Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Tantra verstehen lernen

Alexander Berzin, 2002
Übersetzung ins Deutsche: Karin Behrendt und Monika Schreiber

Teil I: Grundlegende Fragen und Zweifel in Bezug auf Tantra

4. Buddhaformen

Um Faszination, Widerwillen oder Verwirrung über die unglaubliche Vielfalt und die ungewöhnlichen Formen von Buddhagestalten zu überwinden, die im Tantra benutzt werden, müssen westliche Menschen deren Stellung und Zweck auf dem buddhistischen Pfad verstehen. Sie müssen sie auch vom westlichen Konzept von Selbstbildern, Archetypen und Anbetungsobjekten unterscheiden. Sonst verwechseln sie Tantra-Praxis mit Formen der Psychotherapie oder frommen polytheistischen Religionen und berauben sich so des vollen Nutzens der Buddhaformenpraktiken.

Der Gebrauch von Buddhaformen in Praktiken, die Mahayana-Sutra und -Tantra gemein sind

Um Achtsamkeit und Konzentration zu erlangen, kann man sich auf das Sinnesbewusstsein konzentrieren, zum Beispiel auf die physische Sensation des Ein- und Ausströmens des Atems durch die Nase. In Mahayana-Sutra- und Mahayana-Tantra-Praxis dienen jedoch meistens visualisierte Buddhaformen als Objekte der Ausrichtung, um einsgerichtete Konzentration zu erlangen. Eine derartige Praxis steht im Einklang mit dem Werk „Eine Anthologie spezieller Themen des Wissens“, in der Asanga Konzentration als den geistigen Faktor definiert, der geistiges Gewahrsein auf konstruktive Objekte oder in konstruktiven Geisteszuständen fokussiert hält. Der indische Mahayana-Meister definierte Konzentration auf diese Weise aufgrund der vielen Vorteile, die man gewinnt, wenn man sie entwickelt, speziell mit geistigem Gewahrsein.

So erfordert zum Beispiel ein Buddha zu werden vertiefte Konzentration über Liebe, Mitgefühl und das korrekte Verständnis dessen, wie die Dinge wirklich existieren. Wenn man bereits Konzentration mit geistigem Gewahrsein entwickelt hat, kann man sie leichter auf diese geistigen und emotionalen Zustände anwenden als wenn man Konzentration durch Sinnesgewahrsein entwickelt hat. Hinzu kommt, dass die Ausrichtung auf Buddhaformen – besonders die Form Shakyamunis – da sie Erleuchtung symbolisieren, Praktizierenden hilft, auf die sichere Richtung der Zuflucht ausgerichtet zu bleiben. Es hilft ihnen auch, die Achtsamkeit auf die Bodhicitta-Motivation beizubehalten, Erleuchtung erlangen zu wollen, um anderen so weit wie möglich helfen zu können.

Sowohl Sutra- wie Tantra-Mahayana-Praktiken beinhalten das Visualisieren von Buddhaformen vor einem selbst, über dem eigenen Kopf und im eigenen Herzen. Einzig in der Tantra-Praxis übt man sich jedoch darin, sich selbst als Buddhaform zu visualisieren. Sich vorzustellen, dass man selbst die erleuchtenden physischen, kommunikativen und geistigen Fähigkeiten einer Buddhaform besitzt, fungiert als kraftvolle Ursache dafür, diese Qualitäten zu realisieren und sie zu erlangen.

Buddhaformen und Selbstbilder

Die meisten Menschen haben ein oder mehrere Selbstbilder, mit denen sie sich identifizieren. Diese Bilder können positiv, negativ oder neutral sein und entweder akkurat oder übertrieben. Buddhaformen auf der anderen Seite sind Bilder, die ausschließlich akkurate positive Eigenschaften symbolisieren. Durch ihr Verständnis der Buddhanatur benutzen Tantra-Praktizierende diese Bilder als integralen Teil des Pfades zur Erleuchtung und ersetzen damit ihr gewöhnliches Selbstbild.

Buddhaformen symbolisieren die Gesamtheit aller Potentiale der Buddhanatur – auf der Ebene der Basis, wenn sie ungeläutert sind, auf der Ebene des Pfades, wenn sie teilweise geläutert sind, und auf der resultierenden Ebene der Erleuchtung, wenn sie völlig geläutert sind. Zudem symbolisieren die meisten Formen einen spezifischen Aspekt der Buddhanatur auf Basis-, Pfad- und resultierender Ebene. So repräsentiert Avalokiteshvara zum Beispiel Mitgefühl auf der Grundlage der natürlichen Herzenswärme, und Manjushri steht für Weisheit, basierend auf der innewohnenden Klarheit des Geistes. Die Identifikation mit der Form trägt dazu bei, die spezielle Qualität zu verstärken, die sie verkörpert.

