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Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Kurze Geschichte des Buddhismus in Indien in der Zeit vor den Invasionen des dreizehnten Jahrhunderts

Alexander Berzin
Januar 2002, überarbeitet April 2007
Übersetzung ins Deutsche: Christian Dräger

Einführung

Die Begriffe Hinayana (tib. Theg-dman) und Mahayana (tib. Theg-chen), die soviel wie bescheidenes oder „kleines” Fahrzeug und unermessliches oder „ großes“ Fahrzeug bedeuten, wurden zum ersten Mal in den „Sutras des weitreichenden unterscheidenden Gewahrseins“ (tib. Sher-phyin-gyi mdo, Skt. Prajnaparamita Sutras; Die Sutras der Vollkommenheit der Weisheit) verwendet, um die Überlegenheit der Mahayana-Lehren zum Ausdruck zu bringen. Geschichtlich betrachtet gab es achtzehn Schulen, die dem Mahayana-Buddhismus vorausgingen, wobei jede Schule ihre eigene, leicht von den anderen Schulen abweichende Fassung von monastischen Verhaltensregeln (tib. ‘ dul-ba, Skt. vinaya) besaß. Für die Bezeichnung dieser achtzehn Schulen in ihrer Gesamtheit wurden von verschiedener Seite alternative Vorschläge gemacht, aber wollen wir hier den allgemein gebräuchlichen Begriff Hinayana verwenden, um uns auf diese Schulen zu beziehen, jedoch ohne den Begriff dabei in einer abwertenden Weise zu verwenden.

[Siehe: Die Begriffe Hinayana und Mahayana.]

Der Theravada (tib. gNas-brtan smra-ba, Skt. Sthaviravada) ist die einzige der achtzehn Hinayana-Schulen, die bis heute überdauert hat. Er floriert in Sri Lanka und in Südost-Asien. Wenn in den indischen und tibetischen Mahayana-Texten die philosophischen Ansichten der Vaibhashika- (tib. Bye-brag smra-ba) Schule und der Sautrantika- (tib. mDo-sde-pa) Schule dargestellt werden, handelt es sich bei diesen zwei Hinayana-Schulen um Unterschulen der Sarvastivada- (tib. Thams-cad yod-par smra-ba) Schule, einer weiteren der achtzehn Schulen. Die tibetischen monastischen Verhaltensregeln stammen von der Mulasarvastivada- (tib. gZhi thams-cad yod-par smra-ba) Schule, einer weiteren Unterschule der Sarvastivada-Schule ab. Daher darf man den Hinayana-Buddhismus, wie ihn die Tibeter darlegen, nicht mit dem Theravada verwechseln.

Die buddhistischen Traditionen Ostasiens folgen den monastischen Verhaltensregeln der Dharmagupta- (tib. Chos-srung sde) Schule, einer weiteren der achtzehn Hinayana-Schulen.

Shakyamuni Buddha

Prinz Siddhartha, der dann zu Buddha Shakyamuni wurde, lebte von 566 bis 486 v. u. Z. in Nordindien. Nachdem er im Alter von fünfunddreißig Jahren die Erleuchtung erlangt hatte, zog er als Bettelmönch durchs Land, um andere Menschen zu unterrichten. Eine Gemeinschaft von zölibatär lebenden spirituell Suchenden versammelte sich um ihn und begleitete ihn auf seiner Wanderschaft. Als dafür ein Bedarf entstand, verfasste der Buddha irgendwann die Verhaltensregeln für die Gemeinschaft. Die „Mönche“ kamen viermal im Monat zusammen, um diese Regeln zu rezitieren und alle Übertretungen, die sie möglicherweise begangen hatten, zu bereinigen.

Etwa zwanzig Jahre nachdem seiner Erleuchtung führte Buddha den Brauch ein, dass die Mönche einmal im Jahr an einem festgelegten Ort verweilten, um dort dann eine drei Monate dauernde Regenzeit-Klausur abzuhalten. Aus diesem Brauch entwickelte sich die Sitte, buddhistische Klöster zu errichten. Einige Jahre bevor der Buddha verstarb, begründete er auch die Nonnen-Tradition.

