Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Die historische Interaktion zwischen den buddhistischen und islamischen Kulturen vor der Zeit des mongolischen Reichs

Alexander Berzin, 1996
leicht revidiert, Januar 2003, Dezember 2006
Übersetzung ins Deutsche: Tara Dorn

Teil II: Die frühe Periode der Abbasiden (750 – Mitte des 9. Jhs. u. Z.)

7. Der Aufstieg der Abbasiden und Niedergang der Tang in China

Der regionale Kontext

Bevor wir die historische Entwicklung während des frühen Kalifats der Abbasiden erörtern, lassen Sie uns knapp die politische Situation in Zentralasien kurz vor dem Heraufdämmern dieser Periode noch einmal betrachten. Die Umayyaden beherrschten Sogdien und Baktrien, während die Tang-chinesische Armee als drohende Invasion die Region im Norden und Westen, in Suyab, Kashgar und Kucha besetzt hielt. Die Streitkräfte der Tang hielten auch Turfan und Bashbalik besetzt. Die Orghuz, die „Türken der Weißen Kleider“, wanderten erst kürzlich von der südlichen Mongolei in eine entfernte nordöstliche Ecke von Sogdien ab. Der Rest des nördlichen Westturkistan und Dzungarien wurde von den Karluken beherrscht und die Mongolei kam erst vor kurzem unter die Kontrolle der Uiguren.

Tang-China und die Uiguren waren Verbündete. Die Tibeter waren in einer schwachen Position, behielten aber eine Präsenz in den südlichen Tarimstaaten, obwohl der König von Khotan den Hof der Tang bevorzugte. Die früheren Verbündeten der Tibeter, die Turgisen, waren nahezu ausgeschaltet. Die einzigen verbliebenen Bundesgenossen der Tibeter waren die Turki-Shahi in Gandhara, dem Namen nach durch Heirat mit Khotan verbündet.

[ Siehe Karte fünfzehn: Zentralasien am Vorabend der Abbasiden-Dynastie.]

Die Gründung des Abbasiden-Kalifats

Auch wenn die beiden islamischen Hauptsekten, Sunni und Schia, sich nicht vor dem 11. Jahrhundert formell herauskristallisierten, wollen wir unter Zuhilfenahme dieser Begriffe die Erörterung der Vorläufermodelle dieser Sekten erleichtern. Die Murjiah-Bewegung, die von den Umayyaden unterstützt wurde, war die Vorgängerin der Sunni. Die Murjiah-Bewegung unterstützte die Kalifen-Nachfolgelinie des Schwagers des Propheten, Mu‘awaiya, des ersten Kalifen der Umayyaden. Die Schia entwickelte sich aus der Oppositionspartei, die behauptete, dass die Legitimität der Nachfolge auf den Vetter und Schwiegersohn des Propheten, Ali, zurückzuführen ist. Da die Mehrheit der Araber die Umayyaden unterstützten und daher den Sunni Islam, bevorzugten die meisten Nicht-Araber die Schia.

Die Kalifen der Umayyaden waren Araber von der arabischen Halbinsel. Sie bevorzugten die Araber in jeglicher Hinsicht, weit mehr die Muslime im Allgemeinen. Sie verboten den nicht-arabischen, muslimischen Streitkräften, die Beute zu teilen, die bei einem Sieg im Kampf erobert wurde. Nicht-muslimischen Arabern andererseits, wie beispielsweise Christen oder Juden aus Arabien, vertraute man deutlich mehr als nicht-arabischen Muslimen. Einige nicht-muslimischen Araber wurden sogar als Statthalter nicht-arabischer Gebiete innerhalb des Kalifats eingesetzt. Diese parteiische Politik sorgte für eine ziemliche Verstimmung, besonders unter iranischen Muslimen, die sich selbst den Arabern gegenüber kulturell überlegen fühlten.

Abu Muslim war ein baktrischer Konvertit des Schia-Islams von Balkh. Er wurde ein Verbündeter von Abu l‘Abbas, eines arabischen Abkömmling der Abbas, eines Onkels des Propheten, während beide in Baktrien (Khorasan) wegen Aktivitäten gegen die Umayyaden eingesperrt waren. Sich die Unzufriedenheit und Entfremdung der Iraner und Zentralasiaten zu Nutze machend, führte Abu Muslim später eine Rebellion an, die im Jahr 750 die Umayyaden-Dynastie stürzte. Nach der Eroberung von Damaskus, der Hauptstadt der Umayyaden, rief er Abu l‘Abbas, auch als as-Saffah (reg. 750 – 754) bekannt, zum ersten Kalifen der Abbasiden-Linie aus. Als Dank benannte as-Saffah Abu Muslim zum Statthalter von Baktrien. Das Kalifat der Abbasiden dauerte bis ins Jahr 1258, regierte Baktrien und Sogdien aber nur bis zur Mitte des 9. Jahrhunderts.

