Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Eine kurze Geschichte des Klosters Tsurpu

Alexander Berzin, 1991, ergänzt im September 2003
Originalversion publiziert in
"Kagyü Monasteries." Chö-Yang, Year of Tibet Edition
(Dharamsala, India), (1991).
Übersetzung ins Deutsche: Nailu Sari

Das Kloster Tsurpu (tib. Tshur-phu dGon-pa, Tshurphu) wurde 1189 vom Ersten Karma­pa, Düsum-Kyenpa (tib. Kar-ma Dus-gsum mkhyen-pa) (1110-1193) gegründet und wurde 1263 vom Zweiten Karmapa, Karma Pakshi (tib. Kar-ma Pak-shi) (1204-1283) neuerbaut. Es ist das Hauptkloster der Karma Kamtsang Kagyü-Tradition (tib. Kar-ma Kam-tshang bKa’- brgyud), bei der es sich um eine der vier großen Dagpo Kagyü-Linien (tib. Dvags-po bKa’- brgyud brgyud-chen bzhi) handelt, die auf direkte Schüler des Gampopa (tib.sGam-po-pa, Dvags-po Lha-rje bSod-nams rin-chen) (1079-1153) zurückgehen. Tsurpu war der traditionelle Sitz der Linie der Karmapas. Es befindet sich nordwestlich von Lhasa, in Tölung (tib.sTod-lung).

Die Inkarnationen des Zweiten, Dritten und Vierten Karmapas besuchten alle China und die Mongolei und waren Lehrer der mongolischen Kaiser von China. Sie gründeten zahlreiche Klöster in Nordchina und in dem Gebiet, das die Mandschus viele Jahrhunderte später als die „Innere Mongolei“ bezeichneten. Das wichtigste Karma Kagyü-Kloster der Mongolei war ein Zweigkloster von Tsurpu namens Khochiti Khambo Lama Khid, das im Shilinggol-Distrikt der Inneren Mongolei lag. Es florierte bis 1949 und wurde dann von der chinesischen kommunistischen Armee zerstört.

Der Zweite, der Dritte und der Vierte Karmapa gründeten auch in Mi-Nyag (tib. Mi-nyag) zahlreiche Klöster. Mi-Nyag war das ehemals große buddhistische Königreich der Tanguten, dass die Chinesen „Xixia“ nannten. Es erstreckte sich vom Gebiet zwischen dem nordöstlichen Viertel der nordöstlichen tibetischen Provinz Amdo bis in die Innere Mongolei. Das Königreich wurde 1227 vom mongolischen Herrscher Dschingis Khan erobert. Darauf emigrierten viele der dort lebenden Menschen in die südöstliche tibetische Provinz Kham, wo sie das von ihnen besiedelte Gebiet ebenfalls Mi-Nyag nannten. Da die Daten dieser Migration nicht klar bestimmt sind, ist es ebenfalls schwierig zu ermitteln, ob die Klöster, die von den Karmapas gegründet wurden, im ursprünglichen Heimatland der Mi-Nyag lagen, im Mi-Nyag-Gebiet von Kham, oder in beiden Gebieten.

Der Dritte Karmapa, Rangjung-Dorjee (tib. Kar-ma Rang-‘byung rdo-rje) (1284-1339) schrieb einen umfangreichen Kommentar zum „ Kalachakra-Tantra“ (tib. Dus-‘khor), aus dem sich die Tsurpu-Linie der Astronomie und Astrologie (tib. Tshur-lugs) entwickelte. Jedes Jahr erstellte und publizierte das Kloster den „Kalender und Almanach von Tsurpu“ (tib. Tshur-phu lo-tho), der entsprechend dieser Tradition kalkuliert wurde.

Der Fünfte Karmapa, Deshin Shegpa (tib. Kar-ma bDe-bzhin gshegs-pa) (1384-1415) wurde nach China eingeladen und wurde Lehrer des Ming-Kaisers Yongle. 1407 schenkte ihm der Kaiser einen schwarzen Hut (tib. zhva-nag), nachdem er einen glücksverheißenden Traum gehabt hatte. Obwohl auch die mongolischen Kaiser von China seinen Vorgängern schwarze Hüte geschenkt hatten, basiert die Schwarzhut-Zeremonie der Karmapas auf diesem schwarzen Hut, der dem Fünften Karmapa geschenkt wurde. Danach wurde die Zeremonie in Tsurpu regelmäßig durchgeführt.

