Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Die historische Interaktion zwischen den buddhistischen und islamischen Kulturen vor der Zeit des mongolischen Reichs

Alexander Berzin, 1996
leicht revidiert, Januar 2003, Dezember 2006
Übersetzung ins Deutsche: Tara Dorn

Teil III: Die Verbreitung des Islam unter und durch die Turkvölker (840 – 1206 u. Z.)

15. Der Feldzug der Karachaniden gegen Khotan

Eine Gesandtschaft der Khotaner wird nach Han-China geschickt

Khotan, das sich im Osten der Befestigungsanlagen der Karachaniden in Kashgar befand, war ein reicher buddhistischer Staat. Seine Minen waren die maßgebliche Herkunftsquelle von Jade für alle Länder entlang der Seidenstraße, besonders für Han-China. Gelegentlich hatten seine Könige sogar Han-China besucht, zum Beispiel im Jahr 755, um Militärhilfe zur Niederschlagung der Rebellion des An Lushan anzubieten. Da aber die Tibeter im Jahr 790 wieder ihre Herrschaft über Khotan erlangten, brach jeglicher Kontakt zwischen den Höfen von Khotan und Han-China ab. Die Khotaner wollten diesen Kontakt auch dann nicht wieder herstellen, als sie im Jahr 851 die Unabhängigkeit erlangten. Die Handelsroute entlang des südlichen Randes des Tarimbeckens wurde fast eineinhalb Jahrhunderte nicht mehr gebraucht. Und die tibetischen Stämme, die entlang des Randes des Tarimbeckens siedelten, plündert häufig Khotan.

Im Jahr 938, kurz nach der Usurpation des Throns der Karachaniden durch Satuq Bughra Khan, sandte der khotanesische König aber eine Tribut- und Handelsmission über diese südliche Tarimroute nach Han-China. Trotz der Schwäche Han-Chinas, das während der herrschenden Fünf-Dynastie-Zeit (907 - 960) in verschiedene Königtümer zersplittert war, wollte Khotan unbedingt Verbindungen wiederherstellen. Der König war zweifellos deshalb motiviert, diesen Schritt zu tun, weil er sich durch die politischen Unruhen aus dem Westens in Kashgar bedroht fühlte.

[ Siehe Karte sechsundzwanzig: Zentralasien zur Zeit der Invasion der Karachaniden von Khotan, ungefähr 1000 u. Z.]

Auch wenn Khotan während der vergangenen eineinhalb Jahrhunderte nie direkt mit Han-China Handel trieb, war es doch über eine beträchtliche Reihe von Handelsaktivitäten mit anderen Regionen beschäftigt. Alle Handelsrouten, die von Khotan ausgingen, verliefen entweder durch Kashgar nach Westturkistan oder durch das nördliche Tarimbecken oder durch Yarkand auf dem Weg nach Kashgar über das Karakorum-Gebirge nach Kaschmir und weiter zu den Ebenen Indiens. Wäre Kashgar und seine Umgebung politisch unbeständig und für den Handelsverkehr zu unsicher gewesen, wäre es für Khotan sicher schwierig gewesen, wirtschaftlich zu überleben. Dies war sicherlich anfänglich einer der wesentlichen Gründe, den südlichen Tarim-Zweig der Seidenstraße nach Han-China wieder zu öffnen – nämlich um dort wieder einen alternativen Handelsplatz für Jade aus Khotan und andere Waren einzurichten.

Als in der Folge die Karachaniden eine Expansionspolitik verfolgten, fühlten sich auch die Khotaner ohne Zweifel territorial bedroht. Daher war die Hoffnung auf eine erneuerte Militärallianz, wie sie die beiden Länder häufig in der Vergangenheit genossen hatten, ein weiterer Grund dafür, die Verbindungen mit Han-China wiederaufleben zu lassen.

Die Khotaner sandten bis 971, kurz bevor sie die südliche Tarim-Handelsroute wieder öffneten, zahlreiche Missionen mit Jade-Geschenken an den han-chinesischen Hof und suchten dort Schutz, um dadurch ihre territoriale Integrität aufrecht erhalten zu können. Neben dem Nutzen aus dem Handel scheint es, dass sie nie irgendeine Form der Militärhilfe von ihren früheren Verbündeten erhalten hätten, auch nicht nach der Wiedervereinigung von Han-China im Jahr 960, die mit der der Gründung der Nördlichen Song-Dynastie einherging.

