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Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Die siebenteiligen Quintessenz-Lehren
über die Ursachen und die Wirkung
zur Entwicklung von Bodhichitta

Alexander Berzin,
Berlin, Deutschland, 18. Januar 2000
Deutsche Übersetzung: Nailu Sari

Einleitung

Wir haben ein kostbares menschliches Leben, das mit allen Ruhepausen und Bereicherungen ausgestattet ist, die es uns erlauben, dem Pfad des Dharma zu folgen. Diese Ruhepausen und Gelegenheiten werden allerdings nicht für immer gegeben sein. Deshalb müssen wir die Gelegenheiten, die wir haben, voll ausnutzen.

Die beste Art, unser kostbares menschliche Leben zu nutzen, ist eine Bodhichitta-Ausrichtung zu entwickeln. Eine Bodhichitta-Ausrichtung besteht darin, dass man mit seinem Geist und seinem Herzen auf die zukünftige Erleuchtung konzentriert ist, die man später in der Fortsetzung des eigenen geistigen Kontinuums erlangen wird. Sie wird von zwei Intentionen begleitet: diese Erleuchtung so schnell wie möglich zu erreichen und hierdurch allen Wesen Nutzen zu bringen.

Wenn man Bodhichitta entwickelt, entwickelt man die beiden Intentionen in umgekehrter Reihenfolge. Zuerst fasst man mit seinem ganzen Wesen den Entschluss, allen beschränkten Wesen   nicht bloss den Menschen   zu helfen. Dies verwirklichen wir durch unsere Liebe, unser Mitgefühl und unsere außergewöhnliche Entschlossenheit, die später in diesem Vortrag besprochen werden. Um ihnen am effektivsten helfen zu können fasst man als nächstes den festen Entschluss, die Erleuchtung zu erlangen und ein Buddha zu werden. Wir müssen die Erleuchtung erlangen, um all unsere Beschränkungen und Fehler zu überwinden, da wir erkennen, dass es sie sind, die uns daran hindern, den anderen zu helfen. Wenn wir beispielsweise auf die anderen wütend werden, wie können wir ihnen dann in diesem Moment helfen? Ferner müssen wir die Erleuchtung erlangen um unsere Potentiale zu verwirklichen. Wir müssen sie vollkommen verwirklichen, damit wir dazu in der Lage sind, sie zum Nutzen aller einzusetzen. Es ist also nicht so, dass, wenn wir Bodhichitta entwickeln, wir als erstes Buddhas werden wollen, da dies der höchste Zustand ist und erst dann den anderen helfen müssen, als sei dies eine lästige Steuer, die wir zahlen müssen.

Es gibt zwei Hauptmethoden, durch die man eine Bodhichitta-Ausrichtung entwickelt. Bei der einen geht man durch die siebenteiligen Quintessenz-Lehren über die Ursachen und die Wirkung (tib. rgyu-‘bras man-ngag bdun). Die andere Methode besteht im Gleichsetzen und Austauschen unserer geistigen Einstellungen uns selbst und anderen gegenüber (tib. bdag-gzhan mnyam-brje). Hier wollen wir die erste dieser beiden Methoden besprechen.

Gleichmut entwickeln

Die siebenteiligen Quintessenz-Lehren über die Ursachen und die Wirkung hat sechs Schritte, die als Ursache für den siebten, der tatsächlichen Entwicklung einer Bodhichitta-Ausrichtung, dienen. Die Anweisung beginnt mit einem vorbereitenden Schritt, der in der Siebenerreihe nicht mitgezählt wird. Es handelt sich um die Entwicklung von Gleichmut (tib. btang-snyoms), mit dem man die Anziehung oder die Anhaftung an einige Wesen, die Abneigung gegen andere und die Indifferenz gegen noch andere überwindet. Der Kernpunkt dieses vorbereitenden Schrittes ist es, allen gegenüber in gleicher Weise offen zu sein.

Die Einsicht, dass alle gleich sind, ist eine Voraussetzung dafür, dass man allen gegenüber in gleicher Weise offen ist. Diese Einsicht stellt sich ein, wenn man erkennt, dass das geistige Kontinuum bzw. der Geistesstrom weder einen Anfang noch ein Ende hat; aus diesem Grund ist jeder irgendwann unser Freund, unser Feind oder ein Fremder für uns gewesen und die Beziehung, die wir zu all diesen Wesen haben, verändert sich ständig. In diesem Sinne sind alle gleich.

Der Kernpunkt, der hinter dieser Denkweise steht und den man erfassen muss, ist der des anfangslosen Geistes, eine grundlegende Annahme im Buddhismus. Wiedergeburt betrifft Kontinuitäten der Erfahrung. Geistesströme sind Kontinuitäten der Erfahrung. Sie sind individuell und haben keine inhärente Identität als Mensch, Tier, männlich oder weiblich. Die Lebensform und das Geschlecht, die ein Geistesstrom in einer bestimmten Wiedergeburt manifestiert, hängen von vorangehenden Handlungen, vom Karma, ab.

