Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Startseite > E-Bücher > Unveröffentlichte Bücher > Tantra verstehen lernen > 2. Die Authentizität der Tantras

Tantra verstehen lernen

Alexander Berzin, 2002
Übersetzung ins Deutsche: Karin Behrendt und Monika Schreiber

Teil I: Grundlegende Fragen und Zweifel in Bezug auf Tantra

2. Die Authentizität der Tantras

Die Quelle der Tantras

Tantra-Praxis erfordert Überzeugtheit von der Authentizität der Tantras, ein korrektes Verständnis von ihrer Durchführung und ihrer Theorie sowie Gewissheit über ihre Wirksamkeit als Methoden, die zur Erleuchtung führen. Gemäß der tibetischen Tradition ist Buddha Shakyamuni selbst die Quelle der Tantras. Viele Gelehrte, sowohl westliche als auch buddhistische, halten diesen Punkt jedoch für umstritten. Gemäß westlicher, wissenschaftlicher Maßstäbe kann jedoch keiner der Texte, die dem Buddha zugeschrieben werden – weder die Sutras noch die Tantras – einer Überprüfung auf Authentizität standhalten. Die Frage ist, ob dies für Tantra-Praktizierende wesentlich ist oder ob andere Kriterien für sie relevanter sind.

Die Tibeter erklären, dass Buddha Shakyamuni drei Fahrzeuge oder Pfade der Praxis lehrte, die zu den höchsten spirituellen Zielen führen. Das bescheidene Fahrzeug, (Skt. Hinayana, kleines Fahrzeug) führt zur Befreiung, während das umfassende Fahrzeug, (Skt. Mahayana, großes Fahrzeug) zur Erleuchtung führt. Obgleich Hinayana ein abwertender Begriff ist, der nur in Mahayana-Texten erscheint, werden wir ihn hier ohne negativen Beigeschmack als den weitgehend akzeptierten allgemeinen Begriff für die achtzehn buddhistischen Schulen des Vorläufers des Mahayana benutzen. Tantrayana, das tantrische Fahrzeug – auch Vajrayana genannt, das Diamantstarke Fahrzeug – ist eine Unterkategorie des Mahayana. Hinayana übermittelt nur Sutras, während Mahayana sowohl Sutras als auch Tantras übermittelt.

Niemand schrieb Buddhas Lehrreden oder anweisende Dialoge nieder, als er sie vor zweieinhalbtausend Jahren gab, da sich das Schreiben gemäß der indischen Gepflogenheiten zu dieser Zeit auf geschäftliche und militärische Angelegenheiten beschränkte. Im Jahr nach dem Verscheiden des Buddha versammelten sich jedoch fünfhundert seiner Anhänger zu einem Konzil, in dem drei seiner wichtigsten Schüler unterschiedliche Teile seiner Worte wiedererzählten. Danach übernahmen verschiedene Gruppen von Mönchen die Verantwortung dafür, bestimmte Abschnitte auswendig zu lernen und sie in regelmäßigen Abständen zu rezitieren. Die Verantwortung wurde von einer Generation von Schülern zur nächsten weitergegeben. Diese Worte wurden die Hinayana-Sutras. Ihr Anspruch, authentisch zu sein, stützt sich ausschließlich auf das Vertrauen, dass die drei ursprünglichen Schüler ein perfektes Gedächtnis besaßen und dass jene im Konzil, die ihren Bericht bekräftigen, sich alle an die richtigen Worte erinnerten. Diese zwei Voraussetzungen lassen sich wissenschaftlich unmöglich nachweisen.

Selbst wenn die ursprüngliche Übertragung frei von Verfälschung gewesen sein mag, mangelte es vielen herausragenden Schülern in den nachfolgenden Generationen an fehlerlosem Gedächtnis. Innerhalb von hundert Jahren nach Buddhas Verscheiden kam es zu Unstimmigkeiten über viele der Hinayana-Sutras. Schließlich bildeten sich achtzehn Schulen heraus, jede mit ihrer eigenen Version dessen, was der Buddha gesagt hatte. Die Schulen waren sich sogar uneinig darüber, wie viele Lehrreden und Dialoge des Buddha auf dem ersten Konzil rezitiert wurden. Gemäß einiger Versionen war es mehreren Schülern des Buddha nicht möglich gewesen teilzunehmen, und sie gaben die Lehren, an die sie sich erinnerten, in mündlicher Form ausschließlich ihren eigenen Schülern weiter. Die auffälligsten Beispiele sind die Texte über spezielle Themen des Wissens (Skt. abhidharma). Viele Jahre lang rezitierten nachfolgende Generationen sie außerhalb der offiziell abgesegneten Treffen, und erst spätere Konzile fügten sie der Hinayana-Sammlung hinzu.