Die Streitkräfte der Nördlichen Song waren in den Gebieten, die unmittelbar im Westen ihres Reiches lagen, nahezu ständig mit Kriegsführung gegen die Tanguten beschäftigt. Auch wenn der Reiseweg von Han-China nach Zentralasien durch die südöstliche Ecke von Tsongka und weiter nördlich zum Gansu-Korridor führte, um dadurch den Konflikt zu umgehen, waren die Nördlichen Song zu schwach, um die Aufmerksamkeit vom Konflikt mit den Tanguten abzulenken und eine direkte militärische Intervention in Ostturkistan auszuführen. Die Khotaner hätten sich ohne han-chinesische Hilfe gegen eine mögliche Invasion verteidigen müssen.

Die Position des Buddhismus in Khotan

Die khotanesischen Tribut- und Handelsmissionen nach Han-China wurden häufig von buddhistischen Mönchen begleitet. Dies war in buddhistischen Ländern der übliche Brauch, da Mönche häufig die am besten ausgebildeten und gelehrten Mitglieder der Gesellschaft waren. Staaten verpflichteten daher häufig Mönche, wenn es um diplomatische Aufgaben ging.

Im Allgemeinen gab es damals in Khotan zahlreiche buddhistische Aktivitäten. Der khotanesische König Visa Saura (reg. 967 – 977) förderte eine große Anzahl von Übersetzungen buddhistischer Sanskrittexte in seine Sprache und entsandte viele buddhistische Lehrer zu den Kocho-Uiguren. Obwohl die Khotaner bereits in der Mitte des 6. Jahrhunderts damit angefangen hatten, buddhistische Texte in ihre eigene Sprache zu übertragen – also in etwa zur gleichen Zeit, wie auch die Tocharier mit der Übersetzungstätigkeit begonnen hatten, fanden doch die meisten Bemühungen in dieser Richtung zur Zeit des König Visa Saura statt.

Ein Heiliger Krieg wird ausgerufen

Nach einem islamischen historischen Bericht leisteten die Einheimischen von Kashgar, die keine Türken waren, der Bekehrung zum Glauben von Seiten der Karachaniden Widerstand. Sie wurden von ihren buddhistischen Gefährten in Khotan unterstützt, die ihnen halfen, vorübergehend die Herrschaft der türkischen Muslime im Jahr 971 umzustürzen, als sich die Streitkräfte der Karachaniden auf einen Feldzug in Sogdien gegen die Samaniden konzentrierten.

Vier Imame sandten dann Yusuf Qadr Khan, den Bruder des Karachaniden Kaghan in einen heiligen Krieg, damit dieser Kashgar zurückerobern sollte. Der Khan war mit dieser Aufgabe nicht nur erfolgreich, sondern zog sogar weiter nach Osten, um auch noch Yarkand dem Reich der Karachaniden anzugliedern und deren Bevölkerung zum Islam zu bekehren. Er belagerte dann vierundzwanzig Jahre lang Khotan. Trotz der Hilfe, die die Khotaner von ihren früheren Herrschern und buddhistischen Gefährten, den Tibetern, erhalten hatten, fiel der Stadt-Staat im Jahr 1006.

Kurz danach inszenierten die Khotaner einen Aufstand gegen den Islam und die vier Imame wurden zu Tode gemartert. Indessen kehrte Yusuf Qadr Khan jedoch von der Schlacht mit den Ghaznawiden zurück und schlug die Rebellion nieder. Khotan wurde dann in den Herrschaftsbereich der Karachaniden einverleibt und konvertierte ein für alle Mal zum islamischen Glauben.

Eine Analyse des Aufstands von Kashgar

Dieser Bericht wirft sofort eine wichtige Frage auf: Wenn die einheimischen Buddhisten von Kashgar der Bekehrung zum Islam von Seiten der Karachaniden widerstanden, weil sie keine Türken waren, impliziert das nicht, dass der Grund für ihre oppositionelle Haltung nicht in ihrer buddhistischen Religion zu finden war, sondern eher in ihrer ethnischen Abstammung als Indo-Iraner zu suchen war? Dieser Bericht behauptet indirekt, dass die buddhistischen karachanidischen Türken von Kashgar der Bekehrung keinen Widerstand leisteten. Daher scheint es, dass die Religion für sie nicht das wesentliche Thema war. Die einheimischen Kashgarer versuchten, die Herrschaft der Karachaniden umzustürzen und nicht unbedingt die islamische Religion ihrer fremden Eroberer.

