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Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Vermischung von Ego mit der Dharmapraxis vermeiden

Alexander Berzin
Berlin, Deutschland, September 2004

Überarbeitete Abhschrift

Der Unterschied zwischen einem gesunden Ego und einem ungesunden Ego

Im Buddhismus ist die Rede vom Unterschied zwischen dem konventionellen „Ich“ und dem falschen „ Ich“. Das konventionelle „Ich“ ist das „Ich“, das dem Kontinuum der andauernd sich verändernden Momente der Erfahrung eines jeden Individuums zugeschrieben werden kann. Anders ausgedrückt folgen die Momente unserer individuellen Erfahrung einer auf den nächsten gemäß den Gesetzen von verhaltensbedingter Ursache und Wirkung (Karma). Auf Grundlage des Kontinuums dieser Momente können wir ein „Ich“ zuschreiben. Dieses konventionelle „Ich“ existiert, und es ist im Hinblick auf dieses „Ich“, dass wir sagen können „ich sitze, ich esse, ich meditiere“. Das konventionelle „Ich“ ist jedoch lediglich etwas, das auf unser geistiges Kontinuum zugeschrieben werden kann: Es gibt nichts Auffindbares seitens des konventionellen „Ichs“, das aus eigener Kraft „Ich“ als „Ich“ existieren lässt. Ein „Ich“, das wahrhaft existent ist, als etwas, das von seiner eigenen Seite her auffindbar ist, wodurch es seine Existenz begründet, ist unmöglich. Solch ein wahrhaft existierendes auffindbares „Ich“ existiert überhaupt nicht, das ist das falsche „Ich“, das „Ich“, das es zu widerlegen gilt.

Dagegen spricht man in westlichen Ländern von einem gesunden Ego und einem ungesunden Ego. Ein gesundes Ego ist die Empfindung eines „Ichs“, die auf dem konventionellen „Ich“ beruht, während ein ungesundes Ego die Empfindung eines „Ichs“ ist, die auf dem falschen „Ich“ basiert. Ein ungesundes Ego kann entweder ein übersteigertes oder ein vermindertes Ego sein. Ein übersteigertes Ego beruht auf der Vorstellung von einem wahrhaft existierenden auffindbaren „Ich“, während ein vermindertes Ego entweder auf der Vorstellung beruht, dass selbst das konventionelle „Ich“ nicht existiert, oder auf einer sehr schwach ausgeprägten Empfindung von einem konventionellen „Ich“.

[Siehe: Die Gelug-Kagyü-Tradition der Mahamudra, Teil I, Kapitel 5.]

Für eine gesunde Dharmapraxis benötigen wir ein gesundes Ego, so dass wir Verantwortung übernehmen können für das, was wir im Leben erfahren. Auf der Übernahme dieser Verantwortung basierend würden wir eine sichere Richtung in unserem Leben einschlagen (Zuflucht nehmen), nach Befreiung und/oder Erleuchtung streben und einem auf diese Ziele gerichteten Praxisweg im Vertrauen auf unsere Buddhanatur und auf die Gesetze von karmischer Ursache und Wirkung folgen. Bis wir jedoch befreite Arhats sind, werden wir weiter nach der wahrhaft auffindbaren Existenz eines „Ichs“ greifen. Deshalb wird unsere Dharmapraxis unweigerlich mit einem ungesunden Ego vermischt sein. Wenn wir uns der Arten und Weisen bewusst sind, in denen dies geschieht, können wir versuchen den Schaden zu minimieren, indem wir meditieren und vorläufige Methoden anwenden. Die letztendliche Lösung besteht jedoch darin, die Leerheit des Selbst zu verstehen. 

