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Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Einführung in die tibetische Medizin

Alexander Berzin
Mexiko Stadt, Mexiko, 30. August 1993
Übersetzung ins Deutsche: Karin Behrendt und Monika Dräger

Leicht editiertes Kurstranskript

Einführung und Geschichte

Bevor wir beginnen, muss ich erwähnen, dass ich kein Arzt bin, stellen Sie mir also bitte keine Fragen über ihre Krankheiten. Ich habe ein bisschen etwas über die tibetische Heilkunde studiert und jahrelang tibetische Medizin zu mir genommen, und so kann ich nur etwas über die Theorie sagen.

Die tibetische Medizin schaut auf eine lange Geschichte zurück. Es gab eine seit langem bestehende Medizintradition in Tibet. Mit der Entstehung des tibetischen Reiches im siebten Jahrhundert unserer Zeitrechnung luden die Herrscher Ärzte aus Indien und China ein, sowie aus den persischen und römischen Gebieten Zentralasiens. Später, gegen Ende des achten Jahrhunderts, luden sie weitere Ärzte aus diesen Regionen ein. Zu dieser Zeit gelangten auch die Lehren des Buddha über Heilkunde aus Indien nach Tibet. Dies traf zusammen mit der Ankunft von Padmasambhava und den Nyingma-Lehren.

Zu dieser Zeit gab es eine große Debatte darüber, welche Art von Buddhismus und welcher medizinische Ansatz in Tibet eingeführt werden sollte. Das indisch-buddhistische System ging in beiden Fällen als Sieger hervor, aus Gründen, mit denen wir uns hier nicht befassen werden. Zu jener Zeit gab es einen großen tibetischen Arzt, der einige Aspekte der chinesischen und griechischen Medizin, die in Zentralasien zu finden waren, in die grundlegenden indisch-buddhistischen Lehren über die Medizin mit einbezog. Genau wie viele buddhistische Texte zu jener Zeit aufgrund von Schwierigkeiten verborgen wurden, geschah es auch mit diesen medizinischen Texten. Sie wurden im zwölften Jahrhundert wiederentdeckt und leicht überarbeitet und dem modernen Wissen angepasst. Aus Neubearbeitung leitet sich das gegenwärtige System der tibetischen Medizin her.

Die tibetische Medizin verbreitete sich von Tibet in die Mongolei, Nordchina, Sibirien und viele Gebiete Zentralasiens, bis hin zum kaspischen Meer. Tibetische Medizin und genauso viele andere Aspekte der tibetischen Kultur nahmen einen Platz ein, der der lateinischen Kultur im Europa des Mittelalters entspräche. Der Einfluss der tibetischen Kultur erstreckte sich über das gesamte Gebiet vom kaspischen Meer bis zum Pazifik und von Sibirien bis zum Himalaya. Sie war eine bedeutende Zivilisation. Schauen wir uns nun das System der tibetischen Medizin selbst an.

Einteilung von Krankheiten

Wir sehen, dass Krankheiten in drei Gruppen unterteilt werden. Die erste besteht aus vollkommen begründeten Krankheiten. Beispiele dafür sind Erbkrankheiten, Geburtsschäden und so weiter. Krankheiten und Schäden, die vollkommen begründet sind, rühren aus vergangenen Leben her. Aus der Sicht der tibetischen Medizin sind sie sehr schwer zu behandeln. Man kann nur versuchen, es für den Menschen erträglich zu machen. Wenn wir zum Beispiel von klein auf eine Krankheit wie Asthma hatten, ist es sehr schwer, uns davon zu heilen.

Die zweite Gruppe sind Krankheiten, die durch äußere Bedingungen entstehen. Dazu zählen Störungen im Körper, die sich aufgrund verschiedener Umstände entwickeln: durch die Umwelt, Umweltverschmutzung, Krankheitserreger und andere Bedingungen. Sie sind die gebräuchliche Art von Krankheiten und bilden daher den Hauptfokus der tibetischen Medizin. Ein Beispiel dafür wäre Asthma, das sich aufgrund der Luftverschmutzung in einer Stadt, verbunden mit Stress, in späteren Lebensjahren entwickelt hat.

Die dritte Kategorie wird wörtlich eingebildete Krankheiten genannt. Hiermit sind psychosomatische Krankheiten und solche gemeint, die Tibeter im Allgemeinen als von schädlichen Kräften verursacht betrachten. Zu dieser Kategorie gehören Kriegsneurosen und Nervenzusammenbrüche, die während eines Krieges auftreten. Diese Krankheiten werden in erster Linie mit verschiedenen Ritualen behandelt. Das mag uns ein bisschen grotesk erscheinen, doch wenn wir uns ein Beispiel aus Afrika anschauen, können wir es vielleicht verstehen. Wenn jemand sehr krank ist, hat seine oder ihre Geisteshaltung einen großen Einfluss auf das Immunsystem. Dies wurde von der modernen Medizin beschrieben und erforscht. Wenn die gesamte Gemeinschaft die ganze Nacht für uns wach bleibt, um zu tanzen und Rituale auszuführen, gibt es uns das Gefühl, dass alle uns wirklich unterstützen, und das verbessert unsere Stimmung, was wiederum Einfluss auf das Immunsystem hat. Dasselbe könnte geschehen, wenn eine Gruppe von Mönchen und Nonnen ein Ritual für uns ausführen. Es stärkt das Immunsystem, so dass es uns schneller wieder besser geht.

Krankheiten, die durch äußere Bedingungen entstehen: die fünf Elemente und drei Körpersäfte

Schauen wir uns nun die zweite Gruppe von Krankheiten an. Zuerst werden wir uns die Natur von Krankheiten betrachten. Der Körper wird in Hinblick auf die Ausgewogenheit der fünf Elemente oder der drei Körpersäfte untersucht. Die fünf Elemente sind Erde, Wasser, Feuer, Wind und Raum. Dies sind keine abstrakten, seltsamen Dinge, die nichts mit dem Körper zu tun haben. Erde bezieht sich auf den soliden Aspekt des Körpers, Wasser sind die Flüssigkeiten, Feuer ist die Hitze (einschließlich Verdauungshitze und -säure), und Wind bezieht sich nicht nur auf die Gase im Körper sondern auch auf seine Energie, einschließlich der elektrischen Energie des Nervensystems. Raum bezieht sich auf den räumlichen Aspekt innerhalb des Körpers – die Lage der verschiedenen Organe und die verschiedenen Hohlorgane wie den Magen und so weiter. Krankheit wird als ein Ungleichgewicht in diesen gesehen – etwas ist mit dem System dieser fünf Elemente nicht in Ordnung.

