Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Die Darstellung der Propheten der nichtindischen Invasoren
im Kalachakra
(gekürzte Analyse)

Alexander Berzin, September 2002
Übersetzung ins Deutsche: Nailu Sari

[Siehe auch die vollständige Version .]

1 Der Kalachakra-Vers

Vers I.154 des „Gekürzten Kalachakra-Tantra“ lautet:

Adam, Noah, Abraham und fünf andere – Moses, Jesus, der Weißgekleidete, Mohammed und Mahdi – mit Tamas sind in der Asura-Naga-Kaste. Der Achte wird der Geblendete sein. Der Siebte wird offensichtlich zur Stadt Bagdad im Lande Mekka kommen, (dem Ort) auf dieser Welt, an dem ein Teil der Asura(-Kaste) die Form der mächtigen, gnadenlosen Mlecchas haben wird.

Dieser Vers enthält zahlreiche schwierige Punkte. Ich kann nicht behaupten, ich könnte diese Schwierigkeiten lösen. Ich werde hier lediglich den kulturellen und historischen Kontext darstellen und einige Argumente für oder gegen die verschiedenen Interpretationen geben, die man bezüglich der umstrittenen Punkte geben kann.

2 Historische Analyse

Die Bezeichnung für die nichtindischen Eroberer

Der Sanskritbegriff Mleccha (tib. kla-klo), der meist mit „Barbaren“ übersetzt wird, stand ursprünglich für diejenigen, die unverständlich in einer anderen Sprache als Sanskrit sprachen. Der Begriff bezog sich speziell auf die nicht sanskritsprachigen Gruppen, die das nordwestliche Indien eroberten und dann beherrschten.

Bevor er in den Kalachakra-Texten erschien, wurde der Begriff „Mleccha“ in der frühen hinduistischen Literatur benutzt, um die makedonisch-griechischen Invasoren zu bezeichnen, die im dritten Jahrhundert v.u.Z von Alexander dem Großen. geführt wurden. Die hinduistische Literatur wandte den Begriff auch auf spätere fremde Invasoren an, wie auf die Shaka, die Kushan und die Weißen Hunnen (Hephtaliten).

Vor dem Kalachakra erscheint der Begriff in der buddhistischen Literatur bereits in Nagarjunas „ Brief an einen Freund“, der im zweiten Jahrhundert u.Z. an den König Udayana, einen Shatavahana-Herrscher über das südindischen Andhra, geschrieben wurde. Eine der vier schlechten menschlichen Wiedergeburten, in denen man keine Möglichkeit dazu hat, den Dharma zu studieren oder zu praktizieren, ist eine Wiedergeburt unter den Mleccha, in einem Gebiet jenseits der vier Bergketten, die das zentrale Indien umschließen.Im Buddhismus ist die Hauptkonnotation des Begriffs also ein nichtindisches Volk, bei dem es keine Gelegenheit dazu gibt, den Buddhismus zu studieren und zu praktizieren. Der hinduistische Gebrauch fügt hinzu, dass solche Menschen Invasoren des nordwestlichen Indiens sein werden.

Obwohl sich nicht leugnen lässt, dass der Begriff auf Sanskrit diese abschätzigen Konnotationen hat, ist die neutralere Übersetzung nichtindischsprachige Invasoren, die zu nichtindische Invasoren gekürzt werden kann, weniger anstößig als „Barbaren“.

Die Liste der Propheten

Einige westliche Gelehrte übersetzen die Prophetenliste der Invasoren mit „Adam, Enoch, Abraham, Moses, Jesus, der Weißgekleidete, Mohammed und Mathani.“ Sinnvoller scheint es, die Liste wiederzugeben als „Adam, Noah, Abraham, Moses, Jesus, Mani, Mohammed und Mahdi“.

Sowohl Enoch als Noah erscheinen in der Liste der fünfundzwanzig Propheten, die im Koran erwähnt wird. Der arabische Name für Enoch ist allerdings „Idris,“ während der arabischer Name Noahs „ an-Nuh“ ist, was stark „Anogha“ ähnelt, der Sanskrit-Wiedergabe des Namens dieses Propheten. Daher erscheint es linguistisch plausibler, dass es sich beim zweiten Propheten in der Kalachakra-Liste um Noah handelt.

„Der Weißgekleidete“ war eine verbreitete Bezeichnung für Mani, dem aus dem dritten Jahrhundert stammenden Begründer der manichäischen Religion, die im Irak, im Iran und in Zentralasien praktiziert wurde.

„Mathani“ („der Zerstörer“) ist im Sanskrit die Lautumschrift von Mahdi, dem islamischen Messias. Die Wahl von Sanskritnamen hat vermutlich auch eine zweite Bedeutung.

Die früheste Quelle der Lehren des Kalachakra ist „Ein Konzert der Namen Manjushris“ („ Lobpreisung der Namen Manjushris“), in dem Manjushri, die Verkörperung des tiefen Gewahrseins (der Weisheit) aller Buddhas, mit der Buddhagestalt des Kalachakra gleichgesetzt wird. Die spätestmögliche Datierung dieses Textes führt in die Mitte des achten Jahrhunderts

Der Text preist Manjushri als den „Erhalter der Linie der Emanationen Buddhas, der vielfältige Emanationen aussendet, um so den verschiedenen Wesen zu nützen“. Unter den Emanationen, die dann aufgezählt werden, befindet sich Pramatha („der Zerstörer“). Wie es die tibetische Übersetzung ‘ Joms-byed belegt, leiten sich „Pramatha“ und „Mathani“ von derselben Sanskritwurzel math, „zerstören“, ab. „Pramatha“ ist der Sanskritname des Herrschers der Asuras, der eifersüchtigen „Anti-Götter.” Die Gleichsetzung der Invasoren samt ihrer Lehren mit den Asuras, die in dem Vers aus dem „Gekürzten Kalachakra-Tantra“ vorgenommen wird, wird weiter unten besprochen werden.

Die Hauptschulen des Islams

Es gibt zwei islamische Hauptschulen: die der Sunniten und die der Schiiten. Sie spalteten sich nach Mohammeds Tod im Jahr 632 u.Z. voneinander ab. Anlass war die Frage der Nachfolge der Imame (der politischen Führer der Muslime). Obwohl islamische Schulen formell erst im elften Jahrhundert entstanden, spalteten sich diese beiden rivalisierenden Gruppen bereits in der frühen Omaijadenzeit voneinander ab. Der Einfachheit halber werden wir in unserer Diskussion die Namen Sunniten und Schiiten in anachronistischer Weise benutzen, um uns auf diese beiden Gruppen zu beziehen.

Die Sunniten gründeten im Jahr 661 u.Z. das Kalifat der Omaijaden. Das Omaijadische Reich schloss den Iran mit ein. Die Schiiten versuchten, die Omaijaden zu stürzen. Sie sehen die Linie der Imame nicht nur als politische Führer der Muslime, sondern auch als die religiöse Autorität an. Die meisten Araber folgten schließlich dem sunnitischen Islam, während die meisten Iraner dem schiitischen Islam folgten und der Herrschaft der sunnitischen Araber feindlich gegenüberstanden.

Mit der Hilfe der iranischen und zentralasiatischen Schiiten – die von Abu Muslim geführt wurden – stürzten die arabischen Abbasiden im Jahr 750 u.Z. die arabischen Omaijaden. Obwohl die neuen Abbasidenherrscher vorerst den schiitischen Islam unterstützten, gaben sie ihn sehr schnell auf, ließen Abu Muslim ermorden, und kehrten zum sunnitischen Glauben zurück. Die arabischen Abbasiden nährten weiterhin ein tiefes Misstrauen gegenüber den iranischen und zentralasiatischen Schiiten, von denen viele den zum Märtyrer gewordenen Abu Muslim zum Mahdi erklärten, und die nun kämpften, um die sunnitisch-arabische Herrschaft zu stürzen.

Im Jahr 762 u.Z. erbauten die Abbasiden als ihre neue Hauptstadt Bagdad. Die Erwähnung der Stadt deutet darauf hin, dass es sich bei den nichtindischen Invasoren um Gruppen handeln muss, die später als 762 existierten. Die ersten Gruppen, die demzufolge in Betracht gezogen werden können sind die Sunniten und die Hauptströmung der Schiiten dieser Periode.

Die Prophetenliste entspricht weder den Anschauungen der Sunniten noch denen der schiitischen Hauptströmung

Sowohl die Sunniten als die schiitische Hauptströmung (die später als Ithna Ashari oder „ Zwölfer“-Schia bekannt wurde) erkennen die Liste der fünfundzwanzig Propheten an, die man im Koran findet. Beide erkennen ebenfalls an, dass Mohammed der letzte Prophet ist. Obwohl die Sunniten Mahdi als einen Messias und Imam ansehen, der die Reinheit des Islams wiederherstellen wird, hoben sie ihn nicht besonders hervor. Die Schiiten dagegen betonen die Rolle des Mahdi stark und sagen, dass er das Martyrium eines ihrer frühen Imame an den Sunniten rächen wird. Weder die Sunniten noch die Hauptströmung der Schiiten behaupten allerdings, dass Mahdi ein Prophet sei.

Geht man also von der Prophetenliste aus, die im Kalachakra-Text erwähnt wird, bezieht sich „ nichtindische Invasoren“ weder auf die sunnitischen Abbasiden noch auf die Hauptströmung der Schiiten, die in Opposition zu ihnen stand.

Frühabbasidische schiitische Schulen

Innerhalb der Schia-Richtung des Islams spaltete sich 765 u.Z. eine Gruppe ab, die die ismaelitische Sekte gründete. Die Ismaeliten behaupteten, dass der siebte Imam, Ismail, der im Jahr 762 u.Z. als Kind verschwand, in der Zukunft als der Mahdi wiederkehren würde. Folglich wurde die Zahl sieben von den Ismaeliten stark betont. Ihre Prophetenliste hat sieben Mitglieder: Adam, Noah, Abraham, Moses, Jesus, Mohammed und Mahdi. Mit der Ausnahme des ausgelassenen Mani ist diese Liste mit der Aufzählung der Invasoren identisch, die im Kalachakra angeführt wird. Die Abbasiden brandmarkten die Ismaeliten als Häretiker und verfolgten sie.

Eine andere Untergruppe, die in dieser Zeit innerhalb des schiitischen Islams entstand, war der manichäische Islam. Er kombinierte die Lehren des Mani mit denen des schiitischen Islams und hatte im späten achten Jahrhundert zahlreiche Anhänger unter den iranischen Intellektuellen am abbasidischen Hof. Er sprach diese Intellektuellen an, da er philosophische Lehren bot, die weiter und tiefer gingen als die, die man zu dieser Zeit im sunnitischen Islam fand.

Da sie das manichäische Gedankengut als eine Bedrohung ihrer Autorität ansahen, brandmarkten die sunnitischen Abbasiden-Herrscher auch die manichäische Schia als Häresie. Sie verfolgten nicht nur seine Anhänger, sondern auch Anhänger der Hauptströmung des Manichäismus. Im Gegensatz hierzu waren die Abbasiden gegenüber allen anderen religiösen Gruppen in ihrem Herrschaftsbereich – den nestorianische Christen, Juden, Anhängern des Zarathustra, Buddhisten und Hindus- gleichermaßen tolerant, solange diese eine Kopfsteuer zahlten.

