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Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Einführung in Leerheit und geistiges Bezeichnen

Alexander Berzin
Berlin, Deutschland, 14. Februar 2000
Übersetzung ins Deutsche: Karin Behrendt und Monika Schreiber

Unwissenheit

Buddha lehrte die so genannten vier edlen Wahrheiten. Diese sind vier Tatsachen, die von jedem hoch verwirklichten Wesen oder Arya als wahr erachtet werden. Sie sind, kurz gesagt:

  • wir alle sehen uns in unserem Leben vor Probleme gestellt
  • diese Probleme entspringen Ursachen
  • es ist möglich, zu einer vollkommenen Beendigung der Probleme zu kommen, so dass sie nie wieder auftreten
  • solch eine Beendigung wird durch ein Verständnis erreicht, das die Ursache der Probleme beseitigt.

Wenn wir über die tiefste Ursache unserer Probleme sprechen, lässt sie sich letztlich auf das zurückführen, was gewöhnlich ins Englische mit ignorance (Ignoranz, Unwissenheit, Unkenntnis) übersetzt wird. Auf Englisch ist unawareness (Nichtgewahrsein, Unwissenheit) viel besser. Ignoranz legt nahe, dass man dumm ist, und ist daher kein gutes Wort. Es soll nicht bedeuten, dass wir dumm sind.

Es gibt zwei unterschiedliche Formen von Unwissenheit. Bei der einen sind wir uns der Ursache und Wirkung in Hinblick auf unser Verhalten nicht bewusst, darüber, dass negatives Handeln Probleme verursachen wird. Auf einer tieferen Ebene sprechen wir über die Unwissenheit in Bezug auf die Wirklichkeit. Was geschieht ist, dass wir die Gewohnheit haben, Dinge kognitiv so zu verstehen, als wären sie mit einer so genannten „inhärenten Existenz“ versehen. Mit anderen Worten, unser Geist greift nach einer inhärenten Existenz. Aufgrund dieser Gewohnheit entstehen daher in jedem Moment Erscheinungen von Dingen. Sie entstehen mit einem Anschein, dass sie inhärent als das existieren, als was sie zu sein scheinen. Wir betrachten sie, als würden sie auf diese Weise existieren. Das ist nicht so leicht zu verstehen. Das beschreibt in einem Satz, wo das Problem liegt.

Wir können das Folgende zum Beispiel nehmen: Wir sitzen in unserem Auto, und auf der Spur neben uns fährt jemand hupend und versucht, uns zu überholen. Wie erscheint uns diese Person? Diese Person scheint ein Idiot zu sein, der versucht, uns zu überholen. Diese Person scheint inhärent als Idiot zu existieren, er scheint ein Idiot zu sein und scheint inhärent auf diese Weise zu existieren. Es ist offensichtlich etwas verkehrt mit dieser Person, was sie zu einem echten Idioten macht, der versucht, an uns vorbei zu fahren, und der dabei auf die Hupe drückt. Wir hören die Hupe, sehen die Person und denken ganz automatisch „Du Idiot!“ Die Person erweckt diesen Anschein und wir glauben, dieser Anschein entspräche der Realität: Das ist wirklich ein Idiot.

Was Leerheit negiert

Was ist das konzeptuell erfasste Objekt (tib. zhen-yul, impliziertes Objekt) dieser Wahrnehmung dieser Person auf diese Weise? Das konzeptuell erfasste Objekt der Wahrnehmung ist eine Person, die tatsächlich als Idiot existiert; da befindet sich tatsächlich ein inhärenter Idiot im Auto. Das wird durch diesen Anschein impliziert und dadurch, das wir es kognitiv auf diese Weise verstehen. Wenn ich zum Beispiel meine, dass sich jemand im Zimmer nebenan aufhält, wäre das konzeptuell erfasste Objekt jemand im Nebenzimmer; es ist das, was dem Gedanken in Wirklichkeit entspräche. „Konzeptuell erfasstes Objekt“ ist ein sehr wichtiger Fachausdruck in den Mahamudra-Studien.

Bei jeder Wahrnehmung sind viele Objekte involviert. Das Wort zhen in „zhen-yul” kann als Verb fungieren und wird oft als dieses benutzt. Oft wird es als „Anhaften“ übersetzt, was in den meisten Zusammenhängen nicht sehr hilfreich ist. Wir unterstellen, dass die Weise, wie uns etwas erscheint, der Realität entspricht. „Anhaften“ und „ Greifen“ sind ein bisschen zu stark. Es scheint so, als wäre dort ein Idiot, also gehen wir davon aus, dass dort ein Idiot sei; wir glauben es. Das auf konzeptueller erfasste Objekt dieser Wahrnehmung und dieser Erscheinung ist ein tatsächlicher Idiot im Auto nebenan.

Leerheit ist eine Abwesenheit; etwas fehlt, ist nicht vorhanden. Was fehlt ist das konzeptuell erfasste Objekt. Noch genauer, das, was das konzeptuell erfasste Objekt nahe legt, existiert nicht. Es gibt keinen inhärenten Idioten im Auto nebenan. Das ist die generelle Idee. Wir werden das noch genauer erklären müssen, weil das noch nicht sehr präzise ist.

Um ein einfacheres Beispiel zu benutzen: Wenn ein Kind denkt, unter dem Bett sei ein Monster, wäre das konzeptuell erfasste Objekt ein tatsächliches Monster unter dem Bett. Die Angst, die das Kind hat, beruht nicht auf etwas Realem. Das ist ein noch einfacheres und weniger präzises Beispiel, aber es ist wichtig, eine generelle Vorstellung davon zu haben, über was wir hier sprechen: die absolute Abwesenheit von etwas recht Spezifischem. Es ist die Abwesenheit von etwas, das überhaupt nicht existiert. Es ist völlig unmöglich. Bei Leerheit sprechen wir jedoch nicht über die Abwesenheit eines Objekts, das unmöglich ist, wie ein Monster. Wir sprechen über eine Existenzweise, die unmöglich ist. Schauen wir uns noch einmal das Beispiel des Idioten an.

