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Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Die zehn weitreichenden Geisteshaltungen in Theravada, Mahayana und Bön

Alexander Berzin, April 2005
Übersetzung ins Deutsche: Christian Dräger

Einführung

Die zehn weitreichenden Geisteshaltungen (tib. pha-rol-tu phyin-pa, Skt. paramita, Pali: parami; Vollkommenheiten) finden sich in den Theravada-, Mahayana-, and Bön-Traditionen. Wörtlich bezeichnen sie Geisteszustände, die einen Bodhisattva zum anderen Ufer, das heißt zur Erleuchtung bringen. Obwohl auch Shravakas (Hörer von Buddhas Lehren, die auf die Befreiung eines Arhats abzielen) dieses Geisteshaltungen entwickeln können, werden sie jedoch nicht als „ weitreichend bezeichnet “, solange sie nicht mehr mit  einer Bodhichitta-Ausrichtung verbuden sind.

Die Theravada-Version der „Berichte über vorherige Leben“ (tib. „sKyes-rab“, Skt. „Jataka“) des Buddha zu der Zeit als er sich noch als ein Bodhisattva geübte hat, spricht von zehn weitreichenden Geisteshaltungen. Nach der Sarvastivada-Version gibt es nur sechs.  Im Mahayana werden sowohl in den „ Prajnaparamita Sutras“ (tib. „Pha-rol-tu phyin-pa'i mdo“, „Die Sutras über das weitreichende unterscheidende Gewahrsein“, „Sutren der Vollkommenheit der Weisheit“) wie auch im „Sutra des weißen Lotus des heiligen Dharma“ (tib. „ Dam-pa'i chos pad-ma dkar-po zhes-bya-ba theg-pa chen-po'i mdo“, Skt: „ Saddharmapundarika-nama Mahayana Sutra“; „Das Lotus Sutra“) lediglich sechs Geisteshaltungen erwähnt. „Das Sutra der zehn Ebenen des Geistes des Bodhisattva“ (tib. „ Sa bcu-pa'i mdo“, Skt: „ Dashabhumikasutra“) zählt jedoch zehn dieser Geisteshaltungen auf und korreliert diese mit den zehn Ebenen des Geistes eines Arya-Bodhisattvas – einem Bodhisattva der die nichtkonzeptuelle Wahrnehmung von Leerheit erlangt hat.

In der Bön-Tradition werden ebenfalls zehn Geisteshaltungen aufgezählt, die jedoch als die „ zehn unübertrefflichen Geisteshaltungen“ (tib. bla-na med-par phyin-pa) bezeichnet werden. Sie erscheinen in „Eine Höhle voller Kostbarkeiten“ (tib. „ mDzod-phug“), und wurden im frühen elften Jahrhundert von Shenchen Luga (tib. gShen-chen Klu-dga') als Schatztexte zutage gefördert.

Theravada

In dem Werk „Der Weg zur Reinheit“ (Pali: „ Visuddhimagga“), das Buddhaghosa im frühen fünften Jahrhundert verfasste, wird erläutert, dass Bodhisattvas, indem sie die vier unermesslichen Geisteshaltungen entwickeln, gleichzeitig die zehn weitreichenden Geisteshaltungen kultivieren können.

[Siehe: Die vier unermesslichen Geisteshaltungen im Hinayana, Mahayana und Bön.]

Die Grundlage für die zehn weitreichenden Geisteshaltungen ist, um es mit anderen Worten zu sagen, (a) allen anderen zu wünschen, dass sie glücklich sein mögen und nicht unglücklich, indem sie frie von Feindseligkeit werden, so wie frie von Aggression und Angst, (b) ihnen zu wünschen, dass sie frei sein mögen von Leid, (c) sich an ihrem höheren Glück zu erfreuen und ihnen zu wünschen, dass es anhalten möge, (d) allen anderen gegenüber ausgeglichen zu sein, in dem Sinne, dass man nicht verwickelt oder gleichgültig wird, wenn man anderen hilft. Auf dieser Grundlage entwickeln die Bodhisattvas die zehn weitreichenden Geisteshaltungen in folgender Reihenfolge:

  1. Großzügigkeit (Pali: dana), die Geisteshaltung mit der die Bodhisattvas allen Wesen materielle Dinge geben, so dass sie glücklich sein mögen, ohne jedoch dabei zu untersuchen, ob sie diese Gaben verdient haben oder nicht.

  2. Ethische Selbstdisziplin (Pali: sila), die Geisteshaltung mit der sie vermeiden, anderen Wesen Schaden zuzufügen, indem sie ihre Gelübde einhalten, frei von Ärger oder Böswilligkeit, sogar wenn andere ihnen Schaden zufügen.

  3. Entsagung (Pali: nekkhama), die Geisteshaltung mit der sie Anhaftung an weltliche Besitztümer, sozialen Status und sogar ihre Körper aufgeben.

