Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

Zur Textversion für diese Seite wechseln. Zur Haupt-Navigation springen.

Übersicht über die sechs weit reichenden Geisteshaltungen
(sechs Vollkommenheiten)

Alexander Berzin
Riga, Lettland, Juli 2004
Übersetzung ins Deutsche: Cornelia Krause

Teil zwei: Weit reichende Großzügigkeit

Der Unterschied zwischen unterscheidendem Gewahrsein und tiefem Gewahrsein

In der Pause wurde eine Frage hinsichtlich der verschiedenen Wörter gestellt, die als „Weisheit“ übersetzt werden. Ich mache in der Übersetzung einen Unterschied zwischen zwei tibetischen Begriffen – die auch im Sanskrit unterschiedlich sind -, welche oft beide als „Weisheit“ übersetzt werden (und dann geht der Unterschied zwischen den beiden Begriffen verloren). Der eine wird „ unterscheidendes Gewahrsein“ genannt; das Wort lautet sherab (shes-rab) im Tibetischen bzw. „ prajna“ [im Sanskrit] . Der andere wird „tiefes Gewahrsein“ genannt, und das entsprechende Wort lautet „ yeshe“ (ye-shes) ) im Tibetischen bzw. „ jnana“ [im Sanskrit]. Die Begriffe sind sehr verschieden. Ich werde den Unterschied erklären.

Es gibt zwar viele unterschiedliche Verwendungen für jedes dieser Wörter, aber wenn wir etwas Klarheit suchen – die Definition von unterscheidendem Gewahrsein ist, dass dieses der Unterscheidung (tib. ‘ du-shes) Gewissheit hinzufügt. Unterscheidung – oft als „Erkennen“ übersetzt – bedeutet: Unterscheiden, dass etwas dies und nicht jenes ist. Das unterscheidende Gewahrsein fügt dem völlige Gewissheit hinzu. Es unterscheidet, was konstruktiv und was destruktiv ist, was hilfreich und was nicht hilfreich ist, was angemessen und was nicht angemessen ist, was korrekt und was nicht korrekt ist (im Hinblick darauf, was Realität und was nicht Realität ist). Meist wird es mit Leerheit in Verbindung gebracht. Das Verständnis der Leerheit trifft die Differenzierung, dass Dinge nicht auf unmögliche Art existieren, sondern auf eine Art und Weise, die tatsächlich möglich ist. Das ist unterscheidendes Gewahrsein.

Selbst ein Wurm hat unterscheidendes Gewahrsein. Ein Wurm kann sehr sicher unterscheiden: Essbares, nicht Essbares. Eine Kuh kann zwischen der offenen Scheunentür und der Scheunenwand unterscheiden, sodass sie nicht gegen die Wand läuft. Das als „Weisheit“ zu bezeichnen, ist hier allerdings nicht die glücklichste Wahl.

Wenn es um Leerheit geht, ist unterscheidendes Gewahrsein einzig ein Gewahrsein der tiefsten Wahrheit über die Dinge, nämlich der Leerheit.

Der andere Ausdruck, tiefes Gewahrsein, ist Gewahrsein der zwei Wahrheiten; entweder der zwei Wahrheiten zusammen oder der zwei Wahrheiten in gegenseitigem Kontext. Doch tiefes Gewahrsein ist auch Teil der Buddha-Natur, die sehr tiefgründig ist und die jeder hat: es bezieht sich somit auf das spiegelgleiche tiefe Gewahrsein (tib. me-long lta-bu’i ye-shes) (die Fähigkeit, Informationen aufzunehmen), das gleichsetzende tiefe Gewahrsein (tib. mnyam-nyid ye-shes) (die Fähigkeit, Strukturen zu erkennen und Dinge zusammenzufügen), individualisierendes tiefes Gewahrsein (sor-rtog ye-shes) (sich der Besonderheit von diesem oder jenem gewahr sein) usw.

Diese Aspekte der Buddha-Natur hat auch ein Wurm. Auch hier scheint es nicht ganz passend, das Weisheit zu nennen.

