Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Eine kurze Geschichte des Klosters Drepung

L. T. Doboom Tulku
übersetzt von Alexander Berzin und Khamlung Rinpoche, 1974
Deutsch: Nailu Sari

Das große Kloster von Drepung (tib. ‘Bras-spungs dGon-pa) wurde von Jamyang Chöje Tashi-Pelden (tib. ‘Jam-dbyangs chos-rje bKra-shis dpal-ldan) gegründet, der ein direkten Schüler von Je Tsongkhapa (tib. rJe Tsong-kha-pa Blo-bzang grags-pa), dem Begründer der Gelug-Tradition, war. Dieser große Meister hatte seinem Schüler eine weiße Muschel geschenkt, ein glücksverheißendes Zeichen, das er als „versteckten Schatz“ auf einem Hügel hinter dem Kloster Ganden (tib. dGa’-ldan dGon-pa) ausgegraben hatte. Damals hatte Tsongkhapa prophezeit: „Du wirst ein herrliches Kloster gründen und das daraus entstehende Zweigkloster wird noch größer als sein Mutterkloster sein.“

Neupon Namka-Zangpo (tib. sNe’u-dpon Nam-mkha’ bzang-po), der damalige politische Führer Zentraltibets, wurde gebeten, der Schirmherr des Klosters zu sein. Es wurde nach dem Zeitrechnungssystem des Theravadas im Jahr 1960 nach dem Parinirvana Buddhas gegründet, was nach christlicher Zeitmessung dem Jahr 1416 n.Chr. entspricht. Jamyang Chöje war zu dieser Zeit achtundreißig Jahre alt.

Erst gab es nur ein kleines Gebäude, das gleichzeitig als Lehrstätte und Wohnung benutzt wurde. Schrittweise wurden weitere größere neue Bauten hinzugefügt; es entstanden unter anderem eine Versammlungshalle, eine tantrische Halle, Darstellungen des Körpers, der Rede und des Geistes des Buddhas und Mönchsquartiere. Neupon Namka-Zangpo erfüllte den Wunsch des Tsongkhapas und spendete alles nötige Material.

Zweiundreißig Jahre lang hielt der Gründer Drepung persönlich auf dem Niveau einer großen Lehr-Institution, indem er im Bereich des Sutra-Studiums ausführlichen Unterricht über die „Drei Körbe“ (tib. sDe-snod gsum, Skt. Tripitaka) gab und im Bereich der Tantra-Studien alle vier Tantraklassen ebenso ausführlich lehrte. Eine große Anzahl von Mönchen, die an diesen hervorragenden Belehrungen interessiert waren, kamen zusammen. Sie teilten sich in sieben Gruppen auf, von denen jede ihren eigenen Lehrer hatte, der Belehrungen gab. So kam es zur Gründung der sieben großen Colleges von Drepung: Gomang (tib. sGo-mang), Losal-Ling (tib. Blo-gsal gling), Deyang (tib. bDe-dbyangs), Shagkor (tib. Shag-skor), Gyalwa (tib. rGyal-ba) oder Tosamling (tib. Thos-bsam gling), Dulwa (tib. ‘Dul-ba) und Ngagpa (tib. sNgags-pa).

Von Zeit zu Zeit machte Neupon Namka-Zangpo große religiöse Spenden und wenn es nötig war, versah er die Mönche mit grundlegenden Dingen wie mit Bekleidung und Tee. Der Lehrbetrieb, die Praxis, das Studium und die Zahl der Mönche wuchsen stark an. So wurde Drepung eines der berühmtesten Gelug-Klöster im Gebiet von Lhasa.

Die Colleges von Dulwa, Shagkor und Gyalwa lösten sich nach einiger Zeit auf und ihre Studenten gingen in die anderen Colleges. Obwohl Dulwa, Shagkor und Gyalwa nun nicht mehr als separate Institutionen weiterexistierten, werden vom Gomang- oder vom Losal-Ling-College weiterhin Äbte ernannt, die die Thronlinien dieser ehemaligen Colleges fortführen.

Unter den vier übriggebliebenen Colleges spezialisierten sich Gomang und Losal-Ling später größtenteils auf das Studium und die Praxis von Sutra, während das Ngagpa-College sich hauptsächlich auf Tantra konzentrierte. Im Deyang-College schließlich werden Sutra und Tantra in gleicher Weise gepflegt.

Jedes College hat einen Abt, der dort für die Lehre, das Studium und die Praxis verantwortlich ist. Es gibt auch einen übergeordneten Abt bzw. einen Thronhalter für das gesamte Kloster, dessen Linie auf Jamyang Chöje zurückgeht. In späterer Zeit ist es zum Brauch geworden, dass der dienstälteste, unter den im Ruhestand befindlichen Äbten der verschiedenen Colleges die Position des Thronhalters des gesamten Klosters übernimmt.

Der erste Vertreter der Linie der Dalai Lamas, Gyalwa Gendün-Drub (tib. rGyal-ba Ge-’dun grub), erhielt in Drepung von Tsongkhapa zahlreiche Belehrungen über Sutra und Tantra. Später gründete er bei Zhigatse (tib. gZhis-ka-rtse, Shigatse) in der Provinz Tsang (tib. gTsang)] das Kloster Tashilhunpo (tib. bKra-shis lhun-po dGon-pa), bei dem es sich um das viertgrößte Kloster Zentraltibets handelt. [Die anderen drei, einschließlich Drepung, befinden sich in der Provinz U (tib. dBus).] Die nächsten Dalai Lamas – vom zweiten bis zum fünften – waren nicht nur die Thronhalter von Drepung: sie machten das Kloster auch zu ihrem ständigen Wohnsitz.

