Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

Zur Textversion für diese Seite wechseln. Zur Haupt-Navigation springen.

Startseite > Grundlagen des tibetischen Buddhismus > Stufe 2: Lam-rim (Stufenpfad)-Material > Unsere geistigen Einstellungen uns selbst und anderen gegenüber gleichsetzen und austauschen

Unsere geistigen Einstellungen
uns selbst und anderen gegenüber
gleichsetzen und austauschen

Der erste Tsenzhab Serkong Rinpoche
übersetzt von Alexander Berzin
Dharamsala, Indien, 4. Juni 1983
Übersetzung ins Deutsche: Karin Behrendt und Monika Schreiber

Es gibt zwei Traditionen für das Entwickeln von Bodhicitta, einem Herzen, das völlig anderen und dem Erlangen der Erleuchtung gewidmet ist, um anderen auf bestmögliche Weise zu helfen: die Tradition der siebenteiligen Ursachen und der Wirkung und die Tradition des Gleichsetzens und Austauschens unserer geistigen Einstellungen gegenüber uns selbst und anderen. Jede hat eine getrennte oder andersartige Weise, zuvor Gleichmut als Vorbereitung zu entwickeln. Obwohl beide denselben Namen tragen, Gleichmut, ist die Art von Gleichmut, die entwickelt wird, unterschiedlich.

  • Der Gleichmut, den man entwickelt, bevor man alle Wesen als unsere Mütter ansieht, wird in der siebenteiligen Meditation der Ursachen und der Wirkung dadurch hervorgerufen, dass man einen Freund, einen Feind und einen Fremden visualisiert, und ist der Gleichmut, mit dem wir aufhören, Gefühle von Anhaftung und Abscheu zu haben. Einer seiner Bezeichnungen lautet tatsächlich „der Gleichmut, mit dem wir lediglich aufhören, Gefühle von Anhaftung und Abscheu gegenüber Freunden, Feinden und Fremden zu haben“. Das Wort lediglich an dieser Stelle impliziert, dass eine zweite Methode existiert, die darüber hinausgeht.

    Ein weiterer Name für diese erste Art von Gleichmut ist „der Gleichmut, mit dem wir lediglich Gleichmut wie die Shravakas und Pratyekabuddhas entwickeln“. Shravakas (Hörer) und Pratyekabuddhas (Alleinverwirklicher) sind zwei Arten von Praktizierenden des Hinayana (bescheidenes Fahrzeug) der Lehren de Buddha. Hier impliziert lediglich, dass wir mit dieser Art von Gleichmut noch nicht das hingebungsvolle Herz von Bodhicitta besitzen oder es damit zu tun haben.
  •  Der Gleichmut, den wir als Vorbereitung für das Gleichsetzens und Austauschen unserer geistigen Einstellungen gegenüber uns selbst und anderen entwickeln, ist nicht lediglich die zuvor genannte Art von Gleichmut. Es ist der Gleichmut, mir dem wir keine Gefühle von nahe stehend oder entfernt in unseren Gedanken oder Handlungen hegen, wenn wir damit befasst sind, allen grenzenlosen Wesen zu nutzen, zu helfen und ihre Probleme zu beseitigen. Das ist die herausragende, nicht gewöhnliche Weise des Mahayana (umfassendes Fahrzeug), Gleichmut zu entwickeln.

Gleichmut, der lediglich bestimmtes beinhaltet

Fragen wir uns, wie man den Gleichmut entwickelt, der in der siebenteiligen Methode der Ursachen und der Wirkung davor kommt, dass man alle Wesen als unsere Mütter ansieht, dann beinhaltet er die folgenden Schritte.

Visualisation von drei Personen

Zuerst visualisieren wir drei Personen: eine völlig gemeine und unangenehme Person, die wir nicht mögen oder die wir als unseren Feind betrachten, jemanden, den wir lieben und der uns wichtig ist, oder einen Freund bzw. eine Freundin, sowie einen Unbekannten oder jemanden, gegenüber dem wir keine der beiden Gefühle hegen. Wir visualisieren alle drei gleichzeitig.

Welche Art von Geisteshaltung entsteht normalerweise, wenn wir uns nacheinander auf jeden einzelnen konzentrieren? Ein unangenehmes Gefühl von Unbehagen und Abscheu entsteht gegenüber der Person, die wir nicht leiden können. Ein Gefühl der Anziehung und Anhaftung entsteht gegenüber dem Freund, der uns so lieb und teuer ist. Ein Gefühl von Gleichgültigkeit, weder helfen oder schaden zu wollen, erhebt sich gegenüber dem, der weder Feind noch Freund ist, da wir Fremde weder anziehend noch abstoßend finden.

Die Abscheu gegenüber jemanden, den wir nicht mögen, beenden

Zuerst arbeiten wir mit der Person, die wir nicht mögen oder die wir vielleicht sogar als Feind betrachten.

