Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

Zur Textversion für diese Seite wechseln. Zur Haupt-Navigation springen.

Startseite > Historische, kulturelle und vergleichende Studien > Die Geschichte des Buddhismus und des Bön > Die indische Gesellschaft und Denkweisen vor und während der Zeit Buddhas

Die indische Gesellschaft und Denkweisen vor und während der Zeit Buddhas

Alexander Berzin
März 1990, überarbeitet im April 2007

Harappa-Mohenjodaro

Während des 3. und 2. Jahrtausends v.u.Z. blühte im Indus-Tal die Happara-Mohenjodaro Kultur. Man pflegte Handelsbeziehungen mit den vor-babylonischen Sumerern des mesopotamischen Gebietes im heutigen Irak, doch gab es wenig kulturelle Einflüsse von dort. Die Menschen waren sehr wahrscheinlich Proto-Draviden und folgten einer Religion, in der man an einen höchsten Gott glaubte, der für Fruchtbarkeit und Schöpferkraft stand, asketische Yogis mit übernatürlichen Kräften repräsentierte, als Herrscher über den Tierbestand galt und in etwa als Prototyp des späteren Hindu-Gottes Shiva betrachtet werden kann. Der religiöse Glaube beinhaltete auch eine göttliche Mutter, rituelle Waschungen, den Phalluskult und die Verehrung des heiligen Pepal-Baumes (Skt. Pippala) und heiliger Tiere, z.B. der Kühe. Der Pepal-Baum ist eine Art des bengalischen Feigenbaum, der im Buddhismus als der Bodhibaum bekannt ist.

Beginnend mit der zweiten Hälfte des 2. Jahrtausends v.u.Z. drangen indo-iranische Stämme in das Indus-Tal ein und eroberten es. Sie ließen sich dort nieder und siedelten sich auch weiter im Osten, in Nordindien, an. Diese Stämme stammten höchstwahrscheinlich aus dem Gebiet von Afghanistan, dem östlichen Iran und dem südwestlichen Turkestan und waren als „Arier“, die „Edlen“, bekannt. Das Wort „Iran“ geht ursprünglich auf dieselbe Wurzel zurück wie das Wort „Arier“. Durch den Einfluss dieser Stämme sind den frühen iranischen und indischen Kulturen bestimmte sprachliche und religiöse Merkmale gemeinsam.

Infolge der arischen Invasion wurden viele Angehörige der der dunkelhäutigeren einheimischen Bevölkerung, die der Harappa-Mohenjodaro-Kultur angehörten, versklavt; andere wanderten nach Südindien ab. Die von den Ariern propagierten Klassenunterschiede in Edle und Stammesangehörige wurde ausgeweitet und entwickelten sich zum indischen Kastensystem. Das Sanskritwort für Kaste lautet Varna und bedeutet auch „Farbe“.

Die Veden

Im 13. Jahrhundert v.u.Z. gründeten die Arier das Paurava-Reich im Norden Indiens. Im 14. Jahrhundert v.u.Z. wurde ihre Religion in den Veden festgeschrieben. Die vedischen Götter sind weniger menschlich als die antiken griechischen Göttergestalten. Sie sind die Bewahrer der kosmischen Ordnung und die Hüter der Moral. Während der frühesten Periode beinhalteten die Praktiken der vedischen Religion hauptsächlich das Singen von Hymnen, um die Götter zu preisen und Bitten an sie zu richten. Aufgrund der kodifizierten Darstellung in den Veden betraute die Gesellschaft allerdings eine Priesterkaste damit, die rituelle Opfergaben im heiligen Feuer den Göttern darzubringen. Die Priester waren als „Brahmanen“ bekannt. Die Opfergaben waren erforderlich, um die Götter zur Aufrechterhaltung der Ordnung zu verpflichten – andernfalls würden sie diese Aufgabe nicht erfüllen. Die zeremoniellen Opfergaben, die in das heilige Feuer geworfen wurden, bestanden aus Milch, gereinigtem Butterfett (Ghee), Getreide und insbesondere „Soma“, dem berauschenden Saft einer wahrscheinlich psychotropen Pflanze.

Dem rituellen Akt der Opferdarbringung wurde noch mehr Verehrung entgegengebracht als den Göttern selbst, und folglich spielten die Brahmanen eine wesentliche Rolle in der Gesellschaft. Mit anderen Worten: Die Gesellschaft glaubte, dass ihr Wohlergehen nicht so sehr von der Gunst der Götter, sondern vielmehr von der korrekten Durchführung des Opferrituals durch die Brahmanen abhing. Deswegen wird der frühe Hinduismus meist als „Brahmanismus“ bezeichnet. Darüber hinaus betrachtete man das Darbringen von Opfergaben als etwas, das man den Göttern schuldig war. Dieser Glaube ließ das brahmanische Prinzip entstehen, dass man mit positiven Handlungen seine Pflichten erfülle.

