Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

Zur Textversion für diese Seite wechseln. Zur Haupt-Navigation springen.

Die historische Interaktion zwischen den buddhistischen und islamischen Kulturen vor der Zeit des mongolischen Reichs

Alexander Berzin, 1996
leicht revidiert, Januar 2003, Dezember 2006
Übersetzung ins Deutsche: Tara Dorn

Teil I: Das Kalifat der Umayyaden (Omaijaden / Umajjaden)
(661 -750 u. Z.)

5. Tibet am Vorabend zur Ankunft des ersten muslimischen Lehrers

Als al-Sali bin-Abdullah al-Hanafi in Tibet eintraf, gab es bereits zwei religiöse Traditionen, die vom Königshof gefördert wurden: der sogenannte „Bön“ und der Buddhismus. Der Bön war der ursprüngliche Glaube Tibets, während der Buddhismus vom ersten tibetischen König, Songtsen-Gampo (reg. 617 – 646), eingeführt wurde. Nach Aussage der traditionellen tibetischen Berichte bestanden zahlreiche Rivalitäten zwischen den beiden Traditionen. Aus der modernen Forschung ergibt sich allerdings ein komplexeres Bild.

Die organisierte Bön-Religion und die einheimische tibetische Tradition

Der Bön wurde erst nach dem 11. Jahrhundert zu einer organisierten Religion und hatte zu dieser Zeit viele Merkmale mit dem Buddhismus gemeinsam. Zuvor hatte die vor-buddhistische, einheimische Tradition Tibets, die man verwirrender Weise manchmal auch als „Bön“ bezeichnet, vor allem aus Ritualen zur Unterstützung eines kaiserlichen Kultes bestanden – so zum Beispiel komplizierte Opferrituale für königliche Trauerfeiern und Vertragsunterzeichnungen. Die Tradition beinhaltete ferner Weissagungs-Systeme, Astrologie, Heilrituale zur Besänftigung unheilbringender Geister und Kräutermedizin.

In ihrer historischen Literatur führt die organisierte Bön-Religion ihren eigenen Ursprung auf Shenrab (tib. gShen-rab) zurück, einen Lehrer aus dem sagenumwobenen Land Olmo-Lungring (tib. ‘ Ol-mo lung-ring) am östlichen Rand von Tagzig (tib. sTag-gzig), der die Bön-Religion in einer fernen Vergangenheit nach Zhang-Zhung (tib. Zhang-zhung) brachte. Zhang-Zhung war ein altes Königreich, dessen Hauptstadt in Westtibet in der Nähe des heiligen Kailash-Berges lag. Einige moderne russische Gelehrte, die sich auf sprachliche Analysen berufen, identifizieren Olmo-Lungring mit Elam im alten West-Iran und Tagzig mit Tajik – ein sich auf Baktrien beziehendes Wort. Diese Gelehrten nehmen die Aussage der Vertreter des Bön an, wonach die dem Buddhismus ähnlichen Aspekte bereits vor Songtsen-Gampo existierten. Sie postulieren, dass der ursprüngliche Anstoß zur Schaffung des Bön-Systems von einem buddhistischen Meister aus Baktrien kam, der Zhang-Zhung irgendwann im Laufe des ersten Jahrtausends u. Z. besuchte. Der Besuch erfolgte möglicherweise via Khotan oder Gilgit und Kaschmir – zwei Nachbarregionen, zu denen Zhang-Zhung traditionell enge wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen hatte. In Übereinstimmung mit der Geschichtschreibung der Bön erklären sie, dass dieser Meister, bei seinem Erreichen Zhang-Zhungs viele Buddhismus-ähnliche Aspekte mit der ortsüblichen Ritualpraxis verband.

Andere Gelehrte sehen in der Ursprungslegende des Böns eine Interpolation aus dem 14. Jahrhundert, in der sich zahlreiche Faktoren mischen. Verbreitung des Bön von Olmo-Lungring nach Osten wäre dann eine Parallele zu Verbreitung des Buddhismus von Tibet in die Mongolei, während Tagzig, wörtlich „das Land der Tiger und Leoparden“ eine Zusammensetzung des kriegerischen Landes der Mongolen und der früheren Kitaner wäre.

