Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Eine kurze Geschichte des Klosters Labrang

Alexander Berzin, 1991, ergänzt im September 2003
Originalversion publiziert in
"Gelug Monasteries." Chö-Yang, Year of Tibet Edition
(Dharamsala, India), (1991).
Deutsch: Nailu Sari

Das Kloster Genden Shedrub-Dargye Tashi-Kunne Kyilway-Ling (tib. dGe-ldan bshad-grub dar-rgyas bkra-shis kun-nas‘khyil-ba’i gling) ist auch als Kloster Labrang Tashikyil (tib. Bla-brang bKra-shis ‘khyil), oder einfach als Labrang bekannt. Es wurde 1710 vom Ersten Jamyang-Zhepa, Ngawang-Tsöndrü (tib. Kun-mkhyen ‘Jam-dbyangs bzhad-pa Ngag-dbang brtson-‘grus) (1648-1722) in der Provinz Amdo (tib. A-mdo) im nordöstlichen Tibet gegründet. Es liegt 250 Kilometer südwestlich von Lanchow und ist derzeit der südwestlichen chinesischen Provinz Kansu (Gansu) einverleibt worden, wobei es nahe an der Grenze zur chinesischen Provinz Chinghai (Qinghai) liegt. Es ist eines der sechs wichtigsten Klöster der Gelug-Tradition.

Der Erste Jamyang-Shepa, der auch als Künkyen Jamyang-Shepay-Dorje (tib. Kun-mkhyen ‘ Jam-dbyangs bzhad-pa’i rdo-rje) bekannt ist, war ein Schüler des Fünften Dalai Lamas, Ngawang-Losang-Gyatso (tib. rGyal-dbang lnga-pa chen-po Ngag-dbang blo-bzang rgya-mtsho) (1617-1682). Jamyang-Shepa stammte aus Amdo. Er hatte am College Gomang (tib. sGo-mang Grva-tshang) des Klosters Drepung (tib. ‘Bras-spungs dGon-pa) Sutra und im Unteren Tantra-College von Gyüme (tib. rGyud-smad Grva-tshang) Tantra studiert. Er ist der Autor der „Künkyen-Lehrbücher“ (tib. Kun-mkhyen yig-cha) die später im College Gomang und im College Drepung Deyang (tib. ‘Bras-spungs bDe-dbyangs Grva-tshang) und in Labrang benutzt wurden.

Während seiner Amtszeit als Abt von Gomang wurde Jamyang-Shepa von Ganden Erdene Junang, dem mongolischen König von Kokonor (tib. mTsho-sngon) gebeten, nach Amdo zurückzukehren, wo zahlreiche Mongolen unter den Tibetern lebten. Jamyang-Shepa nahm diese Einladung an. Am Vorabend seiner Abreise prophezeite das Staatsorakel von Gadong (tib. dGa’-gdong), dass er in Amdo ein Kloster Namens Tashikyil gründen würde. Als Jamyang-Shepa dieses Kloster tatsächlich gründete gab er der neuen Institution die Disziplinregeln und den Gesangsstil für den Haupttempel von Drepung, und den Debattier-Styl von Gomang.

Jamyang-Shepa nannte sein neues Kloster Genden-Shedrub Tashi-Kunnay-Kyilway-Ling. Der zweite Panchen Lama, Losang-Yeshe (tib. Pan-chen Blo-bzang ye-shes) (1663-1737), gab dem Kloster einen zweiten Namen: Ganden Damcho-Shedrub-Dargye-Ling (tib. dGa’-ldan dam-chos bshad-grub dar-rgyas gling). „Labrang” bedeutet “Residenz eines großen Lamas”. Das Kloster als ganzes wurde nach der Residenz von Jamyang-Shepa „Labrang“ oder „ Labrang Tashikyil“ genannt. Die Reinkarnationslinie der Jamyang-Shepa Rinpoches sind die traditionellen Häupter des Labrang-Klosters.

