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Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Anleitung zur Meditation

Alexander Berzin
Berlin, Deutschland, 13. Dezember 1999
Übersetzung ins Deutsche: Kati Schifkowski

Erster Schritt: Anweisungen zuhören

Meditation heißt Methode zum Aufbau einer positiven Gewohnheit, und auf diese Bedeutung weist das tibetische Wort für Meditation klar hin: Es ist abgeleitet von einem Verb, das „ sich an etwas gewöhnen“ bedeutet. Um das zu tun, müssen wir vorher bestimmten Anweisungen zuhören, so dass wir in der Lage sind, korrekte Informationen über Meditation zu bekommen. Es geht nicht nur darum, zuzuhören, sondern auf der Basis der gewonnenen Informationen positive Gewohnheiten aufzubauen. Indem wir zuhören, entwickeln wir das, was „unterscheidendes Gewahrsein des Zuhörens“ genannt wird. Manchmal wird es auch „Weisheit“ genannt. Wenn wir das unterscheidende Gewahrsein entwickeln, sind wir in der Lage, bei den Instruktionen zu unterscheiden, was eine korrekte oder nicht korrekte Unterweisung ist in Bezug auf das jeweilige Thema.

Es gibt im tibetischen Buddhismus einen Themenkomplex „Arten der Wahrnehmung“ (tib. blo-rig, Lorig), und er handelt von den vielen verschiedenen Arten, auf welche Weise wir etwas wahrnehmen können. Als Resultat der Fähigkeit zu unterscheiden, was eine korrekte oder nicht korrekte Belehrung ist, sind wir noch nicht in der Lage zu sagen, dass wir die Belehrung auch verstehen. Alles was wir daraus mitnehmen, ist eine Annahme. Es bedeutet: Ich nehme an, dass es korrekt ist, aber ich weiß es nicht. Man ist sich darüber nicht absolut sicher.

Eine Idee, die auf Worten basiert, entwickeln

Wir hören z.B. häufiger den Satz, dass jedes zusammengesetzte Phänomen unbeständig ist. Es handelt sich um ein Phänomen, das aus Ursache und Wirkung entstanden ist. Ein solches Phänomen ist unbeständig. Es bedeutet, dass es sich von Moment zu Moment verändert, bis es an ein Ende gekommen ist. Wenn wir das hören oder lesen, haben wir eine Information, wissen aber nicht wirklich, was damit gemeint ist. Da alle buddhistischen Texte davon sprechen und der Buddha selbst es gesagt hat, nehmen wir an, dass es korrekt ist. Wir denken darüber nach und wägen es ab und das bedeutet, wir versuchen zu verstehen, wovon hier die Rede ist.

Durch Lesen und Zuhören bekommen wir eine Idee davon, was es sein könnte, aber das bedeutet noch nicht, dass diese Idee eine Bedeutung für uns hat. Es heißt nicht, dass wir eine Idee davon haben, was es wirklich ist, sondern eine Idee davon, die wir benutzen können, um darüber nachzudenken. Es handelt sich nur um eine Idee, die auf Worten basiert. Es gibt sehr viele seltsame Übersetzungen des Wortes, das ich hier versuche zu übersetzen, indem ich sage, es handelt sich um eine Idee, die nur auf Worten basiert, die aber keine Bedeutung haben.

Beispiele: Abhängigkeit von Umständen und Ursachen – Unbeständigkeit

Von etwas, was aus Umständen und Ursachen entstanden ist, hängt die gesamte Existenz anderer Dingen ab, z.B. eines Autos: Es ist auch aus sehr vielen verschiedenen Teilen zusammengesetzt, damit es funktioniert, ist es davon abhängig, dass die verschiedenen Teile auch funktionieren. Diese werden älter, sie verändern sich, und daher muss sich das Funktionieren des Autos, das von diesen Teilen abhängig ist, auch ändern. Nach einer gewissen Zeit hört es auf zu funktionieren. Es ist unvermeidlich, dass es irgendwann zusammenbricht, da es aus Teilen gemacht ist, die aus Ursachen und Umständen entstehen.

Ein anderes Beispiel: Eine Beziehung entsteht aus sehr vielen Ursachen und Umständen. Wir haben z.B. jemanden getroffen, mit dem wir einige Interessen gemeinsam haben, der uns gefällt etc. Es gab ganz bestimmt Umstände, die diese Beziehung erst möglich gemacht haben. Und wenn wir an Karma denken oder die Sache unter astrologischen Gesichtspunkten betrachten, bedeutet es, dass diese Beziehung von Natur aus sehr, sehr instabil ist, einfach weil sie auf so verschiedenen Faktoren beruht. Wenn sich diese Umstände und Bedingungen verändern, dann muss sich natürlich auch die Beziehung verändern. Die Person kann z.B. in einer anderen Stadt Arbeit finden und zieht weg. Dazu kommen viele kleinere Gegebenheiten und Anlässe, die eine Beziehung verändern. Eine Beziehung verändert sich notwendigerweise mit den unterschiedlichen Bedingungen, auf denen sie beruht, z.B. dadurch, dass man sich um seine Eltern kümmern mussWeil die Beziehung auf Ursachen und Umständen beruht, wird sie auch notwendigerweise zu einem Ende kommen, weil jemand stirbt oder einfach, weil das Karma vielleicht beendet ist, und wir nicht mehr das Gefühl haben, dass es einen Grund gibt, warum wir noch zusammen sein sollten. Schauen wir uns die subtile Unbeständigkeit an, dann stellen wir fest, dass der Grund dafür, dass die Beziehung endet, darin liegt, dass sie angefangen hat und das ist der Grund dafür, dass sie endet. Die Ursache ist nicht, wie wir es häufig betrachten, dass z.B. der Partner sich in jemand anders verliebt hat. Der eigentliche Grund, aus dem die Beziehung endet, ist, dass sie ein zusammengesetztes Phänomen ist, das auf Ursache und Wirkung beruht. Wenn wir immer wieder darüber nachdenken, werden wir irgendwann dazu kommen, dass wir das endgültig verstehen. Und wir verstehen es auf der Basis von Gründen und in der Art, wie ich es eben erklärt habe.

