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Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Unbeständigkeit als Mittel, um gesunde Beziehungen aufzubauen

Alexander Berzin
Freiburg, Germany, March 15, 2002
Übersetzung ins Deutsche: Susanne Schmieder

Einleitung

Der Titel dieses Vortrages, so wie er angekündigt wurde, deutet darauf hin, dass die Kenntnis bzw. ein Verständnis von Unbeständigkeit ein hilfreiches Mittel sein kann, um mit dem Leben zurechtzukommen – insbesondere auch, wenn es um die Schwierigkeiten geht, die mit dem Aufbau gesunder Beziehungen zu anderen Menschen zu tun haben. Der Buddhismus hat zu diesem Thema einiges zu bieten. Um uns diesem Thema anzunähern, müssen wir untersuchen, wie Phänomene im Buddhismus analysiert werden. Das kann natürlich auf höchst theoretische Art erfolgen – was allerdings äußerst langweilig wäre – oder man diskutiert das Thema auf eine Art, die auf das alltägliche Leben Bezug nimmt, z. B. auf die Probleme, die wir vielleicht haben und sehen, wie sich das Thema darauf anwenden lässt.

Die buddhistische Analyse von Phänomenen: Was existiert?

Was existiert? Der Buddhismus definiert existierende Phänomene als etwas, das gültig erkannt werden kann. Das ist ein sehr wichtiger Punkt, denn es bedeutet, wenn etwas existiert, kann es korrekt erkannt werden – wir können es entweder direkt oder indirekt erfahren oder durch korrekte Logik erschließen. Und alles, was nicht gültig erkannt werden kann existiert nicht. Was hat das mit uns hier zu tun?

Lassen Sie uns als Beispiel eine enge persönliche Beziehung nehmen, eine Partnerschaft, da diese für die meisten von uns oft problematisch ist. Ein Beispiel für etwas Nichtexistierendes ist der „ Traumprinz (oder die Traumprinzessin) [1], der (oder die) auf dem weißen Ross kommt“. Natürlich, wir können die Worte zusammenfügen und daraus einen Satz bilden. Wir können einen Zeichentrickfilm daraus machen und ein Märchen darüber schreiben. Aber in Wirklichkeit gibt es diesen Traumprinzen nicht, da wir niemals einen treffen können. Wir können ihn nie gültig kennen. Anders herum betrachtet: es hat ja bisher noch niemand einen solchen Traumprinzen getroffen und niemand wir jemals einen solchen treffen, da es nichts dergleichen gibt.

Weshalb ist das so? Der „Traumprinz“ vereint eine Reihe von unmöglichen Projektionen und Erwartungen, die man auf eine andere Person projiziert. Wenn wir von einem Partner erwarten, dass er dieser „Traumprinz“ sein soll, ist das aussichtslos. Wir projizieren auf diese Person, dass sie unser „Traumprinz“ sein soll und sind dann furchtbar enttäuscht, wenn er nicht an diese Erwartungen herankommen. Dann schauen wir uns nach einer anderen Person um, die dieser „Traumprinz“ sein möge.

Manche Sachen gibt es einfach nicht. Sie können niemals gültig erkannt werden, und dieses Beispiel gehört dazu. Wenn noch nie jemand dem „Traumprinzen“ begegnet ist, und es ist von vorne herein schon unlogisch, dass so eine Person existiert, dann können wir daraus schließen, dass wir so eine Person auch nie treffen werden. Das ist eine nüchterne Tatsache, aber eine, die wir akzeptieren müssen.

Bestätigungen und Negierungen

Alles, was existiert, kann auch gültig erkannt werden. Es kann als Bestätigung oder als Negierung erfahren werden. Wir wissen zum Beispiel, dass hier auf dem Tisch ein Kassettenrekorder steht. Hier steht einer. Das wäre eine Bestätigung. Wir wissen auch, dass hier im Raum kein Hund ist. Wir erkennen die Abwesenheit einer Sache und wissen, dass dieses Etwas nicht hier ist. Das ist eine Negierung. Die Abwesenheit eines Hundes in diesem Raum ist gültig erkennbar. Die Abwesenheit von Dingen ist etwas, das existiert.

Ähnlich können wir z. B. wissen, dass wir eine Beziehung mit einer Person haben, z. B. unserem Partner. Das ist eine Bestätigung. Wir können uns auch bewusst sein, dass diese Person nicht der „ Traumprinz“ ist. Die Abwesenheit der Rolle des „Traumprinzen“ existiert ebenso. Das ist eine Negierung. Dieses Beispiel zeigt, wie wir das verstehen können. Wir wissen, was die Person ist, und was sie nicht ist – und beides ist wahr. Beides existiert. Beides kann gültig erkannt werden.

Damit eine Beziehung gesund sein kann müssen wir beide Seiten erkennen, nämlich was diese Beziehung ist und was sie nicht ist. Ein Hund könnte hier sein, weil Hunde existieren. Aber unser Partner als „Traumprinz“ könnte niemals hier sein, weil es einen solchen nicht gibt. Wenn wir verstanden haben, dass unser Partner nie der perfekte „Traumprinz“ sein kann, der all unsere Wünsche erfüllt und uns das endgültige, ewig dauernde Lebensglück beschert – und wenn wir wissen, dass diese Person auch ein menschliches Wesen ist, das schnarcht und andere Macken hat, dann haben wir die Grundlage für eine gesunde, realistische Beziehung.

Der Unterschied zwischen statischen und nichtstatischen Phänomenen

Innerhalb des Bereiches der Dinge, die existieren, können wir zwischen statischen und nichtstatischen Dingen unterscheiden. Diese Begriffe werden üblicherweise mit „beständig“ und „ unbeständig“ übersetzt. So wie sie in unserer Sprache verwendet werden, verweisen diese Worte jedoch darauf, wie lange etwas existiert. Hier geht es jedoch nicht darum, wie lange etwas existiert, sondern ob sich eine Sache ändert, während sie existiert, unabhängig davon wie lange das ist. In diesem Sinne sind statische Phänomene „beständig“ und nichtstatische Phänomene sind „unbeständig“.

Statische Tatsachen

Statische Dinge – also beständige Phänomene – beinhalten Tatsachen über etwas. Eine Tatsache ändert sich nicht. Eine Tatsache bleibt eine Tatsache. Sie wird sich nicht ändern. Sie wird immer wahr bleiben. Das im Buddhismus am meisten diskutierte und wohl tiefgründigste Beispiel dafür ist das der „Leerheit“.

