Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Eine Kurze Geschichte des Klosters Dorje-Drag

Alexander Berzin, 1991 ergänzt im September 2003
Originalversion erschienen in
"Nyingma Monasteries." Chö-Yang, Year of Tibet Edition
(Dharamsala, Indien), (1991).
Deutsch: Nailu Sari

Das größte Kloster, das die Nördliche Nyingma-Schatz-Text-Tradition (tib. byang-gter) weiterführt, ist das Kloster Tubten Dorje-Drag Ewam-Chögar (tib. Thub-bstan rDo-rje brag E-wam chos-sgar dGon-pa), das auch schlicht als Kloster Dorje-Drag (tib. rDo-rje brag dgon-pa) bekannt ist. Es liegt in der Lhoka (tib. Lho-ka) – Region, im südlichen Zentraltibet. Es ist eines der sechs Hauptklöster der Nyingma-Tradition. Mindrol-Ling und Dorje-Drag liegen im Zentrum und im Süden von Zentraltibet, Katog (tib. Ka:-thog) und Palyül (tib. dPal-yul) liegen in der Region Kham (südöstlisches Tibet) und dazwischen liegen Zhechen (tib. Zhe-chen) und Dzogchen (tib. rDzogs-chen).

Anfang des sechzehnten Jahrhunderts gründete Ngari Panchen Pema-Wanggyal (tib. mNga’-ris Pan-chen Pad-ma dbang-rgyal) (1487-1542) das Kloster Ewam-Chögar (tib. E-wam chos-sgar dGon-pa). Seine Tulku-Reinkarnation Jangdag Tashi-Tobgyal Wangpode (tib. Byang-bdag Bkra-shis stobs-rgyal dBang-po sde) (1550-1602) erweiterte es. Zahlreiche berühmte Meister wohnten dort und es wurde zu einem Zentrum für das Studium und die Praxis von Sutra, Tantra und den traditionellen buddhistischen Wissensfeldern wie Medizin und Astrologie. Das hauptsächlich gelehrte System war das „Mayaguhyagarbha-Tantra“ (tib. sGyu-‘phrul gsang-ba snying-po, sGyu-‘phrul dra-ba, Tantra der Essenz der Verborgenen Illusion).

Bald wurde der Klosterstandort als ungeeignet erkannt. So erhielt Dorje-Drag 1630 unter dem als dritten Linienhalter angesehenen Rigdzin Ngaggi-Wangpo (tib. Rig-‘dzin sNgags-gi dbang-po) (1580-1639), dem Sohn Jangdag Wangpodes, seinen gegenwärtigen Standort. Da der Felsberg hinter dem Kloster einen Fußabdruck von Guru Rinpoche Padmasambhava (tib. Gur-ru Rin-po-che Pad-ma ‘byung-gnas) und ein natürlich geformtes, gekreuztes Vajra aufweist, sehen die Menschen den Ort als etwas sehr Besonders an. Diesem glücksverheißenden Zeichen zu ehren wurde das Kloster „Dorje-Drag“ genannt, was wörtlich „Vajra-Fels“ bedeutet. Der ausführlichere Name des Klosters, „Thubten Dorje-Drag Ewam-Chögar“, ist eine Mischung aus diesem Namen und dem Originalnamen des Klosters.

Der vierte Linienhalter von Dorje-Drag, Rigdzin Künzang-Pema-Trinle (tib. Rigs-‘dzin Kun-bzang pad-ma ‘phrin-las) (1641-1718), wurde vom Fünften Dalai Lama Ngawang-Losang-Gyatso (tib. rGyal-dbang lnga-pa chen-po Ngag-dbang blo-bzang rgya-mtsho) (1617-1682) inthronisiert und ordiniert. Unter der Schirmherrschaft des Fünften Dalai Lamas wurde das Kloster weiter ausgebaut. Wie das Kloster Mindrol-Ling wurde auch Dorje-Drag beauftragt, bestimmte Rituale für die tibetische Regierung durchzuführen. Das Kloster Dorje-Drag, das im Exil neugegründet wurde, führt diese Aufgabe bis heute fort.