Auch wenn wir annehmen, dass der Aufstand der Kashgarer zu einem bestimmten Ausmaß religiös motiviert war und dass religiöse Untertanentreue ein beitragender Faktor für die Feldzüge der Khotaner und Karachaniden nach Ostturkistan war, so spielten auch die Geopolitik und die Wirtschaft zweifellos eine wichtige Rolle. Ein übergeordnetes Anliegen, das bei politischen Entscheidungen fast aller zentralasiatischer Herrscher schwer ins Gewicht fiel, war der Wunsch danach, den lukrativen Handel entlang der Seidenstraße zu kontrollieren oder zumindest davon zu profitieren. Der Schlag der Khotaner gegen Kashgar und der Gegenschlag der Karachaniden gegen Khotan muss auch innerhalb dieses Kontexts bewertet werden.

Bewertung der Situation anhand des Vorbilds eines Heiligen Krieges, um dadurch die Vorgehensweise der Khotaner in Kashgar zu beschreiben

Die frommen islamischen Geschichten beschreiben die Geschehnisse so als ob Khotan ein buddhistisches Äquivalent zu einem Dschihad gegen die Muslime von Kashgar geführt hätte, um dort die Praxis des reinen buddhistischen Glaubens zu verteidigen. Die Karachaniden antworteten, sich Angesichts des buddhistischen Drucks rechtfertigend, dann wieder selbst mit einem Dschihad gegen Khotan. Diese Erklärung ist aber nicht nur deshalb eindimensional, weil sie jegliche anderen motivierenden Faktoren als die der Religion unterschätzt, sondern auch Überlegungen über eine buddhistische Kultur einzufügen scheint, die für eine islamische Kultur relevant sind und sich nicht auf die buddhistische Kultur beziehen.

[Siehe: Heilige Kriege im Buddhismus und Islam: Der Mythos von Shambala – vollständige Version.]

Die einzige buddhistische Schrift, die von einem religiösen Krieg spricht, ist das „Kalachakra Tantra“ . In seiner sich über ein Jahrtausend erstreckenden Vision der Zukunft sagt dieser Text eine apokalyptische Schlacht im fünfundzwanzigsten Jahrhundert u. Z. voraus, wenn nicht-indische Streitkräfte versuchen werden, alle Möglichkeiten spiritueller Praxis zu eliminieren. Der Sieg über diese nicht-indischen Streitkräfte wird ein neues goldenes Zeitalter einläuten, das gilt insbesondere für den Buddhismus. Obwohl der Text so ausgelegt wird, dass er auch zu einem individuellen spirituellen Kampf aufruft, den jeder Mensch gegen die inneren Streitkräfte der Dunkelheit und Unwissenheit mit sich selber ausfechten muss, wurde er nie als Empfehlung für einen Kampf im Äußeren betrachtet, wann auch immer eine buddhistische Gesellschaft bedroht sein sollte.

Auch wenn jemand das „Kalachakra-Tantra“ auf diese Weise interpretiert, hätten sich die nicht-indischen, von Mahdi angeführten Streitkräfte, nicht auf die Muslime im Allgemeinen bezogen. Obwohl die textlichen Beschreibungen der Bräuche dieser Streitkräfte auf eine islamische Verschmelzung hinweist, wie das halal, das Schlachten von Rindern und die Beschneidung, beinhaltet die Liste ihrer Propheten acht Lehrer. Sieben von ihnen sind in der maßgebenden Liste der ismailitischen Schia angeführt. Die zusätzliche hinzugefügte Person ist Mani, was vielleicht auf eine Verbindung mit den Manichäern und den manichäischen Schiiten, die zur ismailitischen Schia übertraten, hinweist.

Die anderen schiitischen Sekten und auch die Sunniten machen eine Liste von fünfundzwanzig Propheten geltend und deren Liste schließt Mahdi nicht mit ein, wohingegen die Ismailiten ihn mit in ihre Liste aufnehmen.

