Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

Zur Textversion für diese Seite wechseln. Zur Haupt-Navigation springen.

Startseite > Historische, kulturelle und vergleichende Studien > Buddhismus und Islam > Das Verhältnis der Hui-Muslime mit den Tibetern und Uiguren, 1996

Das Verhältnis der Hui-Muslime mit den Tibetern und Uiguren, 1996

Alexander Berzin
November 1996
Übersetzung ins Deutsche: Nailu Sari

Die Uiguren

Die beiden größten islamischen Minderheiten in der Volksrepublik China sind die Uiguren und die Hui. Beide Gruppen sind Anhänger des sunnitischen Islams, der sich bei ihnen mit mehreren Schulen des zentralasiatischen Sufismus vermischt. Das Turkvolk der Uiguren stammte ursprünglich aus der Region der Altai-Berge nördlich der Westmongolei. Nach ihrer Herrschaft über die Mongolei vom frühen achten bis zur Mitte des neunten Jahrhunderts u. Z. emigrierten die Uiguren nach Ostturkistan (Chin.: Xinjiang). Seitdem sind sie die vorherrschende ethnische Gruppe und sprechen ihre eigene Turksprache. Die Uiguren sind dennoch kein einheitliches Volk. Wie in der Vergangenheit identifizieren sie sich vor allem mit ihrer jeweiligen Oasenstadt. Der Begriff „Uiguren“, mit dem sie allesamt bezeichnet werden, wurde tatsächlich erst seit dem späten 19. Jahrhundert verwendet, um sich zu einem gemeinsamen Widerstand gegen die Herrschaft der mandschurischen Qing-Dynastie zusammen zu schließen. 

Insgesamt sind die Uiguren ein entspanntes und sanftmütiges Volk, das wie die Tibeter, keiner protestantische Arbeitsethik folgt. Sie sind lebenslustig und betrachten die Arbeit nicht als Wert an sich. Der Grad ihres Wissens und ihrer Praxis des Islams ist relativ gering. Ihre Moscheen als auch ihre Gebräuche folgen zentralasiatischen Konventionen. Die Uiguren in den zentralen und nördlichen Teilen von Xinjiang sind heutzutage stark sinisiert (chinesisch geprägt) worden. Meistens gehen nur die alten Menschen in die Moscheen, die sich in keinem guten Zustand befinden. Der Islam ist unter den Uiguren im südlichen Xinjiang, wo es eine relativ geringe Präsenz von Han-Chinesen gibt, stärker verbreitet und wird dort in traditionellerer Weise praktiziert als unter den Hui. 

Die Hui

Die Hui haben unterschiedliche ethnische Wurzeln, hauptsächlich arabischen, persischen, zentralasiatischen und mongolischen Ursprungs, und sind in ganz China ansässig. Sie siedelten sich Mitte des siebten Jahrhunderts ursprünglich als Händler und Berufssoldaten an. Mitte des 14. Jahrhunderts wurden sie gezwungen, sich mit den Han-Chinesen durch Heirat zu vermischen. Infolgedessen sprechen sie Chinesisch, all ihre Gebräuche und Moscheen orientieren sich an dem chinesischen Stil. Die anderen muslimischen Minderheiten Chinas zeigten sich traditionell sehr kritisch in Bezug auf die Vorgehensweise der Hui, die islamischen Praktiken an den Lebensstil der Han-Chinesen anzupassen. 

Im Allgemeinen fehlt den Hui die entspannte Lebenshaltung, die man im Mittleren Osten und in Zentralasien findet. Vielmehr teilen sie die aggressiven Bestrebungen der Chinesen, hinsichtlich Handel und Geld. Wie die Tibeter tragen viele von ihnen Messer bei sich und benutzen sie schnell. Die Hui werden in zwei Hauptgruppen eingeteilt. Die Westlichen Hui leben in Ningxia, im südlichen Gansu und im östlichen Qinghai an der Grenze zu Amdo (nordöstliches Tibet). Die Östlichen Hui dagegen sind in Nordchina und im Osten der Inneren Mongolei verstreut. 