1717 wurde das Kloster Dorje-Drag von einer Armee der Dzungar-Mongolen zerstört. Ab 1720 wurde es unter dem Schutz des Siebten Dalai Lamas, Kelsang-Gyatso (tib. rGyal-ba bdun-pa sKal-bzang rgya-mtsho, rGyal-dbang sKal-bzang) (1708-1757) wiedererrichtet. 1959 hatte es ungefähr 170 Mönche. Es wurde von den Chinesen ein weiteres Mal zerstört und die Wiedererbauungsarbeit begannen 1985.

Die Reinkarnationslinie von Rigdzin Gödem Je (tib. Rig-‘dzin rGod-ldem rJe) (1337-1408), die den Titel Rigdzin-Chenpo (tib. Rig-‘dzin chen-po), „ Große Linienhalter“ trägt, stellt traditionell die Oberhäupter des Klosters Dorje-Drag. Rigdzin Gödem Je war einer der wichtigsten Entdecker der nördlichen Schatztexte. Unter den Rigdzin-Chenpos stehen die Linien der Gyalse Tulku Rinpoches (tib. rGyal-sras sPrul-sku Rin-po-che) und der Chusang Tulku Rinpoches (tib. Chu-bzang sPrul-sku Rin-po-che), die als Thronregenten dienen, wenn der Rigdzin-Chenpo minderjährig ist oder noch zwischen seinen Inkarnationen. Der gegenwärtige Linienhalter von Dorje-Drag ist der zehnte seiner Linie, Rigdzin Tubten-Jigme-Namgyal-Gyatso (tib. Rig-‘dzin Thub-bstan ‘jigs-med rnam-rgyal rgya-mtsho). Er wurde 1936 geboren und blieb in Tibet.

Der Fünfte Dalai Lama war ein großer Entdecker von Nyingma-Schatztexten. Der Satz von 25 Gottheiten-Praktiken des Sangwa Gyachen (tib. gSang-ba rgya-can, „Unter den Siegel der Geheimhaltung“), geht auf seine reinen Visionen zurück. Der fünfte Dalai Lama übertrug sie dem Vierten Linienhalter von Dorje-Drag, Rigdzin Künzang-Pema-trinle. Seinerseits übertrug der Fünfte Linienhalter von Dorje-Drag, Rigdzin Kelsang-Pema-Wangchug (tib. Rig-‘dzin sKal-bzang pad-ma dbang-phyug) diese Praktiken dem Kloster Nechung (tib. gNas-chung Grva-tshang) des Nechung-Staatsorakles. Der Fünfte Dalai Lama übertrug sie auch an sein Kloster Namgyal (tib. rNam-rgyal Grva-tshang). Seitdem haben alle drei Klöster diese Praktiken weitergepflegt.

Der Fünfte Dalai Lama übernahm seinerseits die Nördliche Schatztexttradition von Dorje-Drag, da dessen Linienhalter Blutsnachkommen der großen religiösen tibetischen Könige waren. Guru Rinpoche Padmasambhava hatte gewarnt, dass es schädlich für Tibet gewesen wäre, wenn diese Linie nicht unterstützt und aufrechterhalten würde. Deshalb folgen das Kloster Namgyal der Dalai Lamas sowie die Klöster der Staatsorakel Nechung und Gadong (tib. dGa’-gdong Grva-tshang) der Nördlichen Schatztext-Tradition von Dorje-Drag.

Die Mönche in Dorje-Drag studieren und praktizieren Sutra, Tantra und die traditionellen buddhistischen Wissensfelder. Der Schwerpunkt liegt besonders auf der Praxis der verschiedenen Systeme tantrischer Gottheiten und ein Meditationsretreat von ein- bis drei Jahren gehört zum Pflichtprogramm der Mönche. Das Kloster bewahrt eine sehr strikte Disziplin. Alkohol und Fleisch sind verboten. Wenn bei Ritualen Fleisch geopfert werden muss, dann darf dieses nur von einem Tier stammen, das eines natürlichen Todes gestorben ist und nicht von geschlachteten Tieren.

Das Kloster Dorje-Drag wurde im indischen Shimla, in Himachal Pradesh, unter der Aufsicht von Taglung Tse­trul Rinpo­che (tib. sTag-lung Tshe-sprul Rin-po-che) wiedererbaut. Es bewahrt weiter seine engen Bande zu den Klöstern Namgyal, Nechung und Gadong in Dharamsala.

[Siehe auch : Kurze Geschichte des Dzogchen .]