Bei der Identifikation mit Buddhaformen blasen sich Tantra-Praktizierende jedoch nicht mit Wunschdenken auf. Sie basieren ihre Identifikation auf den Potentialen ihrer Buddhanatur, die ihnen ermöglichen, diese Qualitäten zum Wohle aller zu verwirklichen. Oder sie verstehen, dass die Buddhaformen und die guten Eigenschaften, die sie verkörpern, geläuterte höhere Ebenen sind, mit denen ihre eigene Erscheinung und ihre Qualitäten auf gültige Weise mitschwingen.

Menschen können zum Beispiel ein Bild von sich haben, dass sie emotional steif oder geistig langsam sind. Es kann sein, dass sie wirklich angespannt und schwerfällig sind, doch die Identifikation mit diesen Eigenschaften als Selbstbild kann sie leicht deprimieren und ihre Bemühungen, anderen zu nutzen, dämpfen. Wenn sie sich auf der anderen Seite selbst als Buddhaform vorstellen, mit warmem Herzen und klarem Geist, sind sie nicht mehr besorgt um ihre Unzulänglichkeiten. Die Visualisation hilft ihnen, Zugang zu inneren positiven Eigenschaften zu finden, besonders wenn sie diese dringend brauchen.

Außerdem halten Menschen ihr Selbstbild meist für ihre wahre und innewohnende Identität. Sie glauben, das sei es, was sie wirklich sind, ganz gleich unter welchen Umständen. Tantra-Praktizierende auf der anderen Seite betrachten Buddhaformen nicht als etwas, das ihnen aus sich heraus ihre innewohnende Identität verleiht, unabhängig von der Praxis, die erforderlich ist, um die von ihnen repräsentierten Qualitäten zu realisieren.

Eine enge Bindung mit einer Buddhaform einzugehen und sich in der Vorstellung in sie zu verwandeln unterscheidet sich auf verschiedene weitere Weisen von einer beiläufigen oder systematischen Verbesserung des Selbstbildes. Durch das Empfangen von Ermächtigungen, bevor sie die Tantra-Selbstverwandlung aufnehmen, aktivieren und verstärken Praktizierende formell das innewohnende Potential, das ihnen ermöglicht, wie diese Formen zu werden. Sie machen die bewusste Erfahrung, dass die Formen und ihre Qualitäten untrennbar von ihnen selbst existieren und dass die Leerheit ihrer geistigen Kontinua es ermöglicht, dass Verwandlung eintreten kann. Die Gelübde, die sie während der Zeremonie abgelegt haben, etablieren, strukturieren und sichern diese enge Bindung. Darüber hinaus gewährt die Beziehung, die mit dem tantrischen Meister etabliert wurde, der die Ermächtigung gewährt, eine anhaltende Inspiration, um das Potential auf dem gesamten Pfad zu stärken und anzuspornen.

Buddhaformen und Archetypen

Gemäß der Jungschen Psychologie sind Archetypen Symbole für grundlegende Gedanken- und Verhaltensmuster, die im kollektiven Teil des Unbewussten eines jeden vorhanden sind. Sie entspringen der kollektiven Erfahrung von entweder der Menschheit im Allgemeinen oder einer bestimmten Kultur oder Epoche, und es liegt an ihnen, dass Menschen auf Situationen auf ähnliche Weise wie ihre Vorfahren reagieren. Archetypische Symbole wie eine liebende Mutter oder ein liebevoller Vater, die oder der weise Alte, der tapfere Held oder die böse Hexe finden ihren Ausdruck in Mythen und Phantasien. Ihre Formen mögen je nach Gesellschaft oder Zeit voneinander abweichen, doch die Gedanken- oder Verhaltensmuster, die sie symbolisieren, bleiben dieselben. Psychologische Reife entsteht aus der Bewusstmachung des intuitiven Wissens, das vom gesamten Spektrum der Archetypen symbolisiert wird, und dadurch, dass man es harmonisch in das eigene Leben einbezieht.

Einige Symbole vermitteln Bedeutungen, die für Menschen jeglicher Kultur verständlich sind – entweder auf den ersten Blick oder aufgrund einer einfachen Erklärung. Eine Mutter, die ein Kleinkind füttert, symbolisiert zum Beispiel überall nährende Liebe. Andere Symbole lassen nicht klar erkennen, was sie bedeuten. Die vierarmige Gestalt Avalokiteshvaras zum Beispiel legt Menschen aus nicht buddhistischen Kulturen nicht unbedingt Mitgefühl nahe. Die Bedeutungen archetypischer Symbole ist meistens recht offensichtlich, wohingegen die Bedeutungen von Buddhaformen nicht unbedingt offensichtlich sind.