„Tagzig“ (Aussprache „tazi“ oder „tazig“) war allerdings die tibetische Transliteration des Sanskrit-Begriffs tayi, ein Name, der in der Kalachakra-Literatur für die nichtindischen Invasoren verwendet wird. Das Sanskritwort tayi ist seinerseits eine phonetische Wiedergabe des arabischen und aramäischen Begriffes tayy (Plural tayayah, tayyaye) oder aber von dessen im modernen Persisch verwendeten Form tazi. Die Tayyayah waren der Stärkste der vormuslimischen arabischen Stämme, der Tayy´d, und folglich wurde „tayayah“ im Syrischen und Hebräischen ab dem 1. Jahrhundert u. Z. als Sammelname für die Araber verwendet. Die moderne persische Form tazi war der Begriff, mit dem die arabischen Invasoren im Iran bezeichnet wurden – beispielsweise vom letzten Sassaniden-Herrscher Yazdgird III. (reg. 632 – 651), einem Zeitgenossen von Kaiser Songtsen-Gampo.

Man könnte den Standpunkt vertreten, dass Zhang-Zhung die Form tagzig aus dem mittelpersischen Begriff „tazig“ entlehnte, der in der frühen Periode des Sassanidenreiches (226 – 650) verwendet wurde – ein Reich, das nicht nur den Iran, sondern auch Baktrien umfasste. Schließlich waren die Sassaniden treue Zoroastrier und das in Baktrien liegende Balkh war der Geburtsort des Zoroasters. Außerdem tolerierten die Sassaniden den Buddhismus in Baktrien, wo er bereits seit mehreren Jahrhunderten fest etabliert war. Der frühe Bön hat viele Merkmale, die dem zoroastrischen Dualismus und dem Buddhismus ähneln. In diesem Licht erscheint die Behauptung des Bön, dass seine dem Buddhismus ähnlichen Aspekte schon auf die Zeit vor Kaiser Songtsen-Gampo zurückgehen und aus Tagzig kommen, plausibel.

Es wäre allerdings merkwürdig, wenn man in Zhang-Zhung vor Songtsen-Gampos Zeit das Wort, das von den Sassaniden für die Araber verwendet wurde, auf die von den Sassaniden beherrschten Gebiete angewandt hätte. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass Zhang-Zhung den Namen Tagzig für die Araber selbst verwendete. Schließlich entrissen die arabischen Umayyaden den Sassaniden den Iran erst 651, Baktrien erst 663 und das in Sogdien liegende Buchara noch einige Jahre später. Dies geschah bereits mehrere Jahrzehnte nach Kaiser Songtsen-Gampos Eroberung Zhang-Zhungs. Wenn der Name Tagzig also bereits vor Songtsen-Gampos Zeit in Zhang-Zhung verwendet und später ins Tibetische entlehnt wurde, dann kann er sich nur auf die iranischen Kulturgebiete bezogen haben, die später von den Arabern beherrscht wurden oder in denen die Tibeter später gegen die Araber kämpften. Dies ist unwahrscheinlich.

Folgende Annahme erscheint wahrscheinlicher: als die Tibeter im frühen 8. Jahrhundert in Baktrien in Kontakt mit den Arabern kamen und den Namen Tagzig kennenlernten, mit dem diese bezeichnet wurden, übernahm am tibetischen Hof die Bön-Partei diesen Namen und wendete ihn retrospektiv auf das baktrische Gebiet an, aus dem ihre Religion stammte. Eine solche Theorie würde die Annahme nicht ausschließen, dass sich die Bön-Religion aus baktrischen Quellen ableitete.

[Siehe: Historische Skizze des Buddhismus und Islam in Afghanistan.]

Ferner: trifft diese Ursprungstheorie des Namens Tagzig zu, dann erfolgte seine Aufnahme ins Tibetische bevor er verwendet wurde, um das Sanskritwort tayi in der sanskritsprachigen Kalachakra-Literatur zu übersetzen. Die ersten Übersetzungen der Kalachakra-Literatur aus dem Sanskrit ins Tibetische erfolgten erst in der Mitte des 11. Jahrhunderts; und innerhalb dieser Literatur wurden erst im Jahr 1064 tibetische Übersetzungen in Tibet eingeführt, die den Begriff Tagzig enthielten.

[ Siehe Karte neun: Frühes Tibet.]

Songtsen-Gampos Beziehung zu Zhang-Zhung

Songtsen-Gampo war der zweiunddreißigste Herrscher von Yarlung (tib. Yar-klungs), einem kleinen Königreich in Zentraltibet. Im Zuge seiner territorialen Ausweitungen und seiner Begründung eines Imperiums, das sich von den Grenzen Baktriens bis nach Han-China und von Nepal bis an die Grenzen von Ostturkestan erstreckte, eroberte er Zhang-Zhung. Seinen eigenen historischen Berichten zufolge hatte auch Zhang-Zhung einmal das gesamte tibetische Plateau umfasst. Doch zur Zeit seiner Niederlage bestand es nur aus Westtibet.