[Siehe: Das Leben von Buddha Shakyamuni.]

Das erste buddhistische Konzil

Buddha lehrte im Prakrit- (tib. Tha-mal-pa) Dialekt der Region Magadha (tib. Yul Ma-ga-dha). Zu seinen Lebzeiten gab es jedoch keine schriftlichen Aufzeichnungen. Tatsächlich wurden die Lehren Buddhas erst im ersten Jahrhundert v. u. Z. aufgeschrieben. Dabei handelte es sich um Lehren der Theravada-Schule. Sie wurden in Sri Lanka in der Sprache Pali niedergeschrieben. In den Jahrhunderten davor bewahrten die Mönche die Lehren Buddhas dadurch, dass sie diese auswendig lernten und dann regelmäßig aus dem Gedächtnis rezitierten.

Der Brauch, die Lehren des Buddha aus dem Gedächtnis zu rezitieren, begann ein paar Monate nachdem der Buddha verstorben war. Der Brauch entstand auf dem ersten buddhistischen Konzil, das in Rajagriha (tib. rGyal-po’i khab, Rajagrha, dem heutigen Rajgir) abgehalten wurde. An der einberufenen Versammlung nahmen 500 Schüler Buddhas teil. In den traditionellen Berichten wurde niedergeschrieben, dass es sich bei allen Versammlungsteilnehmern um Arhats (tib. dgra-bcom-pa), befreite Wesen, gehandelt haben soll.

Den Berichten der Vaibhashika-Schule zufolge, haben drei der Arhats die gesamte Lehre aus dem Gedächtnis rezitiert. Den Berichten zufolge war die Versammlung der Meinung, dass wenn alle anderen Teilnehmer der Versammlung damit übereinstimmen würden, dass das, was die Arhats rezitierten, genau dem entsprach, was der Buddha gelehrt hatte, so würde dies die Fehlerfreiheit der Lehren bestätigen.

  • Ananda (tib. Kun-dga’-bo) rezitierte die Sutras (tib. mdo) – die Lehrreden des Buddha bezüglich verschiedener Praxisthemen.
  • Upali (tib. Nye-bar ‘khor) rezitierte den Vinaya – die monastischen Verhaltensregeln.
  • Mahakashyapa (tib. ‘ Od-bsrung chen-po) rezitierte den Abhidharma (tib. chos mngon-pa), die Lehrreden bezüglich der besonderen Wissensgebiete.

Die drei Abteilungen der Lehren Buddhas bilden „Die drei Korb-gleichen Sammlungen“ (tib. sDe-snod gsum, Skt. Tripitaka, „Die drei Körbe“ oder die kanonischen Sammlungen).

  • „Der Vinaya-Korb“ beinhaltet die Lehren über die außergewöhnliche ethische Selbstdisziplin,
  • „Der Sutra-Korb“ beinhaltet die Lehren über die außergewöhnliche vertiefte Konzentration,
  • „Der Abhidharma-Korb“ beinhaltet die Lehren über das außergewöhnliche unterscheidende Gewahrsein oder die außergewöhnliche „Weisheit“.

Der Bericht der Vaibhashika-Tradition enthält die Aussage, dass nicht alle Abhidharma-Lehren des Buddha auf dem ersten Konzil rezitiert wurden. Einige dieser Lehren wurden außerhalb des Konzils mündlich überliefert und wurden später hinzugefügt.

Dem Bericht der Sautrantikas zufolge, hat es sich bei den Abhidharma-Lehren, die auf dem Konzil rezitiert wurden, überhaupt nicht um die Worte des Buddha gehandelt. Die sieben Abhidharma-Texte, die in diesem Korb enthalten sind, sollen in Wirklichkeit von sieben der anwesenden Arhats verfasst worden sein.

