu dem einen und nicht zu dem anderen macht. Wir verstehen möglicherweise, dass das „Ich“ kein Drahtzieher ist, dass es sich fortwährend ändert, nicht monolithisch ist, nicht von den Aggregaten getrennt ist und nicht eigenständig erkannt werden kann, und dennoch können wir denken, dass es da drinnen etwas gibt, das mich zu „Ich“ macht – etwas ganz Besonderes. Auch das ist eine Fehleinschätzung. Obwohl wir alle Individuen sind, ist in uns nichts zu finden, das uns zu Individuen macht. Das ist nicht ganz einfach zu verstehen.

In der Meditation müssen wir genau hinschauen, um zu erkennen, ob es etwas gibt, das mich zu dem macht, was „ich“ bin. Was macht mich zum „Ich“? Ist es meine genetische Beschaffenheit oder was sonst? Wenn man den genetischen Code an die Wandtafel schreibt – bin das „Ich“? Das wird interessant. Was bin ich? Was macht mich dazu? Es ist schwer, sich darauf eine Antwort einfallen zu lassen. In dieser Phase identifizieren wir uns noch nicht mit den Aggregaten. Auf dieser Ebene besagt die Vorstellung nur, dass da doch irgendetwas sein muss! Wir können aber nicht sagen, was genau es ist. Was macht mich zum „ Ich“? Meine große Nase? Wenn man mir die halbe Nase wegschneidet, wie bei Michael Jackson, – bin ich dann noch „Ich“?

Teilnehmer: Es ist der Fluss meines Lebens, der mich zu dem macht, was „ich“ bin, die Art und Weise, wie sich mein Leben entwickelt.

Alex: Ist es Richtung selbst? Wie sollte es möglich sein, eine Richtung zu haben, getrennt von allem anderen? Wenn wir eine Liste sämtlicher Orte hätten, die ich besucht habe, und aller Nahrungsmittel, die ich je im Leben zu mir genommen habe – ist es das, was mich zu dem macht, was „ ich“ bin?

Teilnehmer: Es ist die Gesamtheit all meiner Erfahrungen, sämtliche Gedanken, die in mir auftauchen.

Alex: Ist es das, was ich bin? Bloß meine Gedanken? Wenn ich all meine Gedanken aufschreibe, ist das „Ich“? Das wäre so, als würde man sagen, dass Shakespeare seine Stücke gewesen wäre. Meine Mutter hat jetzt Alzheimer. Ich glaube nicht, dass sie irgendetwas denkt. Ist sie noch da?

Das ist recht interessant, denn wir haben diese Fehleinschätzung nicht nur uns selbst gegenüber sondern auch in Bezug auf andere Menschen. Wir sagen: „Da ist etwas Besonderes an Ihnen, dass Sie zu dem macht, was „Sie“ sind. Sie sind etwas ganz Besonderes.“ Wir können nicht so recht sagen, was es ist, aber wir können es fast mit Händen greifen, wir können die andere Person beinahe fühlen. Ich erfahre Menschen auf diese Art. Ich erfahre mich so. Aber gibt es tatsächlich etwas, das jemanden zum „Ich“ oder „Du“ macht?

Teilnehmer: Eine Art spiritueller Energie. Wenn ich jemanden anschaue, geht von ihm eine Art Energie aus, und das ist es, was ich von ihm wahrnehme. Das ist es, was ihn zu dem macht, was er ist.

Alex: Auch von einem Bild von ihm ? Auch, wenn du im am Telefon zuhörst? Was ist, wenn er schläft?

Teilnehmer: Es ist dann bloß nicht aktiv. Die spirituelle Energie einer Person hat zwei Pole, eine aktiven und einen passiven.

Alex: Woher wissen Sie, dass diese spirituelle Energie noch da ist, wenn sie schläft? Woher wissen Sie, dass sie – wenn auch passiv – da ist, im Gegensatz dazu, dass der gar nichts ist? Müssen wir dann nicht, um diese Person immer noch korrekt als „Du“ bezeichnen zu können – auch wenn sie schläft – dieses besondere charakteristische Merkmal wahrnehmen: diese spezielle spirituelle Energie?