Bis wohin reichten die Grenzen Zhang-Zhungs auf dem Höhepunkt seiner Macht? Gab es zu dieser Zeit in Zhang-Zhung Elemente, die dem Buddhismus ähnelten? Was war ihr Ursprung? Wir wollen diese Fragen beiseite lassen. Trotzdem: die Indizien, die in den Gräbern der Yarlung-Könige gefunden wurden, die Songtsen-Gampo vorausgingen, lassen die Annahme vernünftig erscheinen, dass die Heimatregion des Kaisers und das von ihm eroberte Westtibet zumindest das Zhang-Zhung-System der Hofrituale gemeinsam hatten. Im Unterschied zum Buddhismus waren die Zhang-Zhung-Rituale kein fremdes System der Praxis und des Glaubens, sondern ein integraler Teil des pan-tibetischen Erbes.

Songtsen-Gampo heiratete mehrere Prinzessinnen um politischen Allianzen und seine eigene Machtposition zu festigen: zuerst eine Prinzessin aus Zhang-Zhung und, in einem fortgeschrittenen Stadium seiner Herrschaftszeit, Prinzessinnen aus Tang-China und Nepal. Nachdem er die Prinzessin aus Zhang-Zhung geheiratet hatte, ließ er ihren Vater, Lig-Nyihya (tib. Lig-myi-rhya), den letzten König von Zhang-Zhung, ermorden. Somit konnten er und sein rasch wachsender Staat zum Fokus der einheimischen Ritual-Unterstützung des Kaiserkultes werden.

Die Einführung des Buddhismus

Songtsen-Gampo führte den Buddhismus in Tibet aufgrund des Einflusses seiner han-chinesischen und nepalesischen Ehefrauen ein. Der Buddhismus verwurzelte sich allerdings in jener Zeit nicht in Tibet und verbreitete sich nicht unter der gewöhnlichen Bevölkerung. Einige modernen Gelehrten bezweifeln die historische Existenz der nepalesischen Ehefrau, doch architektonische Elemente aus dieser Periode belegen, dass Nepal zumindest einen gewissen kulturellen Einfluss hatte.

Die wichtigste Manifestation des fremden Glaubens war eine Reihe von dreizehn buddhistischen Tempeln, die der König an besonderen, ausgewählten geomantischen Orten erbauen ließ, die sich über sein gesamtes Reich, einschließlich Bhutan, verteilten.

Tibet wurde als eine auf dem Rücken liegende Dämonin angesehen. Die Bauorte für die Tempel wurden sorgfältig nach den Regeln der chinesischen Akupunktur ausgewählt, die auf den Körper der Dämonin angewandt wurden. Songtsen-Gampo hoffte hierdurch sämtlichen Widerstand zu beseitigen, den ortsansässige böswillige Geister gegen seine Herrschaft hätten richten können.

Der wichtigste der dreizehn buddhistischen Tempel wurde 145 km von der königlichen Hauptstadt erbaut, an dem Ort, der später als „Lhasa“ (tib. Lha-sa, Ort der Götter) bekannt wurde. Zu dieser Zeit hieß er noch „Rasa“ (tib. Ra-sa, Ort der Ziegen). Westliche Gelehrte spekulieren, dass man den Herrscher dazu überredete, den Tempel nicht in der Hauptstadt zu errichten, um die traditionellen Götter nicht zu beleidigen. Es ist unklar, mit wer diese buddhistischen Tempel bewohnte, aber es waren vermutlich fremde Mönche. Die ersten tibetischen Mönche wurden erst etwa hundertfünfzig Jahre später ordiniert.

Obwohl die Hagiographien den Kaiser als Muster des buddhistischen Glaubens beschreiben und sicher buddhistische Zeremonien für sein Wohlergehen durchgeführt wurden, waren sie nicht die einzige Form von religiösen Zeremonien, die vom königlichen Hof unterstützt wurde.

Songtsen-Gampo unterhielt an seinem Hof Priester der einheimischen Tradition und den sie unterstützenden Adel. Er gab Statuen der landesüblichen Götter in Auftrag, die im Haupttempel von Rasa neben den buddhistischen aufgestellt werden sollten. Wie seine Vorgänger wurden er und seine Nachfolger alle in Yarlung bestattet, nach vorbuddhistischen, alten pan-tibetischen Riten. Wie es Dschingis Khan fast sechshundert Jahre später tat, begrüßte der tibetische König nicht nur seine einheimische Tradition, sondern auch eine fremde Religion, nämlich den Buddhismus, der Rituale zur Verfügung stellen konnte, die seine Macht stärken und seinem Reich Nutzen bringen sollten.