Der Ausdruck „tiefes Gewahrsein“ kann in verschiedenen tibetischen Traditionen etwas unterschiedlich verwendet werden. Aber jedenfalls ist es nicht dasselbe wie unterscheidendes Gewahrsein. In der Gelug-Tradition wird das Wort auch für das Gewahrsein benutzt, das ein Arya (tib.’ phags-pa) – jemand, der die Leerheit auf unbegriffliche Weise erkennt – hat; das ist eine zusätzliche Bedeutung des Wortes.

Zuordnung der weit reichenden Geisteshaltungen zu den zwei Netzwerken (Fortsetzung)

Was die allgemeine Zuordnung der sechs weit reichenden Geisteshaltungen zu den zwei oder drei Netzwerken betrifft, so ist es jedenfalls nicht von Nutzen, einfach zu denken: „Ach, das ist bloß ein intellektuelles Schema; das ist nicht von Belang“, sondern wir können, wie gesagt, erkennen: „ Was wird sich in das verwandeln, was all diese Formen hat, sodass wir darauf beruhend als Buddha anderen wirklich helfen können?“ Folgendes: Großzügigkeit, indem man anderen im Speziellen wirklich hilft. Und wir brauchen die Disziplin, die darin besteht, anderen zu helfen und ihnen nicht zu schaden. Und Geduld, sodass wir nicht den Mut verlieren bei dem Versuch, anderen zu helfen, denn das ist nicht immer einfach; und während wir versuchen, anderen zu helfen, werden wir auch Geduld mit unseren eigenen Problemen und Unzulänglichkeiten brauchen – natürlich müssen wir daran arbeiten, aber wir dürfen nicht aufgeben. Diese Kombination ist es, die sich verwandeln und dazu führen wird, dass wir alle die Formen und Fähigkeiten haben werden, die ein Buddha hat, um anderen zu helfen.

Und was verwandelt sich in den Geist eines Buddha? Nun, wir brauchen natürlich das unterscheidende Gewahrsein. Wir brauchen geistige Beständigkeit, d.h. nicht nur Konzentration, sondern auch die Fähigkeit, uns nicht von dem Auf und Ab unserer Stimmungen und störenden Emotionen beeinträchtigen zu lassen. Wir brauchen Geduld, sodass wir uns nicht von den Schwierigkeiten bei der Ausübung von Dharma entmutigen lassen, insbesondere beim Meditieren und wenn wir versuchen, die so genannte Weisheit zu erlangen. Das ist es, was sich dahingehend verwandelt, dass man den Geist eines Buddha hat.

Freudige Ausdauer brauchen wir für beides. Ganz allgemein gesprochen bedeutet das: Wir müssen bei dem bleiben, was wir tun, , ohne aufzugeben, und tatsächlich Freude daran haben, sowohl anderen zu helfen als auch zu meditieren. Das trägt zu beidem bei: Zum Aufbau positiver Kraft, indem wir anderen helfen, und zum Aufbau tiefen Gewahrseins, indem wir meditieren. Natürlich trägt beides – sowohl anderen zu helfen als auch zu meditieren – dazu bei, positive Kraft und tiefes Gewahrsein zu entwickeln. Ich treffe hier nur eine ganz allgemeine Aussage, um die Sache einfacher zu machen.

Ganz gleich, was wir tun – es ist erforderlich, dabeizubleiben und nicht aufzugeben. Das ist Ausdauer. Und Freude daran haben, nicht die Einstellung hegen: „Bah, das ist schrecklich, ich verabscheue es, das zu tun, aber ich tue es trotzdem, weil ich mich dazu verpflichtet fühle oder mich schuldig fühlen würde, wenn ich es nicht täte.“ Es genießen. „Ich meditiere gern. Ich helfe gern anderen Menschen. Das bringt mir viel Freude.“ „Ich übersetze gern. Das macht mir großen Spaß. Es gibt nichts, was mich glücklicher macht.“