Eine Bezeichnung als gültig etablieren

Konventionell betrachtet fährt diese Person vielleicht wirklich wie ein Idiot, und wir können diese Person berechtigterweise als „Idiot“ bezeichnen. Wie können wir diese Person korrekterweise einen Idioten nennen? Der indische Meister Chandrakirti nannte drei Kriterien für eine gültige Bezeichnung.

Als erstes muss es eine eingebürgerte und akzeptierte Konvention geben, die mit dieser Bezeichnung übereinstimmt. In Deutschland gibt es bestimmte Anstandsregeln für das Autofahren, und man betrachtet es nicht als angemessen, beim Fahren ständig auf die Hupe zu drücken, während man versucht, alle zu überholen. Jemand, der dies tut, kann als Idiot betrachtet werden. Das ist relativ. In Indien wäre das ein normales Fahrverhalten. Ich bin einmal mit einem indischen Bekannten nach Europa gekommen, bei dessen erstem Besuch im Westen, und was ihn am meisten schockiert hat, war, das die Leute Auto fuhren, ohne zu hupen! Da wir im Westen die Konvention haben, dass ein Mensch, der so fährt, ein Idiot ist, ist es korrekt, diese Person unter diesem Blickwinkel als einen Idioten zu bezeichnen.

Das zweite Kriterium ist, dass ein Geist, der gültig oberflächliche oder konventionelle Wahrheit wahrnimmt, dem nicht widersprechen darf. Fährt die Person objektiv gesehen wie ein Idiot oder nicht? Habe ich meine Brille richtig auf? Sitzt mein Hörgerät korrekt? Höre und sehe ich wirklich auf korrekte Weise? Alle anderen in der Gegend sehen auch, dass diese Person versucht, alle zu überholen und dabei laut hupt; es widerspricht also auch nicht der gültigen Sicht anderer bezüglich dieses konventionellen Aspektes.

Das dritte Kriterium ist, dass ein Geist, der gültig tiefste Wahrheit wahrnimmt, dieser Bezeichnung nicht widersprechen darf. Das bezieht sich auf einen Geist, der gültig sieht, wie diese Person als Idiot existiert. Inwieweit ist er ein Idiot? Ist er nur konventionell ein Idiot, davon abhängig, wo und wie er fährt, oder projizieren wir lediglich, dass diese Person inhärent als Idiot existiert? Wenn wir denken, diese Person sei wirklich, inhärent, ein Idiot, würde ein Geist, der sieht, wie Dinge wirklich existieren, dem widersprechen. Diese Person fährt konventionell wie ein Idiot. Das ist korrekt, das ist eine gültige Konvention, eine berechtigte Bezeichnung und eine gültige oberflächliche Wahrheit. Was geschieht ist, dass wir aufblasen, wie die Person als Idiot existiert. Er existiert lediglich in Abhängigkeit von vielen Dingen als Idiot – speziell aufgrund von geistiger Bezeichnung, das wir in Kürze besprechen werden.

Wir blasen die oberflächliche Erscheinung auf und projizieren etwas auf sie, das nicht vorhanden ist. Wir tun dies nicht bewusst; es ist unbewusst. Es geschieht einfach automatisch, aufgrund unserer Gewohnheit, Dinge auf diese Weise zu sehen. Wir blasen es dazu auf, dass er inhärent als Idiot existiert. Dieser Modus der inhärenten Existenz als ein Idiot hat nichts mit der Wirklichkeit zu tun. Auch hier sprechen wir wieder über die Abwesenheit einer unmöglichen Existenzweise, nicht der Abwesenheit eines unmöglichen Objekts.

Der Unterschied zwischen innewohnend und inhärent

Betrachten wir ein bisschen genauer, was mit inhärenter Existenz und geistigem Bezeichnen oder Benennen gemeint ist. Wir müssen den Unterschied zwischen innewohnend (engl. innate, angeboren) und inhärent (engl. inherent) verstehen.

Wir haben viele innewohnende Qualitäten. So besitzt unser geistiges Kontinuum zum Beispiel innewohnend Körper, Sprache und Geist, Verständnis, Emotionen und all das, was damit einhergeht, ein fühlendes Wesen zu sein. Wir haben Buddhanatur und alle Aspekte der Buddhanatur. Der Fachbegriff (tib. lhan-skyes, Skt. sahaja) wird manchmal als „simultan entstehend“ übersetzt. Es bedeutet, dass diese Dinge Teile des gesamten Pakets sind und dass sie sich simultan mit jedem Moment des Geistes erheben. In jedem Erfahrungsmoment haben wir Körper, Sprache und Geist – ob wir wach sind oder schlafen. Wir sprechen vielleicht nicht, wenn wir schlafen, doch wir haben die Fähigkeit zu kommunizieren. Andere können uns zum Beispiel anschauen und sehen, dass wir schlafen. Selbst wenn wir im Schlaf nicht schnarchen, hat das Atmen eine gewisse Regelmäßigkeit und Langsamkeit, die vermittelt, dass wir schlafen. Das ist ein Beispiel dafür, wie wir ständig kommunizieren. Auch wenn diese Qualität oft als „Sprache“ übersetzt wird, ist sie nicht nur auf wörtliche Rede beschränkt. Dies sind innewohnende Faktoren.

