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Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Vergleich von tibetisch-buddhistischen Schemata zur Unterteilung der sechs weitreichenden Geisteshaltungen

Alexander Berzin, April 2005
Deutsche Übersetzung: Christian Dräger

[Hintergrundwissen zum Thema finden Sie unter: Die zehn weitreichenden Geisteshaltungen im Theravada, Mahayana und Bön.]

Einführung

Die verschiedenen tibetischen Traditionen haben leicht unterschiedliche Schemata zur Unterteilung der sechs weitreichenden Geisteshaltungen (tib. pha-rol-tu phyin-pa, Skt. paramita; Vollkommenheiten). Die Vielfalt an Schemata weist auf die Bandbreite hin, die jede dieser sechs weitreichenden Geisteshaltungen abdeckt. Sie weist zudem auf die Auswahl an Bezeichnungen hin, die die verschiedenen Traditionen oder Meister gelegentlich für dieselbe Unterteilung gewählt haben. Der am leichtesten zugängliche Ort, wo man diese Schemata finden kann, ist die jeweilig maßgebliche Darstellung des Sutra-Pfades von jeder der Traditionen, die als Vorbereitung für die Tantra-Praxis geübt wird. Es gibt viele Anordnungen des Sutra-Pfades – zum Beispiel kann der Sutra-Pfad anhand des Lamrim (der geordneten Stufen der Motivation) unterteilt sein; der vier Gedanken, die den Geist dem Dharma zuwenden; des Sich-Trennens von den vier Arten des Anklammerns; der vier Edlen Wahrheiten; oder anhand von Grundlage, Pfad und Ergebnis.

Hier wollen wir die maßgeblichen Schemata zur Unterteilung untersuchen, wie sie in der Kagyü-, Nyingma- und Gelug-Tradition zu finden sind. Die am weitesten verbreitete Darstellung des Sutra-Pfades in der Sakya-Tradition, die im Text „Ein wunderschöner Filigranschmuck der drei Erscheinungen“ (tib. sNang-gsum mdzes-rgyan; Die drei Visionen) des im frühen sechzehnten Jahrhundert lebenden Meisters Ngorchen Könchog-Lhündrub (tib. Ngor-chen dKon-mchog lhun-grub), teilt die sechs weitreichenden Geisteshaltungen nicht in ihrer Vielfältigkeit auf.

Für die Dagpo-Kagyü-Tradition und speziell für die Karma-Kagyü-Tradition werden wir uns auf den Text „Der kostbare Filigranschmuck der Befreiung“ (tib. Thar-pa rin-po-che'i rgyan; engl. Jewel Filigree of Liberation) des im frühen zwölften Jahrhundert lebenden Meisters Gampopa (tib. sGam-po-pa Zla-'od gzhon-nu) beziehen.

Für die Drigung-Kagyü-Tradition werden wir den Text „Ein Ozean an Zitaten, die [Drigungpas] ,Essenz der Mahayana-Lehren‘ gut erklären“ des Meisters Ngoje-Repa (tib. Ngo-rje ras-pa Zhe-sdang rdo-rje), der im späten zwölften Jahrhundert gelebt hat, zitieren.

Für die Nyingma-Tradition werden wir uns auf den Text „Persönliche Anleitung meines vollkommen vortrefflichen Gurus“ (tib. Kun-bzang bla-ma'i zhal-lung; Die Worte meines vollendeten Lehrers) des im neunzehnten Jahrhundert lebenden Meisters Paltrül Rinpoche (tib. rDza dPal-sprul O-rgyan 'jigs-med chos-kyi dbang-po) beziehen.

Für die Gelug-Tradition, werden wir uns auf den Text „Eine große Darstellung der geordneten Stufen des Pfades“ (tib. Lam-rim chen-mo) des Meisters Tsongkhapa (tib. Tsong-kha-pa Blo-bzang grags-pa), der im späten vierzehnten Jahrhundert gelebt hat, beziehen.

Die weitreichende Großzügigkeit

Gampopa präsentiert drei Arten von Großzügigkeit:

  • Großzügigkeit in Bezug auf materielle Dinge,

  • Großzügigkeit in Bezug auf einen Zustand der Furchtlosigkeit, wie zum Beispiel das Leben anderer zu retten oder es zu beschützen,

  • Großzügigkeit in Bezug auf den Dharma, indem man zum Beispiel anderen den Dharma erklärt oder zugänglich macht.