Ein zusätzlicher Faktor, der zur Intoleranz der Abbasiden gegen die manichäischen Schiiten und die Manichäer beigetragen haben mag, könnte eine Verbindung sein, die sie zwischen ihnen und bestimmten Rebellengruppen vermuteten. Im Iran und in Zentralasien kämpften zwei Hauptgruppen von Dissidenten gegen die Abbasiden – die iranischen Schiiten (wie die Anhänger des zum Märtyrer gewordenen Abu Muslim) und Turkstämme (wie die Orkhon-Türken). Beide Gruppen trugen weiße Gewänder, um ihre Opposition gegen die schwarz tragenden Abbasiden zu demonstrieren. Die Manichäer trugen ebenfalls weiße Roben. So könnten die manichäisch-schiitischen Muslime mit den Dissidenten gleichgesetzt und als eine gefährliche, nicht nur intellektuelle, sondern auch politische Bedrohung angesehen worden sein.

Buddhistische Gelehrte aus Afghanistan und Indien in Bagdad im Dienste der Abbasiden

Der Kalif al-Mahdi lud in den frühen 780er Jahren u.Z. aus Indien und aus dem riesigen Nava Vihara-Kloster in Afghanistan buddhistische Gelehrte nach Bagdad ein, um im neu erbauten Haus des Wissens an der Übersetzung von Texten ins Arabische zu arbeiten – ein weiterer Beleg dafür, dass er dem Buddhismus gegenüber keinesfalls intolerant war. Diese Gelehrten arbeiteten dort vom späten achten bis ins frühe neunte Jahrhundert. Die buddhistischen Gelehrten wussten vermutlich von den manichäischen Schiiten und von dem abbasidischen Vorurteil, dem zufolge diese gefährlich für die Gesellschaft seien.

Nachdem sie von den Abbasiden verfolgt wurden, wandten sich zahlreiche Anhänger der manichäischen Schia dem ismaelitisch-schiitischen Islams zu, der ein ausdauernderer Gegner der arabisch-abbasidischen Herrschaft war.

Obwohl ich über die Prophetenliste der manichäischen Schiiten keinerlei Aufzeichnungen gefunden habe, könnte deren Verbindungsaufnahme mit den Ismaeliten mehrere Schlussfolgerungen zulassen:

  • Die manichäischen Schiiten hatten ursprünglich dieselbe Prophetenliste wie die Ismaeliten, mit Ausnahme der Hinzufügung von Mani.
  • Nachdem sie sich mit den Ismaeliten verbunden hatten nahmen die manichäischen Schiiten die ismaelitische Liste an. Sie bewahrten jedoch ihre eigene Identität, indem sie Mani in diese Liste einnahmen.
  • Als sie sich mit den Ismaeliten verbanden, bekamen sie und andere manichäiasche Konvertiten die Erlaubnis, Mani zur Standardliste der sieben Propheten hinzuzufügen. Das entsprach der ismaelitischen Bekehrungspolitik, die die Adhäsion als ersten Schritt erlaubte (d.h. die Zusammenfügung von Elementen zweier Systeme ohne diese dabei zu verändern).

In jedem Fall schlossen die orthodoxen Ismaeliten selbst nie Mani in ihre Prophetenliste mit ein. Einen achten Propheten miteinzubeziehen hätte gegen ihre Betonung der „sieben“ als heiliger Zahl verstoßen.

Hieraus können zwei Schlüsse gezogen werden:

  • Die nichtindischen Invasoren könnten die Nachkommen der manichäischen und der manichäisch-schiitischen Konvertiten innerhalb der ismaelitischen Gemeinschaft sein. Wenn man betrachtet, dass diese Minderheit nie politische oder militärische Macht gewann, ist dieser Schluss aber höchst unwahrscheinlich.
  • Die afghanischen und indischen Buddhisten hatten keine anhaltenden Kontakte zu den Ismaeliten, nachdem sie ihre Übersetzungstätigkeit in Bagdad eingestellt hatten. Folglich verschmolz ihr Bild der manichäischen Schia mit dem der ismaelitischen Schia.

Die zweite Folgerung ist die wahrscheinlichere, insbesondere im Licht folgender Tatsachen:

  • die Bekehrung des Herrschers von Multan (nördlicher Sindh, Pakistan) zur ismaelitischen Schia im Jahr 959 u.Z.,
  • die manichäischen Präsenz in dem Gebiet, besonders in den gebirgigen nördlichen Regionen und
  • die ismaelitischen Konvertierungspolitik der Adhäsion.

Kontakte mit dem nestorianischen Christentum

Die Form des Christentums, die im abbasidischen Reich, von Syrien bis Zentralasien, am weitesten verbreitet war, war der nestorianische Zweig der Syrischen Orthodoxen Kirche.

In den frühen 780er Jahren u.Z. lud der Kalif al-Mahdi den nestorianischen Patriarchen Timotheus I nach Bagdad ein, um die Lehrunterschiede zwischen dem Christentum und dem Islam zu besprechen. Der Dialog verlief in höflicher und freundlicher Form, wobei beide Seiten sowohl Jesus als Mohammed lobten.

In derselben Weise, in der sie wahrscheinlich die gegen die manichäische Schia gerichtete Einstellung der Abbasiden übernahmen, machten sich die buddhistischen Gelehrten wahrscheinlich auch die freundliche Haltung der Abbasiden gegenüber dem nestorianischen Christentum zu Eigen. Zudem ist die Tatsache, dass der Nestorianismus keinerlei Erwähnung von Mohammed oder Mahdi als Propheten enthält, ein weiterer Punkt, der ausschließt, dass die Christen die nichtindischen Invasoren sein könnten, vor denen in den Kalachakra-Lehren gewarnt wird.

Auseinandersetzungen der Abbasiden mit den afghanischen Buddhisten

Während der nächsten zwei Jahrhunderte wurden die buddhistischen Klöster in Afghanistan nur zweimal von Invasoren beschädigt. Beide Male erholten sich die Klöster schnell. Auf dem indischen Subkontinent einschließlich Kaschmir wurden in dieser Periode keine buddhistischen Klöster angegriffen.

Der erste Angriff (815 – 819 u.Z.) wurde von den Abbasiden selbst vorgenommen. Der Anlass war, dass die (buddhistischen) Turki-Shahi-Herrscher von Kabul sich zusammen mit ihren tibetischen Verbündeten und anderen Dissidentengruppen aus Zentralasien zusammengeschlossen hatten, um die Abbasiden zu stürzen, aber dann verloren. Der Schaden war gering und die Turki-Shahis übernahmen schnell wieder die Kontrolle.

In der zweiten Hälfte des neunten Jahrhunderts wurde die Herrschaft der Abbasiden über ihr Reich schwächer und verschiedene seiner Teile wurden zu autonomen Staaten, die bloß formell den Abbasiden in Treue verbunden waren. Die zweite Verfolgung (870 – 879 u.Z.) ging von dem Herrscherhaus eines dieser autonomen Staaten aus, von den im Iran ansässigen Saffariden. Sie richteten größeren Schaden als es der erste Angriff. Die Saffariden stürzten die Turki Shahis. Doch nach kurzer Zeit stießen die Hindu Shahis aus ihren Stammgebiet in Gandhara und Oddiyana (nordwestliches Pakistan) vor und nahmen den Saffariden das östliche Afghanistan ab. Die Herrscher der Hindu Shahi unterstützten sowohl den Hinduismus als den Buddhismus.

Der Aufstieg der ismaelitischen Rivalen der Abbasiden

Die Herrscher der Fatimiden Dynastie Ägyptens waren Anhänger der ismaelitischen Shia. Sie beherrschten ein großes Reich und versuchten als Hauptrivalen der sunnitischen Abbassiden die gesamte islamische Welt unter dem Banner ihrer ismaelitischen Schule und ihrer Versprechung des Messias Mahdi zu vereinen. Sie entsandten zahlreiche Missionare und Diplomaten in den Osten um zu versuchen, Anhänger für ihre Sache zu gewinnen.

959 u.Z. konverierte der Herrscher von Multan zum ismaelitischen Zweig des Islams. 968 wurde Multan zu einem Vasallenstaat der Fatimiden. Im Jahr 976 u.Z. nahmen die ghaznavidischen Türken den Hindu-Shahis das östliche Afghanistan ab und gründeten unter abbasidischer Oberherrschaft einen autonomen Staat. Die Hindu Shahis zogen sich nördlich von Multan auf die unter ihrer Herrschaft stehenden Gebiete in Gandhara und Oddiyana zurück. Jetzt waren die Abbasiden und ihre Vasallen, die Ghaznaviden, im Osten und im Westen zwischen ihren fatimidischen Rivalen eingekeilt. Sie befürchteten das kurze Vorausstehen einer Invasion von beiden Fronten. Um die Ghaznaviden anzugreifen hätten die Ismaeliten von Multan bloß durch das Territorium der Hindu Shahis, die Feinde der Ghaznaviden waren, zu marschieren brauchen.

Der ghaznavidische Herrscher Mahmud von Ghazna war ein starker Verfechter des sunnitischen Islams. Den Buddhisten gegenüber in seinem Herrschaftsbereich in Afghanistan war tolerant gegenüber. Dies zeigt sich daran, dass er sie und ihre Kloester besteuerte, statt sie irgendwie zu verfolgen. Den anderen Formen von Islam gegenüber war er jedoch intolerant – besonders, was die ismaelitische Schia anging. Eine seiner höchsten Prioritäten war es, die politische Bedrohung durch die ismaelitischen Fatimiden abzuwehren und sich als die wertvollste Stütze seiner abbasidischen Oberherrn zu erweisen.

1001 u.Z. attackierte Mahmud die Hindu Shahis in Gandhara und Oddiyana. Obwohl Oddiyana weiterhin eines der Hauptzentren des buddhistischen Tantras war gab es dort keine blühenden buddhistischen Klöster. Die hinduistischen Tempel dagegen waren voller Reichtümer. Daher wurden sie von Mahmud geplündert und zerstört. Die Hindu Shahis zogen sich weiter nach Osten zurück und verbündeten sich mit Multan.

Im Laufe der nächsten zwei Jahrzehnte attackierte und annektierte Mahmud nicht nur Multan, sondern auch ein weiteres Bündnis, dass die Hindu Shahi mit den indischen Rajput-Herrschern der heutigen Gebiete des Punjab und des Himachal Pradesh geschlossen hatten. In den nächsten Jahren plünderte und zerstörte Mahmud die wohlhabenden hinduistischen Tempel und buddhistischen Klöster in den Rajput-Gebieten.

Entweder 1015 oder 1021 u.Z. (je nachdem welche Quelle man annimmt) machte sich Mahmud an die Verfolgung der Übriggebliebenen Hindu Shahis, die dabei waren, in den westlichen Gebirgsvorläufern auf dem Weg nach Kaschmir in der Lohara-Festung neue Kräfte zu sammeln. Doch Mahmud sollte es nie gelingen, die Festung einzunehmen oder Kaschmir zu erobern. Traditionellen buddhistischen Berichten zufolge wurde der Herrscher der Ghaznaviden durch buddhistische Mantras gestoppt.

