Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Unterweisung zur Überwindung der Selbstbezogenheit

Geshe Ngawang Dhargyey
Dharamsala, Indien, 1973
aus dem Tibetischen ins Englische übersetzt von Sharpa Tulku
übertragen und leicht editiert von Alexander Berzin
weiter editiert von Annette Andrews
Übersetzung ins Deutsche: Susanne Schmieder
Lektorat: Monika Dräger

Du stellst deine eigenen Regeln, Gesetze und deine eigene Verfassung auf. Wenn andere deine Gesetze brechen, dann fängst und bestrafst sie. Aber wenn du selbst sie brichst, dann lässt du dich damit davon kommen. Geshe Sharamawa sagte: „Solange du deine eigenen Schwächen und dein Selbst nicht als den Feind ansiehst, solange wirst du für Hilfe nicht empfänglich sein.“ Wenn du das Gefühl hast, dass deine Gefühle das Wichtigste sind, wird dich niemand erreichen können. Auch sehr fähige Lamas können niemandem helfen, der von seinem Selbst besessen ist, weil die Unterweisungen der Lamas und die selbstbezogene Einstellung aufeinanderprallen. Um von Gurus auf deinem Weg begleitet zu werden, musst du zuerst den Fehler deiner selbstbezogenen Einstellung erkennen. Durch die Selbstbezogenheit findest du gute Gründe, negative Dinge zu tun, und deshalb musst du die Gründe für deine Handlungen gut abwägen. Nicht nur die Gurus werden nicht fähig sein, dir zu helfen, nein, auch deine Freunde werden dir nicht helfen können, weil du nicht offen für ihren Rat bist.

Wir alle müssen zugeben, dass wir den Fehler der Selbstbezogenheit haben – nur Buddha hat ihn nicht. Wir sollten diesen Fehler in uns selbst erkennen und versuchen ihn zu eliminieren. Wenn wir wenigstens erkennen, dass wir eine selbstbezogene Einstellung haben, ist das ein großartiger Fortschritt. Wenn du kritisiert wirst, dann sollte dir klar sein, dass du das selbst durch deine Selbstbezogenheit verursacht hast. Wenn du das nicht erkennst, wirst du ärgerlich werden. Wenn dich ein Dorn sticht und du wütend wirst und auf ihn einschlägst, wer wird dann den Kürzeren ziehen? Wenn wir mit etwas Kritik und Unannehmlichkeit nicht umgehen können, wie können wir dann das Leiden einer niederen Wiedergeburt ertragen?

Geshe Chenngawa sagte, dass wir Geduld entwickeln müssen, die wie ein Ziel ist. Wenn wir Kritik erhalten, dann haben wir das Gefühl, dass wir zur Zielscheibe geworden sind. Aber wenn es keine Zielscheibe gegeben hätte, wären auch keine Pfeile abgeschossen worden. Es gibt ein Sprichwort: „Du steckst deinen Kopf in die Schlinge.” Wenn du kritisiert wirst, wenn du nichts falsch gemacht hast, dann ist es deshalb, weil du in vorangegangenen Leben andere herabgesetzt hast. Ein Beispiel: Es gab einmal einen Schüler des Buddha, der ein Arhat war, der sich selbst von störenden Gefühlen und Einstellungen durch die drei Gruppen von Gelübden befreit hatte. Dann sagten einige Leute, dass dieser Arhat seine Gelübde gebrochen hätte und sie legten falsches Zeugnis über ihn ab. Der Buddha war aufgebracht und sagte, dass es unmöglich sei, dass ein Arhat seine Gelübde breche. Darüberhinaus sagte Buddha, dass er jemanden, der einen hoch verwirklichten Schüler bezichtige, seine Gelübde gebrochen zu haben, nicht länger als Buddhisten betrachte und ihn stattdessen als Bedrohung für den Buddhismus sähe. Andere fragten, weshalb der Arhat kritisiert wurde. Buddha erklärte, das sei deshalb so, weil der Arhat in einem vorangegangenen Leben getratscht und verleumdet hatte und damit verursacht hatte, dass ein König seine Königin verbannt hatte. Das sei jetzt die Folge davon.