Der Ansatz der tibetischen Medizin, Krankheit als Unausgewogenheit der drei Körpersäfte zu betrachten, wurde von den Griechen übernommen, doch das eigentliche Wort dafür, sowohl auf Sanskrit wie Tibetisch, ist wörtlich „Dinge, die schief laufen können“. Die Körpersäfte sind drei Systeme im Körper, die jedes aus fünf Teilen besteht. Es ist mir nicht klar, warum fünf Bestandteile zu einem System zusammengepackt werden. Die drei Hauptsysteme werden Wind, Galle und Schleim genannt. Schauen wir uns an, was es mit diesen Systemen auf sich hat.

Wind bezieht sich in erster Linie auf den Wind im Körper. Es gibt Winde, die mit dem Oberkörper zu tun haben: die Energie, die in den oberen Teil des Körpers hineinkommt und ihn verlässt, wenn wir schlucken, sprechen und so weiter. Des Weiteren gibt es Winde, die mit dem Unterkörper zu tun haben: die Energie, die in den unteren Teil des Körpers hineinkommt und ihn verlässt, wenn wir Ausscheidungen oder Menstruation und Orgasmus zurückhalten oder freigeben. Ein Aspekt der Energie hat mit dem Kreislauf im Körper und dem Blutdruck zu tun. Wir haben auch körperliche Energie, die mit Bewegung verbunden ist, und verschiedene Arten von Energie, die mit dem Herzen zu tun haben.

Bei Galle geht es um bestimmte Aspekte der Verdauung, wie der Galle aus der Leber. Sie hat mit verschiedenen Aspekten der Pigmentierung zu tun, zum Beispiel wenn wir Sonnenbrand haben, mit dem Hämoglobin, den roten Blutzellen, und mit Dingen, die mit den Augen zu tun haben.

Das Schleimsystem ist mit dem Schleim- und lymphatischen System des Körpers verbunden. Es hat mit Erkältungen, Nebenhöhlenproblemen und Ähnlichem zu tun, als auch mit den Gelenkflüssigkeiten. Rheumatismus und Arthritis sind Beispiele für Schleimstörungen. Die Verdauung ist ein komplexer Prozess, der in unterschiedlichen Phasen mit bestimmten Aspekten von Wind, Galle und Schleim verbunden ist. Diese sind alle höchst komplexe Systeme. Wie ich sagte, ist es nicht leicht zu verstehen, wie die fünf Kategorien jeder dieser drei Körpersäfte zu einem Körpersaft zusammengehören.

Krankheit wird als Ungleichgewicht dieser drei Körpersäfte gesehen, was heißen kann, dass einer von ihnen zu stark ist oder einer von ihnen zu schwach. Es kann einfache Störungen geben und Erkrankungen, die mehrere Systeme gleichzeitig betreffen. Die tibetische Medizin ist ein ganzheitliches System, das den ganzen Körper behandelt, da alle Systeme des Körpers mit einander verbunden sind.

Es gibt verschiedene Weisen, Krankheiten zu klassifizieren. Manchmal wird Blut als ein viertes System gesehen, das die Muskeln im Körper mit einschließt. Innerhalb dieser Unterteilungen können wir die Systeme von Gallen-, Blut- und Hitzestörungen als eine Kategorie zusammenfassen und Wind-, Schleim- und Kältestörungen als eine andere. Tibeter analysieren Krankheiten oft unter dem Aspekt, ob sie heiße oder kalte Krankheiten sind, aber ich bin mir nicht sicher, was genau mit heiß oder kalt gemeint ist. Es bezieht sich mit Sicherheit nicht auf die Körpertemperatur.

Krankheitsursachen

Im Allgemeinen kann Krankheit an falscher Ernährung liegen: Wir essen Dinge, die uns nicht bekommen oder die zu fett sind. Sie kann auch von unserem Verhalten verursacht sein, wie in die Kälte hinaus zu gehen, ohne ausreichend bekleidet zu sein. Draußen auf dem kalten Boden oder einem kalten, nassen Stein zu sitzen ist eine sichere Ursache für Nierenprobleme. Krankheit kann von Kleinstorganismen herrühren, von Bakterien oder Mikroben. Dies ähnelt dem, was die westliche Medizin sagt. Doch was die tibetische Medizin darüber hinaus sagt, ist, dass wir eine tiefere Ebene der Ursachen von Krankheiten betrachten können. Ich glaube, die wahrscheinlich interessanteste und nützlichste Weise, tibetische Medizin in Hinblick auf unsere Denkweise zu betrachten, ist die ganze Idee, dass die grundlegende Ursache hinter der physischen Unausgewogenheit eine emotionale und geistige Unausgewogenheit ist.

Wollen wir Krankheit vollständig überwinden, müssen wir Ausgewogenheit auf allen Ebenen erlangen, besonders auf der emotional-geistigen Ebene. Es gibt drei vorrangige störende Emotionen oder Geisteshaltungen. Die erste ist sehnsüchtiges Verlangen und Anhaftung. Es ist das neurotische Verlangen, das das Gefühl hat: Ich muss das haben und wenn ich das nicht bekomme, werde ich verrückt. Die zweite ist Wut. Die dritte ist naive Engstirnigkeit und Sturheit. Diese finden ihre Entsprechung in den Störungen der drei Körpersäfte. Aus Verlangen entstehen Windstörungen, aus Wut Gallenstörungen, aus Engstirnigkeit Schleimstörungen. Das ist äußerst interessant. Schauen wir uns das ein bisschen näher an.

Ein Symptom für Windstörungen ist häufig, dass man sehr nervös wird. Auch hoher Blutdruck ist mit Windstörungen verbunden. Wir können auch eine Enge in der Brust fühlen oder das erleben, was wir als gebrochenes Herz beschreiben; wir fühlen uns schrecklich deprimiert. Dies sind sehr verbreitete Windstörungen, die mit sehnsüchtigem Verlangen einhergehen. Wenn wir zum Beispiel sehr daran hängen, viel Geld zu verdienen, arbeiten wir ohne Unterlass, bekommen hohen Blutdruck und sind die ganze Zeit nervös. Wenn wir an jemandem hängen und er oder sie uns verlässt oder stirbt, haben wir das Syndrom des gebrochenen Herzens. Menschen, die inkorrekt meditieren und sich zu sehr voran zwingen, entwickeln auch Windstörungen. Wenn wir uns selbst zu sehr vorwärts treiben, egal in was, werden die Energien im Körper unter Druck gesetzt, und das führt zu Beklemmungen im Brustkorb, Nervosität, Paranoia und so weiter. Darm- oder Magenreizungen sind auch eine Windstörung. Die zugrunde liegende psychische Ursache für diese Probleme ist zu viel Anhaftung oder Verlangen.

