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Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Die vier festen Ausrichtungen
der Vergegenwärtigung gemäß dem Mahayana

Alexander Berzin, Februar 2002
Übersetzung ins Deutsche: Karin Behrendt und Monika Schreiber
(auf der Grundlage von Erklärungen Seiner Heiligkeit des Vierzehnten Dalai Lama, zusammengestellt und bearbeitet vom Ehrw. Thubten Chodron)

Die siebenunddreißig Faktoren, die zu einem gereinigten Zustand führen

Die vier festen Ausrichtungen der Vergegenwärtigung (der Achtsamkeit) (tib. dran-pa nyer-bzhag, Skt. smrtyupasthana, Pali: satipatthana) sind die ersten vier der siebenunddreißig Faktoren, die zu einem gereinigten Zustand (tib. byang-chub yan-lag so-bdun) führen. Es gibt drei gereinigte Zustände (tib. byang-chub, Skt. bodhi): den Zustand eines Shravaka-Arhat, den Zustand eines Pratyekabuddha-Arhat sowie den eines Bodhisattva-Arhat oder Buddha.

Die siebenunddreißig Faktoren sind:

  • die vier festen Ausrichtungen der Vergegenwärtigung (tib. dran-pa nyer-bzhag bzhi): dieAusrichtung auf den Körper, auf die verschiedenen Abstufungen unserer Gefühle des Glücks, auf den Geist sowie auf die Phänomene;
  • die vier Faktoren für das Erlangen von korrekter Beseitigung (tib. yang-dag spong-ba bzhi, vierfaches reines Aufgeben): das Erzeugen konstruktiver (tugendhafter) Phänomene, die zuvor nicht erzeugt wurden, das Erzeugen konstruktiver Phänomene, wie sie bereits zuvor erzeugt wurden, das Unterbinden der weiteren Zunahme destruktiver (nicht tugendhafter) Phänomene, wie sie bereits erzeugt wurden, und das Verhindern des Erzeugens destruktiver Phänomene;
  • die vier Stützen für für (das Erlangen der Wunderkräfte) der außerphysischen Emanationen (tib. rdzu-‘phrul-gyi rkang-pa bzhi): Absicht (tib. ‘dun-pa), freudige Ausdauer, Nachdenken (tib. sems-pa, Denken), genaue Prüfung (tib. dpyod-pa, Analyse);
  • die fünf Kräfte (tib. dbang-po lnga): Glaube an Tatsachen (tib. dad-pa, Vertrauen), freudige Ausdauer, Vergegenwärtigung, vertiefte Konzentration (tib. ting-nge-‘dzin) und unterscheidendes Gewahrsein (tib. shes-rab, Weisheit);
  • die fünf Stärken (tib. stobs-lnga): Glaube an Tatsachen, freudige Ausdauer, Vergegenwärtigung, vertiefte Konzentration und unterscheidendes Gewahrsein;
  • die sieben (ursächlichen) Faktoren für das Erlangen eines gereinigten Zustands (tib. byang-chub yan-lag bdun): Vergegenwärtigung, sorgfältiges Klassifizieren der Phänomene (tib. chos rab-tu rnam-par ‘byed-pa), freudige Ausdauer, Begeisterung (tib. dga’-ba, frisches, freudiges Interesse), ein Gefühl körperlicher und geistiger Leistungsfähigkeit (tib. shin-sbyangs), vertiefte Konzentration sowie Gemütsruhe (tib. btang-snyoms, Gleichmut);
  • die acht Faktoren eines Arya-Pfadgeistes (tib. ‘phags-lam yan-lag brgyad, achtfacher edler Pfad): rechte Sicht, rechter Motivationsgedanke rechte Rede, rechte Handlung, rechter Lebensunterhalt, rechtes Bemühen, rechte Vergegenwärtigung und rechte vertiefte Konzentration.

Diese siebenunddreißig Faktoren sind eine Zusammenfassung fortschreitender Praktiken, die sowohl von Shravakas als auch von Pratyekabuddhas und Bodhisattvas ausgeführt werden bei der Entwicklung der fünf Phasen des Pfadgeistes (tib. lam-lnga, fünf Pfade. Sie sind auf die vier edlen Wahrheiten ausgerichtet – wahres Leid, wahre Ursachen, wahre Beendigungen (wahres Aufhören) und wahrer Pfadgeist (wahre Pfade) – und sind Aspekte eines Geisteszustands von außergewöhnlicher Wahrnehmungsfähigkeit (tib. lhag-mthong, Skt. vipashyana, Pali: vipassana).

[Siehe: Die fünf Arten von Pfadgeist (Die fünf Pfade): Grundlegende Darstellung.]

Ein sich aufbauender Pfadgeist

Die vier festen Ausrichtungen der Vergegenwärtigung werden vom ersten Erreichen der ersten der fünf Phasen des Pfadgeistes – diese erste Phase ist der sich aufbauende Pfadgeist (tib. tshogs-lam, Pfad der Ansammlung) – bis hin zum Erreichen eines gereinigten Zustands der Arhatschaft oder Buddhaschaft praktiziert. Wir können jedoch ein Faksimile der vier Ausrichtungen praktizieren, solange wir noch keinen sich aufbauenden Pfadgeist erlangt haben.