Die ersten schriftlichen Texte erschienen vier Jahrhunderte nach Buddha, in der Mitte des ersten Jahrhunderts v. u. Z. Sie waren die Hinayana-Sutras aus der Theravada-Schule, der Linie der Älteren. Allmählich erschienen auch die Sutras der anderen siebzehn Hinayana-Schulen in schriftlicher Form. Obgleich die Theravada-Version die erste war, die in schriftlicher Form erschien und obwohl Theravada die einzige Hinayana-Schule ist, die bis heute vollständig erhalten ist, sind diese beiden Faktoren kein Beweis dafür, dass es sich bei den Theravada-Sutras um die authentischen Worte des Buddha handelt.

Die Theravada-Sutras sind in der Pali-Sprache verfasst, während die anderen siebzehn Versionen in einer Auswahl von indischen Sprachen wie Sanskrit und dem lokalen Dialekt von Magadha geschrieben sind, der Region, in der Buddha lebte. Man kann jedoch nicht sagen, dass Shakyamuni nur in einer oder all diesen indischen Sprachen gelehrt hat. Daher kann keine Version der Hinayana-Sutras Authentizität aufgrund der Sprache beanspruchen.

Darüber hinaus riet Buddha seinen Schülern, seine Lehren in jeder nur verständlichen Form zu vermitteln. Er wollte nicht, dass seine Anhänger seine Worte in einer heiligen archaischen Sprache wie der der indischen Schriften, den Veden, erstarren lassen. In Übereinstimmung mit seinem Rat erschienen unterschiedliche Teile der Hinayana-Lehren des Buddha zuerst in verschiedenen indischen Sprachen mit unterschiedlichem Schreibstil und abweichender Grammatik in schriftlicher Form, entsprechend der jeweiligen Zeit. Auch die Mahayana-Sutras und Tantras zeigen eine große Stil- und Sprachvielfalt. Von einem traditionellen buddhistischen Standpunkt aus betrachtet bestätigt die Vielfalt der Sprachen eher die Authentizität als dass es sie widerlegt.

Die tibetische Tradition besagt, dass Schüler, bevor Buddhas Lehren niedergeschrieben wurden, die Hinayana-Sutras öffentlich auf großen monastischen Versammlungen rezitierten, die Mahayana-Sutras in kleinen privaten Gruppen und die Tantras unter extremer Geheimhaltung. Die Mahayana-Sutras tauchten zuerst Anfang des zweiten Jahrhunderts u. Z. auf, und die Tantras erschienen vielleicht bereits ein Jahrhundert später, auch wenn sich dies zeitlich nicht genau festlegen lässt. Wie zuvor beschrieben, gehen mehrere Hinayana-Traditionen davon aus, dass private Kreise einige der berühmtesten Hinayana-Traditionen bereits mündlich übertrugen, bevor die großen monastischen Versammlungen sie in die Sammlung für ihre öffentliche Rezitation aufnahmen. Daher spricht das Fehlen eines Textes auf der Tagesordnung des ersten Konzils nicht gegen seine Authentizität.

Zudem schworen die Teilnehmer der Tantra-Rezitationssitzungen die Geheimhaltung der Tantras, so dass sie Nichtinitiierten nicht enthüllt wurden. Daher überrascht es nicht, dass keine persönlichen Berichte von den Tantra-Treffen erschienen. Aus diesem Grund ist es schwierig, die Übertragung der Tantras und das Auftreten der geheimen Treffen vor der schriftlichen Niederlegung zu beweisen oder zu widerlegen. Und selbst wenn man eine mündliche Übertragung der Tantras akzeptiert, lässt es sich nicht festlegen, wann und wie diese Übertragung begann, wie im Falle der Hinayana-Schriften, die beim ersten Konzil fehlten.

Wie der indische Meister Shantideva in „Eintritt in das Verhalten eines Bodhisattva“ (Skt. „Bodhicharyavatara“) argumentiert, gilt jede Argumentationskette, die angeführt wird, um die Authentizität der Mahayana-Texte zu beweisen oder als Unglaubwürdig darzustellen, gleichermaßen auch für die Hinayana-Schriften. Daher muss sich die Authentizität der Tantras auf andere Kriterien als linguistische Faktoren und das Erscheinungsdatum der ersten Schriften stützen.

