Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Das Wiederbeleben der Linie der Mönchsordinationen im Tibet des 10. Jahrhunderts

Alexander Berzin, 1991
Übersetzung ins Deutsche: Nailu Sari

Unter König Langdarma (tib. Glang-dar-ma) wurde der Buddhismus stark unterdrückt. Nach einigen Quellen geschah dies zwischen 836 und 842, wahrend andere von der Periode zwischen 901 und 907 sprechen. Alle Mönche wurden entweder getötet oder dazu gezwungen, ihre Roben abzulegen. Die einzigen drei Mönche, die diesen Maßnahmen entkommen konnten, waren Mar Shakya (tib. dMar Sha-kya), Yo Gejung (tib. g.Yo dGe-‘byung) und Tsang Rabsal (tib. gTsang Rab-gsal). Sie flohen durch Westtibet und erhielten im Territorium des Turkvolkes der Qarakhaniden von Kashgar in Ostturkestan (Xinjiang) ein zeitweiliges Asyl. Dann flohen sie weiter durch die östlicher gelegenen tibetischen Kulturgebiete von Dunhuang (Tunhuang) und Gansu (Kansu). Da diese Gebiete weit entfernt von Lhasa sind, gab es hier keine Verfolgungen.

[Siehe: Die historische Interaktion zwischenden buddhistischen und islamischen Kulturen vor dem Mongolischen Reich,  13 Die Gründung neuer Reiche in Zentralasien.]

Nach Aussage einiger mongolischer Quellen durchquerten sie die Gebiete der Mongolei, die von den Kirgisen beherrscht wurden und versteckten sich schließlich in Sibirien, am östlichen Ufer des Baikalsees. Dort gaben sie dem Hortsa Mergen, dem Enkel des mongolischen Königs Borti Chiney, Einweihungen und Belehrungen. Borti Chiney war ein Vorfahre des Dschingis Khans und lebte fünf Generationen vor diesem. Nach Aussage anderer Quellen erhielten die drei fliehenden Mönche den Schutz des buddhistischen Tangutenreichs von Mi-Nyag (tib. Mi-nyag), das sich vom nördlichen Amdo bis in die Innere Mongolei erstreckte. Im nördlichen Amdo wurde später das Höhlenkloster Martsang (tib. dMar-gtsang) an der Grotte erbaut, in der die drei vermutlich lebten.

Nach mehreren Jahren zogen die drei tibetischen Mönche weiter, in die südöstliche tibetische Provinz von Kham (tib. Khams, mDo-smad), wo sie im Dentigshal-Retreat (tib. Dan-tig-shel-gyi yang-dgon) lebten. Ein hier ansässiger Hirte wollte Mönch werden. Sie gaben ihm die Novizengelübde und den Novizennamen Gewa-Rabsal (tib. dGe-ba rab-gsal), doch sie konnten ihn nicht als Vollmönch ordinieren, da hierzu fünf Mönche erforderlich sind.

Zu dieser Zeit war der Mönch Lhalung Palgyi-Dorje (tib. Lha-lung dPal-gyi rdo-rje), der König Langdarma ermordet hatte, ins nahegelegene Longtang (tib. Klong-thang) geflohen. Sie baten ihn, bei den Ordinationen zu helfen, doch er erklärte, dass er für diese Rolle nicht mehr in Frage kam. Er versprach allerdings bei der Suche nach anderen Mönchen zu helfen und fand tatsächlich zwei chinesische Mönche, Ki-Bang und Gyi-Ban, die er zu den anderen schickte, um ihre Zahl zu vervollständigen. So konnte Tsang Rabsal als Abt dem ehemaligen Hirten in Anwesenheit der fünf Mönche die Gelübde eines Vollmönches und den vollen Ordinationsnamen Gongpa-rabsal (tib. dGongs-pa rab-gsal) verleihen. In späteren Zeiten fügte man seinen Namen den Titel Lachen (tib. Bla-chen, Großer Erhabener), voran.

Einige Jugendliche aus den zentraltibetischen Provinzen von U (tib. dBus) und Tsang (tib. gTsang) hörten von den Mönchen in Kham. Eine Zehnergruppe dieser jungen Leute tat sich unter Lume Tsültrim-Sherab (tib. Klu-mes Tshul-khrims shes-rab) zusammen, um die volle Ordination zu erhalten. Dies geschah entweder 53 oder 70 Jahre nach der Verfolgung durch Langdarma. Sie baten Tsang Rabsal als Abt zu fungieren, doch dieser weigerte sich aufgrund seines hohen Alters. Darauf wandten sie sich an Gongpa-rabsal, doch er erklärte ihnen, dass er erst fünf Jahre lang Vollmönch gewesen war und dass er daher noch nicht dazu qualifiziert war, diese Rolle zu übernehmen. Entsprechend der Texten musste man hierzu mindestens zehn Jahre lang Vollmönch gewesen sein. Doch Tsang Rabsal gab ihm eine Sondererlaubnis und so konnte er als Abt fungieren und den zehn Jungen die vollständigen Mönchsgelübde verleihen.

Lume blieb noch ein Jahr bei ihnen, um die Vinaya-Regeln der monastischen Disziplin zu lernen, während die anderen neun nach Zentraltibet zurückkehrten. Wann Lume kehrte nach Zentraltibet zurück, gründete er dort mehrere Tempel. Die spätere Verbreitung der buddhistischen Lehren und besonders der Mönchsgelübde geht auf ihn zurück.