Die Westlichen Hui

Unter den Westlichen Hui spielt der Islam als vereinende Kraft eine relativ große Rolle, die weiter an Bedeutung zunimmt. Sowohl junge als alte Menschen gehen in die Moscheen, die als sozialer Treffpunkt zum Austausch von Informationen dienen. Diese Moscheen sind viel wohlhabender und werden besser in Schuss gehalten als die uigurischen Pendats. Obwohl es in der kulturellen Hauptstadt der Hui, Lingxia, islamische Schulen gibt, in denen vor allem die Lehren der traditionellen Sufigruppierungen vermittelt werden und in denen es sogar einige Meditationsmeister gibt, weiß der Großteil der Westlichen Hui kaum irgendetwas Tiefgehendes über den Islam. 

Die Westlichen Hui scheinen den gegenwärtigen Druck der Sinisierung besser standzuhalten als die Uiguren, was möglicherweise daran liegt, dass sie schon so sinisiert sind und ausschließlich Chinesisch sprechen. Ein Beispiel: unter den Uiguren tragen nur die Frauen abgelegener Dörfer in Süd-Xinjiang Kopftücher, während die Frauen der Westlichen Hui diese sogar in Städten tragen, die von Han-Chinesen dominiert werden. 

Die Östlichen Hui

Die Östlichen Hui sind weniger traditionsgebunden als die Westlichen Hui. Obwohl etwa achtzig Prozent von ihnen, ob jung oder alt, dem Islam folgen, kommen nur wenige zum Gebet. Die Östlichen Hui schlachten ihre Tiere weiterhin nach den „Halal“ -Vorschriften und essen kein Schweinefleisch. Trotzdem rauchen viele Hui und trinken Alkohol, was gegen den Koran verstößt. Einige Hui befolgen die Fastenzeit des Ramadans, doch nur wenige ihrer Männer werden beschnitten und ihre Frauen tragen keine Kopftücher. 

Die privilegierte Position der Hui

Die Hui genießen in der Volksrepublik China weit mehr Privilegien als die anderen Nicht-Han-Minderheiten, was vor allem daran liegt, dass sie sich diplomatisch verhielten und zu guter Zusammenarbeit fähig waren. Auf Grund dieser Art von Kooperation und des diplomatischen Eintretens sowohl für den Maoismus als auch den Islam, plus dem von Ländern des Mittleren Ostens ausgeübten Druck auf China, den Islam zu respektieren um Handelsprivilegien zu erhalten, wurden zahlreiche neue Moscheen errichtet. Diese wurden vor allem von den Hui und nicht von den Uiguren erbaut. 

Die Migration der Hui

Jahrhundertelang haben sich die Hui in ganz China verbreitet und niedergelassen, vor allem als Händler. Sogar während der mongolischen Yuan-Dynastie begleiteten Muslime die mongolischen Tribut-Gesandtschaften nach Beijing, um Handel zu treiben. Die Uiguren und die tibetischen Muslime sind im Gegensatz dazu in ihren Heimatländern isoliert geblieben. Dieser Unterschied liegt vielleicht daran, dass die Hui von Händlern und Söldnern abstammten. Die Uigu­ren und die tibetischen Muslime hingegen wurden aus ihren Heimatländern in der Mongolei, beziehungsweise aus Kashmir, vertrieben und gelangten als Flüchtlinge in die Gegend, die sie heute bewohnen. Daher ist die gegenwärtige Einwanderung muslimischer Händler nach Zentraltibet nichts Neues in der Geschichte der Hui. Sie werden von den Han-chinesischen Behörden nicht nach Tibet zwangsumgesiedelt. Vielmehr siedeln sie sich in Eigeninitiative an, mit der Motivation Geschäfte zu machen. 

