Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

Zur Textversion für diese Seite wechseln. Zur Haupt-Navigation springen.

Startseite > Tägliche Praxis > Gelübde und Verpflichtungen > Handlungen, die man übt, wenn man sich auf der Stufe des Versprechens des anstrebenden Bodhichittas befindet

Handlungen, die man übt,
wenn man sich auf
der Stufe des Versprechens
des anstrebenden Bodhichittas befindet

modifiziert im April 2002 aus:
Berzin, Alexander. Taking the Kalachakra Initiation. Ithaca, Snow Lion, 1997.

Ursprüngliche deutsche Version:
Berzin, Alexander. "Kalachakra – Das Rad der Zeit".
Übers. Sönam Tarchin (Wolfgang Exler).
Bern, München, Wien: Scherz (O.W. Barth), 2002.

Bearbeitung der deutschen Übersetzung: Christian Dräger

Anstrebendes und ausübendes Bodhichitta

Ein Bodhisattva ist jemand mit Bodhichitta (tib. byang-sems), einem Herzen, das sich völlig anderen Wesen widmet und das die Erlangung der Buddhaschaft mit dem Ziel anstrebt, ihnen umfassend zu nutzen. Es gibt zwei Ebenen des Bodhichitta:

  1. anstrebendes Bodhichitta (tib. smon-sems) und

  2. ausübendes Bodhichitta (tib. ‘ jug-sems).

Anstrebendes Bodhichitta besteht in dem starken Wunsch, unsere Fehler zu überwinden und unsere Potentiale zu verwirklichen, um allen zu nutzen. Ausübendes Bodhichitta bedeutet, sich in Praktiken zu üben, die dieses Ziel herbeiführen. Außerdem beinhaltet es, die Bodhisattvagelübde zu ablegen, um uns von Handlungen abzuhalten, die diesem Ziel abträglich sind.. Der Unterschied zwischen den beiden Ebenen ist ungefähr der gleiche wie der zwischen dem Wunsch, ein Arzt zu werden, und dem tatsächlichen Eintritt in eine medizinische Hochschule.

Nur anstrebendes und versprechendes Bodhichitta

Durch die Teilnahme an einer speziellen Zeremonie erzeugen wir möglicherweise den Zustand des anstrebenden Bodhichitta. Dies zu tun beinhaltet allerdings nicht automatisch, dass wir die Bodhisattvagelübde ablegen.

Das anstrebende Bodhichitta hat zwei Stufen:

  1. der bloße Wunsch zum Wohle anderer ein Buddha zu werden (tib. smon-sems smon-pa-tsam),

  2. versprechen, dieses Ziel niemals aufzugeben, bis es erreicht ist (tib. smon-sems dam-bca’-can).

Mit der Stufe des Versprechens des Bodhichitta versprechen wir, uns in fünf Handlungsarten zu üben, die uns helfen, niemals unsere Entschlossenheit zu verlieren. Das Entwickeln des bloß wünschenden Zustandes beinhaltet dieses Versprechen nicht. Die ersten vier der fünf Handlungsarten des Versprechens helfen uns dabei, dass die Kraft unseres Bodhichitta-Entschlusses innerhalb dieser Lebensspanne nicht abnimmt. Die fünfte Übung hilft uns dabei, unseren Entschluss auch in zukünftigen Leben nicht zu verlieren.

Vier Übungen um den Schwächung unseres Bodhichitta-Entschlusses in diesem Leben zu verhindern

(1) Sich jeden Tag und jede Nacht an die Vorteile der Bodhichittamotivation zu erinnern Genauso wie wir jederzeit unsere Müdigkeit überwinden und neue Energie finden, wenn wir uns unserem Kind zuwenden müssen, überwinden wir alle Schwierigkeiten ganz leicht und nutzen all unsere Potentiale, wenn unsere vordringliche Motivation im Leben das Bodhichitta ist.

(2) Erneuern und Stärken dieser Motivation, indem wir drei Mal am Tag und drei Mal in der Nacht erneut unser Herz auf die Erleuchtung und Andere hin ausrichten.

(3) Bemüht sein, Netzwerke positiver Kraft (die dabei helfen, Erleuchtung zu erlangen) und tiefem Gewahrsein aufzubauen, was üblicherweise als „Ansammlungen von Verdienst und Einsicht“ übersetzt wird. Mit anderen Worten: Anderen so wirkungsvoll wie wir nur können zu helfen und zwar mit so viel tiefem Gewahrsein der Wirklichkeit wie möglich.

[Siehe: Die zwei Erleuchtung erzeugenden Netzwerke (zwei Ansammlungen) .]

(4) Niemals den Versuch aufzugeben, einem anderen zu helfen oder zumindest zu wünschen, dazu fähig zu sein, ganz egal, wie schwierig er oder sie sein mag.

Übung um den Verlust unseres Bodhichitta-Entschlusses in zukünftigen Leben zu verhindern

Der fünfte Punkt beinhaltet vier Arten von trüben Verhalten (tib. nag-po’i chos-bzhi, vier „schwarze” Handlungen) von denen wir uns befreien wollen und vier Arten von strahlendem Verhalten (tib. dkar-po’i chos-bzhi, vier „weiße“ Handlungen), welche wir stattdessen annehmen wollen. In jedem der folgenden vier Verhaltenspaare, beschreibt die erste Art das trübe Verhalten und die zweite Art das strahlende Verhalten, das wir üben wollen.

(1) Wir hören auf, jemals wieder unsere spirituellen Lehrer, unsere Eltern oder das dreifache Juwel zu täuschen. Stattdessen sind wir immer aufrichtig ihnen gegenüber, insbesondere bezüglich unserer Motivation und unseren Anstrengungen, anderen zu helfen.

(2) Wir hören auf, jemals wieder an Bodhisattvas Fehler zu finden oder sie gering zu schätzen. Stattdessen sehen wir jedermann auf reine Weise als unseren Lehrer an, da nur die Buddhas mit Sicherheit feststellen können, wer tatsächlich ein Bodhisattva ist und wer nicht. Auch wenn sich einige Leute auf rohe und geschmacklose Art aufführen, lehren sie uns doch immerhin, dass man sich auf diese Art und Weise nicht verhält.

(3) Wir hören auf, jemals wieder andere dazu zu bringen, etwas Positives, das sie getan haben, zu bereuen. Wenn jemand freundlicherweise einen Brief für uns tippt, dabei jedoch zahlreiche Fehler macht, und wir ihn daraufhin mit Entrüstung anschreien, dann wird diese Person möglicherweise nie wieder ihre Hilfe anbieten. Stattdessen ermutigen wir andere, sich konstruktiv zu verhalten. Und falls sie dafür offen sind, können wir sie ferner dazu ermutigen, an der Überwindung ihrer Fehler wie auch an der Verwirklichung ihrer Potentiale zu arbeiten, um für alle mehr von Nutzen sein zu können.

(4) Wir hören auf damit, im Umgang mit anderen jemals wieder heuchlerisch oder anmaßend zu sein, mit anderen Worten hören wir damit auf, unsere Fehler zu verstecken und vorzugeben, Eigenschaften zu besitzen, an denen es uns in Wirklichkeit mangelt. Aus der Verantwortung heraus, anderen zu helfen, sind wir stattdessen immer ehrlich und offen bezüglich unserer Begrenzungen und unserer Fähigkeiten. Es ist sehr unbarmherzig, mehr zu versprechen, als wir halten können, und so bei anderen falsche Hoffnungen zu wecken.