  1. Wir lassen das Gefühl, dass wir sie unangenehm und abstoßend finden, in uns entstehen. Wenn es deutlich vorhanden ist,
  2. bemerken wir, dass ein weiteres Gefühl entsteht, nämlich dass es schön wäre, wenn ihr etwas zustoßen oder etwas Unerwünschtes widerfahren würde.
  3. Dann untersuchen wir die Gründe für das Auftauchen dieser schlechten Gefühle und Wünsche. Meist entdecken wir, dass es daran liegt, dass die Person uns verletzt hat, uns Schaden zugefügt hat oder uns oder unseren Freunden etwas Gemeines angetan oder gesagt hat. Darum wollen wir, dass ihr etwas Schlechtes widerfährt oder dass sie nicht bekommt, was sie möchte.
  4. Dann denken wir über diesen Grund, warum wir uns wünschen, dass dieser Person, die wir überhaupt nicht leiden können, etwas Schlechtes widerfährt, nach und überprüfen, ob es wirklich ein guter Grund ist. Wir überlegen Folgendes: 
    • In vergangenen Leben war dieser so genannte Feind immer wieder meine Mutter und mein Vater sowie mein Verwandter und Freund. Diese Person hat mir sehr geholfen, unzählige Male.
    • Es ist nicht sicher, was in diesem Leben noch geschieht. Sie kann zu einem späteren Zeitpunkt in diesem Leben eine große Hilfe und ein guter Freund werden. So etwas ist sehr gut möglich.
    • In jedem Fall haben diese Person und ich unzählige zukünftige Leben, und es ist absolut sicher, dass sie irgendwann meine Mutter oder mein Vater sein wird. Als solche wird sie mir sehr helfen und ich werde all meine Hoffnung in sie legen müssen. Sie hat mir also in der Vergangenheit, ist in der Gegenwart dabei und wird mir in Zukunft auf unzählige Weisen helfen und ist daher letztendlich ein guter Freund. Das ist zweifellos der Fall. Wenn ich sie also aus einem geringfügigen Grund wie einer kleinen Verletzung in diesem Leben als Feind betrachte und ihr Schlechtes wünsche, ist das nicht gut genug.

     

  5. Wir denken an ein paar Beispiele. Angenommen, ein Bankbeamter oder eine reiche Person, in deren Macht es steht, uns eine Menge Geld zu geben, und die den Wunsch und die Intention hatten, dies zu tun, und die es in der Vergangenheit in kleinerem Rahmen auch schon getan haben, verliert die Beherrschung, wird wütend, und gibt mir eine Ohrfeige. Würde ich wütend werden und auf meinen Zorn bestehen, verliert er vielleicht jede Intention, mir nochmals Geld zu geben. Es besteht sogar die Gefahr, dass er es sich anders überlegt und sich dazu entschließt, das Geld jemand anderem zu geben. Wäre ich andererseits imstande, die Ohrfeige mit niedergeschlagenen Augen zu ertragen und meinen Mund zu halten, wäre er später sehr erfreut darüber, dass ich nicht ärgerlich geworden bin. Vielleicht wird er mir sogar mehr geben wollen, als er ursprünglich vorhatte. Würde ich jedoch wütend werden und eine große Szene machen, wäre es wie im tibetischen Sprichwort, „du hast Essen im Mund, aber die Zunge schiebt es wieder heraus“.

  6. Daher muss ich langfristig denken, was diese Person betrifft, die ich nicht mag, und das gleiche gilt für alle begrenzten Wesen. Es ist hundertprozentig gewiss, dass sie mir langfristig helfen werden. Daher ist es völlig unangemessen, dass ich an meiner Wut über ein kleines, triviales Leid, das mir jemand zufügt, festhalte.
     

  7. Als nächstes denken wir darüber nach, wie ein Skorpion, ein wildes Tier oder ein Geist beim geringsten Anlass oder der kleinsten Provokation sich sofort zur Wehr setzt. Dann denken wir über uns nach und sehen, wie unangemessen es ist, wie derartige Kreaturen zu handeln. Auf diese Weise entschärfen wir unsere Wut. Wir sollten zu dem Gedanken finden: Ganz gleich, was diese Person mir antut, ich werde nicht die Geduld verlieren und wütend werden, sonst bin ich nicht besser als ein wildes Tier oder ein Skorpion.

  8. Zum Abschluss formulieren wir eine logische Schlussfolgerung: Ich werde aufhören, auf andere wütend zu werden, da

    • sie in vergangenen Leben meine Eltern waren
    • es nicht sicher ist, ob sie nicht später in diesem Leben meine besten Freunde werden
    • sie in Zukunft irgendwann als meine Eltern wiedergeboren und mir sehr helfen werden; sie sind mir also in allen drei Zeiten eine Hilfe
    • und wenn ich als Erwiderung wütend werde, bin ich nicht besser als ein wildes Tier. Daher werde ich aufhören, über das geringe Leid, das sie mir in diesem Leben antun mögen, wütend zu werden.