Probleme, die sich durch ein übersteigertes Ego auf Grund der Identifizierung mit einem wahrhaft existierenden „Ich“ ergeben

Manche Leute beginnen, sich mit dem Dharma zu befassen wegen einer karmischen Ursache, die sie dazu bringt, neugierig und interessiert zu sein, sobald dieses Interesse durch irgendeinen Umstand ausgelöst wird. Aber manche beschäftigen sich wegen unbeständiger Gründe, die auf einem übersteigerten Ego beruhen, mit dem Dharma. Es gibt drei verbreitete Formen dieses Syndroms. Indem wir uns selbst als wahrhaft existierendes auffindbares „Ich“ begreifen, wenden wir uns dem Dharma möglicherweise zu,

  • um von einer gewissen Gruppe von Freunden akzeptiert zu werden, weil Buddhismus im Trend liegt und mehrere Film- und Rockstars Anhänger des Dharmas sind,
  • um ein Wunderheilmittel für ein tief sitzendes emotionales oder physisches Problem zu finden, bei dem keine anderen Lösungen geholfen haben, oder
  • um unser Interesse für das Exotische zu befriedigen.

Im allgemeinen müssen wir, um die Gefahren zu vermeiden, die sich daraus ergeben können, dass wir aus einem dieser Gründe beginnen, uns mit dem Dharma zu befassen, unsere Motivation untersuchen und korrigieren. Aber es gibt speziellere vorläufige Maßnahmen, die wir ergreifen können, um die verbreiteten „Ego-Trips“ zu überwinden, die mit jedem dieser drei Formen übersteigerten Egos einhergehen:

Zur angesagten Clique gehören wollen

Mit einer übersteigerten „Ich“-Empfindung verspüren wir vielleicht aufgeblasenen Stolz darüber, dass wir zur angesagten Clique gehören. Um dies zu überwinden, müssen wir uns daran erfreuen, dass wir den Dharma gefunden haben, anstatt deswegen arrogant zu sein. Wir können über Mitgefühl für andere meditieren, die weiter umherirren. Des weiteren müssen wir realisieren, dass wir im Vergleich zu anderen, die viel weiter auf dem Pfad fortgeschritten sind, bloß Dharma-Säuglinge sind. Also gibt es keinen Grund arrogant zu sein.

Ein Wundermittel finden wollen

Das Verlangen, ein Wundermittel für unser Leiden finden zu wollen, führt oft zu einer übersteigerten Empfindung von der eigenen Wichtigkeit. Wir beschäftigen uns vielleicht so sehr mit uns selbst und unseren Problemen, dass wir versuchen, durch dauerndes Fragen tonangebend zu sein gegenüber dem Lehrer oder der Klasse. Wir wollen dauernd Aufmerksamkeit haben. Um dies zu überwinden, müssen wir über die Gleichheit von uns selbst und anderen nachdenken. Niemand möchte leiden und jeder möchte geheilt sein.

Mit einem übersteigerten „Ich“-Empfinden, könnten wir auch denken, dass wir wie Milarepas seien: Praktizierende, die so reif sind, dass wir sicherlich in nur wenigen Jahren Erleuchtung erlangen werden. Infolgedessen fordern wir besondere Aufmerksamkeit von unseren Lehrern. Um diese Ego-Übersteigerung zu beseitigen, müssen wir Biographien der großen buddhistischen Meister lesen und lernen, wie wirkliche Meditierende tatsächlich sind.

Ebenso könnten wir, wenn wir so mit uns selbst beschäftigt sind, derart verzweifelt sein, dass wir alles tun werden, was uns der Lehrer sagt. Wir haben eine Geisteshaltung von: „Nenne mir die magischen Worte, die ich sagen soll, oder die magische Praxis und ich werde es tun.“ Mit einer solchen Mentalität machen wir vielleicht 100.000 Niederwerfungen oder Wiederholungen des Vajrasattva-Mantras, aber wenn als Resultat keinerlei Wunder geschehen, verfallen wir in eine tiefe Depression. Um das zu überwinden, müssen wir daran denken, dass eine große Vielzahl an Ursachen zusammen kommen muss, um ein Resultat hervorzubringen.