Die Anpassung der khotanesischen Schrift

Songtsen-Gampos Politik, fremde Erfindungen zur Stärkung seiner politischen Macht zu nutzen, zeigt sich auch in seiner Adaptation einer Schrift für die tibetische Sprache.

Der Kaiser nutzte die lange Tradition der kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen die zwischen Zhang-Zhung und Khotan, Gilgit und Kaschmir bestanden, und sandte eine von Tonmi Sambhota (tib. Thon-mi sambhota) geleitete kulturelle Delegation in die Region. In Kaschmir traf die Delegation auf den Meister Li Chin (tib. Li Byin) von Khotan. Li, das tibetische Wort für Khotan, verweist klar auf das Ursprungsland dieses Meisters. Mit seiner Hilfe entwickelte die Gesandtschaft ein Alphabet um die tibetische Sprache zu schreiben, das auf der khotanesischen Adaption der indischen, aufrechten Gupta-Schrift basiert. Die tibetischen historischen Berichte verwechseln den Ort, an dem die neue Schrift zusammengestellt wurde mit dem Ursprungsort ihres Models und erklären daher, das geschriebene Tibetisch basiere auf dem kaschmirischen Alphabet.

Moderne tibetische Gelehrte haben entdeckt, dass Zhang-Zhung bereits vor dieser Entwicklung eine Schrift besaß und dass diese die Grundlage für die tibetischen Kursivbuchstaben bildet. Das Vorbild für die Zhang-Zhung-Schrift scheint aber ebenfalls das khotanesische Alphabet gewesen zu sein.

Songtsen-Gampo benutzte die neue Schrift angeblich für eine von ihm in Auftrag gegebene Übersetzung eines buddhistischen Sanskrittextes, der zwei Jahrhunderte zuvor als Geschenk aus Indien nach Yarlung gekommen war. Der Schwerpunkt der damaligen Übersetzungstätigkeit – die recht beschränkt war – bestand aus chinesischen Astrologie-Texten und aus chinesischen und indischen Medizintexten. Der König benutzte das Schreibsystem vor allem, um seinen Generälen im Feld geheime Militärbotschaften zu schicken. Dies folgte dem Brauch von Zhang-Zhung, für solche Zwecke verschlüsselte geschriebene Botschaften (tib. lde‘u) zu verwenden.

Die sogenannte „Bön“- Oppositionspartei

Eine Fraktion am tibetischen Kaiserhof war nicht damit einverstanden, dass Songtsen-Gampo den Buddhismus unterstützte und ihm vertraute. Sie standen zweifellos hinter seiner Entscheidung, den buddhistischen Haupttempel nicht in der kaiserlichen Hauptstadt und noch nicht einmal im Yarlung-Tal errichten zu lassen. Spätere tibetische Historiographien nennen sie Vertreter der „Bön“ -Religion. Mehr als ein Jahrhundert lang – einschließlich während al-Salits Besuch – leisteten sie entschiedenen Widerstand gegen die imperiale Politik. Der Erfolgsmangel des islamischen Geistlichen in Tibet muss in diesem Zusammenhang verstanden werden. Doch wer waren diese Anhänger des „Böns“, die sich dem Buddhismus widersetzten und die später zweifellos für den kühlen Empfang verantwortlich waren, dem der Islam begegnete? Und was waren die Gründe für ihre Feindseligkeit?

Nach Ansicht von tibetischen Gelehrten ist die Bedeutung des Wortes bon die eines Zauberspruchs, der benutzt wurde, um spirituelle Kräfte zu kontrollieren. Das Wort bezeichnet ein zwölfteiliges System, das Weissagung, Astrologie, Heilrituale und Kräutermedizin beinhaltet.

Vor dem späten 11. Jahrhundert war der Bön keine organisierte Religion. Einigen Gelehrten zufolge wurde das tibetische Wort bon zu dieser Zeit noch nicht einmal für das vorbuddhistische einheimische Glaubens- die Ritualsystem verwendet, welches die vier traditionellen Künste der Weissagung, der Astrologie, der Heilriten und der Kräutermedizin umfasste. Vielmehr wurde das Wort nur für eine besondere Partei am Kaiserhof verwendet. Obwohl diese Bön-Partei bestimmte Priester (tib. gshen) der einheimischen Tradition und spezifische, mit diesen verbundene Adlige einschloss, war das definierende Charakteristikum der Gruppe nicht ihr religiöser Glaube, sondern vor allem ihre politische Position.

