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Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Ethische Selbstdisziplin entwickeln

Alexander Berzin
Mexiko City, Mexiko, September 2001
Leicht überarbeitetes Transkript
Übersetzung ins Deutsche: Christian Dräger

Vorbereitungen

Bevor wir mit den Niederwerfungen beginnen, ist es sehr wichtig, erst einmal zur Ruhe zu kommen, damit unsere Niederwerfungen nicht mechanisch werden. Darum konzentrieren wir uns, während wir stehen, auf den Atem. Wir atmen normal durch die Nase. Wenn unser Geist abgelenkt ist, zählen wir die Atemzyklen, wobei das Ein- und Ausatmen einen Zyklus darstellt. Wenn unser Geist jedoch nicht abgelenkt ist, können wir uns einfach so, ohne zu zählen, auf den Atem konzentrieren. Während wir dies tun, können wir vor uns auf den Boden schauen. Falls wir sehr abgelenkt sind oder uns von einem langen Arbeitstag gestresst fühlen, können wir die Augen auch ganz schließen, ansonsten ist es jedoch besser, einfach zu Boden zu schauen. Versuchen Sie, sich zu entspannen und lassen Sie die Schultern nach unten sinken.

Als nächstes untersuchen wir, warum wir hierher gekommen sind. Was ist unsere Absicht? Was ist unser Ziel? Wir schlagen eine positive und sichere Richtung in unserem Leben ein, eine Richtung, die uns Zuflucht gibt. Mit anderen Worten: wir versuchen das Dharma-Juwel zu erlangen, das heißt die völlige Beseitigung all unserer Unzulänglichkeiten und Probleme wie auch die Verwirklichung all unserer guten Qualitäten. Wir streben dieses Ziel in einer Weise an, wie es die Buddhas vollständig erreicht haben und in der Art wie es der Arya-Sangha (die hoch verwirklichte Gemeinschaft) teilweise erreicht hat. Wir sind hier zusammengekommen, um etwas über ethische Selbstdisziplin zu lernen   als einen Schritt in die von uns gewählte Richtung, in die wir gehen möchten, das heißt als einen Schritt auf dem Weg zur Erleuchtung, , um so allen Lebewesen bestmöglichst helfen zu können. Wie können wir anderen überhaupt helfen, wenn wir keine Disziplin haben?

Wir betrachten das Symbol der Richtung, in die wir gehen wollen, das heißt diese Buddhastatue vor uns, und denken über die guten Qualitäten von Köper, Sprache und Geist des Buddha nach. Wir erinnern uns beispielsweise an seine Fähigkeit, alles zu verstehen, insbesondere wie er jedem helfen kann, wie er in vollkommener Weise mit jedem kommuniziert und an seine Fähigkeit, so zu handeln, dass jedes Wesen zur Erleuchtung geführt wird. Auch wir wollen dazu in der Lage sein, anderen so zu helfen, wie es der Buddha vermag. Diese Gedanken im Sinn behaltend, machen wir Niederwerfungen; wir werfen uns mit tiefem Respekt voll und ganz in diese Richtung. Indem wir das tun, zeigen wir jenen gegenüber Respekt, die die Erleuchtung erlangt haben, unserer eigenen zukünftigen Erleuchtung gegenüber, die wir mittels des Bodhicitta erlangen wollen, wie auch gegenüber unserer eigenen Buddhanatur, die es uns ermöglicht, Erleuchtung zu erlangen. Nachdem wir die Niederwerfungen vollzogen haben, stellen wir uns vor, dass sich eine Nachbildung des Buddha in uns auflöst und uns dazu inspiriert diesen Zustand selber zu erreichen. Danach nehmen wir unsere Plätze ein.

Ich denke das ist eine sinnvolle Art, Studiensitzungen wie auch Meditationssitzungen zu beginnen.

Dann stellen wir uns vor, dass wir Opfergaben darbringen. Wir sind bereit, alles zu geben, um anderen nutzen zu können – wir sind bereit unsere Zeit, unsere Energie, unser ganzes Herz zu geben. Wenn wir diese vorbereitende Übung zu Hause machen, können wir zumindest eine mit Wasser gefüllte Schale auf unseren Schrein stellen. Unser Schrein kann dabei einfach aus einem Regalbrett bestehen, auf das wir ein schönes Stück Stoff gelegt haben, worauf wir dann eine Abbildung eines Buddhas stellen, die unsere sichere Ausrichtung repräsentiert. Bevor wir uns hinsetzen, gehen wir zum Altar und bringen die Gabe tatsächlich dar. Wir stippen den Ringfinger unserer sauberen linken Hand in das mit Wasser gefüllte Schälchen und schnippen dreimal mit dem Finger, wobei wir uns vorstellen, dass wir von uns alles geben, um anderen zu helfen und um Erleuchtung zu erlangen, damit wir in der Lage sind, anderen wirklich helfen zu können.

Der große Sakya-Meister Chögyal Pagpa (tib. Chos-rgyal 'Phags-pa) hat eine wunderbare Methode gelehrt, Opfergaben darzubringen, die ich sehr hilfreich finde. Sie wird als „Opfergaben der vertieften Konzentration“ bezeichnet (tib. ting-nge-'dzin-gyi mchod-pa; die Opfergaben des Samadhi).