Ich habe den genauen Wortlaut vergessen, aber Shantideva sagte in etwa: „Ein Bodhisattva ist jemand, der nicht glücklich ist, ohne wirklich etwas zu tun, um anderen zu helfen bzw. anderen von Nutzen zu sein.“ Wenn man Freude an seiner Arbeit hat, wird man nicht glücklich sein, ohne sie zu tun. Es geht hier nicht darum, ein Workaholic im Büro zu werden, sondern darum, anderen zu helfen. Ohne tatsächlich etwas zu tun, das anderen von Nutzen ist, fühlen wir uns nicht recht glücklich. „ Ich möchte immer etwas tun, was anderen hilft. Das ist es, was mir am meisten Freude im Leben macht.“ Darum geht es bei der freudigen Ausdauer. Es spielt keine Rolle, was wir tun, um anderen zu helfen – sei es, dass wir uns um unsere Kinder kümmern, in einem Unternehmen arbeiten, das auf irgendeine Weise altruistisch orientiert ist, Dharma lehren oder was auch immer. Wir tun irgendetwas, wozu wir die Fähigkeit haben.

Nun zum Prasangika. Wenn ich vom Prasangika spreche, meine ich die Gelug-Tradition des Prasangika-Systems. Tsongkhapa war ein unglaublich bahnbrechender Denker und unfassbar mutig. Er untersuchte die indischen Texte sehr, sehr gründlich und stellte fest, dass die Prasangika-Texte tatsächlich einige ganz spezielle Erklärungen enthielten. So kristallisierte sich ein Prasangika-System gemäß der Gelug-Tradition heraus. Die früheren Systeme – Nyingma, Sakya und Kagyü - haben ein anderes Verständnis von dem Prasangika-Standpunkt. Dem Prasangika-System in der Gelug-Tradition entsprechend legt Tsongkhapa hier eine andere Art der Einteilung dieser sechs weit reichenden Geisteshaltungen dar. (Ich erwähne das, weil hier sowohl Leute aus einem Kagyü-Zentrum aus der Tradition der Drikung Kagyü als auch aus einem Gelug-Zentrum anwesend sind.) Tsongkhapa differenziert die sechs weit reichenden Geisteshaltungen anhand der zwei Wahrheiten. Das weit reichende unterscheidende Gewahrsein – und dabei geht es hier nicht um das unterscheidende Gewahrsein dessen, was konstruktiv und destruktiv im Hinblick auf Karma ist, sondern um das unterscheidende Gewahrsein in Bezug auf die tiefste Wahrheit, die Leerheit – trägt zum Netzwerk tiefen Gewahrseins bei, zur Transformation in den Geist eines Buddha. Alle anderen weit reichenden Geisteshaltungen einschließlich des unterscheidenden Gewahrseins in Bezug darauf, was hilfreich und was schädlich ist, tragen zum Netzwerk positiver Kraft bei, um die Formkörper eines Buddha zu entwickeln. Das ist nur eine andere Art der Einteilung, nämlich entsprechend den zwei Wahrheiten. Diese beiden unterschiedlichen Erklärungen werden Sie hören, und tatsächlich sind beide sehr hilfreich.

Weit reichende Großzügigkeit

Lassen Sie uns nun die sechs weit reichenden Geisteshaltungen selbst betrachten. Die erste davon ist Großzügigkeit. Großzügigkeit wird als Bereitschaft zum Geben definiert. Sie ist eine Einstellung, ein Geisteszustand. Shantideva schrieb: „Wenn Vollkommenheit der Großzügigkeit darin bestünde, dass die Armut des gesamten Universums beseitigt wäre, dann hätte Buddha die Vollkommenheit der Großzügigkeit nicht erlangt, denn es gibt immer noch Menschen, die arm sind.“ Vollkommenheit der Großzügigkeit ist also die völlige Bereitwilligkeit, ausnahmslos alles zu geben.