Dies ist eine fundamental notwendige Verstehensweise um in der Lage zu sein, Bodhichitta zu entwickeln, da es aufgrund dieses Verstehens möglich wird, wirklich für absolut alle und jeden liebendes Mitgefühl zu entwickeln. Man sieht andere Wesen dann beispielsweise nicht mehr bloß als eine Mücke. Vielmehr sieht man dieses Wesen als ein unendlich lang existierendes geistiges Kontinuum, das in dieser Lebensspanne aufgrund seines Karmas die Form einer Mücke hat; es ist nicht inhärent eine Mücke. Dies macht es unseren Herzen möglich, der Mücke ebenso offen zu stehen, wie einem Menschen. Die Kraft des Bodhichitta beruht darauf, dass wir beabsichtigen, absolut allen zu Nutzen. Dies ist natürlich nicht einfach.

Erkennen, dass alle die eigene Mutter gewesen sind

Wenn wir mit Gleichmut dazu in der Lage sind, alle Wesen als individuelle Geistesströme zu sehen – was ihre Form in diesem Leben nicht abstreitet – sind wir dazu bereit, den ersten Schritt in der siebenteiligen Meditation von den Ursachen und der Wirkung zu unternehmen. Dieser Schritt besteht darin, dass man erkennt, dass irgendwann jedes Wesen unsere Mutter (tib. mar-shes) gewesen ist. Die Argumentationskette ist, dass genau wie wir in diesem Leben eine Mutter haben, wir in einer ähnlichen Weise in jedem Leben, in dem wir aus einem Schoss oder einem Ei geboren wurden, eine Mutter gehabt haben. Auch aus der Logik der anfangslosen Wiedergeburt sind alle Wesen unzählige Male unsere Mutter gewesen   genau wie wir ihre Mütter gewesen sind. Sie sind auch unsere Väter, unsere besten Freunde und so weiter gewesen.

Wenn wir jeden als unsere ehemalige Mutter ansehen, müssen wir vorsichtig sein, dies nicht für ihre inhärente Identität zu halten, da auch dies etwas problematisch werden kann. Wir müssen versuchen, die Leerheit, den Mangel an inhärenten Identitäten, nie aus dem Blick zu verlieren.

Wenn wir in jedem unsere ehemalige Mutter sehen, dann ändert dies unsere Art, uns zu ihnen in Beziehung zu setzen in einer radikalen Weise. Hier geht es weiter als einfach allen gegenüber Gleichmut zu haben. Wir erkennen, dass wir mit allen eine sehr enge, warme, liebevolle Verbindung gehabt haben   und weiterhin haben können.

Sich an die Güte der mütterlichen Liebe erinnern

Der zweite dieser sieben Schritte besteht darin, dass man sich an die Güte der mütterlichen Liebe erinnert (tib. drin-dran). Für zahlreiche westliche Menschen ist dieser Schritt der Meditation problematisch, da die Inder und Tibeter immer das Beispiel unserer Mutter in diesem Leben benutzen. Anscheinend haben in diesen Gesellschaften die Menschen weniger neurotische und problematische Beziehungen zu ihren Müttern als in den westlichen Gesellschaften. Ob dies stimmt oder nicht, variiert natürlich je nach Einzelfall. Nachdem ich neunundzwanzig Jahre in tibetischen und indischen Gesellschaften gelebt habe, würde ich aus eigener Erfahrung sagen, dass die Beziehung zwischen erwachsenen Kindern und ihren Müttern dort weit weniger neurotisch erscheint als im Westen.

Dieser Schritt der Meditation besteht darin, dass man sich daran erinnert, wie gütig unsere Mutter ist – oder war, falls sie verstorben ist – wobei man bereits damit anfängt, dass man denkt, wie sie uns in ihrem Bauch getragen hat. Dann weiten wir dies aus, indem wir denken, wie alle in vergangenen Leben in einer ähnlichen Weise gütig zu uns gewesen sind.

Wenn sie dies westlichen Menschen lehren sagen viele Lehrer: „ OK, wenn ihr Probleme mit eurer Mutter habt, dann denkt stattdessen an euren Vater, an einen engen Freund oder an wen auch immer, der oder die euch gegenüber sehr gütig war.“ So bleibt man nicht in einer Sackgasse stecken, wenn man diese Meditation übt. Mir scheint, dass dies ein hilfreicher Ansatz ist. Allerdings denke ich, dass es äußerst wichtig ist, wenn man Beziehungsschwierigkeiten zu seiner Mutter hat, sich mit diesen zu beschäftigen und sie nicht einfach beiseite zu schieben. Wenn wir kein gesundes Verhältnis zu unserer Mutter haben können, dann wird es uns sehr schwer fallen, zu irgendjemand anderem ein gesundes, liebevolles Verhältnis zu haben. Es wird immer ein Problem geben. Deshalb erscheint es mir äußerst wichtig, unsere tatsächliche Beziehung zu unserer Mutter zu betrachten indem man versucht, ihre Güte anzuerkennen, egal wie schwierig diese Beziehung gewesen sein mag oder jetzt ist.