Vom Gesichtspunkt westlicher Gelehrter aus, wurden die historischen Bezüge und zumindest einige andere Punkte im „Kalachakra-Tantra“ sehr wahrscheinlich zuerst in der Gegend von Kabul im östlichen Afghanistan formuliert, sowie in Oddiyana während der zweiten Hälfte des zehnten Jahrhunderts. Beide Gebiete waren zuerst unter der Herrschaft der Hindu-Shahi und dann wurde Kabul im Jahr 976 von den Ghanawaziden übernommen.

Die Einbeziehung der Kabul-Gegend als eine Quelle des Kalachakra-Materials wird durch die Tatsache nahegelegt, dass das symbolische Universum (Skt. mandala), das im Kalachakra Tantra beschrieben wird, die königlichen Motive der Sassaniden widerspiegelt, das in den Fresken einer der Tempel des Klosters Subahar zu sehen ist. Dieses Kloster wurde in Kabul nach der Niederlage der Saffariden durch die Hindu-Shahi im Jahr 879 wieder errichtet. Alle drei Fresken zeigen einen Zyklus von Darstellungen der Planeten und Zeichen des Zodiaks, die sich um eine zentrale königliche Gestalt gruppieren, möglicherweise wie der „König von Raum und Zeit (Zamin o Zaman)“ im Palast der Sassaniden in Takdis. „Kalachakra“ heißt wörtlich „Kreis der Zeit“, wobei „Kreis“ manchmal so interpretiert wird, dass er die Ausdehnung des Universums bedeutet.

Im Jahr 968 wurde das ismailitische Königreich von Multan (nördliches Sindh) ein Vasallenstaat des ismailitischen Fatimiden-Reiches (910 – 1171 u. Z.), das in Nordafrika gegründet wurde. Im Jahr 969 besiegten die Fatimiden Ägypten und mit ihrer neuen Hauptstadt nahe Kairo erweiterten sie ihr Reich bald bis zum westlichen Iran. Die messianischen ismailitischen Fatimiden drohten mit einer Übernahme der islamischen Welt vor der erwarteten Apokalypse und mit dem Ende der Welt im frühen zwölften Jahrhundert, fünfhundert Jahre nach dem Propheten. Diejenigen Menschen, die sich innerhalb der politischen Sphäre der Abbasiden bewegten, das Gebiet von Kabul unter Herrschaft der Ghaznawiden mit eingeschlossen, fürchteten eine Invasion der Fatimiden und ihrer Verbündeten.

Als Häretiker und Bedrohung der Herrschaft der Abbasiden gebrandmarkt, flohen die Manichäer, die manichäischen Schiiten und die manichäische Konvertiten aus dem Abbasidenreich zur ismailitischen Schia. Es ist vernünftig anzunehmen, dass viele Menschen in Multan Zuflucht gesucht haben. Da die Bekehrung zur ismailitischen Schia einen anfänglichen Synkretismus erlaubte, könnte diesen Konvertiten gestattet worden sein, Mani zur ismailitischen Liste der Propheten hinzuzufügen. So bezog sich die im „Kalachakra-Tantra“ ausgesprochene Warnung vor einer Invasion sehr wahrscheinlich auf die Ismailiten von Multan, die durch die Einbindung manichäischer Elemente in ihren Glauben noch häretischer und sogar noch bedrohlicher gewirkt haben werden. Afghanische buddhistische Gelehrte haben zweifellos manichäische Schiiten vom abbasidischen Hof getroffen als sie im späten achten Jahrhundert in Bagdad gearbeitet haben. Als Erbe dieser Zeit könnten die Buddhisten alle Ismailiten mit den manichäisch-schiitischen Konvertiten durcheinandergebracht haben.

[Siehe: Die Darstellung der Propheten der nichtindischen Invasoren im Kalachakra.]

Jedenfalls beschreibt das „Kalachakra-Tantra“ die Angreifer als Feinde der spirituellen Praxis. Dies würde nicht nur die unverfälschte spirituelle Praxis des Buddhismus und Hinduismus einschließen, sondern auch die echte Praxis des Islam, da der Text die Anhänger aller Religionen dazu aufruft, ihre Differenzen beiseite zu legen und eine geeinte Front gegen diese Bedrohung zu formen. Zur Herrschaftszeit der Hindu-Shahis gab es im Kabul-Tal eine gemischte Bevölkerung aus Buddhisten, Hindus und sunnitischen wie auch schiitischen Muslimen.

