Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Die tantrischen Wurzelgelübde des Kalachakra

modifiziert im April 2002 aus:
Berzin, Alexander. Taking the Kalachakra Initiation.
Ithaca, Snow Lion, 1997.

Ursprüngliche deutsche Version:
Berzin, Alexander. "Kalachakra – Das Rad der Zeit".
Übers. Sönam Tarchin (Wolfgang Exler).
Bern, München, Wien: Scherz (O.W. Barth), 2002.

Bearbeitung der deutschen Übersetzung: Christian Dräger

Einführung

Im „Kalachakra-Tantra“ werden die meisten der vierzehn Übertretungen der tantrischen Wurzelgelübde spezifischer formuliert als in anderen tantrischen Systemen. Bei einer Kalachakra-Ermächtigung (tib. dbang, Initiation), versprechen wir sowohl die allgemeinen tantrischen Wurzelgelübde, als auch die speziellen Formulierungen dieser Gelübde im „Kalachakra-Tantra“ zu halten. Dies ist ein relevanter Ratschlag für alle Praktizierende jeglichen Systems der höheren Tantras. Als Bestätigung hierfür hat Ngari Panchen (tib. mNga’-ris Pan-chen Padma dbang-rgyal), ein im sechzehnten Jahrhundert lebender Meister der Nyingma-Tradition in „Feststellen der drei Ebenen von als Gelübde gehaltenen Beschränkungen, die Zweige des natürlichen Dzogchen-Pfades sind“ (tib. „Rang-bzhin rdzogs-pa chen-po’i lam-gyi cha-lag sdom-gsum rnam-nges“) erklärt, dass die tantrischen Wurzelgelübde, die bei jeder Dzogchen-Ermächtigung genommen werden, eine Mischung aus den allgemeinen Gelübden und den Versionen des „Kalachakra-Tantra“ sind, die in den anderen drei tibetischen Traditionen getrennt dargestellt werden.

[Siehe: Die allgemeinen tantrischen Wurzelgelübde.]

Um klar zwischen den allgemeinen tantrischen Wurzelgelübden und den tantrischen Wurzelgelübde des Kalachakra unterscheiden zu können, folgen wir hier den Erklärungen die in „Erklärung des geheimen Mantras ethischer Disziplin: Eine Traube von Früchten verwirklichter Errungenschaften“ (tib. „gSang-sngags-kyi tshul-khrims-kyi rnam-bshad dngos-grub-kyi snye-ma“) des im frühen fünfzehnten Jahrhundert lebenden Gründers der Gelug-Tradition Tsongkhapa (tib. Tsong-kha-pa Blo-bzang grags-pa). Wir werden die Erklärungen durch „Eine Lampe zum Erhellen der Praktiken enger Bindungen“ (tib. „Dam-tshig gsal-ba’i sgron-me“) des im späten fünfzehnten Jahrhunderts lebenden Gelug-Meisters Kedrub Norzang-Gyatso (tib. mKhas-grub Nor-bzang rgya-mtsho) ergänzen.

Die vierzehn Übertretungen der tantrischen Wurzelgelübde des Kalachakra

(1) Den Geist unseres Vajrameisters stören

Hier besteht die Übertretung weniger im Verhöhnen und Lächerlich-Machen unseres tantrischen Meisters als darin, eine spezifischen Beleidigung zu verursachen. Aufgrund störender Emotionen oder Geisteshaltungen, und nicht etwa zu einem altruistischen Zweck, handeln oder sprechen wir in destruktiver Weise und denken überhaupt nicht daran, davon abzulassen. Wenn unsere Lehrer von unserem Verhalten erfahren und ihr Missfallen darüber ausdrücken, um uns dabei zu helfen, uns zu zähmen, dann ist diese Übertretung vollständig.