Die Anhaftung gegenüber jemanden, den wir mögen, beenden

  1. Wir fokussieren uns auf die Person, mit der wir befreundet sind oder die wir lieben, aus der Gruppe von Feind, Freund und Fremdem, die wir zu Beginn visualisiert haben.
  2. Wir lassen unser Gefühl von Anziehung und Anhaftung dieser Person gegenüber in uns entstehen.
  3. Wir verstärken das Gefühl, wie sehr wir bei dieser Person sein möchten, und dann
  4. untersuchen wir unsere Gründe dafür, warum wir so vernarrt und verhaftet sind. Es liegt daran, dass sie uns in diesem Leben ein bisschen geholfen hat, etwas Nettes für uns getan hat, etwas zu unserem Wohlgefühl beigetragen hat oder etwas Ähnliches, und daher fühlen wir uns zu ihre hingezogen und hängen an ihr.
  5. Jetzt untersuchen wir, ob dies ein angemessener Grund für ein derartiges Gefühl ist. Es ist kein guter Grund, weil
    • diese Person in vergangenen Leben zweifellos mein Feind war, mich verletzt hat und sogar mein eigenes Fleisch gefressen und mein Blut getrunken hat 
    • es nicht sicher ist, ob sie nicht zu einem späteren Zeitpunkt in meinem Leben mein schlimmster Feind werden wird
    • es zweifellos der Fall ist, dass sie mir in zukünftigen Leben irgendwann Leid zufügen oder etwas wirklich Gemeines antun wird.
  6. Wenn ich mich aus dem geringfügigen Grund, dass diese Person etwas Nettes aber Triviales in diesem Leben für mich getan hat, in sie vernarre und an ihr hänge, bin ich nicht besser als die Männer, die sich vom Gesang der kannibalischen Sirenen in die Irre führen lassen. Diese Sirenen nehmen eine schöne Erscheinung an, locken Männer mit ihrer Art an, und dann verschlingen sie sie.
  7. Auf diese Weise beschließen wir, uns niemals an jemandem zu hängen, nur weil er oder sie in diesem Leben etwas Nettes, aber Geringfügiges, getan hat.

Die Gleichgültigkeit gegenüber jemand Neutralem beenden

Als drittes gehen wir durch denselben Ablauf mit der Person, die weder-noch ist, weder ein Freund noch ein Feind.

  1. Wir fokussieren uns auf eine derartige Person aus unserer Visualisation.
  2. Wir gestatten uns, nichts zu empfinden, weder den Wunsch zu haben, dieser Person Leid zufügen noch ihr helfen zu wollen und
  3. verspüren darüber hinaus die Absicht, die Person zu ignorieren.
  4. Wir untersuchen unseren Grund dafür, so zu empfinden. Es liegt daran, dass diese Person nichts getan hat, dass uns verletzt oder geholfen hat, und wir daher keine Beziehung zu ihr haben.
  5. Wenn wir weiter untersuchen, ob es ein gültiger Grund ist, so zu fühlen, sehen wir, dass die Person letztlich kein Fremder ist, da sie uns in zahllosen früheren Leben, später in diesem Leben und in zukünftigen Leben nahe oder ein Freund war oder sein wird und so weiter.

Auf diese Weise werden wir in der Lage sein, alle Gefühle von Wut, Anhaftung oder Gleichgültigkeit gegenüber Feinden, Freunden oder Fremden aufzugeben. So entwickeln wir den Gleichmut, der lediglich bestimmtes beinhaltet, welcher dem Gleichmut der Shravakas und Pratyekabuddhas entspricht und der in der siebenteiligen Methode der Ursachen und der Wirkung für die Entwicklung eines hingebungsvollen Bodhicitta-Herzens als Vorbereitung für den Schritt, dass wir alle Wesen als unsere ehemaligen Mütter ansehen, entwickelt wird.

Herausragender Mahayana-Gleichmut

Die Art, wie man Gleichmut im Zusammenhang des Gleichsetzens und Austauschens unserer geistigen Einstellungen gegenüber uns selbst und anderen entwickelt, wird in zwei Teile unterteilt:

  • die Weise, Gleichmut zu realisieren, die sich auf die relative Sichtweise stützt,
  • die Weise, Gleichmut zu realisieren, die sich auf die tiefste Sichtweise stützt.

Die Weise, die sich auf die relative Sichtweise stützt, ist unterteilt in zwei:

  • die Weise, Gleichmut zu realisieren, die sich auf unsere eigene Sichtweise stützt,
  • die Weise, Gleichmut zu realisieren, die sich auf die Sichtweise von anderen stützt.

Die Weise, Gleichmut zu realisieren, die sich auf unsere eigene Sichtweise stützt

Diese Weise beinhaltet drei Punkte:

  • Da alle begrenzten Wesen in zahllosen Leben unsere eigenen Eltern, Verwandten und Freunde waren, ist es unangemessen, das Gefühl zu haben, dass uns einige nahe stehen und uns andere entfernt sind, dass der eine ein Freund und der andere ein Feind ist, dass wir die einen willkommen heißen und andere ablehnen. Wir müssen daran denken, dass unsere Mutter, ob wir sie zehn Minuten, zehn Jahre oder zehn Leben nicht mehr gesehen haben, schließlich immer unsere Mutter bleibt.
  • Es ist jedoch möglich, dass diese Wesen, genau wie sie mir geholfen haben, mir irgendwann auch geschadet haben. Verglichen mit der Häufigkeit und dem Ausmaß, in denen sie mir geholfen haben, ist der angerichtete Schaden belanglos. Daher ist es unangemessen, den einen als nahe stehend zu begrüßen und den anderen als entfernt zurückzuweisen.
  • Wir werden auf jeden Fall sterben, doch der Zeitpunkt unseres Todes ist völlig ungewiss. Angenommen wir werden zum Tode verurteilt und sollen morgen hingerichtet werden. Es wäre absurd, unseren letzten Tag damit zu vergeuden, wütend zu werden oder jemanden zu verletzen. Indem wir uns auf etwas Belangloses konzentrieren, verpassen wir unsere Chance, etwas Positives und Sinnvolles mit unserem letzten Tag anzufangen. So gab es zum Beispiel einmal einen hohen Beamten, der sehr über jemanden erbost war und ihn am folgenden Tag schwer bestrafen wollte. Er verbrachte seinen ganzen Tag damit, die Strafe zu planen, und am nächsten Morgen, bevor er etwas tun konnte, starb er plötzlich selbst. Seine Wut war vollkommen unsinnig. Das gleiche trifft zu, wenn der andere dazu verurteilt werden würde, am nächsten Tag zu sterben. Es würde keinen Sinn machen, ihn heute zu verletzen.