Mantras waren ursprünglich die metrischen Hymnen der Veden, insbesondere des „Rg Veda“, die während der rituellen Darbringung von Gaben an die Götter gesungen wurden. Man betrachtete ihren Klang als etwas, das eine besondere Kraft hat, und sie wurden als ewig und unveränderlich verehrt.

Den brahmanischen Lehren nach wurde das Universum durch das Opfer Brahmas geschaffen, der so etwas wie ein ursprünglicher Riese war. Mit andern Worten: Brahma war das ursprüngliche Wesen, aus dem das Universum hervorging und der dann das Universum und alles Leben aufrechterhielt. Die Teile seines Körpers wurden zu den verschiedenen Aspekten des Universums und zu den Kasten der Gesellschaft. Die Gesellschaft betrachtete also das Universum als eine organische Einheit, die sich im menschlichen Körper widerspiegelt. Nach dem Tod reist der menschliche Geist durch das Bestattungsfeuer in den höchsten Himmel des ewigen Lichts. Diejenigen, die von übler Gesinnung sind, sinken in die Dunkelheit der Unterwelt.

Aus den Veden entwickelte sich eine umfassende Literatur. Die „Brahmanas“ erklärten die vedischen Rituale in Prosaform und boten Hilfe bei der Durchführung. Die „Puranas“ enthielten Berichte über die Geschichte. Insbesondere ein episches Werk, das „Mahabharata“ , wurde grundlegend für die Entwicklung des späteren, populären Hinduismus. Es wurde im 19. Jahrhundert v.u.Z. geschrieben. Während dieser Zeit entstand auch die Vorstellung eines weiteren großen Gottes: Vishnu.

Die Upanischaden

Der Niedergang des pauravischen Reiches begann im 8. Jahrhundert v.u.Z., nachdem eine große Flutkatastrophe die Umsiedelung der Hauptstadt erforderte. Allmählich zerfiel das Reich in viele kleinere Staaten. Einige davon waren Königreiche, andere Republiken. Diese großen Veränderungen in der indischen Gesellschaft leiteten den Beginn einer Phase philosophischer und religiöser Erwägungen ein.

Der letzte Teil der „Brahmanas“ bestand aus den „Upanischaden“, einer Literatursammlung, die die philosophische Grundlage für das Brahmanentum noch umfassender entwickelte. Sie wurden im Laufe mehrerer Jahrhunderte geschrieben, wobei der Beginn ungefähr auf das Ende des 7. Jahrhunderts v.u.Z. datiert wird. Zwölf der „Upanischaden“ sind auf die Zeit vor Buddha datiert. Obwohl alle zwölf leicht unterschiedliche Lehren enthalten, haben sie zahlreiche allgemeine Themen gemeinsam.

Ausgehend von der brahmanischen Vorstellung der Parallele zwischen menschlichen Wesen und dem ursprünglichen Riesen entwickelten die „Upanischaden“ Aussagen über die Einheit des Atman – des individuellen Selbst bzw. der „Seele“ – mit Brahma. Des Weiteren erklärten sie, dass die ursprüngliche Ursache des Universums, Brahma, die Welt zyklisch aus sich selbst hervorbringt und sie dann wieder in sich aufnimmt. Einer speziellen „Upanischade“ nach findet dieser Prozess auf eine von zwei Arten statt. Entweder dehnt sich Brahma in das Universum und alle Wesen aus, die darin leben, oder das Universum und alle Lebewesen sind lediglich Erscheinungen Brahmas. In jedem Fall ist die wahre Realität eine Einheit von allem und jedem mit Brahma. Die Welt der Erscheinungen getrennter Objekte und einzelner, getrennter Wesen ist eine Illusion (Skt. Maya). Individuelle Atmans bzw. Seelen sind in Wirklichkeit alle eins mit Brahma.