Am Ende dieses Prozesses haben wir das „unterscheidende Gewahrsein, das auf dem Denken basiert.“ Wir können dann, auf der Basis eines korrekten Verständnisses, unterscheiden, dass verschiedene Dinge unbeständig sind. Das bedeutet also nicht, dass wir nur zwischen einer korrekten und einer inkorrekten Information unterscheiden können, sondern wir können zwischen einem korrekten und einem inkorrekten Verständnis der Sache unterscheiden.

Zweiter Schritt: Entwicklung einer korrekten Idee (Entwicklung einer Idee, die auf einer Bedeutung basiert)

Als Ergebnis des ersten Schrittes haben wir korrekte Informationen und kennen die Begriffe, aber wir haben noch keine klare Idee davon, was sie bedeuten. Am Ende des zweiten Schrittes werden wir eine korrekte Idee davon haben, was die Begriffe bedeuten. Wir gelangen dorthin, indem wir mit Logik tief darüber nachdenken

Jetzt haben wir die zweite Stufe der Idee erreicht; es ist eine Idee, die auf einer Bedeutung basiert. Es handelt sich um eine Idee, die eine korrekte Bedeutung hat. Es heißt natürlich nicht, dass wir diese Idee nicht noch durch ein besseres Verständnis ersetzen können, es ist nicht so, dass wir nur durch Nachdenken ein endgültiges Verständnis der Unbeständigkeit haben, aber es ist schon ein angemessenes Verständnis. Was hier beschrieben wurde, nennt man die abgeleitete gültige Wahrnehmung. Kommen wir z.B. zu dem Ergebnis, dass die Beziehung zu unserem Freund deswegen aufgehört hat, weil sie einmal angefangen hat und weil sie aus Ursachen entstanden ist, die auf Umständen und Gründen beruhen, dann ist es ein korrektes abgeleitetes Verständnis, beruhend auf Gründen und wir haben einen korrekten Schluss daraus gezogen. Wir verstehen, dass sich die Beziehung von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr verändert und dass sie deswegen irgendwann aufhört. Wenn wir darüber nachdenken, dann werden wir auch feststellen, dass für den Fall, dass wir ein inkorrektes Verständnis davon haben, z.B. in der Art, dass wir denken, dass sich unsere Beziehung nie verändert, dass wir immer glücklich sein werden und die Beziehung für immer dauern wird, dies eine verblendete Art ist, die Dinge wahrzunehmen: Je mehr wir an so eine Beständigkeit glauben, umso mehr Probleme werden wir haben, denn wir projizieren alle möglichen Dinge und alle Frustrationen hinein, und Anhaftungen reifen (samsara).

Im zweiten Schritt kommen wir nicht nur zu einem korrekten Verständnis, sondern wir merken auch, dass es sich um etwas handelt, das wir wirklich verdauen müssen, dass wir uns nicht damit begnügen dürfen, es auf einer intellektuellen Ebene zu verstehen, sondern dass wir es tatsächlich in unser Leben integrieren müssen. Das basiert darauf, dass wir uns überlegen, welche Vorteile dieses Verständnis hat und welche Nachteile darin liegen, mit dieser Verwirrung zu leben.

Dritter Schritt: Meditation

Wir kommen dann zum dritten Schritt und das erst ist die Meditation. Meditation bedeutet, diese Wahrnehmung zu verdauen, sie in unser Leben zu integrieren, sie zu einem wirklich tiefen Verständnis zu bringen. Es gibt verschiedene Formen, dies zu tun, eine davon wird „ analytische oder unterscheidende Meditation“, und die andere wird „stabilisierende Meditation“ genannt. Der Prozess der Integration dieser Erkenntnis in unsere Erfahrung besteht in erster Linie darin, diese beiden Formen der Meditation zu verwenden. Es gibt noch eine dritte Form der Meditation, eine Übersichtsmeditation, bei der es darum geht, das, was wir tun, im Lichte des gesamten buddhistischen Pfades zu betrachten, und das tut man von Zeit zu Zeit. Das ist so, wie wenn wir vor dem Essen die Menüfolge anschauen, damit wir uns nicht schon beim ersten Gang voll stopfen, sondern damit wir wissen, wie einzelne Gänge sich in das komplette Menü integrieren.

