Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Die Darstellung der Propheten der nichtindischen Invasoren
im Kalachakra
(Zusammenfassung)

Alexander Berzin, September 2002
Übersetzung ins Deutsche: Wulf Niepold

[Eine ausführlichere Diskussion finden Sie unter: Die Darstellung der Propheten der nichtindischen Invasoren im Kalachakra - vollständige Analyse oder geküruze Analyse.]

Worum geht es?

Das Gekürzte Kalachakra-Tantra“ warnt vor einer zukünftigen Invasion durch ein nichtindisches Volk, das sich zu der Prophetenfolge Adam, Noah, Abraham, Moses, Jesus, Mani (Begründer der ursprünglich iranischen Religion Manichäismus), Mohammed und Mahdi (islamischer Messias) bekennt. Um dieser Bedrohung zu begegnen, vereinigte der König von Shambhala die Hindus und die Buddhisten mit der Kalachakra-Initiation in einer Kaste. Dadurch sollte das Volk von Shambhala in Zukunft als geeinte Gesellschaft imstande sein, unter Führung eines buddhistischen Messias-Königs die Invasionsstreitkräfte zu schlagen und ein neues goldenes Zeitalter zu eröffnen.

Der vorliegende Artikel untersucht:

  • die Identität der nichtindischen Invasoren,

  • die Messias- und Apokalypse-Prophetien im Islam, im Hinduismus und im Buddhismus,

  • den kulturellen Kontext der Beschreibung der nichtindischen Propheten,

  • den historischen Kontext der buddhistischen Antwort auf die angedrohte Invasion,

  • die symbolische Bedeutung von Invasion und Schlacht in der buddhistischen Tantrapraxis.

Die wesentlichen Punkte

Eines der Hauptthemen in den Kalachakra-Lehren ist der Parallelismus von physischer Welt, menschlichem Körper und buddhistischer Tantrapraxis. Dementprechend haben die Invasoren, vor denen das Kalachakra warnt und die von den Streitkräften Shambhalas besiegt werden, eine historische, eine physiologische und eine meditationsbezogene Bedeutungsebene. Hier werden wir unser Augenmerk nur auf die erste und die letzte dieser drei Ebenen richten.

Auf der äußeren Ebene bezieht sich „Invasoren, die keine indoarische Sprache sprechen“ auf die Anhänger messianischer Richtungen des Islams im späten zehnten Jahrhundert, die für sich beanspruchen, den Messias Mahdi als politischen und spirituellen Führer zu haben. Sie sagen vorher, dass Mahdi die islamische Welt vereinigen und beherrschen wird, dass er die Reinheit des Islam wiederherstellen und die ganze Welt zum Islam bekehren wird, dass danach Dajjal (die muslimische Version des Antichristen) auftreten und Christus (der ein muslimischer Prophet ist) zum zweiten Mal kommen wird, worauf Apokalypse und Weltende folgen.

Im späten zehnten Jahrhundert – zu dieser Zeit sind die Kalachakra-Lehren zum ersten Mal in Indien nachgewiesen – befürchteten die arabischen Abbasiden-Herrscher von Bagdad und ihre Vasallen Invasionen seitens islamischer Reiche, die solche ehrgeizigen Pläne hatten, insbesondere seitens ihrer Hauptrivalen, dem Fatimiden-Reich von Ägypten und dessen Vasallen in Multan (Zentral-Pakistan). Eine solche Befürchtung war die herrschende Zeitstimmung, zurückzuführen auf den weit verbreiteten Glauben, dass die Welt 500 Jahre nach Mohammed untergehen werde, nämlich zu Beginn des zwölften Jahrhunderts.

Afghanische Buddhisten des späten zehnten Jahrhunderts, die mit größter Wahrscheinlichkeit diejenigen waren, die das in den Kalachakra-Lehren enthaltenen historische Material zusammentrugen, lebten in einer überwiegend hinduistischen Gesellschaft, und da sie zwischen Multan und Bagdad angesiedelt waren, teilten sie die Furcht ihrer muslimischen Nachbarn vor dieser Invasion. In das Bild, das sie sich von den Invasoren machten, mischten sie ihre Furcht vor den Anhängern so genannter „häretischer“ Formen des Islams, z.B. der manichäischen Shia, eine Furcht, die im späten achten Jahrhundert entstanden war, als zahlreiche afghanische und indische Buddhisten in Bagdad für die Abbasiden Texte übersetzten.

