Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Außerphysische und außersinnliche Kräfte

Alexander Berzin
Berlin, Deutschland, November 1999
Übersetzung ins Deutsche: Susan Schmieder
Lektorat: Monika Dräger

Buddhafelder und die Poren des Buddha

Heute sprechen wir über die außerphysischen und außersinnlichen Kräfte eines Buddhas. Wir werden analysieren, ob sie eine Bedeutung haben, oder ob es sich nur um nette Geschichten handelt.

Ich möchte hier zwei Aspekte erläutern. Der erste Aspekt betrifft einige der Beschreibungen die wir in Mahayana-Sutras finden: Viele Mahayana-Sutras beginnen mit einer Beschreibung der außergewöhnlichen Szene, in der der Buddha das Sutra darlegt: es sind viele Millionen verschiedener Wesen aus allen möglichen Bereichen anwesend. Dann beschreiben die Texte, dass alle Buddhas mit ihren Buddhafeldern präsent sind. In jeder Pore von Buddhas Körper ist ein Buddhafeld mit einem Buddha darin, der jeweils auch an Millionen von Wesen Unterweisungen gibt. Alle Buddhas in all diesen Buddhafeldern sind auch in jedem der anderen Buddhafelder anwesend. Die ganze Szene wird zu einer unglaublichen Versammlung.

Wir können fragen: „Worauf in aller Welt könnte sich das beziehen? Was ist der Zweck für diese Beschreibung?“ Ich weiß nicht, ob wir so eine Beschreibung wörtlichen verstehen sollen oder nicht. Ich tendiere dazu, sie nicht allzu wörtlich zu nehmen, sondern zu versuchen, sie im Lichte einer möglichen Entsprechung aus der Wissenschaft zu sehen. Aber darüber hinaus glaube ich, dass das Wichtigste an der Beschreibung die Analogie mit „Brahmas Netz“ ist, ein Bild, das wir in anderen indischen Quellen finden, nicht nur in den buddhistischen. Brahmas Netz ist ein Netz das ein Juwel an jedem Knoten hat. Jedes Juwel reflektiert sich in allen anderen Juwelen. Die Analogie ist, dass jede Pore des Buddha in seinem Buddhafeld alle anderen Buddhas in allen anderen Buddhafeldern reflektiert.

Ich glaube, dass es ein schönes Symbol für das Netzwerk ist, das alle Unterweisungen Buddhas beinhaltet. Viele große Meister haben Folgendes betont: wenn wir wirklich tief in jedes einzelne Wort von Buddhas Unterweisungen eintauchen, in allen verschiedenen Aspekte, dann können wir den ganzen Rest der Unterweisungen verstehen, die sich darin widerspiegeln. Mit anderen Worten: all die verschiedenen Unterweisungen von Buddha passen harmonisch zusammen.

Das ist ein wichtiger Punkt, den die großen Meister betonen. Wir müssen alle verschiedenen Aspekte der Unterweisungen miteinander verknüpfen. Die buddhistische Methode, Unterweisungen zu geben – speziell im tibetischen Buddhismus ist, den Schülern nacheinander die verschiedenen Teile eines sehr komplexen Puzzles zu geben. Genau genommen hat auch Buddha auf diese Weise gelehrt. Wenn man sich die Sutras anschaut, dann ergibt jedes Sutra ein weiteres Teil des Puzzles und es liegt an uns als Studenten und Schülern, das Puzzle zusammenzufügen. Wenn wir schon ein fertiges Puzzle bekommen würden, dann würden wir nichts daraus lernen. Wir entwickeln uns während wir versuchen, das Puzzle zusammenzufügen. Das gibt uns natürlich auch eine gute Gelegenheit, enorm viel Geduld und Ausdauer zu entwickeln, denn wenn unsere Motivation nicht stark genug ist, dann geben wir auf und legen das Puzzle beiseite.

Und darüber hinaus: es ist auch nicht wie ein gewöhnliches Puzzle. Es ist kein lineares Puzzle, in dem einfach ein Teil zu einem anderen passt, sondern es passt jedes Teil in jedes andere Teil. Es ist ein multidimensionales Puzzle. Wenn wir also daran arbeiten, diese Teile zusammenzufügen, dann ist es wichtig, das in der Art eines Netzwerkes zu tun. Mit anderen Worten: Wenn wir eine neue Unterweisung erhalten, dann betrachten wir sie nicht nur als einzelne, isolierte Entität, sondern wir versuchen, sie in das Netzwerk einzubauen und – , indem wir das neue Stück integrieren – das gesamte Netzwerk in größerem Stil funktionieren zu lassen