„Leerheit“ ist ein sehr verwirrender Begriff. In seinem Zusammenhang gibt es viele Missverständnisse. im Wesentlichen ist mit „Leerheit“ die Abwesenheit einer unrealistischen Art und Weise der Existenz gemeint. In unserem Beispiel wäre das die Abwesenheit des „Traumprinzen“.

An dieser Stelle müssen wir eine Unterscheidung vornehmen, um Missverständnisse zu vermeiden. Die Tatsache, dass heute in diesem Raum um 21.00 Uhr kein Hund ist, ist eine statische Tatsache, die sich nicht ändern wird. Selbst wenn morgen ein Hund in diesen Raum käme, würde es die Tatsache, dass heute um 21.00 Uhr kein Hund da ist, nicht verändern. Also: Der Umstand, dass sich ein Hund in diesem Raum aufhält, könnte wahr sein; aber es ist eine statische, also beständige Tatsache, dass es jetzt nicht wahr ist. Diese Tatsache kann sich niemals ändern.

Wenn wir allerdings über die Abwesenheit einer unmöglichen Sache sprechen, dann ist nicht nur die Tatsache jetzt richtig, dass sie abwesend ist, sondern ihr Vorhandensein entsprach nie der Realität und könnte auch nie Realität werden. Die Abwesenheit eines Hundes in diesem Raum und die Abwesenheit eines „Traumprinzen“ in diesem Raum sind also statische Phänomene, die sich nicht ändern können. Sie stellen allerdings zwei ganz unterschiedliche Arten von statischen Tatsachen dar. Das erste ist die Abwesenheit von Etwas, das grundsätzlich möglich ist, während das andere die Abwesenheit von etwas Unmöglichem ist.

Darüber hinaus müssen wir noch eine andere Unterscheidung treffen. Die Tatsache, dass der Hund keine Katze ist, ist nicht nur jetzt nicht zutreffend. Er war nie zutreffend und wird es auch nie werden. Es ist auch nicht zutreffend, dass dieser Hund zu einer Katze wird, wenn er mit jemand anderem zusammen ist, auch wenn er bei uns keine Katze ist. Das wäre absurd! Nun, ein anderes Tier (als der Hund) könnte eine Katze sein, weil Katzen nun einmal existieren. Verglichen mit dem „ Traumprinzen“ ist das nicht das gleiche. Und zwar deshalb, weil so ein „Traumprinz“ nicht existiert, niemand kann jemals so etwas sein – weder jetzt, noch in der Vergangenheit oder Zukunft, weder für uns noch für jemand anderen.

Es ist ja auch nicht so, dass jemand für den früheren Partner der „Traumprinz“ war und für uns jetzt nicht. Oder dass es jemand anderes gäbe, der dieser „Traumprinz“ sein könnte. Es ist auch nicht so, dass mit uns etwas nicht stimmt und wenn wir das änderten, dann würde derjenige oder jemand anderes unser „Traumprinz“ werden können. Das wird niemals passieren. Aber so denken wir, nicht wahr? Es kann niemals passieren, weder in der Vergangenheit, der Gegenwart noch in der Zukunft, dass jemand zum „Traumprinzen“ wird. Das ist eine statische Tatsache, in Bezug auf etwas, das es überhaupt nicht gibt.

Wenn wir diese Dinge verstanden haben, dann können wir das vermeiden, was ich – um eine Idee aus der Grammatik zu entlehnen „Leben in einer Konjunktiv-Welt“ nenne „Was wäre, wenn sie dies und jenes getan hätten? Was wäre, wenn sie länger gelebt hätten? Was wäre, wenn sie nicht krank geworden wären? Was wäre, wenn wir geheiratet hätten?“ Dieses „was wäre wenn“ erzeugt die irreale „ Konjunktiv-Welt“.

Eine allgemeine Einbildung ist Folgendes: wenn der Partner z. B. länger gelebt hätte, dann hätten wir es hinbekommen. Wenn wir geheiratet hätten, wenn sich die Dinge nur ein wenig anders entwickelt hätten, dann hätte es vielleicht geklappt. Dann wäre er vielleicht der „Traumprinz“ gewesen. Weil es aber vollkommen unmöglich für eine Person ist, dieser „Traumprinz“ zu sein und dies auch nicht geändert werden kann, gibt es auch nichts, was wir oder die andere Person hätten tun können um das zu ändern. Dieses ganze Märchen ist unmöglich; so ist die Realität.

Tatsachen sind neutral, weder gut noch schlecht. Dass jemand kein „Traumprinz“ ist, ist nur eine neutrale Tatsache. Und weil das so ist, gibt es auch nichts, worüber man sich aufregen müsste. Ob wir diesen Umstand mögen oder nicht, ist eine andere Sache. Es ist jedoch etwas, das wir akzeptieren müssen. So ist es einfach. Es ist nichts Gutes oder Schlechtes daran.

Also: Tatsachen an sich können nichts bewirken, sie können keine Wirkung erzeugen. Allerdings kann das Wissen um eine Tatsache und ihre Akzeptanz etwas bewirken. Es kann uns beispielsweise helfen, Frust und Probleme in einer Beziehung zu vermeiden. Dagegen führen Verwirrung und Leugnung von Tatsachen eher dazu, dass wir uns Probleme schaffen. Ob wir eine Tatsache akzeptieren oder leugnen hat eine Wirkung auf uns. Die Tatsachen sind einfach Tatsachen. Es gibt keinen Grund sich darüber aufzuregen.

Diese metaphysisch-philosophischen Kategorien und ihre Beschreibung schrecken uns vielleicht eher ab, wenn wir sie nur theoretisch untersuchen. Aber wenn wir sie wirklich auf unser eigenes Leben anwenden, dann ist einfach zu erkennen, wovon sie handeln. Dann sind sie sehr hilfreich, um zu verstehen was im Leben passiert und wie man damit umgehen kann. Diese Thematik muss keine graue Theorie sein, die keinen Bezug zu unserem Leben hat – in Wahrheit ist das Gegenteil der Fall.