Mit einem sich aufbauenden Pfadgeist errichten wir die Netzwerke positiver Kraft (tib. bsod-nams-kyi tshogs, Ansammlung von Verdienst) und tiefen Gewahrseins (tib. ye-shes-kyi tshogs, Ansammlung von Weisheit). Diese sind Bauelemente auf dem Weg zur Befreiung oder zur Erleuchtung, je nachdem, von welcher Motivation sie begleitet werden: Entsagung (tib. nges-‘byung) oder Entsagung zusammen mit dem Erleuchtungsziel des Bodhicitta (tib. byang-sems). Die Meditation über die vier festen Ausrichtungen baut ein Netzwerk tiefen Gewahrseins auf, während die sie begleitende Motivation ein Netzwerk positiver Kraft errichtet. Meditation und Motivation verstärken sich gegenseitig.

Shravaka- und Pratyekabuddha-Pfadgeist praktizieren die vier Ausrichtungen bei gleichzeitiger manifester nicht künstlich erzeugter Entsagung (tib. bcos-med nges-‘byung). Mehrere Wahrnehmungen können sich gleichzeitig manifestieren, wobei sich jede auf ein anderes Objekt konzentriert, das auf unterschiedliche Weise wahrgenommen wird. So können wir zum Beispiel das Gesicht eines Menschen sehen und ihn gleichzeitig sprechen hören. Dabei zollen wir jeder unserer gleichzeitig auftretenden Wahrnehmungen nicht unbedingt das gleiche Maß an Aufmerksamkeit. Vertiefte Konzentration auf ein Objekt eines einzigen Wahrnehmungsvorgangs ist frei von jeglichem mentalen Abschweifen, doch das bedeutet nicht, dass es innerhalb dieser Konzentration keine anderen gleichzeitig auftretenden Wahrnehmungen gäbe. Wir lassen uns lediglich nicht von ihnen ablenken.

Entsagung ist die Entschlossenheit, Befreiung von unkontrollierbarer kontinuierlicher Wiedergeburt (samsara) zu erlangen, verbunden mit der Bereitschaft, das Leid des Samsara und seine Ursachen aufzugeben. Dies wird begleitet von der Überzeugung, dass das möglich ist, dass wir persönlich dazu in der Lage sind und dass wir darauf hinarbeiten werden. Entsagung beinhaltet also ein grundlegendes Verständnis der vier edlen Wahrheiten. Die Entschlossenheit, Befreiung zu erlangen, versteht die dritte und vierte edle Wahrheit: die wahren Beendigungen und die verschiedenen Phasen des wahren Pfadgeistes. Die Bereitschaft, Leid und dessen Ursachen aufzugeben, versteht die erste und zweite edle Wahrheit: das wahre Leid und dessen wahre Ursachen. ‚Nicht künstlich erzeugt’ bedeutet, dass Entsagung entsteht, ohne dass wir sie auf der Basis von Schlussfolgerung aufbauen müssen. Dass sie ständig manifest ist, bedeutet, dass wir nie unsere Überzeugung und Absicht aus den Augen verlieren.

Ein Bodhisattva-Pfadgeist praktiziert die vier festen Ausrichtungen der Vergegenwärtigung mit zwei gleichzeitig vorhandenen manifesten Wahrnehmungen: nicht künstlich erzeugter Entsagung und nicht künstlich erzeugtem Bodhicitta. Bodhicitta ist auf unsere zukünftige Erleuchtung ausgerichtet und wird von zweifacher Absicht begleitet: diese Erleuchtung zu erlangen und anderen mittels dieser Errungenschaft zu nutzen. Bodhicitta beinhaltet dasselbe Verständnis der vier edlen Wahrheiten wie Entsagung, doch diesmal in Hinsicht auf Erleuchtung und Buddhanatur. Nicht künstlich erzeugtes Bodhicitta muss nicht schrittweise aufgebaut werden, wie zum Beispiel durch die Erkenntnis, dass jedes Wesen unsere Mutter war und so fort. Dass es ständig manifest ist, bedeutet, dass wir nie unser Ziel und unsere Absicht aus den Augen verlieren.

Obgleich die eigentlichen vier festen Ausrichtungen der Vergegenwärtigung mit nicht künstlich erzeugter Entsagung und ebensolchem Bodhicitta praktiziert werden, können wir mit künstlichen (tib.bcos-bcas) Ebenen von Entsagung und Bodhicitta beginnen, solange wir noch keinen sich aufbauenden Pfadgeist erlangt haben. Zu diesem Zweck müssen wir uns bemühen, aufrichtige Entsagung und Bodhicitta zu entwickeln und zu verspüren, indem wir uns auf Schlussfolgerungen stützen.

Verschiedene Arten unterstützenden Gewahrseins, die bei der Ausrichtung der Vergegenwärtigung zum Einsatz kommen

Vergegenwärtigung ist ein unterstützendes Gewahrsein (tib. sems-byung, Geistesfaktor), das an einem Objekt der Konzentration festhält und verhindert, dass man es vergisst oder verliert. Sie funktioniert gewissermaßen wie ein geistiger Klebstoff. Dieser geistige Halt kann von unterschiedlicher Stärke sein. Er sollte weder zu fest noch zu locker sein.

