Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Glauben Sie an Wiedergeburt?

Alexander Berzin
Singapur, 10. August 1988

Überarbeiteter Auszug aus:
Berzin, Alexander and Chodron, Thubten. Glimpse of Reality.
Singapur: Amitabha Buddhist Centre, 1999.

Deutsch: Nailu Sari

Frage : Glauben Sie an die Wiedergeburt?

Antwort : Ja, aber ich habe lange gebraucht, um diesen Punkt zu erreichen. Der Glaube an die Wiedergeburt kommt nicht sofort. Einige Menschen haben einen kulturellen Hintergrund, der den Glauben an Wiedergeburt schon beinhaltet. Das ist in vielen asiatischen Ländern der Fall. Da die Menschen dort seit ihrer Kindheit von der Wiedergeburt gehört haben, kommt der Glaube daran fast automatisch. Für uns, die wir aus westlichen Kulturen stammen, erscheint dies anfänglich merkwürdig. Es ist normalerweise nicht so, dass uns plötzlich der Glaube an die Wiedergeburt mit aller Macht überkommt, mit Regenbogen und einer Hintergrundmusik, während wir jauchzen: „ Hallelujah! Jetzt glaube ich!“ Normalerweise verläuft es anders.

Die meisten Menschen brauchen lange Zeit, um sich an die Vorstellung der Wiedergeburt zu gewöhnen. Der Prozess, durch den ich mich von ihrer Existenz überzeugen ließ, hat mehrere Stadien durchlaufen. Zuerst musste ich mich der Vorstellung öffnen, in dem Sinne, dass ich dachte: „Ich verstehe nicht wirklich, was mit Wiedergeburt gemeint ist. Es ist sehr wichtig anzuerkennen, dass wir etwas nicht verstehen. Manchmal kann es nämlich vorkommen, dass wir die Wiedergeburt ablehnen, während wir in Wirklichkeit eine Vorstellung von Wiedergeburt ablehnen, die auch der Buddhismus ablehnen würde. Jemand könnte denken: „Ich glaube nicht an Wiedergeburt, da ich nicht denke, dass es eine Seele mit Flügeln gibt, die den Körper verlässt und in einen anderen Körper fliegt.“ Die Buddhisten stimmen damit überein: „Auch wir glauben nicht an eine Seele mit Flügeln.“

Um entscheiden zu können, ob ich an die Wiedergeburt glauben wollte, musste ich erst das buddhistische Konzept der Wiedergeburt verstehen  und dieses Konzept ist nicht einfach. Es ist sehr ausgefeilt, wie Sie an dem erkennen können, was ich vorher über das subtilste Bewusstsein und die subtilste Energie und über die Instinkte, die sie begleiten, gesagt habe.

Dann dachte ich, ich könnte der Wiedergeburt eine Chance geben: „OK, nehmen wir provisorisch an, es gäbe die Wiedergeburt. Was für Folgen hat es, wenn wir unsere Existenz so betrachten?“ Wir können alle Bodhisattva-Übungen aufbauen, wir können alle als unsere ehemaligen Mütter ansehen und können uns so mit allen anderen verbunden fühlen.

Die Wiedergeburt könnte auch erklären, warum die Dinge in meinem Leben so verlaufen sind, wie sie verlaufen sind. Warum fühlte sich jemand mit meinem Hintergrund stark davon angezogen, die chinesische Sprache zu lernen? Warum wurde ich davon angezogen, nach Indien zu gehen und bei den Tibetern zu studieren? Wenn man die Interessen meiner Familie und des Umfeldes, in dem ich aufgewachsen bin, berücksichtigt, machte es wenig Sinn, dass ich an diesen Dingen interessiert war. Als ich sie aber in Bezug auf Wiedergeburt betrachtete, gab es eine Erklärung: ich musste in anderen Leben eine Verbindung mit Indien, China und Tibet gehabt haben, und dadurch entstand mein Interesse für diese Gebiete, Sprachen und Kulturen. Die Vorstellung von Wiedergeburt begann, zahlreiche Fragen zu beantworten, für die ich auf anderen Wegen keine Antworten bekam. Wenn es keine vergangenen Leben und kein Karma geben würde, ergäben auch Dinge, die mir in diesem Leben geschahen, keinen Sinn. Auch meine immer wiederkehrende Träume konnten durch Wiedergeburt erklärt werden. So begann ich allmählich, mich an die Vorstellung von Wiedergeburt zu gewöhnen.

Während der letzten 19 Jahre habe ich in Indien studiert und hatte das große Glück und die Gelegenheit, mit einigen der sehr alten Meistern zu studieren, als sie noch am Leben waren. Viele von ihnen sind inzwischen gestorben und wiedergekehrt   jetzt habe ich sie als kleine Kinder wiedergetroffen. Ich bin ihnen in zwei ihrer Leben begegnet.

