Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Startseite > E-Bücher > Unveröffentlichte Bücher > Tantra verstehen lernen > 3. Der Gebrauch von Ritualen in der Tantra-Praxis

Tantra verstehen lernen

Alexander Berzin, 2002
Übersetzung ins Deutsche: Karin Behrendt und Monika Schreiber

Teil I: Grundlegende Fragen und Zweifel in Bezug auf Tantra

3. Der Gebrauch von Ritualen in der Tantra-Praxis

Obwohl die Praxis des Tantra eine äußerst fortgeschrittene ist, empfangen viele Westler Tantra-Ermächtigungen ohne angemessene Vorbereitung und beginnen mit Tantra-Praxis ohne ein tiefes Verständnis. Die meisten sehen zu Beginn nur die oberflächlichen Merkmale des Tantra, wie die Betonung der Rituale, die ungeheure Menge an Buddhaformen und seinen Gebrauch von Darstellungen, die Sex und Gewalt andeuten. Viele finden diese Merkmale faszinierend, problematisch oder zumindest verwirrend. Um aus ihrer anfänglichen Praxis einen vollständigeren Nutzen ziehen zu können, müssen diese Westler die Bedeutung und den Zweck dieser Aspekte zumindest auf einer oberflächlichen Ebene verstehen und schätzen lernen. Haben sie ihre anfängliche Faszination, ihre Bedenken oder Verwirrung überwunden, können sie langsam die tieferen Ebenen, die sich unter der Oberfläche verbergen, erforschen.

Westliche und asiatische Formen von Kreativität

Tantra-Praxis beinhaltet, dass man Handglocken erklingen lässt und die Hände in Gesten (Skt. mudras) herumwirbeln lässt, wobei man Texte laut vor sich hin singt – oft auf tibetisch und ohne Übersetzung – und sich selbst als Buddhagestalt vorstellt. Einige finden solche Praktiken spannend und magisch, da sie sich in exotischen Phantasiewelten verlieren können. Andere haben Probleme damit. Auf eine integrierte Weise so mit dem eigenen Körper, der Sprache und der Vorstellung zu arbeiten ist ein kreativer künstlerischer Prozess, doch es scheint einen Widerspruch zu geben. Die Tantra-Praxis ist höchst strukturiert und ritualistisch, ohne ersichtliche Improvisation. So stellt man sich zum Beispiel vor, dass der eigene Körper spezifische Haltungen und Farben und eine bestimmt Anzahl von Gliedmaßen hat, mit spezifischen Objekten, die in jeder Hand gehalten werden und sich unter jedem Fuß befinden. Man stellt sich die eigene Sprache in Form von Mantras vor – festgelegten Wendungen, die aus Sanskrit-Worten und -Silben bestehen. Selbst die Weise, wie man anderen hilft, folgt einem Standardmuster: Man strahlt Licht in spezifischen Farben aus und Gestalten in bestimmten Formen. Viele Westler würden sich gern spirituell weiter entwickeln, indem sie ihre Kreativität erforschen und stärken, doch stilisierte Ritualpraxis scheint das Gegenteil von Einfallsreichtum zu sein. Ihre Vereinbarkeit wird jedoch offensichtlich, wenn man den Unterschied zwischen westlicher und asiatischer Kreativität versteht.

Kreativität im zeitgenössischen westlichen Sinne erfordert, dass man etwas Neues und Einzigartiges produziert – sei es ein Kunstwerk oder eine Lösung für ein Problem. Erfindung ist der unhinterfragte Weg zum Fortschritt. Kreativität kann auch Teil einer bewussten oder unbewussten Suche nach dem Schönheitsideal sein, das die alten Griechen mit dem Guten und der Wahrheit gleichsetzten. Zudem betrachten die meisten Westler Kreativität als einen Ausdruck ihrer Individualität. Daher erscheint vielen das Beachten vorgeschriebener Modelle alter Rituale als Methode für spirituelle Selbstentwicklung nicht als kreativ, sondern als restriktiv.