(2) Die Anordnungen unseres Lehrers übertreten

Die Formulierung dieser Übertretung ist spezifischer als das Trivialisieren und Übertreten eines Gelübdes, das von einem erleuchteten Wesen gelehrt wurde. Hier besteht die Übertretung darin, dass wir auf versteckte Weise eine der zehn destruktiven Handlungen begehen oder eines unserer Gelübde brechen und zwar nachdem unsere Vajrameister ausdrücklich gesagt haben, dies nicht zu tun. Die Motivation muss in einer störenden Emotion oder Geisteshaltung bestehen, nicht in irgendeinem altruistischen Ziel. Wie schon mit der vorhergehenden Wurzelübertretung müssen wir unseren tantrischen Meister als heiliges Wesen erkennen, ganz genau wissen, dass ein solches Verhalten ihm oder ihr missfällt, und uns nichts dabei denken, sie zu begehen. Hier ist es nicht nötig, dass unsere Lehrer von unserem Fehlverhalten erfahren oder ihr Missfallen zeigen.

(3) Aus Ärger heraus an Vajrabrüdern und Vajraschwestern Fehler suchen

Dies ist die gleiche Übertretung, wie sie in der Liste der Übertretungen der allgemeinen tantrischen Wurzelgelübde zu finden ist.

(4) Die Liebe für die fühlenden Wesen aufgeben

Dies ist ebenfalls die gleiche Übertretung wie bei dem entsprechenden allgemeinen Gelübde. Der Kommentar fügt den Zusatz hinzu, dass die Übertretung nur begangen wird, wenn die Liebe für ein bestimmtes Wesen, wenn sie einmal verloren wurde, länger als einen Tag und eine Nacht nicht zurückkehrt. Sich nur für eine kürzere Zeitspanne aufzuregen und dabei die Liebe für jemanden zu verlieren ist noch keine Übertretung der Wurzelgelübde.

(5) Bodhicitta aufgeben

In Entsprechung zur Übertretung der allgemeinen tantrischen Wurzelgelübde, den Wunsch zu verwerfen, die Erleuchtung zum Wohle aller zu erreichen, verwerfen wir hier die subtilen kreativen Tropfen (tib. thig-le), die es uns durch die Praxis der Vollständigkeitsstufe (tib. rdzogs-rim) des Kalachakra erlauben, diese Erleuchtung durch ein unwandelbares, glückseliges Gewahrsein (tib. mi-‘gyur-ba’i bde-ba) zu realisieren. Ein solches Gewahrsein erreicht man nur dadurch, dass man die geistige Aktivität des klaren Lichts manifestiert und sie als ein glückseliges Gewahrsein der Leerheit erzeugt. Nachdem man dieses machtvolle Werkzeug erlangt hat, wird im zentralen Energiekanal eine immer stabilere Basis dafür aufgebaut, indem man dort mittels yogischer Techniken 21.600 subtile Tropfen aufstapelt – entsprechend der Anzahl an Kalachakra-Stunden im Jahr und der Atemzüge pro Tag. Einmal aufgestapelt verbleiben diese unsichtbaren Tropfen bis zur Erleuchtung unerschütterlich an ihrem Platz, weshalb man das höchste, glückselige Gewahrsein, das auf ihnen gründet, als „unwandelbar“ bezeichnet. Ein derartiges Gewahrsein befähigt das Verständnis der Leerheit mit der geistigen Aktivität des Klaren Lichts, stufenweise alle Instinkte der Verwirrung und karmische Winde in der effektivsten Weise, die überhaupt möglich ist, zu vertreiben. Diese Tropfen verschwinden erst, wenn wir ein Buddha werden, da wir auf dieser Stufe nicht länger jene Art von physischem Körper haben, der subtile Tropfen oder einen Zentralkanal hat.

Egal ob wir ein Mann oder eine Frau sind, verlieren wir immer dann, wenn wir den Energieabfluss erleben, der den sexuellen Orgasmus begleitet und zwar unabhängig davon, ob grobstoffliche Flüssigkeiten ausgeschüttet werden – subtile kreative Tropfen, die „Bodhicitta“ oder „Tropfen der Jasminblüte“ (Skt. kunda) genannt werden. Diese Tropfen stellen die Grundlage für das Erlangen eines unwandelbaren glückseligen Gewahrseins dar. Da ein derartiger Abfluss das effektivste Mittel für das Erreichen der Erleuchtung einfach wegwirft, wird dies als „Aufgeben des Bodhicitta“ bezeichnet. Damit diese Wurzelübertretung vollständig auftritt, müssen wir allerdings die Natur des unwandelbaren glückseligen Gewahrseins verstehen und dennoch diese subtilen Tropfen in irgendeiner Weise abfließen lassen – obwohl es keine besondere Notwendigkeit dafür gibt – und zwar mit dem Gedanken, Erleuchtung durch die Glückseligkeit des gewöhnlichen Ergusses während des Orgasmus zu erreichen. Die vier bindende Faktoren brauchen diese Handlung nicht zu begleiten.