Da es sich bei den Abbasiden-Kalifen um Araber aus einem iranischen Kulturgebiet handelte, unterstützten die iranischen und zentralasiatischen Muslime anfänglich deren Machtaneignung. Sie dachten, dass die Abbasiden von Arabien weit genug weg waren, um nicht dieselben rassistischen Vorurteile wie die Umayyaden zu hegen und hofften, dass die neue Dynastie sie nicht länger als zweitklassige Bürger behandeln würde.

Die Niederlage von Tang China und die Rebellion des An Lushan

Im Jahr 751 tat sich Abu l‘Abbas mit den Karluken zusammen und wandte sich gegen die Streitkräfte der Tang-Chinesen, die sowohl Abu l‘Abbas als auch die Karluken bedrohten. Sie schlugen die Tang-Armee am Talas-Fluss im heutigen südlichen Kasachstan und beendeten damit entschieden die Präsenz der Han-Chinesen in Westturkistan. Diese Schlacht markiert eine Zeitenwende, nach der die Besetzung und Herrschaft der Han-Chinesen über Ostturkistan zunehmend schwand und schließlich endete.

Die Niederlage der Tang und die enormen Kosten all der scheinbar fruchtlosen Feldzüge in Zentralasien des Kaisers Xuanzong wurden der chinesischen Bevölkerung letztendlich zu viel. Die chinesische Bevölkerung konnte die Situation nicht länger ertragen. Im Jahr 755 führte An Lushan (An Lu-shan), der Sohn eines sogdischen Soldaten in den Diensten der Tang und einer osttürkischen Mutter, eine populäre Revolte in der Tang-Hauptstadt Chang‘an an. Obwohl der Kaiser viele seiner Truppen aus Kashgar, Kucha, Beshbaliq und Turfan zurückzog, nur ein Gerippe der Streitmacht zurücklassend, und zudem militärische Hilfe vom König von Khotan erhielt, war er unfähig die Rebellion niederzuschlagen. Der Kaiser war gezwungen gedemütigt in die Berge von Sichuan zu fliehen. Die hatten letztendlich nur deshalb Erfolg, weil sie sich um Hilfe an die Uiguren in der Mongolei wandten.

Während Streitkräfte der Tang die Rebellen in Chang‘an und Loyang bekämpften, plünderten und zerstörten sie praktisch beide Städte, eingeschlossen vieler buddhistischer Tempel und Klöster, die es in beiden Städten gab. Nichtsdestoweniger nahm Bogu Kaghan, der Herrscher der Uiguren, als Resultat der Kontaktaufnahme zur Gemeinschaft der sogdischen Kaufleute dort, den Glauben der Manichäer an, dem die meisten dieser Kaufleute anhingen. Darauf folgend erklärte er den Manichäismus im Jahr 762 zur Staatsreligion der uigurischen Nation. Obwohl An Lushan zur Hälfte Sogdier war, waren die meisten Rebellen Han-Chinesen und entstammten nicht der Nicht-Han-Gesellschaft. Ansonsten hätte Bogu Kaghan auch gegen die Sogdier gekämpft und wäre daher nicht empfänglich für deren Religion gewesen.

Im Verlauf einiger Jahrhunderte wechselten die Uiguren ihre Staatsreligion zuerst vom Schamanismus zum Buddhismus, dann zum Manichäismus und wieder zurück zum Buddhismus bis sie sich letztendlich zum Islam bekehrten. Die Osttürken tauschten noch vor ihnen den Schamanismus gegen den Buddhismus und kehrten dann wieder zum Buddhismus zurück. Folgend wollen wir einige mögliche Gründe für diese Wechsel der Religionszugehörigkeiten unter diesen zwei türkischen Völkern untersuchen. Eine Untersuchung des Religionswechsels kann uns möglicherweise dabei helfen, die Mechanismen besser zu verstehen, die dahinter stehen, dass die meisten türkischen Stämme später vom Buddhismus oder Schamanismus zum Islam übergetreten sind.