Zum Beispiel lernen wir zu Beginn unserer buddhistischen Studien vielleicht etwas über die sichere Ausrichtung der Zuflucht. Später dann lernen wir etwas über die Vier Edlen Wahrheiten und wir fügen es zusammen und analysieren es zum Beispiel darauf, wie sie das eigene Verständnis der Zuflucht, zum Beispiel zum Dharma, vertiefen. Das gleiche gilt, wenn wir etwas über die Natur des Geistes lernen: das ist nicht nur für die Meditation selbst wichtig, sondern stärkt auch wiederum unser Verständnis der Zuflucht, unser Verständnis der Kostbarkeit des menschlichen Lebens, der Buddha-Natur, und von allem anderen. Jedes neue Teil des Puzzles zu nehmen und mit jedem anderen Teil, das wir schon haben, in Verbindung zu bringen ist eine ausgesprochen interessante Aufgabe. Indem wir das tun, erkennen wir immer tiefer, wie die anderen Teile, die wir schon erhalten hatten, jetzt besser auf eine etwas andere Weise zusammenpassen.

Wenn wir also über diese Buddhafelder sprechen, dann können wir sie so verstehen, dass sie unterschiedliche Lehren des Buddha symbolisieren. In jedem Buddhafeld – mit anderen Worten: in jeder Lehre – gibt es einen Buddha, der jeweils einen anderen Aspekt der Lehren darlegt. Darüber hinaus spiegelt jede Pore des Buddha, die ja das Buddhafeld beinhaltet, jedes andere Buddhafeld. Das symbolisiert, wie alle Lehren in jede einzelne Lehre, in jede Pore des Buddha passten. Das ist ein sehr gutes Symbol für das Mahayana. „Mahayana“ bedeutet umfassendes Fahrzeug des Geistes. Es ist umfassend in dem Sinn, dass es das Verständnis von allem beinhaltet und dass es zeigt, dass alles in jedem widergespiegelt wird.

Wir fragen uns vielleicht, ob es im westlichen Denken ein vergleichbares Gedankengut gibt, vor allem in der westlichen Wissenschaft, und ich glaube, es gibt so etwas. Wenn wir eine Analogie für die buddhistischen Unterweisungen zu „alles ist im Einen und das Eine ist in allem“ suchen, dann glaube ich, dass wir das im Bereich des Klonens wiederfinden: Beim Klonen können wir aus einer Körperzelle den ganzen Körper formen. Tatsächlich ist in jeder Zelle, die wir haben, die Information, das gesamte Material für einen ganzen Körper enthalten. Genauso können wir in jeder buddhistischen Lehre, wenn wir tief genug blicken, all die anderen Lehren finden und wir können alle andern Lehren aus der einen entwickeln.

Das ist auch sehr hilfreich, um einen nicht-sektiererischen und unparteiischen Blickwinkel auf die Lehren zu bekommen. Das gilt nicht einfach nur bezüglich Nicht-Sektierertum zwischen der tibetischen Tradition und den Zen-Traditionen, oder zwischen der Kagyü- und der Gelug-Tradition, sondern sogar innerhalb einer Tradition: dass man eine nicht-sektiererische Einstellung bezüglich all der verschiedenen Lehren entwickelt, die es in einer Tradition gibt. Oft ist es so, dass wir innerhalb einer Tradition eine Unterweisung, eine bestimmte Initiation, eine bestimmte Buddha-Form bekommen, die uns sehr zusagt, und wir wollen (dann) nichts über irgendeine andere Buddha-Form wissen. Wir werden sehr engstirnig und das ist keine sehr hilfreiche Einstellung. Zum Beispiel: „Es gibt nur Tara und nichts anderes; ich möchte mir all die anderen gar nicht ansehen.“ Das ist also ein Punkt, um den es bei unserem Thema geht: das Miteinanderverbundensein aller Lehren, symbolisiert durch Buddhafelder in jeder Pore des Buddha.

Untersuchung des Außergewöhnlichen aus dem Blickwinkel eines multidimensionalem Universums betrachtet

Wir haben gesehen, dass einige der fantastischen Dinge, über die wir in den Lehrreden lesen, wahrscheinlich als Metaphern verstanden werden können. Nun ist die Frage, heißt das, dass alles Fantastische in den Lehrreden nur Metaphern sind oder können wir manches wörtlicher nehmen?

Ein Bereich, der bei der Untersuchung der Unterweisungen heraus sticht, sind all die außerphysischen und außersinnlichen Kräfte, die nicht nur ein Buddha hat, sondern die wir auch im Verlauf des Weges als Ergebnis einer vollkommen einspitzigen Konzentration erlangen können. Sie sind nicht einmal auf Praktizierende des Buddhismus begrenzt, sondern auch nicht-buddhistische Yogis erreichen diesen Zustand. Diese Kräfte beinhalten die Fähigkeit, sich gleichzeitig in verschiedene Formen zu vervielfachen, größer und kleiner zu werden, wie etwa Milarepa, der sich in der Spitze eines Yak-Horns (vor dem Sturm) untergestellt hat, zu verschwinden und dann plötzlich wieder an einer anderen Stelle zu erscheinen, die Gedanken anderer Menschen zu lesen, und all diese Dinge.

