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Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Hindernisse für die Entwicklung von Konzentration, insbesondere während tantrischer Rezitations-Meditation

Geshe Sönam Rinchen
Dharamsala, Indien, Dezember 1988
Ins Englische übersetzt und bearbeitet von Alexander Berzin
Übersetzung ins Deutsche: Cornelia Krause

Einführung

Um einen still gewordenen und zur Ruhe gekommenen Geisteszustand (tib. zhi-gnas, Skt. shamatha) zu verwirklichen, muss das Meditationsobjekt gleich bleiben: Die Unterweisungen, in denen die Richtlinien enthalten sind, besagen, dass das Objekt der Ausrichtung, sobald wir es gewählt haben, nicht mehr verändert werden soll. Das bedeutet nicht nur, dass wir bei der Entwicklung von Shamatha das Objekt, auf das wir uns ausrichten, nicht wechseln dürfen, indem wir z.B. von der Konzentration auf unseren Atem zur Visualisierung eines Buddha übergehen. Es bedeutet auch, dass unser Meditationsobjekt sich nicht ändern sollte, während wir uns darauf konzentrieren, indem z.B. das Bild des Buddha, den wir visualisieren, sich im Laufe der Sitzung bewegt, größer oder kleiner wird oder sich verändert. Obwohl wir einen hervorragenden Zustand vertiefter Konzentration (tib. ting-nge-’d zin, Skt. samadhi) erlangen können, indem wir uns auf eine tantrischen Rezitation konzentrieren - und ebenso wenig die wechselnden Visualisierungen, die mit der Rezitation einhergehen -, können wir diese also nicht dafür verwenden, den still gewordenen und zur Ruhe gekommenen Geisteszustand von Shamatha zu erreichen. Aber da der Schritt, mit dem wir vertiefte Konzentration erlangen, dem Erreichen des still gewordenen und zur Ruhe gekommenen Geisteszustandes vorangeht, ist es wichtig, die Fehler grober und subtiler geistiger Flatterhaftigkeit und geistiger Trägheit zu erörtern, die auftreten, während wir uns auf eine tantrischen Rezitation konzentrieren. Wir müssen Anstrengungen unternehmen, all diese Fehler der Konzentration in jedweder Meditation, die wir durchführen, zu beseitigen.

Fehler im geistigen Festhalten des Meditationsobjekts

Geistiges Abschweifen und Flatterhaftigkeit des Geistes

„Ablenkung“ (tib. ’ phro-ba) ist ein allgemeiner Begriff, der sowohl Flatterhaftigkeit des Geistes (tib. rgod-pa, geistige Unruhe) als auch geistiges Abschweifen (tib. rnam-g.yeng) umfasst. Der Unterschied zwischen geistigem Abschweifen und grober Flatterhaftigkeit des Geistes (tib. rgod-pa rags-pa) besteht nicht darin, dass beim geistigen Abschweifen der Geist von einem Objekt zum anderen wandert, während es bei der groben Flatterhaftigkeit nur darum geht, dass der Geist das Meditationsobjekt überhaupt verlässt. Die beiden Begriffe werden vielmehr anhand des Geistesfaktors unterschieden, unter dessen Einfluss der Geist das Meditationsobjekt verlässt. Wenn der Geist unter dem Einfluss von Verlangen oder Anhaftung (tib. chags-pa) zu einem anderen Objekt wandert, nennt man das „Flatterhaftigkeit des Geistes“. Verlässt er das Meditationsobjekt unter dem Einfluss von irgendetwas anderem, nennt man das „ geistiges Abschweifen“. Diese Unterscheidung wird gemacht, weil die meiste Ablenkung für Anfänger durch Verlangen und Anhaftung verursacht wird.

Geistiges Abschweifen kann unter dem Einfluss des ein oder anderen der wurzelgleichen störenden Emotionen oder auch der zusätzlichen störenden Emotionen auftreten, z.B. unter dem Einfluss von Ärger, Stolz oder Eifersucht. Es kann auch auftreten, wenn der Einfluss nicht durch eine der störenden Emotionen verursacht ist, etwa wenn der Geist zu Gedanken des Mitgefühls mit einer Person abwandert, während er eigentlich auf die Abwesenheit unmöglicher Existenzweisen dieser Person ausgerichtet ist.