Diese drei Arten sichern jeweils die physische Existenz, das Leben, beziehungsweise den Geist anderer. Darüber hinaus bringen die ersten beiden Arten von Großzügigkeit anderen in diesem Leben Glück, wohingegen die Großzügigkeit in Bezug auf den Dharma anderen in zukünftigen Leben Glück bringt. Ferner unterteilt Gampopa die Großzügigkeit in Bezug auf materielle Dinge in zwei weitere Kategorien:

  • Großzügigkeit in Bezug auf innere Dinge – das heißt in Bezug auf den eigenen Körper, das eigene Leben und die eigenen Gliedmaßen,

  • Großzügigkeit in Bezug auf äußere Dinge – das heißt in Bezug auf materielle Objekte oder die eigenen Familienmitglieder.

Ngoje-Repa präsentiert dieselben drei Unterteilungen wie Gampopa, bespricht jedoch Großzügigkeit in Bezug auf den Dharma vor der Großzügigkeit in Bezug auf einen Zustand der Furchtlosigkeit.

Paltrül Rinpoche führt die drei Unterteilungen Gampopas in Ngoje-Repas Ordnung auf. Er unterteilt Großzügigkeit in Bezug auf materielle Objekte entsprechend den drei Unterteilungen von Longchenpa in drei Kategorien:

  • Das Geben von gewöhnlichen Objekten wie Nahrung oder Reichtum,

  • Das Geben von kostbaren Objekten wie von eigenen Tieren oder Familienmitgliedern,

  • Das Geben von extrem wertvollen Objekten wie dem eigenen Körper, das eigene Leben oder die eigenen Gliedmaßen.

Tsongkhapa zählt dieselben drei Unterteilungen wie Gampopa auf und zwar in der Reihenfolge wie Ngoje-Repa.

Eine vierte Unterteilung der Großzügigkeit findet sich im Anuttarayoga-Tantra im Kontext der vier Praktiken der engen Bindung (tib. dam-tshig, Skt. samaya) an Ratnasambhava. Das ist die Großzügigkeit in Bezug auf Liebe – nämlich der Wunsch danach, dass andere glücklich sein mögen und die Ursachen für Glück besitzen mögen. Darüber hinaus wird das Geben eines Zustands der Furchtlosigkeit dahin ausgedehnt, dass darin das Geben von Gleichmut enthalten ist, so dass andere sich nicht zu fürchten haben vor: unser Anklammern an sie, dass wir über sie verärgert sind und sie zurückweisen, oder dass wir sie ignorieren, so als ob sie konventionell gar nicht existieren würden.

[Vergleiche: Allgemeine Praktiken für eine enge Bindung an die Buddhafamilien.]

Die weitreichende ethische Selbstdisziplin

Alle vier Meister präsentieren denselben Satz von drei Unterteilungen für die weitreichende ethische Selbstdisziplin:

  • die ethische Selbstdisziplin, sich von fehlerhaftem Verhalten zurückzuhalten,

  • die ethische Selbstdisziplin, konstruktive Faktoren anzusammeln,

  • die ethische Selbstdisziplin, für das Wohl anderer zu arbeiten.

Der einzige bemerkenswerte Unterschied ist, dass Ngoje-Repa die Reihenfolge der zweiten und dritten Art umkehrt.

Bei Gampopa und Tsongkhapa enthält die ethische Selbstdisziplin des sich Zurückhaltens von fehlerhaftem Verhalten sowohl die Gruppe der Pratimoksha-Gelübde für die individuelle Befreiung als Laie, als Novize oder als Mönch oder Nonne, wie auch das Einhalten der Bodhisattva-Gelübde. Paltrül schließt auch das Einhalten der Bodhisattva-Gelübde als Teil der ethischen Selbstdisziplin zum Ansammeln konstruktiver Faktoren ein.

Die weitreichende Geduld

Gampopa unterteilt die weitreichende Geduld in drei Kategorien:

  • die Geduld, nicht irgendetwas über jene zu denken, die Schaden anrichten – mit anderen Worten, sich nicht über sie zu ärgern,

  • die Geduld, bereitwillig sein eigenes Leiden zu akzeptieren – nämlich das Leiden und die Schwierigkeiten, die damit verbunden sind, selber auf Erleuchtung hinzuarbeiten und anderen zu helfen,

  • die Geduld, die damit verbunden ist, Gewissheit über den Dharma zu erlangen.

Bei Ngoje-Repa findet sich dieselbe Liste von drei Kategorien wie bei Gampopa, wobei jedoch die Reihenfolge der ersten und zweiten Kategorie vertauscht ist. Bei der Geduld, bereitwillig sein eigenes Leiden zu akzeptieren, verschiebt er die Betonung auf das Leiden, das damit verbunden ist, anderen zu helfen. Die Geduld, die damit verbunden ist, Gewissheit über den Dharma zu erlangen, unterteilt er in zwei Arten:

  • die Geduld, nicht entmutigt oder ermüdet zu werden angesichts der schwierigen Praktiken und des gezügelten Verhaltens, die um des Dharmas willen zu befolgen nötig sind,

  • die Geduld, sich von den tiefgründigen Themen des Dharma nicht verängstigen zu lassen.