Nach innen gerichtete Wachsamkeit (tib. shes-bzhin) ist das auf ein Objekt gerichtete unterstützende Gewahrsein, das die Qualität des geistigen Halts der Vergegenwärtigung überprüft. Der Halt kann aufgrund von geistiger Flatterhaftigkeit (tib. rgod-pa, Aufgeregtheit) oder geistiger Dumpfheit (tib. bying-ba) zu locker sein. Bemerkt diese Wachsamkeit einen Fehler in der Qualität der Vergegenwärtigung, löst sie eine wiederherstellende Aufmerksamkeit (tib. chad-cing ‘jug-pa’i yid-byed) aus, um den Fehler zu korrigieren.

Aufmerksamkeit oder Sich Befassen (wörtlich: sich zu Geiste nehmen) (tib. yid-la byed-pa) ist das unterstützende Gewahrsein, das geistige Aktivität mit einem spezifischen Objekt verkoppelt. Dieses Gewahrsein kann die geistige Aktivität auf peinlich genaue, wiederherstellende, ununterbrochene oder spontane Weise einsetzen. Es kann sich mit dem Objekt auch in einer spezifischen Weise befassen, das heißt, es auf bestimmte Weise betrachten – entweder in Übereinstimmung mit (tib. tshul-bcas) oder abweichend von (tib. tshul-min) seiner wahren Natur.

Die vier festen Ausrichtungen der Vergegenwärtigung werden praktiziert, um die vier inkorrekten Betrachtungsweisen der fünf Sammelfaktoren unserer Erfahrung (tib. phung-po lnga, fünf Aggregate) zu berichtigen.

Mit der richtigen geistigen Ausrichtung der Vergegenwärtigung üben wir uns in folgenden Betrachtungsweisen: Wir betrachten

  • unseren Körper als unsauber (unrein, hässlich) statt als sauber (rein, von Schönheit)
  •  

    unsere Gefühle als Leid (unbefriedigend) statt als Glück (befriedigend)

     

  • unseren Geist (das heißt unsere sechs grundlegenden Bewusstseinsarten – Sehen, Hören und so weiter) als unbeständig (vergänglich) statt als beständig (dauerhaft)
  • alle Phänomene (das heißt die verschiedenen Arten von unterstützendem Gewahrsein sowie die fünf Aggregate im Allgemeinen) als nicht im Besitz einer unhaltbaren (nicht möglichen) Seele einer Person (tib. gang-zag-gi bdag-med) statt im Besitz einer solchen Seele.

Vorbereitende Shamatha-Praxis

Die Ausrichtung der Vergegenwärtigung ist eine Vipashyana-Praxis. Der Definition nach setzt Vipashyana-Praxis die Vollendung von Shamatha (tib. zhi-gnas, beruhigter, gelassener Geist, ruhiges Verweilen) voraus, da man sich sonst nicht richtig konzentrieren kann. Vipashyana, das ohne Shamatha ausgeübt wird, ist lediglich etwas der eigentliche Praxis Ähnliches. Shamatha ist ein geistiger Zustand von heiterer Ruhe und Gelassenheit, der über vollendete Konzentration hinaus ein belebendes Gefühl von körperlicher und geistiger Leistungsfähigkeit und Beweglichkeit (tib. shin-sbyang) besitzt. Dies beruht auf der Fähigkeit, sich so lange auf etwas konzentrieren zu können, wie man möchte, ohne jeglichen körperlichen oder geistigen Widerstand oder Schmerz. Im Vipashyana kommt eine zweite Ebene des freudigen Gefühls der Leistungsfähigkeit hinzu, welche auf der Fähigkeit beruht, alles unterscheiden und verstehen zu können.

Wir können einen ruhigen und gelassenen Shamatha-Zustand sowie einen Vipashyana-Zustand von außergewöhnlicher Wahrnehmungskraft durch Konzentration auf die verschiedenartigsten Objekte erlangen. Das Erlangen dieser Zustände setzt nicht voraus, dass wir einen sich aufbauenden Pfadgeist erlangt haben, es ist nicht einmal notwendig, buddhistischen Methoden zu folgen. Auch nicht-buddhistische indische Schulen lehren Methoden, um diese beiden Zustände zu erreichen. Shamatha, das auf die sechzehn Faktoren der vier edlen Wahrheiten ausgerichtet ist, erlangt man jedoch nur mit dem Erreichen einer fortgeschrittenen Phase des sich aufbauenden Pfadgeists. Die Vereinigung von gleichermaßen scharf eingestelltem Shamatha und Vipashyana können wir nur mit dem Erreichen der zweiten der fünf Phasen des Pfadgeistes erlangen, dem anwendenden Pfadgeist (tib. sbyor-lam, Pfad der Vorbereitung).