Zusammenfassend scheint Mahmud von Ghaznas Invasion Gandharas, Oddiyanas und des nordwestlichen Indiens zwei Hauptmotive gehabt zu zu haben: er wollte der Bedrohung ausschalten, die die fatimidischen Ismaeliten für die abbasidisch-sunnitische Oberherrschaft über den Islam dargestellten; und er wollte die Feinde seines Vaters, die Hindu Shais, die Multan unterstützten, endgültig zerstören. Beim verfolgen dieser beiden Ziele schuf sich Mahmud eine möglichst große finanzielle und machtpolitische Basis, indem er die reichen hinduistischen Tempel und buddhistischen Klöster des Gebietes plünderte und zerstörte. Angesichts des politischen Klimas innerhalb der islamischen Welt in dieser historischen Periode ist es unwahrscheinlich anzunehmen, dass Mahmuds Hauptmotivation religiöser Fanatismus und der Wunsch war, alle indischen Glaubensformen zu beseitigen und die Inder zum sunnitischen Islam zu bekehren.

Die Zusammenstellung des „Gekürzten Kalachakra-Tantra“

Aus der Sicht der westlichen Forschung handelt es sich beim „Gekürzten Kalachakra-Tantra“ und seinem Hauptkommentar, dem Makellosen Licht wahrscheinlich um Zusammenstellungen von Portionen, die an verschiedenen Orten zu verschiedenen Zeiten verfasst wurden. Es ist allerdings schwierig, das Datum zu ermitteln, zu dem sie in ihrer gegenwärtigen vollständigen Form auf Sanskrit zusammengestellt wurden.

„Das Gekürzte Kalachakra-Tantra“ (I.27) besagt, dass 403 Jahre vor der Begründung des Kalenders in sechzigjährigen Prabhava-Zyklen das Jahr des Herrn der Mlecchas – nämlich Mohameds – stattfand. Der erste Sechzig-Jahres Zyklus des Kalachakra begann im Jahr 1027 u.Z. Die tibetische Tradition der Astrologie betrachtet dies als das Jahr, in dem die Kalachakra-Lehren in Tibet eingeführt wurden. Diese Behauptung bezieht sich auf den Kalachakra-Kalender und die Kalkulationen, die zu seiner Erstellung dienen.

Andere tibetische Gelehrte haben 1027 u.Z. als das Jahr angesehen, in dem die Kalachakra-Lehren nach Indien kamen. Kadrubje, nachdem er diese Meinung zitiert hat und die Texte analysiert hat folgert, dass es schwierig war, mit irgendeiner Gewissheit zu sagen, dass dies das Jahr war, in dem das Kalachakra in Indien eingeführt wurde. Die Kalachakra-Texte machen bloß die Aussage, dass der erste Sechzig-Jahreszyklus dann begann.

Es gibt mindestens einen Ort, an dem die Kalachakra-Lehren bereits 1027 verfügbar gewesen sein müssen: Kaschmir. Am Ende des zehnten und zu Beginn des elften Jahrhunderts u.Z. war dieses Land ein Zentrum des buddhistischen und des hinduistisch-schivaistischen Tantras. Ein Beleg für das hiesige Vorhandensein der Kalachakra-Lehren in dieser Epoche findet sich in einem kaschmirischen schivaistischen Tantratext, der „Ausleuchtung der Tantras“ (Skt. Tantraloka), der irgendwann zwischen 990 und 1014 u.Z. von Abhinavagupta verfasst wurde, in dem das Meditationsystem des buddhistischen Kalachakras kritisiert wird.

Die Tatsache, dass die Kalachakra-Lehren sich schon vor 1027 in Kaschmir befanden könnte darauf hinweisen, dass einige Details bei der Beschreibung des Krieges gegen die nicht-indischen Eroberer spätere Elemente sind, die zu einer früheren Textschicht hinzugefügt wurden. Obwohl die Kalachakra-Texte die nicht-indische Invasion für das Jahr 2424 u.Z. voraussagen, könnten sich die Beschreibungen in den Texten daher auf die versuchte Invasion Kaschmirs durch Mahmud von Ghazna im Jahr 1015 oder 1021 beziehen, und auf seine Niederlage, die, der Legende nach, durch das tantrische Mittel buddhistischer Mantras herbeigeführt wurde. Da die Ghaznaviden zu dieser Zeit bereits Multan eingenommen hatten, könnten die Zusammensteller des Kalachakras die ismaelitischen Anschauungen mit denen des sunnitischen Islams verwechselt haben. Aufgrund dieser Verwechslung hätten sie den sunnitischen Invasoren eine modifizierte ismaelitische Prophetenliste zugesprochen und fälschlich angenommen haben, das Mahmud von Ghazna sich selbst als Mahdi erklärt habe, was er nie getan hat.

Außerdem wird die nicht-indische Invasion nach Aussage der Kalachakra-Texte von Delhi (Skt. Dili) ausgehen. „Delhi” kann sich hier nicht auf die tatsächliche Stadt Delhi beziehen, da diese erst im zwölften Jahrhundert u.Z. erbaut wurde, lange nachdem die Kalachakra-Literatur in Indien erschienen war. Der Name erscheint allerdings bereits im ersten Jahrhundert v.u.Z. in der indischen Literatur, um ein größeres Gebiet zu bezeichnen, dass sich um die Region erstreckt, die später zur Stadt Delhi wurde. Wahrscheinlich bezeichnet Delhi hier also das östliche Punjab – und in diesem Sinne erfolgte Mahmuds Angriff auf die Lohara-Festung und auf Kaschmir tatsächlich von „ Delhi“ aus.

Ferner handelt es sich bei Kaschmir vermutlich um das Vorbild für die geographische Beschreibung von Shambhala. Wie Shambhala wird das Srinagar-Tal von Kaschmir durch einem Ring von Schneebergen umkreist und wie Shambhala hat es in seiner Mitte den zweiteiligen Dal-See.

Zusammenfassung

Unabhängig von der Bedeutung des Jahres 1027 u.Z. und vom genauen Datum der Zusammenstellung der Kalachakra-Texte ist es klar, dass die Liste der Mleccha-Propheten, die sich in ihnen finden eine Adaptierung der ismaelitischen Liste darstellen. Zusätzlich erscheint es als recht wahrscheinlich, dass es sich bei der historischen Referenz für die Invasion von Shambhala um eine Verschmelzung der Bedrohung der sunnitischen Ghaznaviden im östlichen Afghanistan durch die fatimidischen Ismaeliten von Multan und der Attacken von Mahmud von Ghazna gegen die Hindu Shahis in Gandhara, Oddiyana und in der Nähe von Kaschmir handelt.

Diese Hypothese wird durch mehrere weitere Punkte erhärtet:

  • Während des späteren Teil des zehnten Jahrhunderts und dem Anfang des elften Jahrhunderts u.Z. war die Kommunikation zwischen den Buddhisten in Oddiyana und Kaschmir recht geläufig. Eine buddhistische Pilgerroute Buddhist vom westlichen Tibet bis Oddiyana ging durch Kangra und Kaschmir.
  • Obwohl das buddhistische Tantra anscheinend im östlichen Afghanistan nicht praktiziert wurde fanden sich dort einige Merkmale der Kalachakra-Lehren. Spezifisch gesagt befanden sich Bilder der zwölf astrologischen Zodiakalzeichen auf der Innenwand der Haupthalle der buddhistischen Klöster von Kabul Dieses Motiv fand sind sowohl in iranischen Königspalästen als im Kalachakra-Mandala, in dem Gottheiten, die die zwölf Zeichen darstellen den Palast umringen. Mahmud von Ghazna zerstörte diese Klöster nicht.
  • Der östliche Afghanistan, Gandhara und Oddiyana befanden sich lange vor Mahmuds Kampagnen alle unter der Herrschaft der Hindu Shahis. Obwohl also Reisen zwischen ihnen während der Zeit dieser Kampagnen vermutlich eingeschränkt war konnten die Buddhisten von Oddiyana doch Eigenschaften kennen, die sich in den buddhistischen Klöstern von Kabul fanden.
  • Zu dieser Zeit hatten sowohl Oddiyana als Kaschmir hinduistische und buddhistische Bevölkerungen, die unter hinduistischer Herrschaft standen, wie Shambhala. Außerdem gab es zu dieser Zeit weiterhin in beiden Gebieten Manichäer.
  • Sowohl im östlichen Afghanistan als in Oddiyana müssen sich die Buddhisten der Gefahr bewusst gewesen sein, die von der fatimidisch-ismaelitischen Bedrohung in Multan ausging.
  • Die Buddhisten in Oddiyana haben sich vermutlich Sorgen gemacht über das Bündnis zwischen ihren Hindu Shahi Herrschern und Multan. Die Warnung, die der Herrscher von Shambhala, Manjushri Yashas, den Hindu-Weise erteilte über ihre Abhängigkeit ihrer Nachkommen vom Dharma der Invasoren könnte möglicherweise eine Reflektion dieser Besorgnis sein.
  • Die letzten Angriffe der Ghaznaviden gegen die Hindu Shahis und gegen Kaschmir wurden beide von aus Multan ausgeführt.

Doch im Hinblick auf dieses Zusammenziehen des Drohenden Angriffs durch die ismaelitischen Fatimiden von Multan, die nie stattfand, und den Invasionen von Mahmud von Ghazna, die stattfanden, erscheint ein Punkt – wenn es nicht mehr sind – weiterhin merkwürdig. Nach Auskunft der Kalachakra-Texte wurde diese Voraussage der Mleccha-Invasion von Manjushri Yashas im zweiten Jahrhundert v.u.Z. getroffen. Die Voraussage war, dass die Invasion im Jahre 2424 u.Z., 1800 Jahre nach der Begründung des Dharmas der Invasoren, stattfinden würde. Das Jahr 1027 u.Z., 403 Jahre nach der Gründung des Dharmas der Invasoren, war bloß einige Jahre nach den Invasionen der Ghaznaviden. Allerdings die Voraussage bezüglich dieses Jahres hatte nichts zu tun mit zukünftigen Invasionen. Die Voraussage betraf bloß das Jahr in dem der erste 60-jährige Prabhava-Zyklus des Kalachakra-Kalenders beginnen würde.

[Für weitere historische Details, siehe: Die Historische Interaktion zwischen den buddhistischen und islamischen Kulturen vor dem mongolischen Reich, Kapitel 14.]

3 Analyse der Prophetie

Das Kommen des Mahdi, die Schlacht mit Dajjal und das Jüngste Gericht

Um nachvollziehen zu können, wie stark die von den Ismaeliten ausgehende Bedrohung durch die Sunniten empfunden wurde – und auch von den Buddhisten in Afghanistan und Oddiyana, muss man die islamische Vorstellung vom Kommen des Mahdis als Messias verstehen.

Die Vorhersage, nach der ein Messias eine apokalyptische Schlacht des Guten gegen das Böse führen wird, auf die ein Goldenes Zeitalter, das Ende der Zeit und das Jüngste Gericht folgen, erschien als erstes in der zoroastrischen Religion des alten Irans. Verschiedene Versionen dieser Prophetie verbreiteten sich in den Zivilisationen rings um den Iran. Im Westen ging sie auf den Judaismus über, von hier aufs Christentum, und vom nestorianischen Christentum auf den Islam. Im Iran, Irak und in Zentralasien ging sie auf den Manichäismus über. Östlich vom Iran ging sie in den Hinduismus ein.

Innerhalb des Islams ist die ausführlichste Version dieser Vorhersage die der Schiiten, die zuerst in ihrer ismaelitischen Version zu Beginn der abbasidischen Periode erschien und weitere Elemente zur Prophetie hinzufügte. Die meisten Muslime glaubten zu dieser Zeit, die Welt sei zu Lebzeiten Mohammeds 5500 Jahre alt gewesen und dass sie insgesamt nur 6000 Jahre lang bestehen werde. Daher stand für sie das Ende der Welt kurz bevor, und es sollte zu Beginn des zwölften Jahrhunderts stattfinden.