Die Weise, Gleichmut zu realisieren, die sich auf die Sichtweise anderer stützt

Diese Weise ist auch in drei Punkte unterteilt:

  • Wir sollten darüber nachdenken, wie wir selbst nicht leiden wollen, nicht einmal in unseren Träumen, und wie wir, ganz gleich, wie glücklich unsere Umstände sind, nie das Gefühl haben, es sei genug. Das gleiche gilt für absolut alle anderen. Alle begrenzten Wesen, vom kleinsten Insekt an aufwärts, wünschen sich, glücklich zu sein und nie zu leiden oder Probleme zu haben. Daher ist es unangebracht, die einen abzuweisen und die anderen willkommen zu heißen.
  • Angenommen zehn Bettler kämen an meine Tür. Es ist völlig unangemessen und unfair, nur manchen etwas zu essen zu geben und den anderen nicht. Sie sind sich alle in ihrem Hunger und ihrem Bedürfnis nach Nahrung gleich. Was nun Glück, unbefleckt von Verwirrung, betrifft – nun, wer hat das schon? Aber selbst Glück, das mit Verwirrung behaftet ist: allen begrenzten Wesen mangelt es an einem ausreichenden Maß davon. Jeder ist sehr interessiert daran, es zu finden. Daher ist es unangemessen, einige als entfernt abzuweisen und andere als nahe stehend willkommen zu heißen.
  • Nehmen wir als weiteres Beispiel zehn Kranke. Sie sind sich alle in ihrem Elend und ihrer Erbärmlichkeit gleich. Daher ist es unfair, einigen den Vorzug zu geben und nur sie zu behandeln, während man die anderen missachtet. Genauso geht es allen begrenzten Wesen gleichermaßen schlecht, mit ihren spezifischen individuellen und den allgemeinen Problemen der unkontrollierbar sich wiederholenden Existenz oder dem Samsara. Aufgrund dessen ist es unfair und unangebracht, einige als entfernt abzuweisen und andere als nahe stehend willkommen zu heißen.

Die Weise, Gleichmut zu realisieren, die sich auf die tiefste Sichtweise stützt

Auch hier geht man durch drei Gedankengänge.

  • Wir denken darüber nach, wie wir aufgrund unserer Verwirrung jemanden, der uns hilft oder der nett zu uns ist, als wahren Freund bezeichnen, und jemanden, der uns verletzt, als wahren Feind. Wären sie jedoch in der Weise wahrhaft existent, wie wir von ihnen behaupten, hätte der Tathagata- (entsprechend verwandelte) Buddha selbst sie auch auf diese Weise sehen müssen. Doch das tat er nicht. Wie Dharmakirti in „Ein Kommentar über (Dignagas ‚ Kompendium von) gültig wahrnehmenden Arten von Geist’“ (Skt. Pramanavarittika) sagte: „Der Buddha verhält sich gleich gegenüber jemandem, der seine eine Körperseite mit Duftwasser parfümiert und jemandem, der seine andere Seite mit dem Schwert aufschlitzt“.

    Wir können diese Vorurteilslosigkeit auch an dem Beispiel sehen, wie Buddha seinen Cousin, Devadatta, behandelte, der aus Eifersucht ständig versuchte, ihm Schaden zuzufügen. Daher müssen wir vermeiden, voreingenommen zu sein und für Menschen Partei zu ergreifen, in der verwirrten Annahme, dass sie wahrhaft in den Kategorien existieren, die wir ihnen zuschreiben. Niemand existiert auf diese Weise. Wir müssen daran arbeiten, unser Greifen nach wahrer Existenz zu beenden. Dieses Greifen entsteht aus unserem verwirrten Geist, der uns Dinge auf eine Weise erscheinen lässt, die nicht der Wahrheit entspricht.
  • Zudem, ließen sich begrenzte Wesen als wahrhaft in den Kategorien von Freund und Feind existent etablieren, wie wir sie verstehen, müssten sie immer so bleiben. Nehmen wir das Beispiel einer Uhr, von der wir meinen, sie ginge immer richtig. Genau wie es möglich ist, dass sich ihr Zustand irgendwann ändert und sie nachgeht, so bleibt der Status von anderen nicht feststehend sondern kann sich ebenfalls ändern. Denken wir an die Lehren, die sich mit der Tatsache beschäftigen, dass es keine Sicherheit in den unkontrollierbar wiederkehrenden Situationen des Samsara gibt, helfen sie uns hier, genau wie im Beispiel des Sohnes, der seinen Vater isst, seine Mutter schlägt und seinen Feind in den Armen wiegt. Dieses Beispiel kommt in den Anweisungen für das Entwickeln einer Motivation auf der mittleren Stufe in den abgestuften Stadien des Pfades zur Erleuchtung (tib. lam-rim) vor.