Zwei wesentliche Hindernisse für das Erlangen von Shamatha sind sehnsüchtiges Verlangen oder Anhaftung (tib. ‘dod-chags) und umherschweifende Gedanken (tib. rnam-rtog). Sie sind die grundlegenden Ursachen für geistige Flatterhaftigkeit (tib. rgod-pa), die ruhelose Hingezogenheit zu Objekten des Begehrens. Als Vorbereitung für die Meditation der Ausrichtung der Vergegenwärtigung meditieren wir über die Hässlichkeit des Körpers, um Verlangen entgegenzuwirken, und über den Atem als Mittel gegen umherschweifende Gedanken.

  • Auf ähnliche Weise lehrt die Theravada-Praxis der vier festen Ausrichtungen der Vergegenwärtigung das Erlangen vertiefter Konzentration (tib. ting-nge-‘dzin, Skt. samadhi, Pali: samadhi) durch das Loslassen der Ruhelosigkeit und ablenkender, umherschweifender Gedanken. Der technische Begriff ‚Ruhelosigkeit’ (tib. rgod-pa, Skt. auddhatya, Pali: uddhacca) entspricht der Definition des Begriffes ,geistige Flatterhaftigkeit’ im Mahayana.

[Siehe: Die Theravada-Praxis der vier festen Ausrichtungen der Vergegenwärtigung.]

  • Im achten Kapitel der Handlungen eines Bodhisattvas betont Shantideva in Bezug auf weitreichende geistige Stabilität (tib. bsam-gtan phar-byin, Skt. dhyanaparamita, Vollendung der Konzentration) gleichermaßen das Beseitigen von sehnsüchtigem Verlangen, Anhaftung und umherschweifenden Gedanken in Bezug auf Objekte des Begehrens, speziell auf den Körper, wenn man zu einer vollendeten Konzentration gelangen will. Dies geschieht als Vorbereitung auf sein neuntes Kapitel über die weitreichende Unterscheidung der Leerheit (tib. shes-phyin, Skt. prajnaparamita, Vollendung der Weisheit), die sich nach seiner Beschreibung teilweise durch die vier festen Ausrichtungen der Vergegenwärtigung entwickeln lässt.

Meditation über die Hässlichkeit des Körpers

Da sexuelles Begehren für die meisten Menschen die stärkste Form von sehnsüchtigem Verlangen und Anhaftung ist, ist das Objekt, auf das man sich ausrichtet, um der Flatterhaftigkeit des Geistes entgegenzuwirken, die Hässlichkeit des Körpers. Der Sinn ist es, ein Gefühl der Abneigung oder des Widerwillens hervorzurufen, um so das sehnsüchtige Verlangen und die Anhaftung zu unterbinden. Dabei wird die oberflächliche Wahrheit (tib. kun-rdzob bden-pa, konventionelle Wahrheit, relative Wahrheit) nicht bestritten, nämlich dass der Körper einem Geist, der oberflächliche Wahrheit auf gültige Weise wahrnehmen kann, im konventionellen sozialen oder persönlichen Sinne attraktiv erscheinen mag. Doch wir müssen den Körper auch mit einem Geist betrachten, der auf gültige Weise seine tiefere Wahrheit erkennt.

Die Standard-Meditationen sind äußerst einschneidend. Manche Praktizierende bringen vielleicht bereits eine neurotische Abneigung für den Körper mit, die entweder auf den Lehren anderer Religionen oder auf psychischen Faktoren beruht. In ihrem Fall sind Widerwille und Aversion gegenüber dem Körper störende Emotionen (tib. nyon-mongs, Leid verursachende Emotionen). Solche Menschen müssen große Vorsicht walten lassen, wenn sie diese Art von Praxis durchführen möchten. Führt die Meditation über die Hässlichkeit des Körpers nur zu einem Anwachsen neurotischer Ängste und Aversionen, muss die Praxis durch intensive Meditation über die Kostbarkeit des menschlichen Lebens abgemildert werden. Wir müssen im Sinn behalten, dass die Wahl eines abstoßenden Meditationsobjekts zum Erlangen von Shamatha bezweckt, geistigem Abschweifen entgegenzuwirken, das aus sehnsüchtigem Verlangen und Anhaftung entsteht. Für solche Menschen ist es vielleicht wirkungsvoller, andere Objekte auszuwählen, die ihr Verlangen und ihre Anhaftung am ehesten auslösen, wie zum Beisiel Essen oder Zigaretten.

Die Meditation konzentriert sich auf das Verlangen nach und die Anhaftung an vier Aspekte des Körpers: seine Farbe, seine Form, die körperliche Empfindung, die bei seiner Berührung entsteht, und das Vergnügen oder den Nutzen, den wir aus ihm ziehen. Zuerst konzentrieren wir uns auf die vier Aspekte des Körpers eines Menschen, den wir attraktiv finden. Dann konzentrieren wir uns in derselben Weise auf unseren eigenen Körper. Wir beginnen jede Phase, indem wir darüber reflektieren, dass der andere – bzw. wir – eines Tages sterben werden. Wie gut sein/ihr/ unser Körper auch aussehen mag, solange wir am Leben sind: Als Leichname werden diese Körper hässlich und abstoßend sein.