Der siebte Imam, der im Jahr 762 u.Z. von der Erde verschwunden war, wird noch einmal kurz vor dem Ende der Welt als der Mahdi erscheinen. Daher wird ein anderer Name für Mahdi „al-Qaim“, „der Auferstandene“ sein. Bei seiner Rückkehr wird sich der Islam in rivalisierende Schulen aufgespalten haben; das (islamische) Gesetz der Scharia wird missachtet werden und die Muslime werden sich wie wilde Barbaren verhalten, die gegeneinander kämpfen. Mahdi, der in der Familie des Mohammed geboren werden wird, wird als ein politischer und spiritueller Führer (Imam) kommen. In Mekka wird er sich selbst zum Messias ausrufen und eine Armee nach Jerusalem führen, wo er sich als Herrscher der Welt niederlassen wird. Er wird das Gesetz der Scharia, die Ordnung und den Frieden wiederherstellen.

Mahdis Herrschaft von Jerusalem aus wird weniger als ein Jahrzehnt andauern. Die Menschen werden ihn zugunsten eines betrügerischen Messias verlassen: des Dajjal (des „Betrügers“) des einäugigen islamischen Gegenstücks zum Antichristen, der ebenfalls behaupten wird, wieder auferstanden zu sein, nachdem er in der Vergangenheit verschwunden war. Dajjal wird negative Verhaltensweisen legalisieren, die vom Gesetz der Scharia verboten sind, er wird den Menschen materiellen Reichtum geben und die Kranken heilen. Folglich werden die Menschen denken, sie bräuchten Allah nicht.

Bevor alle Gläubigen verloren sind, wird das zweite Kommen Christi stattfinden. Parallel zum Verschwinden des Imams und seines Wiedererscheinen als Mahdi wird Jesus (als islamischer Prophet angesehen) in ähnlicher Weise zur Erde zurückkehren, nachdem er verschwunden war. Er wird nach Damaskus kommen und an der Seite von Mahdi beten. Jesus, nicht Mahdi, wird dann Dajjal besiegen. Diese Schlacht, die als die Apokalypse bekannt ist, wird in Armageddon in Palästina stattfinden.

Nach seinem Sieg wird Jesus alle Kreuze zerbrechen, da sie wie Götzen angebetet wurden, er wird alle Schweine töten und die Kopfsteuer auf die nichtmuslimischen „Menschen des Buches“ abschaffen, da sie sich alle zum Islam bekehrt haben werden. Dann wird Jesus in einem Goldenen Zeitalter des Islam über die Erde herrschen. Die Periode des Friedens wird vierzig Jahre andauern, wonach Allah die Erde zerstören, die Toten auferwecken und das Jüngste Gericht halten wird. Die Guten werden darauf für immer in den Himmel kommen und die Bösen ewig in der Hölle brennen.

Da das vorausgesagte Weltende auf die Zeit um 1100 datiert wurde, behaupteten in den unmittelbar vorangehenden anderthalb Jahrhunderten zahlreiche rivalisierende islamische Führer, die wünschten, die gesamte islamische Welt zu beherrschen, sie seien der Mahdi. Solche Behauptungen konnten ihnen dabei helfen, die politische und religiöse Unterstützung der Massen zu gewinnen. Dieses Phänomen war bei den Ismaeliten besonders verbreitet. Folglich kamen die ismaelitischen Fatimiden am wahrscheinlichsten als Invasoren in Frage.

Die Warnung vor einer Invasion durch von Mahdi geführte nichtindische Truppen, die sich im Kalachakra findet, gibt also die Angst der Abbasiden vor einer solchen Invasion wieder. Sie spiegelt das vorherrschende Ethos dieser Zeit.

Die Voraussage eines Messias im Hinduismus

Die Voraussage eines Messias erreichte den Hinduismus über den indischen Kontakt mit der iranischen Kultur während der Kushan-Dynastie in den ersten zwei Jahrhunderten u.Z. Ihre ausführlichste Form erschien allerdings im „Vishnu Purana“, das von der Forschung auf das vierte Jahrhundert u.Z. datiert wird.

Das „Vishnu Purana“ beschreibt das periodische Entstehen und Vergehen jedes Universums in Zyklen, die aus vier Zeitaltern bestehen, und bezieht dabei Astronomie und Astrologie ein.. Das gegenwärtige Kaliyuga (Zeitalter der Zwistigkeiten) wird mit dem Erscheinen des Kalki enden, der der achte und letzte Avatar (Inkarnation) von Vishnu ist. Er wird in Shambhala in der Familie des Brahmanen Vishnu-Yashas geboren werden. Er wird die Mlecchas, Diebe und alle anderen, die in einer destruktiven Weise handeln, zerstören. Sein Sieg wird die Tugend auf der Erde durchsetzen und ein neues goldenes Zeitalter ankündigen. Der Text beschreibt die Mlecchas näher als Yavana (makedonische Griechen), Shaka, Hunnen und Turushka (Kushan) – alles nichtindische Gruppen, die zuvor Nordwestindien erobert und beherrscht hatten.

Das Kalachakra reagiert mit seiner Voraussage eines Messias

Mit dem Kalachakra reagierten die Buddhisten auf die allgemeine Furcht vor einer Invasion, indem sie ihre eigene Voraussage eines Messias vorbrachten und indem sie der Methode folgten, die die zeitgenössischen Hindus und Muslime bereits angewandt hatten: Die Methode bestand im Finden von tatsächlichen oder entfernten Ähnlichkeiten, die es Anhängern anderer Religionen erlauben würden, unter den Schirm der Religion einer herrschenden Gruppe ihren Platz zu finden. Aus einer soziopolitischen Perspektive ermöglichte eine solche Vorgehensweise eine integrierte multikulturelle Gesellschaft. Letztere erschien als wesentliche Voraussetzung dafür, der Herausforderung einer Invasion erfolgreich zu begegnen. Aus einem religiösen Gesichtspunkt betrachtet, schaffte sie für aufnahmebereite Anhänger anderer Religionen die Grundlage dafür, die Religion ihrer Herrscher als die tiefere Wahrheit ihres eigenen Glaubens ansehen zu können. So öffnete sie in einer subtilen, unaggressiven Weise einer Bekehrung die Tür.

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Dementsprechend benutzten die Buddhisten, in ihrem Wunsch, eine vereinte Front mit den Hindus zu bilden, im Kalachakra Motive und Namen, die dem hinduistischen Publikum bereits aus dem „Vishnu Purana“ bekannt waren. In der Kalachakra-Version der Vorhersage eines Messias gehen Universen periodisch durch Zyklen von vier Zeitaltern und folgen dabei Gesetzen der Astronomie und Astrologie. Sieben Jahrhunderte vor dem Ende des gegenwärtigen vierten Zeitalters (dem Kaliyuga) wird der König von Shambhala all seine hinduistischen und buddhistischen Untertanen in einer Kaste vereinigen, um der zukünftigen Invasion entgegenzustehen, die das Zeitalter beenden wird. Der Einheit stiftende König wird Manjushri-Yashas sein, der den Titel Kalki annehmen und der erste in einer Reihe von fünfundzwanzig Kalki-Herrschern von Shambhala sein wird.

Sieben Jahrhunderte später wird der tatsächliche buddhistische Messias Raudrachakrin, der fünfundzwanzigste Kalki-Herrscher sein, der, wie der erste Kalki, eine Emanation Manjushris sein wird. Während seiner Herrschaft wird Krinmati, der König von Delhi, sich zum Mahdi, dem Messias der Mlecchas – der nichtindischen Invasoren – erklären.

Mahdi und seine nichtindischen Truppen werden eine Invasion Shambhalas versuchen, doch Raudrachakrin wird Mahdi besiegen, bevor er das nördliche Land erreicht. Dies wird das Ende des Kaliyuga und den Anfang eines neuen Goldenen Zeitalters bedeuten.

Parallelen zwischen der hinduistischen und der buddhistischen Voraussage

Die Parallelen zwischen der hinduistischen und buddhistischen Version der Voraussage sind klar. Beide lassen den Messias aus Shambhala (dem „Land der Glückseligkeit“) kommen, lassen ihn die Mlecchas besiegen, das Kaliyuga beenden und ein neues Goldenes Zeitalter beginnen. In der hinduistischen Darstellung ist Kalki sowohl der letzte Avatar des Vishnu als auch der Sohn von Vishnu-Yashas. In der buddhistischen Darstellung ist der erste Kalki Manjushri-Yashas, und sowohl er als auch der letzte Kalki, Raudrachakrin, sind Emanationen des Manjushri. Manjushri wird durch den „Konzert der Namen Manjushris“ eng mit dem Kalachakra in Verbindung gebracht.

Indem die Buddhisten die Hindus von Shambhala darauf hinwiesen, dass der buddhistische Kalki – sowohl auf einer historischen wie auf einer spirituellen Ebene verstanden – tatsächlich die tiefste Bedeutung des hinduistischen Kalkis repräsentiert, wandten sie dieselben Methoden an, die die Hindus zuvor benutzt hatten. Frühe Listen der Avatare des Vishnu zählten nur acht Namen auf.

In ähnlicher Weise konnten sich die Hindus harmonisch in eine buddhistische Gesellschaft integrieren, indem sie sich in einer einzigen Vajrakaste vereinten, ohne den Hinduismus aufzugeben. Schließlich waren laut dem Padmani-Kommentar zum Kalachakra die ersten acht Avatare tatsächlich Emanationen des Buddha. Da die Hindus keine Schwierigkeiten damit hatten, Buddha als den neunten Avatar des Vishnu anzuerkennen, brauchten sie auch kein ungutes Gefühl dabei zu haben, dem zukünftigen König von Shambhala als dem zehnten Avatar zu folgen.

Die hinduistische Reaktion auf die Voraussage des Kalachakra

Das „Kalki Purana“ erzählt die hinduistische Kalki-Prophetie neu. Die zusätzlichen Elemente, die sich im „Vishnu Purana“ nicht finden, deuten auf ein Entstehungsdatum im elften oder zwölften Jahrhundert hin, nach dem Erscheinen der Kalachakra-Texte in Indien und bevor der Buddhismus im nördlichen Indien mit der Zerstörung der wichtigsten buddhistischen Klöster im Hinduismus aufging.

In dieser Version wird Kali („der Streiter“) der Führer der Mlecchas sein, die Personifikation des Kaliyuga (des Zeitalters der Streitigkeiten). Kali wird das reine hinduistische Dharma beschmutzen, indem er Lehren verbreitet, die diesem widersprechen, z.B.die Vereinigung der Kasten, die Heirat zwischen den Kasten und das Aufheben des Status der niedrigeren Kasten. Kalki als „der Zerstörer von dem, was beschmutzt ist“ wird Kali besiegen sowie die Buddhisten und Jainisten, die seinen Lehren folgen. Kalkis Sieg will das reine Dharma mit seinem reinen Kastensystem wiederherstellen, das Kaliyuga beenden und ein neues Goldenes Zeitalter einleiten.

Möglicherweise fühlten sich zahlreiche Hindus von der Kalachakra-Lehre eines Kalki, der die Kasten mischt und vereint, beleidigt. So mögen sie die Notwendigkeit verspürt haben, diesen falschen buddhistischen Kalki abzulehnen und die Existenz des wahren hinduistischen Kalki neu zu bekräftigen – eines Kalki, der die Besudelung des reinen Kastensystems und die Lehrer, die es beschmutzten, zunichte macht.