Inhärent (tib. rang-bzhin) ist etwas ganz anderes. Würde etwas Inhärentes existieren, wäre es in gewisser Hinsicht innewohnend, doch es würde etwas aus eigener Kraft dazu bringen zu existieren, und zwar als das, was es zu sein scheint. Man bezeichnet es manchmal als ein charakterisierendes oder definierendes Merkmal in einem Objekt, das es zu dem macht, was es ist. Bei diesem Idioten wäre es etwas, das wirklich mit ihm verkehrt ist, etwas, das sich in ihm auffinden ließe, das dauerhaft dort wäre und das ihn aus sich heraus zum Idioten macht. Oft denken wir Dinge wie: „Diese schreckliche Person nebenan, die die ganze Zeit Musik laufen hat...“ oder „Diese wunderbare Person, die ich gerade getroffen habe...“, als gäbe es etwas in dieser Person, das ständig da wäre und aufgrund dessen sie auf diese Weise existieren würde. Ich benutze Beispiele, die emotional aufgeladen sind, doch es gilt für alles. Es scheint etwas Inhärentes an Ihnen zu geben, dass Sie inhärent zum Menschen macht.

Dieses Ding in dem Fahrer veranlasst, dass er inhärent als Idiot existiert, und zwar unabhängig von allem anderem, allein aus sich heraus. Es scheint so, als könnten wir es bei einer näheren Untersuchung wirklich finden und festnageln. Natürlich können wir, wenn wir es untersuchen und auseinander nehmen, von Seiten des Objekts aus überhaupt nichts finden, das es zu dem macht, was es ist. Wenn Sie anfangen, die Person in dem Auto zu analysieren, finden Sie eine Menge Atome und Energiefelder und nichts Solides, von dem Sie sagen könnten, dass es sie zum Idioten macht. Wenn wir die Handlungen dieser Person in Millisekunden ihrer Bewegungen untersuchen, gibt es die Bewegung des Fingers einen Millimeter in diese Richtung und dann einen weiteren Millimeter in diese Richtung und den nächsten in eine andere; was macht diese Person also zu einem Idioten? Man kann keine Millisekunde ihres Verhaltens aufzeigen, die ihn zum Idioten macht, oder? Auf diese Weise kann man auf Seiten des Objekts nichts finden, das da irgendwo sitzt und die Ursache ist, dass diese Person als Idiot existiert – auch wenn sie als Idiot erscheint.

Konventionell handelt dieser Mensch wie ein Idiot. Wir müssen uns hier vorsehen, dass wir die Korrektheit der oberflächlichen Erscheinung nicht verleugnen, genauso wenig wie die Korrektheit der Weise, wie er konventionell gesehen handelt. Er benimmt sich wie ein Idiot; das ist korrekt. Das Problem ist, wie er als Idiot zu existieren scheint. Er benimmt sich wie ein Idiot auf der Basis von anderen Faktoren; es hängt von anderen Dingen ab als nur von ihm selbst. Es ist nicht so, dass diese Person aufgrund einer ihr innewohnenden Kraft wie ein Idiot handelt. Dieser Mensch benimmt sich wie ein Idiot aufgrund von Teilen (seine Hand bewegt sich auf eine bestimmte Weise und so weiter) und in Abhängigkeit von Ursachen (er befindet sich im Verkehr und hat es eilig). Wäre er inhärent ein Idiot, müsste er auch der Idiot sein, wenn er nicht fährt und selbst wenn er schläft. Er benimmt sich wie ein Idiot in Abhängigkeit von den Umständen, in denen er sich befindet. Es kann auch alle möglichen kulturellen, psychischen und persönlichen Faktoren geben, die ihn dazu veranlassen, wie ein Idiot zu fahren. Es hängt von all dem ab, dass diese Person wie ein Idiot fährt.

Geistiges Bezeichnen

Noch grundlegender können wir auch sagen, dass die Wahrnehmung, dass diese Person wie ein Idiot fährt, vom Konzept „Idiot“ abhängt. Gäbe es diesen Begriff oder dieses Konzept nicht, könnten wir nicht sagen, dass diese Person wie ein Idiot fährt, oder? Das bringt uns zum Bereich des geistigen Bezeichnens.

Geistiges Bezeichnen kann ziemlich verwirrend sein. Wenn wir diese Person einen Idioten nennen, macht es ihn nicht zum Idioten. Oder? Wir sprechen nicht über kleine Kinder, die sich gegenseitig zurufen „Du bist ein Idiot!“. Bezeichnungen und Namen haben nicht die Kraft, etwas zu dem zu machen, als das wir es bezeichnen. Viele Menschen denken, dass geistiges Bezeichnen bedeutet, dass wir Dinge mit Worten erschaffen. Das ist mit Gewissheit nicht das, was geistiges Bezeichnen im Buddhismus bedeutet.

Ob wir diese Person als Idioten bezeichnen oder nicht und ob wir „Idiot“ denken oder nicht und ob sich jemand anderes auf der Straße befindet, der diese Person fahren sieht oder nicht, fährt er trotzdem immer als Idiot? Was meinen Sie?

Teilnehmer: Wenn er allein auf der Straße wäre, würde ihn niemand als Idiot bezeichne. Also wäre er kein Idiot.

Alex: Aber er fährt immer noch wie einer.

Teilnehmer: Es ist unterschiedlich für eine Gruppe von Menschen, die das Konzept Idiot hat und eine andere Gruppe, die dieses Konzept nicht hat.

Alex: Fährt er also wie ein Idiot?

Teilnehmer: Es kommt darauf an.

