Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Eine kurze Geschichte des Klosters Drug Sang-Ngag Chöling

Alexander Berzin, 1991, ergänzt im September 2003
Originalversion publiziert in
"Kagyü Monasteries." Chö-Yang, Year of Tibet Edition
(Dharamsala, India), (1991).
Deutsch: Nailu Sari

Sang-Ngag Chöling (tib. gSang-sngags chos-gling dGon-pa) ist das Hauptkloster der Drugpa Kagyü-Tradition (tib. ‘Brug-pa bKa’-brgyud). Es wurde 1512 vom Dritten Drugchen Rinpoche, Jamyang-Chökyi-Dragpa (tib. ‘Brug-chen ‘Jam-dbyangs chos-kyi grags-pa) (1478-1522) gegründet. Nach Aussage einiger Historiographien wurde es dagegen erst von seiner Reinkarnation Pemakarpo (tib. ‘Brug-chen Pad-ma dkar-po) (1527-1592), dem Vierten Drugchen Rinpoche, gegründet.

Jamyang-Chökyi-Dragpa war der Sohn von Tashi-Dargye (tib. bKra-shis dar-rgyas), dem Prinzen von Jar (tib. Byar). Von seiner Kindheit an hatte Jamyang-Chökyi-Dragpa mit zahlreichen großen Meistern der Drugpa Kagyü-Tradition studiert und hatte einen hohen Grad tantrischer Verwirklichung erlangt. Als er sich entschied, das Kloster zu bauen, bat er seinen Vater um materielle Unterstützung. Aufgrund der Großzügigkeit des Vaters wurde das Kloster auch als „Jar Tashi Tong-Yon“ (tib. Byar bKra-shis mThong-yon), d.h. als „das Geschenk der Wertschätzung des Tashi von Jar“ bekannt. Das Kloster begann seinen Betrieb mit einem Shedra (tib. bShad-grva), d.h. einem Lehrcollege, von 200 Mönchen.

Die Drugpa-Linie ist eine der acht kleineren Dagpo Kagyü-Traditionen (tib. Dvags-po bKa-brgyud brgyud-chung brgyad), die auf die Schüler des Pagmodrupa (tib. Phag-mo gru-pa rDo-rje rgyal-po) (1110-1170) zurückgehen. Pagmodrupa war seinerseits ein großer Schüler von Gampopa (tib. sGam-po-pa, Dvags-po Lha-rje bSod-nams rin-chen) (1079-1153). Die Drugpa-Linie wurde von Ling Repa Pema-Dorje (tib. gLing Ras-pa Pad-ma rdo-rje) (1128-1188) und seinem Schüler Tsangpa Gyare Yeshe-Dorje (tib. gTsang-pa rGya-ras Ye-shes rdo-rje) (1161-1211) gegründet. Die Linie der Drugchen Rinpoches (tib. ‘ Brug-chen Rin-po-che), bei denen es sich um Reinkarnationen von Tsangpa Gyare handelt, sind die traditionellen Oberhäupter der Drugpa-Tradition.

1205 hatte Tsangpa Gyare in Kyime (tib. sKyid-smad) das Kloster Namgyipur (tib. gNam-gyi phur dGon-pa) gegründet. Bei der Eröffnung hörte man drei äußerst laute Donnerschläge. Deshalb wurde das Kloster allgemein „Drug Gön“ (tib. ‘Brug dGon) d.h. „Donnerkloster“ genannt. Die Drugpa-Tradition erhielt ihren Namen von diesem Kloster.

Drugpa Kagyü hat drei Unterabteilungen: Tödrug (tib. sTod-‘brug), Medrug (tib. sMad-‘brug) und Bardrug (tib. Bar-‘brug) – was jeweils Drugpa des Oberen, des Unteren und des Mittleren Tibets bedeutet. Diese Unterabteilungen gehen auf drei Schüler des Tsangpa Gyare zurück. Das Kloster Sang-Ngag Chöling geht auf die „Bardrug“, d.h. auf die mittlere Drugpa-Tradition, zurück.

Innerhalb der Bardrug-Tradition entwickelten sich mehrere Linien. Die Lhodrug-Linie (tib. Lho-‘brug), was „Südliche Drugpa“-Linie bedeutet, wurde von Ngawang-namgyal (tib. Ngag-dbang rnam-rgyal) (1594-1651) initiiert, dem Ersten Zhabdrung (tib. Zhabs-drung) von Bhutan (tib. ‘Brug-yul). Zhabdrung Ngawang-Namgyal war die Reinkarnation von Pemakarpo, dem Vierten Drugchen Rinpoche. Da auch eine andere Person den Thron der Drugchen Rinpoches beanspruchte, ging Zhabdrung Ngawang-Namgyal ins Exil nach Bhutan. Er gründete dort zahlreiche Klöster und vereinte das Land politisch. Seine Reinkarnationen, die weiteren Zhabdrungs, wurden zu den spirituellen und politischen Herrschern Buthans.

Der tibetische Name von Bhutan „Drug-Yül“ (tib. ‘Brug-yül), d.h. „ Donner-Land,“ leitet sich von der Drugpa Kagyü-Tradition ab. Das Kloster Sang-Ngag Chöling wird manchmal mit der südlichen Drugpa-Linie assoziiert.

Die Mönchsausbildung im Sang-Ngag Chöling umfasste sowohl die Lehren, die allen Dagpo Kagyü-Linien gemeinsam sind als auch diejenigen, die spezifisch für die Drugpa Kagyü-Linie sind. Wie die anderen Linien, die auf Gampopa zurückgehen, studierten und praktizierten die Mönche die „ Sechs Lehren des Naropas“ (tib. Na-ro chos-drug, Sechs Yogas des Naropas). Bei den spezifischen Lehren der Drugpa Kagyüs handelt es sich erstens um „Ro-Nyom“ (tib. ro-snyoms), d.h. um den Text „Der Gleiche Geschmack.“ Diese Lehren wurden als geheimer Schatztext (tib. gter-ma) versteckt, und zwar von Rechungpa (tib. Ras chung-pa rDo-rje grags-pa) (1083-1161), der wie Gampopa ein Schüler Milarepas (tib. Mi-la Ras-pa bZhad-pa rdo-rje) (1040-1123) gewesen war. Die Lehren über den Gleichen Geschmack wurden von Tsangpa Gyare entdeckt und verbreitet. Die andere spezifische Lehre der Drugpa Kagyüs ist „Tendrel“ (tib. rTen-‘brel), die Tradition des „Abhängigen Entstehens“.

Vor 1959 hatte Sang-Ngag Chöling mehr als 400 Mönche. Das Kloster war der traditionelle Sitz der Drugchen Rinpoches, die als Äbte fungierten. Der gegenwärtige Zwölfte Drugchen Rinpoche hat Sang-Ngag Chöling in Darjeeling (West Bengalen) wiederbegründet.