Es ist beachtenswert, dass das „Kalki-Purana“ nur die Buddhisten und Jainisten auf der Seite von Kali einordnet und den Islam nicht erwähnt. Dennoch enthält die aktualisierte hinduistische Vorhersage eine Parallele zu einem Element der muslimischen Version. Nach seinem Sieg über Dajjal wird Jesus alle nichtmuslimischen „Menschen des Buches“ zum reinen Islam zurückführen. In ähnlicher Weise wird der hinduistische Kalki nach seinem Sieg über Kali alle nicht-hinduistischen Anhänger indischer Religionen (nämlich die Buddhisten und Jainisten) zurück zum reinen Hinduismus bringen.

Trotz der starken anti-buddhistischen und anti-jainistischen Worte des „ Kalki Purana“ starteten die Hindus nie ein Pogrom gegen eine der beiden Gruppen oder verfolgten sie ernsthaft unter ihrer Herrschaft. Tatsächlich waren die Könige der Pala-Dynastie (750 – spätes zwölftes Jahrhundert), die während dieser Periode Bihar und Bengalen im nördlichen Indien beherrschten, Förderer des Buddhismus.

Parallelen zwischen den Versionen des Kalachakra und des Islams

Um auch die nichtindischen Invasoren zu einem tieferen Verständnis zu führen, verwendet die Kalachakra-Version der Messias-Prophetie auf ähnliche Weise bestimmte Elemente, die sie entweder der muslimischen Version zuschreibt oder die sich tatsächlich dort finden. Im „Makellosen Licht“ beispielsweise wird Mohammed ein „Avatar des Rahman“ genannt. „Rahman“ („Der Barmherzige“) ist ein verbreiteter arabischer Beiname Allahs. Mahdi wird seinerseits „die Emanation“ genannt, am Ende einer Linie von Imamen, die Nachfolger der Familie des Mohammed sind. Dies ist eine Parallele dazu, dass der Erste Kalki eine Emanation des Manjushri ist und der Fünfundzwanzigste und letzte Kalki, nach einer Linie von Kalki-Nachfolgern, ebenfalls eine Emanation des Manjushri sein wird. In ähnlicher Weise ist es eine Parallele dazu, dass der hinduistische Kalki der letzte in einer Linie aufeinander folgender Avatare des Vishnu ist.

Die Linie der Kalkis, die über Shambhala herrschen, das Land, das ihnen von Buddha anvertraut wurde, um die Kalachakra-Lehren zu bewahren, ist eine Parallele zu der Linie der Imame, die die Nachfolger Mohammeds sind und denen politische Macht anvertraut wurde, um die Reinheit des Islams zu bewahren. Außerdem ist die Tatsache, dass die Kalki-Linie aus fünfundzwanzig Mitgliedern besteht, eine Parallele dazu, dass die Propheten, die im Koran erwähnt werden, ebenfalls eine Fünfundzwanzigerlinie bilden.

Ferner identifiziert „Ein Konzert der Namen Manjushris“ den Manjushri als den Adibuddha (ursprünglichen Buddha). Manjushri (Kalachakra) repräsentiert die feinste Ebene des Geistkontinuums jedes Individuums, die Ebene des klaren Lichtes, die keinen Anfang und kein Ende hat. Die Buddhanatur-Qualitäten des Geistkontinuums, die ihm erlauben, der allwissende Geist eines Buddha zu werden, umfassen seine angeborene Reinheit von allen flüchtigen Verschmutzungen und seine angeborene Qualität (sein angeborenes Potential) unbehinderten tiefen Gewahrseins. So ist das klare Licht ursprünglich ein Buddha. Ferner ist der Geist des Klaren Lichts der Erschaffer aller Erscheinungen. Dies ist eine Parallele zu Allah als dem höchsten, allwissende Schöpfer.

Wie im Falle der Reaktion auf den Hinduismus folgte der Buddhismus im Kalachakra dem muslimischen Vorbild, indem er Parallelen fand. Der Islam toleriert andere Religionen so lange ihre Anhänger „Menschen des Buches“ sind. Er definiert solche Menschen als diejenigen, die sowohl einen Schöpfergott als auch Propheten, die die ursprüngliche Weisheit eines solchen Gottes verkünden, anerkennen. Islamische Herrscher akzeptierten in ihren Gesellschaften die Anhänger der Religionen, die diesen Kriterien genügten, ohne dass sie ihre Glauben aufgeben mussten, solange sie eine Kopfsteuer zahlten.

Das islamische Gesetz, insbesondere unter der arabischen Herrschaft von Sindh vom achten bis zum zehnten Jahrhundert u.Z., akzeptierte den Buddhismus als eine „Religion des Buches“ und nahm so die Buddhisten friedlich unter seinen Schutz. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass sich die muslimischen Herrscher des Begriffs des Adibuddha im „Konzert der Namen Manjushris“ bewusst waren. Dass sie die Buddhisten als Menschen des Buches bezeichneten, kam wahrscheinlich daher, dass sie mit der in Zentralasien verbreiteten (alttürkischen und sogdianischen) Übersetzung des Wortes Dharma als „ nom“ vertraut waren, was sowohl Gesetz als auch Buch bedeutet. Ein solcher Übersetzungsbegriff wies darauf hin, dass die Buddhisten einem höheren System ethischer Gesetze folgen, wie es auch andere “Menschen des Buches” taten, speziell die Christen und Juden.

Die muslimische Reaktion auf die Prophetien des Kalachakra

Einige schiitische Gruppen scheinen die Kalachakra-Vorhersage, nach der der Kalki-König Raudrachakrin von Shambhala den Mahdi besiegen werde, gekannt zu haben und fühlten sich beleidigt. In späteren Jahrhunderten verbreitete sich ein Glaube, beispielsweise in Baltistan (nördliches Pakistan), dass der Falsche Messias Dajjal der buddhistische Kalki Raudrachakrin sei. Solche Gleichsetzungen waren allerdings äußerst selten und tauchten bloß in einigen Randgruppen auf.

Die buddhistisch-muslimische Beziehungen in Tibet, wo die Kalachakra-Lehren in Blüte standen, blieben stets friedlich. In der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts u.Z. etwa, nach mehr als hundertfünfzig Jahren Bürgerkrieg, begründete der Dalai Lama eine Politik, um die verschiedenen Faktionen und religiösen Gruppen, die während dieser Zeit in Tibet vertreten waren, in eine vereinte Gesellschaft zu integrieren. Aufgrund seiner offenen, toleranten Politik und einer schweren Hungersnot in Kaschmir emigrierten zahlreiche kaschmirische Muslime nach Tibet. Der Fünfte Dalai Lama gab ihnen besondere Privilegien, indem er ihnen beispielsweise Land zuteilte, sie von Steuern befreite und ihnen erlaubte, ihre Religion auszuüben und ihre inneren Angelegenheiten durch ihren eigenen Rat von Führern und das Gesetz der Scharia regeln zu lassen. Er tat dies, ohne dass er sie in einem Kalachakra-Mandala vereinte und ohne ihnen die Kalachakra-Initiation zu erteilen.

Christliche Ängste vor einer vom Mahdi geführten Invasion

Am Ende des zehnten und während des elften Jahrhunderts, waren die Sunniten und die Buddhisten nicht die Einzigen, die sich vor einer von Mahdi geleiteten Truppeninvasion fürchteten. Die Angst vor einer kurz bevorstehenden apokalyptischen Schlacht grassierte bald auch im christlichen Europa.

Das mittelalterliche Christentum erwartete, dass das Kommen des Antichristen, die Wiederkunft des Christus, die Apokalypse, das Ende der Welt und das Jüngste Gericht 1000 Jahre nach Jesus stattfinden würden, entweder im Jahre 1000 oder 1033 u.Z..

Als El-Hakim, der fatimidische Kalif von Ägypten, im Jahr 1009 u.Z. das Heilige Grab in Jerusalem zerstörte, dachten viele, dass der vorausgesagte Antichrist erschienen wäre. Trotzdem fand die Wiederkunft Christi im Jahr 1033 u.Z. nicht statt. So nahm es die christliche Kirche schrittweise auf sich, an Christi Stelle selbst die Welt von allen Häresien und Unreinheiten zu befreien, erst im Heiligen Land und dann innerhalb der eigenen Reihen.

Im Jahr 1055 u.Z. eroberten die seldschuckischen Türken Bagdad und stürzten die Abbasiden, nachdem sie die Ghaznaviden aus dem Iran vertrieben hatten. 1076 u.Z. eroberten die Seldschucken Palästina. Ab 1090 u.Z. führten Anhänger des Nizari-Zweiges der Ismaeliten, der den Kreuzrittern als Assassinenorden bekannt war, im Iran, im Irak und in Syrien eine Terrorkampagne. Sie taten dies, um ihrem Führer bei der Weltübernahme als Mahdi den Weg zu bahnen. Sowohl von den Seldschucken als auch von den Fatimiden wurden sie aufs Härteste verfolgt..

Obwohl die Seldschuken orthodoxe Sunniten waren und ihre Führer nicht als Mahdi-Kandidaten ansahen, machten die europäischen Christen keine Unterschiede zwischen den Muslimen. Sie identifizierten alle Muslime mit der Nizari-Mahdi-Bewegung. Folglich rief Papst Urban II im Jahr 1096 u.Z. den ersten Kreuzzug aus, um den „muslimischen Ungläubigen“ (in diesem Fall den Seldschuken) Jerusalem abzuringen.

Obwohl die Buddhisten eine apokalyptische Schlacht vorhersagten, in der die Truppen von Shambhala Mahdi besiegen würden, und sie alle Hindus dazu ermutigten, ihre Kastenunterschiede beiseite zu legen und sich in einer vereinten Front mit ihnen zusammenzutun, starteten sie nie einen Kreuzzug gegen die Muslime. Tatsächlich öffneten sie den Muslimen die Tür, damit sie sich ihnen auf ihrer spirituellen Suche nach der höchsten Wahrheit anschließen konnten.

Schlussfolgerungen aus der historischen Analyse und der Analyse der Prophetie

Die sunnitischen Abbasiden und ihre Vasallen verfolgten den Buddhismus zwischen dem späten achten und dem späten zehnten Jahrhundert nur selten. Stattdessen tolerierten sie ihn meistens und wählten den ökonomisch profitableren Weg, seine Anhänger und seine Klöster stark zu besteuern. Daher scheint es unangebracht, in den nichtindischen Invasoren, die vom Tantra vorausgesagt werden, die sunnitisch-abbasidischen Muslime oder ihre sunnitisch-ghaznavidischen Vasallen zu sehen. Die Liste der Propheten der Invasoren bestätigt diese Schlussfolgerung.

Die Buddhisten in Afghanistan und Oddiyana folgten vermutlich insofern dem abbasidischen Beispiel, als dass sie die ismaelitisch-schiitischen Fatimiden, die ihr Reich unter dem Banner des Mahdi ausweiteten, als die damalige Hauptbedrohung für die soziale Stabilität ansahen. Sie können auch die fatimidischen Ismaeliten von Multan mit den Ghaznaviden verwechselt haben, die ihre Gebiete eroberten und Indien angriffen. Da die buddhistischen Gelehrten aus Afghanistan, die in Bagdad an der Übersetzung von Texten gearbeitet hatten, mit den manichäischen Schiiten vertraut waren, war die Darstellung der bedrohlichen nichtindischen Invasoren vermutlich ein Amalgam aus ihrem Wissen über diese Gruppe und über die Ismaeliten. Außerdem ist es ebenfalls recht wahrscheinlich, dass sich unter denen, die sich im fatimidischen Vasallenstaat Multan zur ismaelitischen Schia konvertierten, Manichäer befanden, und dass diese, entsprechend der ismaelitischen Konversionspolitik, die die Adhäsion gestattete, den Mani zur ismaelitischen Liste von sieben Propheten hinzugefügt hatten.

