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Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Tantra verstehen lernen

Alexander Berzin, 2002
Übersetzung ins Deutsche: Karin Behrendt und Monika Schreiber

Teil I: Grundlegende Fragen und Zweifel in Bezug auf Tantra

5. Tantrische Metaphorik

Prüfung des Missverständnisses

Einer der oft verwirrenden und häufig falsch verstandenen Aspekte des Tantra sind seine metaphorischen Abbildungen, die auf Sex, Teufelsanbetung und Gewalt schließen lassen könnten. Buddhagestalten erscheinen oft als Paare in Vereinigung, und viele haben dämonische Gesichter, stehen inmitten von Flammen und trampeln mit ihren Füßen auf hilflosen Wesen herum. Diese Abbildungen versetzten frühe westliche Gelehrte mit ihrem viktorianischen oder missionarischen Hintergrund oft in Schrecken.

Selbst heutzutage glauben einige, dass die Paare die sexuelle Ausbeutung der Frau versinnbildlichen. Andere stellen sich vor, dass Paare in Vereinigung die Transzendenz jeglicher Dualität repräsentieren, in dem Maße, dass es keinen Unterschied zwischen „gut“ oder „schlecht“ gäbe. Sie denken folglich, dass Tantra unmoralisch sei und die Verwendung von Alkohol und Drogen sowie hedonistisches, kriminelles und tyrannisches Verhalten nicht nur billigen sondern ermutigen würde. Einige gehen so weit, dass sie respektierten tantrischen Meistern vorwerfen, die Welt beherrschen zu wollen.

Westliche Menschen sind nicht die ersten, die Tantra zu einer degenerierten Form des Buddhismus erklären. Als Tantra ursprünglich in der Mitte des achten Jahrhunderts nach Tibet kam, nahmen viele die Metaphorik der Bilder wörtlich und dachten, sie wäre ein Freibrief für rituellen Sex und Blutopfer. Als Folge verbot ein religiöses Konzil Anfang des neunten Jahrhunderts weitere offizielle Übersetzungen von Tantra-Texten und untersagte die Aufnahme der Tantra-Terminologie in seinem Werk „Großes (Sanskrit-tibetisches) Wörterbuch“. Einer der wichtigsten Anlässe, warum die Tibeter indische Meister für die zweite Verbreitung des Buddhismus nach Tibet einluden, war, das Missverständnis über Sex und Gewalt im Tantra klären zu wollen.

Nicht alle Menschen im Westen, die früh Kontakt mit dem Tantra hatten, hielten die bildlichen Darstellungen für verderblich. Etliche von ihnen missverstanden sie auf andere Weisen. Einige zum Beispiel hatten das Gefühl, dass die sexuelle Metaphorik den psychischen Prozess der Integration der männlichen und weiblichen Prinzipien in jedem Menschen symbolisierte. Andere, wie anfänglich viele Tibeter, fanden die Bilder erotisch. Selbst jetzt wenden sich einige Menschen dem Tantra in der Hoffnung zu, neue und exotische sexuelle Techniken oder eine spirituelle Rechtfertigung für ihre Sexbesessenheit zu finden. Andere wiederum finden die beängstigenden Gestalten verlockend, weil sie außergewöhnliche Kräfte zu versprechen scheinen. Derartige Menschen folgen dem Beispiel des mongolischen Eroberers des dreizehnten Jahrhunderts, Kublai Khan, der sich dem tibetischen Tantra in erster Linie aufgrund des Wunsches zuwandte, dass es ihm helfen würde, seine Feinde zu besiegen.

Missverständnisse über das Tantra sind daher ein ständiges Problem. Der Grund, warum Tantra auf Geheimhaltung seiner Lehren und bildlichen Darstellungen besteht, liegt darin, solche falschen Auffassungen zu vermeiden, nicht darin, etwas Perverses zu verbergen. Nur Menschen, die durch Studium und Meditation darauf ausreichend vorbereitet sind, haben den Hintergrund, um Tantra in seinem richtigen Kontext zu verstehen.

