Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Eine kurze Geschichte des Klosters Mindröl-Ling

Alexander Berzin, 1991, ergänzt im September 2003
Originalversion publiziert in
"Nyingma Monasteries." Chö-Yang, Year of Tibet Edition
(Dharamsala, India), (1991).
Deutsch: Nailu Sari

Das Kloster Ogyen Mindröl-Ling (tib. U-rgyan sMin-grol-ling dGon-pa, Mindroling Kloster) ist das wichtigste Nyingma-Kloster der südlichen Schatztext-Tradition (tib. lho-gter). Terdag Lingpa Gyurme-Dorje (tib. gTer-bdag gLing-pa ‘Gyur-med rdo-rje), der auch als Terchen Chökyi-Gyalpo (tib. gTer-chen Chos-kyi rgyal-po) (1646-1719) bekannt ist, gründete Mindröl-Ling im Jahre 1676 südlich von Lhasa. Terdag Lingpa war einer der großen Schatztext-Entdecker der Nyingma-Tradition und er war gleichzeitig ein Lehrer und ein Schüler des Fünften Dalai Lama, Ngawang-Losang-Gyatso (tib. rGyal-dbang lnga-pa chen-po Ngag-dbang blo-bzang rgya-mtsho) (1617-1682). Der Fünfte Dalai Lama hatte ihn mit der Befugnis und allen notwendigen Ressourcen ausgestattet, um dieses Kloster auf der Grundlage mehrerer älterer Klöster zu gründen. Ab dieser Zeit hatte Mindröl-Ling die Verantwortung dafür, Rituale für die tibetische Regierung auszuführen. Der Zweig des Klosters, der im indischen Exil neugegründet wurde, führt diese Funktion weiter aus.

Mindröl-Ling wurde 1718 von den Dzungar Mongolen aus Ost-Turkistan zerstört. Neuerbaut wurde es in der Amtszeit des Siebten Dalai Lamas Kelsang-Gyatso (tib. rGyal-ba bdun-pa sKal-bzang rgya-mtsho, rGyal-dbang sKal-bzang) (1708-1757) wobei Dungse Rinchen-Namgyal (tib. gDung-sras Rin-chen rnam-rgyal) und Jetsün Migyur-Pel­drön (tib. rJe-btsun Mi-‘gyur dpal-sgron), der Sohn und die Tochter von Terdag Ling­pa, die Aufsicht über die Arbeiten hatten. Während der Verfolgung der Nyingmas unter den Dzungar-Mongolen war der Sohn nach Kham und die Tochter nach Sikkim geflohen. Der Wiederaufbau des Klosters und die Neubelebung seiner Linien erfolgte unter der Schirmherrschaft des Regenten von Tibet, Pho­lhane (tib. Pho-lha-nas bSod-nams stobs-rgyal), der 1720 die Dzungaren aus Tibet vertrieben hatte, bevor die Armee der Mandschu hier eintraf.

1959 lebten etwa 300 Mönche in Mindröl-Ling. Später wurde das Kloster von den Chinesen erneut zerstört. Gegenwärtig wird es in Tibet langsam wiedererbaut.

Das Amt des Thronhalters von Mindröl-Ling (tib. sMin-gling Khri-can) wurde ab Terdag Lingpa neun Generationen lang von Vater zu Sohn weitergereicht. Der Zehnte Thronhalter von Mindröl-Ling, Kunga-Tendzin (tib. Kun-dga’ bstan-‘dzin), war die Tulku-Reinkarnation von Terdag Lingpa. Er war ein Nachkomme des Schatztext-Finders Tertön Rangrig-Dorje Rinpoche (tib. gTer-ston Rang-rig rdo-rje Rin-po-che).

Der Elfte Thronhalter von Mindröl-Ling, Döndrub-Wanggyal (tib. Don-grub dbang-rgyal), war der Sohn von Kunga-Tendzin. Der Dreizehnte Dalai Lama, Tubten-Gyatso (tib. rGyal-ba Thub-bstan rgya-mtsho) (1876-1933), fand einige Aspekte des Verhaltens von Döndrub-Wanggyal unpassend und schickte ihn ins ständige Retreat. An seiner Stelle ernannte er einen Thronhalter-Regenten, Dordzin Namdröl-Gyatso (tib. rDo-‘dzin rNam-grol rgya-mtsho). Als Seine Heiligkeit der Vierzehnte Dalai Lama Tendzin-Gyatso (tib. rGyal-ba bsTan-‘dzin rgya-mtsho) (geb. 1935), noch minderjährig war, ernannte der Regent von Tibet, Radreng Rinpoche (tib. Rva-sgreng Rin-po-che) Döndrub-Wanggyals Bruder Ngawang-Chödrag (tib. Ngag-dbang chos-grags), zum nächsten Thronhalter-Regenten von Mindröl-Ling. Nach seiner Amtszeit wurde der Sohn von Döndrub-Wanggyal, Künsang-Wanggyal (tib. Kun-bzang dbang-rgyal) zum Zwölften Thronhalter von Mindröl-Ling. Heute lebt er im indischen Exil.

Der erste Abt von Mindröl-Ling war Gyelse Tenpay-nyima (tib. rGyal-sras bsTan-pa’i nyi-ma), der Bruder von Terdag Lingpa. Acht Generationen lang wurde dieses Amt von Vater zu Sohn weitergereicht. So waren fast zwei Jahrhunderte lang alle Thronhalter und Äbte des Klosters Mindröl-Ling Familiennachkommen von Terdag Lingpa.

In der Nyingma-Tradition werden drei Klassen von Lehren vermittelt: die „ entfernte Linie“ der erleuchtenden Worte Buddhas (tib. bka’-ma ring-brgyud), die „nahe Linie“ der Schatztexte (tib. gter-ma nye-brgyud) und die „tiefgründige Linie“ der Reinen Visionen (tib. dag-snang zab-brgyud). Das Studien- und Praxis-Programm in Mindröl-Ling kombinierte Lehren aus den ersten beiden Klassen von Lehren.

Die Mönche studieren Dzogchen (tib. rdzogs-chen, die Große Vollkommenheit) auf der Grundlage der Anleitungen, die aus Indien gebracht, in Tibet und Bhutan vergraben und dann als die Südliche Schatztext-Tradition wiederentdeckt worden waren. Zusätzlich war Mindröl-Ling ein Zentrum für das Studium und die Praxis der traditionellen buddhistischen Wissensfelder der Medizin, der Astrologie und der Grammatik. Zahlreiche Gelehrte aus der zentraltibetischen Provinzen U (tib. dBus) und aus den östlichen Provinzen von Kham (tib. Khams) und Amdo (tib. A-mdo) erhielten hier ihre Ausbildung.

Im Kontext des Studiums und der Praxis der großen Texte hat man in Mindröl-Ling immer den Schwerpunkt auf die Praxis gelegt. Jedes Jahr führte das Kloster die vollständigen Riten von acht tantrischen Mandala-Systemen (tib. sgrub-pa bka’-brgyad) aus. Zusätzlich studierten die Mönche traditionell dreizehn größere Sutra- und Tantra-Texte, von denen viele eine Kommentarlinie (tib. bshad-brgyud) hatten, die auf Terdag Lingpa zurückging. Gegenwärtig wurde das Mindröl-Ling-Kloster im indischen Clement Town (Uttar Pradesh) neugegründet.

[Siehe auch: Kurze Geschichte des Dzogchen .]