Die meisten traditionellen asiatischen Kulturen wie zum Beispiel die Tibets betrachten Kreativität aus einer anderen Perspektive. Kreativ zu sein hat zwei wesentliche Facetten: klassische Formen zum Leben zu erwecken und sie harmonisch in unterschiedliche Kontexte einzufügen. Betrachten wir uns zum Beispiel die tibetische Kunst: Alle Gemälde von Buddhaformen werden anhand von Rastern gemacht, die die Größe, Form, Position und Farbe eines jeden Elements gemäß festgelegter Proportionen und Konventionen vorgeben. Der erste Aspekt der Kreativität liegt in dem Gefühl, das der Künstler durch den Ausdruck der Gesichter, die Feinheit der Linien und die Finesse der Details, die Leuchtkraft und Nuancen der Farben und ihre Schattierungen vermittelt. So kommt es, dass einige Malereien von Buddhaformen klarer und lebendiger sind als andere, auch wenn alle Zeichnungen derselben Gestalt dieselbe Form und Proportion besitzen. Der zweite Aspekt des asiatischen Stils der Kreativität liegt in des Künstlers Wahl des Hintergrundes und seiner Weise, die Gestalten anzuordnen, um harmonische, organische Kompositionen zu schaffen.

Tantra-Praxis mit Buddhaformen ist eine imaginative Methode der Selbstentwicklung, die kreativ und künstlerisch im traditionellen asiatischen Sinne, nicht im zeitgenössischen westlichen Sinne, ist. Sich selbst als eine Buddhagestalt zu visualisieren, die anderen hilft, unterscheidet sich bedeutend von der Vorstellung, man sei ein Superheld oder eine Superheldin, die geniale, elegante Lösungen finden, wenn sie auf ihrer Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit auf die Probe gestellt werden. Stattdessen versucht man, sich harmonisch in die festgesetzten Strukturen der Ritualpraxis einzufügen und sie kreativ lebendig werden zu lassen, und ihren Formen in abweichenden Situationen zu folgen, um persönliche und gesellschaftliche Unausgewogenheiten auszugleichen.

Kreativität und Individualität in der Tantra-Praxis

Ein weiterer Faktor, der vielleicht dazu beiträgt, dass es einen Widerspruch zwischen der Praxis des Tantra-Rituals und der eigenen Kreativität zu geben scheint, ist ein Unterschied zwischen der zeitgenössischen westlichen und der traditionellen asiatischen Sicht der Individualität und ihrer Rolle bei der Selbstentwicklung. Gemäß des westlichen Egalitäts-Gedankens sind alle Menschen gleich, doch jeder trägt etwas Einzigartiges in sich – ob wir es nun einen genetischen Code oder eine Seele nennen – das uns aus eigener Kraft zu etwas Besonderem macht. Haben wir „uns gefunden“, ist das Ziel der Selbstentwicklung, unser einzigartiges kreatives Potential als Individuum zu verwirklichen, so dass wir es vollständig nutzen können, um unseren speziellen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten. Daher signieren zeitgenössische Künstler fast ausnahmslos ihre Werke und bemühen sich um öffentliche Anerkennung für ihren kreativen Selbstausdruck. Tibetische Künstler bleiben hingegen normalerweise anonym.

Vom buddhistischen Standpunkt aus gesehen haben wir alle dasselbe Potential der Buddhanatur. Wir sind Individuen, doch in uns existiert nichts, was uns aus eigener Kraft heraus einzigartig machen würde. Unsere Individualität entspringt der enormen Vielfalt von äußeren und inneren Ursachen und Bedingungen, die uns in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft beeinflusst haben, beeinflussen und beeinflussen werden. Der Beitrag, den wir für die Gesellschaft leisten können, entsteht daraus, dass wir unser Potential innerhalb des Rahmens der gegenseitig abhängigen Natur des Lebens auf kreative Weise nutzen.