Analytische Meditation

Wir sollten uns aber erst einmal die analytische und die stabilisierende Meditation anschauen. Besonders die analytische Meditation gibt häufig Anlass zu Missverständnissen, weil viele Leute den zweiten Schritt mit ihr verwechseln, nämlich dass man über Dinge nachdenkt. Es liegt sicher daran, dass die Verwendung des westlichen Wortes „analysieren“ nicht ganz richtig ist in diesem Fall. Bei dem Wort, das im Tibetischen verwendet wird, handelt es sich um einen Geistesfaktor, den man als „ subtile Unterscheidungsfähigkeit“ bezeichnen kann. Deswegen ist „ unterscheidende Meditation“ oder auch „klar erkennende Meditation“ vielleicht eine genauere Übersetzung.

Es gibt in diesem Zusammenhang zwei Geistesfaktoren, und der eine handelt davon, dass wenn wir z.B. ein Thanka-Bild ansehen. Man betrachtet es also im Ganzen und denkt, es ist ja ganz schön, aber vielleicht ist der Kopf der Gottheit etwas zu groß geraten. Auf jeden Fall ist es eine etwas umfassendere Perspektive, unter der wir es betrachten. Man sieht nicht das einzelne Detail, sondern als Bild im Ganzen und findet es schön oder gut usw. Dieser Geistesfaktor wird „ grobes Feststellen“ genannt.

Der zweite Faktor, der hier zum Tragen kommt, Wenn wir von unterscheidender Meditation sprechen, geht es darum, dass wir das Bild im Detail anschauen. Wir nehmen das Bild mit subtiler Unterscheidungsfähigkeit wahr und betrachten die winzigen Details, z.B. den Spitzenbesatz auf einem Rock. Das ist genau der Begriff, der für diese Art der Meditation verwendet wird, und gleichzeitig müssen wir im Kopf behalten, dass wir die Unbeständigkeit verstanden haben. Es geht also nicht darum, dass wir die Unbeständigkeit verstehen (wir haben diese bereits verstanden), sondern wir nehmen möglichst alle Details wahr.

In jeder Meditation brauchen wir ein Objekt, auf das wir uns konzentrieren. Z.B. konzentrieren wir uns auf unsere Beziehung, die wir zu jemand haben, und dazu brauchen wir ein Symbol, indem wir uns z.B. ein geistiges Bild dieser Person vorstellen. Es kann aber auch etwas ganz anderes sein, entweder ein Gefühl oder die Erinnerung an eine schöne Zeit, die wir zusammen verbracht haben. Man braucht etwas, auf das man sich konzentrieren kann, was diese Beziehung repräsentiert. Erinnern wir uns daran, dass wir eine Beweisführung haben: Es handelt sich eben darum, dass jedes Phänomen, das aus Ursachen und Umständen entstanden ist, sich von Moment zu Moment verändert und notwendigerweise zu einem Ende kommen wird. Wenn wir dies in die formale buddhistische Logik übertragen, dann würden wir sagen: Die Beziehung entstand aus Ursachen und Umständen, und alle Phänomene, die aus Ursachen und Umständen bestehen, sind unbestständig. Daher ist diese Beziehung auch unbeständig, sie ändert sich von Moment zu Moment.

Was tun wir nun am Ende einer unterscheidenden Meditation? Wie Tsongkhapa es sehr deutlich erklärt hat, braucht man in jeder Meditation ein Objekt und man gleichzeitig eine bestimmte Art und Weise, dieses Objekt zu verstehen. Wir konzentrieren uns also auf eine Beziehung und versuchen, die einzelnen Punkten zu verstehen und dass sie aus Ursachen und Umständen entstanden ist. Wir sehen uns alle kleinen Details an und worauf sie beruhen. Wenn wir diese Details erkannt haben, vergegenwärtigen wir uns noch einmal diese Beweisführung, dass alle Phänomene, die auf Grund von Ursachen und Umständen entstehen, notwendigerweise zu einem Ende kommen. Wenn wir es noch einmal anwenden, dann stellen wir fest, dass diese Beziehung tatsächlich aus Ursachen und Wirkung entstanden ist, sich verändert und aus diesem Grunde enden wird. Auf dieser Basis versuchen wir also noch einmal genauer unter die Lupe zu nehmen, im Detail, wie sich die Beziehung von Moment zu Moment verändert und wann sie zu Ende sein wird.

Es muss nicht ein verbaler, diskursiver Prozess sein, der sich im Geist abspielt. Man muss nicht verbal alle Punkte durchgehen, dass man sich z.B. vorstellt, dass der Partner heute Morgen nicht so gut drauf war und daraus verschiedene Probleme entstanden sind. Man kann es zwar machen, muss es aber nicht. Der Geist von verschiedenen Menschen funktioniert auch verschieden. Einige denken verbal und andere in Form von Bilder. Man kann es auf die unterschiedlichste Weise machen. Das Entscheidende ist, dass man sieht, dass das Phänomen unbeständig ist, basierend auf einer Beweisführung. Das ist die unterscheidende Meditation, ein sehr aktiver Prozess. Die zwei Dinge, die man in der Meditation wahrnehmen will, sind, dass diese Beziehung aus Ursachen und Umständen entstanden ist, und dass sie enden wird. Man will die Beziehung in dieser Art und Weise sehen und verstehen, will sie erfassen.