Auch wenn man das „Kalachakra-Tantra“ als Aufruf zu einer äußeren Schlacht gegen alle Muslime auffassen würde, nicht nur seine fanatisch-messianischen Elemente, wäre es anachronistisch anzunehmen, dass die Khotaner durch Lehren des „Kalachakra-Tantra“ inspiriert worden wären, einen buddhistischen Dschihad gegen die Karachaniden in Kashgar zu verkünden. Der erste Hinweis, den man für die Präsenz der Kalachakra-Lehren auf dem indischen Subkontinent findet, deutet auf Kaschmir am Ende des zehnten und zu Beginn des elften Jahrhunderts hin. Ein Hindu kritisierte das Meditationssystem des Kalachakra im sechzehnten Kapitel des kaschmirisch-shaivitischen Tantratexts „ Illuminating the Tantras“ (Skt. Tantraloka), das vom kaschmirischen Pandit Abhinavagupta geschrieben wurde. Laut der Meinung einiger Gelehrter schrieb Abhinavagupta diesen Text zwischen 990 und 1014 und starb im Jahr 1025. Es gibt aber keinen Hinweis darauf, dass das vollständige Kalachakra-System, einschließlich der Lehren über eine Invasion, damals in Kaschmir bereits im Jahr 971 oder früher zur Verfügung stand, als Khotan militärische Streitkräfte schickte, um den Aufstand in Kashgar zu unterstützen. Auch wenn dieser Aspekt der Kalachakra-Lehren damals in Kaschmir zur Verfügung gestanden hätte, gibt es doch keinen Hinweis darauf, dass das „Kalachakra-Tantra“ je Khotan erreicht hat – trotz der geographischen Nähe von Kaschmir zu Khotan und des beträchtlichen kulturellen und wirtschaftlichen Austausches, den es zwischen diesen Ländern gab.

Daher ist es wahrscheinlicher, da dem Buddhismus jeglicher Brauch oder die Tradition heiliger Kriege im islamischen Sinn fehlt, dass Khotan den Aufstand in Kashgar als eine passende Gelegenheit dazu nutzte, um eine Offensive in Angriff zu nehmen, um die Karachaniden zu stürzen. Dies geschah um eine stabilere politische Umgebung für den wirtschaftlichen Handel entlang des westlichen Abschnittes der Seidenstraße zu sichern. Da die Khotaner für den Absatz ihrer Waren in Westturkistan keine Probleme mit dem islamischen Markt hatten, ist es unwahrscheinlich, dass sie sich durch Satuq Bughra Khan religiös bedroht fühlten, als dieser den Islam zur Staatsreligion erklärte.

[Siehe: Heilige Kriege im Buddhismus und Islam: Der Mythos von Shambala – vollständige Version.]

Die Bewertung des Eingreifens der Karachaniden als einen Heiligen Krieg

Auf Seiten der Karachaniden wurden die vier Imame sicherlich als historische Persönlichkeiten betrachtet – die Gräber dieser Märtyrer wurden in Khotan sogar bis ins zwanzigste Jahrhundert verehrt. Sie könnten darüber hinaus aber auch sehr gut zu einem Dschihad aufgerufen haben, weil sie die Unterstützung des Aufstands der einheimischen Kashgarer durch die Khotaner als einen buddhistischen heiligen Krieg interpretiert haben könnten. Es ist aber unwahrscheinlich, dass die vier islamischen Kleriker die Macht gehabt hatten, mittels eigener Befehlsgewalt einen militärischen Einsatz zu befehlen, und dies alleinig aus religiösen Gründen.

Die karachanidischen Kaghane und Generäle waren selbst starke militärische Führer, planten persönlich und lenkten die Feldzüge ihrer Truppen mit einer straffen Agenda, um ihre Herrschaft auf Kosten muslimischer und nicht-muslimischer Staaten auszudehnen. Sie führten nicht gegen alle ihre buddhistischen Nachbarn einen heiligen Krieg, so zum Beispiel nicht gegen die Kocho-Uiguren, sondern lediglich gegen Khotan. Lassen Sie uns daher die Situation der nahe gelegenen Königreiche untersuchen, um die regionalen Erwägungen wertschätzen zu können, die die Kaghane möglicherweise dazu bewogen haben könnten, bestimmte militärische Entscheidungen zu treffen.