Unterschiedliche Sichtweisen gegenüber Buddha Shakyamuni als Lehrer

Eine große Quelle für Verwirrung beim Versuch, die Quelle der Tantras zu ermitteln, scheint darin zu bestehen, dass westliche Buddhismusforscher, Hinayana-Gelehrte und Mahayana-Experten alle eine unterschiedliche Auffassung von Buddha Shakyamuni haben. Buddhismusforscher verstehen Shakyamuni als historische Persönlichkeit und großen Lehrer, doch nicht als jemanden, der übermenschliche Kräfte besaß, selbst nichtmenschliche Wesen unterrichtete und nach seinem Tod weiterlehrte. Obwohl Hinayana-Gelehrte das Zugeständnis machen, dass Buddha Shakyamuni außergewöhnliche Kräfte besaß und alle Wesen lehren konnte, messen sie diesen Qualitäten kaum Bedeutung bei. Zudem sagen sie, dass mit Verscheiden Shakyamunis seine Lehrtätigkeit beendet gewesen sei.

Mahayana-Gelehrte des Sutra wie des Tantra erklären, dass Shakyamuni schon vor vielen Äonen ein Buddha wurde und das stufenweise Erlangen der Erleuchtung in seinem Leben als Prinz Siddharta lediglich zur Schau stellte. Er ist seitdem weiterhin in unterschiedlichen Manifestationen erschienen und hat weiterhin gelehrt, wobei er eine große Vielfalt übersinnlicher Fähigkeiten benutzte. Sie zitieren das „Lotus-Sutra“, in dem Shakyamuni erklärt, dass er sich in der Zukunft in Form von spirituellen Meistern manifestieren würde, deren Lehren und Kommentare genauso authentisch sein würden wie seine eigenen Worte. Darüber hinaus akzeptieren Mahayana-Gelehrte, dass sich Buddhas in mehreren Formen und an mehreren Orten gleichzeitig manifestieren können, wobei jede Emanation über ein anderes Thema lehrt. So manifestierte sich Buddha zum Beispiel, während er als Shakyamuni auf dem Geiergipfel in Nordindien die „Prajnaparamita-Sutras“ („Sutras der Vollendung der Weisheit“) erörterte, auch am Dhanyakataka-Stupa in Südindien als Kalachakra und legte die vier Klassen der Tantras dar.

Die Mahayana-Vision dessen, wie Buddhas lehren, geht über das persönliche Anweisen von Schülern hinaus. Shakyamuni inspirierte zum Beispiel auch andere Buddhas und Bodhisattvas (jene, die sich vollständig dem Erlangen der Erleuchtung verschrieben haben und dem, anderen zu helfen) dazu, in seinem Namen zu lehren (z.B. als Avalokiteshvara in Buddhas Anwesenheit das „Herz-Sutra“ darlegte). Er gestattete anderen auch, die von ihm beabsichtigte Bedeutung zu lehren, wie im Falle von Vimalakirti in den „Das Sutra, das uns über Vimalakirti berichtet“.

Zudem erschienen Shakyamuni und andere Buddhas, die in seinem Namen lehren durften, später weit fortgeschrittenen Schülern in reinen Visionen und enthüllten weitere Sutra- und Tantra-Belehrungen. So enthüllte Manjushri zum Beispiel dem Gründer der tibetischen Sakya-Tradition, Sachen Kunga-Nyingpo, das „Scheiden von den vier Anhaftungen“, und Vajradhara erschien wiederholt Meistern in Indien und Tibet und enthüllte weitere Tantras. Noch dazu versetzten Buddhas und Bodhisattvas Schüler in andere Bereiche, um sie zu lehren. Maitreya führte den indischen Meister Asanga zum Beispiel in sein reines Land und übertrug ihm dort seine „Fünf Texte“.

