Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Die historische Interaktion zwischen den buddhistischen und islamischen Kulturen vor der Zeit des mongolischen Reichs

Alexander Berzin, 1996
leicht revidiert, Januar 2003, Dezember 2006
Übersetzung ins Deutsche: Tara Dorn

Teil III: Die Verbreitung des Islam unter und durch die Turkvölker (840 – 1206 u. Z.)

14. Die Gründung der ersten beiden türkisch-islamischen Staaten

Die Bekehrung der Karachaniden zum Islam

Während der 930er-Jahre lief Nasr bin Mansur, ein herausragendes Mitglied der königlichen Familie der Samaniden, zu den westlichen Karachaniden über und wurde als Statthalter von Artuch, einem kleinen Distrikt nördlich von Kashgar, eingesetzt. Er versuchte zweifellos hinter die Linien der Karachaniden vorzudringen, um eine weitere Expansion des Samaniden-Reiches zu erleichtern. Als frommer Muslim befahl der Samanide, in Artuch eine Moschee zu errichten; es war die erste Moschee im Tarimbecken. Als Satuq, der Neffe von Oghulchak, dem Herrschers der westlichen Karachaniden, die Gegend besuchte, entwickelte er Interesse an der neuen Religion und konvertierte.

Als nach islamischen historischen Berichten Satuq versuchte, seinen Onkel zu überzeugen ebenfalls die Religionen zu wechseln, leistete letzterer Widerstand, was zu einem ausgedehnten Kampf führte. Der Neffe stürzte schließlich seinen Onkel und nahm den Titel Satuq Bughra Khan an. Mit der Erklärung, dass der sunnitische Islam von nun an die Staatsreligion sei, wurden die westlichen Karachaniden von Kashgar zum ersten türkischen Stamm, der offiziell den muslimischen Glauben annahm. Das geschah in den späten 930er-Jahren.

Eine Analyse der Motivation, die hinter der Konvertierung stand

Auch wenn religiöse Inbrunst Satuq zum Handeln bewegt haben könnten, hatte er zweifellos einen weitere Motivation – nämlich ein Streben nach Macht. Um sein Ziel zu erreichen, die Karachaniden zu beherrschen, verbündete er sich mit dem samanidischen Eindringling, der ein ähnliches Vorhaben hatte. Um sein Vertrauen zu gewinnen, müsste sich Satuq eine Strategie überlegen.

Die iranischen Samaniden folgten dem Brauch der arabischen Abbasiden, türkische Stammesangehörige als Sklaven zu nehmen und die Krieger dieser Stämme zwangsweise für ihre Armee zu rekrutieren. Obwohl die Samaniden außerordentlich tolerant anderen Religionen gegenüber waren, boten sie diesen Sklaven nichtsdestoweniger eine nominelle Freiheit an, wenn sie zum Islam konvertierten. Mehr als tausend Karachaniden, die im samanidischen Territorium lebten, wechselten auf diese Weise die Religion. Hätte sich Satuq und seine Anhänger selbst freiwillig zum Islam bekannt, hätte er leicht das Vertrauen der Samaniden erlangen und eine militärische Allianz besiegeln können.

Hätte Satuq überdies selbst den Ehrgeiz gehabt, die Tendenz abzuwenden, dass die westlichen Karachaniden immer mehr Land verloren und hätte er zudem den Ehrgeiz gehabt, die Türken auf die Größe einer regionalen Macht zu stutzen, wäre sein Schachzug, dass Volk mittel einer neuen Religion zu einen, vereinfacht worden. Diese Vorgehensweise war das altbewährte Erfolgsrezept, dessen sich die Tibeter, Osttürken und Uiguren bedient hatten. Den Buddhismus und Schamanismus miteinander zu kombinieren, führte jedoch nicht zu dem gewünschten Erfolg, dadurch übernatürliche Kräfte zur Unterstützung seines Onkel bereitzustellen, mit denen er seine Ländereien entlang des Tianshan-Gebirges unter Kontrolle halten wollte. Mit Unterstützung des Islam waren die Samaniden hingegen siegreich. Welche neuen Religionen daher gewählt werden würde, war offensichtlich.