Kritisieren, verleumden und beschuldigen sind sehr destruktive Verhaltensweisen, weil sie nicht nur der eigenen Praxis nicht helfen, sondern auch weil sie andere verletzen und Verwirrung verursachen. Man sagt, dass nur zwei erleuchtete Wesen einander beurteilen können. Wir sammeln negatives Karma, egal, ob wir wahre oder falsche Dinge kritisieren. Oder, wenn wir einen Bodhisattva kritisieren, weil er etwas Ungewöhnliches getan hat, das aber aus einem guten Grund, dann werden die Ergebnisse ebenfalls negativ sein.

Diejenigen, die die Angewohnheit haben, andere andauernd zu kritisieren, haben eine sehr stark selbstbezogene Einstellung. Einmal, zu Lebzeiten des Buddha, färbte ein Mönch seine Robe und währenddessen verschwand ein Affe. Als der Mönch die Robe aus dem Topf nahm, schien sie sich in Affenfleisch verwandelt zu haben. Die Leute beschuldigten den Mönch, den Affen gestohlen und gekocht zu haben. Der Mönch kam vor Gericht und wurde verurteilt. Einige Zeit später erschien der Affe wieder und es stellte sich heraus, dass der Mönch unschuldig gewesen war. Der Mönch fragte Buddha, weshalb das passiert sei und Buddha antwortete, dass es deshalb passiert sei, weil der Mönch in einem früheren Leben einen anderen Mönch beschuldigt hatte, einen Affen gestohlen zu haben.

Wir sind so damit beschäftigt glücklich zu sein und uns gut zu fühlen und wir arbeiten hart daran, Geld anzuhäufen und machen uns damit zur Zielscheibe von Dieben. Es gibt eine Geschichte über einen Mann, der all seine Münzen in einen Beutel getan und ihn am Dach festgebunden hat, weil er so besorgt war, ihn zu verlieren. Eines Tages fiel dieser Beutel dem Mann auf den Kopf und verletzte ihn. Die Pointe dieser Geschichte ist, dass die Selbstbezogenheit uns vom Glücklichsein sowohl kurzzeitig als auch langfristig abhält. Weil wir auch in früheren Leben eine selbstbezogene Einstellung hatten, können wir sie nicht sofort loswerden, auch wenn wir erkennen, dass sie unser größtes Problem darstellt.

Wir sollten also versuchen, nicht auf Kritik zu reagieren und stattdessen erkennen, dass es sowohl der Fehler der anderen Person ist, als auch unsere selbstbezogene Einstellung. Für die Entwicklung von Geduld ist eine ausreichende Kenntnis der selbstbezogenen Einstellung hilfreich. Wenn man sagt, dass „Feuer heiß ist“, dann ist das normal. Daran ist nichts Außergewöhnliches. Genauso ist es, wenn man von jemandem kritisiert wird und man erkennt, dass diese Kritik ihre Wurzeln sowohl in der eigenen selbstbezogenen Einstellung also auch in der des anderen hat – dann ist das auch normal. Durch ein solches Verständnis wird keine Wut und keinen Wahnsinn erzeugt, denn es wird nicht mehr nötig sein, zu beweisen, dass die andere Person falsch liegt und es allein ihr Verschulden war. Im Text „Filigranschmuck für die Mahayana-Sutras“ heißt es: „Selbstbezogenheit zerstört einen selbst und andere und auch die Moral.“ Alles was wir aus Selbstbezogenheit heraus tun, wird den Weg zu niederen Bereichen oder den Höllenbereichen ebnen. Buddhas und Bodhisattvas verschmähen die Selbstbezogenheit als Hauptgrund, aus dem viele Unannehmlichkeiten entstehen und durch den man in niederen Bereichen ohne Freiheit wiedergeboren wird.

Selbstbezogenheit zerstört all unsere früheren Fortschritte und hält unser Weiterkommen auf. Es sollte als ein Gift erkannt werden, das uns von der Essenz des Lebens trennt. Wir sollten immer versuchen, die Selbstbezogenheit zu überwinden. Was auch immer unsere Praxis ist, sie sollte ausgeführt werden, um die selbstbezogene Einstellung zu beseitigen. Ein Kadampa Geshe sagte: wann immer er einen Text lese, würde er alle beschriebenen negativen Eigenschaften als seine betrachten und die beschriebenen guten Eigenschaften als die der anderen betrachten. So bekämpfe er seine Selbstbezogenheit. Man kann nicht die Eigenschaft des Bodhichitta haben ohne die Selbstbezogenheit zu mindern. Mit Bodhichitta und Mitgefühl wird das Gegenteil von Selbstbezogenheit stärker und [schließlich] übernimmt das Mitgefühl die Führung und lässt einen „Wunsch erfüllender Baum“ in uns wachsen. Wenn unsere Praxis das Mitgefühl ist, dann werden die positiven Effekte des Mitgefühls die unendlichen negativen Effekte der Selbstbezogenheit überwiegen.