Da sich die Zuhörerschaft der Belehrungen des Buddha aus einer Vielfalt von Wesen zusammensetzte, nicht nur aus menschlichen Wesen, hüteten einige gewisses Material für später, für bessere Zeiten. Zum Beispiel bewahrten die Nagas, halb Menschen-, halb Schlangenwesen, die „Prajnaparamita-Sutras“ in ihrem unterirdischen Königreich unter einem See auf, bis der indische Meister Nagarjuna kam, um sie zu bergen. Jnana-Dakini, eine übernatürliche weibliche Meisterin, behielt das „Vajrabhairava-Tantra“ in Oddiyana, bis der indische Meister Lalitavajra dorthin reiste, weil Manjushri ihm in einer reinen Vision dazu geraten hatte. Zudem versteckten sowohl indische wie tibetische Meister Schriften zum Schutz an materiellen Orten oder verankerten sie als Potential im Geist besonderer Schüler. Später wurden sie von Generationen von Meistern als Schatztexte (terma, tib. gter-ma) wiederentdeckt. Asanga zum Beispiel vergrub Maitreyas Werk „Weitest gehender immer währender Strom“, und der indische Meister Maitripa brachte ihn Jahrhunderte später wieder zum Vorschein. Padmasambhava verbarg unzählige Tantra-Texte in Tibet, die von späteren Nyingma-Meistern in Nischen und Winkeln von Tempeln oder in ihrem eigenen Geist entdeckt wurden.

Wenn die tibetische Tradition Shakyamuni als die Quelle der Tantras betrachtet, bedeutet dies Buddha, wie er im Allgemeinen von den Mahayana-Sutra- und -Tantra-Traditionen beschrieben wird. Nähern sich potenzielle Tantra-Praktizierende dem Thema der Authentizität von dem Standpunkt, dass sie lediglich die Beschreibungen der Buddhologen oder der Hinayana-Gelehrten akzeptieren, dann kann solch ein Buddha natürlich nicht die Tantras gelehrt haben. Das ist für solche Leute jedoch irrelevant. Tantra-Praktizierende haben nicht vor, die Art von Buddhas zu werden, die Buddhologen und Hinayana-Gelehrte beschreiben. Durch Tantra-Praxis trachten sie danach, Buddhas zu werden, wie sie in den Mahayana-Sutra- und -Tantra-Belehrungen geschildert werden. Da sie davon ausgehen, dass Shakyamuni solch ein Buddha war, akzeptieren sie natürlich, dass er die Tantras auf all die wundersamen Weisen lehrte, von denen die Tradition berichtet.

Die Beziehung zwischen buddhistischem und hinduistischem Tantra

Tantra-Literatur begann ungefähr im dritten Jahrhundert unserer Zeitrechnung sowohl in der buddhistischen als auch in der Hindu-Tradition zu erscheinen. Es gibt jedoch keine präzisen Daten, und beide Traditionen haben zweifellos die Erscheinungsdaten ihrer Texte vordatiert. Obgleich sich der philosophische und ethische Kontext unterscheidet, nehmen Praktiken der Hingabe, Yoga-Übungen und zahlreiche Aspekte früherer matriarchalischer Bräuche oder Stammessitten sowie der Bräuche der Kastenlosen in beiden einen markanten Platz ein. Beide Systeme beinhalten zum Beispiel Visualisationen von vielarmigen, mehrgesichtigen Gestalten, das Leiten der subtilen Energien durch Energieknoten (Skt. chakra), die Verehrung von Frauen, das Benutzen von Ornamenten und Musikinstrumenten aus Knochen, Bilder von Leichenäckern und Schlachthäusern sowie die Verwandlung von unreinen Körperprodukten. Daher ist es schwierig zu beweisen, dass ein System die Quelle für ein spezifisches Merkmal des anderen war. Man kann nur sagen, dass beide Bewegungen der gleichen Zeit waren. Da hinzukommt, dass buddhistische und hinduistische Tantra-Praktizierende oft dieselben heiligen Orte frequentierten, ist es wahrscheinlich, dass jede Gruppe die andere beeinflusst hat.