Die stabilisierende Meditation

Bei der stabilisierenden Meditation, geht es darum, dass man sich auf diese Wahrnehmung konzentriert, die man gewonnen hat. Es geht im Kern darum, dass man diese Erfahrung emotional einsinken lässt, und es geht nicht darum, dass man eine perfekte Konzentration entwickelt, sondern dass diese emotionale Erfahrung einsinkt. Es ist die Art, wie man auch über das wertvolle Menschenleben meditiert, jede Art der Meditation über Mitgefühl, Leerheit, usw.

[Siehe: Klar erkennende und stabilisierende Meditationen (analytische and formelle Meditationen).]

Fragen und Antworten

Frage: Wo ist eigentlich der Platz für den Zweifel?

Antwort: Der erste Schritt ist, dass man ein Verständnis hat, das auf einer Annahme beruht, und im zweiten Schritt gewinnt man ein korrektes Verständnis, das auf einer Argumentationskette beruht bezüglich dessen, was man vorher angenommen hat (worüber man Zweifel hatte). In dem Moment, da dieser Schritt abgeschlossen ist, geht es nicht mehr darum, dass man zweifelt. Am Ende des dritten Schrittes haben wir dann das unterscheidende Gewahrsein, das aus der Meditation kommt, dass wir tatsächlich auf einer tiefen Grundlage vom Herzen her unterscheiden können, was richtig oder falsch ist. Nicht nur Verständnis, sondern Erfahrung.

Frage: Wir sind auch nur Phänomene und damit voll beladen mit Irrtümern und Fehlern, wie können wir wissen, dass wir etwas wirklich richtig erleben, erfahren können?

Antwort: Die Frage hängt davon ab, was man für eine Herangehensweise an den Buddhismus einnimmt. Wenn man z.B. im Rinzai-Zen an den Buddhismus herangeht, wo es darum geht, im Prinzip permanent die Dinge in Zweifel zu ziehen, und man davon ausgeht, dass man nie zu einem Ergebnis kommen kann, dann ist es richtig, was du sagst, dann kommt man auch nicht zu einem Ergebnis, weil man in dieser Zen-Meditation einen Geist kultivieren möchte, der permanent die Dinge in Frage stellt und nicht an einer festen Sichtweise haftet. Das ist eine bestimmte Herangehensweise.

Aber in der Methode der tibetischen Tradition, die hier verwendet und besonders in der Gelug-Tradition betont wird, versucht man zu sehen, wo man z.B. eine getäuschte Wahrnehmung, Anhaftung usw. hat, und es gibt bestimmte Methoden zu überprüfen, ob etwas gültig oder nicht gültig ist. Es gibt unterschiedliche Ebenen, man kann auf der konventionellen oder endgültigen, tiefsten Ebene sprechen. Konventionell ist z.B. Wasser in diesem Glas und man kann es trinken, es ist korrekt, es ist gültig. Wenn man auf einer tieferen Ebene ansetzt, dann kann man sich fragen, handelt es sich wirklich um Wasser oder ist es nicht die Umgebung für einen Fisch, man kann natürlich alles in Frage stellen. Das hat dann seinen eigenen Zweck, es hat die Auswirkung, seinen Geist offen zu halten und im Kern ein Verständnis von Leerheit zu entwickeln.

Der Punkt, um den es mir hier geht, ist, zu sagen, wenn man sich dazu entschließt, einer Methode zu folgen, sollte man dieser Methode folgen und nicht auch noch anderen Methoden, die ganz andere Zielsetzung haben. Zen und buddhistischen Logik passen nicht besonders gut zusammen. Als in Tibet eine Debatte geführt wurde, zwischen einem indischen Logiker und einem chinesischen Zen-Anhänger, gewann überraschenderweise der indische Logiker. Wir haben auf der logischen Ebene keine Zweifel mehr, aber wo kommen dann die Zweifel her? Sie kommen aus einer emotionalen Ebene, und man muss untersuchen, worin der Zweifel besteht. Im Grunde geht es darum, dass wir einfach die Tatsache nicht mögen, dass unsere Beziehung zu einem Ende kommt, und daher möchten wir es nicht glauben. Aus dem Ego heraus kommen diese Zweifel, weil wir wollen, dass es so wie im Märchen ist.

Über die Stufen der Meditation versuchen wir zu einer nicht-konzeptuellen Wahrnehmung der Nicht-Beständigkeit einer Beziehung zu gelangen. Gemäß den Nicht-Prasangika-Schulen schreiten wir hier einfach voran von einer abgeleiteten Wahrnehmung der Unbeständigkeit zu einer bloßen Wahrnehmung. Bei der abgeleiteten Wahrnehmung durchlaufen wir eine Argumentationskette, um zu beweisen, dass die Beziehung unbeständig ist, und fokussieren am Ende konzeptuell auf die Unbeständigkeit, mittels einer Idee davon, was Unbeständigkeit wirklich heißt und mit einer totalen Gewissheit bezüglich der Gültigkeit dieser abgeleiteten Wahrnehmung. Wir sind sicher, dass die Beziehung unbeständig ist auf der Grundlage des Verständnisses, warum sie unbeständig ist.

