Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Die Vier Grundsätze beim Prüfen einer Dharmalehre

Alexander Berzin, Januar 2001

Ob man in der eigenen Dharmapraxis erfolgreich ist, hängt davon ab, ob man eine realistische Einstellung hat. Eine solche Einstellung besteht darin, dass man die Dharmalehren in einer Weise untersucht, die der der tatsächlichen Existenzweise der Dinge entspricht. Als Mittel für eine solche Untersuchung lehrte der Buddha vier Grundsätze (tib. rigs-pa bzhi), die die grundlegenden Annahmen des buddhistischen Denkens darstellen. Erinnert euch, dass Buddha sagte: „Nehmt nichts von dem, was ich euch lehre, einfach aus Glauben oder aus Respekt vor mir an, sondern überprüft es selber, als ob ihr Gold kauftet.“

Die vier sind

  1. der Grundsatz der Abhängigkeit (tib. ltos-pa'i rigs-pa),

  2. der Grundsatz der Wirkungsweise (tib. bya-ba byed-pa'i rigs-pa),

  3. der Grundsatz des Nachweises durch die Vernunft (tib. tshad-ma'i rigs-pa),

  4. der Grundsatz der Natur der Dinge (tib. chos-nyid-kyi rigs-pa).

Sehen wir uns an, wie Tsongkhapa diese vier Grundsätze in seiner „Großen Darstellung des Stufenpfades“ (tib. „Lam-rim chen-mo“) erklärt.

Der Grundsatz der Abhängigkeit

Der erste Grundsatz besagt, dass bestimmte Dinge von anderen Dingen als ihrer Grundlage abhängig sind. Dies ist der Grundsatz der Abhängigkeit. Das Entstehen eines Resultats hängt von Ursachen und Bedingungen ab. Dies ist ein Grundsatz, den wir alle nachvollziehen können. Demnach müssen wir, wenn wir eine gute Eigenschaft oder das Verständnis eines bestimmten Sachverhalts entwickeln wollen, zuerst untersuchen, worauf diese beruhen. Was müssen wir also vorher entwickelt haben, das als deren Grundlage geeignet ist?

Jede Stufe spiritueller Verwirklichung hängt von anderen Verwirklichungen und Faktoren ab, die ihr zugrunde liegen. Wenn wir beispielsweise das unterscheidende Gewahrsein oder das Verständnis der Leerheit bzw. der Wirklichkeit in uns entwickeln wollen, müssen wir zuerst untersuchen und erkennen, wovon dieses Verständnis abhängt. Es hängt von der Konzentration ab: Ohne Konzentration können wir kein Verstehen entwickeln. Von welcher Grundlage hängt die Konzentration ihrerseits ab? Von der Selbstdisziplin; Wenn uns die Disziplin fehlt, die unsere Aufmerksamkeit korrigiert, wenn diese zu wandern beginnt, können wir unmöglich Konzentration entwickeln. Wenn wir daher das unterscheidende Gewahrsein der Leerheit verwirklichen wollen, müssen wir als erstes daran arbeiten, wenigstens ein Minimum an Selbstdisziplin und Konzentration in uns zu entwickeln.

Die Anwendung dieses Grundsatzes ist beim Dharmastudium sehr wichtig. Viele von uns würden gerne die wundervollen Dinge realisieren, von denen wir in den Dharmatexten lesen. Wenn wir aber mit unseren Wünschen realistisch umgehen wollen, müssen wir untersuchen, was die Voraussetzungen ihrer Erfüllung sind.. Wenn wir dann wissen, welche Voraussetzungen wir schaffen müssen, um unsere Ziele zu verwirklichen, dann wissen wir auch, wie wir diese erreichen. Wir können dann auf den Grundlagen aufbauend voranschreiten. Das macht unsere Bemühungen realistisch. 