Der Abfluss von orgastischer Energie oder Flüssigkeiten während gewöhnlicher sexueller Handlungen stellt solange keine Übertretung der tantrischen Wurzelgelübde dar, wie wir ihn nicht als etwas spirituelles ansehen, insbesondere als ein Mittel, um Befreiung oder Erleuchtung zu erlangen. Dennoch schwächt jedes Erleben eines orgastischen Ergusses unabhängig davon, wie wir ihn betrachten, die Gestalt, die wir mit den Wurzelgelübden des Kalachakra unserem Leben zu geben versuchen. Es steht dem Ziel entgegen, zu versuchen, mittels der Kalachakra-Technik des unwandelbaren glückseligen Gewahrseins so schnell wie möglich die Erleuchtung zu erreichen.

Es ist wichtig, sich in dieser Angelegenheit realistisch zu verhalten und nicht melodramatisch. Dieses Gelübde zu nehmen bedeutet nicht, kinderlos bleiben zu müssen oder kein weiteres Baby haben zu können. Es verurteilt uns auch nicht dazu, damit aufzuhören, die ganz normale Sexualität zu genießen, und uns ihretwegen schuldig zu fühlen. Es bedeutet allerdings, die Glückseligkeit des orgastischen Ergusses im Licht des unwandelbaren glückseligen Gewahrseins zu sehen und uns zum Überdenken unserer Werte zu verpflichten. Kurz, wenn wir keine Kontrolle über unsere orgastischen Energien haben, dann betonen wir mit diesem Gelübde, die Glückseligkeit der orgastischen Entladung im Rahmen gewöhnlicher sexueller Handlungen nie als spirituelle Erfahrung, als einen Weg zur Lösung unserer Probleme oder als einen Pfad zur Erleuchtung zu betrachten.

(6) Die Ansicht vertreten, dass die Sicht der Wirklichkeit im Sutra der des Tantras unterlegen ist

Diese Übertretung ist spezifischer formuliert als das „Sich-Lustig-Machen“ über unsere eigenen Philosophiesysteme oder die anderer, indem man die Meinung äußert, dass eine Lehre des Sutra- oder Tantra-Fahrzeugs nicht von den Worten des Buddha herstammt. Hier besteht die Übertretung darin, insbesondere die Erklärungen über Leerheit, wie sie in den „Sutras über das weitreichende unterscheidende Gewahrsein“ (Skt. „Prajnaparamita Sutras“) zu finden sind, als unterlegen gegenüber den Belehrungen im Tantra herabzusetzen, obwohl man weiterhin beide als authentische Lehren des Buddha akzeptiert. Die Motivation muss hierbei von Ärger begleitet sein, zum Beispiel aufgrund von sektiererischen Ansichten, und nicht einfach nur Unwissenheit.

(7) Unreifen Menschen vertrauliche Lehren enthüllen

Hier verhält es sich ähnlich wie bei der Übertretung der allgemeinen Wurzelgelübde mit der Ausnahme, dass es sich speziell auf Lehren über das höchst glückselige Gewahrsein (tib. bde-ba chen-po) bezieht, den intensivsten von vier Graden der Freude (tib. dga‘-bzhi), die im Zentralkanal erlebt werden.