    Einmal kam der Arya (hoch verwirklichtes Wesen) Katyayana zu einem Haus, in dem der Vater als Fisch im Teich wiedergeboren worden war und sein Sohn ihn aß. Der Sohn schlug den Hund, der seine Mutter gewesen war, mit den Gräten seines Vaters und wiegte sein Kind in seinen Armen, das zuvor sein Feind gewesen war. Katyayana lachte über die Absurdität dieser Veränderungen des Status der Wesen, die in Samsara umherirren. Wir müssen daher aufhören zu denken oder daran festzuhalten, dass Menschen in den fixierten und dauerhaften Kategorien von Freund und Feind existieren, und dann auf dieser Basis den einen willkommen zu heißen und den anderen abzuweisen. 
  • In seinem Werk „Ein Kompendium von Schulungen“ (Skt. Shikshasamuccaya), hat Shantideva erklärt, wie das Selbst und andere voneinander abhängig sind. Wie im Beispiel der nahen und fernen Berge sind diese Bezeichnungen relativ, sie stehen in Relation zueinander oder sind voneinander abhängig. Befinden wir uns auf dem nahe gelegenen Berg, scheint der andere entfernt zu sein und dieser nahe. Gehen wir zum anderen, wird ersterer zum entfernten Berg und letzterer zum nahen. Gleichermaßen können wir uns von uns aus nicht als existierendes „Selbst“ etablieren, weil wir vom Standpunkt eines anderen zu jemand „anderem“ werden. Auf ähnliche Weise sind Freund oder Feind nur unterschiedliche Weisen, einen Menschen zu betrachten. Jemand kann sowohl der Freund von jemandem sein als auch der Feind eines anderen. Wie die nahen und die fernen Berge ist es relativ; es steht alles in Relation zu unserem Standpunkt.

Die fünf Beschlüsse

Hat man über diese vorangegangenen Punkte nachgedacht, fasst man fünf Beschlüsse.

Ich werde aufhören, parteiisch zu sein

Ob wir es vom relativen oder tiefsten Standpunkt aus betrachten: Es gibt keinen Grund, einige als nahe stehend und andere als entfernt zu betrachten. Daher müssen wir einen festen Entschluss fassen: Ich werde aufhören, parteiisch zu sein. Ich werde alle Gefühle von Parteilichkeit aufgeben, mit denen ich einige ablehne und andere begrüße. Denn Feindseligkeit und Anhaftung schaden mir sowohl in diesem wie in zukünftigen Leben; sowohl vorübergehend wie letztendlich, kurz- wie langfristig haben sie keinerlei Vorteil. Sie sind die Wurzel für hunderte Arten von Leid. Sie sind wie Wächter, die mich im Gefängnis meiner unkontrollierbar sich wiederholenden Probleme des Samsara kreisen lassen.

Denken Sie an das Beispiel jener, die nach dem Aufstand in Tibet 1959 zurückbleiben mussten. Wer an seinem Kloster, seinem Reichtum, Besitz, Heim, seinen Verwandten und Freunden und so weiter hing, konnte es nicht ertragen, sie zurückzulassen. Infolgedessen wurden sie für zwanzig Jahre oder mehr ins Gefängnis geworfen oder in Konzentrationslager gebracht, alles aufgrund ihrer Anhaftung. Solche Gefühle von Parteilichkeit sind die Bestien, die uns in die Feuer der freudlosen Höllenbereiche führen. Sie sind die schwärenden Dämonen in uns, die uns nachts den Schlaf rauben. Wir müssen sie unbedingt von Grund auf beseitigen.

Auf der anderen Seite ist eine Geisteshaltung mit der man alle gleich behandelt, mit der wir uns wünschen, dass alle begrenzten Wesen glücklich sein und von ihren Problemen und ihrem Leid befreit sein mögen, von jedem Standpunkt aus wichtig, sowohl vorübergehend wie letztendlich. Sie ist der wichtigste Weg, den alle Buddhas und Bodhisattvas bereisten, um ihr Ziel zu erreichen. Sie ist die Intention und der innigste Wunsch aller Buddhas der drei Zeiten. Daher sollten wir denken: Ganz gleich, wie viel Schaden begrenzte Wesen mir von ihrer Seite aus zufügen oder wie viel Hilfe sie mir zukommen lassen, von meiner Seite aus habe ich keine Wahl. Ich werde nicht wütend oder anhänglich werden. Ich werde nicht einige als entfernt und andere als nahe stehend betrachten. Es kann keinen anderen Weg und keine andere Methode geben, mit der Situation umzugehen, außer diesen. Ich bin fest entschlossen. Ich werde eine Haltung der Gleichheit in meiner Denk- und Handlungsweise gegenüber allen einnehmen, da jeder glücklich sein und niemals leiden möchte. Das ist es, worum ich mich bemühen werde, so sehr ich nur kann. Oh spiritueller Mentor, bitte inspiriere mich, dies auf bestmögliche Weise zu tun. Dies sind die Gedanken, die wir haben sollten, wenn wir die erste der fünf Strophen des Textes „Eine Opferzeremonie zu den spirituellen Meistern“ (Lama Chöpa, Guru Puja) rezitieren, die mit dieser Praxis verbunden sind:

Inspiriere uns, anderer Wohl und Freude zu verstärken,
mit dem Gedanken, dass andere nicht anders sind als wir:
Niemand wünscht sich das geringste Leid,
und gibt sich je mit dem vorhandnen Glück zufrieden.