Als erstes ist es nötig, dass man die ideale Mutterliebe betrachtet. Die klassischen Texte sind voller Beschreibungen davon: man sieht sie zum Beispiel bei vielen Tieren. Ein Muttervogel wird auf ihren Eiern sitzen, egal wie kalt es ist oder wie nass sie wird; und wenn die Kleinen schlüpfen, fängt sie Insekten und kaut sie, ohne die Nahrung herunterzuschlucken, um sie ihren Kleinen zu geben. Dies ist wirklich ziemlich unglaublich.

Natürlich gibt es Beispiele aus der Welt der Tiere und Insekten, bei denen Mütter ihre Kleinen fressen, doch nichts desto trotz haben sie zahlreiche Schwierigkeiten erduldet, um ihnen das Leben zu schenken. Egal ob es sich um die leibliche Mutter oder eine Leihmutter gehandelt hat, jemand hat uns in ihrem Bauch getragen. Und selbst wenn wir im Reagenzglas gezeugt wurden, muss jemand sich um das Reagenzglas gekümmert haben, indem er etwa auf die richtige Temperatur achtete. Ob unsere Mutter uns gerne in sich trug oder nicht, ist irrelevant. Es war eine unglaubliche Güte von ihr, uns in ihrem Bauch zu tragen und uns nicht abzutreiben; für sie war dies überhaupt nicht angenehm. Während unserer tatsächlichen Geburt hat sie sehr starke Schmerzen erlebt. Während wir Kleinkinder waren, musste ausserdem jemand mitten in der Nacht aufstehen, uns Nahrung geben und sich um uns kümmern; ansonsten hätten wir nicht überlebt. Diese Art von Dingen werden in den klassischen Texten betont.

Meiner Meinung nach kann man, wenn man mit seiner Mutter Schwierigkeiten gehabt hat, in den Guru Yoga Meditationen im Lamrim-Text des Fünften Dalai Lamas Hinweise auf die beste Vorgehensweise finden. Viele frühere Texte hatten bereits die Aussage gemacht, dass es fast unmöglich ist, einen spirituellen Lehrer zu finden, der ausschließlich gute Qualitäten hat. Kein spiritueller Meister ist ideal; jeder wird eine Mischung starker und schwacher Punkte haben. In der Meditation über den spirituellen Meister will man sich auf die guten Qualitäten und die Güte des Lehrers, konzentrieren um einen sehr starken Respekt, Inspiration und Wertschätzung zu entwickeln. Dies wird uns dazu motivieren, diese guten Qualitäten und diese Güte selbst zu entwickeln.

Der Fünfte Dalai Lama erklärte, dass während wir dies tun, es nicht nötig ist, die Mängel und Fehler unseres Lehrers zu verleugnen. Das wäre ein Ausdruck der Naivität. Wir erkennen die Mängel, legen sie aber momentan beiseite, da es bloß zu Beschwerden und einer negativen Haltung führen würde, wenn wir an die Fehler des Lehrers dächten. Das würde überhaupt nicht inspirierend sein. Nur indem man sich auf die guten Qualitäten und die Güte des Meisters konzentriert, erhält man die Inspiration.

Als erstes erkennt man also die Mängel an. Wir müssen allerdings in einer ehrlichen Weise prüfen, ob es sich um wahre Mängel handelt oder bloß um Projektionen unsererseits. Falls die Mängel gar nicht wirklich vorhanden sind, sondern nur auf Projektionen unsererseits beruhen, lassen wir den Gedanken daran vollkommen los. Wenn wir die auf Projektionen beruhenden "Mängel" ausgeschlossen haben, prüfen wir bei den verbleibenden, ob es sich um Mängel handelt, die der Lehrer aktuell hat, oder ob es sich längst um überholte „alte Geschichten“ handelt, die wir nicht loslassen wollen. Wenn es sich um alte Mängel handelt, die nicht mehr bestehen, hören wir damit auf, uns gedanklich damit zu beschäftigen: Sie sind nicht mehr relevant. Wenn wir uns einmal klar gemacht haben, was tatsächlich seine momentan vorhandenen Mängel  sind, sagen wir „OK das sind seine oder ihre momentanen Mängel". Dann legen wir sie für den Augenblick auch beiseite und konzentrieren uns stattdessen nur auf die guten Qualitäten.