Wir stellen uns vor, dass wir den Buddhas all unsere Aktivitäten des Lesens und Studierens darbringen, was heißt, dass wir das Gelesene und Erlernte anderen als Gabe darbringen, um ihnen so zu helfen. Diese Gabe bringen wir in Form von Wasser dar. Die Gabe bezieht sich auf all das, was wir in der Vergangenheit gelesen oder studiert haben, was wir gegenwärtig lesen oder studieren und auch alles, was wir zukünftig lesen oder studieren werden. Als nächstes bringen wir das Wissen und die Kenntnisse, die wir daraus gewonnen haben oder jemals erlangen werden, in Form von Blumen dar. All die Disziplin, die wir entwickelt haben oder irgendwann einmal entwickeln werden, das heißt, die Disziplin dieses Wissen auch anzuwenden, bringen wir in Form von Räucherwerk dar. All die Einsichten, die wir erlangt haben oder jemals erreichen werden, bringen wir in Form von Licht dar, verbunden mit dem Wunsch, allen Wesen Licht und Klarheit zu bringen.

Die feste Überzeugung, die wir in den Dharma haben oder in den Dharma haben werden, bringen wir in Form von Eau de Cologne (Kölnisch Wasser) oder parfümiertem Wasser dar, um alle Wesen zu kühlen und zu erfrischen. Wir sind nicht jemand, der gar keine Ahnung davon hat, was in unserem Leben vor sich geht. Wir sind sicher. Wir wissen was los ist. Das ist unglaublich erfrischend. Wir sind nicht in Panik über die Möglichkeit eines Krieges usw. Wir denken einfach: „ Natürlich, was erwartest du von Samsara?“ Unsere Konzentration über die drei Zeiten hinweg (Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft) bringen wir in Form von Nahrung dar. Wir bringen diese Gabe in der Weise dar, dass wir versuchen in einem konzentrierten Geisteszustand zu bleiben, wenn wir mit anderen Menschen zusammen sind, und nicht daran denken, was wir als nächstes tun wollen. Schließlich bringen wir unsere vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Fähigkeiten (den Dharma und andere Dinge) zu erklären und zu lehren in Form von Musik dar.

Wir geben offen zu, dass wir Schwierigkeiten haben, insbesondere Schwierigkeiten in Bezug auf ethische Selbstdisziplin. Wir bedauern sehr, dass wir manchmal destruktiv handeln. Wir wünschen uns sehr, dieses Verhalten zu überwinden. Wir werden unser Bestes versuchen, um diese Unzulänglichkeiten nicht weiter zu wiederholen. Wir bekräftigen die Ausrichtung, die wir unserem Leben durch Zuflucht und Bodhicitta geben. Was auch immer wir lernen werden, versuchen wir auch anzuwenden, um unsere Schwierigkeiten mit Hilfe von Disziplin zu überwinden.

Wir erfreuen uns daran, dass wir die Fähigkeit haben, diszipliniert zu sein. Immerhin haben wir auch gelernt, nicht mehr in die Hose zu machen und wir fangen auch nicht an zu weinen, wenn wir Hunger haben. Wir haben die Fähigkeit, diszipliniert zu sein, uns davon abzuhalten in destruktiver und kindischer Weise zu handeln. Das ist großartig. Wir haben Buddhanatur. Wir erfreuen uns an den Buddhas, die die vollkommene Entwicklung ethischer Selbstdisziplin erreicht haben, und wir erfreuen uns an den großen Meistern, insbesondere an dem großen indischen Meister Shantideva, der uns in seinem Werk „Eintritt in das Verhalten eines Bodhisattva“ (tib. sPyod-'jug, Skt. Bodhisattvacharyavatara) so klare Belehrungen darüber gegeben hat, wie man ethische Selbstdisziplin entwickelt. Ganz herzlichen Dank dafür, Shantideva.

Dann sprechen wir unsere Bitten aus: „ Ich möchte bitte lernen, wie ich ethische Selbstdisziplin entwickeln kann. Bitte lehre mich, Shantideva. Ich bin rezeptiv, ich bin offen.. Ich brauche diese Belehrungen wirklich. Wie kann ich anderen helfen, wenn ich keine Disziplin habe?“

Dann ersuchen wir die Buddhas und die großartigen Meister, in unserer Gegenwart zu verweilen. „ Bitte geht nicht weg von uns. Lehrt mich den ganzen Weg bis hin zur Erleuchtung. Damit ist es mir ganz ernst.“

Zuletzt bitten wir: „Möge all die positive Kraft, die durch unser Studieren, Zuhören und Praktizieren hervorgebracht wird, als Ursache für das Erlangen der Erleuchtung dienen und nicht nur als Ursache dafür, innerhalb des Daseinskreislaufs, mehr Erfolg durch größere Disziplin zu haben. Möge dies als Ursache dafür dienen, alle Körper eines Buddha zu erlangen und die vollkommene Disziplin eines Buddha zu erlangen, um so allen Wesen bestmöglich helfen zu können.“

Dann treffen wir die bewusste Entscheidung, dieser Erörterung über ethische Selbstdisziplin mit Konzentration zuzuhören. Wenn unsere Aufmerksamkeit abwandert, versuchen wir sie zurückzubringen, und falls wir müde werden, versuchen wir uns selbst aufzuwecken. Um unsere Energien anzuheben, wenn wir gerade wenig Energie haben und wir uns schwer fühlen, konzentrieren wir uns auf den Punkt zwischen unseren Augenbrauen und richten die Augen nach oben, wobei wir den Kopf gerade halten. Um die Energien ein wenig zur Ruhe zu bringen, falls wir gerade ein wenig nervös, angespannt oder gestresst sind, konzentrieren wir uns auf den Punkt etwas unterhalb des Nabels und richten die Augen dabei nach unten, wobei wir den Kopf gerade halten. Während wir das tun, atmen wir ganz normal ein und halten den Atem an, bis wir wieder ausatmen müssen.