Zudem sind Archetypen allgemeingültige Merkmale des Unbewussten eines jeden, während Buddhaformen kollektive Merkmale sind, die mit dem Kontinuum des klaren Lichts eines jeden verbunden sind. Das Kontinuum des klaren Lichts ist dem kollektiven Unbewussten nicht gleichzusetzen. Obwohl beide geistigen Fähigkeiten Merkmale haben, derer man sich normalerweise nicht bewusst ist, ist das Kontinuum des klaren Lichts die subtilste Ebene des geistigen Kontinuums und gewährt einem Individuum die Kontinuität von einem Leben zum nächsten. Das kollektive Unbewusste andererseits erklärt die Kontinuität mythischer Muster über fortlaufende Generationen. Es manifestiert sich in jeder Person, aber nur in Menschen, und setzt sich nicht durch einen Wiedergeburtsprozess fort.

Zudem sind Buddhaformen weder konkrete noch abstrakte Symbole, die in einem Kontinuum des klaren Lichts zu finden sind. Noch sind sie an anderer Stelle zu finden. Stattdessen symbolisieren Buddhaformen das innewohnende Potential des Kontinuums des klaren Lichts eines jeden, Gedanken- und Verhaltensmuster entstehen zu lassen, ob dieses Potential nun unverwirklicht, teilweise verwirklicht oder völlig verwirklicht ist. Sie symbolisieren das Potential für allgemeine positive Eigenschaften wie Mitgefühl oder Weisheit, statt das Denken und Verhalten in bestimmten familiären, gesellschaftlichen oder mythischen Rollen. Die Buddhaformen, die mit störenden Emotionen wie Wut verbunden sind, symbolisieren nur die Transformation und die konstruktive Nutzung der Energie, die diesen Emotionen zugrunde liegt, und nicht die destruktiven negativen Emotionen selbst.

Zusätzlich klärt der Buddhismus die Bedeutung dessen, dass die Buddhaformen kollektiv sind. Der Buddhismus akzeptiert die Existenz von Allgemeinbegriffen und Spezifika. Allgemeinbegriffe sind metaphysische Abstraktionen, die Gruppierungen von ähnlichen Dingen zugewiesen werden, um sie in Kategorien einzuordnen, die durch Worte und Konzepte definiert sind. So haben alle Menschen zum Beispiel ein ähnliches Etwas in ihrem Gesicht, durch das sie atmen. Der Allgemeinbegriff Nase ist etwas, das diesem Gesichtszug zugewiesen wird, wodurch man allen derartigen Zügen den Namen Nase geben kann. Die Nase jedes Einzelnen ist jedoch eine individuelle, und die Nase des einen ist nicht die eines anderen Menschen. Eine allgemeine Nase existiert nicht irgendwo für sich allein als ideales Modell, getrennt von spezifischen Nasen, noch erlangen Menschen die allgemeingültige Nase durch Kontemplation über ihre eigenen Nasen. Das gleiche gilt für Buddhaformen und die Buddhanaturpotentiale, die sie symbolisieren. Allgemeingültige Buddhaformen existieren nicht als individuelle Wesen getrennt vom Kontinuum des klaren Lichts von Einzelpersonen, noch erlangen Menschen Zugang zu allgemeingültigen Buddhaformen durch die Buddhaformen ihres Kontinuums des klaren Lichts, wie das Erreichen Gottes durch den göttlichen Geist in ihrer Seele.

Darüber hinaus treten Buddhagestalten, im Gegensatz zu Archetypen, nicht spontan in Träumen, Phantasien oder Visionen ins Bewusstsein, es sei denn, Menschen haben sich in ihrem jetzigen oder einem der letzten vorangegangenen Leben sorgfältig mit ihren Formen vertraut gemacht. Das gleiche gilt auch für das Bardo, die Zeit zwischen Tod und Wiedergeburt. „Das tibetische Totenbuch“ beschreibt die Buddhagestalten, die im Bardo erscheinen, und rät jenen, die sich im Zwischenzustand befinden, die Gestalten als bloße Erscheinungen zu erkennen, die von ihrem Kontinuum des klaren Lichts hervorgebracht werden. Diese Instruktionen sind jedoch nur für Menschen gedacht, die Tantra in ihrem Leben praktiziert haben. Menschen, die nicht zuvor Tantra praktiziert haben, erleben normalerweise, dass ihr Kontinuum im Bardo andere Erscheinungen hervorbringt, nicht die von Buddhagestalten.