Großzügigkeit bedeutet nicht, dass wir selbst arm werden und alles verschenken müssen, was wir haben. Es geht nicht um Armut als Tugend, wie es in anderen Religionen möglicherweise der Fall ist. Es geht um die Bereitwilligkeit, ohne zu zögern und ohne Umschweife etwas zu geben – wenn es angemessen ist. Wir müssen dabei unser Unterscheidungsvermögen benutzen. Wir geben nicht jemandem ein Gewehr, sodass er losgehen und schießen kann: „O ja, ich bin großzügig. Hier hast du ein Gewehr“ oder „Hier ist das Geld, damit du dir ein Gewehr kaufen kannst.“ „Hier hast du Geld, um dir Drogen zu kaufen.“

Selbst wenn wir sehr arm und mittellos sind, können wir trotzdem bereitwillig sein zu geben. Sonst könnten arme Leute keine Großzügigkeit entwickeln. Wir können Großzügigkeit üben, wenn wir einen wunderschönen Sonnenuntergang sehen: „Möge jeder diesen herrlichen Sonnenuntergang genießen. Mögen sich alle an dieser schöne Landschaft erfreuen. Mögen alle das schöne Wetter genießen.“ Seien Sie großzügig mit dem, was Sie besitzen, und mit dem, was Ihnen nicht gehört. Großzügigkeit ist das Gegenteil von Geiz. Geiz ist die Einstellung: „Ich will das – egal, was es ist – nicht mit jemandem teilen. Ich will es für mich selbst behalten. Wenn ich jemandem etwas abgebe, wird nicht genug für mich übrig bleiben.“

Aber wir müssen natürlich aufpassen, dass wir nicht fanatisch werden. Denn auch wenn wir damit beschäftigt sind, anderen zu helfen, müssen wir essen und schlafen – wir brauchen so etwas. Es geht hier mehr darum, etwas mit anderen zu teilen. Wir können nicht alles weggeben, sodass wir verhungern. Wenn wir ganz weit fortgeschrittene Bodhisattvas sind, ist das natürlich etwas anderes, aber das sind wir nicht. Als äußerst weit fortgeschrittene Bodhisattva können wir unser Leben hingeben, um anderen zu helfen, aber nicht auf unsere Stufe. Wir können es anstreben, dazu imstande zu sein. Aber wenn wir noch nicht so weit sind, entwickeln wir bei dem Versuch, so etwas zu tun, meist bloß einen sehr negativen Geisteszustand; das ist also nicht die nützlichste Vorgehensweise. Wir sind noch nicht so weit. Wie etwa in dem Beispiel des Buddha in einem früheren Leben, als er seinen Körper einer hungrigen Tigerin zum Fraß gab – so weit sind wir noch nicht.

Aber es ist erforderlich, dass wir unserer Ebene entsprechend bereit sind, unseren Körper für andere einzusetzen. Das könnte zum Beispiel sein, ihnen bei einer schwierigen Arbeit zu helfen, anderen körperlich zu helfen, ohne Angst zu haben, uns die Hände schmutzig zu machen und dergleichen mehr. Oder auch wenn es gefährlich ist, jemanden zu retten, es tatsächlich zu tun. Und natürlich unsere Besitztümer herzugeben, wenn sie gebraucht werden und jemandem von Nutzen sein können, sowie auch unsere so genannten Tugendwurzeln (tib. dge-ba’i rtsa-ba) mit anderen zu teilen – d.h. im Grunde das Potenzial der positiven Kraft, die wir aufgebaut haben, mit anderen zu teilen. Mit anderen Worten, nur als Beispiel - lassen Sie mich ein Beispiel aus meinem eigenen Leben anführen: Wenn ich als Resultat positiver Kraft aus früheren Leben so viele Verbindungen überall auf der Welt und zu großartigen Dharma-Lehrern und großen Meistern in Indien aufgebaut habe, dies dann mit anderen zu teilen und nicht bloß für mich zu behalten. Wenn es angemessen ist, jemanden dort vorzustellen oder einzuführen, stelle ich die Verbindung her und nutze sie nicht nur für mich selbst; es geht darum, das Potenzial zu nutzen, dass man aufgebaut hat, um anderen zu helfen, und es nicht nur für sich selbst zu behalten. „Möge all die harte Arbeit, die ich in meine Ausbildung und meine Studien in Indien gesteckt habe, anderen zum Nutzen gereichen.“ Davon ist hier die Rede. Anderen die Türen zu öffnen.

