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Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Allgemeine Darstellung von Shamatha und Vipashyana

Alexander Berzin
Mai 2001
Übersetzung ins Deutsche: Karin Behrendt und Monika Schreiber

Geistige Stabilität im Kontext von Bodhichitta

Bodhichitta ist ein Hauptgewahrsein (tib. gtso-sems), das auf unsere zukünftige Erleuchtung ausgerichtet und von zwei Absichten (tib. ‘ dun-pa) begleitet ist:

  • diese Erleuchtung zu erreichen
  • anderen durch diese Erleuchtung so umfassend wie möglich zu helfen.

Bodhichitta hat zwei Phasen, gestaffelt anhand der Art, wie es seine Aufmerksamkeit (tib. yid-la byed-pa) auf das Objekt, unsere zukünftige Erleuchtung, richtet:

  • anstrebendes Bodhichitta (tib. smon-sems, wünschendes Bodhichitta),
  • ausübendes Bodhichitta (tib. ‘ jug-sems).

Anstrebendes Bodhichitta richtet seine Aufmerksamkeit auf unsere zukünftige Erleuchtung als ein Ziel, das wir zu erreichen wünschen oder anstreben. Seine beiden Phasen sind:

  • die lediglich anstrebende Stufe des anstrebenden Bodhichitta (tib. smon-sems smon-pa-tsam), der lediglich die Aufmerksamkeit auf unsere zukünftige Erleuchtung als Ziel richtet, das wir erreichen wollen
  • der Stufe des Versprechens des anstrebenden Bodhichitta (tib. smon-sems dam-bca’- can), der die Aufmerksamkeit auf unsere zukünftige Erleuchtung als Ziel richtet, das wir geloben, nie aufzugeben, bis wir es erreicht haben.

Ausübendes Bodhichitta richtet die Aufmerksamkeit auf unsere zukünftige Erleuchtung als ein Ziel, für dessen Erreichen wir uns vollständig in den Praktiken engagieren, die uns dazu verhelfen.

Das Entwickeln von ausübendem Bodhichitta beinhaltet das Ablegen des Bodhisattva-Gelübdes und das Ausüben von Bodhisattva-Verhalten (tib. byang-chub-gyi spyod-pa, Bodhisattva-Handlungsweise).

Bodhisattva-Verhalten beinhaltet, dass wir zu allen Zeiten mit den sechs weit reichenden Haltungen (tib. phar-phyin, Skt. paramita, Vollkommenheiten) handeln. Die fünfte unter ihnen ist geistige Stabilität (tib. bsam-gtan, Skt. dhyana, Jap. zen, „Konzentration“).

Geistige Stabilität ist sowohl emotional als auch mental zu verstehen. Im „Eintritt in das Verhalten eines Bodhisattva“ (tib. sPyod-‘jug, Skt. Bodhicarya-avatara), betont Shantideva, der indische Meister des achten Jahrhunderts, dass bei geistiger Stabilität die Emotionen stabil bleiben, ohne auf und ab zu schwanken. Folglich bleibt der Geist unabgelenkt von Gedanken, das heißt Gedanken, die durch störende Emotionen und Geisteshaltungen hervorgebracht werden.

Es gibt mehrere Ebenen eines stabilen Geistes (die verschiedenen dhyanas), unterschieden gemäß der Präsenz oder Abwesenheit der geistigen Faktoren von grobem Feststellen (tib. rtog-pa), subtilen Urteilsvermögen (tib. dpyod-pa), Glücksgefühlen (tib. bde-ba) und Gefühlen von Gleichmut (tib. btang-snyoms).

Das Erlangen geistiger Stabilität und die verschiedenen Ebenen von stabilem Geist sind nicht nur im Mahayana zu finden. Sie kommen auch in den Hinayana-Pfaden vor. Darüber hinaus sind die Praktiken, um sie zu erreichen, nicht nur im Buddhismus vorhanden. Nichtbuddhistische Schulen in Indien lehren ebenfalls Methoden, um die verschiedenen Dhyanas zu erlangen.