Paltrül präsentiert, unter unterschiedlichen Namen, die ersten beiden Kategorien die von Gampopa aufgelistet werden. Für die dritte Kategorie spezifiziert er lediglich Ngoje-Repas zweite Unterteilung der dritten Kategorie:

  • die Geduld, Misshandlung durch andere zu ertragen,

  • die Geduld, Entbehrungen um des Dharma willens zu ertragen,

  • die Geduld, sich von tiefgründigen Themen nicht ängstigen zu lassen.

Tsongkhapa präsentiert die gleichen Unterteilungen wie Gampopa.

Die weitreichende freudige Ausdauer

Gampopa präsentiert drei Unterteilungen der weitreichenden freudigen Ausdauer:

  • die rüstungsgleiche freudige Ausdauer – niemals das Bemühen bei konstruktiven Handlungen aufzugeben, um ausnahmslos alle begrenzten Wesen zur Erleuchtung zu führen, ganz gleich, welche Schwierigkeiten damit verbunden sind,

  • die freudige Ausdauer angewandt (auf konstruktive Handlungen),

  • die unstillbare freudige Ausdauer – niemals das Gefühl zu empfinden, dass man sich genug Mühe gegeben hat, bis man die Erleuchtung erlangt hat.

Es gibt drei Arten von freudiger Ausdauer angewandt auf konstruktive Handlungen:

  • die freudige Ausdauer sich selbst von störenden Emotionen zu befreien,

  • die freudige Ausdauer die konstruktiven Faktoren zu verwirklichen – nämlich die sechs weitreichenden Geisteshaltungen, ohne dabei Rücksicht auf seinen eigenen Körper oder sein eignes Leben zu nehmen,

  • die freudige Ausdauer zum Wohle der begrenzten Wesen zu arbeiten – sogar wenn man dies ganz alleine tun muss.

Ngoje-Repa führt dieselben drei Unterteilungen wie Gampopa auf, kehrt jedoch die Reihenfolge der ersten beiden Punkte um.

Paltrül führt ebenfalls die drei Hauptunterteilungen auf, jedoch in der gleichen Reihenfolge wie auch Gampopa.

Tsongkhapa führt auf:

  • die rüstungsgleiche freudige Ausdauer,

  • die freudige Ausdauer konstruktive Faktoren anzusammeln,

  • die freudige Ausdauer zum Wohle der begrenzten Wesen zu arbeiten.

Die erste Unterteilung in Tsongkhapas Darstellung ist dieselbe wie in Gampopas Darstellung. Die beiden letzten sind dieselben wie die letzten beiden Unterteilungen von Gampopas zweiter Kategorie, der freudigen Ausdauer angewandt auf konstruktive Handlungen.

Die weitreichende geistige Stabilität

Gampopa unterteilt die weitreichende geistige Stabilität (Konzentration) in drei Arten:

  • die geistige Stabilität, die einen in dieser Lebenszeit in Zustände von Glückseligkeit versetzt – nämlich in die vier Ebenen geistiger Stabilität, die eine Einsgerichtetheit des Geistes besitzen, erhebende Zustände körperlicher und geistiger Fitness (tib. shin-sbyangs), und temporäres Getrennt-Sein von störenden Geisteshaltungen, konzeptuellen Gedanken der Existenz oder Nicht-Existenz, und des Erfahrens grober Formen physischer Phänomene,

  • die geistige Stabilität zum Verwirklichen von guten Qualitäten – sowohl jene, die gemeinsam geteilt werden mit denen der Shravakas und Pratyekabuddhas, als auch jene, die nicht mit ihnen geteilt werden,

  • die geistige Stabilität um für das Wohl der begrenzten Wesen zu arbeiten.

Ngoje-Repa präsentiert:

  • die geistige Stabilität in Bezug auf unbefleckte konstruktive Faktoren (tib. zag-pa med-pa; nicht verunreinigt) – nämlich Konzentration auf die Gegenmittel für die störenden Emotionen wie beispielsweise Konzentration auf Hässlichkeit und Abscheulichkeit als ein Gegenmittel für Anhaftung, oder Geduld und Liebe als ein Gegenmittel für Ärger, und so weiter,

  • die geistige Stabilität um Bedeutungen genau zu differenzieren – unterteilt in einen beruhigten und zur Ruhe gekommen Geisteszustand von Shamatha (tib. zhi-gnas) und einen außergewöhnlich wahrnehmungsfähigen Geisteszustand von Vipashyana (tib. lhag-mthong),

  • die geistige Stabilität für das Realisieren von guten Qualitäten, wie beispielsweise von außersinnlichen und außerphysikalischen Kräften, die durch die vier Ebenen geistiger Stabilität gewonnen werden.