Ich glaube, dass ein Weg, dies alles sinnvoll zu erklären, der ist, der von den aktuellsten wissenschaftlichen Theorien postuliert wird: dass unser Universum nicht nur ein vier-dimensionales Universum ist, mit drei räumlichen Dimensionen und einer zeitlichen Dimension, sondern aus zehn, elf oder sogar 21 Dimensionen besteht. Mit solche einer multidimensionalen Analyse ist es möglich, in Richtung einer allgemeinen Feld-Theorie zu gehen, in der Relativität, Gravitation und elektromagnetische Kräfte und so weiter alle zusammen passen und verstanden werden können, wenn sie im Sinne dieser Dimensionen analysiert werden. Lassen Sie uns nun zehn Dimensionen annehmen.

Um diese Analogie mit einem zehn-dimensionalen Universum zu verstehen, beginnen wir mit einem einfachen Beispiel des Romans „Flatland“ (Flachland), den Edwin Abbob, ein britischen Lehrer Ende des 19. Jahrhunderts schrieb. Diese Geschichte beschreibt ein zweidimensionales Land, mit anderen Worten ein flaches Land ohne Erhebungen. Seine Bewohner sind flache Wesen, die die Form von Vierecken, Kreisen, Dreiecken usw. haben. Sie können natürlich auch nur zwei Dimensionen wahrnehmen. Eines Tages, kommt ein dreidimensionales Wesen und besucht Flachland. Zuerst ging der Besucher durch Flachland. Die Flachländer waren überrascht, weil sie nur die zwei Dimensionen sehen konnten und alles, was sie sahen, war, dass an einer Stelle ein Wesen mit der Form eines Fußabdrucks war, und dann verschwand und plötzlich, etwas weiter vorne sich ein anderes Wesen mit derselben Form materialisierte. Das Wesen bewegte sich auf diese Weise immer weiter voran, ohne dass eine Verbindung zwischen seinem Erscheinen zu bestehen schien.

Das dreidimensionale Wese legte dann die fünf Finger seiner Hand hin und plötzlich sahen die Flachländer, dass sich ihr Besucher zu fünf Wesen vervielfachte. Als nächstes steckte das Wesen seine Hand und den Rest seines Körpers durch die Ebene von Flachland und plötzlich sahen die Flachländer, wie sich dieses Wesen von etwas sehr Kleinem zu etwa sehr Großem verändert, die Form verändert und kleiner und wieder größer wird.

Des Weiteren war dieses drei-dimensionale Wesen fähig, mit den Flachländern zu sprechen und das war ziemlich verwunderlich, denn aus seiner Perspektive über der Ebene heraus, konnte dieses dreidimensionale Wesen enorm weit sehen und Dinge hören, die die Flachländer nie hören oder sehen konnten. Das lag einfach nur daran, dass er eine größere Perspektive hatte. Als der drei-dimensionalen Besucher versuchte, den zwei-dimensionalen Wesen zu erklären, dass es tatsächlich drei Dimensionen gibt, konnten sie es nicht verstehen. Das einzige, was das drei-dimensionalen Wesen sagen konnte war, dass die dritte Dimension aus der Perspektive der Flachländer wie ein Punkt aussah. Das liegt an Folgendem: wenn die Flachländer versuchen hinaufzuschauen, gelingt es ihnen nicht wirklich. Alles, was sie aus ihrer zweidimensionalen Perspektive sehen können, ist ein Punkt.

Unabhängig davon dass es eine nette Geschichte ist, ist es auch eine brillante Analyse, die, wie ich glaube, gut auf das zehndimensionale Universum passt. Stellen Sie sich Folgendes vor: wenn Sie eine einspitzige Konzentration erreichen sind sie fähig, jenseits der Begrenzungen unserer vier Dimensionen zu gehen und eine größere Zahl von räumlichen Dimensionen sehen. Noch genauer: Wenn Sie ein Buddha werden, dann sind Sie nicht nur in der Lage, eine zehndimensionale Welt wahrzunehmen, die in einem zehndimensionalen Universum funktioniert, sonder Sie können sich selbst auch in zehndimensionaler Form manifestieren.

Wenn nun ein so fortgeschrittenes Wesen, oder sagen wir einfacher, ein Buddha in unsere vierdimensionale Welt kommen würde, dann würden wir diesen Buddha im Verhältnis auch so wahrnehmen, wie die Flachländer ein dreidimensionales Wesen wahrnehmen. Der Buddha würde in allen möglichen verschiedenen Formen erscheinen, oft mehrfach, er würde größer und kleiner werden, er würde hier und da auftauchen und dann wieder woanders erscheinen. Und genauso wie der dreidimensionale Besucher von Flachland, der, weil er eine Wahrnehmung von mehreren Dimensionen hat, über unbeschreiblich weite Entfernungen sehen kann, sich sehr schnell fortbewegen kann und so weiter, ist auch ein Buddha fähig, über unbeschreiblich große Entfernungen zu sehen und so weiter.