Nichtstatische Phänomene

Nichtstatische Phänomene sind Dinge, die aus Ursachen und Bedingungen entstehen oder von ihnen unterstützt werden. Sie verändern sich von Moment zu Moment und erzeugen Wirkungen. Es gibt vier verschiedene Arten von nichtstatischen Phänomenen und es kann sehr hilfreich sein, wenn man sie kennt und versteht:

  • Solche, die einen Anfang und ein Ende haben
  • Solche, die keinen Anfang und kein Ende haben
  • Solche, die keinen Anfang aber ein Ende haben
  • Solche, die einen Anfang, aber kein Ende haben.

Was bedeutet das? Sehen wir uns von jedem einige Beispiele an. Da diese Unterscheidungen sehr hilfreich für den Umgang mit Beziehungen sind, betrachten wir sie vor diesem Hintergrund.

Ein Beispiel für etwas, das einen Anfang und ein Ende hat, ist eine Beziehung zu jemandem. Auch die jugendliche Schönheit von jemanden oder ein Ärgernis haben einen Anfang und ein Ende.

Ein Beispiel für etwas, das keinen Anfang und kein Ende hat und sich von Augenblick zu Augenblick verändert ist das geistige Kontinuum eines Individuums. Stark vereinfacht betrachtet können wir sagen, dass Wiedergeburt keinen Anfang und kein Ende hat, wenn sie auf Verwirrung basiert.

Ein Beispiel für etwas, das keinen Anfang, aber ein Ende hat, ist Unwissenheit oder Verwirrung, die unser geistiges Kontinuum begleitet. Unser anfangsloses geistiges Kontinuum war immer von Unwissenheit und Verwirrung begleitet. Diese Verwirrung endet jedoch, wenn wir befreit und erleuchtet sind.

Ein Beispiel für etwas, das einen Anfang, aber kein Ende hat ist die Funktion unseres geistigen Kontinuums als allwissender Geist eines Buddhas. Ein einfacheres Beispiel wäre der Tod einer Person. Er hat einen Beginn und wird für immer dauern, und er hat Folgen.

Sehen wir uns zuerst die Dinge an, die einen Anfang und ein Ende haben, wie etwa Beziehungen. Und dabei lassen Sie uns nicht nur an Liebesbeziehungen, Ehen oder familiäre Bindungen denken, sondern an weitere Bereiche von Beziehungen, wie z.B. die zu Freunden, Klassenkameraden oder Arbeitskollegen. All diese Arten von Beziehungen unterliegen einer groben und subtilen Unbeständigkeit, welche zwei verschiedene Dinge sind. Wenn wir uns im Buddhismus mit Unbeständigkeit befassen, dann arbeiten wir normalerweise mit diesen beiden Aspekten. Doch diese sind nur ein kleiner Ausschnitt aus der Diskussion der Unbeständigkeit. Ich möchte hier eine umfangreichere Darstellung geben.

Grobe Unbeständigkeit

Grobe Unbeständigkeit zeigt sich im endgültigen Vergehen einer Sache. Eine Freundschaft mit einer Person zum Beispiel wird mit Sicherheit einmal ein Ende haben. Einer von uns beiden könnte umziehen oder die Arbeitsstelle verlieren; wir könnten die Schule beenden oder unsere Interessen sich verändern; und schlussendlich wird einer vor dem anderen sterben, oder andere Lebensumstände werden zu einer Trennung führen. Das ist eine Tatsache.

Um zu der Definition eines unbeständigen Phänomens zurückzukehren: eine Beziehung ist etwas, das durch Ursachen und Bedingungen entsteht und aufrechterhalten wird. Das bedeutet, dass sie nur so lange hält, wie die Ursachen und Bedingungen, die es bedingen, zusammentreffen und fortbestehen. Die Ursachen und Bedingungen kommen zusammen, aber sie waren nicht immer zusammen, und deshalb werden sie nicht immer zusammen bleiben.

Es gibt so viele Ursachen und Bedingungen die eine Beziehung erhalten – zwei Menschen mit ähnlichen Interessen, die in derselben Stadt wohnen, im gleichen Büro arbeiten und so weiter. Wenn es ausreichend andauernde Ursachen und Bedingungen gibt, dann wird die Beziehung andauern.

Weil sich aber diese Bedingungen und Umstände ständig verändern und sehr zerbrechlich sind, wird es irgendwann nichts mehr geben, das die Beziehung weiter unterstützt und sie wird zu Ende gehen. Das ist sehr tiefgründig, wenn wir darüber nachdenken. Wenn die Beziehung zweier Menschen beispielsweise nur auf körperlicher oder sexueller Anziehung basiert und sich die Umstände ändern, weil beide älter werden, wird die Beziehung enden, nicht wahr?

Was bedeutet das? Da sich die unterstützenden Bedingungen sich im Laufe der Zeit verändern, bedeutet das: Wenn wir möchten, dass eine Beziehung fortdauert, dann können wir uns nicht einfach auf die Bedingungen verlassen, die diese Beziehung eingeleitet haben, wie zum Beispiel, dass wir damals attraktiver, jünger und stärker waren oder auf die selbe Schule gegangen sind oder zusammen gearbeitet haben. Das gibt uns eine Vorstellung davon, wie man eine Beziehung wachsen lässt. Wir müssen fortfahren, immer weitere Bedingungen zu finden, die uns zusammenhalten und unsere Beziehung unterstützen, denn ansonsten werden unsere Interessen und unsere Wege auseinander gehen.

Wir haben eine unterschiedliche Vergangenheit, Erziehung, verschiedene Kulturen, etc. und deshalb ist es nur natürlich, dass die entsprechenden Bedingungen nur kurz aufeinander treffen und uns erlauben, etwas zu teilen. Weil aber zwischen uns so viele Unterschiede bestehen, werden wir schließlich in unterschiedliche Richtungen gehen. Wir können eine Beziehung, die nur auf Erinnerungen basiert, nicht lange aufrechterhalten. Wenn wir nun an einer Beziehung festhalten, als ob sie ewig dauern würde, werden uns unsere Anhaftung und unsere Verwirrung großen Schmerz bereiten, wenn die Beziehung zwangsläufig endet. Wenn wir aber die Tatsache der groben Unbeständigkeit akzeptieren – dass die Beziehung entstand, als bestimmte Bedingungen zusammentrafen und dass sie unweigerlich enden wird, wenn diese Bedingungen enden – dann können wir die Beziehung genießen, so lange sie dauert, ohne uns selbst mit der Vorstellung zu täuschen, dass sie ewig dauern wird.