Der Grundsatz der Wirkungsweise

Der zweite Grundsatz ist der Grundsatz der Wirkungsweise. Jedes Phänomen, das von bestimmten Ursachen und Bedingungen abhängt, funktioniert auf eine spezifische Weise. So erfüllt etwa das Feuer – und nicht das Wasser – die Aufgabe des Brennens. Auch dies ist eine grundlegende Annahme im Buddhismus, ein Grundsatz, und auch er ist leicht nachvollziehbar. Seine Anwendung besteht darin, dass wir untersuchen müssen, welche Wirkung die verschiedenen Lehr- und Übungsinhalte des Dharma haben. Wir erhalten Anweisungen über bestimmte Bewusstseinszustände bzw. Gefühle, die wir entwickeln sollen, wie etwa Liebe oder Konzentration, und über andere, von denen wir uns befreien sollen, wie etwa Verwirrung und Wut. Wir werden auch über bestimmte Methoden belehrt, denen wir folgen sollen. Um diese Methoden zu verstehen, müssen wir uns fragen: Was bewerkstelligen sie? Wie wirken sie? Da manche Dinge kompatibel sind und andere nicht, haben einige Bewusstseinszustände die Wirkung, andere Zustände zu verstärken oder zu vergrößern.

Wenn wir beispielsweise eine spezifische Meditationsmethode zum Entwickeln von Liebe analysieren und Erfahrungen mit ihr gewinnen, wird unser Vertrauen in diese Methode wachsen. Wir untersuchen: „Ist das richtig oder nicht?“ und versuchen dann, die entsprechende Erfahrungen zu machen. Diese Vorgehensweise soll bewirken, dass man Vertrauen in die Methode gewinnt. Was ist die Wirkung davon, des Vertrauens, dass eine Praxismethode korrekt ist und funktioniert? Es steigert unsere Fähigkeit, sie in einer tiefen Weise zu praktizieren. Wenn wir wenig Vertrauen in die Dinge haben, die wir tun, werden wir sie nicht praktizieren. Wenn wir dagegen verstehen, welche Wirkung die einzelnen Schritte haben, werden wir uns jedem von ihnen mit ganzem Herzen widmen. Wenn wir es nicht verstehen, werden wir keinen einzigen dieser Schritte unternehmen.

Darüber hinaus müssen wir verstehen, wie ein Sachverhalt einen anderen beschädigen oder ihm entgegenwirken kann. Vertrauen in eine Methode beispielsweise zerstört die Unentschlossenheit, sie anzuwenden. Mangel an Vertrauen in eine Methode oder in unsere Fähigkeiten, sie anzuwenden, hindert uns daran, Erfolg zu haben oder irgendwo mit ihr hinzugelangen.

Es ist sehr wichtig zu wissen, was jeder Wissensinhalt, den wir erwerben, und jeder Praxisschritt, den wir unternehmen, stärken und was sie zerstören werden. Dann haben wir eine realistische Haltung gegenüber dem, was wir tun. Warum sollten wir beispielsweise einen bestimmten positiven Geisteszustand, eine bestimmte positive Geisteshaltung wie etwa Liebe entwickeln wollen? Ein gültiger Grund hierfür ist, dass dieser Geisteszustand die Wirkung hat, uns geistigen Frieden zu bringen und uns erlaubt, anderen zu helfen. Warum sollten wir wünschen, uns von einem bestimmten negativen Geisteszustand zu befreien, wie etwa der Wut? Wegen seiner Wirkung: Er verursacht Probleme für uns selbst und für die anderen. Die Wirkungen negativer Verhaltensmuster, denen wir anhaften, zu kennen ist sehr wichtig, wenn wir uns von ihnen befreien wollen. Das Rauchen ist ein gutes Beispiel. Wenn wir ein klares Verständnis davon haben, welche Wirkung eine bestimmte Handlung hat – wie etwa das Rauchen auf unsere Lunge – dann verstehen wir, warum wir damit aufhören sollten. Dies ist die Art und Weise, wie wir den Grundsatz der Wirkungsweise anwenden.

