Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

Zur Textversion für diese Seite wechseln. Zur Haupt-Navigation springen.

Startseite > Historische, kulturelle und vergleichende Studien > Die Geschichte des Buddhismus und des Bön > Eine kurze Geschichte des Klosters Drigungtil

Eine kurze Geschichte des Klosters Drigungtil

Alexander Berzin, 1991, ergänzt im September 2003
Originalversion publiziert in
"Kagyü Monasteries." Chö-Yang, Year of Tibet Edition
(Dharamsala, Indien), (1991).
Deutsch: Nailu Sari

Das Kloster Drigungtil Ogmin Jangchubling (tib. ‘Bri-gung mthil ‘Og-min byang-chub gling, Drikung Thil Kloster) wurde im Jahr 1179 vom Begründer der Drigung-Kagyü (Drikung Kagyü) Tradition, Drigung Kyobpa Jigten-Gonpo-Rinchenpal (tib.‘Bri-gung sKyob-pa ‘ Jig-rten dgon-po rin-chen dpal) (1143-1217), gegründet. Die Drigung Kagyü-Linie ist eine der acht kleineren Dagpo Kagyü-Linien (tib. Dvags-po bKa’-brgyud brgyud-chung brgyad). Die acht Linien gehen auf die Schüler von Pagmodrupa (tib. Phag-mo gru-pa rDo-rje rgyal-po) (1110-1170) zurück, der seinerseits ein großer Schüler des Gampopa (tib.sGam-po-pa, Dvags-po Lha-rje bSod-nams rin-chen) (1079-1153) war. Drigungtil ist das Hauptkloster dieser Tradition. Es liegt in einem tiefliegenden Tal 150 Kilometer östlich von Lhasa. Das Kloster hat seinen Namen von dem Distrikt in dem es liegt, dem Drigung-Distrikt, und die Tradition hat ihren Namen von dem Kloster.

Seit der Klostergründung hat es achtunddreißig Äbte von Drigungtil gegeben. Die Anzahl der Klostermitglieder hat im Laufe der Geschichte variiert. 1959 gab es insgesamt etwa vierhundert Mönche, dazu sechzig Personen im Meditationsretreat, sechs Lama-Residenzen (tib. Bla-brang) und acht inkarnierte Lamas.

Im Drigungtil-Kloster wurde immer die Meditationspraxis betont – insbesondere die Praxis der tantrischen Spezialitäten des Klostergründers. Es gibt eine lange Tradition von Meditierenden, die im Umkreis des Klosters in Höhlen leben und intensiv die sechs Lehren des Naropas (tib. Na-ro chos-drug, sechs Yogas des Naropas) und die „Tradition des Besitzens von Fünf“ (tib.lnga-ldan) praktizieren. Von Zeit zu Zeit müssen diese im Retreat lebenden Yogis vor den beiden Häuptern der Drigung-Tradition, dem Drigung Chetsang (tib. ‘Bri-gung Che-tshang) und dem Drigung Chungtsang (tib. ‘Bri-gung Chung-tshang) ihre meditativen Fähigkeiten demonstrieren.

Als Drigung Kyobpa Jigten-Gonpo das Kloster gründete, begann er den Brauch, zweimal im Jahr über ein ausgewähltes Thema aus Sutra und Tantra zu lehren. Diese Vorlesungen wurden als die Sommer- und Winter-Dharma-Sitzung bekannt. Die Reihe der Äbte führte diese Tradition fort, doch das Studienniveau im Kloster blieb niedrig. Bis ins neunzehnte Jahrhundert blieb der Schwerpunkt auf Ritualen, Praktiken und religiösen Tänzen, die alle hauptsächlich begründet auf Vertrauen ausgeübt wurden. Es gab nur zwei Colleges: Drubdra Shar (tib. sGrub-grva shar) und Drubdra Nub (tib. sGrub-grva nub), was „Praxis-College des Ostens“ bzw. „des Westens“ bedeutet. Dann luden der vierunddreißigste Abt, Kyabjey Zhiway-Lodro (tib. sKyabs-rje Zhi-ba’i blo-gros) und Chökyi-Jungne (tib. Chos-kyi ‘byung-gnas), den Nyagtrül Jamyang-Wangyal Rinpoche (tib. Nyag-sprul ‘Jam-dbyangs dbang-rgyal Rin-po-che) ein, in Drigungtil ein Lehrcollege zu gründen. Dieses wurde Nyichang Shedra (tib. gNyis-‘chang bShad-grva, Nyichang Shaydra) genannt. Fortan verbrachten die Mönche nach dem Rotationsprinzip jeweils fünf Jahre in diesem Lehrcollege, um dreizehn große Schrifttexte mit Hilfe von Logik und Debatte zu studieren.

Drigung Kyobpa Jigten-Gonpo hatte betont, dass seine Linie der Sicht des Mahamudra (tib. phyag-chen, das Große Siegel) und der Verhaltensweise des „Trainings in außergewöhnlicher ethischer Selbstdisziplin“ folgen sollte. Daher ist die Disziplin der Drigungtil-Mönche immer sehr strikt gewesen.

Nach 1959 wurde das Kloster von den Chinesen zerstört. Seine Wiedererrichtung wurde 1980 begonnen. In Indien wurden seine Traditionen 1989 im Jangchubling Drikung Kagyü-Institut in Dehra Dun (Uttar Pradesh) wiederbelebt.