Im nächsten Schritt, wenn wir die bloße Wahrnehmung erreicht haben, dann ist unsere Wahrnehmung bloß in dem Sinne, dass sie frei ist von Konzepten oder Ideen. Wir nehmen die Unbeständigkeit der Beziehung nicht durch das Medium einer Idee von Unbeständigkeit wahr in dem Moment, wo wir auf die Unbeständigkeit fokussieren. Wir fokussieren jetzt nicht durch eine Idee auf die Unbeständigkeit. Unsere bloße Wahrnehmung ist nicht-konzeptuell, und das ist das Hauptmerkmal.

Bloße Wahrnehmung kann direkt oder indirekt sein, explizit oder implizit. Direkte bloße Wahrnehmung von etwas nimmt dieses Ding wahr, nicht nur ohne Zuhilfenahme einer Idee, sondern auch ohne dass der Geist sich eine mentale Vorstellung (wie ein mentales Hologramm) davon macht, um es wahrzunehmen. Der Geist benutzt kein mentales Hologramm, um das Objekt darzustellen oder wahrzunehmen. Nur die Vaibhashika-Schule behauptet, dass es eine direkte bloße Wahrnehmung gibt. Alle anderen Schulen sagen, dass bloße Wahrnehmung indirekt ist, das heißt, die Vaibhashika-Schule arbeitet mit einem mentalen Hologramm. Mentale Hologramme sind etwas anderes als Ideen. Wir benutzen mentale Hologramme sogar dann, wenn wir etwas sehen. Ideen benutzen wir nur dann zusammen mit mentalen Hologrammen, wenn wir konzeptuell über etwas nachdenken.

Eine weitere Unterscheidung bezüglich bloßer Wahrnehmung ist die zwischen explizit und implizit. Sie betrifft nur indirekte bloße Wahrnehmung. Explizit bedeutet, dass das Objekt vom Bewusstsein wahrgenommen wird mittels eines mentalen Hologramms, das dieses sich von ihm macht und das diesem erscheint. Implizit heißt: Das Objekt wird wahrgenommen, ohne dass ein mentales Hologramm von ihm tatsächlich erscheint. Wenn wir zum Beispiel explizit sehen, was etwas ist, dann wissen wir gleichzeitig implizit, dass es nichts anderes ist. Wir sehen, dies ist ein Hund (das mentale Hologramm eines Hundes erscheint) und wir wissen gleichzeitig, dass es keine Katze ist (hier erscheint kein mentales Hologramm einer Katze und auch nicht das mentale Hologramm eines leeren Flecks, der etwa die Abwesenheit einer Katze an diesem Ort darstellt).

In der Prasangika-Schule bedeutet das gleiche tibetische Wort, das bei den anderen Schulen bloße Wahrnehmung bedeutet, „einfache Wahrnehmung“. Wie bloße Wahrnehmung geht einfache Wahrnehmung durch ein mentales Hologramm und ist von daher indirekt, und sie hat ebenfalls explizite und implizite Formen. Der Unterschied ist, einfache Wahrnehmung ist nicht darauf angewiesen, dass man während der unmittelbar vorausgehenden Augenblicke durch eine Argumentationskette geht, um dann wahrzunehmen. Wir nehmen das Objekt einfach geradewegs wahr. Aber geradewegs wahrnehmen können wir es immer noch entweder durch eine Idee, die wir jetzt von ihm haben, die in diesem Moment bewusst ist (das ist konzeptuelle einfache Wahrnehmung) oder nicht durch eine Idee, die wir jetzt von ihm haben (das ist die nicht-konzeptuelle einfache Wahrnehmung). Was wir letztendlich anstreben, ist dieser Typ der nicht-konzeptuellen Wahrnehmung. Die Schritte sind also:

- konzeptuelle Wahrnehmung, die eine abgeleitete Wahrnehmung ist, die durch eine Argumentationskette aufgebaut wird;

- dann konzeptuelle einfache Wahrnehmung, die wir haben können, ohne notwendigerweise unmittelbar davor eine abgeleitete, durch Logik aufgebaute Wahrnehmung gehabt zu haben;

- und schließlich nicht-konzeptuelle einfache Wahrnehmung. Diese ist sowohl einfach, also nicht aufbauend auf unmittelbar vorausgehende abgeleitete Wahrnehmung, als auch bloß, nackt, d.h. ohne jede Konzeptualität.

Frage: Wie kann ich eine Erfahrung von etwas haben, das nicht-konzeptionell ist, das nicht Idee ist?

Antwort: Es ist natürlich nicht leicht, es kommt von einer Vertrautheit mit der konzeptionellen Sichtweise. Wie man in den nicht-konzeptuellen Zustand kommt, ist tatsächlich die entscheidende Frage, eine der Hauptfragen des Buddhismus, und es gibt sehr viele verschiedene Methoden, um sie zu lösen. Um eine nicht-konzeptuelle Wahrnehmung von etwas zu erlangen, eine Wahrnehmung, die nicht davon abhängt, dass unmittelbar vorher eine Argumentationskette bewusst durchlaufen wurde und die nicht vermittelt ist durch eine Idee des betreffenden Gegenstandes, erfordert natürlich als Voraussetzung eine große Vertrautheit sowohl mit der Argumentationskette, die den Gegenstand unter Beweis stellt, als auch mit der korrekten Idee des Gegenstandes.