Dem Kalachakra-Vers zufolge werden die Invasoren der Asura- Kaste angehören, d.h., sie werden Anhänger der eifersüchtigen Götter sein, die mit den Göttern der Brahmanen von Shambhala rivalisieren und sie bedrohen. Diese nichtindische Gruppe wird „mächtig und gnadenlos“ sein. Und nachdem sie die indische Region um das spätere Delhi erobert haben wird, wird sie in Shambhala einfallen.

Um diese Gefahr einer überwiegend hinduistischen Adressatenschaft einsichtig zu machen, benutzte das Kalachakra die hinduistische Auffassung , die materielle Welt bestehe aus drei primären materiellen Komponenten bzw. habe drei Merkmale, nämlich Sattva (geistige Stärke), Rajas (Fleck der Leidenschaft) und Tamas (Dunkelheit). Die Weisen, die die Vedas verfassten, haben die Grundeigenschaft des Sattva, während die Avatare (Inkarnationen) des Vishnu die Eigenschaft des Rajas haben. Die Propheten der nichtindischen Invasoren haben die Grundeigenschaft des Tamas, d.h. sie werden die indische Kultur zu zerstören versuchen.

Um dieser Bedrohung entgegentreten zu können, müssen die verschiedenen Kasten in Shambhala damit aufhören, den sozialen Kontakt untereinander zu vermeiden. Sie müssen eine harmonische vereinte Front bilden, indem sie zu einer Kaste im Kalachakra-Mandala werden. Nur wenn alle Glieder der Gesellschaft zusammenarbeiten, wird der panindische Messias Kalki in der Lage sein, eine von dem bedrohlichen nichtindischen Messias Mahdi geführte Invasion aufzuhalten.

Dies war kein Ruf nach einer Massenbekehrung zum Buddhismus. Mit dem Ruf des Kalachakra nach Einheit reagierte der Buddhismus lediglich auf die hergebrachte hinduistische und muslimische Politik und tat es ihr gleich, indem er Anhänger anderer Religionen mit unter seinen Schirm stellte. Die Hindus erkannten bereits Buddha als neunten Avatar des Vishnu an und erklärten so alle Buddhisten zu guten Hindus. Das Kalachakra seinerseits erkannte jetzt in den ersten acht Avataren Emanationen des Buddha und erklärte so alle Hindus zu guten Buddhisten.

Sowohl Hindus als auch Buddhisten erkannten Kalki als den Messias an, von dem gesagt wurde, er werde eine Gruppe nichtindischer Invasoren besiegen und ein neues goldenes Zeitalter herbeiführen. Deshalb vertrat der buddhistische König von Shambhala, die Hindus könnten den Buddhisten auch darin folgen, seinen Nachfolger in der fünfundzwanzigsten Generation als den Kalki anzuerkennen, der ihren eigenen Schriften zufolge als Vishnus zehnter und letzter Avatar in Shambhala geboren werden sollte.

Orthodoxe Muslime, die sich ja auch vor einer Invasion durch die Armee eines „falschen Messias“ fürchteten, der beanspruchen würde, der wahre Messias Mahdi zu sein, waren ebenfalls willkommen in der vereinigten Front der Buddhisten und Hindus. Das muslimische Gesetz erkannte damals Buddhisten und Hindus als „Menschen des Buches“ an, und so schlossen die Muslime die Anhänger zweier Religionsgruppen, die mit ihnen zusammenlebten, mit in ihr Rechtssystem ein. In ähnlicher Weise konnte der Buddhismus die Muslime mit seiner Vision der Einheit einbeziehen, da die Lehren beider Religionen gemeinsam vertretene Standpunkte zu verschiedenen Themen enthielten.