Ebenen des geistigen Abschweifens und der groben Flatterhaftigkeit des Geistes

Sowohl beim geistigen Abschweifen als auch bei der groben Flatterhaftigkeit des Geistes gibt es viele Abstufungen. Die gröbste Ebene tritt auf, wenn der Geist das Meditationsobjekt verlässt (tib. dmigs-pa shor, das Objekt der Ausrichtung verlieren) und von einem nicht zum Thema gehörigen Objekt zum anderen wandert (tib. rnam-rtog, diskursive Gedanken). Die Zeitdauer, während derer der Geist abschweift, oder die Anzahl der nicht zum Thema gehörigen Gedanken, die auftreten, kann unterschiedlich sein. Die geringfügigste Ebene dieser Fehler besteht darin, dass der Geist das Objekt bloß verlässt. Dazugehörig ist auch der Fehler, dass man das Medikationsobjekt vergisst (tib. brjed-pa).

Eine andere Dimension des geistigen Abschweifens und der groben Flatterhaftigkeit des Geistes kann auftreten, wenn wir während der Meditation versuchen, uns auf zwei oder mehr Wahrnehmungsarten zu konzentrieren. Es kann sein, dass wir dabei für jede Wahrnehmungsart ein unterschiedliches Maß an Aufmerksamkeit und Vergegenwärtigung erleben.

  • Die Aufmerksamkeit (tib. yid-la byed-pa) bewirkt, dass unsere geistige Aktivität sich mit einem Meditationsobjekt beschäftigt
  • Die Vergegenwärtigung (tib. dran-pa) hält unsere Aufmerksamkeit davon ab, dass sie das Objekt verliert. Sie wirkt wie eine Art geistiger Klebstoff.

Wenn wir zum Beispiel eine tantrische Meditation mit laut ausgesprochener Rezitation durchführen, müssen wir unsere Aufmerksamkeit, um die Wörter der Rezitation auszusprechen, auf die taktile Wahrnehmung richten, die mit den Bewegungen unseres Mundes und der Zunge verbunden ist. Wenn wir gleichzeitig den Rezitationstext lesen, während wir ihn rezitieren, müssen wir sie auch auf die visuelle Wahrnehmung der Wörter richten. Wir können auch den Text still mitlesen, während wir uns zugleich darauf konzentrieren, die Wörter geistig zu rezitieren. Vielleicht sind wir sogar imstande, mit hoher Geschwindigkeit zu lesen, ohne die Wörter überhaupt geistig zum Ausdruck zu bringen. Die Objekte, auf die wir in solcher Meditation ausgerichtet sind, sind jedoch nicht nur die Objekte unserer Sinneswahrnehmung und Wörter. Wir müssen uns gleichzeitig auch noch mit unserer geistigen Wahrnehmung sowohl auf die Bedeutung der Wörter als auch auf die Visualisierungen konzentrieren, die damit einhergehen.

Die Aufmerksamkeit auf jedes dieser beteiligten Objekte einer solch komplexen tantrischen Meditation aufrechtzuerhalten, kann ein unterschiedliches Ausmaß an Anstrengung erfordern, aber sie alle erfordern gleichermaßen Aufmerksamkeit und Vergegenwärtigung. Wir können dabei leicht einen oder mehrere dieser Bestandteile der Meditation aus dem Fokus verlieren. Das kann durchaus auch ohne Ablenkung auf ein Objekt geschehen, das nicht zum Thema gehört, z.B. wenn man mit der Rezitation fortfährt, aber dabei nicht mehr die Bedeutung der Wörter und die Visualisierung im Sinn hat oder eines der beiden aus dem Sinn verliert. Dieser Fehler kann auch aufgrund von grober Flatterhaftigkeit des Geistes oder geistigem Abschweifen auftreten, indem man an etwas völlig anderes denkt, etwa an Pläne für den nächsten Tag. In dem Fall kann es sogar sein, dass man die Rezitation ohne Unterbrechung der Konzentration auf die taktile Wahrnehmung fortsetzt, die damit verbunden ist, dass man den Klang der Wörter erzeugt, oder auch ohne Unterbrechung der Konzentration auf die visuelle Wahrnehmung beim Lesen der Wörter. Aber wenn wir während dieser Rezitation an unsere Pläne für den nächsten Tag denken, haben wir aufgrund der groben Flatterhaftigkeit des Geistes unser geistiges Erfassen des Objekts verloren, auf das die geistige Wahrnehmung während der Meditation gerichtet sein sollte (nämlich die Visualisierung und die Bedeutung der rezitierten Wörter).