Für uns aus der vierten Dimension betrachtet klingt das natürlich ziemlich außergewöhnlich. Aufgrund der Beschränkungen unseres Körper und seiner kognitiven Ausstattung sind wir nicht fähig, andere Dimensionen wahrzunehmen. Wissenschaftlich betrachtet sagt man, die anderen sechs Dimensionen seien alle in einem Punkt enthalten. Mit anderen Worten: Genauso wie die Flachländer Höhe nur in Form eines Punktes wahrnehmen können, so können wir die höheren Dimensionen auch nur so wahrnehmen.

Als die Flachländer den dreidimensionalen Besucher sahen, nahmen sie nur bestimmte Aspekte dieses dreidimensionalen Wesens wahr. Wir können auch annehmen, dass sie den zweidimensionalen Schatten diese dreidimensionalen Wesens gesehen haben. Ich glaube, dass man diesen Vergleich auch anwenden kann, um die Beziehung zwischen Sambhogakaya und Nirmanakaya, den beiden Formen der Buddha-Körper, zu verstehen.

Der Sambhogakaya ist die Form der multiplen Körper welche vollen Gebrauch von den Mahayana-Unterweisungen machen. Diese Körper könnten wir vorläufig so verstehen, dass sie wie die zehndimensionalen Körper eines Buddhas sind. Die Sambhohakaya-Körper erscheinen nur in den “reinen Ländern”, und nicht in unserem gewöhnlichen Universum, und dort können sie nur von den Arya-Bodhisattvas gesehen und gehört werden, die schon eine einspitzige Konzentration haben. In unserer Welt jedoch sind wir lediglich in der Lage, etwas wie die Schatten wahrzunehmen, also eigentlich nur „Anteile“ der Sambhogakaya. Diese „Schatten“ sind der Nirmanakaya, welcher das ist, wie der Sambhogakaya in unseren vier Dimensionen erscheint. Nirmanakaya ist ein Korpus von Körpern, die Emanationen des Sambhogakaya sind. Weil sie Emanationen sind, heißt das nicht unbedingt, dass diese vierdimensionalen Körper aus der zehnten Dimension heraus projiziert werden. Sie könnten wie Schatten oder Reflektionen dieser sein.

Das ist natürlich nur eine Analogie, um uns zu helfen, diese Formkörper eines Buddha zu verstehen. Aber in Maitreya’s Text „ Uttaratantra, Weitest gehendes immer währendes Kontinuum“, werden die Nirmanakaya-Körper als Reflektionen des Buddhas auf der reinen Wasseroberfläche unseres Geistes beschrieben. Das ist etwas, worüber wir nachdenken sollten.

[Für genauere Erläuterungen vgl.: Details über die Körper von Buddhas und Arhats.]

Die außerphysischen und außersinnlichen Kräfte eines Buddhas als mehr als nur Metaphern betrachten

Ich persönlich finde diese Analogie des multidimensionalen Universums hilfreich. Denn unabhängig davon, ob sie zutreffend erklärt, was es mit dem Buddha auf sich hat, beginnt sie für uns zumindest bezüglich dieser außergewöhnlichen physischen und mentalen Kräfte, über die ein Buddha verfügt, etwas Sinn zu machen.

Im Tibetischen gibt es für Geist und Körper eines fühlenden Wesens oder eines Buddha verschiedene Worte. Ein Buddha ist kein fühlendes Wesen. Deshalb haben wir verschiedene Ausdrücke für einen begrenzten Geist und einen begrenzten Körper, und für einen erleuchtenden Geist und einen erleuchtenden Körper. Die gleiche zweifache Klassifikation gilt auch für die Sprache und die Aktivität. Ein fühlendes Wesen ist jemand, der einen begrenzten Geist und einen begrenzten Körper hat. Deshalb übersetze ich den tibetischen Ausdruck für so eine Person lieber als „begrenztes Wesen“ statt als „fühlendes Wesen“.

Hier, in unsere Analogie, kann „begrenzt“ in dem Sinn verstanden werden, dass die Funktion auf vier Dimensionen beschränkt ist. Erleuchtende Körper, Sprache, Geist, Aktivitäten und so weiter würden in allen zehn Dimensionen voll funktionsfähig sein. Das ist mir der Tatsache vergleichbar, dass Körper, Sprache, Geist und Aktivitäten der Flachländer im Vergleich zu denen der dreidimensionalen Wesen sehr begrenzt sind.

Wenn wir Unterweisungen wie diese erhalten, dann können wir anfangen, sie zu den anderen Teilen des „Dharma-Puzzles“ hinzu zu fügen und dann wird es unglaublich interessant. Zum Beispiel: Wir könnten sagen, dass die Buddhanatur zehndimensional ist. Wir alle existieren bereits in zehn Dimensionen. Und beispielsweise die Falchländer existieren auch tatsächlich in drei Dimensionen. Also haben Geist und Körper generell keine innewohnende Beschränkung auf vier Dimensionen.