Ich denke, dass eine ähnliche Vorgehensweise auch dann angebracht ist und sehr gut funktionieren kann, wenn wir die Güte unserer Mütter betrachten. Niemand hat eine ideale Mutter. Wenn wir selbst Eltern sind, wissen wir, wie unglaublich schwierig es ist, diese Rolle ideal auszufüllen. Daher sollten wir auch nicht erwarten, dass unsere Eltern ideal hätten sein sollen. Dann sollten wir die Fehler und Mängel, die unsere jeweilige Mutter gehabt hat oder hat, betrachten und versuchen, die Ursachen und Bedingungen zu verstehen, die diese Mängel herbeigeführt haben. Sie ist nicht inhärent eine schlechte Person, genau wie kein Geistesstrom in inhärenter Weise eine Mücke ist (und auch eine Mücke ist nicht in inhärenter Weise nervend). Wir stellen dabei sicher, dass wir nicht Mängel auf unsere Mutter projizieren oder einfach ewig an alten Geschichten festhalten. Dann legen wir alle nur projezierten Fehler beiseite und für den Augenblick auch alle früheren und momentan vorhandenen. Wir sagen uns „OK, sie hat oder hatte ihre Fehler, doch sie ist ein Mensch wie alle anderen: wir alle haben Fehler“. Dann denken wir an ihre guten Qualitäten und an ihre Güte uns gegenüber.

Ein westlicher Dharmalehrer – ich habe vergessen, wer genau es war – hat eine Meditationsmethode vorgeschlagen, die ich sehr nützlich finde. Nachdem man die negativen Qualitäten seiner Mutter beiseite gelegt hat, geht man sein Leben in Fünf- oder Zehnjahresabschnitten durch. Man kann etwa fünf Minuten, eine halbe Stunde, eine Stunde oder wie lange auch immer man will, damit verbringen, dass man versucht, sich an all die liebenswerten Dinge zu erinnern, die unsere Mutter in jedem dieser Fünf- oder Zehnjahresabschnitte unseres Lebens für uns getan hat. Als erstes von der Zeit in ihrem Bauch bis zum Alter von fünf Jahren: wir erinnern uns daran, wie sie unsere schmutzigen Windeln gewechselt hat, wie sie uns gefüttert hat, gebadet hat, und so weiter. Dann erinnern wir uns an die Zeit von fünf bis zehn und so weiter. Sie hat uns zur Schule gebracht   sie mag uns mit den Hausaufgaben geholfen haben oder auch nicht   aber wahrscheinlich hat sie für uns gekocht und unsere Kleider gewachsen. Als wir Teenager waren, hat sie uns wahrscheinlich Taschengeld gegeben. Egal wie schrecklich unsere Mutter gewesen sein mag: sie hat uns zweifellos in jeder Periode unseres Lebens in vielen Weisen ihre Güte erwiesen.

Dann können wir dieselbe Methode auf unseren Vater und auf andere Verwandte, Freunde und so weiter anwenden. Es ist sehr hilfreich für die Meditation. Es ist ein besonders starkes Gegenmittel gegen die Art von Deprimiertsein, das wir manchmal verspüren, wenn wir denken „Niemand liebt mich“. Wenn wir die Güte erkennen, die uns unsere Mutter in diesem Leben erwiesen hat, dann hilft uns dies zu erkennen, dass jeder in einer ähnlichen Weise gütig zu uns gewesen ist. Niemand ist eine ideale Mutter gewesen – sicher kann sie uns irgendwann aufgefressen haben   doch sie ist uns gegenüber auch gütig gewesen.

Die Güte der Mutterliebe erwidern

Im dritten Schritt in den siebenteiligen Quintessenz-Lehren entwickelt man den Wunsch, die Güte der Mutterliebe, die man erhalten hat, zurückzugeben (drin-gso). Hierzu können wir die gerade beschriebene Meditation mit der man sich an die Mutterliebe, die man erhalten hat, erinnert, weiter ausbauen. Wir gehen noch einmal unser Leben in Fünf- oder Zehnjahresabschnitten durch und prüfen, in welchen Weisen wir unsererseits unserer Mutter gegenüber gütig waren. Dasselbe können wir mit unseren Vätern, Freunden, Verwandten und so weiter tun.

Wenn wir vergleichen, wie viel Liebe und Hilfe wir erhalten haben und wie viel wir gegeben haben, werden die meisten von uns feststellen, dass wir weit mehr erhalten als gegeben haben. Es geht nicht darum, dass man dann ein schlechtes Gewissen entwickelt, was eine typisch westliche neurotische Reaktion wäre. Es geht vielmehr darum, dass man sich hierdurch beim nächsten Punkt der Bodhichitta-Meditation hilft, der darin besteht, dass man die Güte, die man erhalten hat, erkennt und dadurch den Wunsch entwickelt, diese Güte zu erwidern.

Ich finde diese Adaptation der Meditation, die ich gerade beschrieben habe, sehr hilfreich, um tatsächlich unser Herz zu bewegen, so dass wir tatsächlich etwas fühlen. Ich denke, dass das sehr wichtig ist. Ich habe so viele westliche Buddhisten gesehen, die all diese Meditationen über Liebe und Mitgefühl machen und sogar anderen helfen, aber eine schreckliche Beziehung zu ihren Eltern haben und darin stecken bleiben. Mir scheint, dass es wirklich sehr hilfreich ist, mit dieser Beziehung zu arbeiten und sie nicht zu vermeiden, nur weil sie schwierig ist.