Die „Upanischaden“ brachten auch Aussagen über Karma und Wiedergeburt auf. Diese Aussagen entsprechen ihrer Erklärung, dass das Universum sich wiederholende Zyklen von Erschaffung und Niedergang durchläuft, die sich über große Zeitspannen erstrecken. Genauso erleben individuelle Seelen wiederholt Geburt und Tod über unzählige Lebensspannen hinweg. Dieser Kreislauf von wiederholter Geburt (Skt. samsara) findet statt, weil sie sich ihrer eigenen Identität mit Brahma nicht bewusst sind. Zudem wird er von der Kraft ihres „Karma“ angetrieben, d.h. ihren Handlungen, die auf der Unbewusstheit darüber beruhen, dass alles Illusion ist. Wenn man das erkennt, was schon immer der Fall war, nämlich die grundlegende Einheit von einem selbst mit Brahma, und dass die Getrenntheit beider Wesen völlige Illusion ist, dann erreicht man Befreiung (Skt. moksha). Der Weg zur Befreiung beinhaltet den Prozess der Lösung von dieser Illusion und die bewusste Entwicklung von korrektem Verständnis der Wirklichkeit, indem man den Lehren über die Einheit des Universums zuhört, darüber nachdenkt und meditiert. Der übliche Weg der spirituellen Entwicklung eines Menschen vollzieht sich in vier Lebensphasen, nämlich darin,

  • das ehelose Leben eines Lernenden zu führen (Skt. brahmacharya),
  • zu heiraten, Haushalt und Familie zu gründen und zu ernähren (Skt. grhastha),
  • sich in die Wälder zurückzuziehen (Skt. vanaprastha) und als Einsiedler zu leben,
  • allem zu entsagen (Skt. sannyasa) und sich, während man weiterhin allein in den Wäldern lebt, einer intensiven spirituellen Praxis zu widmen, um Befreiung zu erlangen.

Die „Upanischaden“ betonen also, dass das Universum verstehbar ist und dass man die wahre Natur der Realität erkennen und für sich selbst erfahren muss, um Befreiung vom Leiden der wiederholten Wiedergeburten zu erlangen, die durch Unbewusstheit und Karma bedingt sind. Der Buddhismus und viele der folgenden indischen philosophischen und religiösen Systeme übernahmen diese Prämissen.

Die politische Situation in Indien während der Zeit von Buddha Shakyamuni

Die Aufspaltung des nördlichen Indien in Republiken und Königreiche setzte sich bis in die Zeit von Buddha Shakyamuni (566-485 v.u.Z.) fort. Die größten davon waren die Republik Vrji mit ihren öffentlichen Versammlungen und demokratischen Einrichtungen und die autokratischen Königreiche Kosala und Magadha. Beide Arten von Staaten jedoch funktionierten auf der Grundlage der rituellen Struktur des Brahmanismus. Das konnte deswegen geschehen, weil der Brahmanismus mehr die Pflichten eines Regierenden hervorhob als seine Machtbefugnisse und Regierungsform.

Buddha wurde in Shakya geboren, einer ehemaligen Republik, die in das Königreich von Kosala eingegliedert worden war, und er lehrte sowohl in Kosala und Magadha als auch in der Republik Vrji. Zu Buddhas Zeit begann der Aufstieg der Händlerklasse und das Ansammeln großer Reichtümer, die jetzt in Geld gemessen wurden statt in der Anzahl der Rinder. Die Händler wurden reicher als die Könige, und die Könige wehrten sich mit zusätzlichen autokratischen Maßnahmen, um Kontrolle über den Handel und die Gesellschaft im Allgemeinen auszuüben. In den Königreichen lag also der Schwerpunkt darauf, wirtschaftliche und politische Macht zu erlangen. Durch die Betonung des Geldes und die Verstärkung gewaltsamer Maßnahmen wurden die Königreiche wirtschaftlich, politisch und militärisch erheblich stärker als die Republiken. Als Resultat erfuhren die Menschen immer mehr Einschränkungen ihrer Freiheit und zunehmendes Leiden. Viele Philosophen dieser Zeit Buddha eingeschlossen – strebten nach Befreiung durch spirituelle Mittel.

Es gab zwei spirituelle Hauptrichtungen, die als Antwort auf die schwierige Situation Wege zur Befreiung boten.

  • Die orthodoxe Richtung wurde von den Brahmanen vertreten. Sie behielten die alten brahmanischen Riten bei und folgten den Upanischaden als ihrer philosophischen Grundlage, jedoch in dem traditionellen Rahmen, dass man zunächst ein pflichterfülltes Leben in der Gesellschaft und erst im Ruhestand ein Leben der Entsagung führte. Sie stammten ausnahmslos aus der Brahmanen-Kaste und verfolgten ihren Weg der Befreiung als allein lebende Asketen in den Wäldern.
  • Die Shramanas strebten nach spirituellen Zielen, indem sie ein Leben ohne Besitz führten und sich auf Wanderschaft begaben. Sie stammten aus andern Kasten als der Brahmanen-Kaste und strebten nach Befreiung, indem sie die Gesellschaft gleich zu Beginn verließen. Sie lebten eher in spirituellen Gemeinschaften (Skt. sangha) ohne Kastenunterschiede in den Wäldern denn als einzelne Asketen. Sie organisierten ihre autonomen Gemeinschaften nach dem Modell der Republiken, indem Entscheidungen von Versammlungen getroffen werden. Überdies wiesen sie alle die Vorstellung eines höchsten Gottes, wie etwa Brahma, oder irgendeiner anderen Art von Schöpfer zurück. Auch wenn es in den Gemeinschaften der Shramanas keine Kastenunterschiede gab, lebten die Laien, die deren Lehren in geringerem Maße folgten und sie unterstützten, weiterhin innerhalb der Struktur des Kastensystems.