Vielleicht rennen wir auch zu jeder tantrischen Initiation, die gegeben wird, weil wir, dadurch, dass wir mit einem scheinbar wahrhaft existierenden „Ich“ übermäßig befasst sind, bloß ja nichts verpassen wollen. Wir rennen vielleicht auch dermaßen hektisch herum, weil wir von der Gruppe akzeptiert werden wollen oder auf Grund einer Faszination für das Exotische. Aber welcher ungesunde Grund es auch immer sein mag, wir müssen uns daran erinnern, dass eine tantrische Ermächtigung in ein Gottheiten-System nur für jene vorgesehen ist, die tatsächlich diese spezifische Buddhaform praktizieren möchten und Zeit dafür haben. Wir müssen realistisch sein in Hinblick auf die Zeit, die uns für die tägliche Praxis zur Verfügung steht. Derselbe Ratschlag richtet sich an Leute, die zu jedem Lehrer rennen und dann verwirrt werden, oder die vorschnell Gelübde nehmen, ohne zu bedenken, ob sie sie einhalten können oder nicht.

Faszination für das Exotische

Wenn wir der Faszination für das Exotische erliegen, sammeln wir vielleicht so viele Dharmagegenstände, Thangkas, etc. wie wir können und richten dann damit bei uns zu Hause einen Meditationsraum her, als ob es sich um einen Hollywood- oder Disneylandschauplatz handelte. Dann „ geben“ wir eine tägliche Vorführung von Pujas mit Vajra, Glocke, Trommel, Butterlampen und Räucherwerk. Um diese Form von übersteigertem Ego zu überwinden, müssen wir daran denken, dass Essenz und Zweck der Dharmapraxis darin bestehen, den Geist zu transformieren, und nicht darin, eine exotische Vorführung zu veranstalten.

Probleme, die sich auf Grund eines verminderten Egos ergeben

Wir können in den Dharma auch wegen eines verminderten Egos eintreten, das daher rührt, dass wir keine gut begründete Empfindung eines konventionellen „Ichs“ haben. Mit einer schwachen Empfindung von einem „Ich“ werden wir vielleicht von charismatischen Führungspersönlichkeiten zu buddhistischen Sekten hingezogen. Diese Führer versprechen uns, dass:

  • die Übertragungslinie, die sie lehren, und deren Begründer die Besten sind und dass jegliche andere Form von Spiritualität nicht gut ist,
  • sie als der Lehrer der beste sind und alle anderen nicht gut sind,
  • wir stark werden, wenn wir unser eigenes schwaches, falsches Denken aufgeben und ihnen als unserem Lehrer sowie ihrer Interpretation von Dharma, die unfehlbar ist, vollkommen gehorchen, und
  • wenn wir einem starken spirituellen Schützer folgen, dieses übernormale Wesen alle Feinde ihrer Sekte zerschmettern wird, da alle anderen Traditionen und Lehrer der Feind sind.

Solche Lehrer verlangen absolute Treue und verwenden das Element der Furcht vor der Hölle, in die wir fallen werden, wenn wir nicht gehorchen. Schüler, die dazu hingezogen werden, haben für gewöhnlich schwache Egos, kein Selbstvertrauen, werden durch das Versprechen angelockt, dass sie durch die zahlenmäßige Stärke der Gruppe und die Stärke des Lehrers, der Belehrungen, der Linie und des Begründers der Linie, und durch den Schützer an Stärke gewinnen. Die Schüler übernehmen eine Egoidentität der gesamten Gruppe.

Dieses Syndrom führt zu religiösem Fanatismus, der auf Furcht basiert und dem Wunsch, gut und nicht schlecht zu sein, dem Wunsch, dem Lehrer und der Gruppe zu gefallen und von ihnen akzeptiert und geliebt zu werden, sowie einem Gefühl von Schuld, wenn wir nicht perfekt praktizieren. All das beruht auf keinerlei Empfindung oder einer sehr schwachen Empfindung eines individuellen konventionellen „Ichs“ und einem starken Greifen nach einem falschen „Gruppen-Ich“. In gewissem Sinne können wir dieses Syndrom „spirituellen Faschismus“ nennen. Es kann unabhängig davon passieren, ob unser Lehrer ein Scharlatan ist oder nicht oder ob wir in eine Dharma-Sekte verwickelt sind oder nicht. 

