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Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Vorbereitende Übungen zur Meditation
oder zum Studium:
Die siebengliedrige Praxis

Alexander Berzin
Berlin, Deutschland, 9. Januar 2001
Übersetzung ins Deutsche: Christian Dräger

Heute Abend möchte ich in einer etwas geerdeteren Art und Weise die Vorbereitenden Übungen erklären, die wir zu Beginn jeder unserer Studien zu Shantidevas Text „ Eintritt in das Verhalten eines Bodhisattva“ (Skt. „ Bodhicharyavatara) ausführen. Sie beinhalten die Siebengliedrige Praxis, welche in diesem Text ihren Ursprung hat. Diese vorbereitenden Übungen vor dem Zuhören und Lernen des Dharmas auszuführen hilft uns, einen geeignet aufnahmefähigen Geisteszustand herzustellen. Wir verwenden dieselbe Reihe von Übungen vor unseren täglichen Meditations- und Dharmastudiensitzungen zu Hause.

Den Raum säubern und Gaben arrangieren

Wenn wir diese Praxis als Einleitung zur Meditation zu Hause ausführen, sollten wir das Zimmer vorher fegen und aufräumen, wie wir es vor dem Studienkurs machen. Wenn beispielsweise Papiere und Kleidung überall im Raum verteilt liegen, sollten wir sie wegräumen. Während wir dieses tun, denken wir: „Möge mein Geist klar, sauber und ordentlich werden, genauso wie ich dieses Zimmer herrichte.“

Es ist sehr wichtig, in einer Umgebung zu meditieren und zu studieren, in der alles sauber, ordentlich und übersichtlich ist. Dies gilt gleichermaßen für unseren Arbeitsplatz. Alles was wir sehen, selbst aus den Augenwinkeln heraus, beeinflußt unseren geistigen Zustand in großem Ausmaß.

Wenn alles um uns herum unordentlich ist, wird unser Geist ebenfalls dazu tendieren, unordentlich zu sein. Zudem ist es hilfreich unseren Meditations- und Studienplatz ästhetisch und angenehm zu gestalten. Im Allgemeinen erfreut der Anblick einer schönen Umgebung den Geist und ein glücklicher Geist ist bereit, etwas Konstruktives zu tun. Wenn das, was wir um uns herum sehen, hässlich ist, neigen wir zum Wunsch, dies zurückzuweisen, was unseren Geisteszustand negativ beeinflusst. Deshalb errichten wir gewöhnlich einen schönen Altar im Raum: einen Tisch (oder ein Regal) mit einem schönen Tuch bedeckt, auf den wir mindestens eine Buddhastatue (oder ein Buddhabild) stellen, welche unser Bestreben, unsere sichere Richtung im Leben (Zuflucht) repräsentiert.

Jeden Morgen, nachdem wir uns gewaschen und unser Zimmer aufgeräumt haben, bringen wir Schalen mit Wasser dar. Dies müssen nicht notwendigerweise die üblichen sieben Schalen sein, wenn dies ungünstig ist. Einfach eine Tasse mit sauberem Wasser darzubringen, ist ausreichend. Wir versuchen nicht, irgendjemanden zu beeindrucken. Wenn wir möchten, können wir ebenfalls Kerzen, Blumen, Räucherwerk usw. darbringen; aber das ist freigestellt. Wir schaffen nicht nur eine wunderbare Atmosphäre, um die Buddhas und großen Meister mit unserer Visualisation, gemäß der Tradition, einzuladen: Wir arrangieren unseren Raum ebenfalls in solcher Weise, so dass wir uns in ihm glücklich und komfortabel fühlen. Dies bringt uns in einen Geisteszustand, welcher der Praxis der Meditation, dem Studium und dem Anhören von Belehrungen förderlich ist.

Sich auf den Atem ausrichten

Es ist traditionell üblich, sich dreimal vor dem Buddhabildnis auf dem Altar zu verbeugen, bevor man sich hinsetzt. Um zu vermeiden, dass unsere Verbeugungen mechanisch und ohne Gefühl sind, müssen wir unseren Geist erst in einen geeigneten Zustand bringen. Um dies zu tun, konzentrieren wir uns auf unseren Atem und versichern uns nochmals unserer Motivation. Obwohl wir diese beiden Übungen meist ausführen, nachdem wir uns schon gesetzt haben, ist es besser sie bereits vorher auszuführen, während wir noch stehen.