Paare in Vereinigung

Die Bewusstmachung und Integration des männlichen und weiblichen Prinzips sind wichtige und hilfreiche Bestandteile auf dem Weg zu einer psychischen Reife, wie er von mehreren therapeutischen Ansätzen auf der Basis der Arbeit Jungs gelehrt wird. Buddhistisches Tantra als alte Quelle für diesen Ansatz zu bezeichnen ist jedoch zu weit hergeholt. Das Missverständnis rührt daher, dass man die Buddhagestalten als Paare in Vereinigung sieht und das tibetische Wort für das Paar, yab-yum, fälschlicherweise als männlich und weiblich übersetzt. In Wirklichkeit bedeuten die Worte Vater und Mutter. Genau wie Vater und Mutter in Vereinigung erforderlich sind, um ein Kind zu zeugen, sind Methode und Weisheit in Vereinigung vonnöten, um Erleuchtung hervorzubringen.

Methode, der Vater, steht für Bodhicitta und verschiedene andere Ursachen, die im Tantra gelehrt werden, um die erleuchtenden physischen Körper eines Buddha oder eines Buddhas allwissendes Gewahrsein der konventionellen Wahrheit zu erlangen. Weisheit, die Mutter, steht für die Erkenntnis der Leerheit mit verschiedenen Ebenen des Geistes, als Ursachen für den erleuchtenden Geist eines Buddha oder eines Buddhas allwissenden Gewahrseins der tiefsten Wahrheit. Die Vereinigung der physischen Körper eines Buddhas und eines Buddhas allwissenden Gewahrseins der konventionellen und tiefsten Wahrheit aller Dinge zu gewinnen erfordert das Praktizieren einer Vereinigung von Methode und Weisheit. Da traditionellen indischen und tibetischen Kulturen das Bibel-basierte Gefühl der Prüderie fehlt, wenn es um Sex geht, unterliegen sie keinen Tabus in der Benutzung sexueller Metapher, um diese Vereinigung zu symbolisieren.

Eine Bedeutungsebene des Vaters als Methode ist glückseliges Gewahrsein. Die Vereinigung von Vater und Mutter symbolisiert glückseliges Gewahrsein, verbunden mit der Erkenntnis von Leerheit – mit anderen Worten die Erkenntnis oder das Verständnis von Leerheit mit einem glückseligen Gewahrsein. Glückseliges Gewahrsein bezieht sich hier nicht auf die Seligkeit der orgastischen Entladung wie bei gewöhnlichem Sex sondern auf einen glückseligen Geisteszustand, der durch fortgeschrittene Yoga-Methoden erlangt wurde, in denen die Energiewinde (tib. lung, rlung, Skt. prana) in den zentralen Energiekanal gebracht werden. Eine anhaltende Abfolge von Momenten eines derartigen geistigen Zustands ist förderlich für das Erreichen der subtilsten Ebene des geistigen Kontinuums, das eigene Kontinuum des klaren Lichts – die effizienteste Erfahrungsebene, um Leerheit zu erkennen. Die Umarmung von Vater und Mutter symbolisieren daher auch den glückseligen Aspekt der Vereinigung von Methode und Weisheit, aber keinesfalls den Gebrauch von gewöhnlichem Sex als Tantra-Methode.

Für die letzten Phasen des Pfades der höchsten Tantra-Klasse trifft es zu, dass bei den fortgeschrittenen Yoga-Methoden für das Versammeln der Energiewinde im Zentralkanal Mann und Frau in einer Haltung der Vereinigung sitzen. Weit entfernt von Ausbeutung ist es jedoch erforderlich, dass beide Partner dieselbe fortgeschrittene Stufe spiritueller Entwicklung erreicht haben. Dazu gehört, dass beide die Stufe der Kontrolle über ihre subtilen Energien und ihren Geist erlangt haben, so dass sich beide, obwohl sich die unteren Spitzen ihrer Zentralkanäle berühren, nicht orgastisch entladen.

In solch einer yogischen Haltung zu sitzen und dabei komplexe Visualisationen auszuführen und über Leerheit zu meditieren wird nur vollzogen, um die Praxis auf den am weitesten fortgeschrittenen Stufen zu verstärken. Es wird nicht als Hauptpraxis oder regelmäßig ausgeübt und ist mit Sicherheit keine Praxis für frühere Stufen des Pfades.