Alex: Es kommt darauf an! Genau das ist es. Wir würden sagen, dass diese Person gemäß einer bestimmten Konvention immer noch wie ein Idiot fährt, aber dass sie nicht im absoluten Sinne, inhärent, wie ein Idiot fährt. Es hängt von Gesetzten und Gepflogenheiten ab, ganz gleich, ob sie von jemandem dabei gesehen wird oder nicht. Würden wir sagen, dass es völlig unabhängig von allem anderen wäre und nur von Seiten der Person ausginge, die fährt, wäre das unmöglich. Können Sie mir folgen? Dies sind Punkte, die für die meisten Menschen verwirrend sind, wenn es um geistiges Bezeichnen geht.

Teilnehmer: Können wir objektiv sagen, wie diese Person fährt?

Alex: Das ist eine gute Frage. Vielen Dank. Das ist das Problem, dieses Greifen nach dem, was wirklich geschieht. Fährt er wirklich wie ein Idiot oder nicht? Wenn wir uns in diesen Bereich begeben, was er wirklich ist, befinden wir uns im Bereich der inhärenten Existenz. Diese Person fährt wie ein Idiot in Abhängigkeit vom Konzept „ Idiot“, westlichen Gepflogenheiten und so weiter. Die aufgeblasene Vergrößerung dessen ist, dass sie tatsächlich ein Idiot ist. Das wäre inhärente Existenz; das wäre unmöglich.

Ich glaube, das zeigt an, wie tief verwurzelt diese Verwirrung ist, denn die meisten von uns wollen tatsächlich wissen, wie die Dinge wirklich sind und meinen, dass es eine Weise gibt, in der sie wirklich existieren, ist es nicht so? Wir sagen „Das ist wirklich ein wunderbares Haus“ oder „Das war wirklich ein wunderbarer Abend“, als gäbe es da etwas Inhärentes und als müssten alle es auf diese Weise sehen. Weil wir daran so gewöhnt sind, erscheint uns alles auf diese Weise und wir denken so darüber. Das nennt man „trügerisches Erscheinungs-Hervorbringen“, manchmal „Erscheinungen der Dualität“ genannt. Hier bedeutet „Dualität“, dass es in Disharmonie ist, nicht mit den Tatsachen übereinstimmt. Die Art, wie es erscheint, ist nicht in Harmonie mit dem, wie es tatsächlich existiert. Das ist es, was duale Erscheinung im Gelug-Prasangika-Sinne des Begriffs bedeutet.

Teilnehmer: Ist es dann falsch, eine persönliche Meinung über Dinge zu haben?

Alex: Der Punkt ist, dass diese Person wie ein Idiot fährt. Das ist konventionell gesehen korrekt. Wir können eine verrückte Meinung haben, der niemand zustimmt, oder eine, der andere beipflichten. In diesem Fall würden andere zustimmen, dass diese Person wie ein Idiot fährt, aber das macht sie nicht zu einem wirklichen Idioten. Wir könnten der Meinung sein, dass ein Hund am Steuer sitzt, aber dem würde niemand beipflichten. Es gibt wilde Meinungen und gültige Meinungen.

Der Punkt ist, dass es gültige Wahrnehmungen gibt, um konventionell zu wissen, was Dinge sind. Das ist sehr wichtig. Die verschieden Schulen des tibetischen Buddhismus haben ihre eigenen einzigartigen Erklärungen für diesen Unterschied. Das Gelug-System spricht von korrekter und inkorrekter oberflächlicher Wahrheit. Eine inkorrekte oberflächliche Wahrheit in Bezug auf etwas entspricht nicht dem, was es konventionell gesehen ist. Es besteht ein großer Unterschied zwischen dem, was etwas konventionell ist und wie es als das existiert, was es ist.

Gültiges Bezeichnen in der Gelug-Diskussion von Svatantrika und Prasangika

Teilnehmer: Woher wissen wir, ob eine Meinung Gültigkeit besitzt?

Alex: Wir benutzen Chandrakirtis drei Kriterien für gültiges Bezeichnen. Hier zeichnet sich ein Unterschied zwischen Svantantrika-Madhyamaka und Prasangika-Madhyamaka ab, wie die Gelug-Tradition sie erklärt. Die Kagyü-Tradition erklärt die beiden Schulen etwas anders. Der wichtigste Punkt am Madhyamaka ist, dass alles in Abhängigkeit von geistigem Bezeichnen existiert. Das bedeutet nicht, dass das Bezeichnen alles erschafft. Die Madhyamaka-Darstellung des geistigen Bezeichnens ist eine Verfeinerung dessen, was die weniger differenzierten Schulen der indisch-buddhistischen Lehren wie das Chittamatra zur Beziehung zwischen Geist und Objekt sagen. Einer der wichtigsten Gründe, warum man die Schulen in der richtigen Reihenfolge studieren muss, ist, dass man auf diese Weise die Beziehung zwischen Geist und Objekten auf einer zunehmend differenzierteren Ebene verstehen lernt.

Das Beispiel, das in den Texten benutzt wird, ist, jemanden als „ König“ zu bezeichnen. Jemand existiert als König in Abhängigkeit von der Bezeichnung und dem Konzept „ König“. Gäbe es keine gesellschaftliche Gepflogenheit, einen König zu haben, könnte offensichtlich niemand ein König sein. Die Frage ist: Wodurch wird eine Bezeichnung gültig? Svatantrika sagt, dass Dinge von sich aus ein auffindbares inhärentes Merkmal haben, das uns gestattet, Dinge korrekt als das zu bezeichnen, was sie sind. Es muss etwas in einem König geben, was ihn königlich macht, so dass man ihn korrekt als „König“ bezeichnen kann. Gäbe es das nicht, könnten wir einen Hund oder einen Straßenkehrer als „König“ bezeichnen und es würde sie zu Königen machen. Wir können sehen, dass hier ein politischer Gedanke dahinter steht. Nein, das ist eigentlich kein Witz. Dies entwickelte sich in Indien, wo das Kastendenken sehr wichtig war; es muss also etwas Inhärentes geben, das jemanden zum Mitglied der königlichen Kaste macht. Das ist Svantantrika.

