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Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Religiöse Konvertierung in Shambhala

Alexander Berzin, November 2001
Übersetzung ins Deutsche: Antje Becker
Überarbeitung: Hans-Peter Radenberg

Zusammenfassung

Sowohl der Buddhismus als auch die biblischen Religionen waren anderen Glaubensrichtungen gegenüber tolerant. Beide haben auch sowohl gewaltsame als auch subtile Konvertierungskampagnen initiiert, obwohl jede dieser Religionen verschiedene Methoden angewandt hat. Die biblischen Religionen haben die Heiligen Kriege geführt, wohingegen der erste Kalki-König Nichtbuddhisten durch eine Demonstration übersinnlicher Kräfte im Kalachakra-Mandala versammelte. Die biblischen Religionen haben ökonomische Anreize zur Konvertierung benutzt, während der Buddhismus Gebrauch von der logischen Debatte machte.

Den Buddhismus zu akzeptieren unterscheidet sich jedoch signifikant davon, zu einer biblischen Glaubensrichtung überzutreten. Es setzt nicht voraus, seinem vorherigen Glauben vollkommen abzuschwören, sondern lässt Raum dafür, dass viele seiner Erklärungen als Wegweiser auf dem spirituellen Pfad erhalten bleiben.

Seine Heiligkeit der 14. Dalai Lama rät für gewöhnlich von einer Konvertierung zum Buddhismus ab. Obwohl die Anhänger anderer Religionen wie auch nichtreligiöse Personen hilfreiche Methoden vom Buddhismus lernen mögen, kann das Verwerfen des eigenen Glaubenssystems unvorhergesehene Probleme mit sich bringen. Abgesehen von einer kleinen Minderheit, profitieren die meisten Menschen mehr davon, das Verständnis der eigenen Traditionen, in die sie hineingeboren wurden, zu vertiefen.

Analyse

Einleitung

Im Islam, Christentum und Judentum bedeutet Bekehrung, dass man seine bisherige Religion aufgibt und einen neuen Glauben annimmt. Der Anreiz dazu ist die Überzeugung, dass die neue Religion mehr der Wahrheit entspricht als die frühere. Im Kontext des „Eine Wahrheit, ein Gott“-Ethos der biblischen Religionen ist es erforderlich, die neue Religion als die einzig wahre anzusehen. Am besten ist es, wenn diese Überzeugung aus dem Studium der Lehren resultiert oder aus der Erscheinung einer Gottheit, Christus beispielsweise, unter den Menschen. Es gibt jedoch auch einige Menschen, die die Religion aus weniger tief schürfenden Gründen wechseln, zum Beispiel, weil sie sich einen wirtschaftlichen oder sozialen Gewinn davon versprechen oder einen Menschen einer anderen Glaubensrichtung heiraten möchten.

Manchmal haben Glaubenseiferer andere mit Gewalt zu ihrer Religion bekehrt – eine extreme Vorgehensweise, die offiziell nur in bestimmten Fällen erlaubt ist. Beispielsweise das gewaltsame Bekehren der Feinde ist ein Mittel, um sie zu neutralisieren und ihre Macht zu brechen. Es ist außerdem vorgeblich eine Methode, um „ Sünder“ vor der Hölle zu bewahren und sie in den Himmel zu leiten. Rehabilitationsprogramme für Gefangene, gleich ob sie darauf angelegt sind, diese zu produktiven Mitgliedern westlicher Gesellschaften oder Kadern in kommunistischen Staaten zu machen, haben dasselbe Ziel. Auch die Vorgehensweisen, mit der einige Regierungen versuchen, den Kommunismus, Kapitalismus oder sogar die Demokratie zu verbreiten, können als Beispiele für gewaltsame Bekehrungen dienen.

Viele Menschen, vor allem solche, die mit idealistischen Vorstellungen neu zum Buddhismus kommen, möchten gerne glauben, dass der Buddhismus immun gegenüber dem Phänomen der Bekehrung ist, vor allem der gewaltsamen Bekehrung. Wer die Welt in Gut gegen Böse einteilt, mit Bildern der Inquisition, böswilligen Missionaren und der Bekehrung durch das Schwert vor Augen, sieht gewaltsame Bekehrung als etwas an, das es nur bei anderen gab. Bevor Buddhisten andere Religionen oder Regierungen für dieses Phänomen verdammen, das während der dunklen Kapitel ihrer Geschichte auftrat, ist es gut zu untersuchen, ob der Buddhismus ebenfalls Missionierung kennt. Sonst könnte die verzweifelte Sehnsucht nach einer makellosen Religion und die Projektion eines Shangrila-Paradieses auf Tibet sich zum Beispiel in desillusionierte Verzweiflung und Bestürzung wandeln, so wie, wenn man der Missetaten eines Lehrers gewahr wird, von dem man gedacht hat, dass er ein Buddha sei.