Geshe Potowa sagte: „In einer bestimmten Gebiet in Penpo war niemand glücklicher als Geshe Khamlungpa, und an einem anderen Ort galt das gleiche für Geshe Channgawa. Das lag daran, dass beide die Selbstbezogenheit überwunden hatten.“ Geshe Channgawa war so arm, dass er kaum etwas aß, und er hatte nur einen zusammengenähten Lederrock. Aber er fühlte sich reich und sagte: „Nun kann ich das ganze Universum unterstützen.“ Eine selbstbezogene Einstellung wird vom Anhaften an eine wahrhaft begründete Existenz verursacht und es ist das größte Hindernis bei der Entwicklung von Bodhichitta. In einem Text heißt es: „Das Wunsch erfüllende Juwel, ist Mitgefühl für alle fühlenden Wesen zu haben. Da wir das nie erkannt haben, haben wir uns abgelenkt. Statt Groll gegen die Selbstbezogenheit und das Anhaften an das Ego zu hegen, hegen wir Groll gegen fühlende Wesen und betrachten sie als Feinde und sehen unsere wahren Feinde als Freunde an.“ In einem anderen Text heißt es: „Der größte Geist und Dämon ist nicht im Außen, sondern wohnt im verwunschenen Haus unseres Körpers in Form von Selbstbezogenheit.“

Mit Bodhichitta können wir unsere Selbstbezogenheit zerstören. Durch die Selbstbezogenheit können wir durch übelwollende Wesen Schaden nehmen – sie führen uns dazu, uns gegen Kritik und Missbrauch zu wehren und verursachen unmoralisches Verhalten. Mit dem Ziel, unsere eigenen Wünsche zu befriedigen handeln wir aus Selbstbezogenheit heraus und machen es zu unserer hauptsächlichen Sorge und Hauptaufgabe, uns selber zufrieden zu stellen.

Manchmal kann man es nicht vermeiden, andere unglücklich zu machen, aber durch Selbstbezogenheit erniedrigen und verletzen wir andere durch eine aktive Handlung, um uns selber zufrieden zu stellen. Selbstbezogenheit verursacht viel Stolz und Neid. Wenn jemand anderes etwas bekommt, sagst du vielleicht „Glückwunsch“, aber du bist neidisch, weil du es nicht selbst bekommen hast. Wenn es da aber keine selbstbezogene Einstellung gibt, , dann wirst du statt neidisch zu sein viel positives Potenzial ansammeln, indem du dich über den Gewinn des anderen freust. Der Grund für Zwietracht im Leben ist die Selbstbezogenheit. Wenn du sehr selbstbezogen bist, dann bist du oft in einer Verteidigungshaltung, stößt mit anderen zusammen, hast wenig Geduld und hast das Gefühl, dass alles, was andere tun, dir auf die Nerven geht und du wirst ärgerlich. Zwischen Eheleuten gibt es oft Zwist, und auch zwischen Eltern und ihren Kindern, genau wegen dieser Verteidigungshaltung.

Ein anderer Kadam Geshe war bis zum vierzigsten Lebensjahr ein Dieb. Obwohl er viel Grundbesitz zum Bewirtschaften hatte wurde er ein Räuber. Während des Tages raubte er Passanten aus, in der Nacht brach er in Häuser ein. Eines Tages veränderte er sein Verhalten, wurde spirituell und zerstörte seine Selbstbezogenheit. Er sagte: „Vorher konnte ich nichts zu essen finden, und jetzt bekomme ich so viel Essen angeboten, dass es meinen Mund nicht finden kann.“

Bei der Entwicklung von Bodhichitta ist es hilfreich, über all diese Dinge nachzudenken. Sich selbst in eine Höhle einzuschließen, während die Selbstbezogenheit die Größe von Berg Meru hat, wird sich als nutzlos erweisen. Wenn man aber seine Selbstbezogenheit vermindert, kann es sehr nützlich sein, in Einsamkeit zu verweilen.