Buddhologen und traditionelle Tantrayana-Gelehrte stimmen überein, dass die Geschichte des Buddhismus eine Chronik der Anpassung der grundlegenden buddhistischen Themen an verschiedenste kulturelle Milieus darstellt, doch sie unterscheiden sich in ihrer Erklärung des Prozesses. Buddhologen erkennen nicht an, dass Buddha die Tantras lehrte. Sie gehen davon aus, dass spätere Meister eine Tantra-Form des Buddhismus entwickelten und seine Texte verfassten, um dem indischen Zeitgeist zu entsprechen. Traditionelle Tantrayana-Gelehrte vertreten hingegen, dass Buddhas überirdische Kräfte ihn befähigten, die kulturellen Entwicklungen vorauszusehen und dass er persönlich Tantra lehrte, um den Menschen der Zukunft gerecht zu werden. „Als die Zeit reif war“ machten daher jene, die die Tantras im Geheimen vermittelten – mündlich oder verborgen in ihrem geistigen Kontinuum – sie empfänglichen Praktizierenden zugänglich. Eine andere Erklärung ist, dass Buddha die Tantras den hoch verwirklichten Meistern, die sie als erste niederlegten, in reinen Visionen enthüllte. Die Erklärungsweise jeder Gelehrtengruppe entspricht ihrer jeweiligen Betrachtungsweise des Buddha und des allgemeinen buddhistischen Prinzips des Lehrens mithilfe geschickter Mittel.

Das Kontinuum des klaren Lichts als tiefste Quelle der Tantras

In „Ein erhellendes Licht“ erklärt der indische Meister Chandrakirti, dass Aussagen in den höchsten Tantra-Texten mehrere Bedeutungsebenen besitzen, von denen für bestimmte Gruppen nur einige gültig sind. Einige Ebenen haben zum Beispiel ausschließlich für Praktizierende des höchsten Tantras ihre Gültigkeit; andere sind auch für Anhänger der so genannten niedrigeren buddhistischen Lehren passend. Zudem haben Aussagen, deren Bedeutung von mehreren Gruppen anerkannt wird, sowohl wörtlich zu verstehende als auch nicht wörtlich zu nehmende Auslegungsebenen oder nur eine von beiden. Sie haben wörtlich zu verstehende Bedeutungen, wenn sie mit der Erfahrung der Gruppen übereinstimmen, die diese Bedeutungen akzeptieren; sie haben nicht wörtlich zu verstehende Bedeutungen, wenn sie tiefere Bedeutungsebenen ansprechen.

Wenden wir Chandrakirtis Analyse einmal auf die Behauptung an, dass Buddha Shakyamuni die Tantras anhand außergewöhnlicher Mittel, wie zum Beispiel in Enthüllungen, gelehrt hat. Einige Buddhologen mögen akzeptieren, dass diese Aussage eine nicht wörtlich aufzufassende tiefere Bedeutungsebene besitzt, doch sie würden eine Interpretation, die dies als wörtlich zu verstehen sieht, ablehnen, da Enthüllungen nicht zu ihrem persönlichen Erfahrungsbereich gehören. Diese Aussage deckt sich jedoch mit der Erfahrung zahlreicher Meister der Mahayana-Sutras, da sowohl sie als auch viele tantrische Meister buddhistische Belehrungen durch Enthüllung empfangen haben. Anhänger der Mahayana-Sutras und der Tantras akzeptieren also, dass diese Aussage eine wörtliche Bedeutung hat.

Chandrakirti führte weiter aus, dass die nicht wörtlich zu nehmenden Bedeutungen der Aussagen des höchsten Tantra auf eine letztendliche Ebene in Bezug auf das Kontinuum des klaren Lichtes hinweisen. Zahlreiche Tantra-Texte geben an, dass Buddha, als er ihren Inhalt lehrte, die Form von Samantabhadra, Vajradhara oder die des Adibuddha (ursprünglichen Buddha) Kalachakra angenommen hatte – drei Buddha-Gestalten, die das Kontinuum des klaren Lichts symbolisieren. Daher ist die letztendliche nicht wörtlich zu verstehende Bedeutung der Aussagen, dass die tiefste Quelle der Tantra-Lehren das Kontinuum des erleuchtenden klaren Lichts eines Buddha ist.

Gemäß der höchsten Tantra-Erklärungen der Buddhanatur, besonders in der Nyingma-Tradition, besitzt der geläuterte Teil des Kontinuums des klaren Lichts einer jeden Person alle erleuchtenden Qualitäten. So wie die Verwirrung, die den nicht geläuterten Teil jeder Person begleitet, zu den irreführenden Belehrungen eines Scharlatans führen kann, kann der geläuterte Teil daher zur Quelle weiterer Buddha-Belehrungen werden. Selbst wenn das Kontinuum des klaren Lichts einer Person nur fast völlig gereinigt ist und immer noch als Pfad-Tantra fließt, ist es daher möglich, dass sein geläuterter Teil unter angemessenen inneren und äußeren Umständen neue Tantra-Belehrungen hervorbringt. Bevor „die Zeit reif ist“ und es zu einem spontanen Erscheinen kommt, werden die Lehren von einem Leben zum nächsten auf eine verborgene Weise weitergegeben, als Teil des unverwirklichten Potentials des Kontinuum des klaren Lichts einer Person. Wenn die Person, in der das spontane Erscheinen geschieht, den vom Mahayana geteilten konzeptuellen Rahmen einer Enthüllung akzeptiert, wird er oder sie das Phänomen wahrscheinlich anhand dieses Rahmens beschreiben und subjektiv erleben. Die Beschreibung und die Erfahrung werden für diese Person Gültigkeit besitzen.