Buddhagestalten als Emanationen von Buddhas

Obgleich Buddhaformen sowohl die Gesamtheit als auch die spezifischen Aspekte der Basis-, Pfad und resultierenden Buddhanaturen symbolisieren, sind sie nicht nur Symbole. In dem Text „Eine ausführliche Erklärung von (Chandrakirtis) ‚Erhellender Lampe’“ erklärte Sherab-Sengge, der Gelug-Gründer des Kollegs der unteren Tantras, dass Buddhagestalten dieselben geistigen Kontinua besitzen wie Buddhas. Das liegt daran, dass sie Emanationen der erleuchtenden Kontinua des klaren Lichts der Buddhas sind. Shakyamuni zum Beispiel emanierte sich, obwohl er vor Äonen Erleuchtung erlangt hatte, als Prinz Siddharta und gab den Anschein, als würde er in dessen Leben ein Buddha werden. Er tat dies, um Anfängern zu helfen, Zuversicht zu gewinnen, dass das Praktizieren der Lehren Ergebnisse zeitigt. Auf ähnliche Weise nahm Shakyamuni die Form Vajradharas an, als er das „Guhyasamaja-Tantra“ übertrug, und emanierte sich selbst gleichzeitig als Vajrapani, der die Lehren zusammentrug. Buddha erweckte lediglich den Anschein, dass die Buddhagestalt Vajrapani jemand anderes als Vajradhara sei, um Anfänger auch dazu zu inspirieren, den Lehren aufmerksam zuzuhören und sich gewissenhaft an sie zu erinnern und sie zu praktizieren. Shakyamuni, Vajradhara und Vajrapani waren tatsächlich alle ein und dieselbe Person.

Buddhas emanieren Buddhaformen aus ihrem Kontinuum des klaren Lichts, um Wesen auf viele Weisen zu nutzen, besonders indem sie als Symbole der verschiedenen Faktoren der Buddhanatur dienen. Durch das Erkennen der Untrennbarkeit zwischen Buddhagestalten und den Kontinua des klaren Lichts der Buddhas und der tantrischen Meister erkennen Praktizierende, dass sowohl die vorgestellten als auch die tatsächlichen Buddhaformen, mit denen sie in der Meditation eine Bindung eingehen, Emanationen ihres eigenen Kontinuums des klaren Lichts sind. Genau wie jedes Kontinuum des klaren Lichts eine Erscheinung einer Nase hervorbringen kann, ohne dass die Nase des einen Menschen die eines anderen wäre, kann jedes Kontinuum des klaren Lichts gleichermaßen Buddhagestalten emanieren, obwohl die Buddhagestalten eines Kontinuums des klaren Lichts nicht die Buddhagestalten eines anderen sind. Die Erkenntnis der Untrennbarkeit der Buddhagestalten von ihrem eigenen Kontinuum des klaren Lichts hilft Praktizierenden, die Buddhanatur-Faktoren zu realisieren, die die Gestalten symbolisieren.

Buddhaformen als Objekte für Gebete

Mahayana-Sutra- und Mahayana-Tantra-Praktizierende beten oft zu Buddhaformen wie zum Beispiel zu Tara. Die beiden Wahrheiten oder Tatsachen, was Dinge betrifft, die der indische Meister Nagarjuna in „Wurzelverse über den mittleren Weg“ ausführt, werfen Licht auf dieses Phänomen. Gemäß der Interpretation von sowohl Sutra wie Tantra besteht die konventionelle Wahrheit über eine Sache in dem, wie sie alltäglichen Wesen erscheint. Ihre tiefste Wahrheit ist, wie das Objekt wirklich existiert – eine Tatsache, die von seiner Erscheinung verborgen wird.

Vom konventionellen Standpunkt alltäglicher Menschen her betrachtet, scheinen Buddhagestalten wie Tara unabhängig existierende Wesen zu sein, die die Kraft besitzen, die Wünsche der Bittsteller zu erfüllen. Die tiefste Tatsache ist jedoch, dass es keine unabhängig existierende Tara gibt: Alle Taras sind Emanationen der Kontinua des klaren Lichts der Buddhas und der Menschen, die zu Tara beten. Darüber hinaus sind Buddhagestalten sogar als Emanationen von Kontinua des klaren Lichts nicht fähig, aus eigener Kraft und von ihrer Seite aus, unabhängig von allem anderen, Resultate wie die Erfüllung von Wünschen hervorzubringen. Der Buddhismus bestreitet das und betrachtet das als unmöglich. Dennoch können Gebete zu Tara dazu beitragen, dass Wirkung eintritt, ob man Tara nun als eine Emanation des Buddha oder als Emanation des eigenen Kontinuums des klaren Lichts und die eigenen Potentiale symbolisierend ansieht oder nicht. Das liegt daran, dass der starke Wunsch des Gebets als ein Umstand für die Aktivierung der eigenen innewohnenden Potentiale fungiert.