Innerhalb wie außerhalb des Hofes gab es Anhänger der einheimischen Traditionen der vier Künste (Weissagung, etc.) – und sogar der Kaiser selbst war einer von ihnen – die nicht als „Anhänger des Bön“ bezeichnet wurden. Und es gab am Hof „Bön“-Adelige, die sich nicht notwendigerweise auf diese vier traditionellen Künste verließen. Nicht einmal alle Priester der einheimischen Tradition gehörten zu dieser Partei. Beispielsweise gab es am Hof die Priester, die Rituale zur Unterstützung des Kaiserkultes ausführten und beim Tod des Kaisers die traditionellen kaiserlichen Bestattungsriten zelebrierten. Außerhalb des Hofes gab es Priester, die Weissagungen oder Heilrituale ausführten, um schädliche Geister zu überwinden. Und von diesen wurde keiner als „ Bön-Mitglied“ betrachtet.

Die „Bön“-Gruppe beschränkte sich also auf eine antikaiserliche, konservative, und – vor allem – fremdenfeindliche Fraktion von Parteien am Hof, die von Selbstinteresse bestimmt wurden. Sie waren eine Oppositionsfraktion, die danach trachtete, selbst die Macht zu übernehmen. Da sie gegen den Kaiser waren, waren sie natürlich gegen alles, was die Macht des Kaisers stärken konnte – besonders, wenn es sich um fremde Erfindungen handelte. Daher war die Feindseligkeit, die diese Partei gegen fremde Rituale und Glaubensformen hegte, nicht einfach ein Ausdruck religiöser Intoleranz, wie es spätere tibetische buddhistische Geschichtsbücher unterstellten. Sie mögen zwar religiöse Gründe angeführt haben, um ihre antibuddhistischen politischen Empfehlungen zu rechtfertigen – etwa, dass eine buddhistische Präsenz die traditionellen Götter verärgern und Unheil heraufbeschwören würde. Doch dies bedeutet nicht, dass sie notwendigerweise die gesamte einheimische religiöse Tradition unterstützten. Zur „Bön“-Partei gehörten schließlich keine Priester, welche die landesüblichen Rituale ausführten, um den Kaiser zu unterstützen.

Die antibuddhistische Stimmung der sogenannten „Bön“-Fraktion war auch kein Zeichen für eine von Zhang-Zhung kommenden Revolte. Die einheimischen Priestern und die sie unterstützenden Adligen, aus denen die Oppositionspartei bestand, kamen zweifellos aus Zentraltibet. Es waren keine aus Zhang-Zhung stammenden Außenseitern. Zhang-Zhung war ein besetztes Gebiet, kein integrierte politischer Distrikt des Reiches. Es ist unwahrscheinlich, dass ihre Führer als vertrauenswürdige Mitglieder des kaiserlichen Hofes gedient hätten.

Kurz gesagt: die sogenannte antibuddhistische „Bön“-Partei, die später dazu beitrug, den Besuch des muslimischen Klerikers als unbedeutend hinzustellen, war weder eine religiöse noch eine regional definierte Gruppe. Sie bestand aus Gegnern der Kaiserherrschaft Yarlung, die von machtpolitischen Interessen motiviert wurden. Sie widersetzten sich und behinderten alle fremden Verbindungen, die zu einer Stärkung der politischen Position des tibetischen Kaisers, zu einer Schwächung ihres eigenen Status und zur Kränkung ihrer traditionellen Götter hätte führen können. Sogar nach dem Tod Songtsen-Gampos wuchs die Fremdenfeindlichkeit dieser Partei weiter.

Die Herrschaft der folgenden beiden tibetischen Kaiser

Die düsteren Vorahnungen der fremdenfeindlichen Partei am tibetischen Hof erschienen wohlbegründet, als Tibet in den ersten Jahren der Herrschaft des nächsten tibetischen Kaisers, Mangsong-Mangtsen (tib. Mang-srong mang-btsan, reg. 649 – 676), von Tang-China überfallen wurde. Die han-chinesischen Truppen stießen tief ins Landesinnere vor, bis nach Rasa, und verursachten große Schäden bevor sie schließlich zurückgeworfen und geschlagen wurden.

In den folgenden Jahren seiner Herrschaft wurde Mangsong-Mangtsen von einem mächtigen Minister einer anderen Fraktion dominiert, der danach strebte, das Reich weiter auszudehnen. Dieser Minister eroberte Tuyuhun, ein buddhistisches Königreich im Nordosten Tibets, das dem khotanesischen Stil des Buddhismus folgte und das ebenfalls in der khotanesischen Kultursphäre liegende Kashgar. Im Jahr 670 eroberte er Khotan selbst und übernahm die Kontrolle über den Rest der Oasenstaaten des Tarimbeckens mit Ausnahme von Turfan. Der khotanesische König floh an den Kaiserhof der Tang, wo ihm der chinesische Herrscher seine Unterstützung anbot und ihn für seinen Widerstand gegen die Tibeter lobte.

