Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Die historische Interaktion zwischen den buddhistischen und islamischen Kulturen vor der Zeit des mongolischen Reichs

Alexander Berzin, 1996
leicht revidiert, Januar 2003, Dezember 2006
Übersetzung ins Deutsche: Tara Dorn

Teil I: Das Kalifat der Umayyaden (Omaijaden / Umajjaden)
(661 -750 u. Z.)

3. Die ersten Begegnungen zwischen Muslimen und dem buddhistischen Asien

Die vorislamische Präsenz des Buddhismus in Nordafrika und Westasien

Über Land wie auf dem Seeweg hat der Handel zwischen Indien und Westasien eine lange Geschichte. Die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Indien und Mesopotamien begannen bereits 3000 v. u. Z. und zwischen Indien und Ägypten begannen sie 1000 v. u. Z. über die dazwischenliegenden jemenitischen Häfen. Der Text „Baveru Jataka“ , ein Kapitel einer frühbuddhistischen Sammlung von Darstellungen der früheren Leben Buddhas, bezieht sich auf den Seehandel mit Babylon (Skt. Baveru).

Im Jahr 255 v. u. Z. sandte der indische Maurya-Kaiser Ashoka (reg. 273 – 232 v. u. Z.) buddhistische Mönche als Gesandte aus, um mit den folgenden Herrschern Beziehungen zu etablieren: Antiochus II. Theos von Syrien und Westasien, Ptolemäus II. Philadelphos von Ägypten, Megas von Kyrene, Antigone Gonatas von Mazedonien und Alexander von Korinth. Später ließen sich indische Händler mit hinduistischem und buddhistischem Glauben in mehreren wichtigen Meeres- und Flusshäfen in Kleinasien, auf der arabischen Halbinsel und in Ägypten nieder, wo sie Gemeinschaften bildeten. Auf die Händler folgten bald Inder mit anderen Berufen. Der syrische Schriftsteller Zenob Glak schrieb über eine indische Gemeinschaft im 2. Jahrhundert v. u. Z. am oberen Flusslauf des Euphrats in der heutigen Türkei westlich des Lan-Sees, vollständig ausgestattet mit ihren eigenen religiösen Tempeln. Der ehemalige griechische Patriot Dion Chrysostom (40 – 112 u. Z.) schrieb über eine ähnliche Gemeinschaft in Alexandrien. Wie archäologische Funde belegen gab es weitere buddhistische Niederlassungen südlich von Bagdad am unteren Euphrat-Fluss in Kufah, an der östlichen iranischen Küste in Zir Rah und auf der Insel Sokotra an der Mündung des Golf von Aden.

Aufgrund des Niedergangs der babylonischen und ägyptischen Zivilisationen in der Mitte des ersten Jahrtausends u. Z. und der gleichzeitigen Beschränkungen der byzantinischen Seefahrt im Roten Meer kam der meiste Handel zwischen Indien und dem Westen über das Meer zur arabischen Halbinsel und ging über Land durch das dazwischenliegende Arabien. Mekka, der Geburtsort des Propheten Mohammed (570 – 632 u. Z.) wurde ein bedeutendes Handelszentrum, in dem sich Kaufleute aus Ost und West trafen. Weitere indische Gemeinschaften etablierten sich im arabischen Kulturbereich. Unter ihnen war eine der Berühmtesten die Gemeinschaft der Jats (arab. Zut), von denen sich viele in Bahrain und in Ubla, in der Nähe des heutigen Basra am oberen Rand des persischen Golfes, niederließen. Die Frau des Propheten, Aischa, wurde einmal von einem Jat-Arzt behandelt. Daher lässt sich nicht abstreiten, dass Mohammed mit der indischen Kultur vertraut war.

[ Siehe Karte vier: Frühe indische Niederlassungen in Westasien und Nordafrika.]

Einen weiteren Beleg hierfür sieht der Hamid Abdul Qadir im Koran. In seinem in der Mitte des 20. Jahrhunderts erschienen Werk „Buddha der Große: Sein Leben und Seine Philosophie“ (arab. Budha al-Akbar Hayatoh wa Falsaftoh) nimmt dieser Gelehrte an, dass es sich beim Propheten Dhu‘l Kifl („der Mann aus Kifl“), der im Koran zweimal als geduldig und gut erwähnt wird, um Buddha handelt, auch wenn meistens angenommen wird, es handle sich um Ezechiel. Dieser Theorie zufolge ist „Kifl“ die arabische Wiedergabe von „Kapilavastu“, dem Geburtsort Buddhas. Dieser Gelehrte nimmt ferner an, dass auch die Erwähnung des Feigenbaums im Koran ein Hinweis auf Buddha ist, der am Fuß eines solchen Baumes die Erleuchtung erlangte.