Um jegliche Möglichkeit von Frauenfeindlichkeit, Macho-Verhalten oder männlichem Chauvinismus zu vermeiden, besteht zudem eines der tantrischen Gelübde darin, nie schlecht über Frauen zu sprechen und sie nie schlecht zu behandeln.

Nichtdualität

Jede tantrische Initiation erfordert das Ablegen von Gelübden, destruktives Verhalten zu unterlassen. In allen Tantra-Klassen legen Praktizierende die Bodhisattva-Gelübde ab, Verhalten zu unterlassen, das anderen Leid zufügen würde oder sie davon abhalten würde, anderen zu helfen. Die benötigte Grundlage dafür ist, dass man Zuflucht genommen hat (eine sichere Richtung in seinem Leben eingeschlagen hat) und ein gewisses Maß an Laien- oder monastischen Gelübden einhält, wie es zu unterlassen, jemandem das Leben zu nehmen, zu stehlen, zu lügen, unangemessenes sexuelles Verhalten an den Tag zu legen oder Rauschmittel zu sich zu nehmen. Eine Initiation in die zwei höchsten Tantra-Klassen erfordert auch, dass man die tantrischen Gelübde ablegt, Verhaltensweisen zu unterlassen, die dem eigenen spirituellen Fortschritt schaden, wie es zu vernachlässigen, jeden Tag auf die Leerheit achtsam zu bleiben.

Leerheit bedeutet nicht, dass alles, einschließlich der Ethik, in Wirklichkeit nicht existiert. Sie negiert nie die konventionellen Unterschiede zwischen destruktivem und konstruktivem Verhalten, oder das Funktionieren von verhaltensabhängiger Ursache und Wirkung. Nichtdualität, wie sie von Paaren in Vereinigung repräsentiert wird, bedeutet, dass Kategorien wie „destruktiv“ und „ konstruktiv“ nicht unabhängig voneinander existieren. Sie sind Bezeichnungen, die in Bezug aufeinander und in Bezug auf ihre Ursachen und Wirkungen gegeben werden. Über den Dualismus hinauszugehen bedeutet daher nicht, befugt zu sein, sich selbstsüchtigem oder ausbeuterischem Benehmen hinzugeben und die Verantwortung für die eigenen Handlungen abzulehnen. Es bedeutet, ein Gewahrsein über die Gesamtheit der Realität zu erlangen, mit einer Vision von der wechselseitigen Beziehung und gegenseitigen Abhängigkeit von allem.

Darüber hinaus symbolisiert das Akzeptieren einer kleinen Kostprobe von speziell gesegnetem Alkohol und Fleisch in bestimmten Ritualen für die Praktizierenden die Reinigung und Benutzung der subtilen Energien in ihrem Körper, um Erleuchtung zu erlangen. Wie das Empfangen von speziell gesegnetem Brot und Wein während eines christlichen Abendmahls bedeutet die symbolische Handlung schwerlich eine Billigung von Alkohol oder Drogenmissbrauch.

Friedvolle und kraftvolle Gestalten

Buddhagestalten können friedvoll oder kraftvoll sein, was auf der einfachsten Ebene dadurch ausgedrückt wird, dass sie ein Lächeln im Gesicht tragen oder die Zähne blecken. Im Detail haben kraftvolle Formen furchteinjagende Gesichter, tragen ein Arsenal von Waffen und stehen inmitten von Flammen. Ihre Beschreibungen listen in blutigen Einzelheiten verschiedene Weisen auf, wie sie ihre Feinde zerschmettern. Ein Teil der Verwirrung über die Rolle und den Zweck dieser kraftvollen Formen entsteht aus der gewöhnlichen Übersetzung des Wortes, das sie bezeichnet, trowo (tib. khro-bo, Skt. krodha) als wütende oder zornvolle Gottheiten.