Betrachten wir auf der anderen Seite den Fall von Buddhologen, die die Prämissen der transpersonalen Psychologie akzeptieren, zum Beispiel die Behauptung, dass im Potential des Unbewussten jeder Person der Schlüssel für das Erlangen der Selbsterkenntnis liegt. Geistige Blockaden, in Mythen von unterirdischen drachenähnlichen Kreaturen wie den Nagas symbolisiert, bewachen diese und halten sie unter der Oberfläche. Die Methoden zur Selbsterkenntnis bleiben im Unbewussten verborgen, bis ein Individuum eine ausreichende Stufe der spirituellen Entwicklung erreicht hat und „die Zeit“ für ihre Enthüllung „reif ist“. Da derartige Buddhologen das Unbewusste als ein Äquivalent für das Kontinuum des klaren Lichts betrachten, können sie hinsichtlich der Aussage, dass Buddha die Tantras gelehrt hat, eine gemeinsame Bedeutungsebene mit Tantra-Paktizierenden akzeptieren, obgleich sie die wörtliche Bedeutung dieser Aussage entschieden ablehnen. Sie können akzeptieren, dass Buddha die Quelle der Tantra-Lehren in dem Sinne ist, dass er das Unbewusste symbolisiert – mit anderen Worten, dass die Tantra-Lehren dem Unbewussten der verschiedenen Meister entstammen, in deren Geist sie spontan erscheinen.

Die Kriterien für das Ermitteln der Authentizität der Tantras

Das Hauptkriterium dafür, eine Lehre als authentisch buddhistisch einzustufen, ist ihre ungebrochene Linie, die bis auf den Buddha zurückführt – ob man Buddha nun gemäß der klassischen Buddhologie, der transpersonalen Psychologie oder den Sichtweisen des Hinayana, des allgemeinen Mahayana oder des höchsten Tantra beschreibt. Ein jeder könnte jedoch behaupten, er hätte in einer reinen Vision Tantra-Übertragungen vom Buddha erhalten, oder hätte einen vergrabenen Schatztext im Boden oder in seinem Geist gefunden. Daher sind andere Kriterien nötig, um die Authentizität der Tantras im Allgemeinen und jedes ihrer Texte im Besonderen zu ermitteln.

In „Das Sutra von der großen letztendlichen Befreiung von allen Sorgen“ („Das Mahaparinirvana Sutra“), diskutierte Shakyamuni den Fall, dass jemand behauptet, er besäße eine authentische Belehrung außerhalb dessen, was Buddha selbst dargestellt hätte. Buddha setzte fest, dass seine Anhänger sie als authentisch akzeptieren können, wenn – und nur wenn – sie mit dem Inhalt seiner übrigen Lehren übereinstimmte.

In seinen Ausführungen in „Ein Kommentar zu [Dignagas „Kompendium des] gültig wahrnehmenden Geistes“, schlug der indische Meister Dharmakirti zwei entscheidende Kriterien für die Authentizität eines buddhistischen Textes vor. Buddha lehrte eine enorme Vielfalt von Themen, doch nur die Themen, die wiederholt in seinen Lehren auftauchen, zeigen, was Buddha tatsächlich beabsichtigte. Zu diesen Themen gehören das Einschlagen der sicheren Richtung (Zuflucht), das Verständnis der Gesetze verhaltensbedingter Ursache und Wirkung, das Entwickeln von außergewöhnlicher ethischer Disziplin, Konzentration und unterscheidendem Gewahrsein in Bezug darauf, wie die Dinge wirklich existieren, und das Erzeugen von Liebe und Mitgefühl für alle. Bei einem Text handelt es sich um eine authentische buddhistische Belehrung, wenn er mit diesen Hauptthemen in Einklang steht. Das zweite Kriterium für Authentizität ist, dass die korrekte Anwendung ihrer Anweisungen durch qualifizierte Praktizierende dieselben Resultate hervorbringen muss, die Buddha wiederholt an anderer Stelle aufgezeigt hat. Korrekte Praxis muss dazu führen, dass man das letztendliche Ziel der Befreiung oder Erleuchtung erlangt sowie die vorübergehenden Ziele spiritueller Errungenschaft auf dem Weg.