Als erstes müssen wir uns beruhigen und einen Abstand schaffen, zwischen dem, was wir vorher getan haben, und dem, was wir im Begriff sind zu tun. Wir müssen unseren Geist in einen stillen, neutralen Zustand bringen, bevor wir eine positive Einstellung erzeugen. Wir machen dies, indem wir uns auf unseren Atem konzentrieren, mit entspannt auf den Boden vor uns gerichteten Augen. Wenn wir besonders aufgewühlt oder gestresst sind, können wir unsere Augen auch schließen, während wir uns beruhigen. Die Augen einen Spalt offen zu lassen, ist aber die bevorzugte Methode.

Wir atmen ganz normal durch die Nase, nicht zu schnell, nicht zu langsam, nicht zu tief und nicht zu flach. Wir halten den Atem auch nicht an, machen jedoch eine Pause nach dem Ausatmen, bevor wir wieder einatmen. Die gebräuchliche Methode ist es, den Zyklus der Ausatmung, Pause und Einatmung als eins zu zählen. Aber wenn uns das zu sehr verwirrt, können wir auch Einatmung, Ausatmung und Pause getrennt zählen. Gewöhnlich zählen wir so bis Elf und wiederholen den Zyklus zwei- bis dreimal.

Wir wenden die Technik des Zählens des Atems nur an, wenn unser Geist besonders erregt und in störenden Gedanken verfangen ist. Wenn unser Geist weniger zerstreut ist, ist das Zählen unnötig; es genügt, sich auf die Empfindung zu konzentrieren, die der ein- und ausgehende Atem in den Nasenlöchern hervorruft. Ersatzweise zählen wir den Atemzyklus für ein paar Runden und fahren dann ohne Zählen fort. In welcher Art wir uns auch auf den Atem konzentrieren, wir machen dies solange, bis unser Geist einen gwissen Grad an innerer Stille und Sanftheit erreicht hat. Solange unser Geist von störenden Gedanken aufgewühlt ist, werden wir nicht fähig sein, gut zu meditieren oder aufmerksam Unterweisungen anzuhören.

Untersuchung der Motivation bzw. des Zieles

Sobald unser Geist relativ friedlich ist, untersuchen wir, warum wir meditieren oder studieren wollen bzw. warum wir zu einer Dharmaunterweisung gekommen sind. Mit anderen Worten, wir untersuchen unsere Motivation, womit im Buddhismus unser Ziel oder unser Zweck gemeint ist. Sind wir heute Abend aus einer mechanischen Gewohnheit heraus, ohne bestimmtes Ziel hierher gekommen oder um in einer gesellschaftlichen Zusammenkunft Freunde zu treffen und die angenehme Atmosphäre zu genießen? Oder sind wir tatsächlich hier, um etwas zu lernen? Möchten wir etwas lernen, das intellektuell gesehen interessant ist, oder wünschen wir etwas Praktisches zu lernen, das wir in unserem Leben anwenden können? Wenn es etwas ist, das wir in unserem Leben anwenden möchten, warum möchten wir es anwenden? Was ist das Ziel? Ist es, um das Leben ein bisschen einfacher zu machen? Um Schwierigkeiten zu bewältigen, die wir haben? Oder um zusätzlich fähig zu sein, anderen weniger Probleme zu bereiten? Geht es darum, fähig zu sein, anderen besser helfen zu können? Möglicherweise ist es eine Kombination von mehreren dieser Zwecke.