Das Tarikh-i-Tabari ist eine aus dem 10. Jahrhundert stammende Rekonstruktion der frühen Geschichte des Islams, die von Al-Tabari (838 – 923) in Bagdad geschrieben wurde. Dieses Werk erwähnt eine andere Gruppe von in Arabien ansässigen Indern: die Ahmara oder „rot gekleideten Menschen“ aus Sindh. Bei diesen handelt es sich zweifellos um safranfarben bekleidete buddhistische Mönche. Es wird berichtet, dass drei von ihnen den Arabern während der ersten Jahre der islamischen Ära philosophische Lehren erläuterten. Daher waren sich mindestens einige arabische Führer der Existenz des Buddhismus gewahr bevor sie den Islam über die arabische Halbinsel hinaus verbreiteten.

Die Gründung des Umayyaden-Kalifats

Nach dem Tod des Propheten wurden erst Abu Bakr (reg. 632 – 634) und dann Umar I. (reg. 634 -644) zu seinen weltlichen Nachfolger, d.h. zu Kalifen, gewählt. Während Umars Herrschaft eroberten die Araber Syrien, Palästina, Ägypten und Teile Nordafrikas und begannen den Angriff auf Persien. Ein sechsköpfiges Konzil bot dann Ali, dem Vetter und Schwiegersohn des Propheten, das Kalifat an, stellte ihm aber Bedingungen, die er nicht akzeptieren konnte. So ging das Kalifat an Uthman (reg. 644 – 656), der im Jahr 651 die Sassaniden in Persien völlig vernichtete und im Islam die Murjiah-Bewegung begründete. Er erließ, dass Nicht-Araber Muslime werden konnten, wenn sie in ihrem äußeren Verhalten dem Gesetz der Scharia gehorchten und die Herrschaft des Kalifen anerkannten. Ihre innere Frömmigkeit dagegen könne nur Allah beurteilen.

Uthman wurde schließlich von der Ali unterstützenden Partei ermordet. Es folgte ein Bürgerkrieg, in dem zuerst Ali und dann sein ältester Sohn Hassan ermordet wurden, nachdem sie kurz das Kalifat innehatten. Am Ende siegte Mu´awaiya, der Schwager des Propheten und Anführer der Anhänger Uthmans. Er erklärte sich selbst zum ersten Kalifen (reg. 661 – 680) der Umayyaden-Linie (661 – 750) und verlegte die Hauptstadt von Mekka nach Damaskus. Als Rivale machte ihm Alis jüngerer Sohn Hussein das Kalifat streitig. Kurz darauf kam es in Zentralasien zu den ersten Kontakte zwischen den muslimischen Arabern und den Buddhisten.

[ Siehe Karte fünf: Zentralasien, frühe Umayyaden Periode.]

Der Angriff der Umayyaden auf Baktrien

Im Jahr 633 entfesselten die in Persien stationierten Araber ihren ersten Angriff gegen Baktrien. Die Invasionstruppen entrissen den Turki Shahis das Gebiet um Balkh, mitsamt des Nava-Vihara-Klosters. Die Turki Shahis zogen sich nach Süden zurück, in ihre Hochburg im Kabul-Tal. Kurz darauf konnten die Araber ihren Machtbereich auch nach Norden ausdehnen. Sie schufen ihre ersten Einmarschrouten nach Sogdien, indem sie den Westtürken Buchara abnahmen.

Die Politik der arabischen Truppen bestand darin, alle Widerstandleistenden zu töten. Denen dagegen, die sich friedlich ergaben, wurden ein geschützter Status gewährt und Tribute auferlegt, die entweder in Geld oder in Form anderer Güter zahlbar waren. Die Araber garantierten dieses Abkommen durch die Ratifizierung eines legalen Vertrages (arab. ‘ ahd) mit jeder Stadt, die sich ihnen offiziell unterwarf. Sie folgten strikt dem islamischen Gesetz, wonach ein einmal eingegangenes Abkommen oder ein Vertrag bindend sind und nicht widerrufen werden können. Dadurch erwarben sie sich das Vertrauen potenzieller neuer Untertanen, so dass es weniger Widerstand gegen ihre Übernahme gab.