Vorgeschlagene Methode, um die Übung anzuwenden

Eines der wichtigen Dinge bei jedem dieser Schritte ist es, sich zu öffnen und zu versuchen, die Reichweite unserer Praxis auf alle Wesen auszudehnen. Bei jedem Schritt können wir natürlich in einem kleinen Rahmen anfangen, doch dann weiten wir schrittweise die Reichweite aus. Wir tun dies auf der Grundlage des Gleichmutes, mit dem wir alle als individuelle Geistesströme sehen. Eine effektive Weise dafür ist nach meiner Erfahrung nicht bloß in einer Sitzposition mit geschlossenen Augen zu meditieren, wobei man an „alle fühlenden Wesen“ denkt. Weit effektiver scheint mir, in einer Weise zu üben wie ich es im Sensitivitätstraining (Sensibilitätstraining) vorgeschlagen habe.

Mit anderen Worten, versuchen Sie diese positiven Haltungen als erstes gegenüber verschiedenen Menschen (Freunde, Menschen die wir nicht mögen und Unbekannte) zu entwickeln, während Sie sich auf Ihre Fotos konzentrieren. Dann versuchen Sie, diese Gefühle zu entwickeln, während Sie tatsächliche Menschen anschauen, die in einer Meditationsgruppe um uns herum in einem Kreis sitzen. Dann versuchen Sie, dies mit den Menschen in der U-Bahn oder im Bus zu tun. Auf diese Weise wenden wir die positiven Geisteshaltungen, die wir zu entwickeln versuchen, tatsächlich auf die anderen an.

Man versucht ebenso, dies Tieren und Insekten gegenüber anzuwenden – und nicht bloß theoretisch, in unserem Geist, sondern wenn wir sie tatsächlich sehen. Hierbei sollten wir die extreme Haltung vermeiden, die man beispielsweise bei den Tibetern manchmal beobachten kann   dass es nämlich einfacher ist, zu einem Insekt gütig zu sein als zu einem menschlichen Wesen. Wenn eine Ameise mitten im Tempel auftaucht, bemühen sich alle in einer extremen Weise, damit ihr nichts passiert. Und doch zeigen sie dieselbe Fürsorge und Güte menschlichen Wesen gegenüber oft nicht, etwa wenn Inder oder Ausländer die ihre Tempel besuchen, gerne etwas über die Dinge erfahren würden, die sie da sehen. Wir sollten hier die Dinge in einem korrekten Verhältnis sehen.

Einige könnten sagen, dass es einfacher ist, einer Ameise zu helfen als einem menschlichen Wesen, was daran liegt, dass die Ameise einen nicht beschimpfen wird und einem hart zusetzen, während Menschen das oft tun. Eine Ameise kann man einfach auflesen und nach draußen bringen, was man mit lästig werdenden Menschen nicht unbedingt tun kann. Auf jeden Fall, was ich hier deutlich machen will ist, dass viele Menschen diese Meditationen in einer sehr abstrakten Weise üben – „alle fühlenden Wesen“ – sie aber in „der wahren Welt“ nie auf tatsächliche Menschen anwenden. Das bildet ein großes Hindernis, um irgendeinen Fortschritt auf dem Pfad zu machen.

Die große Liebe

Wenn wir alle als unsere ehemaligen Mütter erkannt haben, an die Güte der mütterlichen Liebe gedacht haben und den Wunsch entwickelt haben, diese Güte zu erwidern, empfinden wir in einer natürlichen Weise ein Gefühl herzerwärmender Liebe (tib. yid-‘ong byams-pa). Dies ist ein automatisches Gefühl der Nähe und der Wärme gegenüber allen Personen, denen man begegnet. Es braucht keinen separaten Meditationsschritt, um dieses Gefühl zu entwickeln. Es wird auch „sich liebevoll sorgende Liebe“ (tib. gcer-zhing pham-pa’i byams-pa) genannt, die Liebe, mit der wir jemanden uns um jemanden sorgen, uns um sein oder ihr Wohlergehen sorgen und sehr unglücklich wären, wenn ihm oder ihr irgend etwas geschehen würde.

Auf der Grundlage der herzwärmenden Liebe geht man weiter zur Meditation über die große Liebe (tib. byams-pa chen-po), dem vierten Schritt. Liebe ist der Wunsch, dass jemand anders glücklich sein möge, im allgemeinen jemand, den wir mögen. Die große Liebe dagegen ist der Wunsch, dass jeder glücklich sein und die Ursachen des Glücks haben möge. Es ist wirklich sehr wichtig, dass man ihnen sowohl das Glück als auch die Ursachen des Glücks wünscht. Dies drückt aus, dass wir ein volles Verständnis dafür haben, dass das Glücklichsein auf Ursachen beruht und nicht bloß auf der Gunst von Göttern oder auf einer Glückssträhne   und dass die Ursache nicht ich bin.