Aus einer Perspektive betrachtet, können wir sagen, dass unser Körper, unsere Sprache und unser Geist das Potenzial haben, in zehn Dimensionen zu funktionieren genauso wie die eines Buddhas. Alternativ kann man sagen, wenn man die Dinge aus der Nyingma-Dzogchen-Perspektive betrachtet, dass wir bereits über zehndimensionale Körper, Sprache und Geist verfügen. Das heißt, dass wir bereits erleuchtende Körper, Rede und Geist haben, auch wenn wir sie nicht sehen und nutzen können. Aufgrund unseres begrenzten Geistes, können wir diese anderen höheren Dimensionen nicht wahrnehmen. Aber könnten wir jetzt aus einer zehndimensionalen Sichtweise heraus wahrnehmen, dann wären wir fähig zu erkennen, was immer schon da war. Und in der Tantrapraxis stellen wir uns vor, dass wir schon diese höhere Perspektive tatsächlich haben und wir jetzt über alle Fähigkeiten des erleuchtenden Körpers, der erleuchtenden Sprache, des erleuchtenden Geistes und der erleuchtenden Aktivität verfügen.

Die Flachländer scheinen lediglich in zwei Dimensionen existieren, ohne dass sie eine Verbindung miteinander hätten, aber das entspricht nicht der tatsächliche Realität. Tatsächlich ist es so, dass es mehr als zwei Dimensionen gibt. Genauso vermittelt uns die Beschränkung unseres Geistes auf vier Dimensionen den Eindruck, dass wir unabhängig voneinander und unabhängig von andern Dingen existieren würden. Aus einer zehn-dimensionalen Perspektive heraus betrachtet kann man jedoch erkennen, dass alles vollkommen in Wechselbeziehungen zueinander ist und voneinander abhängig entsteht – endlose karmische Beziehungen und so weiter.

Die Begrenzung des Geistes eines Flachländers ist keine innewohnende Begrenzung des Geistes. Es ist ein flüchtiger Zustand, einer der vorübergehen kann. Wir können diese Begrenzungen beseitigen, wenn wir genau untersuchen und erkennen, dass das nicht die Art und Weise ist, wie der Geist tatsächlich existiert. Wenn die Flachländer dieses Verständnis und die Perspektive der drei Dimensionen erreichen können, dann könnten die Begrenzungen ihres Geistes verschwinden und sie wären in der Lage, mehr Dimensionen zu sehen. Genauso sind die Begrenzungen unseres Geistes das, was man „flüchtiger Makel“ nennt, etwas, das sich verändern kann. Sie sind kein natürlicher Aspekt des Geistes. Der Geist ist fähig, in zehn Dimensionen zu funktionieren und sie wahrzunehmen.

Vertiefte, einspitzige Konzentration: Das Tor zu außersinnlichen und außerphysichen Kräften

Das Tor in die höheren Dimensionen ist die vertiefte einspitzige Konzentration, besonders, wenn wir sie so fein abstimmten können, dass der Fokus auf einem winzigen Punkt liegt. Einspitzige Konzentration im Allgemeinen fungiert als Tor zu den höheren Dimensionen, die auch Nichtbuddhisten erreichen können. Ich glaube jedoch, dass wirklich tiefer zu gehen und den vollen Zugang zu den zehn Dimensionen zu erhalten die Domäne des Tantra ist.

In der höchsten Tantra-Klasse, dem Anuttarayoga-Tantra, entwickelt man auf der Erzeugungsstufe eine einspitzige Konzentration die sich zuerst auf eine sehr große, detaillierte Visualisierung richtet und dann, auf der subtilen Erzeugungsstufe, eine einspitzige Konzentration, die sich auf einen kleinen Tropfen richtet. Dieser kleine Tropfen enthält in sich eine unermesslich große Menge an Details. In dem Tropfen kann zum Beispiel das gesamte Kalachakra-Mandala mit seinen 722 Gottheiten enthalten sein. Und im Herzen der zentralen Gottheit dieses Miniatur-Mandalas kann ein Tropfen mit einer noch kleineren Visualisierung enthalten sein. Diese äußerst feine Einstellung der Konzentration wird dann auf der Vollendungsstufe dazu verwendet, die wesentlichen Punkte des subtilen Energiesystems unseres Körpers zu durchdringen und bestimmte Energien darin zu bewegen, und schließlich, durch komplizierte, äußerst fortgeschrittene Yoga-Methoden den Geist immer subtiler werden zu lassen. Das Ziel besteht darin, Zugang zu des subtilsten Ebenen des Geistes und der Energie zu erhalten, der Stufe des klaren Lichtes. Und zwar deshalb, weil diese Ebene die effektivste für den Geist ist, um eine nicht konzeptuelle Wahrnehmung der Leerheit zu erlangen und es ist die Ebene des Geistes und der Energie, die das eigentliche Tor zur Buddhaschaft darstellen. Leerheit ist die völlige Abwesenheit von unmöglichen Arten der Existenz.