Als der zweite Dalai Lama, Gyalwa Gendün-Gyatso (tib. rGyal-ba dGe-’dun rgya-mtsho) vier Jahre alt wurde, sagte er: „Nun ist es für uns an der Zeit, nach Drepung zu gehen. Bald werden die Boten kommen, die mich dorthin einladen werden.“ In diesem Ausspruch äußerten sich Erinnerungen an ein vergangenes Leben. In ähnlicher Weise hatten auch die folgenden Dalai Lamas eine besondere Verbindung zum Drepung-Kloster.

In jenen Tagen gab es sogar Menschen, die den Dalai Lama bzw. den Gyalwa Rinpoche (tib. rGyal-ba Rin-po-che) als den „Drepung-Tulku“ (tib. ‘Bras-spungs sPrul-sku) bezeichneten. [Seine Linie war die erste Reihe reinkarnierter Lamas (Tulkus) in der Gelug-Tradition.] Sogar der Name der tibetischen Regierung, „Ganden Podrang“ (tib. dGa’-ldan pho-brang), leitet sich von Namen der Dalai Lama-Residenz in Drepung ab.

Obwohl es eine frühere Residenz gegeben hatte, die Ganden Podrang hieß, wurde zur Zeit des Dritten Dalai Lamas eine neue gebaut. Zur Zeit des großen Fünften Dalai Lamas wurde außerdem die große Versammlungshalle in Drepung entsprechend seiner Wünsche wiedererbaut.

Ab dem großen Fünften Dalai Lama nahmen die Dalai Lamas die Stellung des weltlichen und spirituellen Herrscher Tibets ein. Daher konnten sie ihren ständigen Wohnsitz nicht länger in Drepung aufrechterhalten. Trotzdem: wann auch immer jemand aus der Dalai Lama-Linie förmlich in die monastische Gemeinschaft eintrat oder seine Geshe-Prüfungen (tib. dGe-bshes) machte, oder wann auch immer von der religiös-weltlichen Regierung eine Zeremonie ausgeführt wurde, dann wohnte der Dalai Lama traditionell in seiner Ganden Podrang-Residenz in Drepung.

Obwohl es eine verbreitete Redensart gibt, nach der „Drepung 7760 Mönche hat“, waren es tatsächlich einige Tausend mehr. Die meisten von ihnen studierten und praktizierten die Drei Körbe. Viele von ihnen bemühten sich darum, entsprechend ihrer geistigen Fähigkeiten konstruktive Handlungen zu praktizieren. Einige arbeiteten körperlich, um das wirtschaftliche Wohlergehen der Klostergemeinschaft zu sichern. Andere gelehrte Mönche dagegen gingen, nach Abschluss ihrer Studien im Hauptkloster in die Zweigklöster, um dort als Äbte zu fungieren. So wurden von Drepung zahlreiche Zweigklöster erhalten. In dieser Weise wurde diese Gemeinschaft zu einem bedeutenden „Wohnstätte“ für die Lehren Buddhas.

Drepung florierte in dieser Weise bis 1959 A.D. weiter. Zu dieser Zeit erlebte ganz Tibet eine schreckliche Katastrophe und auch diesem Kloster wurden die Existenzgrundlagen in Tibet entzogen. Einige Tausend Mönche aus Drepung schlossen sich dem tibetischen Flüchtlingsstrom nach Indien an. Da weder der passende Ort, noch genügend Zeit, noch die anderen notwendigen Bedingungen vorhanden waren, waren sie nicht mehr in der Lage, als Gesamtheit zusammenzutreffen oder rein religiöse Aktivitäten auszuführen

Doch mehrere hundert Mönche konnten mit Hilfe des ration aid program in Buxaduar in West-Bengalen neun Jahre lang weiter praktizieren und studieren. Allerdings war es aus gründen der Stabilität und Kontinuität offensichtlich, dass ein anderer Platz gefunden werden musste, der näher an den tibetischen Ansiedlungslagern lag. Deshalb zogen sie 1970 nach Mundgod in den südindischen Staat von Karnataka. Nachdem sie vier Jahren den dichten Dschungel gerodet, Felder für die Landwirtschaft angelegt und provisorische Gebäude errichtet haben, folgen sie nun dem traditionellen Zeitplan von Studien- und Praktiken – genau wie in Tibet.

Sie haben die Verantwortung übernommen die jährlichen religiösen Aktivitäten aufrechtzuerhalten und nicht untergehen zu lassen. Nicht nur dies: sie geben auch die Gelübde weiter an junge Tibeter, die Mönche werden möchten, nehmen sie ins Kloster auf und geben ihnen die Gelegenheit, entsprechend ihrer Neigungen studieren und praktizieren zu können.

Diese Informationen wurden mit der aktiven Hoffnung niedergeschrieben und verfügbar gemacht, dass dieses neue Drepung-Kloster zukünftig zu einem neuen Zuhause für Buddhas Lehren wird.