Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Die Begriffe Hinayana und Mahayana

Alexander Berzin
Berlin, Deutschland, 24. Februar 2002
Übersetzung ins Deutsche: Karin Behrendt und Monika Schreiber

Die Begriffe Hinayana (theg-dman, kleines Fahrzeug, bescheidenes Fahrzeug) und Mahayana (theg-chen, großes Fahrzeug, umfassendes Fahrzeug) tauchen zum erstenmal auf in den „Prajnaparamita Sutras“ („Sher-phyin mdo“, die „Sutras über das weitreichende unterscheidende Gewahrsein“ bzw. die „ Sutras der Vollendung der Weisheit“) zurückführen, die ungefähr im zweiten Jahrhundert unserer Zeitrechnung verfasst wurden. Diese Sutras gehören zu den frühesten Texten des Mahayana; und sie benutzten die beiden Begriffe um herauszustellen, dass seine Lehren wesentlich weiter gehen und tiefer reichen als die vorangegangener buddhistischer Schulen.

Obgleich die beiden Begriffe einen parteilichen Beigeschmack haben und ausschließlich in Mahayana-Texten zu finden sind, ist es schwer, einen Ersatz zu finden, der sowohl inhaltlich als auch „politisch korrekt“ wäre. „Hinayana“ ist heutzutage ein Sammelbegriff für achtzehn buddhistische Schulen, von denen nur noch eine existiert, der Theravada. Auf ähnliche Weise fasst auch der Begriff Mahayana mehrere Schulen zusammen. Studieren und diskutieren Anhänger der indo-tibetischen Tradition philosophische Grundsätze der Hinayana-Systeme, stützen sie sich dabei auf die Ansätze des Vaibhashaka und Sautrantaka, die auf der Sarvastivada-Tradition beruhen, einer weiteren der achtzehn Schulen. Da einige der Hinayana-Schulen später als das Mahayana entstanden, wäre es inkorrekt, Hinayana als „Frühen Buddhismus“ oder „Ursprünglichen Buddhismus“, Mahayana hingegen als „Späteren Buddhismus“ zu bezeichnen.

Die Theravada-Tradition ist heutzutage in Sri Lanka und Südostasien anzutreffen. Die Dharmagupta-Tradition, eine weitere der achtzehn Hinayana-Schulen, fand ihre Verbreitung in Zentralasien und China. Die monastische Tradition in China folgt der Dharmagupta-Version der monastischen Regeln der Disziplin (Skt. vinaya). Darüberhinaus fand das Mahayana seinen Weg nach Indonesien, wo es heute jedoch nicht mehr praktiziert wird. Von Hinayana also als „Südlichem Buddhismus“ und vom Mahayana als „ Nördlichem Buddhismus“ zu sprechen, wäre gleichfalls unzutreffend.

Sowohl in den Hinayana- wie in den Mahayana-Schulen werden Pfade beschrieben, mit deren HilfeShravakas („Hörer“ – jene, die den Lehren des Buddha zuhören) wie Pratyekabuddhas („Alleinverwirklicher“) den gereinigten Zustand eines Arhat (eines befreiten Wesens) erlangen können und Bodhisattvas Buddhaschaft. Daher ist es irreführend, Hinayana als „Shravakayana“ und Mahayana als „Bodhisattvayana“ zu bezeichnen.

Infolgedessen werden wir – wenn auch ungern – aufgrund der Unzulänglichkeit der oben erwähnten „politisch korrekteren“ Bezeichnungen auf die Begriffe Hinayana und Mahayana für die Kategorien buddhistischer Schulen zurückgreifen, auch wenn Praktizierende des Theravada-Tradition diese Begriffswahl anfechten mögen.