In unserer Analogie wäre die Stufe des klaren Lichtes das Tor zu diesen höheren Dimensionen. Mit anderen Worten: Mit den Praktiken der Vollendungsstufe wenden wir unserer vertiefte einspitzige Konzentration an, um uns innerhalb unseres subtilen Körpers, auf die subtilen Kanäle, die Chakren und so weiter zu konzentrieren. Durch diese äußerst fokussierte Konzentration lassen wir nicht nur unseren Geist, sondern auch unsere subtilen Energien auf einem sehr feinen Punkt zusammenkommen. Ich glaube, dass ein vollständigerer Zugang zu diesen höheren Dimensionen dadurch erreicht wird, dass man den Geist und all die subtilen Energien zu diesem äußerst feinen Punkt zusammenführt. Vielleicht hat das etwas mit der wissenschaftlichen Erklärung gemeinsam, dass die höheren Dimensionen alle in einem Punkt existieren.

Dies sind einige Überlegungen, die wir in Bezug auf die verschiedenen außerphysischen und außersinnlichen Kräfte verfolgen können. Um festzustellen, ob diese Analogie der höheren Dimensionen ein korrektes Verständnis der Unterweisungen Buddhas ist, müssen wir aber diese Kräfte tatsächlich entwickeln und erfahren. Sie in dieser Weise zu betrachten hilft meines Erachtens, wenigstens damit anzufangen, diese Unterweisungen über die außerphysikalischen Kräfte und so weiter ernst zu nehmen. Und es mag uns dabei helfen, anzunehmen, dass sie sich möglicherweise auf etwas beziehen, das physikalisch möglich und erklärbar ist. Es handelt sich nicht nur um magische Kräfte.

Diese Art der Annäherung ist natürlich die buddhistische Methode. Die buddhistische Methode besteht darin, die Unterweisungen zumindest ernst zu nehmen; und wenn wir sie nicht verstehen, dann versuchen wir, sie zu untersuchen und tiefer zu gehen und zu versuchen, herauszufinden, wovon sie handeln, anstatt sie einfach als Märchen abzutun. Was ich hier erklärt habe ist nur ein Versuch, diese herausfordernden Aspekte der buddhistischen Unterweisungen ernsthafter zu betrachten.

Frage: Das Tor zu diesen Kräften ist also die Konzentration und nicht das Verstehen?

Antwort : So ist es. Die außersinnlichen und außerphysischen Kräfte werden alle als Nebenprodukt der einspitzigen Konzentration von shamantha (Skr.) – zhinay auf Tibetisch – einem still gewordenen und zur Ruhe gekommenen Geisteszustand, erreicht. Diese Kräfte werden nicht durch intellektuelles Verstehen sondern nur durch Erfahrung erreicht.

Mein Lehrer, Tsenzhab Serkong Rinpoche, der einer der Lehrer Seiner Heiligkeit des Dalai Lamas, war, konnte das sehr schön beschreiben. Er sagte, dass es ganz wichtig sei zu erkennen, dass diese außersinnlichen Kräfte und so weiter nur Nebenprodukte der vollkommenen Konzentration seien und nicht das Ziel davon. Das Ziel, das man durch diese Konzentration erreichen möchte, sei ein korrektes Verständnis der Leerheit, der Realität zu gewinnen. Er sagte, das sei genauso, wie wenn man in ein Geschäft gehe um Reis zu kaufen. Wenn wir Reis kaufen, dann ist er in eine Tüte. Der Sinn des Reiskaufens besteht darin, den Reis zu kaufen, nicht die Tüte. Auch wenn wir die Tüte nicht wollen, werden wir sie trotzdem bekommen. Wir können den Reis nicht ohne die Tüte bekommen. In dieser Analogie ist der Reis die einspitzige Konzentration und die Tüte steht für die außersinnlichen und außerphysischen Kräfte.

Die Begrenzungen unseres Körpers und unseres Geistes sind nicht immanent

Frage: Als Sie über die Flachländer gesprochen haben, sagten Sie, dass es offensichtlich sei, dass die Begrenzungen der Flachländer nicht immanent (engl. innate, innewohnend) für ihren Körper und ihren Geist sind. Ich konnte jedoch keinen logischen Beweis in den Erklärungen finden, die Sie gaben. Deshalb möchte ich hier noch einmal anknüpfen, wenn das für Sie ok ist. Können Sie herausarbeiten, wie man richtig analysiert, ob etwas einem Objekt immanent ist oder nicht, egal ob es sich um den Geist oder um den Körper oder was auch immer handelt?