Es hat immer eine starke Verbindung zwischen Labrang Tashikyil und den Mongolen gegeben. Viele Linien von Labrang, wie die Kalachakra-Linie (tib. Dus-‘khor), verbreiteten sich in den mongolischen Klöstern. In den russischen Gebieten Buryatiens, Kalmkückiens und Tuvas werden außchließlich die Künkyen-Lehrbücher von Jamyang-Shepa benutzt. Viele Klöster der Inneren und Äußeren Mongolei benutzen sie ebenfalls. In Lha­sa studierten die Mon­golen hauptsächlich in Gomang und Gyüme, wie es Jamyang-Shepa getan hatte.

Labrang hat sechs Colleges. Das größte ist Mejung Tösamling (tib. sMad-byung Thos-bsam-gling) in dem Sutra und Debatte studiert werden. Es wurde 1710 vom Ersten Jamyang-Shepa gegründet, als er das ganze Kloster gründete. Das College verleiht seinen Absolventen den Grad Geshe Dorampa (tib. dGe-bshes rDo-ram-pa). Als der Erste Jamyang-Shepa im Tantra-College von Segyü tib. Sras-rgyud grva-tshang) die Übertragung der Se-Linie (tib. Srad-brgyud) von Segyü Könchog-Yarpel (tib. Srad-rgyud dKon-mchog yar-‘phel) (1602-1682) erhielt, bat ihn dieser große Meister, als Teil des Klosters, das er in der Zukunft in Amdo gründen würde, auch ein Tantra-College zu eröffnen. Der Erste Jamyang-Shepa erinnerte sich an diese Bitte und gründete 1719 das Megyü Dratsang (tib. sMad-rgyud Grva-tshang), das „ Untere Tantra-College“.

Das „Dükor Dratsang“ (tib. Dus-‘khor Grva-tshang) oder das „ Kalachakra-College“ namens Ewam-Chökor-Ling (tib. E-wam chos-‘khor gling) wurde 1763 vom Zweiten Jamyang-Shepa, Konchog-Jigme-Wangpo (tib. dKon-mchog ‘jigs-med dbang-po) (1728-1798) gegründet. Er tat dies nachdem ihm der Dritten Panchen Lama, Palden-Yeshe (tib. Pan-chen dPal-ldan ye-shes) (1738-1780) dazu geraten hatte. Das Heimatkloster des Panchen Lamas, Tashilhunpo (tib. bKra-shis lhun-po), baute zwei Jahre später (1765) selbst einen Kalachakra-Tempel (tib. Dus-‘khor lha-khang) der sich der täglichen Praxis der Kalachakra-Rituale widmete. In der Inneren Mongolei hatte es schon seit der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts Kalachakra-Colleges gegeben. Das erste befand sich im Kloster Ari-In und war von Losang-Chöden (tib. bKa’-‘gyur-ba Blo-bzang chos-ldan), dem Ersten Kanjurwa Gegen, gegründet worden. Das zweite war von dessen Schüler Dunkhor Pandita (tib. Dus-‘khor Pandi-ta) im Kloster Badghar (tib. Pad-dkar dGon-pa) gegründet worden. Das Dukor Datsang in Labrang war das erste derartige College in Amdo.

Das „Menpa Dratsang“ (tib. sMan-pa Grva-tshang), d.h. das „ Medizin-College“, hatte den Namen Sorig-Shenpen-Ling (tib. gSo-rig gzhan-phen gling). Es war ebenfalls vom Zweiten Jamyang-Shepa im Jahre 1784 gegründet worden. Das „Kyedor Dratsang“ (tib. Kyai-rdor Grva-tshang) oder „Hevajra-College“ Sangngag-Dargye-Ling (tib. gSang-sngags dar-rgyas gling) wurde 1879 vom Vierten Jamyang-Shepa, Kelsang-Tubten-Wangchug (tib. sKal-bzang thub-bstan dbang-phyug), gegründet. Das „Gyütö Dratsang“ (tib. rGyud-bstod Grva-tshang) oder das „Obere Tantra-College“ Sangchen-Dorje-Ling (tib. gSang-chen rdo-rje gling) wurde 1943 vom Fünften Jamyang-Shepa, Losang-Jamyang-Yeshe-Tenpay-Gyaltsen (tib. Blo-bzang ‘jam-dbyangs ye-shes bstan-pa’i rgyal-mtshan) gegründet.