Die religiöse Politik folgte der militärischen. Wer die arabische Herrschaft vertraglich annahm durfte seine jeweilige Religion behalten, wenn er eine Kopfsteuer zahlte. Wer Widerstand leistete musste sich bekehren oder fiel dem Schwert zum Opfer. Zahlreiche Menschen nahmen den Islam aber auch freiwillig an. Viele wollten der Kopfsteuer entgehen, während andere, besonders Kaufleute und Künstler, in der Bekehrung zusätzliche wirtschaftliche Vorteile sahen.

Obwohl einige baktrische Buddhisten und sogar ein Abt des Nava-Vihara-Klosters zum Islam konvertierten, akzeptierten die meisten Buddhisten in der Region den geschützten Status als loyale nichtmuslimische Untertanen innerhalb eines islamischen Staates und zahlten die über sie verfügte Kopfsteuer für Nicht-Muslime. Das Nava-Vihara-Kloster blieb offen und aktiv. Der han-chinesische Pilger Yijing (I-ching) besuchte das Nava-Vihara um die Wende zum 8. Jahrhundert und berichtete, dass es wohl gedieh.

Ein umayyadisch-persischer Autor, Omar Ibn al-Azraq al-Kermani, schrieb am Anfang des 8. Jahrhunderts einen genauen Bericht über das Nava-Vihara. Dieser Bericht ist in einem Werk aus dem 10. Jahrhundert, dem „Buch der Länder“ (arab. Kitab al-Buldan) des Ibn al-Faqih al-Hamadhani, erhalten geblieben. Er beschreibt das Kloster in von Muslimen leicht verständlichen Begriffen, indem er die Analogie zur Kaaba von Mekka zieht. So erklärt er, dass sich im Zentrum des Haupttempels ein quadratischer, mit Stoff drapierter Stein befand, den die Menschen umschritten. Beim quadratischen Stein handelte es sich zweifellos um die Plattform, auf der ein Stupa-Reliquien-Monument stand, das sich gewöhnlich in der Mitte baktrischer und tocharischer Tempel befand. Die Drapierung mit Stoff war im iranischen Brauchtum ein Akt der Ehrerbietung, den man Buddhastatuen wie Stupas gleichermaßen erwies, während das Umschreiten eine allgemeine buddhistische Form der Verehrung ist. Al-Kermanis Beschreibung zeugt von einer offenen und respektvollen Haltung, mit der die umayyadischen Araber versuchten, nichtmuslimische Religionen wie den Buddhismus zu verstehen, denen sie in ihrem neueroberten Territorium begegneten.

Frühere Erfahrungen der Umayyaden mit Nicht-Muslimen im Iran

Vor ihrer Invasion Baktriens hatten die Umayyaden schon im Iran ihren zoroastrischen, nestorianisch-christlichen, jüdischen und buddhistischen Untertanen den Schutzbürger-Status verliehen und die Kopfsteuer auferlegt. Einige arabische Amtsträger waren allerdings weniger tolerant als die anderen. Manchmal mussten die Schutzbürger besondere Kleidung und Abzeichen tragen, die ihren Status auswiesen. Sie wurden ferner gedemütigt, indem man ihnen jedes Mal einen Schlag auf den Hinterkopf gab, während sie sich beim Bezahlen ihrer Kopfsteuer unterwürfig verbeugen mussten. Die geschützten Untertanen durften ihre Religion zwar frei ausüben, doch einige strenge Beamte verbaten ihnen den Bau jeglicher neuer Tempel oder Kirchen. Dagegen erhielt, wer zum Freitagsgebet in die Moschee kam, manchmal eine Geldbelohnung. In späteren Zeiten war es so, dass jedes beliebige Mitglied einer nichtmuslimischen Familie den gesamten Familienbesitz erbte, wenn er zum Islam konvertierte. Außerdem nahmen aggressive Beamte häufig Fremde als Sklaven, besonders Türken, und boten ihnen dann unter der Bedingung die Freiheit an, dass sie konvertierten.

Der Wunsch derartigen Einschränkungen oder Demütigungen zu entgehen und finanzielle oder soziale Vorteil zu erhalten, trieb natürlich viele dazu, ihre Religion zu verwerfen und den neuen Glauben anzunehmen. So kam es, dass viele Zoroastrier im Iran den Schutzstatus schließlich ablehnten und zum Islam konvertierten. Es ist unklar, ob es bei den Buddhisten in Baktrien und Buchara zu ähnlichen Situationen kam, doch die Annahme, dass dem so war, scheint nicht unvernünftig.