Und selbst dann, wenn all dies erfüllt ist, bleibt die große Frage: Wie schaffen wir den Übergang von der idee-vermittelten Wahrnehmung zur nicht-vermittelten Wahrnehmung: Welche weiteren Ursachen, Bedingungen oder Katalysatoren sind nötig für den angestrebten Übergang? Vertrautheit ist nur eine der beitragenden Ursachen. Was brauchen wir noch, damit der Übergang tatsächlich stattfindet? Verschiedene Schulen schlagen verschiedene Methoden vor. Um alle Ideen loszuwerden in dem Sinne, dass wir sie einfach fallen lassen, ist Zen eine ziemlich gute Methode, die uns zeigt, dass Ideen lächerlich sind. Es ist aber ein sehr schwieriger Pfad, weil es nicht einfach ist, eine Idee auf diese Art und Weise fallen zu lassen. Meistens kommen sie einfach wieder und es ist schwierig zu erkennen, was überhaupt eine Idee ist, weil eine Idee nicht notwendig verbal oder ein geistiges Bild sein muss, es kann auch viel subtiler sein. Allgemein in den höchsten Tantra-Stufen besteht die Methode, zu einem nicht-konzeptionellen Geisteszustand zu gelangen, darin, die gröberen Formen des Bewusstseins aufzulösen. Es geht darum, dass man sich beruhigt, um zu den subtileren Zuständen zu kommen.

Aufbau von positiver Kraft und Systemtheorie

Wo kommt der Erfolg her? Erfolg kommt daher, dass wir unsere positive Kraft aufbauen. Das wird gewöhnlich mit dem „Ansammeln von Verdiensten“ übersetzt. Wir haben insgesamt ein Netzwerk von positiver Kraft, das daher kommt, dass wir alle möglichen Dinge tun. Was wäre eine positive konstruktive Sache, die es zu tun gilt? Das wäre z.B. zu meditieren in der Art und Weise, wie wir es beschrieben haben, und es ist notwendig konzeptuell, weil wir es auf gar keine andere Art und Weise auf unserer Bewusstseinsstufe tun können.

Aus dem westlichen Denken ist hier die Systemanalyse ganz hilfreich, wenn man z.B. ein organisches System nimmt. Ein organisches System ist eines, das bestimmte Dinge aufnimmt, z.B. Essen, und bestimmte andere Dinge ausscheidet, wie z.B. flüssigen oder festen Abfall. Es ist nicht einfach wie ein Kühlsystem, in das man Wasser gießt und Eis kommt heraus, sondern beim organischen System wird das Aufgenommene während des Prozesses innerhalb des Systems in etwas grundsätzlich anderes verwandelt. Ein anderes Beispiel für die Wirkungsweise eines organischen Systems ist das, was im Geist passiert. Wir geben in den Geist Anweisungen darüber ein, wie man Rad fährt, oder visuelle Informationen darüber, dass die Straße eine Kurve macht, und das wird verwandelt und kommt wieder heraus als Impuls, sich auf den Sattel zu setzen und die Pedale zu treten bzw. den Lenker zu bewegen. Der Geist als organisches System verwandelt die Input- Informationen in Output-Impulse, etwas zu tun. Dies ist ein Hauptmerkmal eines organischen Systems.

Aus der Systemtheorie lernen wir, dass organische Systeme neben dem genannten Hauptmerkmal eine weitere Besonderheit haben: Sie organisieren sich selbst. Wenn wir eine Komponente des Systems entfernen, werden die anderen Komponenten kompensieren, sich reorganisieren, die Funktion übernehmen. Wenn wir z.B. unsere rechte Hand verlieren, reorganisiert sich das organische System unseres Körpers und Geistes so, dass unsere linke Hand automatisch die Funktion übernimmt, ohne dass dabei ein äußerer Eingriff nötig wäre, um das System an die veränderte Lage anzupassen: Es organisiert sich selbst. Trotz des bereits genannten Unterschiedes zwischen organischen und unorganischen Systemen, diese Reorganisation ähnelt den Phasen-Übergängen, die in unorganischen Systemen auftreten.

Unorganische Systeme, wie z.B. ein System von Wassermolekülen, strukturieren sich in gewisser Weise neu, wenn sie aus Wasser keine Flüssigkeit mehr machen, sondern festes Eis oder Schnee. Dieser Phasenübergang tritt auf als Auswirkung bestimmter Temperaturbedingungen. Keiner braucht das Wasser zu programmieren, dass es diesen Phasenübergang macht. Wasser als unorganisches Molekularsystem schafft den Phasenübergang automatisch, von alleine, wenn es eine bestimmte kritische Temperatur erreicht.