Möchten wir einen Schritt weitergehen und Shantidevas Text lernen, um Gewohnheiten zu formen, die uns glückliche Wiedergeburten mit mehr Möglichkeiten zu weiterem Studium und Praxis bringen? Machen wir es auch, um zusätzlich fähig zu werden, die Freiheit von jeglicher Art unkontrollierter Wiedergeburt zu erlangen? Oder, sogar darüber hinaus, wünschen wir diesen Text über Bodhisattva-Verhalten zu lernen, damit wir anderen helfen können, unkontrollierte Wiedergeburt zu vermeiden und sie davon zu befreien? Und selbst wenn es nicht eine dieser drei letztgenannten Motivationen ist, haben wir zumindest das Ziel zu versuchen, uns in dieser Richtung zu entwickeln und fortzuschreiten?

Wir folgen dem gleichen selbstprüfenden Verfahren, bevor wir zu Hause meditieren oder Shantidevas Text studieren. Wenn wir entdecken, dass unsere Beweggründe oder Ziele nicht besonders edel sind, wie z.B. Meditieren aus Gewohnheit oder aus einem Gefühl der Schuld, falls wir es ausfallen lassen würden, korrigieren wir unsere Motivationen zu etwas Heilsamerem. Wenn wir bereits konstruktive Beweggründe haben, bestätigen wir diese nochmals. Es ist sehr wichtig dieses Verfahren anzuwenden, weil es leicht passiert, mechanisch zu Belehrungen zu gehen oder zu meditieren und aufgrund dessen wenig davon zu profitieren.

Niederwerfung mit Zuflucht und Bodhicitta

Als nächstes folgt, dass wir „Zuflucht nehmen und Bodhicitta erzeugen“. Dies bedeutet, dass wir uns unseres Ziels und Wunsches, in unserem Leben in eine sichere, positive Richtung zu gehen, nochmals versichern, was ich als „Zufluchtnahme“ übersetze. Wir versuchen, Folgendes zu denken und zu fühlen: „Ich will in eine sichere Richtung gehen, um Probleme und Schwierigkeiten zu vermeiden; ich möchte sie nicht haben. Ich fürchte mich, weiterhin in meiner schwierigen Situation zu bleiben. Worauf deutet diese positive Richtung zur Vermeidung von Problemen hin? Auf einen Geisteszustand frei von Verwirrung und angefüllt mit allen positiven, guten Qualitäten. Solch ein Zustand der Reinigung und des Wachstums ist das Dharma. Diejenigen, die solch einen Zustand auf vollkommene Weise erreicht haben und die diese Richtung offenbaren, sind die Buddhas. Diejenigen, die solch einen Zustand in einem bestimmten Ausmaß erreicht haben, zeigen ebenfalls diese Richtung. Sie sind der Sangha. Das ist die Richtung, welche ich meinem Leben geben werde.“ Zuflucht nehmen bedeutet, sich dieser Richtung im Leben wiederholt zu versichern.

Außerdem nehme ich diese sichere und positive Richtung, um fähig zu werden, anderen so umfassend wie möglich zu helfen, nicht nur um mir selbst zu nutzen. Um dieses Ziel zu erreichen, werde ich den Weg in dieser Richtung bis zum Ende, bis zur Erleuchtung reisen, nicht aufgeben und mich nicht nur mit einem Teil des Weges zufrieden geben. Das ist es, was wir tun, wenn wir uns der Zufluchtnahme und des Bodhicitta nochmals versichern.

Wenn wir die Einstellung oder den Geisteszustand fühlen, in eine sichere Richtung zu gehen, um fähig zu sein anderen zu helfen, und wir vollkommen in diese Richtung gehen, um anderen so gut wie möglich zu helfen, machen wir Verbeugungen. Wenn wir uns bereits hingesetzt haben und uns entscheiden, nicht nochmals aufzustehen, können wir uns einfach vorstellen, dass wir Verbeugungen machen. In gewissem Sinne ist Verbeugen vergleichbar damit, uns selbst vollkommen in diese Richtung zu werfen: Wir tun dies mit Hochachtung – Hochachtung für diejenigen, die in diese Richtung gegangen sind, und Hochachtung für uns selbst und unsere Eignung, dasselbe zu tun. In dieser Weise, ist das Verbeugen kein selbsterniedrigender Akt; es setzt uns nicht herab, sondern ermutigt uns.