Das Vorhandensein einer Verflechtung der Hauptthemen des Buddha mit der Erfahrung und den Errungenschaften vergangener und gegenwärtiger Meister bestätigt die Authentizität der Tantras anhand dieser beiden Kriterien. Diese Kriterien etablieren auch die Gültigkeit der Tantras, da ihre korrekte Praxis zu den angegebenen Resultaten führt. Noch dazu kann man, wenn man den Tantra-Anweisungen genau folgt, ihre Authentizität und Gültigkeit direkt selbst beweisen.

Die vier besiegelnden Punkte dafür, eine Sichtweise als auf erleuchtenden Worten beruhend zu bezeichnen

Als eine Weiterführung von Dharmakirtis erstem Kriterium der Authentizität erwähnt Maitreya in dem Text „Weitest gehender immer währender Strom“ vier besiegelnde Punkte, um eine Sichtweise als auf den erleuchtenden Worten eines Buddha beruhend zu bezeichnen. Enthält eine Sammlung von Belehrungen diese vier, trägt sie das Siegel der Authentizität als eine buddhistische Belehrung, da ihre philosophische Sicht mit der Absicht der Worte des Buddha übereinstimmt. 1) Alle beeinflussten (bedingten) Phänomene sind nicht statisch (vergänglich). 2) Alle Phänomene, die von Verwirrung gefärbt (verschmutzt) sind, beinhalten Probleme (Leid). 3) Allen Phänomenen fehlt eine nichtzugeschriebene Identität. 4) Ein völliges Freiwerden von allen Schwierigkeiten (Skt. nirvana) ist völlige Besänftigung.

Die buddhistisch-tantrische Sicht entspricht den vier besiegelnden Punkten. 1) Alles, das von Ursachen und Wirkungen beeinflusst ist, ändert sich Moment für Moment. Selbst mit dem Erlangen der Erleuchtung durch die Tantra-Methoden wird ein Buddha weiterhin von Mitgefühl dazu bewegt, anderen auf immer neue Weise zu nutzen. 2) Als eine Methode zum Erlangen der Erleuchtung macht sich die höchste Tantra-Klasse die Energie der störenden Emotionen, wie die des sehnsüchtigen Verlangens, zu Nutze. Diese Methode befreit den Praktizierenden jedoch völlig von störenden Emotionen sowie von der Verwirrung, die dahinter steht. Man muss sich ihrer für immer entledigen, da alle befleckten Phänomene mit Problemen verbunden sind. 3) Hat man die Energie, die störenden Emotionen, wie sehnsüchtigem Verlangen, zugrunde liegt, nutzbar gemacht, benutzt man sie, um Zugang zum eigenen Kontinuum des klaren Lichts zu erlangen. Dies ist die Geistesebene, die der nichtkonzeptuellen Erkenntnis, das allen Phänomenen eine nichtzugeschriebene Identität fehlt, am zuträglichsten ist. 4) Aus dieser Erkenntnis der Leerheit oder völliger Abwesenheit besänftigt und entledigt man sich daher aller weiteren Abfolgen von Momenten verschiedenster Stufen von Verwirrung, ihren Gewohnheiten und den damit verbundenen Problemen. Das Erlangen dieser völligen Besänftigung ist eine vollkommene Befreiung von allen Schwierigkeiten. Daher qualifiziert sich die tantrische Sicht als eine authentische buddhistische Sicht.

Eine feste Überzeugtheit von der Authentizität der Tantras entwickeln

Um Tantra aus ganzem Herzen als eine Methode für das Erlangen von Befreiung und Erleuchtung praktizieren zu können, muss man sich auf Tantra mit der festen Überzeugung (tib. mos-pa) fokussieren, dass es sich um eine authentische buddhistische Lehre handelt. Die Fähigkeit, sich auf diese Weise zu fokussieren, erwächst aus dem Glauben, dass eine Tatsache wahr (tib. dad-pa) ist. In „Ein Schatzhaus spezieller Themen des Wissens“ klärte der indische Meister Vasubandhu, so wie sein Bruder Asanga in „Eine Anthologie spezieller Themen des Wissens“, die Bedeutung dieser zwei Geistesfaktoren oder geistigen Handlungen, die auftreten, während man sich auf eine Gegebenheit fokussiert. Mit keinem der beiden geistigen Handlungen ist gemeint, dass man sich mit blindem Glauben auf etwas fokussiert, das wahr sein kann oder nicht und das man nicht versteht.