Gallenstörungen im Sinne des tibetischen Systems entstehen aus Wut und Verdruss. Ein Magengeschwür, bei dem zu viel Säure im Magen vorhanden ist, wird mit viel Wut in Verbindung gebracht. Wenn wir wütend werden, werden wir rot. Die Galle beeinflusst die Pigmentierung. Wir werden gelb bei Gelbsucht und rot vor Wut. Es gibt auch Gallenkopfschmerzen, die oft mit Ärger einhergehen: die Augen brennen, der Kopf brummt.

Schleim ist verbunden mit Naivität und Engstirnigkeit. Wir halten stur an Ideen fest und wollen auf niemanden hören. Oder unser Herz ist bestimmten Menschen gegenüber verschlossen, weil wir nichts mit ihnen zu tun haben wollen. So wie unser Geist und unser Herz verschlossen sind, sind unsere Nebenhöhlen verstopft und wir haben Nebenhöhlenprobleme oder Probleme mit dem Brustkorb wie Lungenentzündung oder Asthma, oder der Körper wird verschlossen und steif vor Arthritis oder Rheumatismus. Der Körper spiegelt die Inflexibilität des Geistes wider.

Auch wenn das nicht ganz akkurat sein mag, können wir auch über andere Krankheiten auf diese Weise nachdenken. Bei Krebs stellen wir oft fest, dass Menschen sehr selbstzerstörerische Einstellungen haben. Nachdem meine Tante gestorben war, hatte mein Onkel keinen Willen zum Weiterleben mehr. Sein Lebensstil wurde allmählich selbstzerstörerisch, und recht bald entwickelte er Krebs, bei dem sich der Körper selbst zerstörte. Er starb innerhalb eines Jahres. Man kann meinen, dass sich der Geisteszustand in der Selbstzerstörung durch Krebs widerspiegelt. Das ist offensichtlich nicht bei jeder Krebserkrankung der Fall, doch es kann interessant sein, darüber einmal nachzudenken.

Bei AIDS ist der Körper unfähig, Dinge abzuwehren. Einige Menschen mit AIDS waren nicht in der Lage, ihre Drogen- oder Sexsucht zu bekämpfen. Genau wie sie sich nicht vor ihren Begierden schützen können, kann sich der Körper vor nichts wehren. Das ist der Aspekt der tibetischen Medizin, den ich am Spannendsten finde – abgesehen von der praktischen Anwendung der Medizin.

Krankheitsdiagnostik

Gehen wir nun zum eigentlichen medizinischen System über. Um Krankheiten zu diagnostizieren, gibt es die Befragung, die visuelle Untersuchung und die Untersuchung der Pulse. Die Tibeter schenken der Frage „was ist nicht in Ordnung“ keine so große Beachtung. Die Betonung liegt eher auf den zweiten beiden. Die visuelle Untersuchung schließt das Begutachten der Zunge ein, doch das wichtigste ist die visuelle Untersuchung des Urins. Der Arzt schaut sich den ersten Morgenurin an. Dieser wird dem Arzt in einem durchsichtigen oder weißen Behältnis gebracht, und dann schäumt er oder sie ihn mit einem Stäbchen auf. Der Arzt schaut nach vielen verschiedenen Dingen. Zuerst betrachtet er die Farbe. Dann begutachtet er die Blasen, die sich durch das Aufschäumen geformt haben, wie groß sie sind und wie lange sie bleiben. Wenn sie sich auflösen, wie lösen sie sich auf, und sind sie ölig? Ist der Urin dünn oder konzentriert? Gibt es Schwebeteilchen? Er untersucht auch den Geruch. Wenn er den Urin unmittelbar am Morgen erhält, kann er auch beobachten, wie sich dessen Farbe beim Abkühlen verändert. Mit all diesen Variablen kann man eine sehr präzise Krankheitsdiagnose stellen.

Die Urinuntersuchung ist tatsächlich ein vorzügliches Diagnosesystem, weil der Arzt wie bei der Pulsdiagnose das Alter der Person, ihr Geschlecht und die Jahreszeit mit berücksichtigen muss. Wenn er den Urin untersucht, beachtet er auch, wie alt dieser ist. Dadurch kann der Arzt auch Urin untersuchen, der eine oder zwei Wochen alt ist. Das war hilfreich in Tibet, wo Familienangehörige eine Urinprobe manchmal eine oder zwei Wochen per Yak transportieren mussten, um zu einem Arzt zu gelangen. Heutzutage müssen wir sie vielleicht per Luftpost nach Indien senden.

Auch der Puls wird untersucht. Das ist auch keine simple Sache. Der Arzt untersucht den Puls meist am Handgelenk, kurz unter dem Daumenballen, wobei er drei Finger benutzt. Mit jedem Finger übt er oder sie ein unterschiedliches Maß an Druck aus. Der Zeigefinger fühlt nur den oberflächlichen Puls. Der Mittelfinger drückt ein bisschen fester zu, und der Ringfinger so tief wie möglich. Jeder Finger rollt leicht von einer Seite zur anderen. Das wird an beiden Handgelenken vorgenommen. Auf diese Weise stellt jede Fingerseite die Diagnose für ein anderes Körperorgan.

Die Pulsgeschwindigkeit wird im Vergleich zu den Atemzügen des Arztes gemessen. Im alten Tibet gab es keine Armbanduhren; ein Arzt zählte daher die Anzahl der Pulsschläge in, sagen wir einmal, zehn seiner Atemzüge. Zusätzlich untersucht man, was mit dem Puls geschieht, wenn man mehr Druck ausübt. Verschwindet er? Setzt er kräftig wieder ein? Man betrachtet die Weise, wie sich der Puls durch die Arterie bewegt, indem man fühlt, wie er an den drei Fingern vorbeifließt. Die „Form“ des Pulses wird zur Kenntnis genommen. Ist es eine Rollbewegung? Hat er eine starke punktuelle Betonung? Dreht er sich von einer Seite zur anderen? Es gibt viele Möglichkeiten. Das erfordert offensichtlich, dass der Arzt sehr sensible Finger hat. Auch wenn es im indischen aryuvedischen System, das hinduistischen Ursprungs ist, auch Pulsuntersuchungen gibt, genau wie in der chinesischen Medizin, wird sie in jedem System unterschiedlich durchgeführt. Urinuntersuchungen scheint es allein im tibetischen System, aber nicht im indischen und chinesischen, zu geben.