Mit diesem ersten Vers beten wir darum, eine Haltung der Gleichheit zu entwickeln, ohne die Gefühle von entfernt oder nah in unseren Gedanken und Handlungen zu hegen, wenn wir uns darum bemühen, allen Wesen gleichermaßen zu Glück zu verhelfen und ihr Leid zu beseitigen. Solch eine Geisteshaltung der Gleichheit erfüllt die Definition der Art von Gleichmut oder ausgewogenen Haltung, mit der wir uns hier befassen. Wir fassen den festen Entschluss, diese Haltung zu entwickeln und zu erreichen, so als würden wir einen wunderbaren Gegenstand in einem Geschäft sehen und uns dazu entschließen, ihn zu kaufen.

Ich werde mich aller selbstbezogenen Gedanken entledigen

Als nächstes denken wir an die Fehler einer selbstbezogenen Haltung (einer Handlung, bei der man sich nur um das eigene Wohl kümmert). Aufgrund der selbstsüchtigen Anliegen einer selbstbezogenen Haltung handeln wir destruktiv, begehen die zehn negativen Handlungen und bringen als Folge höllische Wiedergeburten über uns. Von da an bis dahin, dass ein Arhat (befreites Wesen) keine Erleuchtung erlangt, verursacht solche eine Selbstsucht den Verlust allen Glücks und Friedens. Obwohl Bodhisattvas der Erleuchtung nahe sind, sind einige ihr näher als andere. Ihre Unterschiedlichkeit liegt im Ausmaß ihrer Selbstbezogenheit, die sie noch besitzen. Von Streitigkeiten in Ländern zu Uneinigkeit und Zerwürfnissen zwischen spirituellen Meistern und Schülern, in Familien oder unter Freunden – all das entsteht aus Selbstbezogenheit. Daher sollten wir denken: Wenn ich diese schwärende Brut der Selbstsucht und der Selbstbezogenheit in mir nicht loswerde, werde ich mich nie des Glücks erfreuen können. Daher werde ich es nicht zulassen, dass ich der Selbstbezogenheit zum Opfer falle. Oh spiritueller Ratgeber, bitte inspiriere mich dazu, mich von allen selbstsüchtigen Anliegen zu befreien. Dies sind die Gedanken, die den zweiten Vers begleiten:

Inspiriere uns zu sehen, dass Selbstbezogenheit,
   die übelste Erkrankung
verursacht, dass uns ungebetnes Leid entsteht,
und so, ihrer leid und ihr den Vorwurf machend,
das Ungeheuer, den Dämon der Selbstsucht, zu zerstören.

Auf diese Weise fassen wir mit dem zweiten Vers den festen Entschluss, uns selbst von unseren selbstbezogenen Haltungen der eigennützigen Anliegen zu befreien.

Ich werde es zu meiner Hauptpraxis machen, andere wertzuschätzen

Als nächstes denken wir über den Nutzen und die guten Eigenschaften nach, die daraus entstehen, dass wir andere wertschätzen (d.h. dass uns das Wohl der anderen am Herzen liegt). Alles Glück und alle guten Umstände in diesem Leben, die Geburt als Menschen oder Götter in zukünftigen Leben und im Allgemeinen alles Glück bis hin zum Erlangen der Erleuchtung stammt daher, dass wir andere wertschätzen. Wir sollten darüber sehr viel nachdenken, anhand vieler Beispiele. Die Beliebtheit eines Beamten zum Beispiel ist seine Wertschätzung und seiner Sorge um andere zu verdanken. Unsere ethische Selbstdisziplin, niemandem das Leben zu nehmen oder nicht zu stehlen, entspringt der Haltung, andere wertzuschätzen, und das kann uns eine Wiedergeburt als Mensch ermöglichen.

Seine Heiligkeit der Dalai Lama zum Beispiel denkt ständig an das Wohlergehen aller überall, und all seine guten Eigenschaften kommen aus dieser Wertschätzung für andere. Dem Bodhisattva Togme-Zangpo konnte von Kama, dem Gott des Verlangens, der darauf aus war, ihm Hindernisse zu bereiten, kein Leid zugefügt werden. Dieser große tibetische Praktizierende war ein Mensch, der, wenn ein Insekt in eine Flamme flog, in Tränen ausbrach. Er war aufrichtig um alle anderen besorgt, und so brachten selbst Geister und derartige Hindernisbereiter es nicht über sich, ihm Schaden zuzufügen. Das lag daran, wie die Geister selbst sagten, dass er nur Gedanken daran hat, wie er ihnen nutzen und sich um ihr Wohl kümmern könnte.

In einem der früheren Leben des Buddha, in dem er als ein Indra, ein König der Götter, geboren worden war, herrschte ein Krieg zwischen den Göttern und den Gegengöttern. Die Gegengötter waren am Gewinnen, und so ergriff Indra in seiner Kutsche die Flucht. Er kam an eine Stelle, an der sich viele Tauben auf der Straße nieder gelassen hatten und befürchtete, dass er einige überfahren würde, und so brachte er seine Kutsche zum Halten. Als sie dies sahen, dachten die Gegengötter, er hätte seine Kutsche zum Halten gebracht, um umzudrehen und sie anzugreifen, und so ergriffen sie die Flucht. Analysieren wir dies, sehen wir, dass ihre Flucht Indras Haltung des Wertschätzens anderer zu verdanken war. Auf diese und ähnliche Weisen sollten wir über die Vorteile, andere wertzuschätzen, unter vielen Blickwinkeln nachdenken.