Es gibt verschiedene Symptome, die für dieses Syndrom typisch sind. Zum Beispiel sind wir steif und unflexibel in unserer Praxis. Oder wir machen eine zu lange tägliche Praxis, so dass sie zur Last wird und es keine Freude mehr ist. Wir müssen uns in Erinnerung rufen, dass eine der Grundlagen für freudige Ausdauer darin besteht, zu wissen, wann es Zeit ist, sich zu entspannen und eine Pause zu machen und uns dabei nicht schuldig fühlen. Wenn wir es erzwingen, dann bekommen wir nur, was die Tibeter „ lung“ nennen (frustrierte Energie in unserem Körper) und das ist kontraproduktiv. Ein anderes Symptom ist, dass wir intolerant sind gegenüber anderen Arten und Formen von Praxis. Um dem entgegen zu wirken müssen wir anerkennen, dass Buddha mit den geschickten Mitteln viele unterschiedliche Formen gelehrt hat, um unterschiedlichen Menschen zu entsprechen. Wenn wir sie ablehnen und sie schlecht machen, geben wir den Dharma auf.

Mildere Formen des Vermischens von Ego mit dem Dharma

Wir sind vielleicht nicht so schwer gestört wie im Falle eines der zuvor beschriebenen Syndrome, aber viele von uns haben vielleicht dennoch mildere Formen der Vermischung von Ego mit der Dharmapraxis. Zum Beispiel ist unsere Herangehensweise beim „Ansammeln von Verdienst“ vielleicht so, als versuchten wir einen Wettbewerb zu gewinnen, indem wir uns mit anderen Dharma-Praktizierenden messen. Oder wir arbeiten vielleicht daran „Verdienst zu sammeln“, um unseren Weg zu Befreiung und Erleuchtung zu „erkaufen“, oder um für den Winter zu sparen, wie ein Eichhörnchen, das Nüsse sammelt, um uns zu schützen.

Andererseits vermeiden wir es möglicherweise, uns zu sehr auf den Dharma einzulassen, weil wir Angst davor haben, einige unserer gewohnten Verhaltensweisen aufzugeben egal, ob es sich um gesunde oder ungesunde Ego-Gewohnheiten handelt. Infolgedessen haben wir vielleicht Angst davor, jemals Gelübde abzulegen oder Initiationen zu nehmen. In solch einem Fall müssen wir unterscheidendes Gewahrsein entwickeln, um differenzieren zu können, welche unserer Aktivitäten und Interessen gesund und hilfreich sind, und welche ungesund und schädlich.

Ebenso können wir Blockaden haben hinsichtlich der intellektuellen, emotionalen oder hingebungsvollen Herangehensweisen an den Dharma. Dies entsteht, wenn wir uns ausschließlich mit einer oder mehrerer dieser Herangehensweisen identifizieren, oder wir identifizieren uns als jemanden, der in keinster Weise einen oder mehrere davon haben könnte. Um dieses Problem zu überwinden, müssen wir den Nutzen von jeder dieser drei Herangehensweisen erkennen und uns Mühe geben, eine möglichst ausgewogene Dharmapraxis zu kultivieren.

Weitere Probleme können entstehen, weil wir dem Dharma keine genügend hohe Priorität in unserem Leben einräumen. Auf Grund dessen haben wir keine tägliche Praxis oder wir nehmen unsere tägliche Praxis und Verpflichtungen nicht ernst. Wir lassen die Praxis ausfallen, wenn wir uns nicht danach zu Mute ist, und wir lassen den Unterricht ausfallen, weil uns nicht danach ist, hinzugehen, oder zur gleichen Zeit ein Geburtstag ist oder ein guter Film läuft oder ein Konzert stattfindet. Das kann daher kommen, weil wir das Gefühl haben, dass das Praktizieren oder der Besuch des Unterrichts bedeutet, dass wir irgendeinen wesentlichen Teil von „uns selbst“ aufgeben. In diesem Fall müssen wir unterscheiden zwischen dem, was im Leben wichtig ist und was nicht so wichtig ist, und wann wir wirklich nicht meditieren oder zum Unterricht gehen können und wann wir nur aus Faulheit und Anhaftung Ausreden finden. Wir müssen uns über unser kostbares menschliches Leben erneut vergewissern und über Tod und Vergänglichkeit nachdenken.

Wenn wir diese verschiedenen Methoden anwenden, können wir einige der Probleme vermeiden, die sich aus der Vermischung des Egos mit der Dharmapraxis ergeben.