  • Um der Anhaftung an die Schönheit der Hautfarbe eines Menschen entgegenzuwirken, denken wir darüber nach, wie sich der faulende Leichnam erst dunkelblau färben und dann schwarz werden wird. Selbst wenn ein Mensch noch am Leben ist, kann sich sein Körper auf hässliche Weise verfärben, wenn er aufgrund vieler Verletzungen grün und blau oder bei ernsthafter Verbrennung rot oder schwarz aussieht. Wir stellen uns den Körper auf diese Weise bildlich vor und benutzen ihn als Objekt unserer Konzentration; wir richten unsere Aufmerksamkeit in dieser Weise auf ihn, mit dem geistigen Klebstoff der Vergegenwärtigung.

  • Um der Anhaftung an die Schönheit der körperlichen Form oder Figur eines Menschen entgegenzuwirken, stellen wir uns vor, wie er als Leichnam aufgebläht und geschwollen sein wird, wie Maden und Würmer ihn fressen und Teile abfaulen werden. Selbst wenn ein Mensch noch am Leben ist, kann sich seine Körperform aufgrund von Krankheit, Gewichtszunahme oder -verlust sowie durch den Alterungsprozess verändern.

  • Um der Anhaftung an die körperliche Empfindung des Berührens und Streichelns des Körpers eines Menschen entgegenzuwirken, stellen wir ihn uns als Leichnam vor, der von Insekten verschlungen wird oder dessen Fleisch verwest und von den Knochen fällt. Selbst die Vorstellung, ihn zu berühren, und erst recht, ihn zu umarmen, ist abstoßend. Selbst wenn ein Mensch noch am Leben ist, verlieren wir, wenn seine Haut von eiternden Wunden überdeckt oder von einem ansteckenden Ausschlag wie z.B. Gift-Efeu-Ausschlag überzogen ist oder die Lepra an ihm zehrt, jegliches Verlangen, ihn zu berühren.

  • Um der Anhaftung an das Vergnügen oder den Nutzen entgegenzuwirken, die wir aus dem Körper eines anderen ziehen, sei es als Sexualobjekt oder Werkzeug, das zur Arbeit ausgenutzt werden kann, stellen wir uns den Körper als Leichnam vor. Er ist unfähig, auch nur irgendetwas für uns zu tun – und würden wir wirklich mit einem verwesenden, stinkenden Leichnam Liebe machen wollen?

  • Um der Anhaftung an alle vier Aspekte entgegenzuwirken, schließen wir die Praxis ab, indem wir darüber meditieren, dass der Körper des Menschen sich in ein Skelett verwandeln wird. Dann wiederholen wir alle fünf Schritte und wenden sie diesmal auf unseren eigenen Körper an.

Als allgemeines Gegenmittel gegen geistige Dumpfheit und weitere Hilfe, um die Anhaftung an unseren Körper und an unsere ständige Suche nach sinnlicher Befriedigung zu verringern, praktizieren wir drei zusätzliche Meditationen über unseren Körper in der Form seines Skelettes.

  • Angefangen von der Mitte der Stirn, zwischen den Augenbrauen, stellen wir uns vor, wie uns das Fleisch von den Knochen fällt, Stück für Stück. Wenn unser ganzes Skelett freigelegt ist, stellen wir uns vor, wie sich das gesamte Zimmer, unsere gesamte Umgebung und dann die ganze Welt mit Knochen füllt, deren Zahl ständig zunimmt. Dann entfernen wir Knochen um Knochen, bis nur das Skelett unseres Körpers übrig bleibt, und konzentrieren uns einsgerichtet auf unser Skelett.

  • Wir vollziehen denselben Prozess, doch am Ende lösen wir unser Skelett von unten nach oben auf, bis nur noch die obere Hälfte unseres Schädels übrig bleibt. Dann konzentrieren wir uns auf diesen.

  • Wir wiederholen denselben Prozess, doch setzen die Auflösung fort, bis nur ein kleines Knochenbruchstück zwischen unseren Augenbrauen übrig bleibt, und dann konzentrieren wir uns auf dieses. Diese drei Meditationen beseitigen die Anhaftung zwar nicht, doch sie werden helfen, sie zu verringern.

Meditation über den Atem, um umherschweifenden Gedanken entgegenzuwirken

  • Die Atemzüge zählen. Um ablenkende umherschweifende Gedanken zu verringern und schließlich zu unterbinden, zählen wir zuerst die Atemzüge. Wir entspannen Körper und Geist und zählen dann die Zyklen des Ein- und Ausatmens, von eins bis zehn; dann fangen wir wieder von vorne an. Zählen wir weiter als bis zehn, kann es passieren, dass sich unser Geist bei dem Versuch, sich zu erinnern, bei welcher Zahl wir angekommen sind, zu sehr anspannt. Zählen wir jeweils weniger als zehn Zyklen, besteht die Gefahr, dass unser Geist sich zu sehr entspannt, weil wir nicht auf die Zahl achten. Es ist wichtig, dass man nicht erst den Ausatem zählt und dann den Einatem innerhalb eines Zyklus. Hierzu braucht man Vergegenwärtigung, und genau darum geht es. Als nächstes denken wir an dieser Stelle bei jedem Atemzug: „Jetzt bin ich kurz davor auszuatmen; jetzt atme ich aus; jetzt habe ich aufgehört auszuatmen; jetzt bin ich kurz davor einzuatmen; jetzt atme ich ein; jetzt habe ich aufgehört einzuatmen“ – und dann zählen wir: „Eins“. Konzentrieren wir uns darauf, all diese Details im Auge zu behalten, werden alle unwesentlichen Gedanken verschwinden.