Prasangika sagt, nein, es gibt nichts Auffindbares auf Seiten der Person, das sie zum König macht. Natürlich gibt es konventionell gesehen definierende Charakteristika. Jemand, der ein Land in einer monarchischen Staatsform regiert, ist ein König. Es gibt ein definierendes charakteristisches Merkmal dafür, was ein König ist. Wären die Dinge nicht definiert, könnten sie nicht funktionieren – doch die definierenden Charakteristika basieren nur auf Konventionen. Definierende Charakteristika existieren nicht als etwas Auffindbares im Objekt, das einen Menschen aus sich heraus zum Beispiel königlich macht.

Woher wissen wir, ob eine Bezeichnung Gültigkeit besitzt? Sie ist gültig anhand von drei Kriterien. Zuerst einmal gibt es eine festgelegte und ihr gemeinsam zugestimmte Konvention. Benutzen wir ein anderes Beispiel, das ich auch in dem Buch „Die Entwicklung einer ausgewogenen Sensibilität“ (Developing Balanced Sensitivity) (auf Deutsch erschienen unter dem Titel: „Den Alltag meistern wie ein Buddha: Übungen für einen feinfühligen Umgang mit sich selbst und anderen“ ) untersucht habe: Wir kommen nach Hause und schauen unseren Partner bzw. unsere Partnerin an. Um die Diskussion zu vereinfachen, sagen wir, es handele sich um eine Frau. Sie hat einen bestimmen Gesichtsausdruck: Ihre Stirn liegt in Falten, ihre Mundwinkel sind herabgezogen, und wir haben den Eindruck, sie ist verärgert oder wütend. Es muss eine etablierte Konvention sein. Das ist das erste Kriterium. Es ist die Konvention, dass Menschen, besonders aus westlichen Kulturen, die Stirn runzeln und die Mundwinkel nach unten ziehen, wenn sie ärgerlich sind. Hunde knurren, aber Menschen drücken ihre Verärgerung auf diese Weise aus. Unsere Partnerin folgt der Konvention dessen, was Menschen tun, wenn sie wütend sind. Das ist eine Weise, wie man die Gültigkeit der Erscheinung bestätigen kann. Wir können es auch mit früheren Vorfällen vergleichen, in denen sie verärgert war, um zu überprüfen, ob ihr Ausdruck ihrem konventionellen Muster entspricht.

Das zweite Kriterium ist, dass ein Geist, der gültig oberflächliche Wahrheit wahrnimmt, dem nicht widersprechen darf. Wir setzen unsere Brille auf, schalten das Licht an und stellen sicher, dass wir den Ausdruck korrekt sehen. Es lag nicht daran, dass es dunkel war, dass wir es nicht richtig gesehen haben, oder dass wir unsere Brille nicht aufhatten. Dieses Kriterium bezieht sich auf etwas ganz Praktisches und Bodenständiges.

Auch wenn das nicht explizit in den Texten erwähnt wird, können wir auch andere Kriterien in Verbindung mit diesem zweiten Punkt überprüfen, wie die Tatsache, dass etwas eine Wirkung hervorruft. Als wir „Hallo“ gesagt haben, hat sie uns zum Beispiel nicht geantwortet. Das ist ein weiterer Beweis dafür, dass der Anschein, dass sie verärgert ist, korrekt ist. Ihr weiteres Verhalten untermauert, dass sie verärgert ist, denn wenn sie ärgerlich oder wütend ist, begrüßt sie uns normalerweise nicht. Mit anderen Worten, Wut hat ihre normale Wirkung erzeugt. Wir können sie auch fragen, ob sie verärgert ist, wenn wir es wirklich überprüfen wollen.

Wenn wir es dabei belassen und einfach nur sagen „Nun gut, sie ist verärgert und wütend, weil heute wahrscheinlich etwas Unerfreuliches vorgefallen ist, es hängt von vielen Faktoren ab“, dann hat unsere Wahrnehmung völlige Gültigkeit. Ein Geist, der gültig die tiefste Ebene wahrnimmt, wie Dinge existieren, würde dem nicht widersprechen, wie unsere Partnerin als wütend existiert.

Wenn wir den Eindruck haben, dass unsere Partnerin nicht nur aus diesem oder jenem Grund wütend ist, sondern wir stattdessen denken „Ach du meine Güte, sie ist schon wieder wütend. Sie ist eine Person voller Wut, immer über dies oder jenes verärgert. Ich kann damit nicht umgehen!“, würde ein Geist, der gültig die tiefste Wahrheit wahrnimmt, dem widersprechen. Niemand existiert inhärent auf diese Weise.

Auf diese Weise können wir das Bezeichnen der Person als verärgert und wütend als gültig bestätigen, ohne dass es von Seiten der Person etwas geben muss, dass sie als wütend existent macht. Wenn wir über Leerheit sprechen, sprechen wir von dem Moment, in dem wir denken, sie sei eine schreckliche Person. Leerheit ist eine absolute Abwesenheit von dieser Existenzweise: eine absolute Abwesenheit davon, dass wirklich etwas mit dieser Person verkehrt ist, das es zu einer wirklichen Qual macht, mit ihr zu leben. Wenn wir glauben, dass sie wirklich auf diese Weise existiert, reagieren wir auf eine Weise, die sie noch weiter aufregt. Wir sind aufgewühlt und sind ungeduldig.

Teilnehmer: Hängt ein weiser und ruhiger Umgang mit der Situation nicht auch davon ab, dass wir wissen, warum unsere Partnerin ärgerlich ist?