Behandlung

Durch die Untersuchung all dieser Dinge kann der Arzt zu einer Diagnose gelangen. Dann brauchen wir eine Behandlung. Zur Behandlung gehört das Befolgen einer bestimmten Diät, das Befolgen bestimmter Verhaltensregeln und die Einnahme von Medizin, doch es gibt andere Weisen, bestimmte Probleme zu behandeln, unter anderem Akupunktur und Moxa-Anwendung, die Teile des Körpers erhitzt.

Ernährung

Wenn wir eine Winderkrankung haben, sind bestimmte Nahrungsmittel sehr schädlich. Koffein, wie es im Kaffee enthalten ist, wird eine Winderkrankung verschlimmern. Wir sind sehr nervös und unser Blutdruck ist hoch. Linsen wie Bohnen produzieren Wind – ein Zeichen dafür sind Blähungen. Bei Gallenerkrankungen sind Eier und fettiges oder gebratenes Essen sehr schlecht. Bei Schleimerkrankungen vermeiden wir Milchprodukte und Reis, da sie zu Verschleimung führen. Wir kennen das auch im Westen. Andere Nahrungsmittel können bei diesen Erkrankungen sehr hilfreich sein. Heißes Wasser zu trinken ist zum Beispiel sehr gut bei Schleimerkrankungen, weil es Verschleimung hinausspült.

Verhaltensänderungen

Was Verhaltensänderungen betrifft, ist es, wenn wir eine Winderkrankung haben, wichtig, uns warm zu halten und uns mit liebevollen Freunden zu umgeben. Lachen ist etwas Großartiges bei Windstörungen. Sind wir aufgebracht und nervös, löst Lachen das auf. Eine schöne, weite Aussicht zu genießen ist sehr hilfreich. Wir können auch Dinge vermeiden, wie uns vor einen Ventilator zu stellen oder draußen im starken Wind zu stehen. Manche finden, dass sie von Maschinenlärm wie Rasenmähermotoren oder Klimaanlagen noch nervöser werden. Bei Gallenerkrankungen ist es sehr hilfreich, sich kühl zu halten und der Sonne fernzubleiben. Bei Schleim ist körperliche Bewegung und sich warm halten sehr gut. Das macht die Gelenke beweglicher und hilft, den Schleim zu beseitigen.

Medizin

Die Einnahme von Medizin ist die vorrangige Behandlungsweise in der tibetischen Heilkunde. Die Medizin wird in erster Linie aus Kräutern hergestellt. Sie enthält auch unterschiedliche Mineralien und so weiter. Jede Medizin kann aus fünfzig oder mehr Inhaltsstoffen bestehen. Gewöhnlicherweise werden sie vermischt und zerstoßen und zu Pillen geformt. Diese Pillen muss man kauen und mit heißem Wasser zu sich nehmen. Wenn wir sie nicht kauen und einfach nur runterschlucken, werden sie wahrscheinlich einfach durch uns durch gehen, ohne sich aufzulösen. Sie sind sehr hart. Tibeter haben sehr starke Zähne. Wenn es uns schwer fällt, die Pillen zu zerbeißen, können wir sie immer noch in etwas wie ein Taschentuch wickeln und mit einem Hammer zerschlagen.

Die Medizin wird entweder eine halbe Stunde vor oder eine halbe Stunde nach einer Mahlzeit eingenommen. Gelegentlich wird eine vierte Pille verschrieben, die man gegen vier Uhr nachmittags einnimmt, da das Mittagessen bei den Tibetern um zwölf eingenommen wird. Hier in Mexiko und anderen südlichen/lateinamerikanischen Ländern muss man, wenn man vier verschiedene Pillen verschrieben bekommen hat, die, die man zum Mittagessen nehmen soll, um zwölf Uhr nehmen, und die, die für vier Uhr gedacht ist, nach der Nachmittagsmahlzeit.

Einer der größten Vorteile der tibetischen Medizin ist es, dass es in fast allen Fällen – bis auf wenige Ausnahmen – keine Nebeneffekte gibt. Sie funktioniert jedoch ein bisschen wie homöopathische Medizin, nicht in dem Sinne, dass es sich um Mikro-Dosen handelt, sondern dass die Medizin die Krankheit erst sammelt, so dass sie konzentriert wird. Dann zerstört sie sie. Aus diesem Grund wird die Krankheit in vielen Fällen, wenn auch nicht immer, zu Anfang ein bisschen schlimmer. Das ist einfach ein Zeichen, dass die Medizin die Krankheit zusammenzieht, so dass sie sie loswerden kann. Man muss Geduld haben und die Anfangsphase durchstehen.

Beim Einnehmen der Medizin ist es wichtig, sie zu kauen, nicht nur, um sie richtig verdauen zu können, sondern auch, um sie zu schmecken. Der Geschmack ist gewöhnlich ziemlich scheußlich. Sie kann einen Geschmack haben, den man sich nicht einmal vorstellen kann. Der Geschmack ist wichtig, denn er regt verschiedene Sekretionen im Mund und im Verdauungstrakt an. Die Medizin wirkt teilweise dadurch, dass sie den Körper dazu anregt, verschiedene Enzyme und so weiter zu produzieren. Man muss etwas Geduld mit dem Geschmack der Medizin haben.

Es ist recht interessant, dass die Nahrungsmittel und die verschiedenen Bestandteile der tibetischen Medizin nach ihrem Geschmack unterteilt werden, nicht nach der chinesischen Unterteilung der fünf Elemente oder nach Yin und Yang, noch nach der ayurvedischen Unterteilung in die drei Qualitäten von Rajas, Sattva und Tamas. Tibetische Ärzte unterteilen sie gemäß vorrangigem Geschmack und Nachgeschmack. Bestimmte Geschmacksrichtungen sind angemessen für bestimmte Arten von Erkrankungen.

Es gibt auch ein System von ungefähr achtzehn Eigenschaften von Nahrungsmitteln und Kräutern. Hierbei ist interessant, dass der Ort, an dem die Nahrungsmittel oder Kräuter wachsen, Auswirkungen auf ihre Qualität hat. Etwas, das an einem windigen Ort wächst, wird eine bestimmte Qualität haben, die anders ist als die von etwas, das an einem trockenen Ort wächst. Das wird ein ziemliches Problem, wenn es darum geht, medizinische Pflanzen anzubauen, weil sie in ihrem natürlichen Lebensraum wachsen müssen.