Bekehrung als Schutz vor äußeren Gefahren

Der Buddhismus ist im Prinzip keine Religion, die auf Bekehrung ausgerichtet ist. Und weder die Geschichte Tibets noch die der Mongolei kennen gewaltsame Massenbekehrungen von Bevölkerungen in eroberten Gebieten zum Buddhismus. Selbst wenn die Herrscher dieser Länder den Buddhismus zur Staatsreligion erklärten, haben sie den Menschen lediglich eine Steuer auferlegt, mit der die Klöster unterstützt wurden, wie beispielsweise der tibetische König Relpachen im frühen 9. Jahrhundert. Weder die Herrscher noch deren religiöse Ratsversammlungen zwangen die Bevölkerung, den buddhistischen Glauben zu akzeptieren und zu praktizieren. Der Buddhismus verbreitete sich unter den einfachen Menschen langsam und organisch.

Dennoch gibt es eine Reihe von Fällen, in denen tibetische Klöster gewaltsam von einer anderen buddhistischen Sekte bekehrt wurden. Auch gab es tulkus (reinkarnierte spirituelle Meister), die plötzlich einer anderen Schule zugeschlagen wurden als ihre Vorgänger. Das unausgesprochene Motiv bestand meistens darin, die politische oder militärische Opposition niederzukämpfen, wie es im 17. Jahrhundert vorkam, als der mongolische Prinz Jonangpa als Wiedergeburt von Taranatha anerkannt und zu einem Gelugpa-Tulku ernannt wurde. Taranatha war der königliche Ratgeber der Gegenseite während eines Bürgerkrieges.

Padmasambhava und einige spätere tibetische Meister haben ihre überlegenen übersinnlichen Kräfte dazu benutzt, um schädliche Geister wie Nechung zu überwältigen und zu „zähmen“. Sie zwangen diese Geister, den Buddhismus zu akzeptieren, und ließen sie schwören, den Dharma zu beschützen. Sie haben die Geister bekehrt, rehabilitiert und zu sogenannten Dharma-Beschützern gemacht.

Nachweis im Kalachakra

Auf der Basis buddhistischer Schriften ist es schwierig, grobe, offensichtliche Arten der gewaltsamen Bekehrung wie diese zu rechtfertigen. Gibt es vielleicht schriftliche Belege für subtilere Formen der Bekehrung im Buddhismus? Die Kalachakra-Literatur ist eine aufschlussreiche Quelle für Nachforschungen. Sie entstand in Kaschmir und Nordindien im späten 10. und frühen 11. Jahrhundert, als muslimische Invasionstruppen Gebiete im Westen mit vornehmlich buddhistischer und hinduistischer Bevölkerung eroberten. Die in der Literatur enthaltenen historischen Abhandlungen beziehen sich auch auf die Erfahrungen in der Region zwischen dem Osten Afghanistans und Kaschmir während der vorhergehenden zwei Jahrhunderte und beschreiben die interreligiösen Beziehungen zwischen den drei dort vorhandenen Religionen.

Gemäß der traditionellen Darstellung empfing König Suchandra von Shambhala die Belehrungen des Kalachakra-Tantra vom Buddha in Südindien und brachte sie mit zurück in seinen nördlichen Landesteil. Sieben Generationen später versammelte sein Nachfolger Manjushri Yashas die brahmanischen weisen Männer von Shambhala im Palast namens „Kalachakra-Mandala“, den seine Vorfahren im königlichen Park erbaut hatten. Er wollte die Brahmanen vor einer zukünftigen nicht-indischen Religion warnen, die im Land von Mekka entstehen würde. Viele Gelehrte setzen diese Religion mit dem Islam gleich, da das vorhergesagte Jahr ihrer Gründung nur zweihundert Jahre später als der Beginn des islamischen Kalenders fällt. Nehmen wir diese Schlussfolgerung für unsere Überlegungen einmal so hin, obwohl man diese Identifizierung mit Blick auf die Formen des messianischen Islams, denen die Verfasser des Kalachakra höchstwahrscheinlich begegneten, einordnen muss.

[Siehe: Die Darstellung der Propheten der nicht-indischen Invasoren im Kalachakra.]

Manjushri Yashas beschrieb, dass die Anhänger dieser nicht-indischen Religion die Kehlen des Viehs aufschlitzten, während sie dabei den Namen ihres Gottes Bismillah (arabisch: „im Namen Allahs“) rezitierten und anschließend das Fleisch aßen. Er wies die Brahmanen an zu überprüfen, ob ihre Gläubigen die vedische Religion beachten würden. Es sei notwendig, falsche Praktiken zu korrigieren, insbesondere das Opfern von Bullen für ihren Gott und das anschließende Essen ihres Fleisches. Geschähe dies nicht, würden ihre Abkömmlinge keinen Unterschied zwischen ihrer eigenen Religion und der ihrer Vorfahren erkennen, was die Übernahme ihres Landes durch Fremde erleichtere. Außerdem mussten die Brahmanen den Brauch aufgeben, die Heirat zwischen Angehörigen verschiedener Kasten oder auch nur das Essen und Trinken mit solchen abzulehnen. Wenn laut Manjushri Yashas religiöse Gebräuche interne Spaltungen verursachen und die Menschen im Angesicht der Gefahr nicht mehr zusammenstehen können, dann kann die Gesellschaft einer äußeren Bedrohung nicht standhalten. Von der Logik seiner Argumente ausgehend lud Manjushri Yashas die Brahmanen ein, sich zusammen mit den anderen Menschen von Shambhala im Kalachakra-Palast zusammenzutun, die Ermächtigung zu empfangen und eine „Vajra-Kaste“ zu bilden. Zunächst verweigerten die Brahmanen dies und flohen in Richtung Indien. Manjushri Yashas nutzte jedoch seine übersinnlichen Fähigkeiten, um die Brahmanen ins Mandala zurückzuholen. Nachdem sie die Weisheit des Königs eingehender untersucht und die Wahrheit darin erkannt hatten, akzeptierten die religiösen Führer nun seinen Rat, und Manjushri Yashas übertrug die Kalachakra-Ermächtigung auf die Bevölkerung. Indem er die Menschen in einer einzigen Vajra-Kaste vereinigte, wurde der König zum Ersten Kalki von Shambhala – dem Ersten „Halter der Kaste“.