Die Kocho-Uiguren hatten damals als Beschützer des Buddhismus Erfolg und prosperierten als Herren des nördlichen Zweigs der Seidenstraße im Tarimbecken.

Ihre ethnischen Vettern, die Gelben Yuguren, ebenso überzeugte Buddhisten, kontrollierten den Gansu-Korridor an der Stelle, wo die Seidenstraße in Han-China einmündete, und wo die nördlichen und südlichen Zweige der Seidenstraße in Dunhuang zusammentrafen. Um die türkischen Stämme für seine Bestrebungen, fernab der Uiguren, gewinnen zu können, benötigte Satuq eine Religion, die nicht nur vom Buddhismus verschieden war. Er brauchte eine Religion, die ihm auch gestatten würde, den alternativen südlichen Zweig der Route wieder zu öffnen und die ihm helfen würde, dass sich der Fokus der Handelskontrolle vom östlichen Abschnitt der Seidenstraße wieder zum westlichen Abschnitt der Seidenstraße verlagern würde.

Da der westliche Endpunkt der Seidenstraße in Sogdien in islamischer Hand war, scheint es Satuqs Plan gewesen zu sein, Sogdien zu erobern. Dann hätte er den Islam, ostwärts von Kashgar aus vordringend, benützen können, um eine kulturelle Einheit entlang des südlichen Zweiges der Seidenstraße zu schaffen und diese weiter entlang des Gansu-Korridors auszudehnen, wobei Satuq selbst zum Beschützer und unumschränkten Herrscher der Region geworden wäre. So wie die Uiguren die Flagge des Buddhismus dafür verwendeten, um Siege davonzutragen und ihren Besitz des nördlichen Tarim-Arms der Seidenstraße zu sichern, hoffte Satuq offensichtlich, dasselbe in Bezug auf die Karachaniden zu erreichen, so dass ihm der südlichen Arm des Tarims unter dem Banner des Islam zufallen würde. Um die türkischen Völker unter seiner Herrschaft zu vereinen, musste er dafür allerdings zunächst den heiligen Berg der Türken in seinen Besitz bringen, denn nur so konnte er die übernatürlichen Kräfte zu seinem Vorteil auf seine Seite ziehen.

Die Festigung des islamischen Staates der Karachaniden

Im Jahr 942 versuchte Satuq Bughara Khan mit der Hilfe seiner samanidischen Verbündeten die östlichen Karachaniden zu besiegen und die Kontrolle von Balasaghun zu erlangen. Da er keinen Erfolg hatte, wandte er sich gegen die Samaniden selbst, indem er den örtlichen gegnerischen Gruppen half, die Herrschaft der Samaniden in Sogdien zu unterminieren. Dies ist ein zusätzlicher Beweis dafür, dass politische Ambitionen wesentlich mehr Bedeutung hatten als andere Faktoren, wie beispielsweise Gefühle, die er durch seine religiöse Verwandtschaft mit seinen muslimischen Gefährten gehabt haben könnte.

Während der nächsten Jahrzehnte gewannen die Nachfolger von Satuq nicht nur Balasaghun und vereinten die Karachaniden wieder, sondern eroberten auch Samarkand und Buchara von den Samaniden. Als unumschränkte Herrscher und Beschützer des heiligen Berges der Türken, nahmen die Nachfahren Satuqs am Ende des Jahrhunderts den Titel qaghan an. Sie konnten nun ihre Aufmerksamkeit auf ihr wesentliches Operationsziel, den südlichen Tarim-Zweig der Seidenstraße, richten.