Das zweite buddhistische Konzil und die Gründung der Mahasanghika-Schule

Das zweite buddhistische Konzil fand 386 oder 376 v. u. Z. mit einer Versammlung von 700 Mönchen in Vaishali (tib. Yangs-pa-can) statt. Das Ziel des Konzils war es, zehn Streitfragen bezüglich der monastischen Verhaltensregeln zu regeln. Die wesentliche Entscheidung, die getroffen wurde, war, dass es Mönchen nicht gestattet sein sollte, Gold entgegenzunehmen. In unseren heutigen Begriffen bedeutet dies, dass es ihnen nicht erlaubt war, Geld zu handhaben. Die Teilnehmer des Konzils rezitierten daraufhin den „Vinaya-Korb“, um seine Reinheit zu bestätigen.

Den Berichten der Theravada-Tradition folge, entstand die erste Spaltung der monastischen Gemeinschaft auf diesem Konzil. Einige Mönche kränkten die anderen, weil sie nicht mit der Entscheidung der anderen übereinstimmten. Die mit der Position nicht übereinstimmenden Mönche verließen die Versammlung, um die Mahasanghika- (tib. dGe-‘dun phal-chen-po) Schule zu gründen, wohingegen die Gruppe der älteren Mönche, die bei der Versammlung verblieben, dann als die Theravada-Schule bekannt wurde. „Theravada“ bedeutet auf Pali „Anhänger der Worte der Älteren“. „ Mahasanghika” bedeutet „die Gemeinschaft der Mehrheit“ .

Anderen Berichten zufolge entstand die tatsächliche Spaltung der Gemeinschaft erst später, nämlich 376 v. u. Z. Der Streitpunkt war diesen Berichten zufolge keine Auseinandersetzung in Bezug auf die monastischen Verhaltensregeln, sondern vielmehr ein Disput über philosophische Ansichten. Die Meinungsverschiedenheit betraf die Frage, ob ein Arhat, also ein befreites Wesen, begrenzt sei oder nicht.

  • Die Theravada-Älteren räumten ein, dass Arhats in ihrem Wissen begrenzt seien. So könnten sie beispielsweise, wenn sie auf Reisen sind, die Richtung, in die sie gehen müssen, nicht kennen und müssten vielleicht in Bezug auf solche Fragen Informationen von anderen Leuten einholen. Nichtsdestoweniger würden sie jedoch alles in Bezug auf Dharma-Themen wissen. Arhats könnten sogar Zweifel bezüglich ihrer eigenen Errungenschaften haben, obwohl sie nicht mehr auf eine niedrigere Stufe zurückfallen könnten. Die Theravada-Älteren bestanden jedoch darauf, dass Arhats vollständig frei von störenden Emotionen, wie beispielsweise von Begierde, seien.
  • Die Mahasanghika oder „Mehrheitsgruppe“ stimmte hinsichtlich der Frage der störenden Emotionen nicht mit den Theravada-Älteren überein. Sie behaupteten, dass Arhats in ihren Träumen immer noch verführt werden könnten und dass sie dann nächtliche Samenergüsse hätten, weil die Arhats eben immer noch Spuren von Sinneslust in sich tragen würden.

Anhänger der Theravada-Schule wanderten schließlich in den westlichen Teil Nordindiens ab. Die Anhänger der Mahasanghika-Schule zog es in den östlichen Teilen Nordindiens, wo sie sich dann bis hin nach Andhra, in den östlichen Teil Südindiens hinein, ausbreiteten. Eben dort in Andhra entstand dann später die Tradition des Mahayana-Buddhismus. Westliche Gelehrte betrachten die Mahasanghika als Vorläufer der Mahayana-Schulen.

Das dritte buddhistische Konzil und die Gründung der Sarvastivada- und Dharmagupta-Schulen

322 v. u. Z. begründete Chandragupta Maurya das Maurya-Reich in dem zentral gelegenen Gebiet Nordindiens, das als Magadha bekannt war, der Heimat des Buddhismus. Das Reich wuchs schnell und erreichte seine größte Ausdehnung unter der Herrschaft des Kaisers Ashoka (tib. Mya-ngan med-pa) in den Jahren von 268 bis 232 v. u. Z. Während dieser Zeit erstreckte sich das Maurya-Reich vom heutigen östlichen Afghanistan und Baluchistan bis hin nach Assam, und umfasste den Großteil Südindiens.