Laut khotanesischen Berichten verursachten die Tibeter bei der Eroberung der Oasenstaaten viele Zerstörungen und beschädigten auch buddhistischer Klöster und Schreine. Doch schon bald bereuten sie ihre Handlungen und begannen, sich stark für den buddhistischen Glauben zu interessieren. Dieser hagiographische Bericht könnte allerdings eine Interpolation des Vorbilds von König Ashoka sein, der zahlreiche buddhistische Tempel und Bauten zerstörte, bevor er dies bereute und den Buddhismus annahm. Trotzdem beginnt für einige westliche Gelehrte die ernsthaftere Beschäftigung Tibets mit dem Buddhismus an diesem Punkt. Wenn der Buddhismus unter den Tibetern bereits stark vertreten gewesen wäre, dann hätten sie die khotanesischen Klöster eher verehrt als verwüstet.

Die Tibeter eigneten sich die khotanesische Methode an, das buddhistische Fachvokabular durch eine Etymologie jeder Silbe wiederzugeben und begannen nun, einige ausgewählte khotanesische buddhistische Texte zu importieren und zu übersetzen. Der kulturelle Austausch ging in beide Richtungen: die Gelehrten übersetzten auch ein indisches Medizinwerk ins Khotanesisch, das zuvor aus dem Sanskrit ins Tibetische übertragen worden war. Da der Kaiserhof so starke fremde Verbindungen etablierte, begann die Besorgnis der fremdenfeindlichen Opposition wieder zu wachsen.

Ein Machtkampf zwischen dem folgenden tibetischen Kaiser, Tri Dusong-Mangje (tib. Khri Dus-srong mang-rje, reg. 677 – 704), und dem Klan dieses früheren Ministers schwächte den Yarlung-Hof ernsthaft. Tibet verlor seine militärische und politische Kontrolle der Staaten des Tarimbeckens, obwohl es in seinen südlichen Oasen eine kulturelle Präsenz beibehielt. Das tibetische Reich war aber weiterhin ehrgeizig. 703 verbündete sich Tibet mit den Osttürken gegen Tang-China.

Die Herrschaft der Kaiserin

In dieser Periode unternahm die chinesische Kaiserin Wu (reg. 684 – 705) einen Staatsstreich, der die Tang-Dynastie zeitweilig absetzte, indem sie erklärte, sie sei Maitreya, der künftige Buddha.. Die tibetische Königin Mutter Trima Lö (tib. Khri-ma Lod), die Mutter des Kaiser Tri Dusong-Mangje, stammte aus einem mächtigen Klan aus Nordost-Tibet, der nicht nur Dank des Einflusses von Tughuhun khotanesisch-buddhistische Sympathien genoss, sondern auch enge Verbindungen zu Tang-China hatte. Sie stand in Verbindung zur Kaiserin Wu und als ihr Sohn, der tibetische Kaiser, 704 starb, setzte sie ihren eigenen Enkel ab und herrschte bis zu ihrem Tod 712 als Königswitwe. Sie vereinbarte mit der Kaiserin Wu, dass die han-chinesische Prinzessin Jincheng (Chin-ch‘eng) nach Tibet kommen solle, um ihren Großenkel zu heiraten. Me-Agtsom (tib. Mes ag-tshoms), der auch als Tri Detsugten (tib. Khri lDe-gtsug-brtan) bekannt war, war zu dieser Zeit noch ein kleines Kind. Prinzessin Jincheng war eine gläubige Buddhistin und brachte einen han-chinesischen Mönch mit, um die Damen am tibetischen Hof zu unterweisen.

Die fremdenfeindliche Partei der einheimischer Priester und Adliger wurde durch diese Entwicklung außerordentlich nervös. Ihr Einfluss am Hof wurde wie in den Tagen Songtsen-Gampos durch han-chinesische Mönche bedroht. Doch die Bedrohung war dieses Mal ernster, da sich die Ausländer in der Hauptstadt selbst befanden. Wenn die übernatürlichen Kräfte dieser fremden Religion wieder dazu eingeladen wurden, die Macht des Kaisers zu stärken, befürchteten sie eine Rache ihrer angestammten Götter, wie sie sechzig Jahre zuvor erfolgt war, als die Tang nach Zentraltibet einmarschierten. Doch gegenwärtig konnte die „Bön“-Fraktion nur abwarten.