  • Dem Atem folgen. Während wir langsam atmen, ohne zu zählen, stellen wir uns als nächstes vor, wie der Atem von unseren Fußsohlen zu unseren Schenkeln fließt und weiter zu unserem Nabel, unserem Herzen, unserer Kehle und ein kurzes Stück aus unseren Nasenlöchern hinaus. Wenn wir einatmen, stellen wir uns vor, wie der Atem wieder in unsere Nase hineinfließt, durch unsere Kehle hindurch, hinunter zu unserem Herzen, unserem Nabel, unseren Schenkeln und unseren Fußsohlen. Dann fangen wir wieder von vorne an.

  • Den Atem platzieren. Während wir normal weiteratmen, hören wir auf, uns auf das Ein- und Ausatmen zu konzentrieren. Stattdessen konzentrieren wir uns auf den innerlichen Fluss des Atems in unserem Körper, als würde sein Verlauf einem Faden gleichen, der von unseren Nasenlöchern zu den Fußsohlen führt. Wir untersuchen, wie sich der Atem entlang dieses Fadens anfühlt – heiß, kalt, bequem, unbequem und so weiter. Während wir den Atem mit jedem Atemzug einer Analyse unterziehen, ziehen wir in Betracht, wie der Atem nicht nur aus Luft besteht. Er hat die Natur der vier Elemente – Erde, Wasser, Feuer und Wind (feste Staubpartikel, flüssige Feuchtigkeit, Hitzetemperatur und Wind) und den vier sich daraus ableitenden Elementen der Form, des Geruchs, des Geschmacks und der Berührung. Wir erwägen, wie unsere verschiedenen grundlegenden und zusätzlichen Gewahrseinsaspekte von diesen Elementen abhängen und wie sie wechselseitig in Beziehung stehen und sich beinflussen.

  • Den Atem verwandeln. Selbst wenn alle ablenkenden umherschweifenden Gedanken in unserem Geist verstummt sind und wir Shamatha erlangt haben, können wir weiterhin mit dem Atem praktizieren, während wir schrittweise die verschiedenen Phasen des Pfadgeistes entwickeln. Auf der Grundlage unserer Analyse untersuchen wir die vier edlen Wahrheiten im Zusammenhang mit dem Atem und der wechselseitigen Beziehung zwischen unserem Atem und unserem Geist. Wir untersuchen diese Beziehung in Hinsicht auf das wahre Leid der Wiedergeburt und seine wahren Ursachen, sein wahre Beendigung sowie die verschiedenen Stufen des wahren Pfadgeistes, die zu dieser Beendigung führen. Auf diese Weise durchschreiten wir die Phasen des sich aufbauenden und anwendenden Pfadgeists.

  • Reinigung im Zusammenhang mit dem Atem. Wir setzen den letzten Schritt auf nicht konzeptuelle Weise mit sehendem (tib. mthong-lam, Pfad des Sehens) und sich gewöhnendem Pfadgeist (tib. sgom-lam, Pfad der Meditation) fort.

Einzelheiten der vier festen Ausrichtungen der Vergegenwärtigung

Die Objekte, auf die man die Vergegenwärtigung ausrichtet, umfassen alle unbeständigen und beständigen Phänomene. Die unbeständigen Phänomene können in die fünf Faktoren unserer Erfahrung einbezogen werden.

  • Vergegenwärtigung, die auf den Körper ausgerichtet ist, bezieht sich auf unser Aggregat der Form. Wir konzentrieren uns auf drei Arten von Körper: den inneren Körper (unseren eigenen Körper), die äußeren Körper (die physischen Objekte, die uns umgeben) und Körper, die sowohl innerlich als äußerlich sind (die Körper anderer Menschen).

  • Ausrichtung auf die Gefühlen bezieht sich auf unser Aggregat der Gefühle: Glück und Vergnügen, Unglück und Schmerz sowie neutrale Gefühle.

  • Ausrichtung auf den Geist bezieht sich auf unser Aggregat des Bewusstseins: die sechs Arten des grundlegenden Bewusstseins (Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, körperliches Empfinden und Denken).

  • Ausrichtung auf die Phänomene beinhaltet unser Aggregat des Unterscheidungsvermögens (Wiedererkennens) und das der übrigen Einflussfaktoren sowie statische Phänomene.

Alle vier sind notwendig, um uns dabei zu helfen, die verschiedenen Aspekte des Greifens nach einer unhaltbaren Seele zu überwinden, die zu ‚mir’ als Person gehört (tib. gang-zag-gi bdag-‘dzin). Wir stellen uns fälschlicherweise vor, dass ein ‚Ich’ als beständiges, massives ‚Selbst’ existieren würde, unabhängig von unseren Aggregaten.