Wenn ein Richter oder irgendein Beamter sehr elegant in einem Amtszimmer sitzt, hat er seine Position und alles, was damit zu tun hat, der Existenz anderer zu verdanken. In diesem Beispiel besteht die Güte der anderen einfach in der Tatsache, dass sie existieren. Gäbe es keine anderen Menschen außer ihm, könnte er kein Richter sein. Er hätte nichts zu tun. Darüber hinaus würde sich dieser Richter, selbst wenn Menschen existierten, aber niemand ihn aufsuchte, einfach nur zurücklehnen und nichts tun. Kämen auf der anderen Seite viele Menschen zu ihm und bäten ihn, ihre Angelegenheit zu regeln, dann würde er sich, von ihnen abhängig, schön gerade hinsetzen und ihnen zu Diensten sein. Das gleiche gilt für einen Lama. In Abhängigkeit von anderen sitzt er schön da und lehrt. Seine ganze Stellung ist dem zu verdanken, dass es andere gibt, denen er helfen kann. Er lehrt den Dharma, um ihnen zu nutzen, und so entspringt seine Hilfe seiner Abhängigkeit von anderen, wie seiner Erinnerung an ihre Güte.

Genauso ist es durch Liebe und Mitgefühl, durch die Wertschätzung anderer, dass wir schnell Erleuchtung erlangen können. Wenn uns zum Beispiel ein Feind verletzt und wir Geduld entwickeln und dadurch der Erleuchtung näher kommen, ist das unserer Wertschätzung des anderen zu verdanken. Da begrenzte Wesen also die Basis und die Wurzel allen Glücks und allen Wohlergehens sind, ausnahmslos, sollten wir beschließen, dass wir, egal was sie uns antun oder wie sie uns Leid zufügen mögen, andere immer wertschätzen werden. Andere Wesen sind wie meine spirituellen Mentoren, wie Buddhas oder kostbare Juwelen, die ich immer wertschätzen werden, es als Verlust erleben werde, wenn ihnen etwas widerfährt, und sie nie zurückweisen werde, komme, was wolle. Ich werde ihnen immer mit einem gütigen und warmen Herzen begegnen. Bitte, inspiriere mich, oh mein spiritueller Ratgeber, dass ich nie auch nur für einen Moment von solch einem Herzen und Gefühl für andere getrennt bin. Das ist die Bedeutung des dritten Verses:

Inspiriere uns zu sehen, dass der Geist,
   der unsere Mütter wertschätzt
und sie in Seligkeit verankern will,
das Tor zu unendlicher Tugend ist,
und diese irrenden Wesen daher wertzuschätzen,
   mehr als unser Leben,
selbst wenn sie sich als Feind entpuppten.

Auf diese Weise beschließen wir, die Praxis der Wertschätzung anderer zu unserem wichtigsten Fokus zu machen.

Ich bin definitiv in der Lage, meine Einstellung gegenüber mir selbst und anderen auszutauschen

In dem man sich auf die Pforte des Gedankens stützt, wie vielfältig die Fehler des Eigennutzes sind und wie zahlreich die Qualitäten der Wertschätzung anderer, wenn wir das Gefühl haben, wir sollten unsere Wertvorstellung, wen wir wertschätzen sollten, ändern und uns dann fragen, ob wir sie wirklich ändern können: Wir können es auf jeden Fall. Wir können unsere Geistshaltungen ändern, weil der Buddha, bevor er Erleuchtung erlangte, genau wie wir war. Auch er irrte auf eine ähnliche Weise von Wiedergeburt zu Wiedergeburt, in den sich unkontrollierbar wiederholenden Situationen und Problemen des Samsara. Dennoch tauschte der Fähige Buddha seine Haltung, wen er wertschätzte, aus. Indem er daran festhielt, andere wertzuschätzen, erlangter er den Gipfel und war fähig, sein eigenes Ziel und das der anderen zu erreichen.

Im Gegensatz dazu waren wir nur selbstbezogen und haben alle anderen ignoriert. Da wir es für nichtig betrachtet haben, etwas zu erreichen, das für andere von Nutzen ist, haben wir nichts erreicht, was für uns selbst auch nur geringsten Nutzen hat. Nur an unser eigenes Wohl zu denken und andere zu ignorieren hat uns völlig hilflos gemacht, unfähig, auch nur irgendetwas von wirklicher Bedeutung zu vollenden. Wir können keine wahre Entsagung oder Entschlossenheit entwickeln, von unseren Problemen frei zu sein. Wir können es nicht einmal verhindern, dass wir in einen der schlimmsten Zustände der Wiedergeburt stürzen. Wir denken auf diese und ähnliche Weise über die Fehler der Selbstbezogenheit und den Nutzen der Wertschätzung für andere nach. Wenn Buddha in der Lage war, seine Geisteshaltung zu ändern und er so angefangen hat wie wir, können auch wir unsere Haltung ändern.