Alex: Selbst wenn wir nicht verstehen, warum sie wütend ist, können wir versuchen, uns klarzumachen, dass es von Gründen und Ursachen abhängen muss; es ist nicht der Fall, dass sie inhärent immer wütend ist. Das gestattet uns zu sehen, dass sich die Situation vielleicht irgendwie ändern lässt. Doch es ist korrekt zu sagen „Meine Partnerin ist wütend und verärgert.“ Das ist sehr wichtig. Wenn wir nicht anerkennen, dass unsere Partnerin konventionell gesehen verärgert ist, welche Basis hätten wir dann, um Mitgefühl zu haben und ihr zu helfen? Jegliche hilfreiche Anteilnahme bricht zusammen, und wir fallen in das Extrem des Nihilismus.

Die Betonung auf dem Erkennen dessen, was korrekte oberflächliche Wahrheit ist, ermöglicht eine sehr enge Verbindung zwischen dem Verständnis von Leerheit und Mitgefühl. Ohne das nehmen wir andere nicht sonderlich ernst, und das hält uns davon ab, uns auf die Probleme anderer einzulassen und ihnen zu helfen. Es ist etwas ziemlich Subtiles, aber ich glaube, es ist sehr wichtig.

Abhängiges Entstehen und Karma

Teilnehmer: Wenn man abhängiges Entstehen versteht, darf man die Tatsache nicht vergessen, dass positive und negative Handlungen positive und negativ sind.

Alex: Das ist wohl wahr. Wenn wir über Relativität sprechen, reduzieren wir die Dinge nicht in dem Maße, dass jedes alles sein kann. Töten ist destruktiv, ganz gleich, was die Motivation ist. Selbst wenn wir aus sehr großem Mitgefühl töten, wie Buddha, als er den Seefahrer tötete, der vorhatte, die vierhundertneunundneunzig Kaufleute an Bord zu töten, ist es immer noch die destruktive Tat des Tötens. Sie reifte zu einer Erfahrung des Leids heran: Buddha trat sich einen Dorn ein. Das Leid, die negative Konsequenz, war aufgrund seiner starken mitfühlenden Motivation sehr geringfügig, doch es war noch immer eine destruktive Handlung, und die Gesetze des Karma hatten weiter ihre Gültigkeit: Eine destruktive Handlung führt zu Leid. Die Kraft der negativen Handlung ist relativ, aber nicht völlig relativ – eine destruktive Handlung kann keine konstruktive werden. Der Buddhismus stimmt zu, dass es eine Ordnung im Universum gibt.

Teilnehmer: Ein Mörder ist nicht inhärent ein Mörder. Die Tat des Tötens kann aus vielen unterschiedlichen Gründen geschehen.

Alex: Der Punkt ist, dass Töten konventionell eine destruktive Handlung ist. Wenn wir es in unserer westlichen Sprache so formulieren, dass Töten letztendlich nicht negativ ist, geraten wir in große Schwierigkeiten. Darüber haben wir ja gerade gesprochen: dann kann jedes zu allem werden. Wir könnten sagen, dass es nichts Auffindbares in der Tat des Tötens gibt, das es aus sich heraus zu einer destruktiven Handlung macht. Es hängt davon ab, dass da jemand ist, der das Töten ausführt, jemand, der getötet wird, und von einem geistigen Kontinuum, das davon beeinflusst wird und als Resultat Leid erleben wird. Die negative karmische Kraft aus dieser Tat besteht als Teil des geistigen Kontinuums des Ausübenden weiter, so dass der Mensch, der getötet hat, als Resultat Leid erleben wird. Wir können nicht nur davon sprechen, dass etwas „destruktiv“ ist, unabhängig von Ursache und Wirkung. Es ist nicht einfach nur destruktiv da oben im Himmel. Destruktiv bedeutet, dass eine bestimmte Handlung als eine Erfahrung von Leid für den Ausübenden heranreift.

Teilnehmer: Was macht die Tat dann destruktiv?

Alex: Die Tat ist destruktiv in Abhängigkeit von Faktoren außerhalb ihrer selbst – in diesem Fall, der karmischen Wirkung der Handlung. Es ist nicht so, dass die Tat inhärent, von sich aus, destruktiv ist, durch etwas, dass sich in ihr auffinden lässt.

Nehmen wir ein weiteres Beispiel, das den Punkt mehr in unsere Alltagssituation holt. Unserem Hund ist in der Küche ein kleines Malheur passiert und wir werden wütend und schreien ihn an „Böser Hund! Du hast den Fußboden schmutzig gemacht! Das ist BÖSE!“, als ob die Tat in sich selbst, unabhängig von allem anderem, als böse existiert.

Teilnehmer: Was ist die Wirkung?

Alex: In diesem Beispiel ist es einfacher, an das Resultat „durch Menschenhand“ zu denken als an die karmische Wirkung, die der Hund erleben wird. Bitte seien Sie sich bewusst, dass es einen Unterschied zwischen karmischer und menschlich erzeugter Wirkung gibt. Die vom Mensch erzeugte oder in diesem Falle die vom Hund erzeugte Wirkung der Handlung ist, dass der Boden schmutzig ist und wir ihn saubermachen müssen. Auf der Basis dieses Kriteriums war das, was der Hund gemacht hat, nicht schön.

Abhängiges Entstehen und Wahlmöglichkeiten

Teilnehmer: Im Lichte dieser Diskussion über gültiges Bezeichnen und Meinungen, was wird empfohlen, um korrekte Entscheidungen zu treffen?