Die Ursachen für das Glücklichsein werden in den Lehren über das Karma dargestellt: wenn man in einer konstruktiven Weise handelt, ohne Anhaftung, Wut und so weiter, dann wird man Glücklichsein erleben. Deshalb müssen wir hier denken: „Mögest du Glück und die Ursachen für Glück haben. Mögest du tatsächlich in einer konstruktiven und gesunden Weise handeln, damit du das Glücklichsein erleben wirst“.

Dieser Schritt zeigt uns bereits, dass wir mit diesen Bodhichitta-Meditationen daran arbeiten, Buddhas zu werden, um allen zu helfen, aber ohne unsere Helferrolle aufzubauschen. Wir können den anderen den Weg zeigen, doch sie müssen selbst die Ursachen für das Glücklichsein aufbauen.

Das große Mitgefühl

Dann kommt der fünfte Schritt, das große Mitgefühl (tib. snying-rje): der Wunsch, dass jeder frei vom Leiden und den Ursachen des Leidens sein mögen. Auch dies geschieht mit dem vollen Verständnis dafür, dass ihr Leiden aufgrund von Ursachen entsteht und dass sie diese Ursachen beseitigen müssen, um ihr Leiden zu beseitigen. Auch dies ist wieder eine sehr realistische Sichtweise. Die große Liebe und das große Mitgefühl sind nicht bloß emotionale Gefühle wie etwa „Es tut mir so Leid, dass alle leiden“. Vielmehr werden diese Gefühle von einer Einsicht in die verhaltensbedingten Ursachen und Wirkungen begleitet.

Das große Mitgefühl übersteigt das gewöhnliche Mitgefühl auch in vielen anderen Weisen. Erstens bezieht es sich in gleicher Weise auf alle beschränkten Wesen, nicht bloss auf einige. Zweitens ist es der Wunsch, dass sie frei vom alles durchdringenden Leiden (tib. khyab-par ‘du-byed-kyi sdug-bsngal) sein mögen, das darin besteht, dass man in einer wiederholten und unkontrollierbaren Weise mit Aggregaten wiedergeboren wird, die aus der Verwirrung kommen, mit Verwirrung vermischt sind, mehr Verwirrung produzieren und so daher das Leiden fortsetzen. Es handelt sich also nicht lediglich um den Wunsch, dass die anderen frei vom Leiden des Leidens oder vom Leiden der Veränderung sein mögen. Das Leiden der Veränderung ist das gewöhnliche weltliche Glück, dass nie anhält und nie befriedigend ist. Das große Mitgefühl ist nicht der Wunsch, dass die Wesen in ein Paradies gelangen um diesem Problem zu entrinnen. Drittens basiert das große Mitgefühl auf der festen Überzeugung dass es allen beschränkten Wesen möglich ist, die Befreiung von ihrem alles durchdringenden Leiden zu erlangen. Es ist nicht bloß ein schöner Wunsch.

Das Mitgefühl wird immer als eine Geisteshaltung beschreiben, die der Entsagung ähnelt. Die Entsagung ist eine Geisteshaltung, die unser eigenes Leiden, die Ursachen unseres Leidens und den Wunsch uns von beidem zu befreien, beinhaltet. Auf der Grundlage der Entsagung können wir Empathie für andere entwickeln. Man tut dies, indem man dieselbe Geisteshaltung auf andere richtet, auf ihr Leiden, die Ursachen ihres Leidens und den Wunsch, dass sie sich davon befreien mögen.

Es wird immer gesagt, dass es für uns schwierig ist, mit den anderen Empathie und ein wirkliches Mitgefühl zu empfinden, wenn wir nicht erst an unser eigenes Leiden gedacht haben und nicht selbst gewünscht haben, dass wir davon frei sein mögen. Wir müssen verstehen, dass die anderen den Schmerz ihres Leidens wirklich empfinden und dass ihr Leiden ihnen ebenso weh tut, wie unser Leiden uns weh tut. Um dies zu verstehen, müssen wir anerkennen, dass unser eigenes Leiden uns weh tut. Ansonsten nehmen wir das Leiden der anderen nicht ernst. Erinnern Sie sich, wir wünschen uns, dass unsere Mütter, die so gütig zu uns gewesen sind, glücklich sein und frei vom Leiden sein mögen. Wir beginnen die Meditation mit unseren Müttern und so weiter, damit die Meditation Gefühle mit sich bringt.

Die Methode ausweiten als Hilfe bei niedrigem Selbstwertgefühls

Genau wie die Texte sagen, dass das Mitgefühl sich nur dann wirklich entwickelt, wenn wir zuerst selbst frei vom Leiden und seinen Ursachen sein wollen, denke ich, dass wir dasselbe Prinzip in Bezug auf die Liebe formulieren können. Das ist besonders relevant für diejenigen von uns, die an einem niedrigem Selbstwertgefühl leiden. Ein niedriges Selbstwertgefühl ist ein speziell westliches Problem, das unter Tibetern oder auch unter Indern nicht so häufig ist. Bevor wir anderen ehrlich wünschen können, glücklich zu sein und die Ursachen des Glücks zu erlangen, müssen wir zuerst uns selbst ernsthaft wünschen, glücklich zu sein und die Ursachen des Glücks zu besitzen. Wenn wir der Meinung sind, dass wir selbst es nicht verdienen, glücklich zu sein, warum sollte dann sonst irgend jemand es verdienen?