Einführung

Heute Abend möchte ich die Übung der ethischen Selbstdisziplin erörtern. Als Grundlage dafür werde ich die ausführliche Abhandlung benutzen, die Shantideva in seinem Werk „ Eintritt in das Verhalten eines Bodhisattva“ gibt. Wenn wir tatsächlich Bodhisattvas werden wollen und mehr darüber erfahren wollen, wie wir an uns selber arbeiten und anderen helfen können, dann ist dieser Text die beste Quelle, die wir finden können. Darin stimmen alle indischen und tibetischen Meister überein.

Ethische Selbstdisziplin als eine weitreichende Geisteshaltung

Ethische Selbstdisziplin ist eine der sechs weitreichenden Geisteshaltungen (tib. pha-rol-tu phyin-pa, Skt. paramita). Diese Geisteshaltungen werden oft als die „Vollkommenheiten“ bezeichnet. Viele Menschen finden jedoch das Wort „Vollkommenheit“ bzw. „ Perfektion“ schwierig, weil sie sich dann die Frage stellen: „Wie könnte ich jemals vollkommen sein?“ Ich bevorzuge eine eher wörtliche Übersetzung. Es handelt sich hier um Geisteshaltungen die uns weit führen können, sie führen uns den ganzen Weg zum anderen Ufer, dem Ufer der Erleuchtung.

Wir reden hier nicht über die Disziplin, die man braucht, um ein guter Athlet oder ein guter Musiker zu sein, sondern über die Disziplin, die man braucht, um Erleuchtung zu erreichen und anderen zu helfen. Shantidevas Erörterung findet im Kontext der Entwicklung von Bodhicitta statt. Das zeigt uns die Bedeutung unserer Motivation. Was ist unsere Absicht oder unser Ziel? Warum möchten wir Disziplin entwickeln? Wofür möchten wir sie verwenden? Alle begrenzten Wesen im Universum haben wirklich Probleme und leiden und wir selbst befinden uns auch in einem schlimmen Zustand. Wie können wir anderen helfen, wenn wir selber so sind? Wir müssen uns zunächst selbst in einen angemessenen Zustand bringen, bevor wir anderen so gut wie möglich helfen können. Wir müssen an uns selbst arbeiten und Erleuchtung erreichen, um anderen helfen zu können. Um das zu erreichen, brauchen wir Disziplin. Wenn wir uns wirklich darüber klar sind, warum wir eigentlich Disziplin wollen und wofür wir sie verwenden wollen, wird es sehr viel leichter fallen, sie zu entwickeln. Ansonsten hören wir von Disziplin und denken an Athleten, die darstellenden Künste oder das Militär. Darum geht es hier nicht; wir reden hier nicht über Disziplin im Sinne davon, Befehlen zu folgen.

Als ersten entwickeln wir den anstrebenden oder wünschenden Zustand des Bodhicitta. Wir wollen wirklich Erleuchtung erlangen, weil das die einzige Art und Weise ist, wie wir anderen so gut wie möglich helfen können. Wir werden uns von dieser Aufgabe nicht abwenden, wie schwierig sie auch sein mag und wie lange sie auch dauern mag. Wir sind fest entschlossen; das ist, was wir tun wollen. Der anstrebende Zustand des Bodhicitta bedeutet, dass wir tatsächlich mit dieser Aufgabe befasst sind. Wir springen vollherzig in diese Aufgabe hinein und führen sie mit einer unbeirrbaren Verpflichtung gegenüber den Bodhisattva-Gelübden durch.

Es ist wirklich wunderbar, dass die Buddhas und die großen Meister uns anhand der Bodhisattva-Gelübde aufgezeigt haben, welche Fehler wir bei unseren Beziehungen mit anderen machen. Das erste Bodhisattva-Gelübde bezieht sich darauf, die Übertretung zu vermeiden, uns selbst zu loben und andere schlecht zu machen, unserer eigenen Ehre wegen, oder um uns persönlich zu bereichern. Es ist, als ob wir behaupten würden, wir seien der größte Lehrer und unsere Konkurrenten würden nichts taugen. Wir wünschen uns aus unserem Streben nach Macht, Geld, Ruhm und so weiter heraus, dass möglichst viele Menschen in unser buddhistisches Zentrum und zu unseren Belehrungen kommen. Wer wird uns jedoch Vertrauen schenken, wenn wir so handeln?

Die Bodhisattva-Gelübde beziehen sich darauf, wie wir unser Verhalten formen. Sie sind sehr wichtig, weil sie uns zeigen, welches Verhalten wir zu vermeiden haben. Sie zeichnen uns den Weg vor, der uns bis zur Erleuchtung führt. Wenn die Grenzen nicht deutlich gekennzeichnet wären, hätten wir keine Vorstellung davon, wie wir zur Erleuchtung gelangen sollten. Diese Art, die Gelübde zu betrachten, ist wirklich sehr hilfreich: Grenzmarkierungen oder Leitpfosten einer Straße. Wenn wir Dinge brauchen, an denen wir uns erfreuen können, dann sind die Bodhisattva-Gelübde unglaublich gut dafür geeignet, sich darüber zu freuen, dass es sie gibt. Wie fantastisch, dass die Straße durch die Leitpfosten derartig klar dargestellt ist! Das ist ganz wunderbar.

Was sind die wesentlichen Dinge, die wir auf dem Weg zur Erleuchtung üben? Wir versuchen, von den sechs weitreichenden Geisteshaltungen so viele wie nur möglich in die Praxis umzusetzen. Es handelt sich hier um Geisteshaltungen oder Geisteszustände, von denen wir gerne möchten, dass sie alles, was wir tun, sagen oder denken, begleiten. Wir reden hier von gewissen Geisteszuständen, mit denen wir versuchen, unser ganzes Leben zu leben – die ganze Zeit über.