Paltrül erklärt die folgenden Kategorien:

  • die geistige Stabilität an der sich die Kindischen erfreuen – nämlich die Ebene, die Anhaftung an Glückseligkeit, Klarheit und ein nichtkonzeptueller Zustand des Geistes, die mit dieser Stabilität erlangt wird, beinhaltet,

  • die geistige Stabilität, die einen unvergleichlichen Zweck erfüllt – nämlich die Ebene, die frei ist von den drei zuvor genannten Formen der Anhaftung, jedoch immer noch an einem Konzept der Leerheit anhaftet,

  • die geistige Stabilität in Bezug auf die konstruktiven Faktoren des So-Gegangenen Buddha – nämlich die Ebene, die frei ist von der zuvor genannten Anhaftung, und die eine nichtkonzeptuelle Wahrnehmung von Leerheit jenseits der vier Extreme hat.

Tsongkhapa unterteilt die weitreichende geistige Stabilität auf drei Arten:

Zwei Unterteilungen entsprechend ihrer Natur:

  • gewöhnliche (weltliche) geistige Stabilität – die eines Nicht-Arya-Geistes, eines Geistes dem es an nichtkonzeptueller Wahrnehmung von Leerheit mangelt,

  • außergewöhnliche (überweltliche) geistige Stabilität – die eines Arya-Geistes.

Drei Unterteilungen entsprechend ihrer Art:

  • die geistige Stabilität eines beruhigten und zur Ruhe gekommen Geistes von Shamatha

  • die geistige Stabilität eines außergewöhnlich wahrnehmungsfähigen Geistes von Vipashyana,

  • die geistige Stabilität eines Geisteszustandes, der dieses Paar miteinander verbindet.

Drei Unterteilungen entsprechend ihrer Funktion:

  • die geistige Stabilität die einen in dieser Lebenszeit in einen Zustand physischer und geistiger Glückseligkeit versetzt,

  • die geistige Stabilität um gute Qualitäten zu realisieren – nämlich der guten Qualitäten, die mit den Shravakas geteilt werden, wie außersinnliche Fähigkeiten,

  • die geistige Stabilität um für das Wohl begrenzter Wesen zu arbeiten

Die letzte Gruppe von Unterteilungen stimmt mit den drei Kategorien überein, die man bei Gampopa findet.

Das weitreichende unterscheidende Gewahrsein

Gampopa unterteilt das weitreichende unterscheidende Gewahrsein (Weisheit) in:

  • das gewöhnliche (weltliche) weitreichende unterscheidende Gewahrsein – nämlich das, welches durch das Studium der Medizin, Logik, Grammatik, oder Kunst und Handwerk gewonnen wird,

  • das einfache außergewöhnliche (kleinere überweltliche) weitreichende unterscheidende Gewahrsein – nämlich das, welches durch Hören, Nachdenken und Meditieren von Shravakas und Pratyekabuddhas gewonnen wird (wie z.B. in Bezug auf ihre Aggregate: ihre Unreinheit, ihre Leiden und das Nichtvorhandensein einer unmöglichen „Seele“ (Selbstlosigkeit),

  • das umfangreiche außergewöhnliche (größere überweltliche) weitreichende unterscheidende Gewahrsein – nämlich das, welches durch Hören, Nachdenken und Meditieren von Mahayana-Praktizierenden erlangt wird, wie beispielsweise über die Leerheit wahrer Existenz aller Phänomene.

Ngoje-Repa präsentiert:

  • das unterscheidende Gewahrsein, das der oberflächlichen (konventionellen) Wahrheiten gewahr ist,

  • das unterscheidende Gewahrsein, das der tiefsten (letztendlichen) Wahrheiten gewahr ist,

  • das nichtduale unterscheidende Gewahrsein.

Paltrül unterscheidet:

  • das unterscheidende Gewahrsein, das durch das Hören entsteht,

  • das unterscheidende Gewahrsein, das durch das Nachdenken entsteht,

  • das unterscheidende Gewahrsein, das durch das Meditieren entsteht.

Tsongkhapa gibt folgende Darstellung:

  • das unterscheidende Gewahrsein, das die tiefsten Wahrheiten erfasst,

  • das unterscheidende Gewahrsein, das die oberflächlichen Wahrheiten erfasst,

  • das unterscheidende Gewahrsein um für das Wohl der begrenzten Wesen zu arbeiten.