Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Allgemeine Praktiken für eine enge Bindung
an die Buddhafamilien

modifiziert im April 2002 aus:
Berzin, Alexander. Taking the Kalachakra Initiation. Ithaca, Snow Lion, 1997.

Ursprüngliche deutsche Version:
Berzin, Alexander. "Kalachakra – Das Rad der Zeit".
Übers. Sönam Tarchin (Wolfgang Exler).
Bern, München, Wien: Scherz (O.W. Barth), 2002.

Bearbeitung der deutschen Übersetzung: Christian Dräger

Einführung

Neben den Bodhisattva-Gelübden und den Tantragelübden gehört zu jeder Ermächtigung (Initiation) innerhalb eines Anuttarayoga- oder Yoga-Tantra-Systems auch das Versprechen, bestimmte Praktiken aufzunehmen und aufrecht zu erhalten, die eine enge Verbindung (tib. dam-tshig, Skt. samaya) zu den individuellen Merkmalen der fünf Buddhafamilien (tib. rigs) herstellen. Diese Eigenschaften oder Merkmale beziehen sich auf Aspekte der Buddhanatur, oder spezifischer, auf Aspekte der geistigen Aktivität des klaren Lichts, die uns ermöglichen Erleuchtung zu erlangen. Die Eigenschaften der Buddhanatur werden häufig mit „ Buddhafamilien“ übersetzt. Jede dieser Eigenschaften wird in gereinigter Form durch eine Buddhaform (tib. yi-dam) repräsentiert, die wiederum mit einer der fünf Arten tiefen Gewahrseins (tib. ye-shes, Buddha-Weisheiten) in Verbindung steht, wie es auch bei den fünf Aggregaten (Skt.skandha) der Fall ist.

[Zur Unterscheidung zwischen Gelübde und Praktiken enger Bindung siehe: Zusätzliche bindende Praktiken.]

Es gibt ebenso wie bei den tantrischen Wurzelgelübden zwei Versionen bindender Praktiken. Eine Version bezieht sich auf alle Anuttarayoga- oder Yoga-Tantra-Systeme, die andere Version speziell auf das Kalachakra-System. Hier werden wir die neunzehn allgemeinen Praktiken für eine enge Bindung an die Eigenschaften der Buddhafamilien behandeln, wie sie von Tsongkhapa (tib. Tsong-kha-pa Blo-bzang grags-pa) in der Gelug-Tradition erklärt worden sind. Der im 17. Jahrhundert lebende erste Panchen Lama (tib. Pan-chen Blo-bzang chos-kyi rgyal-mtshan) hat den Text „Yoga in sechs Sitzungen“ (tib. Thun-drug rnal-‘byor) für Gelug-Praktizierende verfasst , damit sie durch sechsmalige Rezitation dieser Verse die Vergegenwärtigung dieser neunzehn Eigenschaften aufrecht erhalten können. Diese Gruppe von Eigenschaften findet sich mit geringfügigen Abwandlungen auch in den anderen drei tibetischen Traditionen.

[Siehe: Die außergewöhnlichen Praktiken enger Bindung an die Buddha-Familien. Siehe auch: „ Ausführlicher Yoga in sechs Sitzungen“.]

Praktiken enger Bindung mit Vairochana

Um eine enge Bindung zum spiegelgleichen tiefen Gewahrsein (tib. me-long lta-bu’i ye-shes) zu erzeugen, das von der Buddhaform Vairochana (tib. rNam-par snang-mdzad) repräsentiert wird,

  1. nehmen wir eine sichere Ausrichtung (Zuflucht) bei den Buddhas,

  2. dem Dharma und

  3. dem Sangha.

Ebenfalls praktizieren wir die drei Arten ethischer Selbstdisziplin, die darin beinhaltet sind,

  1. sich von destruktiven Handlungen abzuwenden,

  2. ich mit konstruktiven Handlungen wie Studieren und Meditieren zu beschäftigen, um gute Eigenschaften zu entwickeln, und

  3. zum Wohle anderer zu arbeiten.

Viele Kagyü-Traditionen lehren, dass diese mit Vairochana verbundenen Praktiken Bindungen zum tiefen Gewahrsein der Realitätssphäre (tib. chos-dbyings ye-shes) herstellen.

In der Nyingma-Tradition werden die ersten drei Eigenschaften durch die Entwicklung der anstrebenden und der ausübenden Stufe des Bodhicitta ersetzt.

Eine sichere Richtung einzuschlagen, ethische Selbstdisziplin zu üben und Bodhicitta zu entwickeln führt wie in einem Spiegel zu immer weiter zunehmender (spiegelgleicher) Klarheit der Realitätssphäre. Die zunehmende Klarheit der Realitätssphäre bezieht sich sowohl auf ein klarer werden der Erleuchtung selbst, als auch auf eine klarere Ausrichtung des eigenen Verhaltens im Einklang mit Ursache und Wirkung, dass zur Erleuchtung führt.