Damit geistige Stabilität und die höheren Zustände der Konzentration, wie Shamatha und Vipashyana, buddhistisch sind, müssen wir sie im Rahmen des Einschlagens einer sicheren Richtung im Leben (Zufluchtnahme) praktizieren und anwenden. Sollen sie Mahayana sein, müssen wir sie im Rahmen von Bodhichitta praktizieren und anwenden.

Verschiedene Zustände der Konzentration

Um geistige Stabilität zu gewinnen, müssen wir unsere Konzentration (tib. ting-nge-‘dzin, Skt. samadhi) verbessern. Der Begriff Konzentration kann auch als „geistiges Fixieren“ übersetzt werden. Konzentration oder geistiges Fixieren ist das Verweilen der Aufmerksamkeit, entweder bei einem spezifischen Objekt oder in einem spezifischen Geisteszustand, wie Liebe oder Wut.

Gemäß dem Werk Vasubandhus (ein indischer Meister des vierten oder fünften Jahrhunderts) „ Schatzhaus spezieller Themen des Wissens“ (tib. Chos mngon-pa’i mdzod, Skt. Abhidharma-kosha), begleitet ein bestimmtes Maß an geistiger Fixierung jeden Moment unserer Erfahrung. Wenn zur Vollkommenheit gebracht, bleibt die Aufmerksamkeit auf ihr Objekt ausgerichtet, ohne sich davon wegzubewegen, und ist vollkommen klar und wach. Mit anderen Worten, sie ist vollkommen frei von geistiger Flatterhaftigkeit (tib. rgod-pa) und geistiger Dumpfheit (tib. bying-ba) und kann durch nichts abgelenkt werden. Diese Ebene von geistiger Fixierung nennt man vertiefte Konzentration.

Ist vertiefte Konzentration auf die vier edlen Wahrheiten oder genauer auf das Nichtvorhandensein einer unmöglichen „Seele“ fokussiert (tib. bdag-med, Identitätslosigkeit, Freiheit von Selbst) von Personen (tib. gang-zag) oder Phänomenen (tib. chos) ausgerichtet – konzeptuell oder nicht-konzeptuell – nennt man sie völlige Vertiefung (tib. mnyam-bzhag, meditatives Gleichgewicht).

Während einer Meditationssitzung, unmittelbar im Anschluss an eine Zeitspanne völliger Vertiefung auf das Nichtvorhandensein einer unmöglichen „Seele“, wenn sich die Konzentration darauf richtet, dass Personen oder Phänomene wie eine Illusion sind, nennt man sie nachfolgendes Erlangen (tib. rjes-thob, nachfolgende Verwirklichung, Periode der Nachmeditation). Die Wahrnehmung der nachfolgenden Erlangung kann manchmal andauern, während man über andere Themen meditiert, und manchmal auch zwischen den Meditationssitzungen andauern.

Die fünf Hindernisse für Konzentration

Wollen wir unsere Konzentration verbessern, ist es erforderlich, daran zu arbeiten, die fünf Hindernisse für Konzentration zu beseitigen:

  • geistige Flatterhaftigkeit und Reue (tib. rgod-’gyod)
  • Böswilligkeit (tib. gnod-sems)
  • geistige Umnebelung und Schläfrigkeit (tib. rmugs-gnyid)
  • Absichten, begehrenswerte Objekte zu erfahren (tib. ‘dod-la ‘dun-pa) (der Geist wandert in diese allgemeine Richtung ab)
  • Unentschlossenheit (tib. the-tshoms).

Diese fünf können in geistige Flatterhaftigkeit (tib. rgod-pa) (einer Unterkategorie der Ablenkung oder des geistigen Abschweifens) und geistige Dumpfheit (tib. bying-ba) zusammengefasst werden.