(8) Unsere Aggregate missbrauchen

Während sich die Übertretung der allgemeine Wurzelgelübde darauf bezieht, dass wir unsere Aggregate entweder einfach verschmähen oder darüber hinaus missbrauchen, bezieht sie sich hier insbesondere auf letzteres. Wir nehmen unsere Aggregate ihrer Natur nach als Buddhaformen (tib. yi-dam) und tiefes Gewahrsein (tib. ye-shes) wahr und erkennen, dass wenn wir sie schädigen wir auch gleichzeitig unser glückseliges Gewahrsein zerstören, wie auch unsere Fähigkeit beeinträchtigen, mehr glückseliges Gewahrsein zu erzeugen. Dennoch wollen wir den Aggregaten immer noch Schaden oder Schmerz zufügen, jedoch nicht, um Anderen dadurch von Nutzen sein zu können. Diese Übertretung ist vollständig, wenn wir tatsächlich einen Akt der Selbstbestrafung begehen und als Ergebnis eine Verminderung derjenigen Ebene körperlichen und geistigen glückseligen Gewahrseins erleben, die wir erreicht haben.

(9) Kein Vertrauen in die Reinheit der Phänomene haben

Die Übertretung der allgemeine tantrische Wurzelgelübde die dieser Übertretung entspricht, besteht im Zurückweisen der Leerheit, wie sie in den Lehrsystemen des Chittamatra- oder einer der Madhyamaka-Lehrrichtungen gelehrt wird. Hier bezieht sich die Übertretung nicht nur darauf, die Leerheit zurückzuweisen, sondern an ihrer Stelle eine Sicht der Wirklichkeit anzunehmen, die wir selbst ersonnen haben oder die jemand anderes sich ausgedacht hat. Dies beinhaltet nicht, so etwas zum Wohle anderer zu ersinnen, wenn wir zum Beispiel die Lehren über Leerheit vereinfachen, um Anfängern eine erste Idee davon zu vermitteln.

(10) Trügerische Liebe besitzen

Während die entsprechende Übertretung der allgemeinen tantrischen Wurzelgelübde davon spricht, sich liebevoll gegenüber übelwollenden Leuten zu verhalten, besteht die Übertretung des Kalachakra darin, liebevoll zu anderen zu sprechen, während wir böswillige Gedanken ihnen gegenüber in unserem Herzen hegen. Noch ausgedehnter begehen wir diese Übertretung, wenn wir heuchlerisch sind beim Einhalten einer engen Bindung (tib. dam-tshig, Skt. samaya) zu den tantrischen Praktiken, zum Beispiel indem wir täglich einen Sadhana-Text rezitieren oder an Pujas teilnehmen, ohne Vertrauen zu haben, indem wir vorgeben, voller Hingabe zu sein, jedoch gleichzeitig im Verborgenen in einer zerstörerischen Weise handeln, die unseren Versprechen entgegensteht.

(11) Über das glückselige Gewahrsein, das jenseits von Worten ist, begrifflich denken

Die entsprechende Übertretung der allgemeinen tantrischen Wurzelgelübde besteht darin, dass man nicht kontinuierlich über die Leerheit meditiert. In diesem Fall ist die Übertretung spezifischer: Wir nehmen das unwandelbare glückselige Gewahrsein nicht an, wenn wir es im Rahmen der Praxis der Stufe der Vollständigkeit erleben. Wenn dieses unwandelbare glückselige Gewahrsein auftritt, ist es eine Übertretung, wenn wir unentschieden hin- und herschwanken und es nicht auf eine kontinuierliche Meditation über Leerheit hin auszurichten.

(12) An reinen Wesen Fehler finden

Die entsprechende Übertretung der allgemeinen Gelübde besteht darin, dass wir das Vertrauen anderer Menschen, das sie in eine bestimmte tantrische Praxis haben, zerstören, sodass sie nicht länger den Wunsch haben, sich mit ihr zu beschäftigen. Hier besteht die Übertretung darin, entmutigende Worte insbesondere an Meditierende, die eine tantrische Praxis beherrschen, zu richten, ihnen aus Eifersucht Fehler vorzuwerfen und sich über sie lustig zu machen. Diese Übertretung liegt vollständig vor, wenn die Praktizierenden diese Worte verstanden haben und als Ergebnis davon deprimiert werden.

(13) Die Substanzen zurückweisen, die uns stark mit der tantrischen Praxis verbinden

(14) Sich über Frauen lustig machen

Diese beiden Übertretungen gleichen denen auf der Liste Übertretungen der allgemeinen tantrischen Wurzelgelübde. Die Betonung liegt bei letzterer Übertretung allerdings auf der Verachtung von Frauen im Allgemeinen.