Um ein Beispiel zu nennen: Ihre Verehrer beten häufig zu Tara als äußeres Wesen mit der Bitte um Schutz vor Angst. Es kann sein, dass Tara Menschen dazu inspiriert, mutig zu sein, doch der Hauptgrund für die Überwindung der Angst dieser Menschen ist das Potential ihres Kontinuums des klaren Lichts zu verstehen, wie Dinge tatsächlich existieren, und der Mut, der damit ganz von selbst einhergeht. Es ist jedoch Inspiration (tib. byin-rlabs, Skt. adhishthana, Segen) erforderlich, damit die Verehrenden ihr Potential aktivieren und benutzen können, und Inspiration kann sowohl äußeren als auch inneren Quellen entspringen. Ein wichtiger Buddhanatur-Faktor ist tatsächlich die Fähigkeit des Kontinuums des klaren Lichts, inspiriert oder auf eine höhere Stufe gebracht werden zu können.

Grobe und subtile Emanationen von Buddhaformen

Um anderen zu nutzen, emanieren Buddhas mannigfaltige Erscheinungen ihrer selbst in einer Vielfalt von groben und subtilen Formen. Sie nehmen eine Reihe von subtilen Körpern (Skt. sambhogakaya) an, um Arya-Bodhisattvas zu lehren – die einzigen, die derartige Formen wahrnehmen können. Aryas (Edle) sind hoch verwirklichte Wesen mit direkter, bloßer, nichtkonzeptueller Wahrnehmung und ebengleichem Verständnis, wie Dinge existieren. Buddhas nehmen eine Fülle von gröberen Körpern (Skt. nirmanakaya) an, um gewöhnlichen Wesen zu helfen. Jeder Buddha kann grobe oder subtile Körper in der Form jeglicher Buddhagestalt oder jeglichen gewöhnlichen Wesens annehmen, selbst der eines anderen Buddha. Das gleiche gilt für Buddhagestalten, die so erscheinen, als wären sie individuelle erleuchtete Wesen. Doch nur jene, die für Hilfe oder Belehrungen empfänglich sind, sind in der Lage, Buddhas in irgendeiner Form zu begegnen und den vollen Nutzen daraus zu ziehen.

Buddhas und ihre Emanationen von Buddhagestalten halten sich in ihren eigenen Buddhafeldern auf. Buddhafelder sind besondere Bereiche, die nicht mit der Verwirrung sich unkontrollierbar wiederholender Existenz (Skt. samsara) verbunden sind. Sie sind reine Länder, in denen sich Buddhas und Buddhagestalten in subtilen Formen manifestieren und Arya-Bodhisattvas die letzten Stufen zur Erleuchtung lehren. Da Buddhafelder über die allgemeine Erfahrung von Buddhologen und Anhängern des Hinayana hinausgehen, ist ihre wörtlich zu nehmende Existenz für sie natürlich nicht vertretbar. Mahayana-Sutra- und Mahayana-Tantra-Praktizierende betrachten sie jedoch als tatsächlich existent, auch wenn sie von niemandem ohne die erforderlichen Verwirklichungen erreicht werden können. Selbst große Meister können die geistigen Kontinua von frisch Verstorbenen nicht in reine Länder bringen, wenn die Verstorbenen nicht durch ihre eigene Praxis das Potential dafür aufgebaut haben.

Die nicht buchstäbliche letztendliche Bedeutung von Buddhafeldern ist das Kontinuum des klaren Lichts eines jeden individuellen Wesens. In der Sphäre des Kontinuums des klaren Lichts eines jeden Wesens, jenseits der Verwirrung unkontrollierbarer Existenz, ruhen die verschiedenen Aspekte der Buddhanatur, die von den Buddhagestalten symbolisiert werden. Arya-Bodhisattvas auf dem Pfad des höchsten Tantra – die einzigen Praktizierenden mit nichtkonzeptuellem meditativem Zugriff auf ihr Kontinuum des klaren Lichts – erlangen letztendliche Realisierung ihrer Buddhanatur, während sie sich in diesem Zustand befinden.

Manchmal kommen Buddhagestalten aus ihren Buddhafeldern in den subtilen Formen von Bodhisattvas und bitten Shakyamuni, die verschiedenen Sutras und Tantras zu übermitteln, wie zum Beispiel, als Vajrapani die Belehrung „Ein Chorgesang der Namen Manjushris“ („Lobpreisung der Namen Manjushris“) erbat. Als Bodhisattvas können sie auch an Buddhas Belehrungen teilnehmen oder sie zusammentragen, wie Vajrapani es für das „Guhyasamaja-Tantra“ tat, oder Belehrungen an Shakyamunis Stelle geben, wie im Falle von Avalokiteshvara und dem „Herzsutra“. Wie zuvor erklärt, teilen die Buddhagestalten und Shakyamuni in derartigen Fällen dasselbe geistige Kontinuum.