Das ist das erste Glied der siebengliedrigen Praxis: Verbeugungen mit Zuflucht und Bodhicitta. Wenn wir dies in einer Studiengruppe praktizieren, setzen wir uns an dieser Stelle hin.

Darbringen

Als nächstes folgen die Darbringungen. Der wichtigste zu entwickelnde Geisteszustand, wenn wir in diesem Zusammenhang Darbringungen machen, ist: „Ich gehe in diese Richtung. Ich werfe mich nicht nur vollkommen in sie, ich bin willens von mir selbst zu geben, von meiner Art zu Leben, von meiner Zeit, von meiner Energie, um dieses Ziel zu erreichen. Ich bin willens, mein ganzes Herz zu geben, um in diese Richtung zu gehen, um anderen besser zu helfen. In diesem Geisteszustand machen wir die Darbringung.

Obwohl wir dies gewöhnlich mit einer Visualisation tun, können wir die Darbringung in physischer Weise machen, wenn wir in unserem Meditationsraum praktizieren. Nach den Verbeugungen und vor dem Hinsetzen, gehen wir zum Altar, tauchen den vierten Finger unserer linken Hand in die Wasserschale und versprengen dreimal ein paar Tropfen davon, symbolisch für den Akt der Darbringung. In einem Sinne machen wir Darbringungen an die Buddhas, aber nicht mit der Einstellung des Gebens eines Geschenkes, damit die Buddhas uns helfen und weil im Falle, dass wir nichts geben würden, wir von ihnen ignoriert würden. Besser gesagt bringen wir alles der Richtung dar, die wir im Leben nehmen werden. Wir versuchen dies mit einem freudigen Geisteszustand zu tun, glücklich darüber, fähig zu sein, uns selbst darzubringen.

Wenn wir es wünschen, können wir ausführliche Darbringungen machen, wie in Shantidevas Text erklärt. Es ist jedoch nicht notwendig, durch eine lange Liste von Dingen zu gehen, die wir darbringen, obwohl wir uns alle möglichen Arten von schönen Objekten vorstellen können. Die Hauptsache ist, das Gefühl zu haben, von uns selbst zu geben. Dies ist das zweite Glied der Vorbereitenden Übungen, die Darbringungen. Wenn wir diesen Schritt am Altar ausgeführt haben, nehmen wir unseren Platz ein.

Fehler zugeben

Der dritte Teil besteht darin, uns aufrichtig unsere Schwächen, Schwierigkeiten und Probleme einzugestehen. Wir bedauern, dass wir sie haben, weil sie uns daran hindern, anderen die bestmögliche Hilfe zu gewähren. Wir wünschen uns, davon frei zu sein, und entschließen uns, zu versuchen, unsere Fehler nicht zu wiederholen. Wir versichern uns der sicheren und positiven Richtung, die wir in unserem Leben zu nehmen versuchen, um anderen umfassender helfen zu können; und letztlich erinnern wir uns daran, dass das Studieren von Shantidevas Text und das Meditieren darüber positive Aktivitäten sind, die wir dazu ausführen, um unseren Fehlern entgegenzuwirken. Das dritte Glied ist außerordentlich wichtig, da wir uns, indem wir eingestehen, dass wir Probleme haben, nochmals klar darüber werden, aus welchem Grund und mit welcher Absicht wir hier sind. Wir möchten Methoden lernen und anschließend praktizieren, um sie zu überwinden