Die fünf hauptsächlichen Schulen der Shramanas

Als Buddha Shakyamuni sein Leben als Prinz am Königshof hinter sich ließ, schloss er sich den Shramanas an.

Nach seiner Erleuchtung organisierte er diejenigen mit spirituellen Bestrebungen, die ihm folgten, ähnlich wie die anderen Shramana-Gruppen als eigenverantwortliche Gemeinschaften. So wurde der Buddhismus zur fünften der wesentlichen Shramana-Schulen jener Zeit.

[Siehe: Das Leben von Buddha Shakyamuni.]

Die fünf Shramana-Schulen und ihre Grundanschauungen sind folgende:

  • Die Ajivika Schule, die von Gosala gegründet wurde, folgte einer deterministischen Weltanschauung und wies den auf Ursachen beruhenden Prozess des Karma zurück. Die Anhänger dieser Schule nahmen an, dass die Elemente, die das Universum ausmachen – Erde, Wasser, Feuer, Wind, Glück, Unglück und lebende Seelen (Skt. jiva) – unteilbare Atome oder Monaden sind, die nicht erschaffen wurden und nicht in Wechselwirkung miteinander stehen. Zwar treten Aktionen der Atome auf, aus denen das Universum besteht, aber da alles vorherbestimmt ist, sind weder die Handlungen noch die Atome tatsächliche Ursachen dafür, dass etwas geschieht. Lebende Seelen durchlaufen eine unvorstellbar große Anzahl von Wiedergeburten und nachdem sie alle möglichen Leben erfahren haben, treten sie automatisch in einen Zustand des Friedens ein und sind dann frei von Wiedergeburt. Freiheit hängt demnach also nicht davon ab, was man tatsächlich tut.
  • Die Lokayata- oder Charvaka-Schule, die von Ajita gelehrt wurde, weist ebenfalls das Prinzip des Karma zurück. Darüber hinaus weist sie auch Wiedergeburt und so etwas wie eine lebende Seele zurück. Sie vertritt eine Art Hedonismus und lehrt, dass alle Handlungen spontan und aus der eigenen Natur heraus passieren sollen (Skt. svabhava), mit anderen Worten: Sie sollen natürlich sein. Ziel des Lebens war, so viel sinnliche Freuden wie möglich zu erfahren. Diese Schule wies alle Arten von Logik und Argumentation als gültige Zugangswege zur Erkenntnis zurück.
  • Die Jain- oder Nirgrantha-Schule, die von Mahavira gegründet wurde, trennte sich von der Lokayata-Schule als starke Gegenbewegung ab. Sie vertrat die Überzeugung, dass es lebende Seelen gibt, die Wiedergeburten durchleben, bedingt durch die Kraft des Karma. Der Jainismus, der heute noch als eines der großen indischen Religionssysteme existiert, lehrt sehr strenge ethische Verhaltensregeln und extreme Askese als Weg zur Befreiung.
  • Die Ajnana-Schule der Agnostiker, von Sanjayin angeführt, war der Ansicht, dass es unmöglich sei, durch philosophische Spekulation oder Debatten, die auf Logik basieren, schlüssige Erkenntnis von irgendetwas zu erlangen. Sie trat für ein Leben in zölibatären Gemeinschaften ein, in denen der Schwerpunkt auf bloßer Freundschaft liegt.
  • Der Buddhismus entwickelte sich als eine Shramana-Schule, die Wiedergeburt bedingt durch die Kraft des Karma akzeptierte, jedoch die Existenz solcher Arten von lebenden Seelen, wie sie von den anderen Schulen postuliert wurden, zurückwies. Überdies akzeptierte Buddha auch den Gebrauch von Logik und Argumentation als Teil des Wegs zur Befreiung, ebenso wie auch ethisches Verhalten, allerdings nicht in dem Ausmaß wie das Asketentum der Jains. Somit vermied Buddha die Extreme der vorhergehenden vier Shramana-Schulen.