Da die Königswitwe Trima Lo mit dem chinesischen Hof befreundet war, orientierte sie die militärischen Ambitionen Tibets in eine andere Richtung. 705 bildete sie ein Bündnis mit den Turki Shahis in Gandhara und Baktrien. Diesmal ging es gegen die arabischen Umayyaden. Als die Königswitwe 712 starb und Me-Agtsom den Thron bestieg (reg. 712 – 755), war er noch immer minderjährig. Die Kaiserin Jincheng übte darauf wie die verstorbene Königswitwe einen starken Einfluss am tibetischen Hof aus.

Das tibetisch-umayyadische Bündnis

In der Zwischenzeit wütete der Machtkampf um Westturkestan weiter. Nachdem der arabische General Qutaiba Baktrien von den Turki Shahi zurückerobert hatte wechselte Tibet die Seiten und verbündete sich 715 mit den Streitkräften der Umayyaden, die es gerade noch bekämpft hatte. Die tibetischen Truppen halfen darauf dem arabischen General, den Turgisen Ferghana zu entreißen und einen Vorstoß gegen das von den Turgisen besetzte Kashgar vorzubereiten.

Die tibetischen Bündnisse mit den Turki Shahis und dann mit den Umayyaden basierten zweifellos auf Berechnung. Man wollte seine Position in Baktrien halten, in der Hoffnung, die eigene militärische, wirtschaftliche und politische Präsenz im Tarimbecken wieder herzustellen. Steuergelder aus dem lukrativen Seidenstraßenhandel – dies war die stets gegenwärtige Triebkraft ihrer Handlungen.

Man könnte sich zur Spekulation hinreißen lassen, dass das Bündnis zwischen Tibet und den Turki Shahis, welches das Ziel hatte, Baktrien vor den Umayyaden zu schützen, auf den Einfluss der sogenannten „Bön“-Fraktion zurückging, die es mit Tagzig, dem Heimatland des Bön, identifizierte und die Entweihung von dessen Hauptkloster, dem Nava Vihara, vereiteln wollte. Doch diese Folgerung ist nicht stichhaltig – selbst dann nicht, wenn man ihre beiden fehlerhaften Prämissen gelten lassen würde: dass der Bön zu dieser Zeit eine organisierte Religion war und dass die Bön-Partei eine religiös bestimmte Gruppe war. Auch wenn einige Aspekte des Bön-Glaubens einen baktrisch-buddhistischen Ursprung gehabt haben können sahen die Bön-Anhänger diese Merkmale nicht als buddhistisch an. Spätere Anhänger des Böns behaupteten sogar, dass es sich bei vielen Lehren der tibetischen Buddhisten um Plagiate ihrer eigenen Lehren handelte.

Daher führte die Bön-Partei am tibetischen Hof in Baktrien keinen „heiligen Krieg“. Ebenso wenig taten dies Buddhisten, was sich daran zeigt, dass die Tibeter nach dem Verlust Baktriens und der Zerstörung des Nava-Viharas nicht den baktrischen Buddhismus weiter verteidigten. Vielmehr wechselten sie ihren Bündnispartner und taten sich mit den muslimischen Arabern zusammen. Die primäre Motivationskraft hinter der tibetischen Außenpolitik waren das politische und das wirtschaftliche Eigeninteresse, nicht die Religion.

Analyse der muslimischen Mission in Tibet

Um bei seinen umayyadischen Verbündeten kein Missfallen zu erregen und ihre Verbindung nicht in Gefahr zu bringen, ging der tibetische Hof 717 auf das Drängen des Kalifen Umar II. ein und lud einen muslimischen Lehrer ein. Dies hatte allerdings wenig mit einem authentischen Interesse an den islamischen Lehren zu tun.

Bestenfalls hätte die Kaiserin Jincheng den Islam so betrachten können wie es Kaiser Songtsen-Gampo ursprünglich mit dem Buddhismus tat, nämlich als eine weitere Quelle übernatürlicher Kraft, welche die kaiserliche Position hätte stärken könnte. Die konservativen Priester und Adligen am tibetischen Hof dagegen müssen gegen den arabischen Geistlichen feindlich eingestellt gewesen sein. Sie fürchteten sich sicher vor einem weiteren Fremdeinfluss, dessen Rituale möglicherweise den Kaiserkult weiter gestärkt, ihre eigene Macht geschwächt und für Tibet Unheil heraufbeschworen hätte.