Auf der alternativen Ebene der buddhistischen Tantrapraxis stehen die Invasoren für die Kräfte der Unwissenheit (Ignoranz), der störenden Emotionen, des destruktiven Verhaltens sowie der negativen karmischen Kräfte, die aus diesen herrühren. Die widerstreitenden Kasten, die sich zu einer Vajrakaste vereinigen sollen, stehen für die widerstreitenden Energiewinde des subtilen Körpers, die sich auflösen müssen in die subtilste Ebene des „klaren Lichts“ der Energie und des Geistes. Die Streitkräfte von Shambhala stehen für die resultierende glückselige Verwirklichung der wahren Natur der Realität (der Leerheit) mit dem Geist des klaren Lichts, der dann die Kraft hat, die Ignoranz zu überwinden, die allen Leid zu bringen droht.

Ergebnis

Der Buddhismus, so wie er sich in der Kalachakra-Literatur darstellt, war weder antihinduistisch, noch antimuslimisch, noch antichristlich. Er reagierte lediglich auf den Zeitgeist am Ende des zehnten Jahrhunderts im Vorderen Orient und Teilen Südasiens. Angesichts einer weit verbreiteten Furcht vor einer Invasion, einer apokalyptischen Schlacht sowie des Weltuntergangs, und angesichts der landläufigen intensiven Beschäftigung mit dem Kommen eines Messias unterbreitete das Kalachakra seine eigene Version dieser Vorhersage. Als Antwort auf die Bedrohung empfahl es eine Vorgehensweise, die vom Hinduismus und den herrschenden abbasidischen Muslimen bereits angewandt wurde. Die Vorgehensweise bestand darin, zu zeigen, dass der Buddhismus in seinem Lehrgebäude ebenfalls offene Türen hatte, um andere Religionen in seine Sphäre mit einzuschließen. Eine essenzielle Grundlage, auf der eine multikulturelle Gesellschaft stehen muss, um einer drohenden Invasion entgegenzusehen, ist religiöse Harmonie unter ihren Mitgliedern. Sich zu anderen in einem Kalachakra-Mandala zu gesellen symbolisiert diese Verpflichtung zur Kooperation.

Die Darstellung der nichtindischen Propheten und die Prophetie eines zukünftigen Krieges gegen ihre Anhänger im Kalachakra muss in diesem historischen und kulturellen Kontext verstanden werden. Trotz der empfohlenen Vorgehensweise riefen weder die zeitgenössischen politischen Führer noch die spirituellen Meister des Buddhismus tatsächlich zu einer Kampagne auf, um die Hindus und die Muslime unter ihre Kontrolle zu bringen. Niemand veranstaltete eine Kalachakra-Initiation mit einer solchen Absicht im Hinterkopf. Trotzdem missfiel bestimmten hinduistischen und muslimischen Gruppen der Ruf des Kalachakra nach Einheit. Sie identifizierten den zukünftigen buddhistischen König von Shambhala mit dem falschen Messias, der in ihren eigenen Texten vorhergesagt wurde.

Wenn mehrere Religionen gemeinsam an einen wahren Messias glauben, der einen falschen Messias in einer apokalyptischen Schlacht überwindet, und wenn Mitglieder dieser Religionen nahe beieinander leben, sind zwei Folgen möglich: Mehrere Religionen können versuchen, sich zu vereinen um einem gemeinsam erkannten falschen Messias entgegenzutreten, indem sie erklären, dass ihnen derselbe wahre Messias gemeinsam ist. Alternativ hierzu können sie die wahren Messiasgestalten der anderen mit dem von ihnen selbst vorhergesagten falschen Messias identifizieren. Die Geschichte zeigt, dass beide Vorgehensweisen zu Misstrauen und Konflikt führen können.

Kurz gesagt bestand die Hauptabsicht der Kalachakra-Lehren über Geschichte darin, zukünftige Ereignisse zu beschreiben in einer Weise, die fortgeschrittenen Stadien der Meditationspraxis des Kalachakra entsprach. Sie sind weder eine Widerspiegelung noch eine Formulierung der heutigen buddhistischen Einschätzung der Weltlage am Anfang des 21.Jahrhunderts.