Der Vorgang durch den man sich zum Islam bekehrte war zu dieser Zeit vor allem eine äußere Angelegenheit, was dem Brauch der Murjiah-Bewegung entsprach. Man musste einfach erklären, dass man die wichtigsten Elemente des islamischen Glaubens akzeptierte und sich den religiösen Grundpflichten zu unterziehen: fünfmal täglich Beten, die Steuer zur Unterstützung der muslimischen Armen bezahlen, den Fastenmonat Ramadan einhalten und einmal im Leben nach Mekka pilgern. Vor allem hatte man sich der Herrschaft der Umayyaden zu unterwerfen, denn der wichtigste Forderungspunkt war eher ein Wechsel der politischen Lehnspflicht als der spirituellen. Wer das Gesetz der Scharia brach wurde von einem umayyadischen Gerichtshof zur Rechenschaft gezogen und bestraft, blieb aber weiterhin ein offizieller muslimischer Bürger mit all seinen Privilegien. Nur Allah konnte entscheiden, wem es mit dem eigenen religiösen Glauben ernst war.

Ein solcher Brauch war darauf zugeschnitten, Untertanen zu gewinnen, die sich der arabischen Herrschaft treu und gehorsam fügten. Er zog natürlich diejenigen an, die bloß aus politischer, sozialer oder wirtschaftlicher Erwägung konvertierten, während sie innerlich den Glauben an ihre eigenen Religionen behielten. Doch die Kinder und Enkel solcher Konvertiten, wuchsen im äußeren Rahmen des Islams auf und nahmen den neuen Glauben viel ehrlicher an als ihre Eltern und Großeltern. Auf diese Weise begann die islamische Population Zentralasiens graduell und in gewaltloser Weise zu wachsen.

Der langsame umayyadische Vormarsch ins südliche Sogdien

Es viel den Umayyaden nicht leicht, das restliche Sogdien zu erobern. Drei weitere Mächte wetteiferten darin, den Westtürken die Herrschaft des Gebietes abzuringen, um die Kontrolle über den hier verlaufenden lukrativen Handel der Seidenstraße zu erlangen. Dies waren die Tibeter von Kaschgar; dann die Heere der Tang-Chinesen, die in den übrigen Staaten des Tarimbeckens stationiert waren; und schließlich die aus der Mongolei kommenden Osttürken. Der hieraus entstehende Machtkampf wurde sehr komplex – es ist nicht nötig, alle Einzelheiten anzuführen. Wir wollen einfach die wichtigen Ereignisse zusammenfassen, zu denen es in der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts und in den ersten Jahrzehnten des 8. Jahrhunderts kam, um den Konkurrenzkampf zu verstehen, dem die Araber begegneten.

[ Siehe Karte sechs: Machtkämpfe in Zentralasien am Ende des 7. Jahrhunderts.]

Zunächst entrissen die Tibeter den Tang-Chinesen 670 die restlichen Stadtstaaten des Tarimbeckens, angefangen mit Khotan und verschiedenen Distrikten nördlich von Kaschgar. Angesichts der wachsenden tibetischen Militärbedrohung zogen sich die Tang-Streitkräfte stufenweise aus dem Rest des Tarimbeckens nach Turfan zurück, worauf die Tibeter das Machtvakuum füllten. Dann umkreiste Armee der Tang die Tibeter, indem sie von Turfan aus über die Tianshan-Berge nach Beshbalik marschierte und dann nach Westen vorstieß. So gelang es den Chinesen 679 eine militärische Präsenz in Suyab im Norden von Westturkestan zu etablieren. Dies war allerdings eine Ausnahme zum allgemeinen Trend des Niedergangs von Tang-China. 682 rebellierten die in der Mongolei ansässigen Turkvölker gegen die Tang-Herrschaft und gründeten das zweite Osttürkenreich, und 684 wurde die Tang-Dynastie selbst durch einen Staatsstreich gestürzt. Sie wurde erst 705 wiederhergestellt und stabilisierte sich erst 713.