Zu glauben, dass ein gewisser Sachverhalt wahr ist, beinhaltet drei Aspekte: 1) Mit klarem Kopf an einen Sachverhalt zu glauben ist die geistige Handlung, die sich über einen Sachverhalt klar ist und die den Geist von störenden Emotionen und Haltungen gegenüber seinem Objekt bereinigt. Wenn man zum Beispiel mit klarem Kopf glaubt, dass Tantra eine buddhistische Lehre ist, ist man sich klar, dass Tantra störende Emotionen wie sehnsüchtiges Verlangen als eine Methode benutzt, um sich für immer von störenden Emotionen zu befreien. Der Glaube an diesen Sachverhalt bereinigt den Geist von sehnsuchtsvollem Verlangen, durch Tantra Vergnügen und Genuss als Selbstzweck zu erleben. An einen Sachverhalt über etwas mit klarem Kopf zu glauben entspringt also aus einem Verständnis von korrekter Information über sie.

2) An einen Sachverhalt vernunftsbedingt zu glauben ist die geistige Handlung, einen Sachverhalt über etwas aufgrund dessen als wahr zu betrachten, dass man über Gründe nachdenkt, die ihn beweisen. Man mag sich zum Beispiel erst dann sicher sein, dass eine Belehrung einer bestimmten Quelle entspringt, wenn man diese Quelle korrekt ermittelt hat. Gemäß der Tantras hat nur Buddha, wie er in den Tantras beschrieben wird, diese Lehren vermittelt. Die Texte behaupten nicht, dass sie von Buddha, wie er von Hinayana-Gelehrten oder westlichen Buddhologen verstanden wird, gelehrt wurden. Zudem enthalten die Tantras die Hauptthemen, die Buddha wiederholt an anderer Stelle lehrte, besonders die vier besiegelnden Punkte, was bescheinigt, dass ihre philosophische Sicht auf Buddhas Worten beruht. Versteht man diese Argumente, kann man zuversichtlich glauben, dass die Tantras authentisch buddhistisch sind.

3) An einen Sachverhalt mit einem Wunsch oder Bestreben dies betreffend zu glauben ist die geistige Handlung, dass man (a) einen Sachverhalt von etwas als wahr erachtet. Außerdem hält man (b) die eigene Fähigkeit, das Ziel dieses Wunsches zu erlangen, welchen man demzufolge in Bezug auf das Objekt hegt, für zutreffend. Auf der Basis der vorigen zwei Aspekte, nämlich dass man es für wahr hält, dass Tantra eine authentische buddhistische Lehre ist, kann es sein, dass man auch den Sachverhalt für wahr hält, dass man anhand der Methoden des Tantra Erleuchtung erlangt und dass man daher danach streben wird, sie korrekt zu praktizieren.

Wenn man auf alle drei Arten stark daran glaubt, dass Tantra authentisch buddhistisch ist, entwickelt man eine feste Überzeugung in diesen Sachverhalt. Fest von einem Sachverhalt überzeugt zu sein ist die geistige Handlung, die sich auf einen Sachverhalt fokussiert, von dem man sich mit Gültigkeit vergewissert hat, dass er so ist und nicht anders. Es macht den eigenen Glauben so sicher, dass einen die Argumente und Meinungen von anderen nicht davon abbringen werden. Feste Überzeugung erwächst aus einer langfristigen Vertrautheit mit den Konsequenzen, die aus dem Glauben an einen Sachverhalt erfolgen, nämlich daraus, dass man den Nutzen sieht, den man aus korrekter Tantra-Praxis bezieht. Selbst bevor man mit der Tantra-Praxis beginnt, braucht man jedoch bereits eine feste Überzeugung von ihrer Gültigkeit. Daher beinhaltet die Vorbereitungszeremonie von Tantra-Ermächtigungen (Initiationen) in ihren ersten Schritten, dass der Meister, der die Ermächtigung überträgt, Tantra erklärt, um die unerschütterliche Überzeugung der potentiellen Schüler nochmals zu bestätigen.