Die Bedrohung, die im späten zehnten und im frühen elften Jahrhundert u.Z. von den Fatimiden ausging, war allerdings politisch und nicht religiös. Der Buddhismus, wie er in der Literatur des Kalachakra dargestellt wurde, war nicht antimuslimisch, antichristlich, antijüdisch oder antihinduistisch. Es war lediglich eine Antwort auf den Geist der Zeit – auf die Furcht vor einer Invasion, vor einer apokalyptischen Schlacht, vor dem Weltende, die viele Menschen teilten, und eine Antwort auf die weit verbreitete Beschäftigung mit dem Kommen eines Messias.

Als Antwort auf diese Bedrohung präsentierte das Kalachakra seine eigene Version der Prophetie und empfahl eine Vorgehensweise, die vom Hinduismus und den herrschenden abbasidischen Muslimen bereits angewandt wurde. Diese Vorgehensweise bestand darin, dass man zeigte, wie der Buddhismus in seinem Lehrgebäude ebenfalls offene Türen hatte, um andere Religionen in seiner Sphäre miteinzuschließen. Eine essenzielle Grundlage auf der eine multikulturelle Gesellschaft stehen muss um einer drohenden Invasion entgegenzusehen ist die religiöse Harmonie ihrer Mitglieder. Sich in einem Kalachakra-Mandala zu anderen zu gesellen symbolisiert diese Bereitschaft zur Kooperation.

Die Darstellung der nichtindischen Propheten und die Prophetie eines zukünftigen Krieges gegen ihre Anhänger im Kalachakra muss in diesem historischen und kulturellen Kontext verstanden werden. Trotz der empfohlenen Vorgehensweise riefen weder die zeitgenössischen politischen Führer noch die spirituellen Meister des Buddhismus tatsächlich zu einer Kampagne auf, um die Hindus und die Muslime unter ihre Kontrolle zu bringen. Niemand veranstaltete eine Kalachakra-Initiation mit einer solchen Absicht im Hinterkopf. Trotzdem missfiel bestimmten hinduistischen und muslimischen Gruppen der Ruf des Kalachakra nach Einheit. Sie identifizierten den zukünftigen buddhistischen König von Shambhala mit dem falschen Messias, der in ihren eigenen Texten vorhergesagt wurde.

Wenn mehrere Religionen gemeinsam an einen wahren Messias glauben, der einen falschen Messias in einer apokalyptischen Schlacht überwindet, und wenn Mitglieder dieser Religionen nahe beieinander leben, sind zwei Folgen möglich: Mehrere Religionen können versuchen, sich zu vereinen um einem gemeinsam erkannten falschen Messias entgegenzutreten, indem sie erklären, dass ihnen derselbe wahre Messias gemeinsam ist. Alternativ hierzu können sie die wahren Messiasgestalten der anderen mit dem von ihnen selbst vorhergesagten falschen Messias identifizieren. Die Geschichte zeigt, dass beide Vorgehensweisen zu Misstrauen und Konflikt führen können.

Kurz gesagt bestand die Hauptabsicht der Kalachakra-Lehren über Geschichte darin, zukünftige Ereignisse zu beschreiben in einer Weise, die fortgeschrittenen Stadien der Meditationspraxis des Kalachakra entsprach. Sie sind weder eine Widerspiegelung noch eine Formulierung der heutigen buddhistischen Einschätzung der Weltlage am Anfang des 21.Jahrhunderts.

4 Analyse kultureller Faktoren

Der Hinweis darauf, die Invasoren seien eine Kaste

Die meisten Aspekte des Kalachakra-Systems haben drei Ebenen der Bedeutung: die externe oder äußere (die sich mit Geschichte und Astronomie befassen), die interne oder innere (die sich mit menschlicher Physiologie und Krankheit befassen) und die alternative (die die Tantrapraxis mit der „ Kalachakra“ genannten Buddhagestalt behandeln). Die drei Ebenen entsprechen sich stets..

Nach dem Vers aus dem „Gekürzten Kalachakra-Tantra“ bilden die nichtindischen Invasoren eine spezielle Kula. Auf der äußeren E bene bedeutet der Sanskritterminus Kula Kaste.

Manjushri-Yashas als erster Kalki vereinte die Menschen von Shambhala in einer Kaste, der Vajrakaste, indem er sie alle zu Vajra-Brüdern und -Schwestern im Kalachakra-Mandala machte. Als eine Kaste, die sich dem Befolgen reiner ethischer Prinzipien widmete, würden sie eine einige Gesellschaft bilden, mit der moralischen Kraft, sich einer Invasion derer zu widersetzen, die sie von ihren spirituellen Pfaden abbringen wollten.

An anderen Stellen präsentiert das Tantra Methoden um nicht nur die hinduistischen Brahmanen, sondern auch die nichtindischen Invasoren zum Pfad des Buddhismus zu führen. Dies impliziert, dass die Mitglieder der Kaste der Invasoren ebenfalls der Vajrakaste im Mandala des Kalachakra beitreten konnten.

Eine der spezifischen Eigenschaften sowohl des Hinayana- als auch des Mahayana-Buddhismus ist es, dass unter Nichtbeachtung der Kastenunterschiede alle Menschen, die einem buddhistischen Mönchs- oder Nonnenkloster beitreten, ihre Kastenunterschiede abstreifen und eine Gemeinschaft (Skt. sangha) bilden. Die Tibeter übersetzten „ sangha“ mit „diejenigen, die zum Konstruktiven entschlossen sind“ und wiesen so auf das Ziel der Gemeinschaft hin. Es besteht darin, einer spirituellen Ordnung zu folgen, nicht einer politischen oder einer militärischen, wie es manche behaupten mögen.

Sich im Kalachakra-Mandala zu vereinen ist allerdings nicht gleichwertig mit dem Eintritt in eine monastische Institution oder damit, ein Buddhist zu werden. Die Absicht des Ersten Kalkis war weder, dass alle Hindus und Muslime zum Buddhismus konvertieren sollten, noch, dass sie eine Armee von Kreuzfahrern bilden sollten. Das Ziel war, dass sie in Harmonie und Frieden zusammenlebten, wieeine Kaste. Dies folgt aus dem Gebrauch, der im Mahayana von demselben Begriff rigs gemacht wird, um die Buddhanatur zu bezeichnen. Daher müssen wir die tiefere Bedeutung des Begriffs im Vers auf der alternativen Ebene des Kalachakra betrachten.

Das Verhältnis zwischen Kaste und Buddhanatur

Buddhanatur bezieht sich auf die angeborenen Potentiale und Qualitäten, die es einer Person erlauben, die Erleuchtung zu erlangen und ein Buddha zu werden. Letztendlich gehört jeder bereits zu ein und derselben Kaste: zur Kaste derjenigen, die die Buddhanatur besitzen. Eine tantrische Ermächtigung (Initiation) zu erhalten, wie die in das Kalachakra-Mandala, erweckt die Buddhanatur jeder Person. Selbst wenn Nichtbuddhisten den Pfad Buddhas nicht annehmen, wird ihr Eintritt ins Kalachakra-Mandala sie an ihre Einheit mit allen anderen erinnern, die darin besteht, dass jeder die Buddhanatur besitzt. Indem sie sich als eine Vajra-Kaste zusammentun, bekräftigen alle erneut ihre Buddhanatur, um den höchstmöglichen Zustand spiritueller und ethischer Evolution zu verwirklichen.

Innerhalb des Buddhismus können Menschen den Shravaka-, Pratyekabuddha- oder Bodhisattva-Kasten (-Naturen) angehören, als drei Typen von Praktizierenden, die sich zu, verschiedenen spirituellen Pfaden hingezogen fühlen und verschiedene spirituelle Ziele anzustreben. Diese Unterschiede in ihrer Natur oder Kaste sind allerdings nur provisorisch. Letztendlich hat jeder die Buddhanatur und gehört zur Buddha-Kaste derjenigen, die Buddhas werden können.

In ähnlicher Weise klassifiziert die Kalachakra-Literatur die Nichtbuddhisten innerhalb von Kasten, die die Namen der verschiedenen Wiedergeburts-Bereiche tragen – Götter, Asuras (eifersüchtige „Anti-Götter“), Nagas („Wassermänner“ und „Meerjungfrauen“), Bhutas (Elementarwesen) und Menschen.Die Zugehörigkeit zu einer dieser Kasten deutet auf einen starken Drang, dem Verhalten der Wesen des entsprechenden Wiedergeburtsbereiches zu folgen. Mitglieder dieser Kasten haben die „Naturen“ dieser Wiedergeburtszustände. Die Tatsache, dass sie beispielsweise die Asura-Natur oder die Naga-Natur haben, weist jedoch auf nur provisorische Kastenunterschiede zwischen allen Wesen hin. Wie im Falle derjenigen, die die Shravaka-Natur und die Pratyeka-Buddha-Natur haben, sind letztendlich die Mitglieder aller Kasten (mit allen provisorischen Naturen) im Besitz der Buddhanatur (Vajra-Natur) und gehören zur Buddha-Kaste (Vajra-Kaste).

Die Invasoren als Mitglieder der Asura-Naga Kaste

Nach Aussage des Verses handelt es sich bei der Kaste, zu der die nichtindischen Propheten und Invasoren gehören, um die Asura-Naga Kaste. Einige westliche Gelehrte haben „Asura-Naga“ als „dämonische Schlangen“ übersetzt. Die Wahl dieser Übersetzungen ist für Christen und Muslime gleichermaßen verletzend.

Es kann mehrere mögliche Gründe dafür geben, dass die Kategorien der Asuras und Nagas im Bezug auf die Propheten der Invasoren und auf ihre Anhänger angewandt werden. Die Bibel und der Koran beschreiben Gott oft als einen eifersüchtigen Gott. Innerhalb eines indischen Kulturkontexts entsprechen Wesen, die mächtiger als Menschen sind und den traditionellen indischen Göttern gegenüber eifersüchtig sind, den kennzeichnenden Merkmalen der Asura- Wesen. Aufgrund ihrer Eifersucht beginnen die Asuras ständig Kämpfe, um die Götter zu stürzen. Die Tatsache, dass die Asuras immer besiegt werden, hätte einem indischen Leser allerdings die Hoffnung gegeben, dass jede beliebige nichtindische Invasion durch Mitglieder der Asura-Kaste letztendlich scheitern würde.

Nagas sind Wesen, deren Oberkörper, Kopf und Arme menschlich sind, während der untere Teil ihres Körpers der einer Schlange ist. Sie sind extrem reich, beschützen die Dharmalehren, legen Wert auf Sauberkeit und verletzen diejenigen, die sie (die Nagas) beleidigen. Wenn man die nichtindischen Invasoren mit Anhängern messianischer Formen des Islams identifiziert und den allgemeinen Eindruck betrachtet, den die zeitgenössischen Buddhisten vom Islam hatten, so stellt man fest, dass er den Eigenschaften von Nagas entsprach. Muslimische Herrscher waren extrem reich. Sie waren die Verteidiger der Reinheit des Islams, wuschen sich fünfmal täglich vor dem Gebet und bestraften diejenigen, die sie angriffen. Wenn Nichtmuslime ihnen eine Kopfsteuer zahlten, erhielten sie den Status von Dhimmi-Schutzbürgern. Wenn sie die Zahlung verweigerten und auch nicht die Alternative wählten, nämlich den Islam anzunehmen, wurden sie streng bestraft. In einem indischen Kulturkontext haben die vorausgesagten Invasoren daher die Eigenschaften der Kaste der Naga-Wesen.