Der Grundsatz des Nachweises durch die Vernunft

Der dritte Grundsatz ist der Grundsatz des Nachweises durch die Vernunft. Es besagt, dass ein Punkt als nachgewiesen bzw. bewiesen gilt, wenn er nicht im Widerspruch zu einem gültigen Erkenntnismittel steht. Im Buddhismus unterscheidet man drei solche gültigen Mittel: Das erste besteht darin, dass man alles untersucht, was man als Dharma gelehrt bekommt, um zu entscheiden, ob es im Widerspruch zu den anerkannten schriftlichen Quellen steht. Wie können wir erkennen, ob ein Lehrinhalt wirklich eine Dharmalehre ist? Wenn er in Übereinstimmung mit dem steht, was Buddha gelehrt hat. Aber wie können wir die tiefsten Absichten Buddhas erkennen, da er verschiedenen Schülern unterschiedliche Lehren gegeben hat, die oberflächlich betrachtet widersprüchlich erscheinen? Der indische Meister Dharmakirti erklärte in diesem Zusammenhang, dass, wenn ein bestimmter Lehrinhalt in den Lehrreden Buddhas häufig auftaucht, dies ein klares Zeichen dafür ist, dass er es wirklich so meinte. Dies ist wichtig, besonders bei ethischen Fragen.

Die zweite Möglichkeit, zu einer gültigen Erkenntnis von etwas zu gelangen, ist das Vorgehen mittels Logik und Schlussfolgerung. Ist ein Lehrinhalt logisch schlüssig oder widerspricht er der Logik? Entspricht er dem gesunden Menschenverstand oder erscheint es irgendwie seltsam?

Das dritte gültige Mittel des Erkennens ist die unmittelbare nicht-begriffliche Wahrnehmung. Wird ein Lehrinhalt in der Meditation durch unsere Erfahrung ad absurdum geführt oder bestätigt?

Sehen wir uns ein Beispiel an dafür, wie man diesen Grundsatz anwenden soll. Nehmen wir an, uns wird beigebracht, dass bestimmte Gegenmittel bestimmte Fehler oder Probleme aufheben können, etwa: „Liebe überwindet Wut.“ Steht diese Aussage im Einklang mit dem, was der Buddha lehrte? Ja, nichts, was der Buddha lehrte, steht in Widerspruch zu dieser Aussage.

Ist diese Lehraussage in logischer Hinsicht schlüssig? Ja, Liebe ist der Wunsch, dass die anderen glücklich sind. Warum handelt diese andere Person, die mich leiden lässt und auf die ich wütend bin, in dieser Weise? Sie tut diese schrecklichen Dinge, da sie unglücklich ist; die Person ist geistig und emotional durcheinander. Wenn ich Liebe für diesen Menschen hätte, würde ich wünschen, dass er oder sie glücklich wäre; ich würde wünschen, dass die Person nicht aufgebracht wäre und nicht so leiden würde. Solch eine Haltung bewahrt mich davor, wütend auf die Person zu werden, nicht wahr? Es ist vollkommen logisch. Wenn diese Person viel Schädliches verursacht und wenn ich sie davon abhalten will, muss ich meine Liebe ausweiten. Ich muss wünschen, dass diese Person glücklich wird, denn wenn sie glücklich wäre, würde sie nicht diesen Schaden anrichten. Wenn ich auf diese Person wütend werde, wird sie das nicht davon abhalten, mir Schaden zuzufügen. Diese Lehre ist also logisch sinnvoll.

Als Letztes schließlich untersucht man, ob die Lehraussage „Liebe überwindet Wut“ sich durch unmittelbare, nicht-begriffliche Wahrnehmung bzw. durch Erfahrungen in der Meditation bestätigen lässt. In anderen Worten, wir probieren die Lehre aus, um zu sehen, ob sie funktioniert. Ist es der Fall, dass meine Wut abnimmt, wenn ich über Liebe meditiere? Ja, dies ist der Fall. Dies ist der dritte Test, den man anwendet, um zu sehen, ob eine Lehraussage vernünftig ist oder nicht. In dieser Weise wendet man den Grundsatz des Nachweises durch die Vernunft an. 