Als sich selbst organisierende Systeme machen organische Systeme Phasenübergänge nicht nur dann durch, wenn eine Komponente entfernt wird, sondern auch dann, wenn vorher gar nichts entfernt wurde. Die Reorganisation selber kann den Verlust einer der Komponenten mit sich bringen. Wenn ein Praktizierender zum Beispiel von der konzeptuellen Wahrnehmung der Unbeständigkeit zur nicht-konzeptuellen fortschreitet, so durchläuft das organische System seines/ihres Geistes einen Phasenübergang von der Phase, wo der Geist der eines gewöhnlichen Wesens war zu der, wo er der Geist eines Arya ist, eines hoch verwirklichten Wesens. Unbeständigkeit ist eines der sechzehn Charakteristika der Vier Edlen Wahrheiten, und Aryas verfügen über die nicht-konzeptuelle Wahrnehmung aller sechzehn. Indem er einen Phasenübergang durchläuft, organisiert sich der Geist automatisch neu und verliert in diesem Prozess alle Konzepte von Beständigkeit und alle störenden Emotionen wie Neid und Wut, die auf diesen beruhen. Der Praktizierende erreicht es, dass diese Konzepte wahrhaft zu einem Ende kommen, verschwinden. Der Katalysator für diesen Phasenübergang, für diese Neuorganisation sind ein Netzwerk positiver Kraft (Ansammlung von Verdienst) und ein Netzwerk tiefen Gewahrseins (Ansammlung von Weisheit), die den kritischen Punkt erreicht haben, wo genug positive Kraft und tiefes Gewahrsein vorhanden sind, so dass der Phasenübergang stattfinden kann.

Als Praktizierende sind wir ein organisches System: Die Information, die hereinkommt, wird verwandelt und erscheint dann neu in Form eines neuen Verständnisses und einer Verbesserung unseres Charakters und unseres Verhaltens. Wenn es uns gelingt, diese positive Kraft zu stärken, kann es sein, dass irgendwann ein Punkt kommt, da sich das ganze System ändert und reorganisiert, dass man vom konzeptionellen zum nicht-konzeptionellen Denken gelangt.

Man kann den Prozess so beschreiben, dass man sich einfach beruhigt, alle Ideen fallen lässt und zum natürlichen Zustand des Geistes kommt, aber das selbst ist schon wieder Meditation und in dem ich das tue, stärke ich die positive Kraft, was mir dabei hilft, zu diesem Punkt zu gelangen, an dem das System umkippt. Das ist ein sehr langer Weg und es ist schwierig zu erkennen, was wir eigentlich meinen mit nicht-konzeptioneller Wahrnehmung.

Wenn wir z.B. unsere Mutter lebendig mit unseren Augen sehen, dann ist das nicht-konzeptionell, es ist lebendig. Und wenn wir von unserer Mutter träumen, dann tun wir es mit unserem geistigen Bewusstsein, auch das ist wieder sehr lebendig und nicht-konzeptionell. Wenn wir unsere Mutter visualisieren, das ist konzeptionell, wenn wir an unsere Mutter denken oder über unsere Mutter nachdenken, mittels einer Idee, so ist das wieder konzeptionell, es ist nicht lebendig. Selbst wenn diese Idee von unserer Mutter perfekt konzentriert ist, dann ist es immer noch nicht lebendig, es ist noch immer nicht unsere Mutter. Nur wenn es wirklich so lebendig ist, als wenn wir sie sehen oder von ihr träumen, dann ist es nicht-konzeptionell. Man muss sehr genau hinschauen, um zu erkennen, was konzeptionell und was nicht-konzeptionell ist.

Ablauf der Meditation

Um eine Meditation anzufangen, ist es wichtig, dass man sich erst einmal beruhigt, und wir konzentrieren uns zunächst auf den Atem, ohne zu zählen.

Wir suchen uns ein Thema, z.B. eine Beziehung mit einem nahstehenden Partner, und versuchen uns klar zu machen, dass, wenn etwas aus Umständen und Gründen entstanden ist, es permanent durch verschiedene Faktoren beeinflusst wird, das heißt dann, dass es sich verändert. Versucht herauszufinden, ob das der Fall ist, ob sich eine Beziehung verändert durch die verschiedenen Stimmungen, in denen wir uns verhalten, durch die Arbeit die wir machen. Wenn etwas beeinflusst wird, dann muss es sich verändern. Das Auto wird beeinflusst von den Strecken, die man zurücklegt, durch die Qualität der Straßen, auf denen man fährt und deswegen verändert sich das Auto. Auch Beziehungen fahren durch alle Schlaglöcher, genau wie ein Auto, und deswegen wird auch die Beziehung beeinflusst. Wenn etwas aus Ursachen und Umständen entsteht, dann wird es sich sicher verändern und es kann unmöglich bleiben. Wenn etwas aus Ursache und Umständen zur Existenz kommt, dann ist es instabil.