Subtile Flatterhaftigkeit des Geistes

Subtile Flatterhaftigkeit (tib. rgod-pa phra-mo) bedeutet, dass wir auf das Objekt ausgerichtet sind und den Geist darauf platziert (tib. gnas-pa) haben, jedoch ein Fehler in der Stärke des geistigen Festhaltens (tib. ‘ dzin-pa) am Objekt auftritt. Wenn wir es z.B. zu stark festhalten, kann ein subtiles Gefühl von Verkrampftheit oder Spannung entstehen, etwa wie ein Jucken, das uns veranlasst, das Meditationsobjekt zu verlassen. Das wird als ähnlich dem Druck oder der Spannung beschrieben, die sich im Eis eines zugefrorenen Flusses aufbaut, wenn unterhalb der Oberfläche das Schmelzwasser gerade zu fließen beginnt.

Ein weiteres Beispiel [für die subtile Flatterhaftigkeit] ist es, wenn die Kraft unseres geistigen Festhaltens und der Vergegenwärtigung des gewählten Objekts so schwach wird, dass gleichzeitig ein anderes, nicht zum Thema gehöriges Objekt mit Platzierung der Vergegenwärtigung erfasst werden kann. Es können dabei viele Ebenen unterschiedlicher Stärke der Vergegenwärtigung eines Objekts vorhanden sein. Ein Beispiel dafür wäre, wenn wir z.B. auf das visualisierte Bild eines Buddha konzentriert sind und die Visualisierung aufrechterhalten, aber aufgrund einer Art geistigen Juckreizes das Augenmerk auch auf den Gedanken richten, was es wohl zum Frühstück gibt. Diese Art subtiler Flatterhaftigkeit des Geistes kann auftreten, während wir sowohl auf die visualisierte Gestalt als auch auf den Klang des begleitenden Mantras ausgerichtet sind, oder auch, wenn wir versuchen, uns bloß auf die Visualisierung zu konzentrieren.

Ein noch subtilerer Fall dieses Fehlers tritt auf, wenn wir mit geschlossenen Augen meditieren und unsere Aufmerksamkeit teilweise bzw. leicht abgelenkt durch die verzerrte visuelle Wahrnehmung von aufblitzenden Lichtpunkten ist, die dabei erscheinen können. Die größte Gefahr bei der Meditation mit geschlossenen Augen besteht jedoch darin, dass wir, wenn wir nach einer Zeit der Meditation mit geschlossenen Augen die Augen wieder öffnen, eine heftige Ablenkung durch die plötzliche visuelle Wahrnehmung unserer Umgebung erleben. Infolgedessen verlieren wir jegliche Vergegenwärtigung des Objekts, auf das wir in unserer Meditation ausgerichtet waren, mit anderen Worten, wir vergessen es völlig.

Fehler bezüglich der Klarheit der Meditation

Geistige Trägheit, geistige Umnebelung und Schläfrigkeit

Geistige Trägheit (tib. bying-ba, Absinken) ist ein Geistesfaktor, der das Hervorbringen von Erscheinungen (tib. gsal-ba, Klarheit) beeinträchtigt, das mit dem geistigen Festhalten eines Meditationsobjekts durch die Vergegenwärtigung verbunden ist. Mit anderen Worten, geistige Trägheit ist ein geistiger Fehler; sie bezieht sich nicht auf einen Fehler in der Erscheinung des Meditationsobjektes selbst.

Wir müssen geistige Trägheit von geistiger Umnebelung (tib. rmugs-pa) unterscheiden. Im Falle grober geistiger Trägheit (tib. bying-ba rags-pa) ist das geistige Festhalten eines Meditationsobjekts schwach ausgeprägt, so dass die Erscheinung des Objekts nur unklar hervorgebracht wird. Geistige Umnebelung hingegen ist ein Gefühl der Schwere sowohl den Körper als auch den Geist betreffend.

Geistige Umnebelung und grobe geistiger Trägheit können beide in einem einzigen Moment geistiger Aktivität auftreten. Sie müssen nicht notwendigerweise aufeinander folgen: Grobe geistiger Trägheit artet nicht unbedingt in geistige Umnebelung aus. Geistige Umnebelung kann aber in Schlaf (tib. gnyid) ausarten.

Geistige Umnebelung kann mit oder ohne Aufrechterhaltung des geistigen Festhaltens eines Meditationsobjekts auftreten. Wenn sie mit grobem geistigem Abschweifen einhergeht, verlieren wir das Objekt unserer Ausrichtung völlig. Bei der groben geistigen Trägheit hingegen bleibt immer ein mentales Festhalten des Meditationsobjekts bestehen, aber der Geist ist nicht klar in Bezug auf das Objekt. Ausrichtung auf ein Objekt ohne Klarheit kann also mit oder ohne geistige Umnebelung stattfinden.