Während der Herrschaftszeit von Kaiser Ashoka löste sich im Jahr 237 v. u. Z. auch die Sarvastivada-Schule aufgrund gewisser philosophischer Streitfragen von der Theravada-Tradition. Der Theravada-Schule zufolge ereignete sich der Bruch auf dem dritten Konzil, das unter kaiserlicher Schirmherrschaft in der Hauptstadt des Maurya-Reiches, Pataliputra (dem heutigen Patna) stattfand. Sie haben dieses Konzil jedoch auf das Jahr 257 v. u. Z. datiert, also zwanzig Jahre vor den Zeitpunkt, auf den die Sarvastivadins die Abspaltung datieren. Das liegt daran, dass entsprechend der Darstellung der Theravada-Tradition erst nachdem auf diesem Konzil die Reinheit der Theravada-Sichtweise bestätigt wurde, der Kaiser Ashoka im folgenden Jahr Missionare entsandte, um den Buddhismus in neuen Regionen innerhalb und außerhalb seines Reiches einzuführen. Durch diese Missionen wurde der Theravada-Buddhismus im heutigen Pakistan (Gandhara und Sindh), im heutigen südöstlichen Afghanistan (Baktrien), in Gujarat, im westlichen Teil Südindiens, in Sri Lanka und in Burma eingeführt. Nach dem Tod von Kaiser Ashoka, führte sein Sohn Jaloka die Sarvastivada-Tradition in Kaschmir ein. Von dort verbreitete sich diese Form des Buddhismus schließlich ins heutige Afghanistan.

Unabhängig davon, wann das Konzil nun eigentlich einberufen worden ist, bestand seine wesentliche Aufgabe dann darin, die Lehren des Buddha zu analysieren, und zu widerlegen, was die orthodoxen Theravada-Älteren für falsche Ansichten hielten. Der dem Konzil vorsitzende Mönch Moggaliputta Tissa fasste die analytischen Widerlegungen in dem Text „Begründungen des Streitgesprächs“ (Pali Kathavatthu) zusammen. Dieser Text wurde der fünfte von insgesamt sieben Texten im Abhidhamma-Korb der Theravada-Tradition.

Andere Hinayana-Traditionen haben über dieses Konzil nicht in der gleichen Weise berichtet wie die Theravada-Tradition dies tat. Wie dem auch sei, einer der wesentlichen philosophischen Punkte, der zu einer Spaltung führte, war die Frage nach der Existenz von vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Phänomenen.

  • Die Sarvastivadins behaupteten, dass alles existiere – dass also sich-nicht-länger-ereignende Dinge, sich-gegenwärtig-ereignende Dinge und sich-noch-nicht-ereignende Dinge existieren würden. Sie erklärten diese Behauptung damit, dass die Atome, aus denen sich die Dinge zusammensetzen, ewig bestehen würden; lediglich die Formen, die diese Atome dann annähmen, würden sich verändern. Daher könne die Gestalt, die die Atome bilden, sich von sich-noch-nicht-ereignenden Dingen zu sich-gegenwärtig-ereignenden Dingen verwandeln, und sich dann schließlich weiter in sich-nicht-länger-ereignende Dinge transformieren. Die Atome jedoch, aus denen alle diese Dinge bestünden, blieben stets dieselben ewig existierenden Atome.
  • Nicht nur die Theravadins, sondern auch die Mahasanghikas, behaupten, dass es nur sich-gegenwärtig-ereignende Dinge gäbe, außerdem gäbe es sich-nicht-länger-ereignende Dinge, die bislang noch keine Wirkungen hervorgebracht hätten. Die sich-nicht-länger-ereignenden Dinge würden deshalb existieren, weil sie immer noch eine Funktion ausüben könnten.
  • Die Sarvastivadins stimmten mit den Mahasanghikas darin überein, dass Arhats durch Spuren von störenden Emotionen in ihren Fähigkeiten begrenzt seien.