Massage und Akupunktur

In der tibetischen Medizin wird kein besonderer Wert auf Massage gelegt. Es gibt ein bisschen Einreiben von medizinischen Ölen bei bestimmten Krankheiten, aber es wird ohne eingreifende Massage eingerieben. Tibetische Medizin arbeitet auch nicht an der Aura, wie es das japanische Reiki-System tut. Es gibt eine Form von Akupunktur, die sich von der chinesischen Akupunktur unterscheidet. Die Akupunkturpunkte sind unterschiedlich und die Beschreibungen der Kanäle, in denen sich die Energien durch den Körper bewegen, weichen auch von einander ab. Die Form der Nadeln, die benutzt werden, ist auch verschieden. Tibeter benutzen Nadeln aus unterschiedlichen Materialien. Am häufigsten wird eine Goldnadel benutzt. Man sticht sie in den weichen Bereich auf dem Scheitel des Kopfes, um bestimmte Nerven anzuregen. Dies wird bei Störungen wie Epilepsie benutzt.

Brandbehandlung

Moxa ist die Anwendung von Hitze oder Brand auf verschiedene Körperteile. Dies wird an denselben Punkten vorgenommen wie bei einer Akupunktur. In Höhenlagen und kalten Orten ist Moxa effektiver; in heißeren Gegenden von geringer Höhe sind Nadeln an denselben Punkten effektiver. Für spezifische Krankheiten wird jedoch eine Moxa-Anwendung empfohlen.

Die Theorie dahinter ist, dass eine Blockade im Fluss der Energie durch den Zentralkanal besteht und dass die Blockade durch Erhitzen oder Anregen dieser Punkte mit Nadeln beseitigt wird. Das Erhitzen oder die Brandbehandlung kann in unterschiedlicher Intensität erfolgen. Die sanfteste Form geschieht mit einer bestimmten Art von Stein, der mit einem hölzernen Griff versehen ist. Es ist ein weißer Stein mit schwarzen Streifen, den man Zi nennt, ein sehr besonderer Stein, den man in Tibet finden kann. Er wird durch Reibung auf einem Holzbrett erhitzt und dann auf spezifische Punkte des Körpers gehalten. Das ist sehr effektiv. Ich habe mich dem wahrscheinlich schon hundertmal unterzogen, wegen unterschiedlicher Erkrankungen. Lassen Sie es mich beschreiben.

Ich hatte erste Anzeichen von rheumatischer Arthritis, und hatte daher Knoten in den Schultern und Hüften, die Schmerzen bereiteten. Der Arzt gab mir Medizin, die das, was die Tibeter „Lymphe“ nennen, in diese Schmerzpunkte zog, und dann behandelte er sie mit Hitze. Er tat das über drei oder vier Jahre hinweg. Die Verbrennung ist nicht schlimm, es ist wie ein Brandfleck von Zigarettenglut und tut nicht sonderlich weh, auch wenn es aussieht wie im Mittelalter. Ich weiß nicht, wie ich das vom Standpunkt der westlichen Medizin beschreiben soll, aber meine eigene Interpretation dessen, was da geschah, war, dass es eine Art Schwellung innerhalb der Lymphknoten bei den Gelenke gab. Als der Arzt die Hitze auf diese Punkte anwendete, bildete sich aus der Flüssigkeit in diesen Punkten, die den schmerzvollen Druck verursachte, eine Blase, denn der ursprüngliche Schmerz war sofort vorbei, sobald die Hitze angewandt wurde. Eine andere Weise, dies zu betrachten, ist, dass der Körper, wenn er an bestimmten Stellen verbrannt wird, Alarm schlägt und enorme Mengen an weißen Blutzellen an diesen Ort kommen und dort helfen, jegliche vorhandene Störung neben der Verbrennung zu heilen. Ich fand diese Behandlung sehr hilfreich und wurde geheilt.

Ich hatte eine weitere Krankheit. Manchmal, wenn man viel in den Bergen unterwegs ist, immer hoch und runter, reibt eine Sehne gegen die Kniescheibe, was ziemlich wehtut. Ich bin zu einem westlichen Arzt gegangen, der sagte: „Tragen sie einfach eine elastische Binde, wann immer sie unterwegs sind.“ Vielen Dank. Ich hatte eine chinesische Akupunkturbehandlung und es hat überhaupt nichts genützt. Irgendwann kam ich zurück nach Indien und ging zu meinem tibetischen Arzt. Er machte eine Brandbehandlung direkt auf dem Knie und einer anderen Stelle auf dem Oberschenkel und ich war völlig kuriert. Aus meiner persönlichen Erfahrung finde ich Moxa-Brandbehandlung eine sehr effektive Behandlungsart.

Eine kraftvollere Art der Brandbehandlung wird mit einem Eisen- oder Silberschürhaken ausgeführt, der in Kohlen bis zur Glut erhitzt wird. Ich habe gesehen, wie diese Methode bei Rückgradbeschwerden benutzt wurde, wenn etwas mit einer Bandscheibe nicht in Ordnung war oder sich die Wirbel verschoben hatten. Man verbrennt bestimmte Punkte neben der Wirbelsäule und das versetzt den Körper in einen solchen Schock, dass er sich automatisch selbst korrigiert. Auch das sieht sehr mittelalterlich aus, aber es funktioniert.

Die schwerwiegendste Art der Brandbehandlung besteht im Verbrennen eines kleinen Kegels aus einer bestimmten Paste. Er brennt langsam nieder. Diese Art des Verbrennens wird für schwere Arthritis und Rheuma verwandt, wenn man die Gelenke nicht mehr bewegen kann.

Andere Behandlungsarten

Es gibt bestimmte Salben, die aus Öl oder Butter, vermischt mit verschiedenen Kräutern, hergestellt und bei Hautkrankheiten angewandt werden. Es gibt sogar Einläufe auf Kräuterbasis, die hilfreich bei Darmerkrankungen sind. Auch bestimmte Arten von Pulver werden hergestellt, die man bei Nebenhöhlenproblemen einschnupft. Die Tibeter nutzen auch häufig die Wirkung von heißen Mineralquellen.

Ausbildung

Das System der tibetischen Medizin erfordert eine sehr lange Ausbildungszeit. Ärzte absolvieren gewöhnlich eine siebenjährige Ausbildung und lernen dabei nicht nur, wie man Menschen heilt, sondern auch wie man Tiere behandelt; sie lernen nicht nur die Heilkunde sondern auch die Arzneikunde. Sie lernen, wie man die medizinischen Pflanzen bestimmt, wo man sie sammeln kann und wie man die Mittel herstellt.