Shamatha: ein still gewordener und zur Ruhe gekommener Geist

Shamatha (tib. zhi-gnas, ruhiges Verweilen), ein still gewordener und zur Ruhe gekommener Geist, ist mehr als nur vertiefte Konzentration. Es ist nicht lediglich ein Zustand des Geistes, der von den Hindernissen für Konzentration befreit und einsgerichtet (tib. rtse-gcig) auf einem Objekt oder in einem bestimmten Zustand zur Ruhe gekommen ist. Er wird zusätzlich von einem weiteren geistigen Faktor (tib. sems-byung) begleitet: einem Gefühl von physischer und geistiger Leistungsfähigkeit (tib. shin-sbyangs, Geschmeidigkeit, Flexibilität).

Ein Gefühl von physischer und geistiger Leistungsfähigkeit ist der geistige Faktor, sich völlig dazu fähig zu fühlen, etwas zu tun – in diesem Falle, völlig auf etwas konzentriert zu bleiben. Er ist sowohl anregend wie glückselig, aber auf eine nicht störende Weise.

Von den beiden wichtigsten Arten der Meditation, klar erkennender (tib. dpyad-sgom, analytische Meditation) und stabilisierender (tib. ‘ jog-sgom, fixierende Meditation), ist Shamatha ein Beispiel für letztere.

[Siehe: Klar erkennende und stabilisierende Meditationen (Analytische und formelle Meditationen).]

Als Nebenprodukt bringt Shamatha außersinnliches Gewahrsein (tib. mngon-shes, höher entwickeltes Gewahrsein) hervor, wie die Fähigkeit, Dinge aus einer großen Entfernung sehen und hören zu können und sich anderer Menschen Gedanken bewusst zu sein. In seinem Werk „Licht für den Pfad zur Erleuchtung“ (tib. Lam-sgron, Skt. Bodhipathapradipa), betont Atisha, der indische Meister des späten zehnten Jahrhunderts, die Wichtigkeit, diese Fähigkeiten zu erlangen, um anderen besser helfen zu können.

Vipashyana: eine außergewöhnlich wahrnehmungsfähiger Geisteszustand

In sich selbst besitzt Shamatha nicht den Geistesfaktor der subtilen Unterscheidungsfähigkeit (tib. dpyod-pa, genaue Prüfung, Analyse). Subtile Unterscheidungsfähigkeit ist ein aktives Verständnis der feineren Details der Natur einer Sache, nachdem man sie sorgfältig untersucht hat. Sie impliziert kein verbales Denken, auch wenn sie von verbalem Denken eingeleitet sein mag. Daher betont Vipashyana von den beiden wesentlichen Arten der Meditation, unterscheidender und stabilisierender, die erste.

Wenn über Shamatha hinaus der Geistesfaktor subtiler Unterscheidungsfähigkeit und ein zweites Gefühl, das von körperlicher und geistiger Leistungsfähigkeit, vorhanden sind, wird der Geisteszustand zu Vipashyana (tib. lhag-mthong, Pali: vipassana, besondere Einsicht), einem außergewöhnlich wahrnehmungsfähigem Zustand des Geistes. Das zusätzliche Gefühl von Leistungsfähigkeit ist das Gefühl, völlig dazu fähig zu sein, die subtilen Details von allem zu unterscheiden und vollständig zu verstehen. Vipashyana muss nicht unbedingt auf Leerheit oder die vier edlen Wahrheiten ausgerichtet sein, obwohl das im Sutra im Allgemeinen der Fall ist.

Wenn ein Geisteszustand ein Zustand von Vipashyana ist, ist er automatisch auch ein verbundenes Paar: Shamatha und Vipashyana (tib. zhi-lhag zung-‘brel). Bei einem verbundenen Paar wird einer der beiden Teile – in unserem Fall Shamatha – zuerst erlangt, und dann wir der zweite Teil – in unserem Fall Vipashyana – ihm hinzugefügt (ihm verbunden). Daher können wir, auch wenn wir an Vipashyana arbeiten können, bevor wir Shamatha erlangt haben, Vipashyana nicht erlangen, bevor wir zuerst Shamatha erlangt haben.

[Siehe: Die Beziehung zwischen Shamatha, Vipashyana und stabilisierenden und klar erkennender Meditationen.]