Der Aufstieg der Ghaznawiden und der Sturz der Samaniden

Im Jahr 962 eroberte sich Alptigin, ein versklavter türkischer Oberbefehlshaber, der seine nominelle Freiheit durch die Konvertierung zum sunnitischen Islam gewann, von seinen Herrn Ghazna im heutigen südöstlichen Afghanistan. Sein Schwiegersohn Sebuktegin (reg. 976 – 997) gründete dort die unabhängige Ghaznawiden-Dynastie (976 – 1186), die nur dem abbasidischen Hof Lehnspflicht zollte. Ihm gehörte der zweite islamisch-türkische Staat der in Zentralasien entstand. Er eroberte das Kabul-Tal vom Hindu-Shahi-Herrscher Jayapala (reg. 964 – 1001), vertrieb die Hindu-Shahi zurück nach Gandhara und Oddiyana und dehnte seine Herrschaft bis weit in den nordöstlichen Iran aus. Er überfiel auch Sindh von Mukran (Balutschistan) aus und annektierte einige seiner westlichen Teile.

Die Macht der persischen Samaniden schwand zunehmend und sie wurden letztendlich im Jahr 999 gestürzt. Die türkischen Sklavensoldaten, die in ihren Diensten standen, bevorzugten ihre eigenen ethnischen Verhaltensweisen, und halfen den Ghaznawiden und Karachaniden daher dabei, die Samaniden zu entthronen. Sebuktegins Sohn und Nachfolger Mahmud of Ghazni (reg. 998 – 1030) teilte, was von den samanidischen Ländereien in Sogdien und Baktrien noch übrig war, mit dem karachanidischen Kaghan. Er eroberte auch Khwarazm – ein Gebiet das dem heutigen nordwestlichen Turkmenistan, dem westlichen Usbekistan und einem Großteil des Iran entspricht.

[ Siehe Karte fünfundzwanzig: Die frühen Karachaniden- und Ghaznawiden-Reiche, Mitte des 10.Jahrhunderts.]

Obwohl er Türke war, glorifizierte Mahmud das iranische Sassaniden-Reich und schützte, wie die Samaniden vor ihm, dessen kulturelle Tradition. Er versammelte persische Gelehrte und Schriftsteller in Ghazna und warb zum Beispiel aus Khwarazm Abu Raihan Mohammed ibn-I-Ahmad al-Biruni (973 – 1048) für seine Dienste als Hofastrologe an. Er ermutigte zum Gebrauch der persischen Sprache wo immer er eine Eroberung machte und würde unzweifelhaft die iranisch-sassanidischen Bilder mit Beschreibungen der Planeten und den Zeichen des Zodiaks auf den Wänden des Klosters Subahar, das sein Vater in Kabul gegründet hatte, geschätzt haben.

Obwohl nun islamisch-türkische Königreiche zum ersten Mal in der Geschichte Sogdien und Baktrien kontrollierten, war die Grundstimmung in jedem einzelnen Königreich doch verschieden. Die Karachaniden waren die Bewahrer der türkischen Tradition, wo hingegen die Ghaznawiden der iranischen Kultur den Vorzug gaben. Die Anführer der Karachaniden konvertierten freiwillig zum Islam, vorwiegend weil sie sich davon einen wirtschaftlichen und politischen Gewinn versprachen, während die Ghaznawiden als versklavte Oberbefehlshaber einer fremden muslimischen Herrschaft dienten, weil sie sich davon eine relative Freiheit versprachen. Beide Königreiche verbreiteten den Islam, während sie militärisch bis über die Grenzen von Westturkistan hinaus expandierten. Die Karachaniden expandierten in Teilgebiete von Ostturkistan und die Ghaznawiden nach Nordindien. Lassen Sie uns untersuchen, was dazu motivierte, um herauszufinden ob ihre Bemühungen ein Teil eines tatsächlichen heiligen Krieges gegen andere Religionen waren oder ob es sich bei dem Krieg nur den Namen nach um einen Dschihad gehandelt hat, und der Krieg in Wirklichkeit politischer und wirtschaftlicher Natur war.