Das Problem der Bekehrung

Handelte es sich bei dieser ersten Massenermächtigung nun um eine gewaltsame Bekehrung der Brahmanen oder der gesamten Bevölkerung von Shambhala zum Buddhismus? Sind die Kalachakra-Masseninitiationen, die folgten und bis in die heutige Zeit stattfinden, ebenfalls Beispiele für verschleierte Bekehrungen? Stand die Vorgehensweise des Ersten Kalki im Einklang mit den Schriften und historischen Vorläufern? Analysieren wir kritisch das Ereignis in seinem Textzusammenhang, und versuchen wir die Extreme zu vermeiden, einerseits Beweise reinzuwaschen und den Buddhismus unschuldig und rein aussehen zu lassen oder anderseits den Buddhismus evangelistisch und bigott erscheinen zu lassen.

Überzeugung durch Logik

Buddha lehrte die Schüler, seine Lehren nicht nur auf Grund des Glaubens an ihn oder des Respekts ihm gegenüber zu akzeptieren, sondern sie kritisch zu überprüfen, so als ob sie Gold kauften. In den großen indischen Klosterinstitutionen des ersten Jahrtausends christlicher Zeitrechnung debattierten Mönche, die verschiedene philosophische Lehrmeinungen vertraten, miteinander und mit Gelehrten nicht-buddhistischer Lehrzentren. Die Verlierer der Debatte mussten die Lehrmeinung des Gewinners akzeptieren und sich zum logisch folgerichtigeren System „bekehren“. Sie hatten schließlich „die Lehren kritisch geprüft, so als ob sie Gold kauften.“

Ob diese Bekehrungen freiwillig oder gewaltsam erfolgten, ist ein strittiger Punkt. Einige argumentieren, dass diejenigen, die sich auf die Logik stützen, eben die schlüssigsten Ansichten annehmen und nicht irrational handeln, indem sie aus Anhaftung auf einer unterlegenen Position beharren. Man darf jedoch nicht naiv sein. Nicht jede auch noch so hochgebildete Person ist in ihrem Verhalten durchgängig rational. Darüber hinaus waren es oftmals die Könige, die solche Debatten abhielten und den Gewinnern und ihren Institutionen königlichen Schutz gewährten. Somit können Überlegungen mit Blick auf finanzielle Unterstützung ebenfalls einen Wechsel der Religion oder Philosophie beeinflusst haben.

Auch in der tibetischen Geschichte gab der König Tri Songdetsen (Khri Srong-lde-btsan) der indischen Form des Buddhismus gegenüber der chinesischen den Vorzug, nachdem der erstere den letzteren in der berühmten Debatte von Samye (bSam-yas) besiegt hatte. Bestimmt beeinflussten auch politische Gesichtspunkte die Entscheidung des Königs. Eine fremdenfeindliche Gruppe hatte seinen Vater ermordet, weil dieser wegen seiner chinesischen Ehefrau, der Königin, enge Bande zu China unterhielt, und eine prochinesische Interessengruppe am Hof erneut an Einfluss gewonnen hatte. Der König und seine religiösen Berater wollten eine Wiederholung der gewaltsamen Ereignisse der Vergangenheit vermeiden.

Bekehrung durch Wettbewerbe übersinnlicher Kräfte

Ebenso endeten Wettbewerbe im Kräftemessen übersinnlicher Kräfte sowohl in Indien als auch in Tibet mit der Bekehrung. So wie durch das Schneiden und Verbrennen die Echtheit des Goldes bewiesen werden kann, wird das Besiegen eines Gegners durch Logik oder übersinnliche Kräfte als Beweis für die überlegene Wahrheit einer Lehre angesehen. Was nun bewog den mongolischen Herrscher Khubilai (Kublai) Khan im 13. Jahrhundert dazu, die Sakya-Tradition des tibetischen Buddhismus anzunehmen? Sein Großvater, Dschingis Khan, hatte chinesisch-buddhistische, taoistische und nestorianisch-christliche Geistliche in seine Militärlager gerufen, um Rituale für sein langes Leben und seinen Sieg durchzuführen. Trotzdem wurde Dschingis Khan in einer Schlacht gegen die Tanguten getötet, ein Volk aus der Region zwischen der Mongolei und Tibet, das seine überlegene Macht zweifellos aus dem Vertrauen in den tibetisch-buddhistischen Beschützer Mahakala bezog. Die Sakyapas hielten diejenige tibetische Tradition, die politisch am zweckdienlichsten erschien und die in der Lage war, Kublai Khan die geheime Waffe der Macht Mahakalas zu übertragen.