Teilnehmer: Sie ist dann einfach nicht in Funktion.

Alex: Woher wissen Sie das? Wenn es das ist, was diese Person ausmacht, und wir es nicht wahrnehmen, wenn sie schläft, ist sie dann nicht mehr diese Person, wenn sie schläft? Und wenn sie mit niemandem zusammen ist und niemand sonst ihre spirituelle Energie erfährt, ist sie dann noch diese Person?

Teilnehmer: All das hängt sicher nicht vom Zustand des Körpers der Person ab. Ob eine Person wach ist oder schläft, die spirituelle Energie ist trotzdem noch da, unabhängig vom körperlichen Zustand.

Alex: Wo ist sie dann? Wir können uns auf die übliche Suche machen: Befindet sie sich in der Nase? In den Händen? Im Geist? Wo ist sie?

Anderer Teilnehmer: Vielleicht ist die charakteristische Besonderheit, die mich zu dem macht, was „Ich“ bin, eine spezielle, individuelle Ansammlung von Gewohnheiten, die sich auf spezielle, individuelle Weise entsprechend dem Karma ändert.

Alex: In den Texten wird das Beispiel eines Wagens verwendet – wir können auch ein Auto nehmen. Ein Auto ist nicht die Ansammlung all seiner Teile. Wenn wir sämtliche Teile des Autos hier auf den Boden legen – ist das ein Auto? Unser Körper besteht zu 78 Prozent aus Wasser, und der Rest sind verschiedene andere Chemikalien. Wenn wir nun das alles in eine Reihe von Flaschen auf den Boden stellen – ist es das, was wir sind? Wir sind nicht nur die Summe unserer Teile, auch wenn wir zugestehen, dass diese Teile sich entsprechend den karmischen Kräften fortwährend ändern.

Teilnehmer: Teil dessen, was jeden von uns zum „Ich“ macht, ist sicherlich, dass wir, ganz neutral ausgedrückt, einen besonderen Eindruck auf unsere Umgebung und auf uns selbst machen.

Alex: Und dieser Eindruck ist, wer wir sind?

Teilnehmer: Nicht wer wir sind, aber es beweist, dass wir sind.

Alex: Nun, es stimmt, dass wir Dinge beeinflussen. Aber hier geht es darum, ob es irgendein bestimmendes Charakteristikum gibt, ein „Etwas“ in uns, das jemanden zum „Ich“ macht. Ihre Aussage jedoch führt zur Diskussion über Leerheit und Ursache und Wirkung unseres Verhaltens, deren Verständnis ganz wesentlich ist. Erweisen wir unsere Existenz, indem wir etwas hervorbringen? Descartes sagte: „Ich denke, also bin ich“. Soll es abgewandelt heißen: „Ich handle und bringe diese Wirkung hervor, daher bin ich?“

Ich denke, dass ein Großteil dieser Art zu denken seinen Ursprung in der protestantischen Arbeitsethik hat. Wir meinen, wenn wir eine wahre Wirkung erzielen, beweist das, dass wir wahrhaft existieren und uns zu einer wertvollen Person macht. „Ich existiere. Ich bringe etwas zustande.“ Auch dieses Denken beruht auf einem fälschlichen „Ich“. Wir denken: „Wenn ich nichts hervorbringe, bin ich nichts wert, bin ich nicht einmal existent.“

Frage: Müssen wir denn wirklich ein individuelles charakteristisches Merkmal in uns finden, um unsere eigene Existenz zu beweisen? Ist das nicht eine typische menschliche Sache, etwas beweisen zu wollen?

Alex: Ja, unsere Existenz durch irgendein auffindbares Ding in uns beweisen zu wollen, das uns zu dem macht, was wir sind, ist Teil unserer Unwissenheit. Aber es gibt kein solches Ding. Ein „ Ich“, dessen Existenz durch ein auffindbares charakteristisches Merkmal auf Seiten von Körper oder Geist begründet oder erwiesen wird, bezieht sich ebenfalls nicht auf etwas Wirkliches. Das ist die nächste Ebene dessen, was wir widerlegen, eine subtilere Ebene der Fantasievorstellung einer unmöglichen Art des Existierens.