Ab einen bestimmten Punkt auf dem buddhistischen Pfad kann man die eigene Wiedergeburt kontrollieren. Man braucht dazu kein Buddha zu sein, noch nicht einmal ein befreites Wesen, ein Arhat. Doch man muss ein Bodhisattva sein. Man muss auch bis zu einem bestimmten Stadium der tantrischen Praxis fortgeschritten sein und eine sehr starke Entschlossenheit haben, in einer Form wiedergeboren zu werden, in der man allen helfen kann. Mit bestimmten Visualisierungen und Methoden kann man den Tod, den Zwischenzustand und die Wiedergeburt verwandeln. Wenn man diese Ebene beherrscht, kann man die eigenen Wiedergeburten kontrollieren. Unter den Tibetern gibt es etwa 1000 Menschen, die diese Ebene erreicht haben; wenn sie sterben, werden sie wiedergefunden. Im tibetischen System werden sie Tulkus genannt. Ein Tulku ist ein reinkarnierter Lama, jemand, der mit dem Titel Rinpoche angesprochen wird. Dieser Titel wird allerdings nicht nur für Tulkus bzw. reinkarnierte Lamas benutzt. Mit demselben Titel bezeichnet man auch den Abt oder den ehemaligen Abt eines Kloster. Daher ist nicht jeder, der Rinpoche genannt wird, ein reinkarnierter Lama.

Ich sollte auch erwähnen, dass das Wort Lama in den verschiedenen tibetischen Traditionen unterschiedlich benutzt wird. In einigen bezeichnet man einen sehr hohen spirituellen Lehrer als Lama – etwa einen Geshe , d.h. jemanden, der das Äquivalent eines Doktortitels in buddhistischen Studien hat, oder einen reinkarnierten Lama. In anderen Traditionen wird als Lama eine Person bezeichnet, die eine Funktion ausübt, die mit der unseres Gemeindepfarrers vergleichbar ist. Eine solche Person hat ein Drei-Jahres-Retreat abgeschlossen und gelernt, verschiedene Rituale durchzuführen. Dieser Mann oder diese Frau geht dann in die Dörfer und führt dort in den Häusern der Dorfbewohner Rituale durch. Der Titel Lama kann somit verschiedene Bedeutungen haben.

Noch einmal: es gibt etwa 1000 erkannte Lamas oder Tulkus. Sie werden durch verschiedene Hinweise identifiziert, die sie selbst geben sowie durch andere Hinweise, wie Aussagen von Orakeln oder bedeutungsvolle Zeichen in der Umwelt. Die Begleiter des früheren Lamas suchen dann nach der neuen Reinkarnation. Sie bringen etwa Ritualobjekte und persönlichen Gegenstände des vorangehenden Lamas und legen ähnliche Gegenstände hinzu. Das Kind wird dazu in der Lage sein, zu erkennen, was ihm in seinem vorangegangenen Leben gehört hat. Seine Höchste Präsenz, der Dalai Lama, konnte zum Beispiel die Menschen erkennen, die kamen, um ihn zu suchen. Er rief sie bei ihren Namen und begann mit ihnen im Lhasa-Dialekt zu sprechen, obwohl das nicht die Sprache der Region ist, in der er geboren wurde. Mit Hilfe solcher Zeichen können die Suchenden das Kind identifizieren.

Es war sehr beeindruckend für mich, meinen Lehrern in ihren nächsten Leben zu begegnen. Das beeindruckendste Beispiel war Ling Rinpoche, der Senior-Tutor Seiner Heiligkeit des Dalai Lamas. Er war auch das Haupt der Gelug-Tradition. Als er starb blieb er fast zwei Wochen lang in der Meditation, obwohl er aufgehört hatte zu atmen und nach allen medizinischen Kriterien als tot angesehen worden wäre. Doch sein subtiles Bewusstsein befand sich weiterhin im Körper: er war mit seinem sehr subtilen Geist in eine sehr tiefe Meditation vertieft. Rund um sein Herz war der Körper weiterhin leicht warm, und er saß in der Meditationsposition, ohne dass sein Körper zu verwesen begann. Nachdem er seine Meditation abschlossen hatte, sank sein Kopf herab und etwas Blut floss aus seinen Nasenlöchern. In diesem Moment hatte sein Bewusstsein seinen Körper verlassen.

In Dharamsala, wo ich lebe, geschehen diese Dinge zwei-, drei- oder viermal im Jahr. Dort ist es nichts Ungewöhnliches, obwohl die Person eine hohe Ebene der spirituellen Praxis erreicht haben muss, um so etwas zu tun. Doch diese Fähigkeit kann erreicht werden.

Ling Rinpoches Reinkarnation wurde erkannt, als er ein Jahr und neun Monate alt war. Normalerweise werden Kinder nicht in einem so jungen Alter identifiziert. Später, wenn sie etwa drei oder vier Jahre alt sind, können sie sprechen und selbst Hinweise geben. Das Kind wurde in sein altes Haus zurückgebracht. Es fand eine sehr große Zeremonie statt, um es willkommen zu heißen. Mehrere tausend Menschen füllten die Straßen, und ich hatte das Glück, einer von ihnen zu sein. Alle trugen besondere Kleidung  und sangen. Es war ein sehr fröhliches Ereignis.