Man muss die religiöse Bekehrung, wie sie in der Kalachakra-Literatur skizziert wird, im Kontext dieser traditionellen Wettbewerbe in der Logik und in den übersinnlichen Kräften verstehen. In den von der indischen Zivilisation beeinflussten Ländern musste eine Religion beweisen, dass sie über die höchste Wahrheit verfügte, indem sie Wettkämpfe in einem oder beiden Bereichen gewann. Sie konnte nicht einfach ihren Anspruch auf Überlegenheit als Dogma geltend machen und andere mit Streckbank oder Schwert zwingen, sie anzunehmen.

Bekehrung „zum Wohle des Anderen“

Obwohl die Brahmanen von Shambhala sich davon überzeugen ließen, dass sie die Ermächtigung auf Grund der übersinnlichen Kräfte und der Beweisführung des Kalki empfingen (ohne dass eigentlich ein Wettkampf stattgefunden hätte), ist es immer noch ein strittiger Punkt, ob sie freiwillig einwilligten oder dazu gezwungen wurden. Sie kamen schließlich nicht aus eigenem Willen zusammen, um die Ermächtigung zu erhalten, sondern wurden vom König zusammengerufen und gedrängt, seinen Argumenten „zu ihrem eigenen Wohle“ zuzuhören. Alle erzwungenen Bekehrungen geschehen jedoch angeblich zum Wohle desjenigen, der bekehrt wird. Und solche Erklärungen wie die des zweiten Kalki in seinem Kommentar zum Werk seines Vaters: dass „Der Kalki sah, dass die Brahmanen reif dazu waren, eine Kaste zu formen“, können von Führern einer jeden Religion oder jedes politisch-ökonomischen Systems dazu benutzt werden, um Zwangsbekehrungen zu rechtfertigen.

Der Gelugpa-Gelehrte Kedrubje (mKhas-grub rje) erklärt in seinem Kalachakra-Kommentar aus dem 15. Jahrhundert, dass Manjushri Yashas die Hindu-Kasten nicht zwang, ihre religiösen und sozialen Gepflogenheiten aufzugeben und zum Buddhismus überzutreten; niemand habe das Recht, so etwas zu tun. Es sei die Absicht des Ersten Kalki gewesen, die Menschen dazu zu bringen, ihr Verhalten zu überprüfen, um zu sehen, ob es mit der reinen Lehre der Veden im Einklang stand. Wenn dies nicht der Fall sei, wäre es erforderlich, es zu korrigieren, um Bedrohungen von außen abzuwehren. Um Bedrohungen der Gesellschaft abzuwenden, müssen laut Kedrubje Anhänger aller Religionen im Geiste zusammenstehen und an den guten Absichten ihrer verschiedenen Glaubensbekenntnisse festhalten.

Kedrubjes Kommentar lässt durchblicken, dass die Bereitschaft, eine Kaste zu bilden, nicht gleichzusetzen ist mit der Bereitschaft, sich zum Buddhismus bekehren zu lassen. Die Bildung einer Kaste hätte sich in einem sozio-politischen Sinn zum Wohle des Volkes von Shambhala ausgewirkt, nicht speziell in einem spirituellen Sinn. Der Erste Kalki drängte auf religiöse Harmonie und Einheit, nicht religiöse Gleichschaltung, um Bedrohungen der Gesellschaft abzuwenden.

Trotzdem stellten die Brahmanen, welche die Ermächtigungen empfingen, den größten Teil der Zuhörerschaft dar, der Manjushri Yashas die Kalachakra-Belehrungen gab. Und obwohl es unnötig und sogar unpassend sein mag, dass jeder zum Buddhismus übertritt, könnten dennoch einige Anhänger anderer Religionen auch dazu „bereit“ sein. Handelt es sich in diesem Fall immer noch um Bekehrung, jedoch in einer geschickt rationalisierten Form? Schließlich hatte Manjushri Yashas den Titel eines Kalki, den Namen des zehnten und letzten Avatars (Inkarnation) des Hindugottes Vishnu angenommen. Man könnte dies mit Leichtigkeit als geschickte Taktik deuten, um die Loyalität der Hindus zu gewinnen.

Belehrungen für solche, die „bereit“ sind

Trotz des allgemeinen buddhistischen Prinzips, dass ein spiritueller Lehrer andere nicht unterrichten sollte, ohne ausdrücklich dazu aufgefordert zu werden, erlaubte Buddha Ausnahmen im Falle von potenziellen Schülern, die besonders weit entwickelt waren. Ein spiritueller Lehrer benötigt jedoch hoch entwickelte übersinnliche Fähigkeiten, um zu erkennen, wann jemand bereit ist. Meister, die nicht über solche Fähigkeiten verfügen, können leicht die Machtstellung missbrauchen und zu Missionaren werden. Auch wenn man kein Lehrer ist, kann man andere Religionen oder von der eigenen Tradition abweichende andere buddhistische Traditionen von oben herab betrachten und denken, dass sich diese hervorragend für einfachere, spirituell weniger entwickelte Gemüter eignen. Wenn die Anhänger minderwertigerer Ansichten reifen und „bereit“ sind, werden sie geeignet, die tiefgründigeren buddhistischen Lehren der eigenen Tradition anzunehmen.