Ethische Selbstdisziplin als Geistesfaktor

Ethische Selbstdisziplin ist ein Geistesfaktor (tib. sems-byung) – mit anderen Worten, eine Art, dessen gewahr zu sein, was unsere Sinneswahrnehmung oder geistige Wahrnehmung begleitet. Es handelt sich um eine Geisteshaltung, die uns unabhängig davon begleitet, ob wir mit anderen zusammen sind oder ob wir alleine sind.

Ich bezeichne sie als ethische Selbst-Disziplin, weil wir hier nicht irgendjemand anderen disziplinieren. Zudem ist sie ethisch. Es handelt sich hier nicht einfach um die Selbstdisziplin, lediglich das Spielen eines Instruments zu erlernen. Ethische Selbstdisziplin wird als der Geistesfaktor oder die Geisteshaltung definiert, die den Geist davor schützt oder ihn davon abhält abzuwandern. Implizit besagt diese Definition, dass dieser Geisteszustand von zahlreichen anderen Geistesfaktoren begleitet wird. Einer der wichtigsten Geistesfaktoren ist dabei das unterscheidende Gewahrsein (tib. shes-rab, Skt. prajna; Weisheit), ein Geisteszustand der vollkommen davon überzeugt ist, wie nützlich es ist, nicht in die Irre zu gehen und davon überzeugt ist, wie nachteilig es ist, vom rechten Weg abzukommen. Deshalb bleiben wir bei etwas Konstruktiven und wandern nicht zu etwas anderem ab, weil wir die Nachteile, wenn wir das Konstruktive verlieren, deutlich erkennen.

Drei Arten ethischer Selbstdisziplin

Es gibt drei Arten ethischer Selbstdisziplin. Die erste davon bezieht sich darauf, sich mit destruktivem Handeln, Sprechen und Denken zurückzuhalten. Es handelt sich hierbei um eine Geisteshaltung, bei der wir uns selbst davon zurückhalten, destruktiv zu handeln, weil wir fest von den Nachteilen überzeugt sind, die es mit sich bringt, destruktiv zu handeln und gleichermaßen von den Vorteilen überzeugt sind, die es hat, nicht destruktiv zu handeln. Wenn in uns beispielsweise der Drang entsteht, über jemand anderen schlecht zu sprechen, dann kommen wir mit unterscheidendem Gewahrsein zu der Schlussfolgerung, dass dieses Verhalten destruktiv wäre und dass daraus eine Menge Leid verursachen würde. Die Disziplin ist in diesem Fall die Geisteshaltung, die darin besteht, sich davon zurückzuhalten, den Drang auszuagieren und etwas Gemeines zu sagen.

Die zweite Art ethischer Selbstdisziplin besteht darin, positive Handlungen auszuführen. Dies bezieht sich insbesondere auf die Disziplin zu meditieren, zu Kursen zu gehen, zu studieren und den Dharma zu praktizieren. Diese Art der Disziplin hält uns dazu an, uns hinzusetzen und zu meditieren und hält uns davon ab, stattdessen den Fernseher anzuschalten. Die ethische Selbstdisziplin basiert hier auf der Unterscheidung, dass das Zappen durch die verschiedenen Fernsehkanäle Zeitverschwendung ist und die Übung der Meditation uns zur Erleuchtung hinführen wird. Wenn wir das einfachen Beispiel nehmen, eine Diät einhalten zu wollen, dann besteht die ethische Selbstdisziplin darin, uns davon zurückzuhalten, zum Kühlschrank zu gehen und uns den Mund mit Kuchen vollzustopfen, weil wir mit unterscheidendem Gewahrsein zu dem Schluss kommen, dass wir dann immer fetter würden und wir dies aus verschiedenen Gründen nicht wollen.

Die dritte Art ethischer Selbstdisziplin, besteht darin, anderen zu helfen. Sie hält uns davon zurück, zu sagen, wir seien zu beschäftigt oder zu müde. Wir erkennen hier mit unterscheidendem Gewahrsein, dass wir es selbst nicht gerne hätten, wenn jemand zu uns sagen würde: „Es tut mir Leid, ich bin zu beschäftigt, dir zu helfen. Ich muss mich hinsetzen und über Liebe meditieren.“

Diese drei Arten ethischer Selbstdisziplin werden uns zur Erleuchtung führen. Shantideva widmet dieser weitreichenden Geisteshaltung zwei Kapitel im „Eintritt in das Verhalten eines Bodhisattva“. Es ist die einzige der weitreichenden Geisteshaltungen, der er zwei Kapitel widmet. Jedes dieser beiden Kapitel beinhaltet einen anderen Geistesfaktor, der die ethische Selbstdisziplin begleitet, so dass wir eine Vorstellung davon bekommen, wie wir diese Geistesfaktoren entwickeln können und wie sie funktionieren.

Eine Geisteshaltung des Sich-Kümmerns entwickeln

Das vierte Kapitel von „Eintritt in das Verhalten eines Bodhisattva“ behandelt den Geistesfaktor der Geisteshaltung des Sich-Kümmerns (engl. caring attitude) bzw. des Interesses (tib. bag-yod, Skt. apramada). Der Begriff ist nicht leicht zu übersetzen. Im Sensivitätstraining (Sensibilitätstraining) bezeichne ich ihn manchmal als ein sich kümmerndes Herz. Wir kümmern uns darum, (engl. to care, sorgen, interessieren, es ist uns nicht egal) was wir tun, sagen oder denken. Der Begriff hat nicht die Konnotation, sich Sorgen zu machen bzw. Kummer zu haben. Stattdessen beinhaltet der Begriff, dass wir diese Dinge für wichtig halten und ernst nehmen. Wir schenken den Wirkungen unseres Handelns, Sprechen und Denkens wirklich Aufmerksamkeit. Wir kümmern uns wirklich um die Konsequenzen, die unser Handeln, Sprechen und Denken für uns selbst und andere hat. Wenn wir uns um die Wirkung unseres Verhaltens auf uns selbst und auf andere nicht kümmern, werden wir nicht wirklich damit aufhören, uns in einer destruktiven Weise zu verhalten und auch nicht anfangen, konstruktiv zu handeln.