Praktiken enger Bindung mit Ratnasambhava

Vier Praktiken erzeugen enge Bindungen an die von Ratnasambhava (tib. Rin-chen ‘byung-gnas) repräsentierte Familieneigenschaft, dem gleichsetzenden tiefen Gewahrsein (tib. mnyam-nyid ye-shes).

Diese bestehen darin, auf vier Arten freigebig zu sein: Wir geben oder sind zumindest willens zu geben und zwar

  1. materielle Dinge oder Reichtum,

  2. Dharmabelehrungen oder Ratschläge,

  3. Schutz vor Furcht, vor allem, indem wir anderen gegenüber gelassen und offen sind, so dass sie nicht befürchten müssen, dass wir uns an sie klammern, sie zurückweisen oder ignorieren, und

  4. Liebe (der Wunsch, dass andere glücklich sein und die Ursachen des Glücks besitzen mögen).

Indem wir großzügig geben erlangen wir ein immer weiteres Verständnis der Gleichheit von uns selbst und anderen.

Praktiken enger Bindung mit Amitabha

Es gibt drei Praktiken, die eine enge Bindungen zum individualisierenden tiefen Gewahrsein (tib.sor-rtog ye-shes) erzeugen, wie sie von Amitabha (tib. ‘Od-dpag med) repräsentiert werden. Diese bestehen darin, die Lehren

  1. der drei Sutra-Fahrzeuge (shravaka, pratyekabuddha, und bodhisattva),

  2. der äußeren Fahrzeuge der unteren Tantraklassen (kriya und charya), und

  3. der vertraulichen (geheimen) Fahrzeuge der höheren Klassen des Tantra (yoga und anuttarayoga) zu bewahren.

Ein Bewahren und Erinnern der Gesamtheit der Lehren des Buddha führt zu einer sich immer weiter vertiefenden Wertschätzung dafür, dass jede Methode ihren ganz eigenen Glanz besitzt und ihre eigenen Wirkung hat.

Praktiken enger Bindung mit Amoghasiddhi

Zwei Praktiken erzeugen enge Bindungen zu Amoghasiddhi (tib. Don-yod grub-pa) und zum vollbringenden tiefen Gewahrsein (tib. bya-grub ye-shes).

Diese beiden sind

  1. das Bewachen unserer Gelübde und

  2. das Darbringen von Gaben.

An Stelle des Bewachens der Gelübde setzt die Nyingma-Tradition die Ausführung bestimmter Aktivitäten wie Leiden zu befrieden (tib. zhi-ba) und die guten Eigenschaften anderer anzuregen (tib. rgyas-pa, Wachstum). Darüber hinaus unterteilt sie das Darbringen von Gaben in zwei Praktiken: Gaben im Allgemeinen und das Darbringen von Tormas (modellierten Kuchen, die aus Gerstenmehl und Butter gemacht werden). Wenn man in Übereinstimmung mit den Gelübden handelt, Aktivitäten ausführt, die denen eines Buddhas gleichen, und Gaben darbringt, dann führt das zu immer größerer Weisheit und Geschicklichkeit in Bezug darauf, wie man alle Ziele erreicht.

Praktiken enger Bindung mit Akshobhya

Schließlich erzeugen vier Praktiken enge Bindungen zu Akshobhya (tib. Mi-bskyod-pa) und der Familieneigenschaft des tiefen Gewahrseins der Realitätssphäre (Skt.dharmadhatu). Viele der Kagyü-Systeme ersetzen dies durch das spiegelgleiche tiefe Gewahrsein.

Die vier Praktiken bestehen darin,

  1. den Vajra und das dadurch symbolisierte glückselige Gewahrsein als unsere Methode beizubehalten,

  2. die Glocke und das dadurch repräsentierte unterscheidende Gewahrsein der Leerheit als unsere Weisheit beizubehalten,

  3. die Mudra bzw. das Siegel aufrechtzuerhalten, uns als ein Paar in Buddhaform und in Vereinigung zu visualisieren, was die untrennbare Einheit von Methode und Weisheit repräsentiert, und

  4. uns in richtiger Weise einem spirituellen Meister anzuvertrauen.

Eine Gewahrseinsebene aufrechtzuerhalten, in der das Gewahrsein sowohl glückselig ist als auch klar die Leerheit wahrnimmt, und den Anweisungen eines voll qualifizierten tantrischen Meisters zu folgen führt zu einer immer umfassenderen Erkenntnis der Realitätssphäre, so klar, als ob man sie in einem Spiegel sehen würde.