  • Wir halten unseren Körper fälschlicherweise für die Basis oder das Zuhause, das von solch einem unabhängigen ‚Ich’ bewohnt wird, und so fühlt es sich auch an. Wir haben das Gefühl: „ Ich existiere, hier in meinem Körper.“

  • Wir halten unsere Gefühle fälschlicherweise für das, was diesem ‚Ich’ gefällt und was es erfährt, wie zum Beispiel: „Ich bin glücklich. Ich fühle mich weder gut noch schlecht.“

  • Wir halten unseren Geist fälschlicherweise für ‚uns selbst’.

  • Wir halten Phänomene, besonders unsere Emotionen und Einstellungen, fälschlicherweise für das, was ‚uns’ Persönlichkeit oder wahre Identität verleiht. „Ich bin jemand, der Probleme mit seiner Wut oder Anhaftung hat“, „Ich bin jemand mit großer Intelligenz oder Liebe“ .

Gelug Prasangika erklärt diese vier falschen Vorstellungen in der Hinsicht, dass man sich inkorrekterweise vorstellt, dass ‚Ich’ als auffindbares, für sich allein erkennbares ‚ Selbst’ existieren würde.

Die Meditation

Um den Vipashyana-Zustand von außergewöhnlicher Wahrnehmungskraft durch die vier festen Ausrichtungen der Vergegenwärtigung zu erlangen, analysieren wir die vier festen Ausrichtungen hinsichtlich der Charakteristika, die ihnen allen gleichermaßen zu Eigen sind, und dann hinsichtlich ihrer individuellen Charakteristika.

Meditation über die Charakteristika der Vier Ausrichtungen, die allen vieren gleichermaßen zu Eigen sind

Die für alle vier gleichermaßen zutreffenden Charakteristika sind, dass sie unbeständig (vergänglich) sind, problematisch (von Natur aus unbefriedigend oder leidvoll), leer und nicht im Besitz einer Seele, deren Existenz nicht vertretbar ist. Diese übereinstimmend vorhandenen Charakteristika sind die vier Merkmale der ersten edlen Wahrheit des wahren Leids. Sie sind auch die ersten drei der vier Siegel, anhand derer man eine Sichtweise als auf erleuchteter Sprache basierend bezeichnen kann (tib. lta-ba bka’-btags-gyi phyag-rgya-bzhi). Diese vier werden auch als vier untrüglichen Kennzeichen des Dharma bezeichnet (tib. chos-kyi sdom-bzhi):

  • Alle beinflussbaren (tib. ‘dus-byas, bedingten) Phänomene sind unbeständig (vergänglich).

  • Alle mit Makeln behafteten Phänomene (tib. zag-bcas, verunreinigte Phänomene) sind problematisch. ‚Mit Makeln behaftet’ bedeutet, dass sie in Abhängigkeit von störenden Emotionen, Einstellungen und karmischem Drang entstehen, von denen sie verursacht und bedingt sind. Gelug Prasangika definiert ,mit Makeln behaftet’ als etwas, das so erscheint als besäße es eine wahre, auffindbare Existenz.

  • Alle Phänomene sind leer von und nicht im Besitz von einer Seele, deren Existenz unhaltbar ist. ‚Leer von’ bedeutet die Abwesenheit einer Person (‚ich’), die als eine oder viele für sich allein erkennbare Seelen existiert. Das Fehlen einer unhaltbaren Seele ist die sich daraus ergebende Schlussfolgerung: Unter allen erkennbaren Phänomenen gibt es keinerlei Person, die als für sich allein erkennbare Seele existiert. Chittamatra fügt dieser Vaibhashika- und Sautrantika-Erklärung, die die unhaltbare Seele einer Person zum Thema hat, die gleiche Unterscheidung bezüglich der unhaltbaren Seele der Phänomene hinzu. Die unhaltbare Seele der Phänomene ist laut Chittamatra ein definierendes Merkmal auf der Seite des Objekts, das als Grundlage oder ‚geistiger Haken’ dient, an dem man den spezifischen Namen für diese Objekt befestigen kann. Madhyamaka trifft den selben Unterschied zwischen leer von’ und ,nicht im Besitz’ einer nicht vertretbaren Seele in Hinsicht auf wahrhaft etablierte Existenz.

Meditation über die individuellen Charakteristika der Vier Ausrichtungen

Was ihre individuellen Charakteristika betrifft, ist jedes der vier Objekte der Ausrichtung der Vergegenwärtigung mit einer der inkorrekten Weisen der Aufmerksamkeit verbunden, die oben erwähnt wurden. Aufgrund dessen steht jede in Beziehung zu einer der vier edlen Wahrheiten.