Für viele Menschen im Westen, die vor dem Hintergrund der Bibel aufwuchsen, enthält der Begriff zornvoll einen Beigeschmack von einem allmächtigen Wesen mit gerechter, rächender Wut. Derartige Wesen teilen göttliche Strafen aus, als Vergeltung für Übeltäter, die ihre Gesetze missachtet oder sie irgendwie gekränkt haben. Für einige mag eine zornvolle Gottheit an den Teufel oder einen Dämon erinnern, der sein Werk auf der Seite der Dunkelheit verrichtet. Das buddhistische Konzept hat nichts mit solchen Vorstellung zu tun. Obwohl der tibetische Begriff von einem der gebräuchlichen Worte für Wut abstammt, hat Wut hier eher eine Bedeutung von Abscheu – ein grober Geisteszustand, der auf ein Objekt gerichtet ist, mit dem Wunsch, es loszuwerden. Daher wäre eine angemessenere Übersetzung für „trowo“ vielleicht eine kraftvolle Gestalt.

Kraftvolle Gestalten symbolisieren die starken energischen Mittel, die oft vonnöten sind, um geistige und emotionale Blockaden zu durchbrechen, die einen daran hindern, einen klaren Kopf zu haben oder mitfühlend zu sein. Bei den Feinden, die von den Gestalten zerschmettert werden, handelt es sich unter anderem um geistige Trägheit, Faulheit und Egozentrik. Die Waffen, die sie benutzen, umfassen positive Eigenschaften, die auf dem spirituellen Pfad entwickelt wurden, wie Konzentration, Enthusiasmus und Liebe. Die Flammen, die sie umzingeln, sind unterschiedliche Arten von tiefem Gewahrsein (tib. ye-shes, Skt. jnana, Weisheit), die Verdunklungen verbrennen. Sich selbst als eine kraftvolle Gestalt zu visualisieren hilft einem, die geistige Energie zu bändigen und den Entschluss zu fassen, „innere Feinde“ zu überwinden.

Aus buddhistischer Perspektive kann die subtile Energie des Kontinuums des klaren Lichts friedvoll oder kraftvoll sein. Wenn sie mit Verwirrung verbunden sind, können die friedvollen und kraftvollen Energien und die emotionalen Zustände, hinter denen sie stehen, destruktiv werden. Friedvolle Energie zum Beispiel kann lethargisch werden, und kraftvolle Energie wird wütend und gewalttätig. Sind sie frei von Verwirrung, lassen sich die Energien leicht mit Konzentration und unterscheidendem Gewahrsein verbinden (tib. shes-rab, Skt. prajna, Weisheit), so dass sie für positiven, konstruktiven Gebrauch zur Verfügung stehen. Mit friedvoller Energie kann man sich selbst und andere beruhigen, um mit Schwierigkeit auf besonnene Weise umzugehen. Mit kraftvoller Energie kann man sich selbst und andere dazu wachrufen, mehr Stärke, Mut und geistige Intensität zu besitzen, um gefährliche Situationen zu überwinden.

Abschließende Bemerkungen

Heutige westliche Werbung und Unterhaltung bezieht einen Teil ihres Erfolgs aus der Faszination der meisten Menschen für Sex und Gewalt. Für einige ist es auch diese Faszination, die sie zum Tantra zieht. Diese Anziehung kann sie jedoch zu höheren Zielen führen.

Im Allgemeinen regt es die Energien von Menschen an, wenn sie etwas über Sex oder Gewalt sehen oder hören oder sie ausüben. Hormone fließen und der Geist wird intensiv. Die Gewalt muss nicht blutrünstig sein sondern kann auch Extrem- oder Kontaktsportarten umfassen. Einige Menschen erleben natürlich eine Abneigung gegen solche Dinge oder sind so abgestumpft davon, dass sie nichts fühlen. Denken Sie jedoch an jene, die davon fasziniert oder wie besessen sind. Wenn Verwirrung die Energien begleitet, die von ihrer Leidenschaft erweckt wurden, können solche Menschen Probleme für sich selbst und andere bereiten, zum Beispiel indem sie sich wie Rohlinge verhalten. Wenn Menschen ihre Energien auf der anderen Seite mit Achtsamkeit, Konzentration und Einsicht begleiten, können sie die Energien für positive Ziele benutzen. Tantra bietet die geschickten Methoden für das Hervorbringen der Transformation, besonders, um anderen helfen zu können. Um den vollen Nutzen aus Tantra-Praxis zu ziehen, ist jedoch ein tieferes Verständnis der beteiligten Prozesse vonnöten.