Wie in ihren beiden Vorbildinstitutionen in Lhasa wurden auch im Oberen und Unteren Tantra-College von Labrang hauptsächlich das Guhyasamaja-System (tib. gSang-‘dus), das Chakrasamvara-System (tib. bDe-mchog) und das Vajrabhairava-System (tib. rDo-rje ‘ Jigs-byed) des Tantras geübt. Und wie die beiden Tantra-Colleges von Lhasa verliehen auch die beiden Institutionen in Labrang ihren Absolventen die akademischen Abschlüsse Geshe Karampa (tib. dGe-bshes bKa’-ram-pa) und Geshe Ngagrampa (tib. dGe-bshes sNgags-ram-pa). Das Kalachakra-College hatte nicht nur die Verantwortung für die Kalachakra-Rituale, sondern auch für die Rituale von Samvid (tib. Kun-rig) und Vairochana Abhisambodhi (tib. rNam-snang mngon-byang). Die Mönche des Kalachakra-Colleges studierten außerdem Astronomie, Astrologie und Mathematik. Zusätzlich zu ihren Medizinstudien hatten die Mönche des Medizin-Colleges die Verantwortung für die Rituale des Medizin-Buddhas (tib. sMan-lha), des Akshobhya (tib. Mi-‘khrugs-pa) und der „Verborgen Verwirklichten“ (tib. gSang-sgrub) Form von Hayagriva (tib. rTa-mgrin). Das Hevajra-College pflegte die Rituale von Hevajra und von Vajrapani Mahachakra (tib. Phyag-rdor ‘Khor-can) und gab jährlich einen mit einem Kalender/Almanach heraus, der auf dem chinesischen „schwarzen Kalkulationsstil“ (tib. nag-rtsis) basierte.

Wie am Jokang (tib. Jo-khang) von Lhasa hielt man auch in Labrang jedes Jahr vom 3. bis zum 17. Tag des ersten tibetischen Monats ein Großes Gebetsfest (tib. sMon-lam chen-mo) ab, bei dem die Prüfungen für die höchsten Geshe-Titel stattfanden. Bei diesem Gebetsfest gab es rituelle Maskentänze und andere Riten, wie in Lhasa.

Labrang stand 1957 mit fast 4.000 Mönchen in voller Blüte. Etwa 3.000 dieser Mönche besuchten das College Mejung Tösamling, während sich die anderen gleichmäßig auf die anderen fünf Colleges verteilten. Etwa 75% der Mönche waren Tibeter. Bei den übrigen 25% handelte es sich um Mongolen aus der Äußeren (tib. phyi-sog) und Inneren Mongolei (tib. smad-sog, nang-sog), Kokonor-Mongolen (tib. stod-sog), Monguoren (tib. hor-pa) aus Nord-Amdo, Gelben Yuguren (tib. yu-gur) aus Gansu (Kansu), kalmückische Mongolen aus Xinjiang und ethnischen Chinesen. Labrang hatte 138 Zweigklöster.

Ab 1958 wurde das Kloster zwölf Jahre lang von den Chinesen geschlossen. Während der 1970er Jahre wurde es dem Tourismus geöffnet. Als funktionierendes Kloster wurde es 1980 vom Siebten Panchen Lama, Chökyi-Gyaltsen-Trinle-Lhündrub (tib. Pan-chen Chos-kyi rgyal-mtshan ‘ phrin-las lhun-grub) (1938-1989) wieder eröffnet. Heute leben dort etwa 500 Mönche, die sich nach denselben Verhältnissen wie früher auf die sechs Colleges verteilen. Was die Inhalte angeht, wird kann nur ein Bruchteil des früheren Studienprogramms durchgenommen werden.