Unter den groben Körper, die Buddhas oder Buddhagestalten aus ihren Buddhafeldern emanierten, befanden sich tatsächliche historische Persönlichkeiten, so zum Beispiel Padmasambhava, der indische Meister, der für die erste Verbreitung des Buddhismus in Tibet verantwortlich war. Vom Standpunkt der konventionellen Wahrheit schienen diese großen Wesen ein individuelles geistiges Kontinuum zu besitzen, und sie erschienen gewöhnlichen Wesen, die nur diese Wahrheit über sie verstehen konnten, auf diese Weise. Eine tiefere Wahrheit über sie war, dass ihr geistiges Kontinuum eins war mit dem der Buddhas und Buddhagestalten, deren Emanation sie waren. Für Buddhologen und Anhänger des Hinayana ist nur die erste Aussage über diese historischen Persönlichkeiten wahr. Für Mahayana-Praktizierende sind beide Aussagen eine Tatsache.

Tantra-Praxis beinhaltet, dass man sich selbst in der Form gewisser historischer Persönlichkeiten visualisiert, die als Buddha-Emanationen betrachtet werden, so zum Beispiel als Padmasambhava, seine Partnerin Yeshe-Tsogyal oder den zweiten Karmapa, Karma Pakshi. Nicht alle Meister, die als Emanationen von Buddhagestalten gesehen werden, dienen jedoch als Form für Tantra-Selbstvisualisation, wie am Beispiel der Dalai Lamas als Avalokiteshvaras. Zudem können politische Gründe die Tibeter dazu motiviert haben, bestimmte Herrscher ehrenvoll als Emanationen von Buddhagestalten anzusprechen, wie die Manchu-Kaiser Chinas als Manjushris Emanationen und die russischen Zaren und Zarinnen als Taras. Tantra-Praxis schließt derartige Personen nicht mit ein. Sie als Emanationen zu betrachten steht jedoch in Einklang mit dem generellen Mahayana-Rat, es zu vermeiden, schlecht über jemanden zu sprechen, weil man nie weiß, wer eine Bodhisattva-Emanation ist.

Noch dazu wäre die Existenz einiger der groben Buddhagestalten, die die Tibeter für historische Persönlichkeiten halten, nach westlichen Maßstäben schwer zu bestätigen. Ein hervorragendes Beispiel ist Tara. Tara erschien als eine Person, die während ihres Lebens Bodhicitta entwickelte und ein Bodhisattva wurde. Sie gelobte, von nun an immer eine Wiedergeburt als Frau anzunehmen, und Erleuchtung in weiblicher Form zu erlangen, um Frauen zu ermutigen, dem Pfad zu folgen.

Buddhaformen als Gefäße für die Praxis

Buddhaformen sind mehr als nur Emanationen, die unterschiedliche Faktoren der Buddhanatur symbolisieren; sie dienen auch als multifunktionale Behälter oder Gefäße. Die Motivation für Mahayana-Praxis ist es, ein Buddha zum Wohle aller zu werden. Ein Buddha zu werden erfordert, erleuchtende physische, kommunikative und geistige Fähigkeiten zu realisieren. Diese Fähigkeiten brauchen das Gefäß einer physischen Form. Sich selbst als eine Buddhagestalt zu visualisieren fungiert als eine Ursache, um ein physisches Gefäß zu erlangen – den erleuchtenden Körper eines Buddha. Er dient auch als ein passendes Gefäß für die zahlreichen Tantra-Praktiken, um Erleuchtung zu erlangen, wie das Visualisieren der Chakras und Kanäle des subtilen Körpers.

Wie alle Buddhas erschienen Buddhagestalten in einem umfassenden Netzwerk verschiedenster Formen, um anderen auf unterschiedliche Weise zu nutzen. So umfasst Tantra zum Beispiel gemäß dem Nyingma-System sechs Klassen von Praxis, gemäß den Kagyü-, Sakya- und Gelug-Schulen vier. Zusätzlich überträgt jede Tantra-Tradition mehrer Praxisstile für jede Tantra-Klasse. Jede Buddhaform kann als ein Gefäß für jede Anzahl von Praktiken aus jeder der zahlreichen tibetischen Traditionen und jeder der Tantra-Klassen dienen. In jeder dieser Praktiken kann dieselbe Buddhagestalt in unterschiedlichen Formen erscheinen, in unterschiedlichen Haltungen, mit einer unterschiedlichen Anzahl von Köpfen und Gliedmaßen in unterschiedlicher Farbe. Die Details der Erscheinungen hängen von der Anzahl der Aspekte der Buddhanatur oder Erleuchtung ab, die die Gestalt und ihre Merkmale symbolisieren. Avalokiteshvara zum Beispiel erscheint in allen Tantra-Klassen, in allen Traditionen, allein oder als Teil eines Paares, sitzend oder stehend, weiß oder rot, mit einem oder elf Köpfen und mit zwei, vier oder tausend Armen. Ganz unabhängig von der Form oder der Praxis dient Avalokiteshvara jedoch immer als ein Gefäß für die Ausrichtung auf Mitgefühl.