Im Jahr 190 v. u. Z. spaltete sich auch die Dharmagupta-Schule von der Theravada-Tradition ab.

  • Die Dharmagupta-Schule stimmt mit der Theravada-Tradition darin überein, dass Arhats keine störenden Emotionen hätten.
  • Wie auch bei den Mahasanghikas gab es in der Dharmagupta-Tradition die Neigung, den Buddha zu erhöhen. Die Anhänger der Dharmagupta-Schule behaupteten, dass es wichtiger sei, den Buddhas Gaben darzubringen als den Mönchen und Nonnen. Zudem wurde in dieser Tradition insbesondere auch das Darbringen von Gaben an Stupas betont, also an Baudenkmäler, die Reliquien des Buddha enthalten.
  • Die Anhänger der Dharmagupta-Schule fügten den „Drei Körben“ eine vierte Korb-gleiche Sammlung hinzu, den „Dharani-Korb“. „Dharani“ (tib. gzungs) bedeutet auf Sanskrit „ Aufrechterhaltung von Energie“ und auf tibetisch „ lebensnotwendige Maßnahmen“. Damit sind hingebungsvolle Formulierungen auf Sanskrit gemeint, die die Praktizierenden darin unterstützen, sich an die Worte und Bedeutungen des Dharma zu erinnern, wenn sie diese Sprachformeln rezitieren oder singen. So können sich die Praktizierenden beispielsweise mittels dieser Fromeln vergegenwärtigen, konstruktiv zu handeln und destruktive Handlungen zu unterlassen. Diese Entwicklung von Dharanis entsprach dem damaligen Zeitgeist, der Hingabe betonte und durch das Erscheinen des Hindu-Klassikers „Bhagavad Gita“ gekennzeichnet war.

Die Dharmagupta-Schule verbreitete sich bis ins heutige Pakistan und Afghanistan, bis in den Iran und auch nach Zentralasien, weiter bis hin nach China. Die Chinesen übernahmen die Variante der Gelübde für Mönchen und Nonnen der Dharmagupta-Schule. In den nachfolgenden Jahrhunderten wurde diese Variante der monastischen Verhaltensregeln nach Korea, Japan und Vietnam weitergegeben.

Das vierte buddhistische Konzil

Sowohl die Theravada-Schule als auch die Sarvastivada-Schule beriefen jeweils ihr eigenes viertes Konzil ein.

Die Theravada-Schule hielt ihr viertes Konzil im Jahr 83 v. u. Z. in Sri Lanka ab. In Anbetracht dessen, dass sich verschiedene Gruppierungen von der Theravada-Tradition aufgrund von unterschiedlichen Interpretationen der Worte des Buddha abgespaltenen hatten, kamen Maharakkhita und fünfhundert Theravada-Ältere zusammen, um die Worte des Buddha zu rezitieren diese niederzuschreiben, um so ihrer Authentizität zu bewahren. Das war das erste Mal, dass die Lehren des Buddha in schriftlicher Form festgehalten wurden und, in diesem Fall, in die Sprache Pali übersetzt wurden. Diese Version des Werkes „Die drei Korb-gleichen Sammlungen, Der Tripitaka“ ist allgemein als „Der Pali-Kanon“ bekannt. Die anderen Hinayana-Schulen fuhren jedoch damit fort, ihre Lehrern auch weiterhin in mündlicher Form weiterzugeben.

Innerhalb der Sarvastivada-Schule entwickelten sich über die Zeit allmählich Unterschiede in der Interpretation der Lehre. Die erste abweichende Interpretation trat in Form des Vorgängers der Vaibhashika-Schule in Erscheinung. Um das Jahr 50 u. Z. entwickelte sich dann die Sautrantika-Schule. Jede dieser Schulen stellte in Bezug auf zahlreiche Punkte des Abhidharma ihre eigenen Behauptungen auf.