Daher denke ich, falls wir an einem niedrigen Selbstwertgefühl leiden, dass wir als einen weiteren Schritt in der Meditation den Wunsch mit einschliessen können, dass wir selbst glücklich sein mögen. Mir scheint, dass dies ziemlich wichtig ist. Wenn man sich diese Denkweise zu eigen macht, dass alle es verdienen, glücklich zu sein, dann hilft uns das, uns an unsere Buddhanatur zu erinnern. Wir sind nicht gänzlich schlecht; niemand ist restlos schlecht. Wir alle haben das Potential, Buddhas zu werden, den anderen zu helfen, glücklich zu sein und so weiter.

Ein weiterer Punkt: Liebe und Mitgefühl werden auch im Theravada und in anderen Hinayana-Schulen entwickelt. Dort folgen die Meditationen allerdings nicht gestuften Schritten, wie diesen sieben hier, die uns dabei helfen, ein Gefühl der Liebe und des Mitgefühls auf der Grundlagen von Gründen aufzubauen, wie etwa aufgrund der Erinnerung an die Mutterliebe. Wir sollten aber nicht denken, dass Meditationen über Liebe und Mitgefühl in der Theravada-Tradition fehlen. Der nächste Schritt, die Meditation über Bodhichitta, findet sich dort allerdings nicht.

Der außergewöhnliche Entschluss

Verschiedene Übersetzer geben den Namen des sechsten Schrittes in unterschiedlichen Weisen wieder. Manche nennen ihn „den reinen selbstlosen Wunsch“. Seine Heiligkeit der Dalai Lama benutzt den Begriff der „universellen Verantwortung“. Obwohl ich selbst den Begriff mit verschiedenen Formulierungen übersetzt habe, ziehe ich zur Zeit „außergewöhnlichen Entschluss“ (tib. lhag-bsam) allen anderen vor. Es bedeutet, dass wir selbst die Verantwortung übernehmen, tatsächlich etwas gegen das Leiden der anderen zu tun. Wenn jemand in einem See ertrinkt bleiben wir nicht einfach am Ufer stehen und sagen „Na, na, ich wünsche mir, dies würde nicht passieren“. Wir müssen tatsächlich ins Wasser springen und versuchen, der Person zu helfen. In einer ähnlichen Weise denken wir hier bei der Bodhichitta-Meditation daran, die Verantwortung zu übernehmen, den anderen so viel wie möglich zu helfen.

Die Bodhichitta-Ausrichtung

Auf der Grundlage dieses sechs-schrittigen Entwicklungsgangs als Ursache, besteht der siebte Schritt darin, als Ergebnis die Bodhichitta-Ausrichtung (tib. sems-bskyed) zu entwickeln. Wenn wir prüfen, wie wir den anderen mit unseren jetzigen Beschränkungen und störenden Emotionen am meisten nutzen können, dann stellen wir fest, dass wir ihnen tatsächlich nicht viel helfen können. Wenn ich egoistisch und ungeduldig bin, für manche Menschen Anhaftung entwickle und anderen gegenüber wütend werde, wenn ich faul bin und ständig müde werde, wenn ich die anderen nicht wirklich verstehen kann und nicht ordentlich kommunizieren kann, wenn ich Angst vor den anderen habe, Angst davor habe, dass man mich nicht mag oder zurückweist – dann werden mich all diese Dinge daran hindern, den anderen bestmöglich zu helfen. Da ich aber helfen will, muss ich mich von diesen Dingen befreien. Ich muss wirklich an mir selbst arbeiten, damit ich sie alle loswerden kann und dadurch tatsächlich dazu fähig werde, meine Talente, Fähigkeiten und die Qualitäten meiner Buddhanatur zu nutzen, um den anderen zu nutzen. Wir sollten immer an diesen Satz denken: „so gut wie möglich“ – d.h. wir werden keine allmächtigen Götter werden. Aufgrund dieses Gedankengangs machen wir uns von ganzem Herzen und mit unserem ganzen Geist daran, ein Buddha zu werden um dazu fähig zu werden, allen bestmöglich helfen zu können. Dies ist die Entwicklung der Bodhichitta-Ausrichtung.

Das Verhalten eines Bodhisattvas

Wenn wir einmal Bodhichitta entwickelt haben, versuchen wir den anderen zu helfen, so sehr uns das trotz unserer Beschränkungen möglich ist. Dies liegt daran, dass wir den außergewöhnlichen Entschluss zum Helfen gefasst haben, den wir durch die vorangehenden Schritte der siebenteiligen Meditation über die Ursachen und die Wirkung des Bodhichitta aufgebaut haben.