  4. Unterscheidendes Gewahrsein (Pali: pañña), die Geisteshaltung mit der sie verstehen und unterscheiden können zwischen dem, was für andere nützlich und was für andere schädlich ist.

  5. Ausdauer (Pali: viriya), die Geisteshaltung mit der sie ständig und mutig die Anstrengungen aufbieten, anderen zu helfen und sich auch selbst in die Lage bringen, anderen helfen zu können.

  6. Geduld (Pali: khanti), die Geisteshaltung, mit der sie nicht ärgerlich werden, auf Unzulänglichkeiten, Fehler oder grausame Taten anderer.

  7. Wahrhaftigkeit (Pali: sacca; zu seinem Wort stehen), die Geisteshaltung mit der sie ihre Versprechen einhalten, sogar wenn ihr Leben in Gefahr ist.

  8. Entschlusskraft (Pali: adhitthana), die Geisteshaltung der festen Entschlossenheit, mit der sie niemals aufgeben, was sie tun müssen , um anderen von Nutzen sein zu können.

  9. Liebe (Pali: metta), die Geisteshaltung mit der sie daran arbeiten, das Wohl und Glück anderer herbeizuführen, selbst wenn es der Selbstaufopferung bedarf, um dieses Ziel zu erreichen.

  10. Gleichmut (Pali: upekkha), die Geisteshaltung mit der sie nichts für ihre Hilfe zurückerwarten, mit der sie gleichgültig gegenüber Freude und Schmerz sind und auch gegenüber Nutzen und Schaden, den sie empfangen.

In der Theravada-Tradition wird auch herausgestellt, dass jede der zehn weitreichenden Geisteshaltungen drei Ebenen hat: die gewöhnliche, die mittlere und die höchste Ebene. Ein Beispiel für die höchste Ebene der Großzügigkeit ist ein Bodhisattva, der anderen seinen eigenen Körper als Nahrung gibt. In einem vorherigen Leben wurde der Buddha – als er ein Hase war – von einem Bettler um Nahrung gebeten. Daraufhin warf sich der Buddha (als Hase) selbst ins Feuer damit der Bettler etwas zu essen hatte.

Mahayana

In „Éintritt in das Verhalten eines Bodhisattva“ (tib. „ sPyod-'jug“, Skt. „ Bodhicaryavatara“) hat der im achten Jahrhundert lebende indische Meister Shantideva detailliert erläutert, dass es sich bei den sechs weitreichenden Geisteshaltungen um Geisteszustände handelt und nicht notwendiger Weise um Handlungen, die von ihnen motiviert werden. So schreibt er beispielsweise (Kapitel V, 9-10): „Wenn die Vervollkommnung der Großzügigkeit dergestalt wäre, dass die Armut der umherwandernden Wesen gestillt wäre, wie könnten dann die früheren Beschützer sie vervollkommnet haben, da doch die umherwandernden Wesen jetzt immer noch Hunger leiden? Die Vervollkommnung der Großzügigkeit wird durch den Geist erreicht, der bereit ist allen alles, was ihm gehört zusammen mit den Resultaten, zu geben; so handelt es sich also um den Geist selber.“

Die zehn weitreichenden Geisteshaltungen wie sie in der Mahayana-Tradition erklärt werden sind folgende:

  1. Großzügigkeit (tib. sbyin-pa, Skt. dana), der geistige Drang (tib. sems-pa, Skt. cetana) der die Bodhisattvas dahin führt, sich zu wünschen, dass sie anderen alles, was ihnen gehört, geben – ihre Körper, materiellen Reichtum und die Wurzeln ihrer konstruktiven Handlungen. Ihre „Wurzeln“ zu geben, bedeutet, dass sie die positive Kraft ihrer konstruktiven Handlungen dem Nutzen aller Wesen widmen.

  2. Ethische Selbstdisziplin (tib. tshul-khrims, Skt. shila) ist der geistige Drang, der sie dazu bringt, ihre Handlungen von Körper, Sprache und Geist zu schützen. Dieser Drang rührt daher, dass sie sich von jeglichem Wunsch, anderen zu schaden, wie auch von den störenden und destruktiven Geistesfaktoren, welche sie dazu motiviert haben, anderen zu schaden, abgewendet haben.

  3. Geduld (tib. bzod-pa, Skt. kshanti), der geistige Drang, der sie dazu führt, dass sie nicht aus der Ruhe gebracht werden – weder durch jene, die Schaden zufügen wollen, noch durch Leiden. Dieser Drang führt dazu, dass Bodhisattvas niemals ärgerlich werden.

  4. Freudvolle Ausdauer (tib. brtson-'grus, Skt. virya), der geistige Drang, der dazu führt, dass man mit schwungvoller Energie (tib. spro-ba, Skt. utasaha) konstruktiv handeln möchte. Haben Bodhisattvas diesen Drang, sind sie niemals faul.