Tsurpu hat die Tradition Gampopas aufrechterhalten, in der sich die Strömungen der Mahamudra-Lehren (tib. phyag-chen, Großes Siegel) mit den Kadam-Lehren des Lam-Rim (tib. lam-rim, Stufenpfad) verbinden. So umschloss der traditionelle Lehrgang von Studium und Praxis in Tsurpu sowohl Sutra als auch Tantra, wobei die Rituale, die Kunst, die Musik und die Meditation des Tantra besonders betont wurden. Es wurden fünf Grade von Abschlüssen verliehen, von denen der höchste der „Dorje-Lobpön“ (tib. rDo-rje slob-dpon, Tantrischer Lehrer) war.

Zahlreiche Mitglieder des Mi-Nyag-Volkes, die nach Kham emigriert waren, zogen später weiter südlich nach Sikkim (tib. ‘Bras-ljoms). Die heutige sikkimesische Bevölkerung entstand aus der Mischung des Mi-Nyag-Volkes mit der ortsansässigen Lepcha-Bevölkerung. Durch diesen Einfluss der Mi-Nyag folgte die sikkimesische Bevölkerung vor allem der Karma Kagyü-Schule des Tsurpu-Klosters.

Der Erste „ Chögyal“ (tib. Chos-rgyal) oder „Dharma König“ von Sikkim war Püntsog-Nam­gyal (tib. Phun-tshog rnam-rgyal) (geb. 1604). Er hatte Mi-Nyag-Vorfahren und wurde von den tibetischen Siedlern als weltliches und spirituelles Haupt von Sikkim gewählt. Das Kloster Ralang (tib. Rva-rlangs dGon-pa), das erste Karma Kagyü-Kloster von Sikkim, wurde 1730 vom Vierten Chögyal erbaut. Das zweite Karma Kagyü-Kloster, Rumtek (tib. Rum-theg dGon-pa), wurde 1740 erbaut.

In der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts gründete der Elfte Tai Situ Rinpo­che, Pema-Wangchug-Gyalpo (tib. Tai Situ Pad-ma dbang-phyug rgyal-po), ein Institut für buddhistische Textstudien im Kloster Palpung (tib. dPal-spung dGon-pa) von Derge (tib. sDe-dge), in der Provinz Kham (tib. Khams). Der Erste Tai Situ, Chökyi-Gyaltsen (tib. Tai Si-tu Chos-kyi rgyal-mtshan) (1377-1448), war ein Schüler des Fünften Karmapas gewesen, und der Achte Tai Situ, Situ Panchen Chökyi-Jungne (tib. Si-tu Pan-chen Chos-kyi ‘byung-gnas) (1700-1774), hatte 1727 Palpung gegründet. Der Elfte Tai Situ bat dann den Sechzehnten Karmapa, Rangjung-Rigpay-Dor­je (tib. Kar-ma Rang-byung rig-pa’i rdo-rje) (1924-1981), ein ähnliches Studieninstitut in Tsurpu zu gründen.

Nachdem ihm diese Bitte unterbreitet wurde, hatte der Karmapa eine Vision des großen Nyingma-Übesetzers Vimalamitra (tib. Bi-ma-la-mi-tra), der die Linie des Dzogchen (tib. rdzogs-chen, Große Vollkommenheit) von Indien nach Tibet gebracht hatte. In dieser Vision riet auch Vimal­amitra dem Karmapa zur Gründung eines Zentrums, in dem die Lehren korrekt vermittelt und studiert werden konnten. Vima­lamitra versprach, dass er dreizehn Leben lang seine Emanationen unter die Lehrern und Schülern dieses Zentrums schicken würde, wenn ein solches Zentrum gegründet würde.

Der Sechzehnte Karmapa war gerade dabei, die Gründung eines solchen Instituts in Tsurpu vorzubereiten, als die Chinesen im Land einfielen. 1959 floh er nach Sikkim. Er wählte das Rumtek-Kloster als seinen Sitz im Exil. Als erstes wurden die tantrischen Rituale von Tsurpu wiederaufgenommen. Dann wurde das Kloster 1969 wiedererbaut und das „Karma Manjushri-Haus“ für das Studium der jungen Mönche gegründet. Schließlich wurde 1980 das „Karma Sri Nalanda Insti­tute für Buddhistische Studien“ als Zweig von Rum­tek gegründet, um den Wünschen des vorangehenden Tai Situs und des Vima­lamitras nachzukommen. Die Karma Kagyü-Klöster in Indien, Nepal, Bhutan und Sikkim senden jeweils zwei Mönche an dieses Institut, um mithilfe der Debatte die Sutra-Lehren zu studieren.

1959 hatte Tsurpu 900 Mönche. Das Kloster wurde von den Chi­nesen zerstört. Die Wiedererbauungsarbeiten wurden vor wenigen Jahren begonnen.