Dies bedeutet, dass wenn auch immer wir anderen begegnen und sehen, dass sie ein Problem haben, beispielsweise ohne eine feste Bleibe zu sein, dann sehen wir sie nicht einfach als Obdachlose. Wenn wir sie sehen, denken wir uns nicht, dass sie in einer inhärenten Weise arm oder faul sind, oder was auch immer sonst wir an Werturteilen projizieren mögen. Vielmehr erkennen wir, dass sie nur in diesem Leben und an diesem bestimmten Punkt ihres Lebens so sind. Ihre Geistesströme allerdings sind anfangslos und irgendwann sind sie unsere Mütter gewesen und haben sich voller Güte um uns gekümmert. Sie haben uns in ihrem Bauch getragen, haben unsere schmutzigen Windeln gewechselt und so weiter, und wir würden wirklich gerne ihre Güte erwidern. Wir wünschen uns, dass sie glücklich sein könnten und die Ursachen des Glücks hätten, und dass sie frei von ihren Problemen und den Ursachen ihrer Probleme sein könnten. Wir nehmen die Verantwortung auf uns, diesbezüglich etwas zu tun.

Was ist nötig zu tun? Wir können nicht einfach nach Hause gehen und meditieren, um unsere Mängel zu überwinden, ohne tatsächlich irgendetwas zu tun, um solchen Menschen zu helfen. Selbstverständlich ist es nötig, mehr zu meditieren. Doch im Augenblick selbst sollte uns unser Verantwortung-Übernehmen dazu motivieren, unsere Schüchternheit, unser Zögern und unseren Geiz zu überwinden, und ihnen tatsächlich etwas geben, sie zumindest anlächeln   mindestens irgendetwas zu tun.

Mit anderen Worten, wir benutzen den außerordentlichen Entschluss, um uns hier und jetzt dazu zu bewegen, unsere Beschränkungen so sehr wir können zu überwinden und unsere Potentiale so sehr wir können zu nutzen, um sofort zu helfen. Natürlich müssen wir dann zu Hause mehr an uns selbst arbeiten, aber wir wollen nicht die Obdachlosen vergessen und einfach nach Hause stapfen um dort zu meditieren. Wenn unser Entschluss ehrlich ist, hält er unsere Achtsamkeit wach.

Die stärkste Motivation dazu, in jedem Augenblick an uns selbst zu arbeiten kommt daher, wenn wir anderen Wesen begegnen, die Hilfe brauchen. Wir sehen eine alte Frau, die im Winter auf dem kalten Boden neben der U-Bahnhaltestelle sitzt und bettelt und denken uns „Was, wenn dies meine Mutter wäre?“ Wenn es unsere wirkliche Mutter aus diesem Leben wäre, die da auf dem kalten Fussboden sitzen und betteln würde, würden wir dann einfach an ihr vorbeilaufen? Was würden wir empfinden, wenn der junge Mann, der in der U-Bahn die behelfsmässige Zeitung der Obdachlosen zu verkaufen sucht, unser eigener Sohn wäre? Dieser Junge hat Eltern. Es ist sehr wichtig. In Indien sehen wir Leprakranke und andere missgebildete Menschen und denken normalerweise nie daran, dass sie Familien haben. Sie haben Familien. Seht sie als Menschen.

Frage: Wie steht es mit dem unterscheidenden Gewahrsein, mit dem wir die konventionelle Natur dieser Obdachlosen erkennen? Wie viele von ihnen sind Betrüger und nutzen die Leute aus? Ich selbst habe mit Obdachlosen gearbeitet und weiß, dass es auf den Straßen Menschen gibt, die Stricher sind. Ich muss damit auf der konventionellen Ebene und auf der buddhistischen Ebene umgehen.

Berzin: Wir müssen das benutzen, was der Buddhismus die „geschickten Mittel“ nennt. Wir haben den Wunsch zu helfen, wir haben eine bestimmte Vorstellung von dem, was die Ursachen des Leidens und die Ursachen des Glücks der anderen sein könnten. Dann versuchen wir das zu tun, was tatsächlich hilfreich für sie ist. Möglicherweise ist es überhaupt nicht hilfreich, ihnen Geld zu geben, da sie es nur benutzen würden um mehr Alkohol oder Drogen zu kaufen   und daher geben wir ihnen kein Geld. Wenn wir etwas zu essen bei uns haben, können wir ihnen das geben. Doch in jedem Fall können wir ihnen unsere Zuwendung und unseren Respekt geben, indem wir sie nicht als schreckliche, eklige Junkies oder Alkoholiker sehen. Sie sind menschliche Wesen, leidende menschliche Wesen.

Es ist nicht leicht zu entscheiden, was die beste Art sein mag, jemandem zu helfen. Wir erkennen, dass wir jetzt beschränkt sind. Wir wissen wirklich nicht, was am besten ist. Um es wirklich zu wissen, müssen wir Buddhas werden. Im vollen Bewusstsein darüber, dass wir manchmal Fehler machen werden, geben wir inzwischen jetzt unser Bestes – zumindest versuchen wir es.