Kulturelle Vielfalt in Buddhagestalten

Einige Menschen im Westen haben das Gefühl, dass Buddhagestalten zu fremdartig sind, um den Bedürfnissen westlicher Tantra-Praktizierender gerecht zu werden. Sie würden die Formen gern abändern. Statt vorschnell zu handeln, wäre es vielleicht von Nutzen, die historischen Präzedenzfälle zu studieren.

Als sich die Tantra-Praxis von Indien nach Ostasien und Tibet ausbreitete, veränderten einige Buddhagestalten tatsächlich ihre Form. Die meisten Veränderungen waren jedoch geringfügig. Zum Beispiel passten sich die Gesichtszüge den lokalen Rassen an, und im Falle Chinas stimmten auch die Kleidung, die Haltungen und der Haarstil überein. Die radikalste Veränderung geschah mit Avalokiteshvara, der sich in Zentral- und Ostasien von männlich zu weiblich wandelte. Eine traditionelle Mahayana-Erklärung für dieses Phänomen ist, dass Buddhas Meister der geschickten Mittel sind, und dass sie sich daher in verschiedenen Formen manifestieren, um unterschiedlichen Gesellschaften gerecht zu werden. Chinesen fällt es leichter, Mitgefühl mit Frauen als mit Männern zu verbinden. Buddhologen behaupten, dass tantrische Meister diese Abänderungen selbst vornahmen, als geschickte Mittel, um die Formen dem kulturellen Geschmack anzugleichen. Die Mahayana-Erwiderung ist, dass die Meister die Inspiration und Anleitung für die Veränderungen von den Buddhagestalten selbst erhielten, in reinen Visionen und anderen Enthüllungen. Beide Fälle haben gemeinsam, dass das buddhistische Prinzip der geschickten Mittel die Modifizierung von Formen verlangt, um unterschiedlichen Kulturen gerecht zu werden und ihnen so von Nutzen zu sein.

Die Veränderungen, die in den Buddhaformen auftraten, fallen in den Bereich der Kreativität im asiatischen Stil. Sie gaben Standardformen neues Leben und stimmten sie harmonisch auf andersartige kulturelle Hintergründe ab. Diesem Trend folgend könnten Buddhafiguren im Westen logischerweise mehr Muskulatur und westliche Gesichtszüge zeigen. Doch da Westler an kulturelle Vielfalt gewöhnt sind, ist es wahrscheinlich unnötig, dass sich die Kleidung der Buddhagestalten der modernen Mode anpasst. Im Lichte der heutigen westlichen Akzeptanz der Gleichberechtigung der Geschlechter scheint es darüber hinaus auch unwahrscheinlich, dass Änderungen des Geschlechts vorgenommen werden müssen.

Trotz der Modifizierungen blieben bestimmte Merkmale der Buddhagestalten unverändert, als das Tantra sich von einer asiatischen Kultur zur nächsten ausbreitete. Das auffälligste ist die Beibehaltung von mehrzähligen Gliedmaßen. Avalokiteshvara manifestiert sich noch immer mit tausend Armen, ob mit einem männlichen Körper in Indien oder einem weiblichen in China. Tausendarmige Menschen sind der gewöhnlichen Erfahrung jeder Kultur fremd. Doch als ein Symbol des Mitgefühls, anderen auf tausend Arten zu helfen, ist die Bedeutung von tausend Armen für jeden verständlich.

Zudem stehen mannigfaltige Gesichter und Gliedmaßen für vielzählige Buddhanatur-Aspekte und -Verwirklichungen auf dem Pfad. So ist es zum Beispiel schwierig, gleichzeitige Achtsamkeit auf vierundzwanzig Qualitäten und Verwirklichungen auf abstrakte Art aufrecht zu erhalten. Indem man sie bildlich mit vierundzwanzig Armen symbolisiert, ist es leichter, sie alle gleichzeitig im Sinn zu behalten, indem man sie mit einer Vielfalt von Armen visualisiert. Die vielgliedrigen Merkmale der Buddhagestalten zu beseitigen, so dass es Westlern leichter fällt, sie zu visualisieren, würde heißen, diese essentielle Facette der Tantra-Praxis zu opfern – das Einflechten von Sutra-Themen.