Wir lernen daraus, dass man sehr vorsichtig sein muss, wenn man die buddhistischen Lehren zugänglich machen will, um „Umstände herbeizuführen, durch die das gute Karma anderer zur Reife kommen kann, damit sie Buddhisten werden können.“ Dabei ist es erforderlich, einerseits nicht am Buddhismus zu haften und andererseits eine wirklich unparteiische Haltung des Respekts gegenüber allen Religionen zu haben; andernfalls könnten die eigenen, gut gemeinten Absichten eine chauvinistische Missionarsmentalität verdecken, die das wahre Wort verbreiten will.

Nichtsdestoweniger haben Buddhisten traditionellerweise mit Verfechtern anderer Glaubenssysteme philosophische Debatten geführt – mit oder ohne das Motiv der Bekehrung. Worin besteht die buddhistische Methode, andere von der überlegenen Logik des buddhistischen Pfades zu überzeugen? Wie der indische Meister Shantideva im 8. Jahrhundert erklärte, können zwei Parteien nur dann erfolgreich debattieren, wenn sie sich auf Beispiele berufen, die beide Seiten akzeptieren. Ohne eine gemeinsame Diskussionsbasis gibt es keinen Punkt, an dem sie sich treffen können. Wie die Kommentare ausführen, war es die Absicht des Ersten Kalki, die Brahmanen von der Anhaftung an die wörtliche Auslegung der Veden abzubringen, indem er alternative, tiefgründigere Lesarten einiger in ihnen diskutierten Aspekte aufzeigte.

Ein Beispiel, das sowohl von den Veden als auch im tantrischen Buddhismus akzeptiert wird, ist die Anweisung im Zusammenhang mit „Leben nehmen“ und „Fleisch essen“. Im buddhistischen Tantra haben diese beiden Aussagen verborgene Bedeutungen. „Leben nehmen“ bezieht sich darauf, beunruhigende Emotionen abzuschneiden, das heißt den Energiewinden, auf denen sie sich durch den subtilen Körper bewegen, das Leben zu nehmen. Das Vieh steht für die störende Emotion der Naivität, eine Form der Unachtsamkeit oder Unwissenheit. Sein „Fleisch zu essen“ bedeutet, die Energiewinde der Naivität in den Zentralkanal zu bringen, um sie dort aufzulösen. Das vedische Unterlassungsgebot, Bullen zu opfern und deren Fleisch zu genießen, kann mit der gleichen verborgenen Bedeutung gelesen werden im Hinblick auf ein inneres Yoga, das sich auf die subtilen Energien bezieht. Manjushri Yashas benutzte vedische Ausdrücke und Konzepte in dieser Weise, um die Brahmanen auf den Kalachakra-Pfad zur Befreiung und Erleuchtung zu führen.

Eine geschickte Methode im Buddhismus, mit der Anhänger anderer Religionen bekehrt werden, besteht darin, ihre Glaubenssätze nicht zu widerlegen, sondern alternative Interpretationsmöglichkeiten aufzuzeigen. Indem sie die tiefere Bedeutung ihrer eigenen Texte auf die Lesart des Buddhismus hin prüfen, so als würden sie Gold kaufen, gewinnen sie Vertrauen in die Gültigkeit des buddhistischen Weges. Die Ursprungsreligionen der Menschen werden so zu Trittsteinen auf dem buddhistischen Weg, wenn jene Menschen sich entscheiden sollten, diesen zu verfolgen.

Ein wacher Verstand kann jedoch auch ausgeklügelte und wunderschöne intellektuelle Gedankengebäude errichten, um zu zeigen, dass die Konzepte eines jeden Systems eigentlich die tiefere Bedeutung der Konzepte eines anderen haben. Ausschlaggebend ist eine aufrichtige Motivation. Schließlich kann man aus Mitgefühl genauso gut wünschen, andere zur himmlischen Erlösung oder in ein wirtschaftliches und politisches Utopia zu führen. Um die Fallgruben der Arroganz und des dogmatischen Chauvinismus zu umgehen, benötigt man aufrichtigen Respekt gegenüber anderen Glaubenssystemen und deren Anhängern.

Bekehrung zum Buddhismus, ohne frühere Ansichten ganz fallen zu lassen

Den Buddhismus anzunehmen kommt nicht der völligen Ablehnung aller Ansichten, gleich, die man vorher hatte. Es handelt sich nicht um eine formelle Aufgabe der eigenen, früheren Religion, so wie dies bei der Bekehrung zu einer biblischen Religion der Fall ist. Was man jedoch völlig aufgeben muss, sind die früheren „falschen Ansichten“; diese sind nicht nur als Ansichten definiert, die von den tiefsten Absichten des Buddha abweichen, sondern die im direkten Widerspruch dazu stehen. Wenn man ein aggressives Widerstreben gegenüber dem Buddhismus (und gegenüber allen anderen Religionen und Systemen im Allgemeinen, wie man vernünftigerweise hinzufügen muss) überwindet, dann können einige der eigenen früheren Ansichten jedoch als „Sprungbretter“ verwendet werden. Auch innerhalb des tibetischen Buddhismus wird die „Sprungbrett-Methode“ benutzt, um die Schüler von den anfänglichen zu den anspruchsvolleren buddhistischen Lehrmeinungen zu leiten, zum Beispiel von den Vaibhashikas zu den Madhyamakas.