Im Übrigen ist es unmöglich, die Frage zu beantworten, ob man „Asura-Naga“ mit „Asuras und Nagas“ im Sinne von zwei verschiedene Kasten oder von einer, mit „acht Asuras“ oder sogar mit „ Naga-gleiche Asuras” übersetzen soll. Der Abschnitt im Tantra trägt zur Lösung dieser Frage nichts bei, da er den Dharma der Asura-Kaste oder den Dharma der Naga-Kaste nicht erwähnt. In dem Kommentaren nehmen sie Padmani und Buton als zwei getrennte Kasten, während sie Kadrubje als eine einzige ansieht.

„Asura“ ist keine Übersetzung für „Antichrist“

Einige könnten der Meinung sein, dass es sich beim Begriff Asura (Anti-Gott), wenn er im Kalachakra auf die invasorischen Propheten angewandt wird, um eine Übersetzung des biblischen Begriffs Antichrist handelt. Schließlich bedeutet „sura“ auf Sanskrit Gott und „a“ ist das Negationspartikel, das hier sowohl impliziert, dass die Asuras keine Götter sind, als auch, dass sie gegen die Götter sind.

Das deutsche Wort Antichrist kommt vom griechischen Antichristos. „Christos“ bedeutet „der Gesalbte“ und „anti“ ist ein Präfix mit der Bedeutung „gegen“ oder „statt, an Stelle von“. Auf Griechisch erscheint „Antichristos“ als Synonym der Begriffe Pseudoprophetes („der falsche Prophet“, „der lügende Prophet“) und Planos („Der Betrüger“, „der, der in die Irre führt”).

Auf Arabisch wird der falsche Messias „al-masih ad-dajjal“ („der betrügerische Messias“) genannt, was allgemein als „Dajjal“ („der Betrüger“) gekürzt wird. So entsprechen die arabischen Bezeichnungen eher „Pseudoprophetes“ und „Planos” als „Antichristos“.

Der Islam leitete allerdings viele seiner Namen von der syrischen Bibel der nestorianischen Christen ab, und nicht von der älteren griechischen Bibel. Das arabisch Wort Dajjal leitet sich vom Syrischen Daggal ab, das ebenfalls „der Täuscher“ oder „der Lügner“ bedeutet. Indem er sie mit seinen Lügen täuscht, bringt Daggal/Dajjal die anderen dazu, ihn als den Messias anzuerkennen.

Die Buddhisten, die am abbasidischen Hof in Bagdad Kenntnisse über den Islam, das nestorianische Christentum und die manichäische Schia gewannen, hätten dem griechischen Begriff des Antichristos nicht begegnen können. Sie konnten nur dem arabischen Dajjal und dem syrischen Daggal begegnet sein.

Daher ist es unwahrscheinlich, dass die spätere Assoziierung des Begriffs Asura mit den nichtindischen Propheten eine Übersetzung von „Antichristos“ wäre, der im Sinne von „Anti-Kalki“ gebraucht worden wäre. Außerdem ist die Hauptcharakteristik der Asuras die Eifersucht, nicht die Täuschung. Die Bezeichnung „Asura“ im Kalachakra muss also aus dem rein indischen kulturellen Kontext heraus verstanden werden.

Mögliche Gründe für die Zusammenfassung der letzten fünf Propheten zu einer Gruppe

In der Koran-Liste von fünfundzwanzig Propheten sind fünf als gesetzstiftende Propheten zusammengefasst: Noah, Abraham, Moses, Jesus und Mohammed. Die Kalachakra-Liste allerdings macht Moses, Jesus, Mani, Mohammed und Mahdi zu einer Fünfergruppe. Betrachten wir zwei mögliche Gründe für die Gruppierungsweise des Kalachakra.

(1) Auf der äußeren, historischen Bedeutungsebene stellen vier der Propheten Traditionen dar, die einen Messias vorhersagen, und der fünfte ist der Messias selbst. Moses repräsentiert das Judentum, Jesus das Christentum, Mani den Manichäismus, Mohammed den Islam (speziell die verschiedenen messianischen Schulen des Islams) und Mahdi ist der islamische Messias.

Mahdi, als der Messias der Invasoren, der sich unter verschiedenen Namen im Judaismus, im Christentum, im Manichäismus und im Islam findet, wird der Rivale des indischen Messias Kalki sein, den man sowohl im Hinduismus als im Buddhismus findet.

(2) Auf der alternativen Ebene bedeutet Mathani, die Lautumschrift von Mahdi, „der Zerstörer“. Dies ist eine Parallele zu Krinmati, dem anderen Namen Mahdis, der „eine Geisteshaltung der Zerstörung“ bedeutet. Nach dem „Gekürzten Kalachakra-Tantra“ repräsentiert das Pferd, auf dem Mahdi reiten wird, die Unwissenheit. Er wird eine Armee von vier Divisionen führen, die den Hass, die Böswilligkeit, den Groll und das Vorurteil repräsentieren. Zusammen repräsentieren die fünf die Geisteszustände, die sich aus negativer karmischer Kraft ergeben. Vielleicht ist die Tatsache, dass Mahdi und die vier vorangehenden Propheten als Fünfergruppe zusammengefasst werden, ein Hinweis auf diese fünf Geisteszustände, die der Kalki Raudrachakrin besiegen wird.

Die Propheten besitzen die Grundeigenschaft des Tamas

Tamas (Dunkelheit) ist in der hinduistischen Samkhya-Schule einer der drei materiellen Grundbestandteile bzw. eine der drei Grundeigenschaften (Skt. triguna, drei Qualitäten). Die anderen beiden sind Rajas (Fleck der Leidenschaft) und Sattva (geistige Stärke). Um den hinduistischen Brahmanen verständlicher und zugänglicher zu sein, benutzte das Kalachakra Begriffe aus dem Samkhya, z.B. Tamas, Rajas und Sattva. Es benutzte dieses Dreierschema in verschiedenen Zusammenhängen, aber mit verschiedenen Bedeutungen.

Manchmal wurden die drei bezogen auf die drei giftigen Geisteshaltungen und auf die Befreiung von diesen angewandt. Tamas ist Naivität (tib. gti-mug, Skt. moha) oder Ignoranz; Rajas ist Begierde und Wut und Sattva der Geist, der von allen dreien frei ist.

Manchmal wurden die drei mit Bezug auf Karma und die Befreiung von Karma angewandt. Tamas ist zerstörerisches (untugendhaftes) Verhalten; Rajas ist samsarisch konstruktives (tugendhaftes) Verhalten und Sattva ist das Verhalten, das von beiden getrennt ist und über sie hinausgeht. Alternativ hierzu ist Tamas zerstörerisches Verhalten, Rajas gemischtes konstruktives und destruktives Verhalten und Sattva konstruktives Verhalten.

Nach Padmanis und Butöns Interpretationen bedeutet der Tantra-Vers, dass die konstituierende Grundeigenschaft des Tamas insbesondere auf die letzten fünf Propheten zutrifft. So könnte die Tatsache, dass es fünf Propheten gibt, darauf hinweisen, dass sie fünf Aspekte der Unwissenheit und des destruktiven Verhaltens repräsentieren. Dies würde mit der obigen Analyse übereinstimmen, wonach die fünf als Gruppe zusammengefasst werden können.

Nach Kedrubjes Interpretation bedeutet der Vers, dass die konstituierende Eigenschaft des Tamas auf alle acht Propheten zutrifft.

Die Einordnung der fünf Typen von Wesen in die drei Arten von Wiedergeburtszuständen

Obwohl Kedrubje das Folgende nicht als seine Begründung angibt, stellt die Anwendung von „Tamas“ auf alle acht Propheten eine Parallele zum Gebrauch von „Sattva“ und „Rajas“ im unmittelbar vorangehenden Vers des „Gekürzten Kalachakra-Tantra“ dar, wo mit diesen Begriffen auf ganze Listen von Gestalten Bezug genommen wird. Diesem Vers zufolge gehören die sieben Weisen (Skt. rshi, die sagenumwobenen Poeten, die die „ Vedas“ verfassten) und die sieben Himmelskörper (im Hinduismus Götter) zum Wiedergeburtsbereich/zur Kaste der Götter, was sich aus einer Vorherrschaft des Sattva ergibt. Die acht Avatare Vishnus – die die Zehnerliste mit Ausnahme der letzten beiden, nämlich Buddha und Kalki – gehören zum Wiedergeburtsbereich/zur Kaste der Bhutas (Elementarwesen), was sich aus einer Vorherrschaft des Rajas ergibt.

Im Kalachakra-Vers versteht Kedrubje „Bhuta“ als die Kaste der Wiedergeburt als Tier und interpretiert es als die menschliche Kaste. Dies folgt aus der Tatsache, dass von den acht Avataren des Vishnu drei eine tierische Form haben, einer halb Mensch halb Tier ist, und vier Menschen sind. Daher passt Kedrubjes Erklärung von Asura-Naga gut.

Aus seiner Analyse können wir folgern, dass sich die fünf Klassen der Wesen zu drei Arten von Wiedergeburtszuständen verdichten. Die Götter sind Sattva, Bhutas (Tiere) und Menschen sind Rajas, während die Asuras und Nagas Tamas sind. Diese Verdichtung der fünf Kasten zu drei entspricht der Verdichtung der fünf Buddha-Kasten (Buddha-Familien) des Anuttarayoga-Tantra zu den drei Buddha-Kasten des Kriya-Tantra.

Emanationen des Buddha

Nach dem Padmani-Kommentar erschien Buddha, um die Geister der Nichtbuddhisten (der Hindus) zu zähmen, als Emanation in der Form sowohl der Sattva-Liste von sieben Weisen und sieben Himmelskörpern, als auch der der Rajas-Liste von acht Avataren. In der Sattva-Liste herrschen konstruktive Gedanken vor, während die Rajas-Liste durch eine Mischung aus konstruktiven und destruktiven Gedanken gekennzeichnet ist. Obwohl dies nicht explizit ausgedrückt wird, herrschen in der Tamas-Liste destruktive Gedanken vor.

Nach Aussage des Tantra-Verses wird die Rajas-Liste der Avatare die Asuras terrorisieren; doch Chakrapani (der dem fünfundzwanzigsten Kalki, Raudrachakrin, entspricht) wird der eigentliche Gegner sein, der sie besiegt. Dies impliziert zwei Ebenen, auf denen man destruktive Gedanken und negatives Karma überwindet: eine provisorische und eine letztendliche.

Auf der provisorischen Ebene terrorisiert das Rajas das Tamas, während das Sattva jenseits des Konfliktes steht. So manifestiert sich Buddha provisorisch als die Avatare des Gottes Vishnu, die den Invasoren Angst einjagen, und als die vedischen Weisen und Götter, die über der Schlacht stehen. Letztendlich allerdings wird Buddha die Invasoren als Kalki und nicht in Form der Weisen besiegen. Eine solche Präsentation war wohl für ein hinduistisches Publikum verständlich und akzeptabel. Die Symbolik der Buddhagestalt Kalachakra, die die alternative Bedeutung des Kalki darstellt, ist dann ein Hinweis auf die tiefere Bedeutung, zu der die Zuhörerschaft geleitet werden kann.