Es handelt sich dabei nicht nur um ein intellektuelles Interesse. Wenn wir uns nicht um unsere Gesundheit oder unser Gewicht kümmern, werden wir wohl kaum mit einer Diät anfangen. Die Konsequenzen unseres Verhaltens für uns selbst und andere, müssen für uns wichtig sein. Wir müssen an dieser Geisteshaltung des Sich-Kümmerns arbeiten, um in der Lage zu sein, ethische Selbstdisziplin zu entwickeln. Shantideva erörtert diese Geisteshaltung in Bezug darauf, nicht unter den Einfluss störender Emotionen und Geisteshaltungen zu gelangen. Es gibt eine lange Liste störender Emotionen und Geisteshaltungen. Wir wollen beispielsweise nicht unter den Einfluss von Anhaftung an dem im Kühlschrank liegenden Kuchen gelangen.

Wenn wir uns selbst nicht erst nehmen, werden wir uns gar nicht erst um unsere eigene Gesundheit oder unser eigenes Gewicht kümmern. Wenn wir uns selbst ernst nehmen beginnen wir aber die folgenden beiden Geistesfaktoren zu erkennen, die in einem konstruktiven Geisteszustand immer anwesend sind. Der erste dieser Geistesfaktoren ist ein Gefühl für moralische Selbstwürde (tib. ngo-tsha shes-pa, Skt. hri, Schamgefühl). Wir sind uns wichtig genug, um uns nicht wie Idioten benehmen. Wenn wir keine Würde haben, ist uns alles egal. Der zweite Faktor bezieht sich darauf, dass wir uns darum kümmern, welches Licht unsere Handlungen auf andere werfen (tib. khrel-yod, Skt. apatrapya, Gewissensscheu), z.B. auf unsere Familie, unsere spirituellen Lehrer, unsere Religion, unser Land usw. Wenn uns ihre Ehre egal ist, dann handeln wir auf irgendeine unserer alten Verhaltensweisen. Wenn es uns darum kümmern, dann praktizieren wir ethische Selbstdisziplin.

Vergegenwärtigung und Wachsamkeit

Das fünfte Kapitel beschäftigt sich mit Vergegenwärtigung (tib. dran-pa, Skt. smrti) und Wachsamkeit (tib. shes-bzhin, Skt. samprajanya), zwei weiteren Faktoren, die wir für die ethische Selbstdisziplin benötigen. Da es sich hierbei ebenfalls um Begriffe handelt, die schwierig zu übersetzen sind, befassen wir uns zunächst mit ihren Definitionen. Vergegenwärtigung (engl. mindfulness) wirkt, um es einfach auszudrücken, wie ein geistiger Klebstoff. Das englische Wort „mindfulness“ (wie auch die deutschen Worte „Vergegenwärtigung“ und „Achtsamkeit“) übersetzen den Begriff nicht besonders gut. Bei der Vergegenwärtigung handelt es sich um einen Faktor, der etwas festhält und es nicht wieder loslässt. Es handelt sich um den Geisteszustand, der uns an unserer Diät festhalten lässt, während wir an einer Bäckerei vorbeigehen. Die Hauptarbeit, bei der es beim Einhalten unserer Disziplin geht, ist sie festzuhalten und nicht wieder loszulassen. Wir halten auch daran fest, wenn wir uns danach fühlen, etwas anderes zu tun. Warum? Wir wollen in der Lage sein, anderen zu helfen. Dabei kommen wir mit unterscheidendem Gewahrsein zu dem Schluss, dass es unserem Ziel anderen zu helfen abträglich ist, wenn wir etwas Negatives sagen, tun oder denken und wir kümmern uns um die Auswirkungen unseres Verhaltens. In dieser Weise halten wir die Disziplin aufrecht. Disziplin und geistiger Klebstoff gehen dabei Hand in Hand.

Der Faktor der Wachsamkeit geht mit dem geistigen Klebstoff einher. Er ist sogar Teil des geistigen Klebstoffs. Er ist der Teil, der überprüft und sicherstellt, dass wir den Griff nicht verlieren und unter den Einfluss von störenden Emotionen geraten. Wenn der Geistesfaktor der Wachsamkeit bemerkt, dass wir allmählich unter den Einfluss solch störender Emotionen geraten, schlägt er Alarm. Ein weiterer Geistesfaktor, der Aufmerksamkeit genannt wird (tib. yid-la byed-pa, Skt. manasi), stellt den geistigen Klebstoff wieder her. Wir üben zuerst die Faktoren von Vergegenwärtigung, Wachsamkeit und Aufmerksamkeit in Bezug auf unser Verhalten und unsere ethische Selbstdisziplin und dann wenden wir sie auf unsere Konzentration an. Unsere westlichen Begriffe entsprechen diesen Geistesfaktoren nicht wirklich.

Seine Heiligkeit der Dalai Lama erläutert stets mit Nachdruck, dass die Betonung nicht darauf liegt, Wache zu halten, also auf dem Alarmsystem, sondern auf dem geistigen Klebstoff. Wenn wir die Betonung auf den geistigen Klebstoff legen, ist die Alarmanlage automatisch eingeschaltet. Wenn wir uns jedoch auf die Alarmanlage konzentrieren, verlieren wir den Klebstoff.