Der Grundsatz der Natur der Dinge

Der letzte Grundsatz ist der der Natur der Dinge. Er besagt, dass bestimmte Tatsachen einfach in der Natur der Dinge liegen, wie etwa, dass Feuer warm ist und Wasser nass. Warum ist Feuer warm und Wasser nass? Nun, die Dinge sind einfach so. Innerhalb des Dharma müssen wir untersuchen, welche Punkte einfach wegen der Natur der Dinge zutreffend sind Ein Beispiel: Alle Wesen wollen glücklich sein und niemand will unglücklich sein. Warum? Es ist einfach so. Nehmen wir ein anderes Beispiel: Unglücklichsein ist das Ergebnis von destruktivem Verhalten und Glück von konstruktivem Verhalten. Warum? So funktioniert das Universum nun einmal. Nicht Buddha hat es so erschaffen: Es ist einfach, wie es ist. Wenn wir nachforschen und feststellen, dass bestimmte Dinge einfach so sind, wie sie sind, so sollten wir sie als Tatsachen des Lebens akzeptieren. Uns deswegen verrückt zu machen, wäre reine Zeitverschwendung.

Einer der Punkte bezüglich der Natur der Dinge, der am wichtigsten für die Dharmapraxis ist, ist die Tatsache, dass Samsara in einem ständigen Auf und Ab begriffen ist. Dies bezieht sich nicht nur darauf, dass wir in glücklichen und in unglücklichen Existenzen wiedergeboren werden, sondern auch auf die Erfahrungen, die wir in unserem jetzigen Leben von Augenblick zu Augenblick machen. Unsere Stimmungen und das, wonach uns der Sinn steht, gehen auf und ab. Wenn wir dies akzeptieren, weil es eben so ist,, regen wir uns nicht darüber auf. Was soll man auch anderes von Samsara erwarten? Natürlich wird unsere Meditation an manchen Tagen gut funktionieren und an anderen nicht. Kein Grund zur Aufregung! So sind die Dinge nun einmal. Lass es gut sein und sei nicht aufgebracht darüber. Das ist ganz entscheidend.

Wenn wir uns dem Dharma in einer realistischen Weise nähern wollen, sind diese Vier Grundsätze, die der Buddha lehrte, äußerst nützlich. Damit wir unser Verständnis von ihnen und unsere Fähigkeit, sie anzuwenden, weiter festigen schauen wir uns ein Beispiel an: die Loslösung von der Anhaftung an unseren Körper.

  1. Wovon hängt der Fortschritt dieser Loslösung ab? Er hängt ab von unserem Verständnis der Vergänglichkeit, der Wiedergeburt, der Existenzweise des Selbst, dem Verhältnis zwischen Körper, Geist und Selbst usw.

  1. Was ist die Wirkung davon, dass man die Anhaftung an den Körper loslässt? Es hilft uns, nicht unruhig oder wütend zu werden, wenn wir krank, alt oder senil werden.

  1. Lässt sich dies durch die Vernunft beweisen? Ja, denn Buddha selbst lehrte, dass man durch das Loslassen der Anhaftung an den eigenen Körper eine der Ursachen des Leidens eliminiert: die Anhaftung, die darauf beruht, dass man sich mit etwas Vergänglichem identifiziert. Ist dies logisch? Ja, da der Körper sich von Moment zu Moment verändert und alt wird. Können wir die Wirkung erfahren? Ja, wenn wir immer mehr loslassen, können wir feststellen, dass wir tatsächlich weniger Unglücklichsein und Probleme erfahren.

  1. Und was lässt sich bezüglich der Natur der Dinge feststellen? Wenn ich über das Loslassen meiner Anhaftung an den Körper meditiere, wird dann mein Glück von Tag zu Tag wachsen? Nein, dies ist nicht der Fall. Wir befinden uns im Auf und Ab von Samsaras. Langfristig gesehen kann ich vielleicht glücklicher werden und mein Leben kann sich verbessern, aber dies wird nicht in einer linearen Weise geschehen. Dies ist nicht die Natur der Dinge.

Anhand dieses Beispiels können wir sehen, wie wir zu einer realistischen Haltung gegenüber den Lehrinhalten kommen – wie etwa gegenüber dem Loslassen der Anhaftung an unseren Körper – wenn wir sie im Lichte der Vier Grundsätze analysieren. Wenn Buddha also sagte „Nehmt nichts von dem, was ich euch lehre, einfach aus Glauben oder aus Respekt vor mir an, sondern überprüft es selber, als ob ihr Gold kauftet“, so meinte er damit, dass man alle Lehren anhand der der vier Grundsätze prüfen sollte.