Die Großzügigkeit, materielle Unterstützung zu geben

Es werden drei oder vier Arten von Großzügigkeit aufgezählt. Die erste ist die Großzügigkeit, materielle Unterstützung zu geben. Das heißt: etwas zu geben, das wir besitzen, das uns gehört, seien es Nahrungsmittel, Kleidungsstücke, Geld, was auch immer, – je nachdem was wir haben. Doch abermals – wir werden darauf noch zu sprechen kommen – geht es darum, zu geben, was angemessen ist. Wir können auch etwas geben, das wir nicht besitzen, etwas, das sozusagen öffentlich ist. Das heißt natürlich nicht, dass wir losgehen und etwas stehlen. Es geht darum, etwas Öffentliches zu geben, etwa die Umgebung zu säubern, damit andere sie genießen können. Auch das ist ein Geschenk an andere. Und wie ich schon sagte: „Möge jeder das schöne Wetter genießen können“ usw.

Wir sollten hier auch nicht nur an physische Dinge denken; wir geben auch (wie schon im Zusammenhang mit dem Körper erwähnt) unsere Arbeit, unsere Zeit, unser Interesse, all so etwas, wir geben Energie, Ermutigung usw. Das bedeutet großzügig zu sein.

Die Großzügigkeit, Dharma zu geben

Die zweite Art der Großzügigkeit ist Dharma zu geben. Das bezieht sich nicht nur darauf, zu lehren, zu übersetzen, Lehren niederzuschreiben, Bücher zu veröffentlichen, Stupas zu bauen und all das. Das ist nur ein Aspekt davon. Dharma-Zentren aufzubauen, dort zu arbeiten und dergleichen mehr. Aber dazu gehört auch, Fragen zu beantworten, die jemand hat, Informationen zu geben, wenn jemand sie braucht usw. Alles von dieser Art.

Auch das, worauf in der Sakya-Tradition hingewiesen wird: das so genannte Darbringen von Samadhi (bzw. Konzentration). Das bezieht sich darauf, anderen all die verschiedenen Aspekte der eigenen Dharmapraxis darzubringen bzw. zu geben. Alles, was wir gelesen oder studiert haben, stellen wir anderen zur Verfügung; wir nutzen es, um anderen zu helfen. Alles Wissen, das wir erlangt haben, machen wir zugänglich und nutzen es. Auch unsere Überzeugung im Hinblick auf den Dharma und so etwas. Wir nutzen unsere Konzentration. Es gibt eine ganze Liste dieser Dinge. Sie alle gehören zu dieser Kategorie der Großzügigkeit, Dharma zu geben, unsere Praxis zu geben.

Die Großzügigkeit, Schutz vor Furcht zu geben

Die dritte Art der Großzügigkeit besteht darin, Schutz vor Furcht zu geben. Das kann sich natürlich darauf beziehen, anderen das Leben zu retten, z.B. Tieren, die geschlachtet werden sollen, oder Lebewesen, die in Käfigen eingesperrt sind – seien es Vögel oder Menschen oder was auch immer -, Fliegen zu retten, die im Wasserbecken am Ertrinken sind, und so weiter. Es muss auch nicht unbedingt Rettung vor dem Tod sein, sondern auch Tiere vor Kälte oder extremer Hitze zu schützen gehört dazu. Wenn wir einen Käfer in unserer Wohnung finden, werfen wir ihn nicht einfach vom fünften Stock aus dem Fenster: „Die vertragen das schon, wenn sie so landen.“ Wenn wir ihn in der Wohnung nicht haben wollen, bringen wir ihn hinaus, wir werfen ihn nicht einfach zum Fenster hinaus oder spülen ihn die Toilette hinunter und wünschen ihm dabei viel Glück.