In der Zwischenzeit änderte sich die politische Situation im nördlichen Indien, in Kaschmir und in Afghanistan durch die Invasion der Yuezhi (Wade-Giles: Yüeh-chih) aus Zentralasien grundlegend. Die Yuezhi waren ein indo-europäisches Volk, das ursprünglich im westlichen Turkistan gelebt hat. Gegen Ende des zweiten Jahrhunderts v. u. Z. eroberten sie im Westen und später auch im Süden ein ausgedehntes Gebiet. Sie gründeten schließlich die Kuschana-Dynastie, die bis ins Jahr 226 v. u. Z. andauerte. Das Kuschana-Imperium erstreckte sich in seiner Blütezeit vom heutigen Tadschikistan, Usbekistan, Afghanistan und Pakistan bis hin nach Kaschmir und in den Nordwesten Indiens, dann weiter bis in den zentralen Teil Nordindiens, wie auch nach Zentralindien. Das Kuschana-Imperium verband die Seidenstraße mit den Seehäfen an der Mündung des Indus. Dadurch schuf diese Dynastie die Grundlage dafür, dass der Buddhismus mit zahlreichen fremden Einflüssen in Berührung kommen konnte. Durch diese Berührungspunkte und Einflussmöglichkeiten gelangte der Buddhismus dann schließlich auch nach China.

Der berühmteste Kuschana-Herrscher war der König Kanishka, der einigen Quellen zufolge von 78 bis 102 u. Z. regierte, anderen Quellen zufolge von 127 bis 147 u. Z. In beiden Fällen beriefen die Anhänger der Sarvastivada-Schule ihr viertes Konzil während seiner Herrschaftszeit ein. Als Ort für das Konzil wählten sie entweder die Hauptstadt von Purushapura (dem heutigen Peschawar) oder Srinagar, in Kaschmir. Das Konzil lehnte den Abhidharma der Sautrantika-Schule ab und verfasste seinen eigenen Abhidharma mit dem Namen: „Der große Kommentar“ (Skt. Mahavibhasha). Das Konzil überwachte auch die Übersetzung der Sarvastivada-Version der „ Drei Korb-gleichen Sammlungen“ aus dem Prakrit ins Sanskrit. Ferner wurde auch die Niederschrift dieser Sanskrit-Texte vom Konzil betreut.

Zwischen dem vierten und fünften Jahrhundert unserer Zeitrechnung zweigte sich die Mulasarvastivada-Schule von der Hauptrichtung der Vaibhashika-Sarvastivada-Schule in Kaschmir ab. Im späten achten Jahrhundert unserer Zeitrechnung übernahmen die Tibeter dessen Version der monastischen Verhaltensregeln. In späteren Jahrhunderten verbreitete sich diese Variante dann von Tibet in die Mongolei, wie auch in Russland zu den Mongolen und einigen türkischen Gebieten in Russland.

Die Zweige der Mahasanghika-Schule

In der Zwischenzeit verzweigte sich die Mahasanghika-Schule, die hauptsächlich im östlichen Südindien anzutreffen war, in fünf verschiedene Schulen. Alle diese Schulen stimmten darin überein, dass Arhats begrenzt seien, und dass Buddhas die am höchsten stehenden Lebewesen seien. Jede dieser Schulen entwickelte ihre Aussagen und Behauptungen weiter und ebnete so den Weg für die Entstehung des Mahayana-Buddhismus. In Bezug auf die drei Hauptschulen ist zu sagen:

  • Die Lokottaravada- (tib. ‘ Jig-rten ‘das-par smra-ba) Schule behauptet, dass der Buddha ein transzendentes Wesens sei, dessen Körper über die zerstörbaren Körper dieser Welt hinausgehen würde. Diese Behauptung bildet die Grundlage für die Darlegung der Mahayana-Schulen zu den drei Körpern eines Buddha. Die Lokottaravada-Schule breitete sich bis nach Afghanistan hin aus, wo Anhänger dieser Schule die riesenhaften Buddha-Figuren von Bamiyan erbauten, die ihre Sichtweise von transzendenten Buddhas widerspiegeln.
  • Die Bahushrutiya- (tib. Mang-du thos-pa) Schule behauptete, dass der Buddha sowohl weltliche Lehrern übermittelt habe, als auch überweltliche Lehren gelehrt habe. Diese Behauptung hat dazu geführt, dass im Mahayana-Buddhismus dann eine Unterscheidung zwischen dem Ausstrahlungskörper des Buddha (tib. sprul-sku, Skt. nirmanakaya) und dem Körper des vollen Gebrauchs des Buddha (tib. longs-sku, Skt. sambhogakaya) getroffen wurde.
  • Die Chaitika-Schule löste sich von der Bahushrutiya-Schule und stellte die Behauptung auf, dass der Buddha bereits erleuchtet gewesen sei, bevor er in dieser Welt erschien ist, und dass er das Erlangen seiner Erleuchtung nur deshalb demonstriert habe, um anderen Lebewesen so den Weg zur Erleuchtung zu weisen. Auch diese Behauptung wurde später von den Mahayana-Schulen akzeptiert.

Das Entstehen des Mahayana-Buddhismus

Die Mahayana-Sutras erschienen zuerst zwischen dem ersten Jahrhundert v. u. Z. und dem vierten Jahrhundert u. Z. in Andhra, das im östlichen Südindien liegt, dem Gebiet, in dem die Mahasanghika-Schule blühte. Traditionellen buddhistischen Berichten zufolge waren diese Sutras vom Buddha gelehrt worden, sie seien jedoch vertraulicher weitergegeben worden, als dies bei den Hinayana-Werken der Fall gewesen sei. Einige Werke seien sogar in nicht-menschlichen Bereichen aufbewahrt und beschützt worden.

Die wichtigsten Mahayana-Sutras, die in dieser Zeit offen in Erscheinung traten, waren:

  • Während der ersten beiden Jahrhunderte: „Die Sutras über das weiterreichende unterscheidendem Gewahrsein“ (Skt. Prajnaparamita Sutras) und „Das Sutra, das uns über Vimalakirti berichtet“ (tib. Dri-ma med-pa grags-par bstan-pa’i mdo, Skt. Vimalakirti-nirdesha Sutra). Die erstgenannten Sutras befassen sich mit der Leerheit aller Phänomene; wohingegen das letztere Sutra den Laien-Bodhisattva beschreibt.
  • Um das Jahr 100 u. Z. erschien „Das Sutra vom Bereich des (Reinen) Landes der Glückseligkeit“ (tib. bDe-ba-can-gyi bkod-pa’i mdo, Skt. Sukhavati-vyuha Sutra), welches das Reine Land Sukhavati des Buddha Amitabha, also das Reine Land des Buddhas des grenzenlosen Lichts, einführt.
  • Um das Jahr 200 u. Z. erscheint „Das Lotos-Sutra des heiligen Dharma“ (tib. Dam-pa’i chos padma dkar-po’i mdo, Skt. Saddharmapundarika Sutra), welches die Möglichkeit betont, dass jedes Lebewesen zu einem Buddha werden kann, und dass sich daher alle Lehrfahrzeuge des Buddha als geschickte Mittel gegenseitig ergänzen. Die Darstellungen in diesem Sutra sind voll ausgesprochener Hingabe.

Innerhalb der Mahayana-Tradition erschien zuerst die Madhyamaka- (tib. dBu-ma) Schule und die Chittamatra- (tib. Sems-tsam-pa) Schule, die ebenfalls zuerst im südindischen Andhra in Erscheinung traten.