Möglicher Gebrauch von Heiligenbildern westlicher Religionen als Buddhaformen

Wenn Tantra-Praktiken so weit verbreitet und bekannt sind, dass sie banal werden, hören sie auf, Praktizierende zu inspirieren. Wenn das passiert, enthüllen Buddhas tantrischen Meistern neue Praxisformen in reinen Visionen. Diese Enthüllungen enthalten oft Formen, die sich leicht von den früheren Buddhagestalten unterscheiden. Seine Heiligkeit der XIV. Dalai Lama hat erklärt, dass dies zweifellos in Zukunft weiter so geschehen wird. Seine Voraussage macht Sinn angesichts der Kommerzialisierung des tibetischen Buddhismus und dem Erscheinen von Handelsartikeln wie Kalachakra-T-Shirts. Buddhaformen und ihre Praktiken müssen der Öffentlichkeit fern und etwas Besonderes bleiben, um ihre Heiligkeit zu bewahren. Wenn Praktizierende sehen, wie Babys ihre Kalachakra-T-Shirts mit Essen bekleckern, werden sie es alles andere als inspirierend finden, sich selbst als Kalachakra zu visualisieren. Wenn jedoch neue Buddhaformen im Westen auftauchen sollten, welche Formen wären dann am hilfreichsten und inspirierendsten?

Einige Westler haben das Gefühl, dass eine Selbstvisualisation als vertrautes Heiligenbild, zum Beispiel als Jesus oder Maria, statt als fremde indische Gestalt, ein geschicktes Mittel wäre, um Tantra dem Westen anzupassen. Immerhin, so ihr Argument, symbolisieren auch Jesus und Maria Liebe und Mitgefühl, genau wie Avalokiteshvara und Tara. Zudem, wenn Buddhas sich in jeder Form emanieren können, können sie sich sicherlich auch als Jesus oder Maria emanieren, um Menschen im Westen zu nutzen. Auch hier muss man historische Präzedenzfälle im Sinn behalten.

Die Manchu-Herrscher Chinas versuchten unter ihrer Regierung, die Mongolen und die Hanchinesen zu vereinen, indem sie den tibetischen Buddhismus mit dem Konfuzianismus verbanden. Aus rein politischen Gründen bezeichneten sie Konfuzius daher als eine Emanation Manjushris, beauftragten das Verfassen tantrischer Rituale, um dem Bodhisattva Konfuzius Opfergaben darzubringen, und finanzierten Zeremonien auf Basis dieser Texte in Beijing. Die Rituale enthielten jedoch keine Selbstvisualisation als die Buddhagestalt Konfuzius/Manjushri.

In Indien erschienen jedoch einige Hindu-Gottheiten, wie der elefantenköpfige Ganesh (der Gott des Wohlstands) und Sarasvati (die Göttin musikalischen und künstlerischen Ausdrucks) als Buddhagestalten für die Selbstvisualisation in Tantra-Praxis. Wie zuvor erwähnt, vermischten sich die Praktizierenden des hinduistischen und buddhistischen Tantra im alten Indien und hatten viele gemeinsame Praxisdetails. Hindu-Gottheiten erschienen nicht nur als Emanationen des Buddha in buddhistischer Praxis, sondern der Hinduismus betrachtete Buddha gleichfalls als einen der zehn Manifestationen (Skt. avatar) von Vishnu, einem seiner wichtigsten Götter. Auf diese Weise alles mit einzubeziehen ist bezeichnend für die meisten indischen Religionen.

Monotheistische Religionen auf der anderen Seite betrachten sich selbst als Halter der ausschließlichen Wahrheit. Ihre Anführer würden zweifellos daran Anstoß nehmen, wenn nichttheistische Religionen wie der Buddhismus ihre heiligsten Gestalten zu Emanationen des Buddha deklarieren und sie in ihre Praktiken einbeziehen würden, besonders in Praktiken mit sexueller Metaphorik. Zu den Bodhisattva-Gelübden gehört, dass man alles vermeidet, das andere dazu führen würde, die Lehren des Buddha gering zu schätzen. Jesus und Maria in die Tantra-Selbstvisualisation einzubeziehen könnte den interreligiösen Beziehungen abträglich sein.

Außerdem haben Kennzeichen, die mit der Vorstellung von Jesus verbunden sind, wie das Kreuz und die Dornenkrone, eine tiefe Bedeutung im christlichen Kontext. Selbst wenn ein westlicher Buddhismus sie zu buddhistischen Symbolen machen würde, hätten die meisten westlichen Praktizierenden Schwierigkeiten, sie von ihrer christlichen Bedeutung zu trennen. Da Symbole, die mit Buddhagestalten zu tun haben, wie Lotusse und Juwelen, für die Mehrheit der westlichen Menschen so gut wie frei von Assoziationen sind, sind sie offen dafür, ihre beabsichtigte Bedeutung zu tragen und daher angemessener, um sie in der Tantra-Praxis zu benutzen. Wenn daher in Zukunft neue Buddhaformen auftauchen, um die Praktiken zu verjüngen, werden sie wahrscheinlich den früheren Beispielen folgen und von den vorigen Formen nur geringfügig abweichen. Anders als bei Produkten auf dem freien Markt wird es jedoch nicht notwendig sein, jedes Jahr neue, verbesserte Modelle zu produzieren.