Sich erfreuen

Das vierte Glied ist Erfreuen, welches uns hilft jeglichen Gefühlen von geringem Selbstwert entgegenzuwirken, die möglicherweise aus der Kenntnisnahme unserer Probleme, Fehler und Schwierigkeiten entstehen mögen. Wir brauchen eine ausgeglichene Betrachtung unserer Mängel zusammen mit Anerkennung unserer guten Qualitäten. Jeder von uns hat einige gute Eigenschaften und einige positive Dinge, die er oder sie getan hat. Wir mögen zum Beispiel entdecken: „Ich habe versucht, hilfsbereit zu sein; ich habe versucht, geduldig zu sein; ich habe versucht, verständnisvoll zu sein“ oder was es auch immer sein mag. Wir erinnern und erfreuen uns daran. Wir erfreuen uns außerdem an unserer Buddhanatur. Wir haben die Potentiale und die Fähigkeiten zu wachsen. Wir haben eine Arbeitsgrundlage. Es gibt Hoffnung. Wir schauen ebenfalls auf die Beispiele der guten Eigenschaften und positiven Handlungen von anderen und erfreuen uns ebenso daran, ohne uns eifersüchtig zu fühlen. Es ist wunderbar, dass es andere gibt, die so positiv und hilfsbereit sind, besonders die großen Meister. Dies bezieht sich nicht nur auf die jetzt lebenden spirituellen Lehrer, sondern auch auf die Buddhas und Shantideva. Wir denken, wie wundervoll es ist, dass Shantideva diesen Text geschrieben hat. Ich erfreue mich daran. Vielen Dank, Shantideva. Das ist ein angemessene Geisteshaltung.

Belehrungen erbitten

Nachdem wir uns an den Qualitäten der großen Meister erfreut und Shantideva für das Verfassen des Textes gedankt haben, sind wir bereit für das fünfte Glied, die Bitte um Belehrungen. Wir denken: „Shantideva, es ist phantastisch, dass du diesen Text geschrieben hast. Bring mir etwas davon bei, ich möchte lernen.“ Diese Bitte wirkt der Einstellung entgegen, mit der wir etwas vom Text lesen oder hören und bloß an solche Einwände denken wie: ob denn die Lehren über Geduld im Falle von Hitlers Greueltaten funktionieren können? Obwohl es wichtig ist, die Lehren auf ihre Stichhaltigkeit zu untersuchen, müssen wir zuerst darüber nachdenken, wie sie hinsichtlich unseres Alltags zutreffen. Erst wenn wir verstehen und einschätzen können, wie sie funktionieren würden, können wir überlegen, ob es irgendwelche Ausnahmen gibt. Dann können wir extreme Beispiele untersuchen, wie den Fall Hitler, in denen die Lehre über Geduld entweder überhaupt nicht anwendbar ist, oder aber Fälle, in denen die Lehren nur auf einer fortgeschrittenen Ebene angewandt werden können. Beim Hören neuer Unterweisungen ist eine sofortige Erwiderung mit „ Aber“ kontraproduktiv und widerspricht der offenen Einstellung, dem Wunsch, etwas zu lernen. Deshalb ist ein Herangehen an den Text mit der Geisteshaltung von „Bring mir etwas bei“ entscheidend. Mit solch einer Geisteshaltung versuchen wir zuerst zu schauen, wie wir das, was wir gehört und gelesen haben, anwenden können. Wir sehen alles in Shantidevas Text als eine praktische Unterweisung an, die für uns persönlich anwendbar ist, zu Hause, in unseren Büros, in unseren Familien und unter Freunden.

Wenn wir die siebengliedrige Vorbereitung vor unserer Meditationssitzung praktizieren, bitten wir zusätzlich die Lehrer und die Texte uns mehr zu lehren, in dem Sinne, dass wir Fortschritte in unserer Meditation machen. Wir bitten sie, uns zu inspirieren, mehr Einsicht zu erlangen, mehr Verständnis und Erkenntnis dessen, was sie gelehrt haben.

Den Lehrer anflehen, nicht zu verscheiden

Anschließend sind wir bereit für das sechste Glied, welches beinhaltet, die Lehrer zu bitten, nicht zu verscheiden. Wir denken: „Bitte hört niemals auf zu lehren! Macht für immer weiter!“ Wir flehen nicht aus Anhaftung an unsere Lehrer auf diese Weise. Sondern wir versichern, dass wir ernsthaft und aufrichtig in unserer Praxis sein wollen. „Ich möchte den ganzen Weg zur Erleuchtung gehen, um fähig zu werden, jedem zu helfen. Daher geht nicht weg! Ich muss lernen.“ Wir wenden uns ebenfalls an die Belehrungen selbst: „Unterrichtet mich weiter, Shantideva und dein Text! Lehrt mich mehr und mehr! Lasst mich immer mehr Verständnis gewinnen und mehr und mehr an diesem Material wachsen! Hört niemals auf, bis ich Erleuchtung erlangt habe, bis alle Erleuchtung erlangt haben.“