Um das zu verstehen und wenn wir ein gewisses Verständnis haben, dann versuchen wir die Beziehung genau unter die Lupe zu nehmen als eine, die entstanden ist aus Ursachen und Umständen, und die natürlich von Ursachen und Umständen beeinflusst wird. Wir können ein geistiges Bild verwenden, um den Freund oder die Freundin zu repräsentieren oder ein Gefühl, es muss nicht unbedingt ein Bild oder ein verbales Verständnis davon sein. An diesem sehen wir uns im Detail an, was aus Ursachen und Umständen entstanden ist und was immer wieder von Ursachen und Umständen beeinflusst wird. Eine Beziehung ist ein abhängig entstandenes Phänomen und alle abhängig entstandenen Phänomene sind unbeständig, verändern sich und daher ist die Beziehung unbeständig, sie verändert sich von Moment zu Moment und sie wird an einem gewissen Punkt zu Ende sein. Versucht die Beziehung in dieser Art zu sehen als unbeständig, wandelbar, und wenn sie sich ändert, erinnern wir uns wieder daran, dass sie sich verändert, weil sie von Ursachen und Umständen abhängt. Und versucht permanent diese Argumentationskette wieder aufzufrischen und konzentriert euch auf die Unbeständigkeit der Beziehung durch eine Idee von Unbeständigkeit und lasst sie einsinken. Mit einem tiefen Gefühl davon, dass sie sich verändert, sich verändert von Moment zu Moment und sie irgendwann aufhören wird, z.B. wenn einer von uns stirbt oder andere Umstände auftreten.

Zusammenfassung

Wir haben jetzt ein Gefühl, was wir mit Meditation meinen und mit genauer unter die Lupe nehmender Meditation. Es ist nicht leicht, eine Idee von der Unbeständigkeit zu haben, auf die man sich konzentrieren kann. Es ist nicht so, dass wir eine Idee von Unbeständigkeit schaffen, aber es ist offensichtlich, dass nichts, auf das auch immer wir uns konzentrieren, um Unbeständigkeit zu repräsentieren, lebendig ist. Die meisten von uns werden kein geistiges Bild verwenden oder ein Wort, um die Unbeständigkeit zu repräsentieren, sondern für die meisten wird es ein Gefühl sein, aber ein Gefühl ist nur eine Idee davon, was es wirklich ist. Es ist im Moment alles, was wir dafür verwenden können, um damit zu arbeiten. Irgendwann werden wir diese Idee einmal wegwerfen und die Unbeständigkeit nicht-konzeptionell wahrnehmen können, aber das ist sehr schwierig.

Im Theravada-Buddhismus bei der Vipassana-Meditation konzentriert man sich darauf, dass man die unterschiedlichen Gefühle und Wahrnehmungen erkennt, wie sie sich permanent verändern, und auf diese Art und Weise bekommt man ein gewisses Verständnis der Unbeständigkeit. Analysiert man diese Methode, stellt man fest, dass sie schwierig ist, weil sie mit Sinneswahrnehmung der Unbeständigkeit arbeitet, und denkt man darüber nach, stellt man fest, dass die Unbeständigkeit ein geistiges Phänomen ist, und daher ist es etwas delikat, diese Methode anzuwenden.

In dem Hinayana-System der Philosophie wird es so beschrieben, dass man sich auf einen Sinneseindruck konzentriert und sowohl explizit als auch implizit etwas darüber weiß, z.B. dass man sich auf die dicke Maria konzentriert und explizit weiß, dass sie nicht während der Nacht isst, und implizit weiß, dass sie während des Tages essen sollte. Genau so erkennt man, wenn man auf Gefühle fokussiert, explizit ihre Veränderungen und implizit ihre Unbeständigkeit. Praktiziert man auf die Mahayana-Weise, gibt es eine ganze Menge Diskussion darüber, ob man überhaupt eine explizite Wahrnehmung der Unbeständigkeit haben kann oder ob sie immer implizit ist.

Ich gehe durch die ganzen Details nicht aus akademischem Interesse, sondern weil mir die Meditation in vielen Systemen, vor allem im Gelug-System, das hier gelehrt wird, gezeigt hat, dass häufig unklar ist, was eigentlich gemeint ist und was man da tut. Ich versuche die einzelnen Stufen aufzuzeigen, so dass man wenigstens eine Idee davon hat, worum es eigentlich dabei geht. Auch dass man eine gewisse Wertschätzung entwickelt, dass das nicht nur interessant ist, sondern dass es sich lohnt, das zu verwirklichen, und dass wir auch erkennen, dass wir diese Unterscheidung wirklich brauchen, und wissen, was wir eigentlich tun. Wenn wir Informationen darüber erhalten, können wir unterscheiden zwischen dem, was möglicherweise eine wilde Idee ist und dem, was ein wirklich angemessenes Verständnis ist.

Wir werden die Erfahrung des Verständnisses stärken, so dass langsam einige Effekte in unserem täglichen Leben spürbar werden und wir tatsächlich in unserem Leben erkennen können, dass sich z.B. Beziehungen zu unseren Freunden permanent verändern, und sie nie gleich bleiben. Wenn wir dies in unserem Leben mehr und mehr erkennen können, dann ist das sehr hilfreich, um unsere Anhaftung zu überwinden, so dass wir Freude empfinden können für die Zeit, die wir tatsächlich mit unseren Freunden haben, auch wenn sie nicht immer andauert. Unser Verständnis wird uns in dieser Weise im Leben helfen und dabei, unser Potenzial voller zu nutzen und Glück für Alle zu bringen.