Frage : Wie wurde das Kind identifiziert?

Antwort : Durch Orakel und Medien, und auch dadurch, dass es verschiedene Gegenstände aus seinem frühren Leben erkennen konnte. Außerdem zeigte es mehrere körperliche Charakteristika. Sein Vorgänger hielt zum Beispiel seine Mala (Gebetsperlenkette) immer mit zwei Händen und das Kind tat dies auch. Es erkannte auch die Menschen aus seinem Haushalt.

Doch am meisten überzeugte mich das Verhalten des Kindes während der Zeremonie. Es wurde zum Haus getragen, wo ein Thron an der Eingangstür aufgestellt wurde, vor einer großen Veranda, vor dem Hof, in dem sich etwa zwei- bis dreitausend Menschen versammelt hatten. Die meisten Kinder von weniger als zwei Jahren hätten in einer solchen Situation Angst gehabt. Es hatte keine. Sie setzen es auf den Thron. Normalerweise hätte ein Kind runtergewollt und geweint, wenn es nicht gedurft hätte. Doch dieses Kind saß anderthalb Stunden mit gekreuzten Beinen da, ohne sich zu bewegen, während eine Puja (ein Ritual) für sein langes Leben abgehalten wurde. Es verfolgte mit vollem Interesse den Ablauf der Dinge und störte sich überhaupt nicht an der großen Menschenmenge.

Während eines Teils dieser Zeremonie bringt man dem Lama Gaben dar und bittet ihn, lange zu leben. Es gab eine Reihe von Menschen, von denen jeder eine Gabe hielt: eine Statue Buddhas, einen Schrifttext, ein Stupa -Reliquien-Monument, ein Set Mönchsroben und viele andere Dinge. Der Lama muss hierbei jede Gabe mit zwei Händen empfangen und sie dann an die Person weiterreichen, die zu seiner Linken steht. Das Kind tat dies völlig fehlerlos mit jedem Gegenstand. Es war wirklich bemerkenswert! Wie kann man einem Kind, das ein Jahr und neun Monate alt ist, beibringen, wie man so etwas tut? Es ist unmöglich!

Nach der Zeremonie stellten sich alle in einer langen Schlange auf, um durch Handauflegung von ihm gesegnet werden. Jemand hielt das Kind, und es gab seinen Handsegen, wobei es seine Hand in der korrekten Position hielt. Mit vollkommener Konzentration und ohne das Interesse zu verlieren oder müde zu werden verlieh das Kind zwei- bis dreitausend Menschen einen Handsegen. Danach aß Seine Höchste Präsenz, Seine Heiligkeit der Dalai Lama mit ihm zu Mittag und sie verbrachten etwas Zeit zusammen. Der einzige Moment, in dem das Kind weinte und Umstände machte war, als der Dalai Lama gehen wollte: Es wollte nicht, dass er wegging.

Tatsächlich hatte das Kind bereits begonnen, Handsegen zu verteilen, bevor es als Ling Rinpoche erkannt wurde. Er und sein älterer Bruder lebten beide in einem Waisenhaus, da ihre Mutter kurz nach seiner Geburt gestorben war. Der Vater war sehr arm und musste daher die Kinder ins Waisenhaus geben. Das Kind hatte schon dort angefangen, Menschen durch Handauflegung zu segnen. Sein älterer Bruder, der drei oder vier Jahre alt war, erklärte immer den anderen: „Mein Bruder ist etwas ganz Besonderes. Er ist ein Lama, ein Rinpoche. Tut ihm nichts Schlechtes, behandelt ihn besonders gut.“

Die vorangegangenen Ling Rinpoches waren die Lehrer von drei aufeinanderfolgenden Dalai Lamas gewesen. Ein Ling Rinpoche war der Lehrer des zwölften Dalai Lamas; der nächste Ling Rinpoche war der Lehrer des dreizehnten Dalai Lamas und der nächste der Lehrer des vierzehnten Dalai Lamas. Man erwartet, dass dieser Ling Rinpoche der Lehrer des nächsten Dalai Lamas werden wird.

Solche Beispiele haben mich stark beeindruckt und dazu bewegt, zu glauben, dass zukünftige Leben möglich sind. Ich konnte mich also schrittweise mehr und mehr von der Existenz vergangener und zukünftiger Leben überzeugen, indem ich Überlegungen anstellte, Erzählungen hörte und selbst solche Dinge gesehen habe. Wenn Sie mich jetzt fragen, ob ich an zukünftige Leben glaube, lautet die Antwort deshalb „Ja.“.

Frage : Werden reinkarnierte Lamas nur unter Tibetern gefunden?

Antwort : Nein, etwa sieben von ihnen wurden auch im Westen identifiziert. Einer von ihnen, Lama Ösel, die Reinkarnation von Lama Thubten Yeshe, ist ein spanisches Kind. Die Begegnung mit Lama Ösel hat Menschen, die Lama Yeshe kannten, eine starken Glauben an die Wiedergeburt gegeben.