Astrologie

Zum tibetischen System und Studium gehört auch ein gewisses Maß an Astrologie. In der tibetischen Astrologie ist ein Aspekt das Tier des Jahres, in dem man geboren wurde. Für jedes Tier sind bestimmte Tage der Woche lebensfördernd oder tödlich. Wenn der Arzt einen starken Eingriff wie eine Brandbehandlung vornehmen möchte, wird er, wenn die Zeit es gestattet, die Astrologie zu Rate ziehen, um den besten Tag der Woche zu bestimmen. Das ist nicht immer möglich, zum Beispiel bei einem Notfall oder wenn man nicht genug Zeit hat.

Chirurgie

Die tibetische Medizin besaß in alten Zeiten eine Form der Chirurgie. Wir haben Abbildungen von Operationsbestecken in den Texten. Doch einmal führte ein Arzt an einer Königin eine Herzoperation durch, die missglückte. Von da an waren Operationen und chirurgische Eingriffe verboten. Die tibetische Medizin kann viele Dinge mit Kräutern behandeln, die im Westen einer Operation bedürfen, wie Blinddarmentzündungen. Wenn wir einen Autounfall hätten, kann die tibetische Medizin uns beim Richten der Knochen helfen; es gibt sehr gute Medizin für Schockzustände und für die Beschleunigung des Heilungsprozesses, doch wenn wir wirklich eine Form von Operation brauchen, sind wir besser beraten, einen westlichen Arzt aufzusuchen.

Der Punkt ist, dass wir nicht unsere gesamte Hoffnung in nur einen einzigen medizinischen Ansatz legen sollten. Unterschiedliche medizinische Systeme aus der ganzen Welt sind hilfreich für bestimmte Arten von Problemen. Es gibt bestimmte Dinge, die die tibetische Medizin nie heilen konnte, wie Pocken oder Tuberkulose. Doch sie hat ausgezeichnete Heilmittel für andere Dinge, die wir im Westen nicht behandeln können, wie Arthritis und Hepatitis. Bestimmte – nicht alle – Arten von Krebs sprechen recht gut auf tibetische Medizin an. Selbst wenn sie den Krebs nicht heilen kann, kann sie den Schmerz lindern und die Lebensqualität eines Sterbenden verbessern.

Moderne Anpassungen

Es ist auch recht interessant, dass die alten Texte voraussagten, dass in der Zukunft neue Krankheiten entstehen würden. Jetzt haben wir Krankheiten wie AIDS und Krankheiten, die durch Schadstoffe verursacht sind. Die Formeln für die Herstellung von entsprechenden Medikamenten befinden sich in den Texten, sind aber nicht leicht verständlich. Dr. Tenzin Choedak, dem vorrangigen Arzt Seiner Heiligkeit des Dalai Lama, gelang es, diese Formeln zu entschlüsseln und neue Medikamente herzustellen.

Viele dieser Medikamente werden aus entgiftetem Quecksilber hergestellt. Es wird mit anderen Ingredienzien jeweils mehrere Monate lang gekocht, in einem sehr langsamen Entgiftungsprozess. Diese Art von Medizin hat sich als sehr hilfreich bei Krankheiten aufgrund von Schadstoffbelastung erwiesen – und schrecklich viele unserer modernen Krankheiten sind mit Schadstoffen verbunden. Diese Art von Medikamenten war recht erfolgreich bei der Behandlung von Menschen, die von der indischen Chemiekatastrophe in Bhopal betroffen waren. Ich hatte die Ehre, vor ein paar Jahren mit Dr. Tenzin Choedak nach Russland zu reisen, wo er auf Einladung der russischen Gesundheitsbehörden diese Medikamente an Strahlungsopfern aus Tschernobyl testete. Die ersten Ergebnisse waren sehr ermutigend. Auch wenn das tibetische Heilsystem alt und kompliziert ist, kann es sich also auch an moderne Krankheiten anpassen und bei vielen Störungen sehr nützlich sein.

Eine realistische Einstellung gegenüber der Behandlung

Wir sollten uns von der Einnahme tibetischer Medizin keine Wunder erhoffen. Wir müssen auch Karma mit berücksichtigen. Zwei Menschen mit genau der gleichen Krankheit können genau die gleiche Medizin einnehmen und sie wird beim einen wirken und beim anderen nicht. Es gibt viele Faktoren, die daran beteiligt sind. Einer ist die karmische Verbindung aus vergangenen Leben mit einer bestimmten Art der medizinischen Behandlung und einem bestimmten Arzt. Hat man nicht die karmischen Kräfte aufgebaut, um von einer Krankheit geheilt zu werden, wird uns nichts helfen können, ganz gleich, welche Art von Medizin oder welche Art von Arzt wir auch haben. Wir müssen realistisch sein, wenn wir mit einem medizinischen Ansatz Kontakt aufnehmen, einschließlich dem tibetischen. Wir müssen auch versuchen, eine positive Geisteshaltung zu haben, da das mit Sicherheit Auswirkungen auf das Immunsystem hat. Doch wir sollten keine Wunder erwarten und dann den Arzt verklagen, wenn die Medizin nicht so wirkt, wie wir es uns gewünscht haben.

Fragen und Antworten

Frage: Könnten Sie ein bisschen etwas über Heilrituale sagen?

Antwort: Die Diskussion über Heilrituale ähnelt dem, was wir in Hinblick über Karma gesagt haben. Eingebildete oder psychosomatische Krankheiten, die von schädlichen Kräften verursacht sind, werden im Allgemeinen mit Ritualen und Gebeten behandelt. Oft lassen Tibeter Pujas oder Gebete als Ergänzung zur ärztlichen Behandlung durchführen. Man lässt nicht nur die Puja durchführen, ohne Medikamente zu nehmen. Würde man dies tun, wäre es wie im folgenden Witz:

Ein Mann betete zu Gott, ihm zu helfen. Schließlich fragte Gott: „Was willst du?“ Der Mann antwortete: „Ich möchte im Lotto gewinnen“. „In Ordnung.“ Der Mann wartete und wartete und nichts geschah. Dann fing er wieder an zu beten: „Gott, warum hast du mich verlassen?“ Gott antwortet: „Du Idiot, kauf dir einen Lottoschein!“

Die Rituale werden keine Wirkung haben, solange wir nicht das Lotterielos kaufen, solange wir nicht die Medizin einnehmen. Dann können sie von gewisser Hilfe sein, aber auch sie werden keine Wunder vollbringen. Sie werden nur helfen, wenn wir das karmische Potential haben, dass uns diese Art von Ritual helfen kann. Man muss diese Rituale realistisch sehen. Sie können uns helfen, unsere Zuversicht zu stärken, aber sie werden wirklich nur als Ergänzung zu einer medizinischen Behandlung ausgeführt. Sie haben keine Zauber- oder Wunderkräfte.