Was nach dem Widerlegen des falschen „Ich“ übrig bleibt

Was bleibt nun übrig, wenn wir die falsche Vorstellung eines auffindbaren, bestimmenden charakteristischen Merkmals widerlegen und ausräumen?

Es bleibt lediglich die geistige Zuschreibung. Dieses „Ich“ ist bloß das, worauf sich das Wort bzw. der Begriff „Ich“ auf der Grundlage der Aggregate bezieht; es ist jedoch nichts, was sich in den Aggregaten – im Körper oder Geist – befindet und das wir als „Ich“ finden könnten bzw. oder als individuelles, bestimmendes charakteristisches Merkmal, das mich als „Ich“ kennzeichnet.

Frage: Wie ist das bei Künstlern und Wissenschaftlern? Sie alle sagen, dass ihre kreative Kraft aus der Intuition kommt, nicht aus einem intellektuellen Prozess geistigen Benennens.

Alex: Kreativität mag sicherlich spontan auftreten und nicht intellektuell oder überlegt sein. Intellektuell und überlegt vorzugehen ist jedoch nicht das Gleiche wie geistiges Benennen. Geistiges Benennen ist das, was z.B. bei der Frage auftritt, ob jemand als talentiert betrachtet wird oder nicht. Es hat nichts mit deren kreativem Prozess selbst zu tun. Eine bestimmte Gesellschaft könnte sagen: „Das ist eine sehr talentierte Person“. In einer anderen Gesellschaft könnte dieselbe Person als exzentrischer Verrückter gelten, der völligen Mist macht. Ob jemand als „ talentiert“ existiert oder nicht, hängt von der Benennung ab, die wiederum abhängig von der Gruppe ist, die die Benennung vornimmt. Ein Baby, das eine Zeichnung anschaut, denkt nicht „Oh, das ist wirklich schön!“; es wird sie nur zerknüllen und versuchen, sie in den Mund zu stecken.

Teilnehmer: Wir können aber von Kindern lernen.

Alex: Stimmt, und was wir hier lernen, ist, dass es ein Werturteil ist zu sagen, dass eine Person „talentiert“ ist. Eine Person fertigt eine völlig schwarze Leinwand an und eine Gruppe Kunstkritiker sagt: „Das ist ein grosses Kunstwerk!“, während andere es ansehen und sagen: „Das ist doch totaler Mist!“

Teilnehmer: Aber ist Schönheit nicht abhängig von verschiedenen Erfahrungen und vielen anderen Faktoren, nicht nur von geistiger Benennung?

Alex: Sie bringen hier zweierlei durcheinander. Der Grund dafür, dass eine Gesellschaft etwas schön findet, hat mit ihrer Geschichte, ihren Religionen, Philosophien, dem Umfeld und vielen weiteren Faktoren zu tun. Hier geht es nicht darum, warum eine Gesellschaft jemanden als talentiert bezeichnet und eine andere nicht. Wir sprechen nur über die Tatsache, dass jemand für eine Gesellschaft als talentiert existiert und für eine andere Gesellschaft nicht. Wir sprechen nicht über „warum“. Wir betonen, dass es nichts gibt, was dieser Person innewohnt und auffindbar ist, das sie zu jemandem macht, der „talentiert“ ist, und dass nichts dem Bild innewohnt und auffindbar ist, das es zu „einem wunderschönen Bild“ macht. Wenn es so wäre, dann müsste jeder diese Person als talentiert und dieses Bild als wunderschön ansehen, es sei denn, seine Wahrnehmung wäre falsch oder er wäre blind.

Teilnehmer: Viele Menschen empfinden, wenn sie z.B. einen Sonnenaufgang betrachten, dass sie eins werden mit dem Geschehen.