Dies ist nicht nur für Beziehungen zu Arbeitskollegen, Freunden und Liebhabern von Bedeutung, sondern genauso zu Ehepartnern und sogar zu unseren Kindern. Es ist hilfreich einzusehen, dass unsere Kinder irgendwann das Nest verlassen werden. Sie sind immer nur eine gewisse Zeit bei uns. Wir können die Schönheit dieser Zeit genießen, aber es ist wichtig, nicht daran zu hängen, weil es nicht für immer andauern kann.

Das Problem der Veränderung

Das führt uns zu einem anderen Thema, dem Problem der Veränderung, oft auch „das Leiden der Veränderung“ genannt. Unsere gewöhnliche, allgemeine Erfahrung von Glück ist problematisch. Was ist das Problem? Das Problem ist, dass Glück nie andauert. Wir fühlen uns dadurch zwar für eine kleine Weile besser, aber es heilt nicht alles. Das gemeinste daran ist, dass es keine Sicherheit oder Verlässlichkeit bietet. Wir können uns in einem Moment sehr glücklich fühlen, aber es gibt keine Garantie, dass wir uns nicht fünf Minuten später schrecklich fühlen. Wir wissen nie, was als nächstes passiert. Dieser Punkt ist wichtig in Bezug auf die in jedem Augenblick stattfindenden Veränderungen in Beziehungen.

Wenn wir eine Beziehung eingehen, dann müssen wir nicht nur akzeptieren, dass sie irgendwann einmal zu Ende gehen wird; wir müssen auch eine realistische Einstellung gegenüber dem Glück haben, das wir in der Beziehung erfahren. Auch dieses wird enden, und wir werden zweifellos traurig sein, wenn wir uns wieder trennen. Wenn wir eine Beziehung eingehen, dann möchten wir natürlich all das Glück auskosten, das sich aus dem Zusammensein ergibt. Aber wir werden auch Trauer empfinden müssen, wenn es endet. Haben wir den Willen, den Mut aufzubringen um dies zu akzeptieren und zu erfahren? Ist es das wert? Dies ist keine paranoide Projektion sondern eine Realität: Wenn die Beziehung endet – aus welchen Gründen auch immer – wird es traurig sein. Um diese Tatsache zu akzeptieren müssen wir mutig genug sein, ohne dabei naiv zu sein.

Darüber hinaus wird das Glück, das wir in der Beziehung erfahren, nicht durchgängig bestehen bleiben, solange die Beziehung dauert. Es wird schwanken. Wir werden schöne Zeiten zusammen erleben und wir werden schwierige Zeiten haben. Es wird sich von Moment zu Moment verändern. Das ist das Wesen des Lebens. Im Buddhismus sagen wir, dass dies das Wesen von Samsara ist: es geht auf und ab. Sind wir willens, das zu akzeptieren?

Darüber hinaus kann es nicht der Schlüssel zum Glück sein, den „richtigen“ Partner zu finden, der all unsere Probleme löst. Den „richtigen“ Partner zu haben, lässt z. B. unsere Probleme in der Arbeit nicht verschwinden, auch wenn wir uns vielleicht zeitweilig ein bisschen besser fühlen wenn wir nach Hause kommen. Aber das wird nicht jeden Tag passieren, nicht wahr? Oft haben wir die romantische Ansicht, dass alles gut werden wird, wenn wir nur den „richtigen Partner“ finden. Diese Denkweise geht in die „Traumprinz“-Richtung.

Haben wir den Mut, die Tatsache anzuerkennen, dass – auch wenn wir uns jetzt glücklich fühlen – wir keine Ahnung davon haben, wie wir uns oder unser Partner sich in fünf Minuten fühlen werden? Alles läuft gut und plötzlich verändert sich bei einem die Stimmung und er regt sich auf. Niemand ist der „Traumprinz“, der immer gute Laune hat. Wir selber können total glücklich sein in Gegenwart von jemandem, den wir lieben und im nächsten Moment plötzlich niedergeschlagen sein. Es ist wichtig zu verstehen, dass dies nicht die Schuld der anderen Person ist, sonder einfach das Wesen dessen, was wir „weltliche Gefühle“ nennen. Sie gehen auf und ab aus zahllosen vielschichtigen Gründen. Natürlich suchen wir uns die Partner aus und manche mögen umgänglicher sein als andere. Der springende Punkt ist, dass sie nie perfekt sein werden.

Das sind Faktoren, die – wenn wir uns ihrer bewusst sind und bereit sind, sie zu akzeptieren – zu reichhaltigen Ressourcen werden. Erinnern Sie sich an die grobe Unbeständigkeit: jede Beziehung wird irgendwann zu Ende sein.

Subtile Unbeständigkeit

Die subtile Unbeständigkeit ist mehr als bloß die Tatsache, dass etwas Nichtstatisches sich von Augenblick zu Augenblick verändert. Es ist mehr als nur die Tatsache, dass jeder Moment eine nichtstatische Sache ihrem Ende näher bringt – wie eine Zeitbombe. Obwohl dies zwei Aspekte der subtilen Unbeständigkeit sind, hat die subtile Unbeständigkeit noch einen dritten Aspekt, nämlich dass das endgültige Auflösen einer Beziehung ihre Ursache in ihrem Beginn, in ihrem Entstehen hat. Der Grund für ihr Enden ist ihr Anfang.

Werfen wir einen Blick auf diese drei Aspekte. Erstens: eine Beziehung verändert sich in jedem Moment. Das ist sehr wichtig zu erkennen. Es ist wie ein Film. Die gestrige Filmszene ist vorbei. Man muss der Person die Möglichkeit geben, in der heutigen Filmszene dabei zu sein. Die heutige Szene ist eine Fortsetzung der Vergangenheit. Wir behaupten nicht, dass vergangene Szenen keinen Einfluss auf die heutige Szene haben; aber es ist wichtig, sich an die sich ständig verändernden Gegebenheiten und Situationen in einer Beziehung anzupassen, mit ihnen zu fließen. Ein Beispiel: manche Menschen brauchen von Zeit zu Zeit Abstand. Sie brauchen einen etwas Raum für sich. Wir werden nicht immer zusammen sein wollen. Es gibt Zeiten, in denen jeder für sich oder mit den eigenen Freunden zusammen sein möchte, und so weiter. Wir müssen damit im Fluss sein, sonst gibt es eine Katastrophe.