Widmung

Das siebte und letzte Glied ist die Widmung. Wir denken: „Was auch immer ich lerne, was auch immer ich verstehe, möge es als Ursache für die Erlangung der vollen Erleuchtung wirken und möge ich so fähig sein, anderen so gut wie möglich zu nützen. Möge mein Verständnis tiefer und tiefer gehen. Möge es in mich einsinken und einen tiefen Eindruck hinterlassen, so dass ich langsam fähig werde, es auf meinem Weg zur Erleuchtung anzuwenden. Möge ich insbesondere fähig werden, all das, was ich gelernt habe, in meinem Alltag umzusetzen, so dass es beginnt, meine Beziehungen zu anderen zu verändern, so dass ich ihnen nach und nach immer mehr Freude bringen kann.“

Shantidevas Gebet der Sieben Zweige

Wenn wir es wünschen, können wir die Verse von Shantideva rezitieren, die diese sieben Punkte beinhalten, zusammen mit den vorbereitenden Versen zur Erzeugung der Motivation und den Versen der anschließenden Mandala-Darbringung :

Ich nehme die sichere Richtung bis zu meinem
    gereinigten Zustand
von den Buddhas, dem Dharma,
    und der Höchsten Versammlung.
Möge ich durch die positive Kraft meines Gebens und so weiter
Buddhaschaft erlangen um den Wandernden zu helfen.

Möge die Oberfläche des Landes in allen Richtungen rein sein,
frei von den kleinsten Steinchen,
so geschmeidig wie die Handfläche eines Kindes,
natürlich glänzend, wie ein Beryll.

Mögen göttliche und menschliche Objekte der Darbringung,
tatsächlich aufgestellte und vorgestellte,
so unvergleichlich wie Samantabhadras Darbringungen,
die ganze Sphäre des Raumes erfüllen.

1. Ich werfe ich mich vor euch, den Buddhas,
Welche die drei Zeiten beehrt haben,
Vor dem Dharma und vor euch,
Der ausgezeichneten Gemeinschaft, nieder,
Und verbeuge mich mit Körpern
So zahlreich wie die Atome im Universum.

2. In gleicher Weise wie Manjushri und andere
Dir, dem Glorreichen, Gaben dargebracht haben,
So bringe auch ich euch, meinen So-Gegangenen Beschützer
und euren spirituellen Nachkommen, Gaben dar.

3. Meine ganze, anfangslose samsarische Existenz hindurch,
In diesem Leben und in anderen,
Habe ich unwissend negative Taten begangen,
Oder habe andere zu (solchen) verleitet, und weiter,
Überwältig von der Verwirrung der Naivität
Habe ich mich (an ihnen) erfreut – was immer ich getan habe,
Betrachte ich als Fehler und gebe (sie) euch gegenüber,
Meinen Beschützern, aus tiefstem Herzen zu.

4. Voller Freude erfreue ich mich am Ozean der positiven Kraft,
Den sie daraus schöpfen,
Dass sie die Bodhicitta-Ausrichtung entwickelt haben,
Um jedem begrenzten Wesen Freude zu bereiten,
Und ich erfreue mich an ihren Handlungen,
Die den begrenzten Wesen geholfen haben.

5. Mit aneinander gelegten Handflächen,
Ersuche ich die Buddhas aller Richtungen:
Bitte lasst das Licht des Dharmas für die begrenzten
    Wesen leuchten,
Die in der Dunkelheit leiden und herumsuchen.

6. Mit aneinander gelegten Handflächen
Ersuche ich den Triumphreichen,
Der in einen Zustand
Jenseits von Kummer und Leid eintreten könnte:
Ich bitte dich, verweile für zahllose Weltalter,
Um diese umherwandernden Wesen nicht in ihrer
    Blindheit zurückzulassen.

7. Möge ich durch all die positive Kraft, die ich,
Durch das, was ich so getan habe, aufgebaut habe,
Das gesamte Leiden
Aller begrenzten Lebewesens beseitigen.