Zu dieser Art Großzügigkeit gehört auch, anderen Trost zu geben, wenn sie große Angst haben, seien es unsere Kinder, ein gehetztes Tier oder jemand, der verfolgt wird. Wir versuchen, sie zu schützen. Wenn eine Fliege sich in einem Spinnennetz verfangen hat, nehmen wir sie heraus. Das ist eine problematische Situation, denn wir könnten sagen: „Sind wir damit nicht unbarmherzig gegenüber der Spinne?“ Aber ich nehme nicht an, dass Sie 24 Stunden am Tag dastehen und die Spinne beobachten, sodass sie keine Nahrung bekommt. Wenn wir die Möglichkeit haben, irgendein Geschöpf zu retten, dann ist es gut. Aber wir müssen nicht die Spinne bewachen. Wenn die Katze eine Maus quält, die sie gefangen hat, nehmen wir die Maus weg und retten sie.

Das bringt uns zu einem sehr schwierigen Thema, nämlich dem Thema Euthanasie, insbesondere für Tiere. Wenn ein Hund oder eine Katze wirklich leidet – sollen wir ihn bzw. sie dann einschläfern oder nicht? Bzw. einschläfern lassen, normalerweise machen wir das ja nicht selbst. Das ist keineswegs ein einfaches Thema. In gewisser Hinsicht unterbrechen wir, wenn wir bei einem Tier - oder auch einem Menschen – den natürlichen Vorgang des Todes und das Leid, das es erfährt, unterbrechen, damit das Reifen von leidvollem, negativem Karma. Und wenn wir das unterbrochen haben, dann wird dieses Wesen in irgendeinem zukünftigen Leben dieser Art von Leiden noch erleben müssen. Von diesem Gesichtspunkt aus gesehen ist das also nicht so klug. Aber von einem anderen Gesichtspunkt aus gesehen ist es durchaus angemessen, wenn wir den Schmerz, den jemand erlebt, irgendwie verringern, z.B. bei Krebs Schmerzmittel geben usw. Das ist ein ganz schwieriges Thema.

Seine Heiligkeit hat verschiedentlich auf derartige Fragen geantwortet. Denn gelegentlich kommt die Sprache darauf, dass jemand nur mit Apparaten am Leben erhalten wird und im Grunde schon tot ist. Oder dass eine Million Dollar ausgegeben wird – was ich für unwahrscheinlich halte -, um eine noch nicht lebensfähige Frühgeburt zu retten. Seine Heiligkeit sagt: Einerseits, wenn es unbegrenzte Mittel gibt, mag das eine Option sein, aber wenn die Mittel begrenzt sind, wendet man nicht eine Million Dollar auf, um jemanden am Leben zu erhalten, der eigentlich hirntot ist, während nicht genug Geld da ist, um Menschen zu behandeln, die man heilen könnte. Es hängt also viel von den Umständen ab. Ähnlich ist es bei Themen wie Abtreibung usw.

Wir müssen hier absurde Extreme vermeiden. Wenn man die Aussage: „Das Tier muss sein Leiden erfahren, um das negative Karma zu verbrennen, das da reift“ ins Extrem treibt, käme man zu der absurden Folgerung, dass das bedeuten würde, man dürfe niemals jemandem eine Arznei geben: „Sie müssen eben die leidvollem Konsequenzen ihres negativen Karmas für Krankheit durchmachen.“ Das ist natürlich hier keineswegs die beabsichtigte Bedeutung, denn wir geben auch Medizin und versuchen, anderen zu helfen, sodass es ihnen besser geht, und wenn sie das Karma haben, wie Krankheit zu überwinden, werden sie mittels der Medizin genesen. Natürlich geben wir medizinische Hilfe.