Die Westlichen Hui haben sich nicht nur in Tibet angesiedelt, sondern auch in ganz Gansu und Xinjiang, wo sie die Pioniere der han-chinesischen Besiedlung sind. Sie eröffnen Restaurants und Geschäfte an allen Straßen, und sobald sich eine kleine Anzahl von ihnen in einem Ort zusammengefunden hat, errichten sie eine Moschee. Diese dient dann meistens als sozialer Treffpunkt um die Gemeinschaft zusammenzuhalten – religiöser Eifer ist hier nicht im Spiel. Nicht nur die Tibeter ärgern sich über die Einwanderung der Hui, sondern auch die Uiguren. Obwohl die Armee und die Bürokratie der Han-Chinesen als erste Einzug hielten, haben sich die Händler und Geschäftsleute der Han nur im Windschatten der Hui verbreitet, da ihnen deren Pioniergeist fehlte. 

Unterschiede zwischen der Mentalität der Tibeter und der Hui

Zahlreiche Tibeter haben weiterhin eine nomadische Mentalität mit einer wilden Sehnsucht nach Unabhängigkeit – besonders, was die Bewegungsfreiheit angeht. Im Allgemeinen mögen sie keine Routinearbeit. Auch wenn sie Ladenverkauf betreiben, öffnen sie ihre Läden nur saisonweise und sie schließen sie für ausgedehnte Ferien, Pilgerreisen, Picknicks und so weiter. Sogar in Indien reisen viele Tibeter in die indischen Städte, um Pullover zu verkaufen, auf Pilgerreisen zu gehen, buddhistische Belehrungen zu hören, und arbeiten nur einen Teil des Jahres. Im Gegensatz dazu interessieren sich die Hui wie die Han nur für Geld und Geschäfte und bleiben das ganze Jahr über von sechs Uhr morgens bis zehn Uhr abends ununterbrochen in ihren Läden und Straßenständen. 

Die Hui, die sehr erfinderisch und arbeitsam sind, haben so die Produktion und den Verkauf traditioneller tibetischer Güter übernommen. Die Tibeter können den Konkurrenzkampf mit ihnen nicht gewinnen und scheinen ihn noch nicht einmal aufnehmen zu wollen. Die Hui produzieren im tibetischen Stil Schmuck, Rosenkränze und andere religiöse Utensilien, Pferdeausrüstung, Messer, Wolle, Teppiche, Musikinstrumente, Schuhe und Nudeln. Dazu führen sie die allgegenwärtigen Restaurants. Die Han-Händler treten erst später in Erscheinung und verkaufen dann hauptsächlich moderne chinesische Produktionsgüter wie Zahnbürsten und billige chinesische Kleidung. 

Die tibetischen und uigurischen Unabhängigkeitsbewegungen

Die Tibeter und Uiguren sehen durch die Hui-Einwanderer ihre Kulturen noch stärker bedroht als durch die Han. Da die Hui und die Uiguren Muslime sind, ist es offensichtlich, dass sich die Spannung nicht auf religiösem Boden begründet, sondern auf wirtschaftlicher Konkurrenz. Die Han-Chinesen scheinen diese Spannung zu fördern und zu benutzen, um ihre Militärokkupation zu rechtfertigen, als handele es sich um eine Friedensmission, um ein weiteres Bosnien zu verhindern. 

Die tibetischen und uigurischen Bewegungen für eine echte Autonomie oder gar für die Unabhängigkeit, haben nichts mit buddhistischem oder islamischem Fundamentalismus zu tun. Sie entstehen aus dem gemeinsamen Wunsch, ihre Kulturen, ihre Religionen und ihre Sprache zu schützen, damit sie nicht von der Politik der Volksrepublik China und den Einwanderungswellen der Han und Hui erdrückt und verdrängt werden. Die Hui hingegen streben nicht nach Unabhängigkeit, weil sie mit den Han-Chinesen so viel gemeinsam haben und noch nie über einen unabhängigen Staat verfügten.