Der kühle Empfang, den der muslimische Lehrer in Tibet erhielt, lag dann vor allem an der allgemeinen Atmosphäre der Fremdenfeindlichkeit, welche die Oppositionspartei am tibetischen Hof verbreitete. Es war kein Indikator für einen religiösen Konflikt zwischen Islam und Buddhismus oder zwischen dem Islam und dem Bön. Die Feindseligkeit dieser Partei hatte sich fast siebzig Jahre lang gegen den Buddhismus gerichtet und wurde auch weiterhin in diese Richtung geschürt. Um richtig einschätzen zu können, wie ihre Haltung dem Islam gegenüber in dieses Muster der Fremdenfeindlichkeit passt, wollen wir kurz die Geschehnisse betrachten, die in Tibet folgten.

Khotanesische Mönche als Flüchtlinge in Tibet

Mit Kaiserin Wus Abdankung im Jahr 705 errichtete die Tang-Dynastie wieder ihre Herrschaft. Die Lage beruhigte sich aber erst zur Zeit der Herrschaft des Enkels der Kaiserin, Xuanzong (Hsüan-tsung, reg. 713 -756).

Dieser mächtige neue Kaiser betrieb eine antibuddhistische Politik, um die Unterstützung für die Bewegung seiner Großmutter zu schwächen. Im Jahr 720 setzte ein antibuddhistischer Sympathisant des Tang-Kaisers den buddhistischen König von Khotan ab und übernahm den Thron. Demzufolge kam es zu häufigen religiösen Verfolgungen und viele Buddhisten flohen. Fünf Jahre zuvor war wegen der Zerstörung des Nava-Viharas durch die Umayyaden ein großer Flüchtlingsstrom baktrischer Mönche in Khotan eingetroffen. Die Annahme, dass sie als erste aus Khotan flohen, da sie eine Wiederholung ihrer traumatischen Erfahrungen in Baktrien befürchteten, scheint nicht unvernünftig.

725 arrangierte die Kaiserin Jincheng, dass die flüchtenden buddhistischen Mönche aus Khotan und Han-China in Tibet Zuflucht fanden und ließ sieben Klöster für sie errichten – eines davon in Rasa. Dieser Schritt machte die fremdenfeindlichen Minister am Hof sogar noch rasender. Als die Kaiserin 739 bei einer Pockenepidemie starb, nutzten sie die Gelegenheit, um alle in Tibet ansässigen fremden Mönche nach Gandhara zu deportieren, das von den traditionellen Verbündeten Tibets regiert wurde, den Turki Shahi. Die Minister waren überzeugt, dass ihre Götter wieder einmal beleidigt worden waren und dass sie sich gerächt hatten. Sie erklärten, dass die Gegenwart der Fremden und ihre religiösen Riten die weit grassierende Epidemie ausgelöst hatten. Gandhara war ein vernünftiger Bestimmungsort für die Mönche, da die Turki Shahi auch die Herrscher von Baktrien gewesen waren, von wo viele der Mönche zweifellos kamen. Eine große Anzahl ließ sich schließlich in der gebirgigen Region von Baltistan nieder, nördlich des Oddiyana-Teils von Gandhara.

Die Macht dieser fremdenfeindlichen Partei kulminierte sechzehn Jahre später, als sie 755 Kaiser Me-Agtsom wegen seiner starken Hinwendung zu Tang-China und dem Buddhismus ermordete. Vier Jahre früher, in dem Jahr, in dem die Tang-Streitkräfte schwer geschlagen und aus Westturkestan vertrieben wurden, hatte der König eine tibetische Delegation nach Han-China gesandt, um mehr über den Buddhismus zu lernen. Sie wurde von Ba Sangshi (tib. sBa Sang-shi) angeführt, dem Sohn eines früheren tibetischen Gesandten am Tang-Hof. Als der Tang-Kaiser Xuanzong 755 durch eine Rebellion gestürzt wurde, kam die „Bön“-Partei zur Überzeugung, dass sie Me-Agtsom davon abhalten mussten, seinen Wahnsinn fortzuführen und davon, in Folge zu dieser Mission mehr han-chinesische Mönche an den tibetischen Hof einzuladen. Sie würden dann nicht nur die Macht verlieren – sicher würde wieder Unheil über das Land kommen, ganz wie es eben in Tang-China geschehen war. Deshalb verfolgten sie nach der Ermordung des Kaisers den Buddhismus in Tibet sechs Jahre lang. Tibets mangelnde Aufnahmebereitschaft dem Islam gegenüber war daher trotz der Einladung eines muslimischen Lehrers an den Kaiserhof ein weiterer Vorfall in dieser Geschichte innerer tibetischer politisch-religiöser Kämpfe.