Nicht nur das, mit ausreichender Vertrautheit ist es sogar möglich, die Körper anderer genauso wertzuschätzen wie unseren, und uns auf gleiche Weise darum zu kümmern. Nicht zuletzt haben wir Tropfen von Sperma und Ei aus dem Körper anderer Menschen, unserer Eltern, entnommen, und jetzt hegen wir sie als unseren eigenen Körper. Ursprünglich gehörten sie nicht uns. Daher sollten wir denken, dass es nicht unmöglich ist, unsere Einstellung zu ändern. Ich kann meine Einstellung gegenüber mir selbst und anderen ändern. Daher kann ich soviel denken wie ich will, es wird nicht gut genug sein, solange ich nicht meine Haltung mir selbst und anderen gegenüber ändere. Es ist etwas, das ich tun kann, nicht etwas, das ich nicht tun kann. Inspiriere mich daher, oh spiritueller Mentor, dies zu tun. Das ist es, worum es in der vierten Strophe geht.

In Kürze, inspiriere uns, den Geist zu hegen,
   der den Unterschied versteht, zwischen
den Fehlern kindischer Wesen,
   endlos bemüht um ihre eigennützigen Belange
und den Tugenden der Könige der Weise,
   einzig aufs Wohl der anderen bedacht,
und so den Ausgleich und den Austausch unsrer Haltung
   gegenüber uns und anderen zu ermöglichen.

Der Entschluss, den wir hier fassen, ist daher, dass wir mit Bestimmtheit unsere Geisteshaltung in Bezug auf die Wertschätzung unserer selbst und anderer austauschen können.

Ich werde definitiv meine geistigen Einstellungen gegenüber mir selbst und anderen austauschen

Noch einmal denken wir über die Fehler des Selbstbezogenheit und den Nutzen der Wertschätzung anderer nach, doch diesmal wechseln wir sie ab und verbinden beide. Mit anderen Worten, wir gehen durch die zehn destruktiven und die zehn konstruktiven Handlungen, eine nach der anderen, immer abwechselnd eine aus der einen, eine aus der anderen Liste, und betrachten ihre Resultate im Hinblick darauf, ob ich mich nur um mein eigenes Wohl kümmere oder um das Wohl der anderen. Wenn ich zum Beispiel nur selbstbezogen bin, werde ich nicht zögern, anderen das Leben zu nehmen. Als Resultat werde ich in einem freudlosen Höllenbereich wiedergeboren werden, und selbst wenn ich später als Mensch geboren werde, werde ich ein kurzes Leben voller Krankheit haben. Wenn ich mich auf der anderen Seite um das Wohl der anderen kümmere, werde ich aufhören, ihnen das Leben zu nehmen, und als Resultat werde ich in einem besseren Zustand wiedergeboren werden, werde ein langes Leben haben und so weiter. Dann wiederholen wir dieselbe Vorgehensweise mit dem Stehlen und dem Unterlassen des Stehlens, dem Frönen in unzulässigen sexuellen Verhaltens und dem Unterlassen derartiger Handlungen und so weiter. In Kürze, wie es in der fünften Strophe heißt:

Da Selbstbezogenheit die Tür zu allen Qualen ist,
die Wertschätzung unsrer Mütter doch die Basis allen Guten,
inspiriere uns, zum Herzen unsrer Praxis
den Yoga des Austauschs andrer für uns selbst zu machen.

Dieser fünfte Entschluss lautet also, dass ich definitiv meine geistige Einstellung mir selbst und anderen gegenüber austauschen werde. Das bedeutet natürlich nicht, das ich jetzt beschließe, dass ich jetzt Sie bin und Sie von nun an ich. Es bedeutet vielmehr, dass man den Standpunkt in Bezug darauf verändert, um wessen Wohl man sich kümmert. Statt nur an selbstbezogen zu sein und andere zu ignorieren, werden wir nun unsere selbstsüchtigen Anliegen ignorieren und uns um das Wohl der anderen kümmern. Versäumen wir dies, können wir unmöglich auch nur irgendetwas erreichen. Doch wenn wir diesen Austausch unserer Einstellung vornehmen, können wir auf dieser Grundlage weitermachen, uns in den Visualisationen zu üben, unser Glück den anderen zu geben und ihr Leid auf uns zu nehmen, als einen Weg, aufrichtige fürsorgliche Liebe und Mitgefühl zu entwickeln. Auf dieser Basis werden wir in der Lage sein, den außergewöhnlichen Entschluss zu fassen, die Probleme und das Leid eines jeden zu lindern und ihnen zu Glück zu verhelfen, und ein hingebungsvolles Bodhicitta-Herz haben, mit dem wir nach Erleuchtung streben, um dies auf bestmögliche Weise zu tun.

Die Quelle dieser Lehren ist Shantidevas „Eintritt in das Verhalten eines Bodhisattva“ (Skt. Bodhicharyavatara), die Lehren der Kadampa-Meister und natürlich „Eine Opferzeremonie zu den spirituellen Meistern“ vom ersten Panchen Lama. Sie erscheinen in dieser Form mit nummerierten Abschnitten in dem Text „Gesammelte Werken von Kyabje Trijang Dorjechang“, dem verstorbenen untergeordneten Tutor Seiner Heiligkeit des Dalai Lama. Doch zu sehr an seinem Aufbau und der darin enthaltenen Nummerierung interessiert zu sein, wäre so, als hätten wir einen Teller mit sieben Momos (tibetische Ravioli) vor uns, und wären, statt sie zu essen, nur darauf aus, dass jemand bezeugt, wie viele es sind, was die Quelle für ihre Form ist und so weiter. Setzen Sie sich einfach hin und essen Sie sie!