Nach Aussage der hinduistischen Samkhya-Schule wird das Universum aus Urmaterie und individuellen Wesen bzw. individuellem Bewusstsein gebildet. Die Urmaterie ist eine Verflechtung der drei materiellen Urbestandteile Sattva, Rajas und Tamas, welche die individuellen Wesen und das individuelle Bewusstsein binden. Als Ergebnis der eigenen Handlungen produziert die vorherrschende konstitutive Eigenschaft der Handlung den Typ von Wiedergeburtszustand, in den man übergeht, während verschiedene Kombinationen der drei die vierundzwanzig materiellen Faktoren produzieren, die während dieser Wiedergeburt erfahren werden. Befreiung ist das Erreichen der Freiheit von der Urmaterie und ihren drei Urbestandteilen.

Als geschickte Methode, um ein hinduistisches Publikum zu belehren, stellt die Ikonographie der Buddhagestalt des Kalachakra nicht nur den buddhistischen Pfad, sondern auch den des hinduistischen Samkhya dar. Die vierundzwanzig Waffen, die Kalachakra in seinen vierundzwanzig Armen hält, stellen seinen Sieg über die vierundzwanzig materiellen Faktoren dar, die aus Kombinationen von Sattva, Rajas und Tamas gebildet werden. Die Kalachakragestalt selbst repräsentiert das befreite individuelle Wesen bzw. das befreite individuelle Bewusstsein.

Die Bedeutung hiervon ist, dass Kalki („Geist-Vajra,“ das glückselige Klare-Licht-Bewusstsein der Leerheit) nicht nur Tamas überwindet, sondern auch Rajas und Sattva. Er überwindet nicht nur den Wiedergeburtszustand der Asura-Naga, sondern auch den der Bhutas und Menschen sowie den der Götter, und ist damit frei von allen samsarischen Wiedergeburten. Samsara ist sich unkontrollierbar wiederholendes Wiedergeborenwerden, das voll von Leiden und Problemen ist. In anderen Worten überwindet Kalki nicht nur das destruktive Karma, sondern auch das gemischte destruktiv-konstruktive Karma sowie das samsarisch-konstruktive Karma.

Obwohl sich die vorausgesagte apokalyptische Schlacht also gegen die nichtindischen Invasorentruppen des Tamas richtet, geht die spirituelle Schlacht letztendlich gegen alle positiven und negativen samsarischen Kräfte, die von den indischen sowie den nichtindischen Gruppierungen repräsentiert werden. Der Sieg über das Tamas ist nur der erste Schritt auf der spirituellen Reise; Rajas und Sattva müssen auch überwunden werden. Dies bedeutet nicht, dass der Buddhismus darauf erpicht ist, die Welt zu erobern. Der Buddhismus bezweckt die Befreiung aller Wesen aus dem Leiden des Samsara.

Mahdi als der Verfinsterte

Nach dem ursprünglichen Sanskrittext wird „Mathani (Mahdi), der achte, der Geblendete sein.” Nach der tibetischen Übersetzung wird „Mathani (Mahdi), der achte, [die primäre konstitutive Eigenschaft der] Dunkelheit (tamas) haben.” Padmani erklärt die Zeile entsprechend dem ursprünglichen Sanskrit.

Das Sanskritwort Andhaka, das hier als „der Geblendete“ wiedergegeben wird, kann in mehreren Weisen interpretiert werden. Mit größter Wahrscheinlichkeit ist es ein astronomischer Begriff, der sich auf einen Himmelskörper während einer Eklipse bezieht, wenn ihn ein anderer Himmelskörper aus der Sicht blendet. Das Kalachakra beinhaltet ausgedehnte astronomische Lehren und betont die Parallelen zwischen Merkmalen in der Astronomie, der Physiologie und der Tantrapraxis. Daher ist es vernünftig, dass es innerhalb der Darstellung des äußeren Kalachakra auch Parallelen zwischen Merkmalen der Astronomie und der Geschichte liefert.

Nach der ismaelitischen Schia verschwand der siebte Imam – nach der Ithna Ashari Shiah ist es der zwölfte Imam – als Kind, wird aber als der Mahdi wiederkehren. In astronomischen Begriffen wurde das Licht des Imams ausgeblendet, doch es wird in der Zukunft wiederkehren.

Die tibetische Übersetzung nimmt „ andhaka“ (blind) als Synonym für „ tamas“ (Dunkelheit) und weist damit auf eine tiefere Bedeutung im Rahmen der Tantrapraxis hin..

Im Kalachakra erscheint Finsternis auch als Synonym für die Ebene des Vakuums der Annäherung (schwarze Fast-Verwirklichung) des Geistes. In den Stadien der Auflösung der Geistesebenen, die die Dinge als inhärent exisitierend erscheinen lassen, ist das Stadium des Vakuums der Annäherung die Eklipse der unmittelbar vorausgehenden Stadien der Licht-Diffusion (roter Zuwachs) und der Erscheinungs-Erstarrung (weiße Erscheinung). Die zwei Phasen des Stadiums des Vakuums der Annäherung werden durch die Eklipsen verursachenden Planeten Rahu und Kalagni symbolisiert, die Licht-Diffusion durch die Sonne und die Erscheinungs-Erstarrung durch den Mond. Schließlich muss sogar die Eklipse in die feinste Ebene mentaler Aktivität, den Geist des klaren Lichtes, aufgelöst werden.

Im Laufe der Sequenz des Wiederauftauchens ist das Vakuum der Annäherung das erste wiederkehrende Stadium. Mit der Produktion von inhärent existierenden Erscheinungen kommt die Wiederkehr der Unwissenheit bezüglich der Tatsache, dass die Erscheinungen nicht der wahren Wirklichkeit entsprechen. Aus dieser Unwissenheit folgen störende Emotionen und destruktives Verhalten.

Raudrachakrin, der Mahdi besiegen wird, repräsentiert den „Vajra-Geist“, in anderen Worten, der Geist des klaren Lichtes, der die Leerheit erkennt. Damit die Truppen Shambhalas (des Landes der Glückseligkeit), die das glückselige Bewusstsein der Leerheit repräsentieren, die Truppen Mahdis besiegen können, müssen sich alle im Konflikt stehenden Kasten Shambhalas im Kalachakra-Mandala vereinen und zu einer einzigen Vajrakaste werden. Dies ist eine Darstellung dessen, dass all die widerstreitenden Energie-Winde des Körpers (die die Produktion von Erscheinung inhärenter Existenz unterstützen) in den Geist des klaren Lichtes aufgelöst werden müssen. Nur durch eine solche Auflösung kann der resultierende Vajra-Geist erscheinen und eine Invasion der Produktion von Erscheinung inhärenter Existenz und darauffolgender Unwissenheit besiegen.

So könnte Raudrachakrins Sieg über Mahdi (Finsternis, Blindheit, die Eklipse) darstellen, wie der Geist-Vajra das Stadium des Vakuums der Annäherung wiederauftauchender Energie-Winde (wiederauftauchender trennender Kastenunterschiede) zerstört, so dass es nie wieder eintritt.

Schluss

Zusammenfassend sind die nichtindischen Invasoren, die im Kalachakra besprochen werden, nicht notwendigerweise die abbasidischen Araber selbst, und auch nicht alle Muslime im Allgemeinen. Sie sind wahrscheinlich die Anhänger messianischer islamischer Schulen, die im abbasidischen Reich entstanden sind und die wohl darauf abzielen, ihren Mahdi als Weltherrscher zu etablieren.

Gemäss der Kalkulation, die im Text des Tantra angeführt wird, wird die apokalyptische Schlacht zwischen dem Kalki Raudrachakrin und dem Mahdi, und damit das Ende des Kaliyugas, nicht bald stattfinden, trotz der islamischen Voraussage, nach der die Welt 500 Jahre nach Mohammed enden wird. Das Kalachakra sagt ein Datum 1800 Jahre nach Mohammed voraus, nämlich das Jahr 2424 u.Z. Dieses Datum stimmt mit der Prophetie überein, nach der das Dharma der Invasoren 1800 Jahre lang andauern wird, wonach die Kalachakra-Lehren zwölf aufeinanderfolgende Perioden von jeweils 1800 Jahren in Blüte stehen werden, eine auf jedem der zwölf Teile des Südlichen Kontinents. 1800 ist eine signifikante Zahl, die in den Kalachakra-Lehren mehrfach mit verschiedenen astronomischen, physiologischen und meditativen Bedeutungen erscheint. Im Gegensatz hierzu wird nach Aussage der hinduistischen Prophetie das Kaliyuga in 360 000 Jahren enden.

Wenn wir das Datum 2424 wörtlich nehmen, können wir nicht gleichzeitig die Identifizierung der Invasoren mit Anhängern messianischer Formen des Islams am Ende des zehnten Jahrhunderts wörtlich nehmen. Die Invasoren müssen entweder die Nachkommen einer langlebigen Dynastie sein, die von einer solchen Gruppe begründet wurde, oder aber Anhänger messianischer Bewegungen, die durch die damals existierenden Bewegungen bloß repräsentiert und vielleicht nach deren Vorbild geformt wurden.

Andererseits nehmen einige moderne Interpreten das im Kalachakra vorausgesagte Datum nicht wörtlich und vertreten die Meinung, dass es sich vielmehr auf die gegenwärtige Situation zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts bezieht. Eine solche Interpretation stützt sich vielleicht auf die Vorhersagen von Nostradamus oder auf die millenarische Sicht, der zufolge das Jahr 2000 eine bedeutende Jahreszahl darstellt. Solche Argumente sind für den kulturellen Kontext des Kalachakra irrelevant.

Wenn wir weder die vorausgesagte Gruppe noch das vorausgesagte Datum wörtlich nehmen, ist die einzige vernünftige Folgerung, die man ziehen kann, die, dass das Kalachakra mit der Vorhersage versuchte, zwischen der Geschichte, der Physiologe und der Meditation Parallelen zu ziehen, so wie es dies mit der Geographie, der Anatomie und der Meditation tat. Infolge dessen musste die Vorhersage nicht nur in den historischen Kontext passen, in dem die Kalachakra-Literatur zuerst erschien. Sie musste auch der Kalachakra-Präsentation des Atem- und Energieflusses im Körper und den Stufen und der Struktur der fortgeschrittenen tantrischen Meditationspraxis entsprechen.

Am Ende des zehnten Jahrhunderts u.Z. herrschte im Mittleren Osten und in Teilen Südasiens der weitverbreitete Glaube, wonach die Apokalypse und das Ende der Welt etwas mehr als ein Jahrhundert später eintreten würden. Die meisten Menschen dieser Zeit beschäftigten sich mit dem Thema des Kommens eines Messias und der Buddhismus reagierte auf ihr Bedürfnis, indem er seinen spirituellen Pfad in einer Struktur präsentierte, die relevant und bedeutend für ihre Situation war. Obwohl die aus der indischen Kultur stammenden Begriffe Tamas, Asura, Naga und Mleccha auf die nichtindischen Invasoren angewandt wurden, ist es wohl überzogen, mehr als dies in die äußere Bedeutungsebene der Kalachakra-Prophetie hineinzulesen.