Alex: Das ist ein perfektes Beispiel. Als ich in Indien lebte, ging ich die erste Zeit jeden Tag hinaus, um den Sonnenuntergang zu betrachten und meine Freunde aus dem Westen begleiteten mich. In meinem Haus lebte ein tibetischer Mönch, und eines Tages fragte er: „Was machst ihr da?“ Ich sagte: „Wir schauen uns den Sonnenuntergang an“. Er fragte, warum, und ich antwortete: „Weil es so etwas Schönes ist“. Er konnte das überhaupt nicht verstehen. Er dachte, das wäre total verrückt. Einen farbenfrohen Sonnenuntergang schön zu finden ist kulturspezifisch, und natürlich hat auch nicht jeder in einer Kultur dieselben Werte. Nicht jeder in Frankreich mag stark riechenden Käse, und nicht jeder in Indien mag Chilipfeffer.

Die wesentliche Frage ist also: „Ist etwas in uns bzw. in jemand anderem zu finden, das uns entweder zu „diesem“ oder „jenem“ macht? Wenn wir zum Ziel haben, unsere Probleme im Leben zu überwinden und Befreiung und Erleuchtung zu erreichen, müssen wir all das zuerst einmal in Bezug auf uns selbst verstehen, dann in Bezug auf andere Leute und dann bezüglich aller Phänomene, wie beispielsweise Bilder.

Zusammenfassung

Lassen Sie uns versuchen, das zusammenzufassen, und dann für heute abschließen.

Die Quelle unserer Probleme im Leben ist unser Mangel an Verständnis bzw. unsere Ignoranz, unser fehlendes Gewahrsein. Dieses fehlende Gewahrsein betrifft Ursache und Wirkung unseres Verhaltens sowie die Natur der Realität, nämlich wie Personen – wir selbst und andere – existieren und wie alle Phänomene um uns herum existieren. Was uns betrifft, so haben wir eine falsche Vorstellung davon, wie wir als „Ich“ existieren; wir gehen von einem fälschlichen „Ich“ aus. Wir nehmen hier jedoch keinen nihilistischen Standpunkt ein. Wir behaupten nicht, dass ich nicht existiere und dass nichts existiert. Man könnte sagen, dass diese Hand nur aus Atomen und Elementen – Chemikalien - besteht. Wenn wir uns aber schneiden, erfahren wir Schmerz. Im konventionellen Sinne existiert sie also, und „Ich“ existiere ebenfalls im konventionellen Sinne.

Dann haben wir gesehen, dass dieses konventionelle „Ich“ eine Art Abstraktion ist, mit der wir uns auf die Aggregate beziehen – die sich fortwährend ändernden Bestandteile, die unsere Erfahrung von Moment zu Moment ausmachen.

Wir haben auch gesehen, dass das Wort „Leerheit“ sich auf die Abwesenheit von fantasierten, unmöglichen Arten zu existieren bezieht. Wir projizieren und denken, dieses konventionelle „Ich“ würde auf irgendeine seltsame, unmögliche Weise existieren, doch diese Vorstellung bezieht sich nicht auf die Wirklichkeit. Wir projizieren so etwas nicht, weil wir dumm sind oder schlechte Menschen sind, sondern weil unser Geist die Dinge so erscheinen lässt, als würden sie auf diese Weise existieren, und dann glauben wir, dass diese Projektion wahr ist, weil sie sich wahr anfühlt.

Des Weiteren haben wir gesehen, dass es zunehmend subtilere Ebenen dieser Fehleinschätzung in Bezug auf das Selbst gibt, und dass es nötig ist, sie Schritt für Schritt durchzugehen. Wir widerlegen zuerst die gröbste Ebene und beschäftigen uns dann mit dem, was übrig bleibt. Wenn wir einfach gleich bei der letzten beginnen, kommt nur Triviales dabei heraus. Es nützt nichts, wenn wir einfach sagen: „Ich kann kein ‚Ich‘ finden, weil ich nicht in meiner Nase bin, nicht in meinem Mund, nicht in meinem Ohr ...“ Nun, vielleicht hilft es ein klein wenig – ich sollte nicht so sarkastisch sein. Es ist jedoch nicht sehr tiefgründig, wenn wir so vorgehen.