Zweitens: Mit jedem Moment nähert sich die Beziehung ihren Ende. Das bedeutet, dass wir die Beziehung nicht für selbstverständlich halten. Wir müssen das Beste aus der gemeinsamen Zeit machen, da diese Zeit sehr wertvoll und begrenzt ist. Die Zeitbombe tickt. Das bedeutet nicht, dass wir uns dem Untergang geweiht und deprimiert fühlen müssen, aber realistisch betrachtet muss man sagen, dass die gemeinsame Zeit kurz ist. Irgendwann wird sie zu Ende sein. Wir sollten wirklich versuchen, das Beste daraus zu machen – allerdings ohne übermäßig angestrengt zu sein. Wenn wir das Gefühl haben, dass wir jeden einzelnen Moment tief und bedeutungsvoll gestalten müssen, werden wir die Beziehung damit kaputt machen. Im Zen gibt es einen sehr schönen Koan: „Der Tod kann jeden Moment kommen – entspann dich!“

Der dritte und letzte Aspekt der subtilen Unbeständigkeit ist einer der tiefgründigsten Punkte: die Ursache für das Ende einer Sache ist deren Anfang. Die Ursache dafür, dass wir aufhören, mit jemanden zusammenzuleben, liegt darin begründet, dass wir irgendwann begonnen haben zusammen zu leben. Wenn wir mit ihr oder ihm nicht begonnen hätten, zusammen zu leben, dann könnten wir auch nicht aufhören, mit ihr oder ihm zu leben.

Was bedeutet das? Ein Streit mit jemanden, oder sogar ihr oder sein Tod sind lediglich die Umstände, die zum Ende der Beziehung führen; aber sie sind nicht die tiefgründigste Ursache. Der eigentliche Grund für das Ende der Beziehung ist, dass wir sie eingegangen sind. Irgendetwas wird der Katalysator für das Ende sein, aber das ist nur die Rahmenbedingung.

Wenn wir diese Tatsache erkennen und akzeptieren, dann können wir das Wachsen einer Beziehung genießen und nicht die Schuld für ihr Ende auf bloße Umstände schieben. Wenn es nicht diese Umstände gewesen wären, wären es andere gewesen. Und wenn wir eine Beziehung eingehen, werden wir uns auch nicht fragen müssen, was passieren wird. Wenn wir eine Beziehung eingehen, wird es in ihr auf und ab gehen, während sich die Beziehung immer weiter auf ihr Ende zu bewegt, und schließlich endet. Wenn wir uns über diese Tatsachen realistisch im Klaren sind, dann können wir eine Beziehung voll erleben ohne etwas zu erwarten, was niemals sein kann.

Sich in einer Beziehung dem Unbekannten nähern

Wie nähern wir uns dem Unbekannten? Da ist eine Person. Gehen wir mit ihr eine Beziehung ein ihr oder nicht? Das ist die große Unbekannte.

Im Allgemeinen fühlen wir uns mit Unbekanntem nicht wohl. Wir möchten alles unter Kontrolle haben, dass alles in Ordnung ist. In einer Beziehung ist es aber nicht möglich, alles unter Kontrolle zu haben. Wir könnten Horoskope zurate ziehen, um herauszufinden was passieren wird. Das ist das eine Extrem: zu versuchen, die Kontrolle zu behalten, indem man versucht, im Voraus herauszufinden, was passieren wird, sodass man vorbereitet ist. Das andere Extrem ist, spontan zu sein und einfach ins kalte Wasser zu springen. Der Mittelweg würde darin bestehen, ein paar Informationen zu bekommen und dann zu springen. Eine Beziehung ist ein Abenteuer. Sie ist etwas, das wir erkunden müssen.

Auch wenn Informationen über die andere Person und uns selbst hilfreich sind – egal ob aus einem Horoskop, direkter Beobachtung, Introspektion oder etwas anderem, so bleiben doch die genauen Details, was in der Beziehung passieren wird, mit Sicherheit im Voraus unbekannt. Informationen über die grundlegenden Tatsachen des Lebens allerdings – was real ist, was absolut nicht existiert und so weiter – erlauben uns, uns diesem Unbekannten, dem Abenteuer auf realistische Weise zu nähern. Sie ermöglichen uns, mit dem, was sich ergibt wesentlich angemessener umzugehen. Lassen Sie uns einige spezifische Punkte, die uns weiterhelfen werden, genauer betrachten:

Bitte erinnern Sie sich: als Beispiel für ein nichtstatisches Phänomen ohne Anfang und ohne Ende erwähnte ich das geistige Kontinuum, die Kontinuität unserer Erfahrung von Augenblick zu Augenblick. Von der buddhistischen Perspektive aus betrachtet spricht man von vergangenen und zukünftigen Leben, aber lassen Sie uns unsere Diskussion hier auf das gegenwärtige Leben beschränken. Eine Beziehung wird zu einer bestimmten Zeit in unserem Leben beginnen und zu einer bestimmten Zeit in unserem Leben enden, aber die allgemeine Kontinuität unsers geistigen Kontinuums – mit anderen Worten: die allgemeine Kontinuität unserer Erfahrung des Lebens – wird ohne Unterbrechung fortdauern, von dem Augenblick, in dem wir geboren werden bis zu dem Moment, in dem wir sterben. Das Leben geht weiter. Es bedeutet nicht das Ende der Welt, wenn eine Beziehung endet und es ist nicht so, dass wir nicht existiert hätten, bevor wir die andere Person getroffen haben.

Weshalb ist das so? Was ist der Unterschied zwischen einer Beziehung und unserer Kontinuität während unseres Lebens? Beides verändert sich von Augenblick zu Augenblick und beides wird von vielen Dingen beeinflusst. Aber es gibt einen großen Unterschied. Lassen Sie uns diesen untersuchen:

Mit jemandem zusammen zu leben hat einen Anfang. Warum? Weil die Ursachen und Bedingungen für das Entstehen nicht von Natur aus zusammen sind. Sie kommen in einem bestimmten Moment zusammen. Wenn sie alle zusammentreffen, ist das der Beginn unseres Zusammenlebens. Und weil die Bedingungen, die unsere Beziehung unterstützen, nicht natürlicherweise zusammen waren, werden sie unweigerlich irgendwann auseinander fallen – wie Blätter, die der Wind verweht. Das sind sehr tiefgründige Punkte, über die man in Bezug auf Beziehungen nachdenken kann.