Alex: Zu jeder Entscheidung gehören so viele verschiedene Faktoren. Es ist nicht einfach nur die Frage, ob man die eine oder andere Alternative als korrekte Antwort auf das Dilemma bezeichnet, oder als seine Lösung. Um zu bestimmen, was konventionell gesehen die wirklich angemessene Entscheidung ist, müssen wir zum Beispiel so viele Faktoren wie nur möglich berücksichtigen, die Einfluss auf das Ergebnis haben. Was immer geschieht ist nicht nur von einer Sache verursacht. Es ist wichtig, dass wir unseren Handlungen und Entscheidungen nicht übermäßig große Bedeutung beimessen. Wenn wir zum Beispiel etwas sagen, und jemand anderes ärgert sich darüber, gibt es viele Faktoren, die dazu geführt haben, dass der andere sich ärgert, nicht nur das, was wir gerade gesagt haben.

Es ist leicht zu sagen „Solange wir gute Absichten haben, ist jede Entscheidung in Ordnung“, doch wie eine englische Redensart sagt: „Der Weg zur Hölle ist gepflastert mit guten Absichten.“ Noch dazu haben wir vielleicht mehrere Absichten und Motivationen hinter jeder möglichen Handlung, zu der wir uns entscheiden könnten, nicht nur eine, es ist also ziemlich komplex.

Einige sagen „Handle spontan“, aber spontan ist oft gleichbedeutend mit neurotisch. Wenn unser Baby weint und das erste, was uns einfällt, ist, es zu schlagen, würden wir nicht behaupten, dass das die beste Wahl ist, nur weil es uns spontan eingefallen ist. Wir müssen versuchen, so viele unterschiedliche Dinge wie möglich zu berücksichtigen, wenn wir eine Entscheidung treffen wollen.

Mein Buch „Die Entwicklung einer ausgewogenen Sensibilität“ (s.o.) enthält eine Reihe von zweiundzwanzig Übungen, und die letzte und schwierigste handelt davon, wie man Entscheidungen auf eine sensible Weise fällt, besonders Entscheidungen, ob man eine Beziehung beenden oder den Job wechseln sollte. Diese Übung enthält eine detaillierte Analyse, um zu klären, was ich gefühlsmäßig tun möchte, was ich tun will, was ich tun muss, und was mir meine Intuition sagt. Diese vier können voneinander abweichen.

Ich muss zum Beispiel eine Diät einhalten, ich will meine Diät einhalten, aber ich möchte gern ein Stück Kuchen essen. Meine Intuition sagt mir, dass ich hinterher ein schlechtes Gewissen haben werde. Wir müssen diese vier Aspekte der Entscheidung analysieren, ebenso wie ihre jeweiligen Gründe. Vielleicht möchten wir Kuchen essen, weil wir einen Heißhunger auf Kuchen haben. Warum wollen wir Gewicht verlieren? Ist es aus gesundheitlichen Gründen, aus Eitelkeit, oder um attraktiver zu sein, um einen Partner zu finden? Wir müssen auch die Konsequenzen unseres Tuns abwägen und dann all die verschiedenen Faktoren, um zu sehen, welche gültig sind und welche nicht. Zum Beispiel: „Ich will im Augenblick gar nichts essen, ich habe gar keine Lust dazu, aber wenn ich jetzt nichts esse, werde ich den ganzen Tag nicht mehr zum Essen kommen. Also esse ich besser jetzt etwas.“

Auf diese Weise versuchen wir, Entscheidungen zu treffen, wobei wir versuchen, all den verschiedenen Faktoren gegenüber so empfänglich wie möglich zu sein. Das ist besonders wichtig, wenn es um schwierige Entscheidungen geht. Bei Entscheidungen wie „Sollte ich heute ein schwarzes oder ein blaues Hemd anziehen“ oder „Was sollte ich im Restaurant bestellen“ – wählen Sie einfach irgend etwas, es ist nicht so wichtig. Wir sollten es nicht zu weitgehend analysieren. Es ist nicht leicht, Entscheidungen zu fällen.

Es ist recht interessant, dass eine der grundlegenden sechs störenden Emotionen und Geisteshaltungen unentschlossenes Schwanken ist, die Unfähigkeit, sich zu entscheiden. Um diesen schwächenden Geisteszustand zu überwinden, können wir uns der detaillierten Dharma-Analyse der Faktoren zuwenden, die uns dazu bringen, dass wir etwas tun möchten oder wollen. Die Lehren über Karma und die Funktionsweisen des Geistes können das Entstehen dieser Faktoren auf eine sehr komplizierte und anspruchsvolle Weise erklären. Innerhalb dessen können wir untersuchen, welche Faktoren die unterschiedlichen tibetischen Schulen als gültig oder ungültig bezeichnen.

Teilnehmer: Was geschieht, wenn wir zum Beispiel so müde sind, dass wir einfach nicht aus dem Bett kommen?

Alex: Das liegt oft daran, dass wir Dinge tun müssen, die wir nicht wirklich tun wollen oder möchten. Und das ist in Ordnung. Ich möchte nicht wirklich aufstehen, ich will im Bett bleiben, aber ich muss aufstehen, weil ich zur Arbeit gehen muss.

Teilnehmer: Vielleicht geht es mir nicht gut und ich muss im Bett bleiben, damit es nicht schlimmer wird.

Alex: Dann müssen Sie untersuchen, ob das stimmt oder ob Sie sich nur etwas vormachen. Ist das eine Ausrede? Anhand von Chandrakirtis Kriterien, würde jemand anderes objektiv Ihrer Meinung sein, wenn er Sie sieht?

Teilnehmer: Da dritte Kriterium von Chandrakirti ist schwer zu erfüllen.