Die Richtlinien Seiner Heiligkeit des Dalai Lama sind unglaublich hilfreich. Denken Sie darüber nach. Was passiert, wenn wir unsere gesamte Aufmerksamkeit auf die Alarmanlage richten? Wir werden in Bezug auf geistiges Abschweifen und störende Emotionen völlig paranoid. Wir sind dann nervös und ganz verkrampft. Darauf folgt dann schließlich der ganze Schuldgefühlstrip. Seine Heiligkeit der Dalai Lama weist darauf hin, dass diese Art sowohl im normalen Verhalten wie auch in der Meditation einen großen Fehler darstellt. Die Hauptsache ist, dass wir weiter an dem festhalten, was wir gerade tun, weil wir uns um die Konsequenzen kümmern; wir kümmern uns darum, dass wir nicht das alles verlieren, was wir anstreben. Hierauf legen wir unseren Hauptaugenmerk und nicht darauf, paranoid zu werden.

Entwickeln von Vergegenwärtigung

Shantideva fährt darin fort zu erklären, wie man diesen geistigen Klebstoff entwickelt. Der erste Faktor ist, dass man in Gesellschaft unserer spirituellen Lehrer verweilt. Wenn wir in der Gesellschaft unserer spirituellen Lehrer weilen, also jenen, die wir sehr respektieren, werden wir uns natürlich nicht wie Idioten verhalten. Wir respektieren sie einfach zu sehr und haben zuviel Selbstwürde, als dass wir uns völlig daneben benehmen würden. Natürlich können wir uns nicht ständig in Gegenwart unserer spirituellen Lehrer aufhalten, also stellen wir uns vor, dass wir stets in ihrer Gegenwart verweilten. Das geht darauf zurück, dass wir uns darum kümmern, welches Licht unser Verhalten auf unsere spirituellen Lehrer werfen würde. Wenn wir vor unseren Lehrern sitzend meditierten, würden wir nicht mitten in der Meditationssitzung aufstehen, aus dem Raum gehen und den Fernseher einschalten. Oder würden wir das tun? Nein, wir würden den geistigen Klebstoff beibehalten und sitzen bleiben.

Das zweite Hilfsmittel bezieht sich darauf, den Anleitungen der spirituellen Lehrer zu folgen, was bedeutet, die Worte unserer Lehrer, der großen Meister und der Texte in Erinnerung zu behalten. Wenn wir uns in Richtung Erleuchtung bewegen, um allen Wesen zu helfen, und wir volles Vertrauen darin haben, das die Lehren des Dharma uns dahin führen, anderen zu helfen, dann behalten wir den geistigen Klebstoff bei, egal was wir tun. Die Anweisungen zeigen verschieden destruktive Handlungen auf wie auch auf verschiedene konstruktive Handlungen, d.h. wie man anderen helfen kann und so weiter. Wir erinnern uns an diese Anweisungen und halten uns an sie. Wir nehmen die Belehrungen ernst. In den tantrischen Gelübden wird Wert darauf gelegt, dass man keine Belehrung als trivial ansieht. Der Buddha hat nicht nur aus Spaß gelehrt. Er hat gelehrt, um uns zu nützen. Das ist der einzige Grund, warum er lehrte. Das ist der einzige Grund, warum er überhaupt gelehrt hat. Wenn wir wirklich Zuflucht nehmen, nehmen wir die Lehre ernst. Wenn wir also nicht verstehen können, wie uns eine bestimmte Lehre vielleicht von Nutzen sein kann, liegt es an uns herauszufinden, wie sie das tun könnte.

Den dritten Faktor, den Shantideva erwähnt, ist, dass man sich vor den Konsequenzen fürchtet, den geistigen Klebstoff nicht beizubehalten. Wir denken darüber nach, wo uns das hinführen würde. Shantideva fährt Vers für Vers damit fort, aufzuzeigen, wie man an verschiedene Situationen herangehen kann   mit dem gleichen Refrain: Verweile wie ein Holzklotz. Wir halten uns still und bewegungslos wie ein Holzklotz und handeln nicht, wenn wir den Drang verspüren, in einer destruktiven Weise zu handeln, zu sprechen oder zu denken.

Schlussfolgerung

Dies sind die Arten, wie wir ethische Selbstdisziplin entwickeln, um uns davon abzuhalten, destruktiv zu handeln, uns in positiven Dharma-Praktiken zu üben, und tatsächlich anderen so gut zu helfen, wie wir nur können. Warum wollen wir ethische Selbstdisziplin haben? Weil wir die Erleuchtung anstreben, um anderen so gut wie möglich helfen zu können. Wir können zwischen den Vorzügen, uns an diese zu halten und den Nachteilen, die es mit sich bringt, in die Irre zu gehen, klar unterscheiden. Wie können wir das? Wir können die Unterscheidung vornehmen, indem wir uns aus einem Gefühl moralischer Selbstwürde heraus, um die Konsequenzen unseres Verhaltens kümmern. Wir kümmern uns auch darum, welches Licht unser Verhalten auf die Menschen wirft, die wir respektieren   auf unsere Familie, auf unsere Lehrer und andere. Wir verwenden den geistigen Klebstoff, um an den Dingen festzuhalten, die wir tun wollen. Die Alarmanlage ist dabei in Betrieb, so dass, falls wir unter den Einfluss störender Emotionen geraten sollten, die Aufmerksamkeit uns zurück bringen wird. Dabei wird es uns helfen, wenn wir uns so verhalten, als wenn wir stets in Gesellschaft unserer Lehrer wären. Wir sind davon überzeugt, dass die Lehren da sind, um uns zu nützen, so dass wir uns an sie halten, und gleichzeitig fürchten wir das Durcheinander und Chaos, das daraus entstehen würde, wenn wir die Lehren nicht einhalten würden.