  5. Geistige Stabilität (tib. bsam-gtan, Skt. dhyana, Konzentration), einsgerichtete Ausrichtung des Geistes auf irgendein konstruktives Objekt, auf das man sich konzentriert, ohne das die Aufmerksamkeit abwandert. Es handelt sich hierbei um einen stabilen Geisteszustand der nicht nur frei ist von Flatterhaftigkeit und Dumpfheit, sondern auch nicht durch irgendwelche störenden Emotionen abgelenkt ist. Auf fortgeschritteneren Stufen der geistigen Stabilität vermögen auch andere geistige Faktoren wie Glücksgefühle den konzentrierten Geist nicht abzulenken.

  6. Unterscheidendes Gewahrsein (tib. shes-rab, Skt. prajna, Weisheit) ist der Geistesfaktor, der es vermag, richtige Differenzierungen zwischen den Phänomenen vorzunehmen.

    [Siehe: Vergleich der tibetisch-buddhistischen Schemata zur Einteilung der sechs weitreichenden Geisteshaltungen.]

  7. Geschickte Mittel (tib. thabs-mkhas, Skt. upaya), das spezielle unterscheidende Gewahrsein, das sich mit den effektivsten und am besten geeigneten inneren Methoden befasst, um die Lehren des Buddha zu realisieren, und das sich mit den effektivsten und am besten geeigneten äußeren Methoden befasst, um die begrenzten Wesen zur Reife zu bringen, dass heißt sie reif werden zu lassen, für das Erlangen von Befreiung und Erleuchtung.

  8. Gebet der Aspiration (tib. smon-lam, Skt. pranidhana, Wunschgebet), das Streben der Bodhisattvas danach, für alle ihre Lebenszeiten niemals von ihrer Bodhichitta-Ausrichtung getrennt zu sein und der Wunsch danach, dass der ununterbrochene Verlauf ihrer weitreichenden Aktivitäten niemals gebrochen werde. Dieser Geistesfaktor ist ein spezielles unterscheidendes Gewahrsein, das alle Phänomene betrifft, die man anstrebt.

  9. Stärken (tib. stobs, Skt. thabs, Kraft, Wirksamkeit, Stabilität) ist das spezielle unterscheidende Gewahrsein, das die Bodhisattvas einsetzen, um ihr unterscheidendes Gewahrsein zu erweitern und zu verhindern, dass es von entgegengesetzten Faktoren vernichtet wird, wie beispielsweise durch Anhaftung an irgendetwas. Es gibt zwei Arten: (a) weitreichendes Stärken durch Analyse (tib. kun-brtags-pa'i stobs) und (b) weitreichendes Stärken durch (stabilisierende) Meditation (tib. bsgoms-pa'i stobs).

  10. Tiefes Gewahrsein (tib. ye-shes, Skt. jnana) ist das spezielle unterscheidende Gewahrsein, das die Bodhisattvas anwenden, um die definierenden Eigenschaften aller Phänomene wie beispielsweise Leerheit vollständig in ihrem Geist zu integrieren. Einhergehend mit der vollen Integration werden die Bodhisattvas gleichzeitiges und gleiches Gewahrsein der beiden Wahrheiten in Bezug auf alle Dinge erreichen, dass heißt sie sind der oberflächlichen Wahrheit (tib. kun-rdzob bden-pa, Skt. samvrttisatya; konventionelle Wahrheit) und der tiefsten Wahrheit (tib. don-dam bden-pa, Skt. paramarthasatya; letztendliche Wahrheit) gleichzeitig gewahr.

Aus den Definitionen wird deutlich, dass es sich bei den letzten vier weitreichenden Geisteshaltungen um eine Aufgliederung der sechsten weitreichenden Geisteshaltung handelt. Besonders bemerkenswert ist, dass die Mahayana-Liste nicht die weitreichenden Geisteshaltungen der Entsagung, der Wahrhaftigkeit, der Entschlossenheit, der Liebe oder des Gleichmuts aufführt, wie sie in der Auflistung der Theravada-Tradition zu finden sind. In der Mahayana-Liste wird dafür die weitreichende Geisteshaltung der geistigen Stabilität und die vier Unterteilungen des unterscheidenden Gewahrseins hinzugefügt und zudem die Reihenfolge der Geisteshaltungen, die beiden Auflistungen gemeinsam ist, verändert.

Bön

Die zehn unübertrefflichen Geisteshaltungen in der Bön-Tradition ähneln den zehn weitreichenden Geisteshaltungen des Mahayana mit lediglich einigen Unterschieden:

  1. Großzügigkeit,

  2. Ethische Selbstdisziplin,

  3. Geduld,

  4. Freudige Ausdauer,

  5. Geistige Stabilität,

  6. Stärken,

  7. Mitgefühl,

  8. Gebet der Aspiration,

  9. Geschickte Mittel,

  10. Unterscheidendes Gewahrsein.

Bemerkenswert sind die Hinzufügung des weitreichenden Mitgefühls, die Umstellung der Reihenfolge mehrerer Geisteshaltungen und die Auslassung des weitreichenden tiefen Gewahrseins.