Doch im Falle von jemandem, der hirntot ist, und wenn keinerlei Möglichkeit besteht, dass sich sein Zustand bessert, ist die Situation eine andere. Was das Thema Abtreibung betrifft: Wenn jemand aus irgendeinem Grund tatsächlich eine Abtreibung vornehmen lässt, kann etwas sehr hilfreich sein, was eine japanische Zen-Priesterin in Amerika praktiziert. Ich bin nicht ganz sicher, wo sie das her hat, ob es traditionell in Japan so gemacht wurde oder nicht, aber sie tut etwas überaus Hilfreiches: Sie ermutigt die Eltern (bzw. die Frau, wenn der Vater nicht da ist), dem abgetriebenen Embryo oder Fötus einen Namen zu geben, somit anzuerkennen, dass es sich um ein lebendes Wesen handelte, und ein Ritual und eine Bestattung zu Ehren dieses Wesens durchzuführen, dessen Entwicklung sie aus irgendeinem Grund nicht zuließen, das zu bedauern und viele, viele Gebete für eine wundervolle Wiedergeburt in einer förderlichen Situation zu machen. Sodass sie auf diese Weise eine positive Einstellung zu dem Fetus entwickeln, der abgetrieben wurde. Das scheint äußerst hilfreich zu sein, insbesondere für die betreffende Frau – auch für den Mann, aber vor allem für die Frau -, da eine Abtreibung zu haben später zu allerlei psychischen Problemen und Schuldgefühlen führen kann.

Die Großzügigkeit, anderen unseren Gleichmut zu geben

Im Tantra gibt es im Hinblick auf die Großzügigkeit, anderen Schutz vor Furcht zu geben, noch eine weitere Interpretation, nämlich dahingehend, anderen unseren Gleichmut zu schenken. Mit anderen Worten: Andere haben von uns nichts zu befürchten, weil wir uns weder mit Anhaftung an sie klammern noch sie mit Ärger und Feindseligkeit zurückweisen noch sie mit unserer Naivität ignorieren, sondern jedem gegenüber offen sind. Sie haben also nichts von uns zu befürchten, etwa dass wir uns an sie klammern, sie zurückweisen oder ignorieren würden. Das ist etwas ganz Wunderbares. Ein großes Geschenk.

Die Großzügigkeit, Liebe zu geben

Im Tantra ist auch von einer vierten Art der Großzügigkeit die Rede, nämlich Liebe zu geben. Liebe zu geben heißt nicht, herumzulaufen und jeden zu umarmen, sondern bezieht sich darauf, jedem unseren Wunsch zukommen zu lassen, dass er oder sie glücklich sein möge – das ist ja die Definition von Liebe – und die Ursachen dafür haben möge, glücklich zu sein.

Fazit

Das ist vielleicht genug zu diesem Thema. In einigen anderen Systemen finden sich noch andere Arten, die Großzügigkeit zu unterteilen und zu erörtern, aber es würde vermutlich zu viel werden, auf all diese Einzelheiten einzugehen. Man sollte sich allerdings dessen bewusst sein, dass in verschiedenen tibetischen Traditionen und von verschiedenen Autoren leicht unterschiedliche Einteilungen und Klassifizierungen vorgenommen werden. Sie sind wirklich alle sehr hilfreich.

Um nur ein Beispiel zu geben: In Gampopas Text „Der Kostbare Schmuck der Befreiung“ wird das Geben materieller Unterstützung in das Geben innerer und äußerer Dinge unterteilt. „Innere Dinge“ bezieht sich auf unseren Körper, unsere Zeit und Energie usw. Äußere Dinge sind materielle Gegenstände usw.

Oder: „anderen unsere Familie geben“. Was bedeutet das? Beispielsweise: sie zu Weihnachten zu uns nach Hause einzuladen, damit sie die Wärme im Kreise einer Familie genießen können. So etwas in der Art. Eine sehr nette Geste. Wenn es in unserem Wohnort jemanden gibt, der fremd ist, aus dem Ausland kommt, sich in den Ferien sehr einsam fühlt und seine Familie vermisst, teilen wir unsere Familie mit ihm. Das ist etwas sehr Schönes.

Was halten Sie davon, den morgendlichen Vortrag an dieser Stelle zu beenden? Wir schließen mit einer Widmung: Möge jegliche positive Kraft oder Energie, die aus all dem hervorgegangen ist, als Ursache dafür wirken, zum Wohle aller Wesen Erleuchtung zu erreichen.