  • Die Madhyamaka-Schule geht auf Nagarjuna zurück, der zwischen 150 und 250 u. Z. in Andhra lebte, und der „Die Prajnaparamita-Sutras” kommentierte. Gemäß traditioneller Berichte entdeckte Nagarjuna die Sutras, die unterhalb des Meeres aufbewahrt worden waren. Dort hatten die Nagas diese Sutras seit jenen Tagen behüteten, in denen der Buddha diese Sutras auf dem Geiergipfel (tib. Bya-rgod phung-pa’i ri, Skt. Grdhrakuta) bei Rajagriha im mittleren Nordindien gelehrt hatte. „Nagas“ sind Lebewesen die zur einen Hälfte Mensch und zur anderen Hälfte Schlange sind. Nagas leben unterhalb der Erde und unterhalb großer Wassermassen.
  • Die Chittamatra-Schule basiert auf dem „Sutra vom Herabstieg nach Lanka“ (tib. Lan-kar gshegs-pa’i mdo, Skt. Lankavatara Sutra). Obwohl dieses Sutras zuerst in Andhra in Erscheinung trat, wurden die Chittamatra-Lehren in der ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts u. Z. von Asanga in Gandhara weiterentwickelt, das sich heutzutage in der Mitte Pakistans befindet. Asanga empfing diese Lehren durch eine Vision des Buddha Maitreya.

Entstehung von Klosteruniversitäten und Entwicklung des Tantra

Die erste Klosteruniversität, Nalanda, wurde zu Beginn des zweiten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung nahe der Stadt Rajagriha erbaut . Nagarjuna hat dort gelehrt, ebenso wie dies auch viele nach ihm folgende Mahayana-Meister taten. Die Klosteruniversitäten erlebten ihre Blüte jedoch besondere während der Gründung der Gupta-Dynastie im frühen vierten Jahrhundert u. Z. In ihrem Lehrplan wurde das Studium der philosophischen Lehrsysteme betont und die Mönche beteiligten sich an harten Debatten mit Vertretern der sechs Hindu- und Jain-Schulen, die sich zwischen dem dritten und sechsten Jahrhundert u. Z. entwickelten.

Auch das Tantra entwickelte sich zwischen dem dritten und sechsten Jahrhundert u. Z. Sein erstes Auftreten wird wiederum im südindischen Andhra verzeichnet, und zwar mit dem Text „Das Guhyasamaja-Tantra“ (tib. dPal gSang-ba ‘dus-pa’i rgyud). Nagarjuna schrieb mehrere Kommentare zu diesem Tantra. Der buddhistischen Tradition zufolge wurden die Tantras seit der Zeit, in der der Buddha diese Lehren gegeben hatte, mündlich überliefert. Die Überlieferung der Tantras war jedoch noch geheimerer und persönlicherer Natur, als es dies bei der Übermittlung der Lehren der Mahayana-Sutras gewesen ist.

Das Tantra verbreitete sich schon bald in Richtung Norden. Von der Mitte des achten Jahrhunderts bis hin zur Mitte des neunten Jahrhunderts u. Z. erblühte das Tantra insbesondere in Oddiyana (tib.U-rgyan), dem heutigen Swat-Tal im Nordwesten Pakistans. Das Tantra, das am spätestens erschien, war das „Kalachakra-Tantra“ (tib. dPal Dus-kyi ‘khor-lo’i rgyud), das in der Mitte des zehnten Jahrhunderts u. Z. erschien.

Die buddhistischen Klosteruniversitäten erreichten ihre Blütezeit während der Pala-Dynastie (750 bis 12. Jahrhundert u. Z.) in Nordindien. Der Aufbau vieler neuer Klosteruniversitäten, wie beispielsweise Vikramashila, wurde dadurch ermöglicht, dass der König sich als großzügiger Mäzen betätigte. Das Studium des Tantra wurden in einigen dieser Klosteruniversitäten eingeführt, besondere in Nalanda. Aber das Studium und die Praxis des Tantra florierte mehr außerhalb der Klöster, und zwar insbesondere im Zeitraum zwischen dem achten und zwölften Jahrhundert u. Z. in der Tradition der 84 Mahasiddhas (tib. grub-thob chen-po). „Mahasiddhas“ sind umfassend verwirklichte Praktizierende des Tantra.