Manjushri Yashas Methode, die Brahmanen zu unterrichten, weist diese Methodik auf. Obwohl viele Aussagen der Brahmanenreligion als Trittsteine auf dem Weg zum Buddhismus dienen mögen, haben nicht alle dieser Aussagen den gleichen Status. Wie auch im System der buddhististischen Lehrmeinungen, so können einige der brahmanischen Aussagen auf einem buchstäblichen Niveau als gültig für den buddhistischen Pfad übernommen werden, wie zum Beispiel einige Merkmale der Astrologie. Andere müssen auf einem buchstäblichen Niveau als falsch zurückgewiesen werden, obwohl sie tiefere Bedeutungsebenen haben mögen. Darüber hinaus unterschied Manjushri Yashas die letzte Kategorie in solche, die auch im vedischen Kontext eine tiefere Bedeutung haben, und in andere, die keine solche Bedeutung haben und einfach falsch sind.

Zum Beispiel erklärte im neunzehnten Jahrhundert der zu den Nyingmas gehörende Kalachakra-Kommentator Mipam ('Ju Mi-pham), dassdass die tiefere verborgene Bedeutung des Bullenopfers, welches im „Yajurveda“ gelehrt wird, den vedischen Yogis früherer Zeiten klar war. Doch aufgrund von Degeneration sei im Laufe der Zeit das Wissen um den inneren Yoga, den es symbolisiert, verloren gegangen. Deshalb habe Manjushri Yashas die verwirrten Brahmanen entsprechend gelehrt, um ihnen zu helfen, die Weisheit zu erkennen, die innerhalb ihrer eigenen Tradition verloren gegangen war. Solche, die das Bullenopfer wortwörtlich interpretieren und wirklich da Leben andere Kreaturen nehmen, können laut Mipam unmöglich den Segen der Befreiung von ihren eigenen Taten erfahren. Sie werden höchstens in schlechtere Wiedergeburten fallen.

Manjushri Yashas implizierte hier nicht, dass die vedischen Yogis der Vergangenheit als verborgene Bedeutung des Bullenopfers, wie es im „Yajurveda“ gelehrt wird, die inneren Yogaübungen des buddhistischen Tantra verstanden. Sondern sie sahen darin die inneren Yogaübungen des hinduistischen Tantra. Schließlich haben das hinduistische und das buddhistische Tantra viele gemeinsame Merkmale, wie zum Beispiel die Aussagen über subtile Energiesysteme mit Chakras, Kanälen und Energiewinden. Für Manjushri Yashas ist der Kernpunkt hier, dass auch Brahmanen, die noch nicht für buddhistische Belehrungen bereit sind, damit aufhören müssen, Bullen zu opfern: Das vedische Gebot diese Praxis betreffend war niemals dazu gedacht, wörtlich genommen zu werden, noch nicht einmal im Kontext der vedischen Tradition.

Anderseits hob Manjushri Yashas andere Merkmale der brahmanischen Aussagen hervor, die, auf einer wörtlichen Ebene betrachtet, vollkommen falsch waren, wie zum Beispiel die Größenangaben der Kontinente. Er gab die Größe nach dem Kalachakra-System an, um den Brahmanen zu helfen, ihr stolzes Anhaften an ihre eigenen Annahmen zu überwinden. Im dreizehnten Jahrhundert erklärte der zu den Sakyas gehörende Kommentator Butön (Bu-ston), dass es nicht die Absicht von Manjushri Yashas gewesen sei, andere Maßsysteme als das des Kalachakra abzulehnen, zum Beispiel jenes, das der Buddha in der Abhidharma-Literatur lehrte. Er habe eine spezifische Motivation gehabt, nämlich die, den Brahmanen von Nutzen zu sein.

Kedrubje fügt hinzu, dass weder das Maßsystem, das der erste Kalki lehrte, noch das, welches man in den Veden findet, mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Trotzdem besteht ein großer Unterschied zwischen ihnen. Die Maße im Kalachakra korrespondieren mit denen des menschlichen Körpers und denen im Kalachakra-Mandala. So lehrte Manjushri Yashas diese trotz ihrer Unkorrektheit, um die Brahmanen auf den Kalachakra-Pfad zur Erleuchtung zu führen. Im vedischen System gibt es nichts Ähnliches, die Größenangaben der Kontinente betreffend. Trotzdem gebrauchte der erste Kalki eine Beschreibung der Welt, die viele Merkmale mit der vedischen Beschreibung gemeinsam hatte, wie zum Beispiel die ringförmigen Kontinente, Bergregionen und Ozeane um einen kreisförmigen Berg Meru herum. Dies war eine geschickte Methode, um die Brahmanen an seine Beschreibung heranzuführen und tiefer zu gehen.

