Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Stadien des Bodhichittas

Alexander Berzin, April 2001
Deutsch: Nailu Sari

Das konventionelle und das tiefste Bodhichitta

Entsprechend zu den zwei Wahrheiten, wie sie in den Mahayanalehren definiert werden, gibt es auch zwei Bodhichitta-Ausrichtungen:

  • das konventionelle Bodhichitta (tib. kun-rdzob byang-sems , relatives Bodhichitta),
  • das tiefste Bodhichitta (tib. don-dam byang-sems, letztendliches Bodhichitta).

Mit einer konventionellen Bodhichitta-Ausrichtung konzentriert sich unser Geist auf die zukünftige Erleuchtung, die unserem geistigen Kontinuum zugeschrieben werden kann und die wir auf der Grundlage unserer Buddhanatur erreichen können , wenn die notwendigen Umstände dafür vollständig sind. Diese Motivation wird von der Absicht begleitet, die Erleuchtung zu erlangen und hierdurch allen beschränkten Wesen Gutes zu tun.

Mit einer Motivation des tiefsten Bodhichittas konzentriert sich unser Geist mit der Kraft des konventionellen Bodhichittas auf die Leerheit.

Die Entwicklungsstadien einer konventionellen Bodhichitta-Ausrichtung

Die konventionelle Bodhichitta-Ausrichtung, die Erleuchtung zum Wohl aller beschränkten Wesen zu erlangen, hat zwei Stadien:

  • das anstrebende Bodhichitta (tib. smon-sems),
  • das handelnde Bodhichitta (tib. ‘ jug-sems).

Das anstrebende Bodhichitta ist der Wunsch, die Erleuchtung zum Wohl aller Wesen zu erlangen. Es unterteilt sich wiederum in zwei Stadien:

  • das lediglich anstrebende Bodhichitta (tib. smon-sems smon-pa-tsam), mit dem wir lediglich wünschen, die Erleuchtung zu erlangen, um allen Wesen so viel wie möglich helfen zu können,
  • das anstrebende Bodhichitta, das man gelobt hat (tib. smon-sems dam-bca’-can), mit dem wir geloben, unsere Bodhichitta-Ausrichtung nie aufzugeben, bis wir die Erleuchtung erlangen. Dieses Stadium erfordert, dass wir bestimmte Handlungen unternehmen, die uns dabei helfen, unsere Motivation in diesem Leben oder in zukünftigen Leben – bis wir die Erleuchtung erlangen – nicht zu verlieren.

[Siehe: Handlungen, die man übt, wenn man sich auf der Stufe des Versprechens des anstrebenden Bodhichittas befindet.]

Das handelnde Bodhichitta umfasst zusätzlich zu den beiden anstrebenden Stadien auch die Bodhisattva-Gelübde und das Bodhisattva-Verhalten mit dem wir die sechs weitreichenden Geisteshaltungen (sechs Vollkommenheiten) üben, die uns tatsächlich zur Erleuchtung bringen werden.

[Siehe: Die Wurzelgelübde des Bodhisattvas und die Nebengelübde des Bodhisattva.]

Weitere Geistesfaktoren, die das handelnde Bodhichitta begleiten

In dem Text „Selbstkommentar zu den schwierigen Punkten der ‚Lampe für den Pfad zur Erleuchtung‘“ (tib. Byang-chub lam-gyi sgron-me’i dka’-’grel) zitiert Atisha das „Sutra, das von Arya Gaganaganja erbeten wurde“ (tib. ‘ Phags-pa nam-mkha’ mdzod-kyis zhus-pa'i mdo). In diesem Text erklärt Buddha, dass das handelnde Bodhichitta zwei Geistesfaktoren enthält:

  • Ehrlichkeit (tib. bsam-pa),
  • außerordentliche Ehrlichkeit (tib. lhag-bsam).

Ehrlichkeit

Die Ehrlichkeit enthält zwei Faktoren:

  • Abwesenheit von Scheinheiligkeit (tib. g.yo-med) – man versteckt seine Fehler nicht, 
  • Abwesenheit von Hochstapelei (tib. sgyu-med) – man gibt nicht vor, Qualitäten zu haben, die man nicht hat.

Die Abwesenheit von Scheinheiligkeit enthält zwei Faktoren:

  • man ist ehrlich und geradeaus (tib. drang-po),
  • man ist klar und offen (tib. gsal-ba).

Die Abwesenheit von Hochstapelei enthält zwei Faktoren:

  • man ist weder gezwungen noch künstlich (d.h. man simuliert nichts) (tib. bcos-ma ma-yin-pa),
  • man hat eine reine Motivation (tib. bsam-pa dag-pa), die nicht mit anderen Motiven vermischt ist.

Außerordentliche Ehrlichkeit

Die außerordentliche Ehrlichkeit umfasst zusätzlich zu den Faktoren, die die Ehrlichkeit ausmachen, zwei weitere Faktoren:

  • Nicht-Anhaftung (tib. ma-chags-pa),
  • in einer besonderen Weise fortschreiten (tib. khyad-par-du ‘gro-ba).

Die Nicht-Anhaftung enthält zwei Faktoren:

  • es ist unwahrscheinlich, dass man aufgrund von Anhaftung an ein anderes Ziel „den Geist verliert“, d.h. den Erleuchtungsgeist verliert bzw. das Bodhichitta aufgibt (tib. sems ma-god-pa),
  • es ist unwahrscheinlich, dass man aufgrund von Anhaftung an etwas anderes seine freudige Ausdauer verliert (tib. brtson-‘grus ma-god-pa).

Das in einer besonderen Weise Fortschreiten (zur Erleuchtung vorwärtsgehen) enthält zwei Faktoren. Man schreiten fort mit:

  • einem erleuchtungsbildendenden Netzwerk positiver Kraft (tib. bsod-nams-gyi tshogs),
  • einem erleuchtungsbildendenden Netzwerk tiefen Gewahrseins (tib. ye-shes-kyi tshogs).

Obwohl das tibetische Wort für die außerordentliche Ehrlichkeit (tib. lhag-bsam ) das selbe ist, das auch den außergewöhnlichen Entschluss bezeichnet, der die sechste Stufe in den siebenteiligen  Quintessenz-Lehren über die Ursachen und Wirkungen zur Entwicklung von Bodhichitta bildet, hat der Begriff hier eine andere Bedeutung. Der außergewöhnliche Entschluss besteht darin, dass man die universelle Verantwortung übernimmt, tatsächlich das Leiden aller Wesen zu lindern und ihnen tatsächlich Glück zu bringen. Als eine Ursache um eine konventionelle Bodhichitta-Ausrichtung zu entwickeln ist es ein Geistesfaktor, der sowohl das anstrebende als auch das handelnde Bodhichitta begleitet.

[Siehe: Die siebenteiligen Quintessenz-Lehren  über die Ursachen und die Wirkungen zur Entwicklung von Bodhichitta.]