Mit der Kontinuität unseres individuellen, subjektiven Erlebens von Etwas ist es aber ganz anders. Natürlich beginnt unser Erleben von etwas Speziellem, wie ein besonderes Ereignis in einer Beziehung neu, wenn das Ereignis stattfindet. Aber unsere Erfahrung von Etwas im Allgemeinen wird nicht in jedem Moment neu kreiert. Ein natürliches Charakteristikum des Lebens ist, dass wir immer irgendetwas erleben. Es ist nicht so, dass neue Umstände zusammentreffen müssen, um eine Ursache für unsere Fähigkeit zur Wahrnehmung von Etwas zu sein. Darüber hinaus nutzt sich unsere Wahrnehmung von Etwas nicht mit der Zeit ab, verschwindet oder nähert sich dem Ende. Unsere Wahrnehmung von Etwas geht einfach weiter. Der Inhalt von dem, was wir wahrnehmen, ändert sich, aber die Wahrnehmung an sich geht weiter und weiter.

Wenn wir wissen, dass wir diese fundamentale Basis haben, fortlaufend etwas zu erfahren, dann überschätzen wir die Wichtigkeit einer Beziehung nicht und brauchen uns vor dem Unbekannten nicht zu fürchten. Weil wir wissen, dass das Leben weitergeht, wenn die Beziehung endet und wir fortfahren werden, weitere Erfahrungen zu machen.

Darüber hinaus ist die Beziehung nicht das einzige was sich in der Zeit, in der die Beziehung andauert, in unserem Leben ereignet. Wie haben auch noch viele andere Beziehungen, und das wird auch so bleiben, sogar nachdem diese Beziehung endet. Wir dürfen das nicht vergessen und uns auf die Bedeutung einer bestimmten Beziehung fixieren und das Gefühl haben, dass nichts mehr übrig bleibt, wenn diese Beziehung endet. Und weil wir nicht das Gefühl haben, dass wir ohne diese Beziehung nichts mehr haben, brauchen wir sie auch nicht mit einer anderen Beziehung ersetzen, wenn sie endet.

Es ist ebenfalls wichtig zu begreifen, dass auch dann, wenn wir mit jemand anderes eine Beziehung eingehen, diese Beziehung sich von der, die zu Ende gegangen ist, unterscheiden wird. Wenn schon die Beziehung zu einer Person sich von einem Moment zum anderen verändert, dann wird der Unterschied zwischen der Beziehung zu einer Peron und einer anderen noch größer sein. Wir müssen extrem vorsichtig sein, damit wir nicht die Erwartung haben, dass der neue Freund oder Partner sich genauso verhalten wird wie der vorherige es getan hat.

Ein Beispiel für ein nichtstatisches Phänomen, das keinen Beginn aber ein Ende hat – im Gegensatz zu der allgemeinen Art und Weise, wie wir Dinge/Etwas erfahren – wäre z.B. unsere Verwirrung, beispielsweise die Verwirrung über Beziehungen. Verwirrung geht immer weiter, aber sie ist etwas, das der groben Unbeständigkeit unterworfen ist. Sie kann enden, wenn wir sie durch ein korrektes Verständnis der Realität ersetzen. Aber es wird nicht auf natürliche Weise von alleine aufhören, wie es die Beziehung tut. Wenn wir die Verwirrung nicht durch ein korrektes Verständnis ersetzten, wird die Verwirrung bestehen bleiben.

Auf der anderen Seite ist das korrekte Verstehen ein Beispiel für ein nichtstatisches Phänomen mit einem Beginn, aber keinem Ende. Grundsätzlich kann man sagen, der Geist ist wie ein Spiegel, der alles reflektieren und alles verstehen kann. Wenn der Spiegel mit Schmutz überzogen ist, kann er nicht reflektieren. Der Spiegel beginnt zu funktionieren, wenn der Schmutz entfernt wird, aber nicht erst das Entfernen des Schmutzes ermöglicht dem Spiegel zu reflektieren. Der Spiegel war schon die ganze Zeit über in der Lage zu reflektieren. Er war lediglich zugedeckt, verschleiert.

Auf ähnliche Weise wird nicht [erst] durch das Abbauen der Verwirrung die Fähigkeit unseres Geistes erzeugt, korrekt zu verstehen. Unser Geist ist völlig in der Lage, die Realität von Beziehungen zu verstehen. Wenn unsere Verwirrung erst einmal abgebaut ist, dann werden wir ganz selbstverständlich in der Lage sein, die Realität zu sehen. Obwohl diese Beseitigung der Verwirrung einen Anfang hat, wird sie sich für immer fortsetzen. Darüber hinaus ist es so, dass das korrekte Verstehen von der Realität unterstützt wird und deshalb kann es auch für immer weitergehen, im Gegensatz zur Verwirrung, die auf Unwirklichkeit basiert. Korrektes Verstehen verhält sich nicht wie eine Beziehung, die neu geschaffen wird und irgendwann auseinander brechen muss.

Wenn wir all diese Tatsachen und Möglichkeiten kennen, dann haben wir in Bezug auf das so genannte „Unbekannte“ nichts zu befürchten, wenn wir eine Beziehung mit jemandem eingehen.

Zusammenfassung

Kurz gesagt ist es wichtig zu wissen, was eine Beziehung ist und was sie nicht ist, und was sie niemals sein kann. Es ist wichtig, die feststehenden Tatsachen, die hier beteiligt sind, zu kennen, wie z. B. dass diese Person nie der Traumprinz sein wird. Es ist auch wichtig, alle Fakten über die Unbeständigkeit einer Beziehung zu kennen:

  • Weil die Beziehung einen Anfang hat, muss sie auch ein Ende haben.
  • Sie wird sich von Augenblick zu Augenblick ändern.
  • In der Beziehung wird es auf und ab gehen.
  • Sie wird kein letztendliches Glück bringen.
  • Wir wissen nie, was als nächstes passiert.
  • Die Beziehung nähert sich mit jedem Moment ihrem Ende.
  • Der Umstand für ihr Ende ist lediglich ein Umstand; die wirkliche Ursache für ihr Ende ist, dass sie begonnen hat.
  • Diese Beziehung ist nicht die einzige Beziehung, die wir in unserem Leben haben.
  • Unser Erfahren des Lebens wird weitergehen – unabhängig vom Ende dieser Beziehung.
  • Unsere Verwirrung bezüglich Beziehungen hat keinen Anfang, aber sie kann zu einem Ende kommen. Das wird jedoch nicht automatisch passieren. Wir müssen etwas dafür tun.
  • Die Fähigkeit für ein korrekten Verstehens ist grundsätzlich vorhanden. Wenn wir also die Verwirrung beiseitigen, wird die korrekte Wahrnehmung, die auf der Realität basiert, für den Rest des Lebens weitergehen.