  • Mit der Ausrichtung der Vergegenwärtigung auf den Körper kontemplieren wir, dass der Körper unsauber und unrein ist, statt ihn inkorrekterweise als sauber und rein zu betrachten. Wir reflektieren über die Ursachen des Körpers (die schmutzigen Substanzen von Sperma und Ei), die Natur des Körpers (sein Inneres als eine Maschine, die Urin, Exkremente, Erbrochenes und Schleim fabriziert) und das Ergebnis des Körpers (ein stinkender, verwesender Leichnam). Selbst wenn wir noch am Leben sind, ist der Körper die Grundlage für Krankheiten, körperliche Verletzungen, Schmerz und Alter. Es erfordert eine Menge Arbeit, sich um ihn zu kümmern: Wir müssen ihn ständig säubern, ankleiden, ernähren und für ihn Geld verdienen. Auf diese Weise erkennen wir, dass der Körper unsauber, unrein und von leidvoller Natur ist. Durch diese Einsicht verringert sich unsere Anhaftung an den Körper, so dass wir weniger um ihn besorgt und von ihm besessen sind. Durch eine derartige Erkenntnis verstehen wir den Körper als wahres Leid, die erste edle Wahrheit. Dennoch müssen wir unser kostbares menschliches Leben und unseren Körper benutzen, um Erleuchtung zu erlangen.

  • Mit der Ausrichtung der Vergegenwärtigung auf die Gefühle beobachten wir auch, dass alle Gefühle von Natur aus Leid sind. Schmerz ist dem Problem des Leids zuzuordnen, Glück dem Problem der Veränderung (es dauert nie an und ist nie befriedigend) und neutrale Gefühle zeichnen das alles-durchdringende Problem aus, nämlich :All unsere Erfahrungen halten, wenn sie mit Verwirrung vermischt sind, unsere samsarische Existenz aufrecht. Das Verständnis der unbefriedigenden Natur des Gefühlsglieds des abhängigen Entstehens hilft uns, die nächsten beiden Glieder zu verstehen. Wir verstehen das Glied des heftigen Verlangens (tib. sred-pa), von Schmerz befreit zu werden, von Vergnügen nicht getrennt zu werden und dass neutrale Gefühle nicht abnehmen (zum Beispiel wenn wir schlafen). Wir verstehen auch, wie Verlangen zum Glied des Hervorbringens (tib. len-pa) führt: dem Glied der störenden Emotionen und Einstellungen, die für uns fortgesetzte Wiedergeburt in Samsara hervorbringen. Sie beinhalten 1) hervorbringendes Begehren nach begehrenswerten Sinnesobjekten, 2) hervorbringende verblendete Sichtweisen (wie das Abstreiten von Ursache und Wirkung oder den Glauben, dass unser Glück und Leid Belohnungen und Strafen Gottes oder der Götter sind), 3) eine hervorbringende Einstellung, an verblendetem Verhalten festzuhalten, in der Annahme, dass es Befreiung brächte, und 4) eine hervorbringende verblendete Sichtweise gegenüber unserer vorübergehenden Ansammlung (tib. ‘jig-lta) (wie das Betrachten unserer Aggregate als ‚ich’ oder ,mein’). Erkennen wir, dass alle drei Glieder aus dem Glied des Unwissenheit entstehen, verstehen wir die wahren Ursachen des Leids, die zweite edle Wahrheit.

[Siehe: Die zwölf Glieder des abhängigen Entstehens.]

  • Mit der Ausrichtung der Vergegenwärtigung auf den Geist (die sechs Arten von Hauptbewusstsein) konzentrieren wir uns auf die konventionelle Natur der geistigen Aktivität. Wir erleben, dass der Geist natürlicherweise frei von störenden Emotionen und Einstellungen ist und dass jegliche störenden oder sogar positiven Emotionen, die auftauchen, unbeständig sind. Dies gestattet uns zu sehen, wie flüchtig und veränderlich unsere geistige Aktivität ist, und hilft uns zu erkennen, dass der Geist frei von einem unhaltbaren ‚Ich’ und allen flüchtigen Makeln ist. Die Erkenntnis, dass die Natur des Geistes rein ist und dass Befreiung daher möglich ist, führt uns zum Verständnis der dritten edlen Wahrheit, der wahren Beendigungen Auf der Basis dieses Verständnisses entwickeln wir Entsagung (die Entschlossenheit, frei zu sein) und den starken Wunsch, Befreiung zu erlangen.

  • Durch die Ausrichtung der Vergegenwärtigung auf die Phänomenen beginnen wir zu verstehen, von welchen Geistesfaktoren und Verhaltensweisen wir uns freimachen sollten (welche wir ablegen sollten) und welche wir uns zu eigen machen sollten. Dies entwickelt unser Verständnis der wahren Pfade, der vierten Edlen Wahrheit.

Die Praxis der Ausrichtung der Vergegenwärtigung bedeutet, dass wir zuerst unser unterscheidendes Gewahrsein (tib. shes-rab) und unsere Intelligenz anwenden, um die Natur dieser vier Objekte durch klar erkennende Meditation (tib. dpyad-sgom, analytische Meditation) zu verstehen. Wir tun dies im Rahmen unserer direkten Erfahrung während unserer Meditationssitzung. Dann halten wir die Vergegenwärtigung dieser Objekte aufrecht, wobei wir sie auf korrekte Weise mit übereinstimmender Aufmerksamkeit betrachten.