Das Problem der unbewussten Assimilation im Kalachakra

Es ist beachtenswert, dass Manjushri Yashas die Buddhisten nicht vor einer unbewussten Assimilation in den Islam gewarnt hat, wie er dies bei den Hindus tat. Tatsächlich erwähnt die Kalachakraliteratur keine Anhänger des Islam, die ausdrücklich versuchten, andere zu ihrer Religion zu bekehren, weder friedlich noch mit Gewalt. Sogar als Manjushri Yashas vorhersagte, dass im Jahre 2424 n.Chr. ein nicht-indischer Herrscher aus Indien Shambhala mit einer Invasion bedrohen würde und dass der fünfundzwanzigste Kalki seine Truppen in Indien zurückschlagen würde, sprach er von der Drohung einer militärischen Übernahme, nicht spezifisch einer religiösen. Der erste Kalki richtete seine Warnung nur an die Brahmanen im Sinne einer Assimilation in den Islam zu jener Zeit.

Vielleicht sah der Kalki keine Notwendigkeit, die Buddhisten zu warnen, weil er Vertrauen in die Stärke des Buddhismus hatte und eine Anpassung nicht vorhersah. Dies würde jedoch bedeuten, dass der Kalki naiv war und seine übersinnliche Wahrnehmung der Zukunft fehlerhaft war, was für einen Buddhisten ein unbehaglicher Schluss wäre. Vielleicht hatte eine Angleichung des Buddhismus an den Islam noch nicht in einem größeren Ausmaß stattgefunden, als die Kalachakra-Lehren in Indien entstanden. Historische Belege weisen jedoch darauf hin, dass sich Ende des späten 10. Jahrhunderts nicht nur hinduistische, sondern auch buddhistische Landbesitzer, Händler und gebildete Städter – vor allem in Zentralasien, Nordafghanistan und im Südpakistan aus verschiedenen Gründen, darunter wirtschaftlichen Erwägungen, bekehrten. Islamische Herrscher zwangen sie nicht unter Androhung der Todesstrafe zu konvertieren. Sie konnten ihre Religionen behalten, wenn sie eine Kopfsteuer zahlten.

Manjushri Yashas könnte jedoch auch geglaubt haben, dass, wenn sich Menschen aller Glaubensrichtungen im Kalachakra-Mandala zusammentäten und sich diejenigen, die „reif“ waren, zum Buddhismus bekehrten, dies die beste Lösung für die Probleme dieser schwierigen Zeit sei. Eine Bevölkerung, die von Invasion und militärischer Übernahme bedroht ist, kann laut Manjushri Yashas die Gefahr nur überwinden, wenn sie eine gemeinsame Front bietet. Die Buddhisten würden selbstverständlich zur Kalachakra-Ermächtigung kommen. Daher musste der Erste Kalki lediglich die Nicht-Buddhisten in Shambhala ansprechen. Dies scheint für diejenigen, die „reif“ waren, das Hauptmotiv zur Bekehrung zum Buddhismus gewesen zu sein.

Es ist merkwürdig, dass eine dieser Taktiken des ersten Kalki, die er benutzte, um Hindus und Buddhisten zu vereinen, dieselbe war, welche die ismailitischen schiitischen Moslems später als Trittstein benutzen, um Hindus für eine spätere Bekehrung zu assimilieren. Im Text „Dasavatara“ aus dem dreizehnten Jahrhundert identifizierte Pir Shams-al-Din den zehnten und letzten Avatar Vishnus, Kalki, mit dem ersten Imam Ali. Die ismailitischen Imame waren Nachfolger Alis, und indem sie Ali als Kalki akzeptierten, würden die Hindus auch die Legitimität seiner ismailitischen Nachfolger akzeptieren. Auf gleiche Weise nannte Manjushri Yashas sich selbst Kalki, um von den Hindus angenommen zu werden.

Anpassung des Islam an den Buddhismus

Manjushri Yashas erklärte sogar, wie die „Sprungbrett-Methode“ auch Anhänger nicht-indischer Religionen zum Buddhismus führen konnte. Offensichtlich scheint seine Priorität darin gelegen zu haben, die Menschen aller Glaubensrichtungen zu vereinen, nicht nur Hindus und Buddhisten, ungeachtet des strengen islamischen Verbots, sich vom Islam abzuwenden und zu einem anderen Glauben zu bekehren. Es muss schließlich in Shambhala auch Muslime gegeben haben, und sie waren derselben Bedrohung durch Invasion und militärische Übernahme ausgesetzt wie alle anderen. Dies war zu dieser Zeit mit Sicherheit im Osten Afghanistans der Fall, der Region, die am wahrscheinlichsten als historisches Modell für Shambhala diente oder dieses auf Erden repräsentierte.

Der Erste Kalki sagte über die nicht-indische Religion, dass sie folgende Behauptungen aufstellte: Die äußerliche Materie bestünde aus Atomen, es gäbe eine unvergängliche Seele, die vorübergehend Geburt annimmt, und die Erlangung des Glücks einer himmlischen Wiedergeburt sei das höchste Ziel. Da er die Veranlagung der Menschen mit einem solchen Glauben kannte, erklärte er, dass Buddha in Übereinstimmung mit dem lehrte, was sie akzeptierten. In einigen Sutren lehrte Buddha, dass der Körper eines Bodhisattva an der Schwelle zur Buddhaschaft aus Atomen besteht. An anderen Stellen erklärte er, dass es eine Kontinuität des „Selbst“ gibt, das die Resultate seines Verhaltens (karma) erfährt, aber ohne von diesem „Selbst“ als entweder permanent oder impermanent zu sprechen. Buddha lehrte auch das vorläufige Ziel, eine bessere Wiedergeburt in einem himmlischen Götterreich zu erfahren. Die Aussagen der nicht-indischen Religion können als Trittsteine auf dem Weg dienen, diese Sutras zu akzeptieren und sich den zunehmend tiefgründigeren buddhistischen Erklärungen zuzuwenden.