Dies sind einige praktische Punkte, die von der sehr anspruchsvollen buddhistischen Analyse der Phänomene – exisiterend, nichtexistierend, statisch, nichtstatisch – abgeleitet werden können.

Fragen

Frage: Warum muss jede Beziehung notwendigerweise enden? Gibt es keine Beziehungen die ewig dauern? Wir treffen z. B. jemanden und haben das Gefühl, dass wir ihn aus einem früheren Leben kennen. Während man zusammen wächst, zusammen alt wird und so weiter haben wir das Gefühl, dass – auch wenn der eine vor dem anderen stirbt – die Beziehung in zukünftigen Leben mit all den Veränderungen weitergehen wird.

Antwort: Da ist etwas Wahres dran. Ich hatte unsere Diskussion auf das jetzige Leben begrenzt. Aber wenn man einmal die Tür zu vergangenen und zukünftigen Leben öffnet, ist es ein wenig anders. Es gibt sicherlich Beziehungen, die von einem Leben zum nächsten weitergehen, wenn auch auf leicht veränderte Weise in dem jeweiligen Leben. Aus der buddhistischen Perspektive, und auch aus meiner Erfahrung ist das sicher so. Das heißt jedoch nicht, dass eine Beziehung mit jemandem ewig dauern wird.

Wenn es ein Leben ohne Anfang, jedoch mit einer begrenzten Anzahl von Wesen gibt, dann folgt daraus, dass wir mit jedem einmal zu tun hatten. Es ist jedoch sehr unwahrscheinlich, dass wir mit einer speziellen Person für ewig eine besondere Beziehung hatten und mit sonst niemandem. Es muss eine Zeit gegeben haben, zu der wir uns das erste Mal getroffen und diese besondere Beziehung aufgebaut haben.

Ungeachtet dessen bringt uns das zurück zu dem Punkt, dass die Beziehung mit jemandem nur so lange dauert, wie auch die unterstützenden Umstände und Bedingungen vorhanden sind. Deshalb, wie wir uns nicht darauf verlassen können, dass die Bedingungen, die uns in diesem Leben zusammengeführt haben, für den Rest unserer Leben andauern, und so, wie wir weitere Bedingungen für die Beziehung schaffen und in ihr wachsen müssen, damit sie fortbesteht – genauso verhält es sich mit Beziehungen, die mehrere Leben umspannen.

Mein Lehrer, Serkong Rinpoche, war einer der Lehrer seiner Heiligkeit des Dalai Lamas. Er starb 1983 und wurde 1984 wiedergeboren. Ich hatte in seinem vorherigen Leben eine sehr enge Beziehung zu ihm und ich habe auch eine enge Beziehung zu ihm in seiner jetzigen Lebensspanne. Aber es sind unterschiedliche Beziehungen, und sie basieren auf unterschiedlichen Umständen und Bedingungen. Wenn ich mich nur darauf verlassen hätte: „Nun, in deinem letzten Leben hast du dies und jenes so und so getan.“, dann hätte er kein Interesse daran gehabt, die Beziehung fortzusetzen.

Das ist eine schreckliche Sache, die man Tulkus, inkarnierten Lamas, antun kann, wenn man sich ihnen gegenüber verhält, als wären sie exakt dieselbe Person wie ihre Vorgänger. Nur wenn wir uns ihnen gegenüber so verhalten, wie sie in diesem Leben sind, kann die Beziehung fortbestehen. Das Wesentliche ist, dass wir an einer Beziehung arbeiten müssen. Wir können nicht einfach davon ausgehen, dass eine Beziehung zu einer Person in jedem Leben die gleiche sein wird. Wenn wir das tun, werden die Umstände, die uns zusammengebracht haben auf ganz natürliche Weise vergehen und es werden keine neuen Umstände da sein, um sie zu erhalten.

Das ist ein sehr tiefgründiger Punkt. Wenn wir zum Beispiel ein Déjà-vu-Erlebnis haben wenn wir jemanden treffen: es macht klick und wir spüren, dass wir eine tiefe Beziehung zu der Person haben. In einem vergangenen Leben, kann die Beziehung vielleicht die Form einer Ehe gehabt haben oder wir waren Geliebte. In diesem Leben sind die Umstände, in denen wir uns befinden, dafür nicht förderlich: das falsche Geschlecht, ein größerer Altersunterschied, usw. Wir könnten Überreste einer sexuellen Beziehung mit dieser Person aus einem früheren Leben spüren, die in diesem Leben aber nicht angemessen sind. Wenn wir fortfahren, unsere Beziehung auf diese vergangenen Faktoren aufbauen zu wollen, wird das nicht klappen. Wir müssen die Umstände der Beziehung in diesem Leben verändern.

Frage: Was ist mit Hingabe und Verantwortung anderen Menschen gegenüber?

Antwort: Hingabe und Verantwortung in einer Beziehung ist grundsätzlich eine sehr starke Absicht: „Ich beabsichtige, mit dir den Rest meines Lebens zu verbringen.“ Im Buddhismus gibt es eine Aussage – eine sehr harte Aussage, aber ich glaube, sie hat sehr viel Wahrheitsgehalt: „Du kannst dich nicht auf Wesen verlassen, die im Samsara gefangen sind, die voller Verwirrung sind. Sie werden dich unweigerlich enttäuschen.“ Andere werden uns unweigerlich enttäuschen, nicht weil sie dumm sind, sondern weil alle, wir eingeschlossen, anfangslose Verwirrung haben.

Wenn wir von ganzem Herzen in einer Beziehung sind, möchten wir uns an die andere Person binden. Das ist eine sehr schöne Absicht. Die Realität ist, dass wir eine Menge Verwirrung und Probleme haben, und den anderen geht es genauso. Lassen Sie uns nicht uns selbst mit dem Glauben täuschen, dass wir vollkommen sein werden, weil wir es nicht sind. Wir werden uns gegenseitig unweigerlich enttäuschen, auch wenn wir versuchen, es nicht zu tun. Wir stimmen darin überein, dass wir daran arbeiten und wir versuchen werden, zu verzeihen, wenn sich die andere Person aus der Verwirrung heraus gemein verhält, denn das wird zwangsläufig passieren. Aber wir können nicht garantieren, dass das immer klappen wird und dass unsere Geduld miteinander und unsere Bindung halten werden. Keiner von uns beiden ist ein „Traumprinz“ oder eine „Traumprinzessin“.