Wir können sehr glücklich darüber sein und uns an der Tatsache erfreuen, dass ein großer Meister wie Shantideva so klar umrissen hat, wie man etwas tut, was von Außen betrachtet sehr schwierig aussieht. Es gibt die Lehren; das ist wunderbar. Also handeln Sie einfach danach. Albern Sie nicht herum. Wenn Sie in ein Schwimmbecken springen wollen, dann springen Sie hinein. Stippen Sie nicht nur einen Zeh in das Becken. Unentschlossenes Schwanken (tib. the-tshom, Zweifel) gilt als eine der sechs störenden Wurzelemotionen, weil es uns völlig lähmen kann, so dass wir dann überhaupt nichts mehr tun. Wir müssen uns entschließen, und es dann einfach tun.

Frage und Antwort

Frage: Wenn wir eine Diät machen oder versuchen Konzentration oder ethische Selbstdisziplin zu entwickeln, haben wir vielleicht kein tiefes Verständnis davon, warum wir es überhaupt tun, aber wir verhalten uns in Bezug darauf wie Fundamentalisten. Es gibt dann viel Anspannung und inneren Konflikt. Könnten Sie erläutern, wie man eine gesunde Balance findet?

Alex: Shantideva sagt, dass, wenn wir erwägen, ob wir eine Handlung ausführen oder nicht, wir vorher sorgsam darüber nachdenken müssen, ob wir sie ausführen können oder nicht. Wenn wir feststellen, dass wir sie gar nicht ausführen können, sollten wir überhaupt nicht mit der Handlung beginnen. Wenn wir jedoch mit einer Handlung beginnen, ist es nötig, dass wir sie auch ganz bis zum Ende fortführen. Es ist wichtig, dass wir uns undisziplinierter Begeisterung enthalten. Eine Ursache für unsere Anspannung könnte sein, dass wir gar nicht erwägen, ob wir etwas tun können oder nicht. Wenn wir die Nachteile und Vorteile von etwas erwogen haben und von ihnen völlig überzeugt sind, und wir auch unsere Fähigkeit, es tun zu können, erwogen haben, und wir fest davon überzeugt sind, dass wir es tun können, dann wird es nicht mehr so stressig sein – insbesondere wenn wir den Hauptakzent nicht auf die Alarmanlage legen.

Es gibt neun Nebengelübde des Bodhisattva, die damit befasst sind, uns zu helfen die ethische Selbstdisziplin aufrecht zu halten. Eine davon besagt, dass man nicht darauf beharrt, sich einer Handlung zu enthalten, wenn die Notwendigkeit zu handeln das Verbot überwiegt. Wenn wir gerade eine Diät einhalten und zu einem großen Familienfestessen eingeladen werden und die Gastgeber verletzt wären, wenn wir nur einige Diätpülverchen, aber nicht das Mahl essen würden, dann überwiegt die Notwendigkeit das Verbot. Es ist Teil der Bodhisattva-Gelübde nicht fundamentalistisch zu sein. Wenn man das nicht vergisst, gerät man auch nicht so leicht in Stress.

Frage: Welche Bücher würden Sie uns zu Shantidevas Erläuterungen über dieses Thema empfehlen?

Alex: Ich würde empfehlen, Shantidevas Werk „Eintritt in das Verhalten eines Bodhisattva“ selbst zu lesen. Wenn man ein Werk unter all den buddhistischen Lehren auszuwählen hätte, das am ehesten so etwas wie eine buddhistische Bibel wäre, dann wäre dies eben dieser Text. Ich denke, dass die meisten tibetischen Meister damit übereinstimmen würden. Sicherlich handelt es sich hierbei um das bevorzugte Werk Seiner Heiligkeit des Dalai Lama. Wenn Sie dazu jemals Gelegenheit haben sollten, studieren Sie das Werk in aller Ruhe   Vers für Vers   über einen Zeitraum von mehreren Jahre hinweg. Es lohnt sich sehr, den Text auf diese Weise gründlich zu studieren. Lesen Sie den Text nicht einfach schnell durch. Es ist wichtig, dass Schüler Belehrungen zu diesem Text erbitten. Es sehr wichtig, darum zu bitten.

[Siehe: „Eintritt in das Verhalten eines Bodhisattva“.]

Frage: Sie sprachen davon, sich negativer Handlungen, Sprache und Gedanken zu enthalten. Zu den ersten beiden, kann ich einen Bezug entwickeln, aber den dritten Aspekt kann ich nur verstehen als ein Erziehen eines Geistes, in dem positive Gedanken entstehen. Wie können wir uns selber solcher negativer Gedanken enthalten?

Alex: Es handelt sich dabei um genau die gleiche Sache. Zuerst müssen wir destruktive Arten zu denken erkennen. Wenn sich beispielsweise jemand vor einem Monat in einer negativen Weise verhalten hat und wir jetzt immer noch darüber nachdenken, handelt es sich um eine Art von Denken, die destruktiv und sehr negativ ist. Wir fühlen uns nicht sehr glücklich, wenn wir uns so verhalten, oder? Wir befinden uns dann in einer sehr unglücklichen geistigen Verfassung und es deprimiert uns. Wenn in uns Gedanken über solch eine Begebenheit aufsteigen, ist es notwendig, dass wir so schnell wie möglich erkennen, dass sie überhaupt nicht hilfreich für uns sind. Dann treffen wir den festen Entschluss, dass wir uns auf diesen geistigen Trip nicht einlassen wollen.