Was die buddhistischen Lehren besagen, ist, dass es kein statisches, monolithisches „Ich“ gibt, das getrennt von einem individuellen Kontinuum der Aggregatsbestandteile von Körper und Geist existiert. Es gibt ein veränderliches, nicht-monolithisches „Ich“, das zu den Aggregaten gehört.

Ist so ein „Ich“ etwas, das die Aggregate beherrscht? Nein, so etwas gibt es nicht.

Es gibt ein veränderliches „Ich“, das nicht ein Drahtzieher innerhalb der Aggregate ist. Kann dieses veränderliche „Ich“, das keine herrschende oder leitende Funktion innehat, allein und abgesondert erkannt werden? Nein, das geht nicht. Wenn es aber nur erkannt werden kann, indem gleichzeitig die Aggregate erkannt werden, denen es zugeschrieben wird, – gibt es dann vielleicht in diesen Aggregaten ein charakteristisches Merkmal, das ihnen innewohnt, das man finden kann und das bewirkt, dass diese Aggregate – dieses individuelle Kontinuum von Körper und Geist – korrekt als „Ich“ bezeichnet werden können und nicht als „Du“? Nein, gibt es nicht.

Wer bin ich dann? „Ich“ bin nur das, worauf sich die Bezeichnung „Ich“, beruhend auf den Aggregaten als Grundlage für die Bezeichnung, bezieht. Dieses „Ich“ ändert sich ständig, hat Teile, kann nicht von der Grundlage für seine Bezeichnung getrennt werden, ist nicht der Beherrscher dieser Grundlage und kann nicht getrennt von ihr erkannt werden, ohne dass gleichzeitig auch einige Aspekte dieser Grundlage erkannt werden. Es gibt kein auffindbares, bestimmendes, charakteristisches Merkmal in den Aggregaten, das das korrekte geistige Bezeichnen ermöglicht. Solch ein auffindbares, bestimmendes, charakteristisches Merkmal ist ganz bestimmt nicht „Ich“. Die Grundlage für die Bezeichnung und das, was bezeichnet wird, können nicht ein und dasselbe Ding sein. Als genauere Bezeichnung anstelle von „Ich“ könnte meine Familie übereinkommen, mich mit einem Namen zu rufen, meine tibetischen Freunde könnten mich bei einem anderen Namen nennen und Mücken könnten mich als ihr Futter bezeichnen. Ich kann durchaus gültig als all diese verschiedenen Dinge für jene Gruppen existieren, einfach bloß auf der Basis geistiger Benennung.

Um auf die Diskussion von heute morgen zurückzukommen: Was ist eine Orange? Ist sie der Anblick? Der Klang? Ist sie der Geruch? Der Geschmack? Das hängt davon ab, welche Art von Bewusstsein sich damit beschäftigt. Es ist nicht so, dass wir in der Orange einen bestimmten Geruch finden können, der sie zur Orange macht. Es ist nicht so, dass man in die Atome hineinsehen und sagen könnte: „Das ist eine Orange“.

Es ist richtig, dass etwas imstande sein muss, eine Funktion zu erfüllen, welche der Bezeichnung entspricht, die wir ihm geben. Wenn ich diesen Stuhl „Hund“ nenne, macht ihn das nicht zum Hund. Er kann nicht die Funktion erfüllen, die einem Hund entspricht. Es gibt verschiedene Konventionen und Regeln, die korrektes geistiges Bezeichnen ermöglichen, ohne dass es im Objekt etwas geben muss, das auffindbar ist.

Dies ist ganz wichtig im Zusammenhang damit, was mit „Leerheit“ verneint oder widerlegt wird. Was ist es, das damit verneint werden soll? Es ist das falsche „Ich“.

Es ist keineswegs so, dass wir dann mit gar nichts zurückbleiben und völlig verloren sind, nachdem dies widerlegt ist. Wenn wir das Denken, besteht die Gefahr, dass wir meinen, nichts würde zählen und es wäre egal, wie wir uns verhalten. Tatsächlich funktionieren Dinge entsprechend Ursache und Wirkung, entsprechend der Erfahrung usw. All diese Dinge wirken. Darauf werden wir morgen näher eingehen.