Frage: Wie kann man Erfüllung durch eine anderen Person finden?

Antwort: Das ist eine schwierige Sache. Dafür brauchen wir eine große Portion Klarheit darüber, was die Beziehung ist, was sie nicht ist und was sie sein kann und was sie nicht sein kann. Und wir brauchen auch eine realistische Vorstellung davon, was „Erfüllung“ bedeutet.

Frage: Wie viel Sinn macht es – vom buddhistischen Standpunkt aus betrachtet – an einer Beziehung zu arbeiten, zu versuchen sie stabil, dauerhaft usw. zu machen?

Antwort: Das macht sehr viel Sinn. Beziehungen sind nämlich nicht nur die Grundlage, vielerlei positive Eigenschaften zu entwickeln. Sie sind auch das Versuchsgelände, in dem wir sehen, wie weit wir uns schon entwickelt haben. Wir können auch versuchen, der anderen Person zu nutzen und auch für sie diese Grundlage zu bereiten. Es ist also sehr wertvoll.

Der Punkt ist, dass wir unsere Beziehungen nicht aufblähen oder glauben, sie wären die Antwort auf alles und die Verantwortung aufgeben, mit unseren eigenen Problemen fertig zu werden. Wir müssen an uns arbeiten. Aber die Beziehung kann die unterstützende emotionale Basis sein, von der aus man an sich arbeiten kann und, das kann sehr förderlich sein. Eine Beziehung kann aber auch eine Behinderung sein, wenn man sich in ihr feindlich gesinnt ist oder sie aus starker Anhaftung besteht. Manchmal müssen wir alleine sein, um an uns arbeiten zu können.

Einen Punkt in Bezug darauf muss ich erläutern. Ich bin immer skeptisch und glaube nicht, dass es etwas bringt, wenn man eine Beziehung eingeht und sagt: „Ich bin total fertig und habe eine Menge emotionaler Probleme, und du bist auch am Ende und hast viele Probleme. Aber zusammen schaffen wir das.“ Das wird unweigerlich misslingen. Wenn man wirklich Probleme hat, dann muss man mit professioneller Hilfe selbst daran arbeiten, sogar wenn man emotionale Unterstützung hat, weil man mit jemandem zusammen ist. Man sollte nicht so naiv sein zu denken, dass man die Probleme zusammen in der Beziehung löst. Meist „regieren“ dann nur die neurotischen Muster.

Frage: Gibt es im Rahmen der Spiegel-Methapher, die in den klassischen buddhistischen Texten benutzt wird, einen Zeitpunkt, an dem der erste Schmutz auf den Spiegel trifft? Wie ist er dahin gekommen? Kann der Schmutz wiederkommen?

Antwort: Das führt in eine sehr komplexe Analyse. Grundsätzlich sagt der Buddhismus, dass es keinen Anfang gibt. Es ist nicht so, dass es einen ursprünglichen Fall aus dem Paradies gegeben hätte oder etwas Vergleichbares. Der Schmutz ist eine Metapher für unsere Verwirrung. Einer der Gründe, weshalb unser Geist mit anfangloser Verwirrung überzogen ist, ist der, dass der Geist in jedem Leben mit begrenzten Körpern verbunden war. Wegen des begrenzten Körpers wurde auch der Geist begrenzt.

Wenn wir beispielsweise die Augen schließen, macht es den Eindruck, als ob im Außen nichts existieren würde; und wir können auch nur sehen, was vor unseren Augen passiert, wir können die Auswirkungen unseres Verhaltens nicht sehen usw. Diese physischen Grenzen machen es verwirrend. Teil des gesamten Systems, in dem wir so einen Körper haben ist es, [solche] Grenzen zu haben – und das hat keinen Anfang. Die Situation stellt sich jedoch ganz anders dar, wenn man auf die Natur des Geistes selbst zu sprechen kommt.

Wir können nicht gleichzeitig wissen und nicht wissen, wie Dinge existieren – das schließt sich gegenseitig aus. Auch richtiges und falsches Verstehen schließen sich gegenseitig aus. Entweder wir wissen etwas oder nicht. Das eine kann das andere ersetzen. Also, welches ist stärker? Verwirrung und falsches Verstehen lösen sich auf, je mehr wir [diese Zusammenhänge] untersuchen. Sie halten uns nicht von der Untersuchung ab. Korrektes Verstehen gewinnt an Einfluss je mehr wir – von welchem Standpunkt auch immer – untersuchen. Wenn wir das Momentum der Verwirrung weit genug eingerissen haben und dauerhaft im korrekten Verstehen sind, hat das inkorrekte Verstehen keine Kraft mehr um zurückzukommen. Es würde eine Bedingung brauchen um zurückzukommen, aber es gibt keine Bedingungen mehr dafür.

Shantideva, ein buddhistischer Meister aus Indien sagte so schön: „Die Verwirrung kann sich nicht verstecken.“ Wenn sie verschwunden ist, ist es nicht wie mit einem Feind, der sich in einer Ecke des Geistes verstecken und später wieder herauskommen könnte. Es ist, wie wenn man in einem Zimmer das Licht anschaltet: die Dunkelheit versteckt sich auch nicht unter dem Bett und wartet dort, bis sie zurückkommen kann.

Frage: Dann müssen wir also hoffen, dass die Verwirrung verschwindet, wenn wir die Realität sehen?

Antwort: Ja, aber es ist ein schrittweiser Prozess. Der erste Wimpernschlag entfernt die ganze Verwirrung nicht auf einmal. Wir müssen in der Lage sein, die Realität nichtkonzeptionell wahrzunehmen und diese Wahrnehmung dauerhaft beibehalten. Das benötigt viel Übung. Es hängt sehr viel von der Art und Stärke der Motivation ab, die die Wahrnehmung antreibt und aufrechterhält, vom Niveau des wahrnehmenden Geistes, und so weiter. Jetzt wird die Diskussion sehr komplex.

 


[1] Dr. Alex Berzin hatte hier und im Folgenden immer „ Prince or Princess Charming“ (also „Traumprinz oder Traumprinzessin“) geschrieben. Um den Satzbau auf Deutsch zu vereinfachen haben wir Folgenden „Traumprinzessin“ in der Regel weggelassen.