Antwort: Die Art wie ich es erklärt habe war sehr vereinfachend. Tatsächlich ist es so: wenn wir über außerphysische Kräfte sprechen, geht es darum, einfach einige unserer physischen Begrenzungen zu überwinden. Und mit den außersinnlichen Kräften ist es genauso, wir überwinden nur einige der Begrenzungen unseres Geistes. Aber die tatsächliche Natur unseres Körpers und unseres Geistes in ihrer reinsten Version ist die Stufe des subtilsten klaren Lichts und diese Stufe ist nicht immanent beschränkt.

Genauer ausgedrückt gibt es von allem zwei Wahrheiten: die konventionelle und die tiefste Wahrheit. Die konventionelle oder relative oder oberflächliche Wahrheit über die Dinge ist die ihrer Erscheinung. Bei der tiefsten Wahrheit geht es darum, wie sie existieren. Sie existieren frei von unmöglichen Arten von Existenz, und das bedeutet, dass sie als etwas abhängig Entstandenes existieren.

Durch perfekte Konzentration können wir hier nur einige Beschränkungen überwinden, die die Erscheinungen betreffen: das Ausmaß der Erscheinungen, die wir sehen oder hören oder über die wir etwas wissen können und das Ausmaß von Erscheinungen, die wir manifestieren können. In Bezug auf den Geist geht es hier also um den Aspekt des Geistes, der fähig, ist die konventionelle Wahrheit über die Erscheinung von Dingen zu erkennen. Wir befassen uns nicht mit dem Aspekt des Geistes, der fähig ist, die tiefste Wahrheit zu erkennen, wie die Dinge existieren. Wir könnten hier viele Unterscheidungen treffen, aber ich denke da vor allem an das abhängige Entstehen der Dinge und deren gegenseitige Verbindung. Das kann auch wiederum auf vielen Ebenen verstanden werden, aber um es auf der tiefsten Ebene zu verstehen, muss man die tiefste Wahrheit, wie die Dinge existieren, sehen.

Nun stellt sich die Frage: Was ist die Ursache für die Begrenzung des Geistes? Es sind die Gewohnheiten der Verwirrung, durch die wir glauben, dass die verwirrten, trügerischen Erscheinungen die wir normalerweise wahrnehmen, die tatsächliche Realität sind. Das ist ziemlich kompliziert, weil wir hier unterscheiden müssen zwischen den Begrenzungen, Erscheinungen wahrzunehmen und den Begrenzungen, wahrzunehmen, wie die Dinge existieren. Wenn wir jetzt über die Beschränkungen reden, wahrzunehmen, wie die Dinge existieren, dann ist das etwas einfacher zu erklären. Je mehr wir die verwirrenden, trügerischen Erscheinungen, die wir wahrnehmen, untersuchen, desto mehr erkennen wir, dass die Art und Weise, in der sie anscheinend existieren, nicht stimmen kann. Wenn wir aber das korrekte Verständnis, wie die Dinge existieren, untersuchen, dann kann das, was wir entdecken, durch viele verschiedene Methoden bestätigt werden.

Korrektes und verwirrtes, falsches Verstehen schließen sich gegenseitig aus. Das bedeutet, dass beide nicht gleichzeitig in der Wahrnehmung einer Person präsent sein können. Das bedeutet auch, dass eines durch das andere ersetzt werden kann. Da das korrekte Verstehen überprüft und bestätigt werden kann, wird es umso stärker, je mehr wir es untersuchen. Aber je genauer wir die Verwirrung untersuchen, desto schwächer wird sie. Die Verwirrung, die den Geist davon abhält wahrzunehmen, wie die Dinge existieren, kann daher entfernt werden. Sie ist ein flüchtiger Makel.

Wie ich kurz erwähnt habe verursachen die Gewohnheiten unserer Unwissenheit oder Ignoranz, dass wir weiterhin glauben, dass die verwirrenden Erscheinungen, die unser Geist davon erzeugt, wie die Dinge existieren, im Einklang mit der Realität seien. Aber darüber hinaus verursachen sie auch, dass unser Geist weiterhin diese verwirrenden, flüchtigen Erscheinungen erzeugt. Die verwirrende, täuschende Erscheinung davon, wie die Dinge existieren, ist Folgende: dass sie ihre Existenz unabhängig begründen, aus ihrer eigenen Kraft, von ihrer Seite aus. Das bedeutet einfacher ausgedrückt, dass alles alleine zu existieren scheint, als wenn es unabhängig von allem anderen existieren würde. Wenn wir unsere Unbewusstheit und Verwirrung mit dem korrekten Verständnis ersetzen, dann erkennen wir, dass dieses täuschende Erscheinungen mit nichts Realem in Einklang ist. Tatsächlich existiert alles in Abhängigkeit voneinander.