Das Verwirklichen unserer Buddhanatur unterscheidet sich daher sehr von der Suche nach unserem wahren Selbst und dessen Ausdruck. Da jeder dieselben Qualitäten der Buddhanatur besitzt, ist niemand etwas Besonderes. Es gibt nichts Einzigartiges zu finden oder auszudrücken. Um uns weiterzuentwickeln, versuchen wir einfach, unsere universellen Arbeitsgrundlagen – unseren Körper, unsere Möglichkeiten der Verständigung, unseren Geist, unser Herz – auf geschickte Weisen zu benutzen, die den immer neuen Situationen entsprechen, die uns begegnen, so wie jeder es kann. Darüber hinaus schreiten wir voran auf dem Weg zur Buddhaschaft, indem wir uns vorstellen, dass wir anderen auf verborgene, anonyme Weise helfen – indem wir einen erleuchtenden Einfluss geltend machen und andere inspirieren, die mit Schwierigkeiten konfrontiert sind – statt uns selbst prominent im Vordergrund zu sehen, auf dem Sprung zur Rettung.

Der umfangreiche Gebrauch von Ritualpraxis mit Buddhaformen im Tantra macht daher nur Sinn im Kontext dessen, dass das Potential der Buddhanatur mit Kreativität im traditionellen asiatischen Stil verwirklicht wird. Man bringt Leben in die Struktur der Buddhapotentiale, während man harmonisch mit der Gesellschaft und der Umwelt verschmilzt und im Hintergrund bleibt.

Der Nutzen des Tantra-Rituals für geschäftige Westler

Heutige Westler mögen vielleicht die Frage stellen, wie relevant die Methode der klassischen tibetischen Weise der Tantra-Praxis ist, um sich spirituell weiterzuentwickeln;. sie können jedoch auf vielerlei Weise vorübergehend davon profitieren. Zahlreiche Westler stehen zum Beispiel in ihrem Leben ständig unter dem unbarmherzigen Druck, einzigartig und besonders sein und vorankommen zu müssen. Sie müssen ständig neue Ideen und verbesserte Produkte entwickeln, sie verkaufen und mit anderen konkurrieren. Manchmal führt die Spannung, sich selbst und letztlich seinen Wert beweisen zu müssen, zu einem Gefühl der Entfremdung und Vereinzelung. Wenn dann die Forderungen nach westlicher Produktivität und Ideenreichtum zu stressig werden, kann das Praktizieren des asiatischen Stils der Kreativität in einem täglichen Tantra-Ritual ein gesunder Ausgleich sein. Sich harmonisch in die Struktur eines Rituals einzufügen, kann das Gefühl verstärken, dass man problemlos in die Familie, Freundschaften, Gesellschaft und Kultur passt. Zudem kann man lernen, der täglichen Routine, auch wenn sie monoton ist und der eigene Job langweilig zu sein scheint, neues Leben einzuhauchen, indem man jeden Tag lebendigen Ausdruck in ein Tantra-Ritual bringt.

Zudem rennen viele Westler hektisch von einer Aktivität oder Verabredung zur nächsten. Jeden Tag benutzen sie unzählige Male das Telefon, die E-Mail und das Internet; hören Musik, sehen fern und bedienen eine verwirrende Vielfalt von komplizierten Apparaten und elektronischen Geräten. Ihr Leben fühlt sich oft gespalten an, wenn sie von den Ansprüchen ihres Familien- und Berufslebens, den gesellschaftlichen Verpflichtungen und ihrem Bedürfnis nach Freizeit und Erholung in unterschiedliche Richtungen gezerrt werden. Tantra-Praxis kann derartigen Menschen helfen, die scheinbar widersprüchlichen Aspekte ihres geschäftigen Lebens miteinander zu verflechten. Die Integration geschieht durch die harmonische Kombination zahlreicher konstruktiver Emotionen und Geisteshaltungen, die man als ein integriertes Ganzes gleichzeitig auf physische, verbale und visuelle Weisen ausdrückt. Dies in der täglichen Meditation zu tun verstärkt das Erkennen und die Überzeugung, dass man von Natur aus ein integrierter Mensch ist. Allmählich wird ein Gefühl von Ganzheitlichkeit den gesamten Tag durchziehen.