Schlaf bedeutet nicht dasselbe wie Schläfrigkeit, sondern ist einfach der Zustand, in dem sich der Geist von allen Sinneswahrnehmungen zurückgezogen hat – nicht nur von einer Art von Sinneswahrnehmung, wie etwa dann, wenn wir Klängen zuhören und der Geist dadurch von visuellen Wahrnehmungen abgezogen wird. Schlaf kann leicht oder schwer sein, je nachdem, wie weit sich der Geist von Sinneswahrnehmungen zurückgezogen hat. Schläfrigkeit wird zwar in den Texten nicht speziell erörtert, ist aber zweifellos eine Form von geistiger Umnebelung.

Subtile geistige Trägheit

Subtile geistige Trägheit (tib. bying-ba phra-mo) tritt auf, wenn sowohl die geistige Platzierung als auch Klarheit in Bezug auf ein Meditationsobjekt vorhanden ist, aber das geistige Festhalten des Objekts zu locker ausgeprägt ist. Aufgrund dessen besteht die Gefahr, dass die Klarheit verlorengeht. Es handelt sich um einen Zustand mangelnder Frische (tib. gsar). Man ist etwas zu entspannt, zu lässig oder auf eine etwas blasierte Weise gleichgültig. Im Falle subtiler geistiger Trägheit kann es zwar so scheinen, als hätten wir eine gute Konzentration, aber wenn unser Geisteszustand dabei zu locker ist, können wir nie die Frische, Lebhaftigkeit und Intensität des Geistes erlangen, die erforderlich ist, um tiefe Einsicht zu gewinnen.

Unentschiedene Wahrnehmung

Unentschiedene Wahrnehmung (tib. snang-la ma-nges-pa, unaufmerksame Wahrnehmung) tritt zusammen mit einer einfachen unbegrifflichen Wahrnehmung in einem Sinnesbereich auf, z.B. wenn wir im Hintergrund einer Person ein Bild an der Wand sehen, während wir auf den Anblick der Person konzentriert sind. Es besteht keine erkennende Gewissheit (tib. nges-pa) im Hinblick auf die visuelle Wahrnehmung des Bildes an der Wand, obwohl wir es mit unbegrifflicher Wahrnehmung sehen. Infolgedessen können wir uns nicht daran erinnern, das Bild gesehen zu haben, obwohl wir uns daran erinnern können, dass wir die Person gesehen haben.

Unentschiedene Wahrnehmung kann leicht auftreten, wenn wir im Stillen die Worte eines Gebetes oder den Text einer tantrischen Meditation lesen. Obwohl wir eine unbegriffliche visuelle Wahrnehmung der Textseiten haben, besteht nur sehr geringe Aufmerksamkeit auf die Wörter, die wir sehen, so dass wir viele davon übersehen. Möglicherweise merken wir nicht einmal mehr, dass wir sie lesen. Dieser Fehler der unentschiedenen Wahrnehmung kann auch auftreten, während wir den Text laut rezitieren.

Etwas Ähnliches wie die unentschiedene Wahrnehmung kann auch während einer mit Vorstellungen verbundenen geistigen Wahrnehmung stattfinden, etwa wenn wir einen Buddha visualisieren und dabei etwas „weggetreten“ oder benommen werden. So ähnlich, wie das Bild an der Wand im Hintergrund einer Person zwar klar gesehen werden kann, ihm aber in der unentschiedenen Wahrnehmung kaum Aufmerksamkeit geschenkt wird, kann der Geist auch in Bezug auf die visualisierte Buddhagestalt zwar klar sein, aber nur minimale Aufmerksamkeit darauf vorhanden sein. Dies ist ein Fehler in der Vergegenwärtigung und Aufmerksamkeit; er kann auch mangelndes Interesse oder mangelnde Motivation anzeigen.

Obwohl die unentschiedene Wahrnehmung streng genommen keine Form geistiger Trägheit ist, ist sie ein großes Hindernis für die Konzentration. Die wesentliche Aufgabe bei der Konzentration besteht schließlich darin, die Vergegenwärtigung eines Meditationsobjekts aufrechtzuerhalten und mit Interesse und voller Aufmerksamkeit dabei zu bleiben. Wenn wir „abheben“, haben wir die Vergegenwärtigung verloren und entziehen dem Meditationsobjekt Aufmerksamkeit, egal, ob eine geistige Platzierung auf das Objekt vorhanden ist oder nicht und ob geistige Klarheit vorhanden ist oder nicht.