Anpassung des Buddhismus an den Islam

So wie es Manjushri Yashas mit dem Islam tat, haben auch muslimische Autoren jener Zeit den Buddhismus auf eine Art erklärt, die die Anhänger ihrer Religion verstehen konnten. So hat beispielsweise al-Kermani zu Beginn des 8. Jahrhunderts einen detaillierten Bericht über das im Norden Afghanistans gelegene Nava Vihara-Kloster in Balkh geschrieben. Darin beschrieb er, dass die Buddhisten einen mit einem Tuch verhüllten Steinwürfel umrunden und sich davor niederwerfen, so wie es die Muslime an der Kaaba in Mekka tun. Mit dem Würfel war die Plattform im Zentrum des Haupttempels gemeint, auf der ein Stupa stand. Die Muslime zogen diese Vergleiche jedoch nicht, um die Buddhisten auf den muslimischen Pfad zu führen. Sie stellten die Buddhisten vor die Wahl: entweder sollten sie ihre Religion beibehalten und eine Kopfsteuer zahlen oder die Wahrheit des Islam akzeptieren und von der Abgabe befreit sein. Sogar wenn moslemische Eroberer buddhistische Klöster zerstörten, um den Widerstandsgeist einer Bevölkerung zu brechen und sie zur Unterwerfung zu bewegen, erlaubten sie für gewöhnlich deren Wiederaufbau, um dann eine Pilgersteuer erheben zu können.

Schlussfolgerung

Einige wichtige Fragen bleiben jedoch offen. Ist die Kalachakra-Beschreibung der Bekehrung zum Buddhismus in Shambhala lediglich eine Darstellung dessen, was vom 9. bis zum 11. Jahrhundert in Afghanistan und auf dem indischen Subkontinent nützlich und notwendig war, oder handelt es sich um einen zeitlosen Ratschlag? Wenn man von der universellen Weisheit aller Religionen ausgeht, deren Anhänger den spirituellen Werten ihrer Glaubensrichtungen Nachdruck verleihen, um Bedrohungen ihrer Gesellschaften abzuwenden, besteht dann die bestmögliche Verteidigung darin, so viele Menschen wie möglich zur Praxis des Buddhismus zu bewegen? Diese Position zu verteidigen, ohne als chauvinistisch zu gelten, ist schwierig, sowohl mit Blick auf die oben genannte historische Zeitspanne als auch im Sinne eines allgemeinen Ratschlags. Die unvoreingenommene Schlussfolgerung muss also darin bestehen zuzugeben, dass der Shambhala-Bericht chauvinistische Züge trägt, wobei die Umstände der Zeit zu berücksichtigen sind. Es ergibt sich daraus jedoch nicht, dass buddhistische Lehrer heutzutage chauvinistisch sein müssen, wenn sie den Buddhismus einer nicht-buddhistischen Zuhörerschaft darlegen.

S.H. der Dalai Lama hebt, wenn er den Buddhismus einer nicht-buddhistischen Zuhörerschaft vorstellt, stets hervor, dass es ihm nicht darum geht, Anhänger zu gewinnen. Er fordert andere nicht zu einem Debattierwettbewerb heraus, bei dem der Verlierer die Behauptungen des Gewinners übernehmen muss. Sein Anliegen ist es, andere über den Buddhismus zu unterrichten. Der Frieden zwischen verschiedenen Gesellschaften rührt von dem Verständnis des jeweils anderen Glaubenssystems her. Kenntnisse zu vermitteln ist etwas ganz anderes als Menschen zu bekehren. Wenn andere im Buddhismus etwas finden, das ihnen wertvoll erscheint, so ist es ihnen freigestellt, dies anzunehmen, ohne dass sie zu Buddhisten werden müssen. Diejenigen, die ein starkes Interesse zeigen, sind eingeladen, ihre Studien zu treiben und sogar Buddhisten zu werden, aber erst nach einer Zeit reiflicher Überlegung. Der Dalai Lama warnt die meisten davor, die Religion zu wechseln, weil dies Probleme mit sich bringen könne.

Der Buddhismus unterscheidet sich nicht von anderen Religionen oder philosophischen Systemen, die behaupten, die tiefste Wahrheit zu besitzen. Dennoch ist die buddhistische Behauptung kein exklusiver Anspruch auf die „Eine Wahrheit“. Der Buddhismus erkennt auch relative Wahrheiten an – Dinge, die wahr sind in Bezug auf bestimmte Gruppen oder bestimmte Umstände. Solange die eigenen Anschauungen nicht in aggressivem Widerspruch dazu stehen, können die relativen Wahrheiten als vorläufige Trittsteine auf dem Weg zur tiefsten Wahrheit dienen. Solange die buddhistische Behauptung der tiefsten Wahrheit nicht chauvinistisch ist und keiner Missionierungspolitik entspricht, kann sie denen nutzen, für die sie passend ist.