Es ist jedoch gar nicht so leicht, einfach damit aufzuhören über etwas nachzudenken. Was gewöhnlicher Weise empfohlen wird ist, einfach an etwas anderes zu denken. Die einfachste Sache die man im Geist behalten und die man anstelle der negativen Gedanken einsetzen kann, ist ein Mantra. Beginnen Sie: „OM MANI PADME HUNG“ anstelle der negativen Gedanken zu sagen. Und versuchen Sie gleichzeitig, Gedanken von Liebe und Mitgefühl hervorzubringen. Wenn unser Geist abzudriften beginnt, während wir das Mantra rezitieren, springt die Alarmanlage an. Wir bringen die Vergegenwärtigung zurück und halten wieder an dem Mantra fest. Ich finde diese Methode nicht nur in Bezug auf negative Gedanken hilfreich, sondern auch in Bezug auf Musik. Wenn ich bemerke, dass ich einen Ohrwurm im Kopf habe, den ich nicht loswerden kann, finde ich das unglaublich dämlich. Das einzige, was ich dann tun kann, ist ein Mantra zu rezitieren. Das bringt den Ohrwurm zum Schweigen.

Um auf Kommentare zu Shantidevas Text zu sprechen zu kommen: Es gibt inzwischen einige Kommentare von Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama – einen über das sechste Kapitel, das sich mit dem Thema Geduld beschäftigt, wie auch einen Kommentar zum neunten Kapitel, das sich mit dem unterscheidendem Gewahrsein (Weisheit) befasst und so weiter. Das sind die besten Texte, die man zu Shantidevas Werk lesen kann.

Frage: Meine Erfahrung ist es, das ich zwar negative Gedanken kontrollieren kann, aber keine starken Emotionen. Sie überwältigen mich wie ein physischer Teil von mir. Wie kontrollieren wir Emotionen?

Alex: Das deutsche Wort „Emotion“ (engl. emotion) ist ein sehr weit gefasster Begriff. Das Gefühl traurig darüber zu sein, dass jemand gestorben ist, unterscheidet sich sehr von einem Gefühl von Hass, obwohl wir beide als „ Emotionen“ bezeichnen würden. Liebe und Mitgefühl sind ebenfalls Emotionen, die jedoch nicht negativ sind und die wir deshalb auch nicht zu zügeln brauchen, obwohl sie vielleicht von einem Gefühl von Anhaftung begleitet sein mögen, was wiederum negativ ist. Ein Gefühl von Trauer kann sogar heilsam sein. Beispielsweise ist es notwendig, nach dem Tod einer geliebten Person, eine Phase des Trauerns zu durchleben. Es ist allerdings ein Problem, wenn wir uns ganz in der Trauer verstricken; aber das ist etwas anderes.

Andere Emotionen wie zum Beispiel Furcht sind nicht sehr hilfreich. Aber auch hier gibt es wiederum eine gesund Furcht und eine ungesunde Furcht. Wie haben Angst davor, von einem Auto überfahren zu werden, also gucken wir nach links und rechts, bevor wir die Straße überqueren – das ist eine gesunde Art von Furcht. Bei einer unkontrollierbaren Angst, die einen niederschmettert und völlig überwältigt, wie die Angst vor der Dunkelheit, handelt es sich um eine ungesunde Art der Angst. Diese Art der Angst verkrüppelt uns und hält uns möglicherweise davon ab, Dinge zu tun, die nutzbringend wären. Das Wichtigste in Bezug auf derlei ungesunde Emotionen ist, sie zu bemerken, bevor sie außer Kontrolle geraten. Schließlich wenden wir Disziplin an, um Gegenmittel anzuwenden. Wenn die Emotionen wirklich bedrohlich werden, ist das Gegenmittel der Wahl möglicherweise eine Art von Atemübung. Bei Angst wird immer das Tara-Mantra empfohlen.

Wenn es sich bei der Emotion um Hass, Rache, Vergeltung und so weiter handelt, ist es gut über die Nachteile dieser Emotionen nachzudenken. Blockieren Sie die negativen Emotionen nicht einfach, sondern ersetzen Sie sie durch etwas Positives. Im Buddhismus werden störende Emotionen und Geisteshaltungen mit dem Begriff (tib.) „ nyon-mongs“ (Skt. klesha; leidvolle Emotionen, Leidenschaften) abgedeckt, während Glück und Traurigkeit durch einen anderen Begriff (tib. tshor-ba Skt. vedana) abgedeckt werden, der mit „Gefühl“ oder „ Empfindung“ (engl. feeling) übersetzt wird. Im Westen gebrauchen wir einen Begriff, der beide Bedeutungen abdeckt, sowohl Emotionen als auch Gefühle und Empfindungen – das erzeugt einige Verwirrung.

Widmung

Wir haben eine positive Handlung ausgeführt. Durch das Hören und Lernen über ethische Selbstdisziplin ist etwas positive Kraft entstanden. Wir wollen daraus keine Samsara-erschaffende positive Handlung machen, sondern eine, die Erleuchtung hervorbringt, also eine Erleuchtungs-bildende Handlung. Also widmen wir unser Handeln dem Ziel der Erleuchtung.

Möge all das, was wir gelernt haben, als Ursache dazu dienen, ein Buddha zu werden und anderen so umfassend wie möglich zu helfen. Möge das Verständnis tiefer und tiefer gehen und sich mit all dem verbinden, was wir bereits gelernt haben und sich auch mit unseren anderen konstruktiven Handlungen verbinden, so dass wir den ganzen Weg bis hin zur Erleuchtung dazu in der Lage sind, mehr und mehr ethische Selbstdisziplin zu entwickeln und von zunehmenden Nutzen für andere sein werden. Möge jedes Wesen in den Weiten des Universums in der Lage sein, ethische Selbstdisziplin zu entwickeln, insbesondere in unserer gegenwärtig schwierigen Zeiten.

Vielen Dank.