Frage: Können Sie uns ein bisschen etwas über Medizin sagen, die aus Edelsteinen hergestellt wird?

Antwort: Die tibetische Medizin hat so genannte „kostbare Pillen“, die gewöhnlich aus entgiftetem Quecksilber und Edelmetallen hergestellt sind. Ich weiß, dass dafür Diamantstaub, Gold und Silber benutzt wird. Es werden auch bestimmte Mineralien verwendet, aber ich weiß nichts Genaues darüber. Diese kostbaren Pillen werden zur Entgiftung und so weiter verwendet. Sie sind meist in farbige Seide gewickelt und mit einem Wachssiegel versehen, weil sie lichtempfindlich sind. Wir müssen versuchen, sie nicht dem Licht auszusetzen. Manchmal muss man sie erst einweichen, in einer Porzellantasse mit einem Deckel. Oder wir schneiden die Seide einfach auf und werfen uns die Pille direkt in den Mund.

Frage: Als Sie von Winderkrankungen geheilt wurden, haben Ihnen die Ärzte empfohlen, in heißem oder in kaltem Wasser zu baden?

Antwort: Nein, sie haben nichts speziell zum Baden gesagt. Einige Windstörungen werden als heiß und andere als kalt verstanden. Bei einigen ist es wichtig, sich warm zu halten; in diesem Fall kann ein heißes Bad also hilfreich sein, aber keine Sauna. Wir können sehen, dass es bei Winderkrankungen nicht gut ist, in die Sauna zu gehen, und es erhöht den Blutdruck. Hitze ist ziemlich schädlich bei Gallenerkrankungen. Bei Schleimstörungen ist es sehr hilfreich zu schwitzen, weil der überschüssige Schleim herauskommt, ein Saunabesuch wäre also sehr gut in diesem Fall.

Frage: Ist es möglich, Krankheiten zu entdecken, die noch keine Symptome zeigen?

Antwort: Die Tibeter können auf jeden Fall Krankheiten behandeln, die nur potentiell vorhanden sind. Ich nehme aus diesem Grunde gerade Medizin für meine Augen, die schwächer werden. Ich muss feststellen, dass ich bis jetzt noch keine Probleme mit meinen Augen hatte. Aber solch eine Behandlung ist gewöhnlich langfristig angelegt.

Frage: Wenn wir nicht die Möglichkeit haben, zu einem tibetischen Arzt zu gehen, was steht uns in unserer Kultur zur Verfügung, das dem am nächsten kommt, besonders wenn wir tibetische Medizin nehmen und sie uns ausgeht?

Antwort: Es lässt sich schwer sagen, welches westliche System das Ähnlichste ist. Außerhalb der westlichen Behandlungsmethoden kommt dem wahrscheinlich die chinesische oder ayurvedische Medizin am nächsten. In der tibetischen Tradition erhält man manchmal ein Pulver, aus dem man eine Art Tee macht, aber es ist nicht wie die Tees im chinesischen System. Im chinesischen System vermischt man die Ingredienzien nicht, man erhält einfach nur vier oder fünf einzelne Zutaten und dann muss man sich den Tee selbst bereiten. Heutzutage stellen die Chinesen Pillen her, traditionell war das nicht der Fall.

Wenn wir feststellen, dass die tibetische Medizin wirkt, können wir sie nachbestellen. Wenn wir ein Rezept haben, können wir eine Kopie davon machen und eine Probe des ersten Morgenurins in einer kleinen unzerbrechlichen Plastikflasche mitsenden. Für den Zoll können wir einfach „Urinprobe“ draufschreiben.

Frage: Welche Hygienemaßstäbe werden bei der Herstellung dieser Medizin beachtet?

Antwort: Die medizinischen Pflanzen werden gewaschen und in der Sonne getrocknet, aber ich glaube nicht, dass es westlichen Hygienebestimmungen standhalten würde. Ich habe jedoch noch nie davon gehört, dass jemand Magenprobleme davon bekommen hat. Ich weiß nur von einem alten Mann mit Krebs im fortgeschrittenen Stadium, der von der Medizin Durchfall bekam.

Frage: Wäre der Urin in der kleinen Plastikflasche nicht verunreinigt?

Antwort: Nun, wir würden das Shampoo hoffentlich vorher ausspülen! Plastik reagiert nicht sehr mit Urin.

Frage: Kann man eine Behandlung mit tibetischer Medizin mit westlicher Medizin kombinieren?

Antwort: Das wird manchmal gemacht. Es empfiehlt sich, dass wir die Medikamente nicht zur selben Zeit einnehmen, sondern ein paar Stunden dazwischen verstreichen lassen. Manchmal können starke Vitamintabletten unseren Urin verfärben, daher ist es am besten, wenn man am Tag vor dem Besuch beim tibetischen Arzt keine Vitamine zu sich nimmt, besonders kein Vitamin B.

Frage: Wenn der Patient nicht heilbar ist, wenden tibetische Ärzte jemals Euthanasie an?

Antwort: Nein, das tun sie nicht. Sie versuchen den Schmerz auf ein Minimum zu verringern und es dem Patienten so erträglich wie möglich zu machen. Die buddhistische Einstellung ist es, das Karma von allein zu Ende kommen zu lassen. Und sie hatten natürlich auch keine Maschinen, die das Leben künstlich verlängern würden.

Frage: Hunde zum Beispiel werden im Westen oft eingeschläfert. Würden sie das tun?

Antwort: Aus buddhistischer Sicht ist das nicht ratsam. Natürlich hängt das von der Situation ab. Wir müssen jeden Fall einzeln beurteilen. Seine Heiligkeit der Dalai Lama sagt dasselbe. Wenn wir uns in einer Situation befinden, wo es nur wenige Medikamente gibt, und wir die Wahl haben, eine enormes Maß an Mitteln aufzubringen, um jemanden künstlich am Leben zu halten, der sowieso sterben wird, und es andere gibt, bei denen es möglich ist, dass sie wieder gesund werden, und denen dieselben Mittel nutzen würden, dann muss man Entscheidungen treffen, so schwer es auch fällt.

Frage: Gibt es zeitliche Begrenzungen in der Behandlung verschiedener Krankheiten?

Antwort: Das weiß ich nicht. Tibeter würden oft einen Lama um eine Weissagung bitten, entweder bevor sie eine Behandlung beginnen oder wenn eine Behandlung erfolglos war. Der Lama empfiehlt dann, dass ein bestimmtes Ritual oder eine Puja durchgeführt wird, um die Behandlung zu unterstützen. In Indien würde man oft fragen, welchen medizinischen Ansatz man wählen sollte, den westlichen oder den tibetischen, und innerhalb des tibetischen Ansatzes, welchen Arzt man am besten konsultieren sollte. Bestimmte Menschen haben vielleicht eine bessere karmische Verbindung mit einem Arzt als mit einem anderen, oder ein Arzt ist vielleicht besser als ein anderer bei der Behandlung einer bestimmten Krankheit.