Wenn unser Geist – unterstützt durch die reine Bodhicitta-Ausrichtung, die Erleuchtung zum Wohle aller begrenzten Wesen zu erreichen – durch und durch mit der Leerheit vertraut wird – also der Abwesenheit von unmöglichen Arten der Existenz – dann hört er auf, täuschende Erscheinungen zu erzeugen, als würden sie unabhängig von sich heraus existieren. Wenn wir also die Begrenzungen unserer Wahrnehmung, wie die Dinge sind, gänzlich überwinden, dann überwinden wir damit auch die Begrenzungen der Wahrnehmung des Ausmaßes dessen, was existiert. Egal was wir sehen, wir erkennen die innere Verbindung und Abhängigkeit mit allem anderen, was jemals in der Vergangenheit, im Jetzt und in der Zukunft existieren wird. Der Geist eines Buddhas ist also allumfassend, in Hinblick darauf, dass er alles in den zehn Dimensionen und in den drei Zeiten kennt und darüber hinaus kann der Körper eines Buddha gleichzeitig überall in jeglicher Form erscheinen.

Daher glaube ich, dass wir uns der Diskussion darüber, ob die Begrenzungen des Körpers und des Geistes immanent sind oder nicht, nicht wirklich annähern können, solange wir das nur in Hinblick darauf diskutieren, dass die Wahrnehmung von nur zwei Dimensionen im Widerspruch zu der Wahrnehmung von drei Dimensionen steht. Ich glaube, wir müssen das Thema aus der Perspektive Verwirrung vs. Verstehen diskutieren. Das Argument, dass die Wahrnehmung in zwei Dimensionen ein flüchtiger Makel sei, ist kein gültiges Argument.

Frage: Wenn die Flachländer ihre Begrenzungen überwinden wollen und drei Dimensionen sehen wollen, müssen sie dann die einspitzige Konzentration entwickeln?

Antwort: Ja, aber darum geht es in der buddhistischen Praxis nicht. Die Wesen des Bardo zum Beispiel – also Wesen, die sich in der Phase zwischen Tod und Wiedergeburt befinden – und Wesen in den Götterwelten wissen um ihre vergangen Leben. Sie haben verschiedene außersinnliche Kräfte einfach deshalb, weil sie die Art von Körper und Geist haben, die diesem Zustand entspricht. Bardowesen können auch in einem Augenblick auf die andere Seite der Welt gehen und solche Dinge. Sie haben solche Kräfte. Was bedeutet das also? Es zeigt, dass das Erlangen dieser außersinnlichen Kräfte, dieser Fähigkeit, in höhere Dimensionen zu sehen, ob durch Konzentration oder weil man damit geboren wurde, keine große Sache ist.

Auf der anderen Seite zeigt der indische Meister Atisha einen sehr guten anderen Punkt auf im dem Text “ Die Lampe für den Pfad der Erleuchtung“, einem wichtigen Text in verschiedenen Schulen des tibetischen Buddhismus, auf. Er sagt, dass die außersinnlichen und außerphysischen Kräfte sehr hilfreich seien. Warum? Wenn wir nämlich im Geist anderer Menschen lesen können, dann können wir klarer erkennen, was sie für Probleme haben und wie wir ihnen helfen können und so weiter. Es ist also hilfreich, diese Kräfte zu entwickeln, aber sie einfach nur dazu zu nutzen, um irgendwelche magischen Tricks zu vollführen, ist Unsinn.

Wir sehen also, dass die Fähigkeit, die Gedanken anderer Menschen lesen zu können von der einspitzigen Konzentration herrührt. Ob wir dann tatsächlich die Stimme der anderen Person in unserem Kopf hören oder nicht, steht auf einem anderen Blatt, ich weiß es nicht. Aber wenn wir über jemanden etwas Genaueres wissen wollen und wir fokussieren uns einspitzig auf diese Person und ihre oder seine körperliche Erscheinung, Körper, Sprache, Stimme und so weiter, dann können wir sehr viel über diese andere Person erfahren. Wir können die Person „lesen“.

Ich sollte jedoch hinzufügen, dass wir auch etwas über die Kultur und den Hintergrund der Person wissen müssen. Ansonsten ist es ziemlich schwierig, die Zeichen zu lesen. Ich denke da an ein sehr einfaches Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung. Als ich das erste Mal nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in Russland öffentlich den Buddhismus lehrte, saß ich auf einem Stuhl auf einer Plattform und schlug die Beine übereinander. Mein Übersetzer flüsterte mir zu, dass es in der russischen Gesellschaft als arrogant und unhöflich angesehen werde, vor einem Publikum mit übereinander geschlagenen Beinen dazusitzen. Man solle mit beiden Beinen gerade dasitzen, wenn man vor einem Publikum sitzt. Auch solle ich meinen Vortrag im Stehen halten, und nicht sitzend. Da ich aus der amerikanischen Kultur komme, dachte ich, es zeige, dass ich entspannt bin, wenn ich vor dem Publikum sitze und die Beine übereinander geschlagen habe, während ich zu den Menschen spreche und sich dadurch ein wärmerer Kontakt entwickelt. Wenn wir also nichts über die Kultur der Person wissen, dann können wir das, was wir sehen, falsch interpretieren.