In Hinwendung an die Buddha-Felder und durch Darbringung
    dieses Bodens,
mit Duftwasser besprengt und Blumen bestreut,
mit dem Berg Meru, vier Inseln, einer Sonne und einem Mond,
Mögen all jene, die umherwandern, in reine Länder
    geführt werden.
Om idam guru ratna mandala-kam nir-yatayami.
Ich bringe euch dieses Mandala dar, verehrte Gurus.

Abschließende Einstellungen für die Konzentration

Mit dem empfänglichen Geisteszustand, den wir entwickelt haben, sind wir fast vollständig bereit, mit unserem Studienkurs oder unserer Meditationssitzung zu beginnen. Zuerst jedoch ist es hilfreich, eine bewusste Entscheidung zu treffen, mit Konzentration zuzuhören, zu studieren oder zu meditieren. Wir entschließen uns, dass wir unsere Aufmerksamkeit zurückbringen werden, falls sie beginnt zu wandern, und wir uns aufwecken, wenn wir schläfrig werden. Wenn wir diese Entschlüsse bewusst treffen, haben wir bessere Chancen, uns zu konzentrieren.

Schließlich führen wir eine Feineinstellung unserer Konzentration und Energien durch. Im Falle, dass wir uns ein wenig schläfrig oder dumpf fühlen, müssen wir unsere Energien ein wenig heben und uns selbst aufwecken. Um dies zu tun, konzentrieren wir uns auf den Punkt zwischen den Augenbrauen, mit nach oben gerichteten Augen, wobei unser Kopf gerade bleibt, wie es die Kalachakra Unterweisungen lehren.

Dann, im Falle, dass wir uns aufgeregt oder gestresst fühlen und unser Geist umherwandert, müssen wir unsere Energien erden, so dass sie ruhiger werden. Dafür konzentrieren wir uns dann auf einen Punkt leicht unter dem Nabel in der Mitte unseres Körpers, mit nach unten gerichteten Augen, wobei unser Kopf gerade bleibt. Wir atmen normal ein und halten den Atem an, bis wir wieder ausatmen müssen.

Dies vervollständigt die gesamte Serie der vorbereitenden Übungen für den Unterricht, die Meditation und die privaten Dharmastudien. Shantideva selbst betonte den Nutzen und die Notwendigkeit, die siebengliedrige Praxis auszuführen, und jeder tibetisch-buddhistische Meister, dem ich begegnet bin, hat ebenfalls ihre Bedeutung als Basis für die tägliche Praxis hervorgehoben. Schon für sich allein genommen bildet sie eine vollständige tägliche Praxis.

Wir können diese vorbereitenden Übungen ausführen, indem wir Verse wie solche aus Shantidevas Text rezitieren, oder wir können sie ohne Verse ausführen, bloß in unseren eigenen Worten, oder mit dem Gefühlssinn. Hauptsache ist, dass wir etwas Gefühl für jedes der sieben Glieder haben. Etwas zu fühlen, ist das, was den Geist in einen förderlichen Zustand für die Meditation oder das Studium bringt.

Für unsere täglichen Meditationssitzungen nach den vorbereitenden Übungen können wir uns auf den Atem konzentrieren, auf eine Thematik des Stufenweges zur Erleuchtung (Lam-rim), oder auf einige Verse von Shantideva. Die vorbereitenden Übungen bringen unseren Geist in einen geeigneten, aufnahmefähigen Zustand, egal was wir für unsere eigentliche Sitzung wählen. Wir mögen uns sogar dafür entscheiden, nur die vorbereitenden Übungen zu machen, welche in sich selbst eine exzellente Praxis sind. Das Maß an Zeit, das wir in die vorbereitenden Übungen investieren, kann variieren und ist uns überlassen. Egal, ob wir sie schnell oder langsam machen, müssen wir jedoch vermeiden, sie als leeres Ritual auszuführen. Wir müssen uns ihrer Bedeutung gewahr sein und versuchen, jeden Schritt aufrichtig zu fühlen.

Vielen Dank!