Inzwischen begann die arabische Kontrolle Baktriens zu bröckeln. Am Anfang der kurzen Herrschaft des Kalifen Yazid (reg. 680 – 683), entfachte Alis jüngerer Sohn Hussein 680 eine erfolglose Rebellion gegen die Umayyaden, in deren Verlauf er bei der Schlacht von Karbala im Irak getötet wurde. Dieser Konflikt zwang das Kalifat, seine Aufmerksamkeit von Zentralasien abzuwenden und auf einen anderen Brennpunkt zu richten. Deshalb entglitt am Ende von Yazids Herrschaftszeit den Umayyaden die Kontrolle über die meisten baktrischen Stadtstaaten. Das in Sogdien liegende Buchara blieb allerdings in ihrer Hand. Später trug die Erinnerung an Husseins Märtyrertod zur Kristallisierung der schiitischen Schule des Islams im Gegensatz zur Sunnitenpartei bei, die sich aus der Murjiah-Bewegung der Umayyaden-Linie entwickelte.

Der damalige tibetische Kaiser war in einen internen Machtkampf mit einem rivalisierenden Klan verwickelt. Daher verloren die Tibeter 692 die feste Kontrolle über die Staaten des Tarimbeckens, obwohl sie besonders am Südrand weiter eine Präsenz aufrechterhielten. Die Han-Chinesen hatten eine lange Tradition von Handelsbeziehungen zu diesen Staaten, die von ihrer Hochburg Turfan ausging und die in den klassischen chinesischen Geschichtswerken als „Tributmissionen“ bezeichnet werden. Obwohl Tang-China nun fast im ganzen Tarimbecken jenseits von Turfan zur vorherrschenden Fremdmacht wurde, geschah dies auf Handelsbasis und nicht durch politische oder militärische Kontrolle, was besonders für die südlichen Staaten gilt.

703 verbündeten sich Tibeter und Osttürken am östlichen Ende des Tarimbeckens gegen die Tang-Streitkräfte, konnten sie jedoch nicht aus Turfan vertreiben. Auch die Westtürken entfesselten einen Angriff gegen die Tang, allerdings von der Westfront her, und vertrieben sie erfolgreich aus Suyab. Die Westtürken setzten nun, einen ihrer Stammesverbände, die turgisischen Türken, als Herrscher über das nördliche Westturkestan ein. Das Stammland der Turgisen war die Gegend um Suyab.

Die Tibeter verbündeten sich nun mit den Turki Shahis von Gandhara und versuchten im Jahr 705 die bereits geschwächten Truppen der Umayyaden aus Baktrien zu vertreiben. Zunächst konnten die Araber ihr Gebiet halten. Doch während der Herrschaft des Kalif al-Walid I. (reg. 705 – 715), vertrieb der Turki-Shai-Prinz Nazaktar Khan die Umayyaden 708 aus Baktrien und unterhielt dort einige Jahre lang eine fanatisch-buddhistische Herrschaft. Er ließ sogar den ehemaligen, zum Islam konvertierten Abt des Nava Viharas köpfen.

Trotz ihres Verlusts Baktriens hielten die umyayadischen Truppen Buchara in Sogdien. Vom Norden her kommenden übernahmen die Turgisen die Kontrolle über den Rest von Sogdien und expandierten ihren Machtbereich darüber hinaus, indem sie Kaschgar und Kucha im westlichen Tarimbecken eroberten.

Darauf schaltete sich ein weiterer tibetischer Verbündeter in den Machtkampf um Sogdien ein: die Osttürken. Sie durchquerten Dzungarien, griffen die Turgisen vom Norden her an und eroberten schließlich das turgisische Stammland in Suyab. Da sich die Aufmerksamkeit der Turgisen nun auf die nördliche Front konzentrierte, nutzten die umayyadischen Truppen die Gelegenheit: sie stießen von Buchara aus vor und eroberten Samarkand im südlichsten Zipfel des turgisischen Herrschaftsbereichs.

Zusammenfassung

Am Anfang hatten die umayyadischen Araber keine feste Kontrolle über Baktrien. Deshalb rückten sie in Sogdien nur langsam voran. Es überstieg ihre Kräfte, nach Belieben Angriffe zu starten. Sie mussten vielmehr auf Gelegenheiten warten, in denen die anderen um Sogdien ringenden Großmächte militärisch abgelenkt waren, um irgendwelche Fortschritte machen zu können. Sie führten sicherlich nicht einen heiligen Krieg mit dem Ziel, den Islam in ganz Zentralasien zu verbreiten. Vielmehr waren sie bloß einer von mehreren Machtkontrahenten, die um politische und territoriale Gewinne stritten. Der arabische General Qutaiba erbaute 712 die erste Moschee Sogdiens in Buchara. Die Tatsache, dass die nächste erst im Jahr 771 errichtet wurde, deutet darauf hin, wie langsam die Verbreitung des Islams tatsächlich erfolgte.