Alex: Ja, wir können völlig davon überzeugt sein, dass wir wirklich acht Stunden Schlaf jede Nacht brauchen. Doch wir sind uns bewusst, dass wir uns auch täuschen könnten, und so beziehen wir diesen Faktor mit ein. Versuche ich nur, eine Ausrede zu finden, weil ich wirklich im Bett bleiben möchte, obwohl ich aufstehen sollte?

Teilnehmer: Wie können wir wissen, (dass wir wissen), dass wir die richtige Entscheidung getroffen haben?

Alex: Darum ist das die letzte der Übungen: Sie ist die schwierigste. Solange wir kein Buddha sind, können wir nie genau wissen, ob wir die richtige Entscheidung getroffen haben. Wir kennen die Konsequenzen für unsere Handlungen nicht. Wir müssen auch offen sein für die möglichen Veränderungen, die auftreten können, besonders bei Entscheidungen über ein mögliches Beenden einer Beziehung. Das ist eine schwere Entscheidung. Nachdem man so viele Faktoren wie möglich in die Waagschale geworfen hat, müssen wir mit der anderen Person darüber sprechen und sehen, wie sich die Dinge entwickeln.

In unserer Diskussion über die Leerheit wäre Leerheit in diesem Zusammenhang die Abwesenheit von etwas Inhärentem, das eine Entscheidung von sich aus zur richtigen machen würde. Sie existiert nicht auf diese Weise; sie hängt von vielen verschiedenen Dingen ab. Es ist nicht so, dass eine Sache, die wir entscheiden oder sagen, von sich aus die Wirkung dessen, was geschieht, hervorbringt. Was geschieht entsteht aus einer Million unterschiedlicher Ursachen, nicht nur aus dem, was wir tun.

Es mag den Anschein haben, dass wir etwas getan haben, wodurch alles schief gelaufen ist, und dann fühlen wir uns schuldig, als würde unsere Tat inhärent existieren und aus sich selbst heraus Dinge zum Scheitern bringen. So erscheint es uns und daran glauben wir, und daher haben wir Schuldgefühle. Konventionell haben wir vielleicht zum Scheitern beigetragen, aber mit Sicherheit hat das, was wir getan haben, nicht aus sich heraus, unabhängig von allem anderen, dazu geführt. Es gab viele Ursachen. Wie Buddha sagte, ein Eimer wird nicht vom ersten noch vom letzten Wassertropfen gefüllt, sondern dadurch, dass sich alle Tropfen ansammeln. Es gibt Tausende und Abertausende von Faktoren, die eine Wirkung zeitigen und für das verantwortlich sind, was passiert.

Verantwortung und Schuld

Teilnehmer: Was sind das für Faktoren zum Beispiel?

Alex: Ich habe zum Beispiel das Glas Wasser umgestoßen und nun ist der Fußboden nass. Er ist nicht nur nass, weil ich das Glas umgestoßen habe, sondern weil ein Idiot es zu nahe an die Tischkante gestellt hat, weil jemand den Tisch gebaut hat, weil der Tisch diese Höhe hat und das Licht so war, dass ich es nicht gesehen habe – es waren eine Million von Faktoren daran beteiligt.

Teilnehmer: Aber die Person, die den Tisch gebaut hat oder das Glas an den Rand gestellt hat, ist doch bestimmt nicht für die Nässe verantwortlich.

Alex: Doch, wir sind verantwortlich, aber nicht daran Schuld. Ich habe das Glas umgeworfen, aber das macht mich nicht inhärent zu einem tollpatschigen Idioten, so dass man mit mir nirgends hingehen kann, weil ich immer Dinge umwerfe. Menschen identifizieren sich mit solchen Dingen: „Ich bin unbeholfen“ oder „Ich kann keine Glühbirne wechseln, ohne sie kaputt zu machen, also hilf mir bitte.“ Das sind weit verbreitete Gedanken. Wir alle haben sie. Wir sprechen nicht über irgendetwas Hochtrabendes, Philosophisches; wir sprechen über unser alltägliches Leben.

Teilnehmer: Was bedeutet „Schuld“?

Alex: „ Schuld“ bedeutet, dass wir inhärent etwas in uns haben, das uns zu schlechten Menschen macht, und dass das, was wir getan haben, inhärent schlecht war. Wir haben etwas getan, wir identifizieren das, was wir getan haben, als inhärent schlecht und uns selbst als inhärent schlechte Menschen, und dann halten wir an diesen Identitäten fest und lassen sie nicht mehr los.

Teilnehmer: Wenn man jemandem die Brieftasche aus der Hosentasche stiehlt, ist man dann nicht schuldig?

Alex: Seien Sie vorsichtig mit dem Gebrauch des Wortes „ schuldig“. Wenn Sie es im Hinblick auf das Gesetz benutzen, ja, dann sind sie vor dem Gesetz schuldig. Doch wenn wir es im Sinne eines Schuldgefühls benutzen, bedeutet es etwas anderes.

Widmung

Hören wir mit einer Widmung auf. Welches Verständnis wir auch über Leerheit gewonnen haben mögen, möge es sich immer mehr vertiefen, so dass unser Verständnis klarer wird, so dass wir, auch wenn der Kerl, der neben uns fährt, ein echter Idiot zu sein scheint, nicht tatsächlich glauben, dass das der Wirklichkeit entspricht. Mögen wir langsam sehen, wie Dinge aufgrund von vielen Faktoren als „dieses“ oder „jenes“ entstehen, so dass wir mit diesen Faktoren arbeiten und hilfreiche Resultate erzeugen können. Mögen diese hilfreichen Resultate nicht nur dazu beitragen, dass unsere samsarische Existenz angenehmer wird. Mögen sie als Ursachen dienen, dass wir zum Wohle aller Erleuchtung erlangen.

Vielen Dank.