Da tägliche Tantra-Praxis strukturiert ist und sich wiederholt, kann sie darüber hinaus für derartige Menschen auch ein stabilisierender Faktor sein. Wie hektisch ein Tag auch erscheinen mag, das tägliche Erschaffen des friedvollen geistigen und emotionalen Raumes eines Tantra-Rituals lässt ihr Leben mit einem stabilen Strom der Kontinuität dahinfließen. Da sie immer tiefere Bedeutungsebenen entdecken, wenn sie der Herausforderung des Verflechtens der Elemente des Rituals begegnen, vermeiden sie, dass ihnen die Wiederholungen langweilig werden. Darüber hinaus gibt das Tantra-Ritual eine Struktur vor, um die herum man eine Disziplin entwickeln kann, die man sonst vielleicht nur schwer erlangt. Die in der täglichen Wiederholung eines strukturierten Rituals gewonnene Disziplin kann Menschen auch dabei helfen, Disziplin und Ordnung in ihr scheinbar chaotisches Leben zu bringen.

Tantra-Ritual als Schauplatz für den Ausdruck von Emotionen

Viele Westler der heutigen Zeit fühlen einen tiefen Respekt vor jemandem oder etwas oder eine Dankbarkeit für die Freuden des Lebens. Doch wenn es ihnen an annehmbaren oder zufrieden stellenden Ausdrucksformen für ihre positiven Emotionen mangelt, kann es sein, dass sie ihre Gefühle als so schwer zu fassen erleben, dass sie keine spirituelle Stärkung aus ihnen gewinnen. Tantra-Rituale können derartigen Menschen Formen bieten, mit denen sie ihre positiven Emotionen ausdrücken können. Die Handflächen zusammenzulegen – ein ritualisierter Ausdruck des Respekts und der Dankbarkeit, der sowohl im Tantra als auch in westlichen Religionen zu finden ist – engt positive Gefühle zum Beispiel nicht ein. Stattdessen ist es ein allgemein anerkannter und viel benutzter Kanal, durch den uns diese Gefühle aus dem Herzen fließen können, und es fungiert als angemessenes Vehikel für sie. Da Tantra-Rituale ganzheitliche Ausdrucksformen für Emotionen beinhalten, die physische, verbale und visualisierte Kanäle integriert, kann ihre kontinuierliche Praxis emotional gehemmten Menschen helfen, die Entfremdung von ihren Gefühlen zu überwinden.

Manchmal können positive Gefühle Ausdruck in improvisierten Formen finden. Es wäre jedoch ermüdend, wenn man jedes Mal, wenn ein Gefühl auftaucht, eine neue Art erfinden müsste, es auszudrücken, damit der Ausdruck von Herzen kommt und aufrichtig ist. Der asiatische Stil der Kreativität für den Ausdruck von Emotionen kann hier den Ausgleich schaffen. Wenn positive Gefühle erwachen, kann man spontan und kreativ rituelle Ausdrucksformen lebendig werden lassen, die die Emotionen harmonisch in das eigene Leben eingliedern. Wenn man jedoch nichts fühlt und das Tantra-Ritual mechanisch durchführt, ist es lediglich die Aufführung eines leeren Rituals. Daher beinhalten Tantra-Rituale das Meditieren über bestimmte Punkte, die einem helfen, echte Gefühle zu erwecken oder Zugang zu ihnen zu finden.

Abschließende Bemerkungen

Die Teilnahme an den Ritualen der traditionellen westlichen Religionen gewährt auch viele der Vorteile, die man durch Tantra-Rituale gewinnt. Viele Westler haben jedoch das Gefühl, dass es den Zeremonien und Ritualen ihrer Herkunftsreligion an Lebendigkeit mangelt. Da solche Menschen mit Tantra-Ritualen weniger Negatives assoziieren, kann ihnen deren Praxis einen neutralen Zugang gewähren. Viele entdecken, dass ihnen der asiatische Stil der Kreativität, den sie mit dem Tantra-Ritual erlernen, hilft, neues Leben im traditionellen Glauben ihrer Vorfahren zu finden oder zu erwecken.