Im Westen ist es schwierig, solch eine Prognose zu stellen. In der tibetischen Medizin gibt es für die meisten Dinge kein Sofortheilmittel. Wenn wir einen Asthmaanfall haben, wird tibetische Medizin nicht wie ein Spray automatisch unsere Lungen weiten. Doch einmal hatte ich in Indien die Gelbsucht und konnte nach anderthalb Tagen mit tibetischer Medizin wieder aufstehen, was im Westen unmöglich gewesen wäre.

Frage: Gibt es eine Mischung von tibetischer Medizin und dem Shamanismus der Bön-Religion?

Antwort: Das ganze Prognosesystem, um herauszufinden, welches Ritual angemessen oder unangemessen wäre und welche Geister beteiligt sein mögen, stammt aus der Bön-Tradition. Astrologie gab es im Bön-System auch.

Frage: Wie geht tibetische Medizin mit Zähnen um?

Antwort: Wie ich zu Beginn sagte, ich bin kein Arzt, daher kann ich keine spezifischen technischen Fragen beantworten. Es tut mir leid. Ich weiß aber, dass man gewöhnlich sagen würde, Zahnprobleme seien von Mikroben verursacht, was wir bei Karies auch sagen würden. Sie haben keine ausgeklügelte Zahnheilkunde oder Zahntechnik. Ich habe nie etwas wie eine Zahnbehandlung gesehen. Es gibt das „Beseitigen des Wurmes aus dem Zahn“, was meines Wissens bedeutet, den Nerv zu ziehen. Außer dass verfaulte Zähne einfach gezogen werden, gibt es, glaube ich, keine spezielle Zahnmedizin. Als Volk haben die Tibeter erstaunlich gute Zähne. Ich glaube, das könnte daran liegen, dass Milchprodukte über so viele Generationen hinweg einen wichtigen Platz in ihrer Ernährung eingenommen haben.

Frage: Dr. Choedak hat gesagt, dass bestimmte Krankheiten von Geistern verursacht werden. Könnten Sie mehr dazu sagen?

Antwort: Ich habe das erwähnt, als ich von der Gruppe der eingebildeten Krankheiten sprach. Ich glaube, viel hängt davon ab, wie wir Geister verstehen, ob das nun ein Gespenst mit einem weißen Bettlaken bedeutet, das Buh! sagt, oder ob wir es eher metaphorisch verstehen, wie als schädliche Kräfte eines Krieges, der jemanden zum ausflippen bringt. Die umstandsbedingten Ursachen eines Nervenzusammenbruchs oder Umweltbedingungen könnten als schädliche Geister gesehen werden. Die Tibeter sprechen oft von Krankheiten, die von Nagas verursacht werden. Nagas sind eine Art von Geistern, die mit Seen, Bäumen und Wäldern verbunden sind, und wenn wir ihr Territorium verschmutzen, bereiten sie uns Probleme. Das ist eine Art und Weise, wie wir Krankheiten betrachten können, die aus der Zerstörung der Umwelt herrühren.

Frage: Wie ist es mit Krankheiten, die durch schwarze Magie oder Hexerei verursacht sind?

Antwort: Es gibt Rituale, die die Tibeter benutzen, um solche Dinge zu überwinden. Die Tibeter nehmen all das oft sehr ernst. Es würde in die Kategorie der eingebildeten Krankheiten fallen. „Eingebildet“ ist nicht die beste Weise, dieses Wort zu übersetzen, aber das ist die wörtliche Bedeutung.

Frage: Gibt es spezifische Meditationen für spezifische Arten von Krankheit?

Antwort: Ich habe noch nichts von Meditationen gegen Erkältung im Gegensatz zu Meditationen gegen Bauchschmerzen gehört, aber es gibt zweifellos Heilmeditationen, die auf alle Arten von Krankheiten angewendet werden können. Sie werden meist mit Visualisationen von spezifischen Buddhaformen durchgeführt, wie von Tara, dem Medizinbuddha oder Amitayus. Sie werden gewöhnlich im Hinblick auf die fünf Elemente vorgenommen, die ich oben erwähnte; man stellt sich dabei vor, dass ein Element nach dem anderen geheilt wird. Wir können uns auch einen anderen Menschen, der krank ist, in unserem Herzen vorstellen und dann dieselbe Art von heilender Visualisation durchführen. Dann gibt es die heilende Meditation namens „Geben und Nehmen“, die wieder mit Hilfe der Vorstellungskraft durchgeführt. In der tibetischen Medizin oder Meditation gibt es kein Händeauflegen. Wir stünden wie ein absoluter Narr da, wenn es nicht funktioniert – und in vielen Fällen wird es nicht funktionieren; daher ist es gefährlich so zu tun, als ob es uns gelänge. Visualisationen, in denen man die Krankheiten anderer Menschen auf sich nimmt und ihnen gute Gesundheit gibt sind das Gängigste.

Es gibt natürlich nichttibetische Ansätze wie Reiki und so weiter, bei denen man mit den Händen heilt. Aus tibetisch-buddhistischer Sicht wird diese Art von Heilung nicht nur durch die physische Einwirkung vollbracht, wie durch das Auflegen der Hände, sondern durch eine geistige Handlung des Heilens.

Ganz gleich, welches System wir benutzen, es wird Fälle geben, in denen es nicht funktioniert. Es hängt davon ab, wie wir es darstellen. Wenn wir etwas als eine Methode darstellen, die funktioniert, und dann tut sie es nicht, machen wir uns zum Narren. In jedem medizinischen Ansatz sagt man am besten, es kann sein, dass es funktioniert; wir werden es probieren und dann weitersehen.

Frage: Gibt es Exorzismus in der tibetischen Medizin?

Antwort: Nicht in der tibetischen Medizin selbst, aber in den Ritualen, die als Ergänzung der Behandlung ausgeführt werden können.

Widmung

Lassen Sie uns dies mit einer Widmung abschließen: Möge jede positive Energie oder alles Potential, das hierdurch aufgebaut wurde, dazu beitragen, dass wir unsere Krankheiten, Unzulänglichkeiten und Probleme überwinden. Möge jeder in der Lage sein, zu guter Gesundheit zu gelangen und all sein positives Potential zu verwirklichen, um allen anderen auf beste Weise helfen zu können.